Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden

Part 8

Chapter 83,609 wordsPublic domain

Inzwischen war auch das Flugunternehmen an einen kritischen Punkt gelangt. Aus nichtswürdigen Quellen häuften sich die Angriffe, anonyme Briefe flogen, die Sicherheitsbehörden schritten ein. Ein radikales Blatt sprach offen von »Schwindel und Bankrott«. Farman, Blériot sagten ab und so hatte sich der Ausschuß an den jungen hoffnungsvollen Aviatiker Ponterret gewendet, einen Belgier, der einen Apparat eigener Konstruktion vorführen sollte. Er war einverstanden und bald sah man in den Auslagen Photographien eines hübschen Herrn, frisiert und schlank, der aus dem Hohlsitz seines Monoplans die Mütze schwenkte oder kühn wie Latham Zigaretten rauchte oder aus kriegerischer Schutzbrille in die Luft starrte, die Hand am Lenkhebel. Die Zeitungen brachten seine Biographie, er hatte sich öffentlich noch wenig hervorgetan, umso mehr privat, auch zitierte man einen Ausspruch Paulhams, daß dieser junge Mann der Einzige sei, der ihm jemals gefährlich werden könnte. Auf den Plakaten führte er daher das ehrende Attribut »Der Rivale Paulhams«, und bald war sein Name so sehr in aller Munde, daß man ganz vergaß, ihn vor einer Woche noch gar nicht gekannt zu haben, daß man beim Aussprechen schon jenen illustren unbeschreiblichen Beiklang herausschmeckte, den die Namen der großen Helden und Meister haben: Ponterret!... Der Apparat kam, per Sonderzug, wurde ausgestellt, photographiert, erklärt, von Mittelschülern klassenweise offiziell besichtigt, unter sachverständiger Führung des Physikprofessors. Endlich traf der Champion selbst ein, von der Stadtvertretung begrüßt, übrigens sehr bescheiden und sympathisch, nur auf seine Arbeit bedacht. Man beschrieb ihn in den Zeitungen, wie er eigenhändig, selbst geschickter als seine Monteure, die niedrigsten Dienste an seiner Maschine zu leisten sich nicht scheute, keinen Bestandteil für unwichtig hielt, jede Schraube tausendmal ausprobierte. Schon am nächsten Tag versuchte er einen Flug, der Motor ging nicht, das Benzin war schuld daran. Bei der nächsten Probe geriet die wertvolle Dogge des Fliegers in die Schraube, die gerade angelassen wurde, die Schraube brach, die Dogge blieb auf der Stelle tot. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ Ponterret sofort eine neue Schraube anmontieren, doch setzte der Motor bald darauf aus, die Probe mußte abgebrochen werden. Die Journalisten konnten nichts tun als immer wieder den »Piloten« beschreiben, der nach solchem Mißgeschick mit kaltblütigem Lächeln vor dem Hangar auf- und abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im blauen Arbeitermantel, unter dem die gelben Lackstiefelspitzen hervorschauten, unverdrossen ans Werk ging, die Verbindungsdrähte wechselte oder das Traggestell ausbalanzierte. Ponterret plagte sich unermüdlich, er setzte sein Leben bei den fortgesetzten Proben mehrmals aufs Spiel, er war zugleich liebenswürdig und energisch, mutig und auf das Schlimmste gefaßt, er bot eine Vereinigung sämtlicher Heroentugenden; trotzdem erzielte er nicht den mindesten Erfolg, der Apparat funktionierte einfach nicht. Kurz und gut, Ponterret bot das unserer Zeit schon etwas entfremdete, aber für die damalige Kinderstammelperiode der Flugtechnik typische Bild des hingebungsvollen, tüchtigen, durchaus ehrenwerten Aviatikers, dem trotz aller Anstrengungen und Aufopferungen ein leiser Hauch von Komik anhaftet, weil ihm so gar nichts gelingt, dem vielleicht nur ein kleiner Handgriff fehlt oder am Ende gar nur unglückliche Zufälle im Weg stehn. Man wünscht ihm ja das Beste, man wünscht aber zugleich, peinlich berührt, der beweinenswerte Held wäre hübsch zu Hause geblieben, da man ja nicht die Möglichkeit hat, seine Handgriffe oder Zufälle irgendwie günstig zu beeinflussen. Er stellt, man mag ihn entschuldigen wie man will, das konzentrierteste Symbol menschlicher Unsicherheit und Machtlosigkeit dar; und das kann man ihm nie verzeihn ... Drei Tage vor dem angesetzten Schauflug brach Ponterret einen Flügel seines Aeroplans, nun mußte man Ersatz aus Paris herantelegraphieren, den Flugtag um vierzehn Tage verschieben. Das Publikum wurde allmählig ungeduldig. Zwei Holzhändler ließen es aber bei akademischer Ungeduld nicht bewenden, sondern führten Exekution gegen das Konsortium, das sie auf den Flugtag vertröstet hatte, und ließen den Apparat mit Beschlag belegen. Die Pfändung mußte natürlich aufgehoben werden, denn der Apparat war Privateigentum des Fliegers. Die Sache aber machte Aufsehn, und nur wer finanziell nicht beteiligt war, lachte.

Jetzt erst begann Arnold stutzig zu werden. Er stürmte zu Philipp Eisig um Aufklärung. »Was für Aufklärungen« erklärte heiter der Dicke. »Es wird natürlich ein Reinfall.« -- »Was, du meinst, Ponterret wird nicht aufsteigen.« -- »Aufsteigen muß er, das steht im Kontrakt, das heißt: starten. Aber fliegen? Du hast es ja gesehn.« -- »Du glaubst, nein?« -- »Was willst du von mir. _Ich_ kann nicht an seiner Stelle fliegen.« -- »Aber wir sind doch verantwortlich, vor der Öffentlichkeit. Man wird das Entree zurückgeben müssen, dann liegen wir drin.« -- »Keine Idee. Man wird natürlich das Entree nicht zurückgeben.« -- »Man wird es. Das verlangt der Anstand.« -- »Du bist ein Narr.« -- »So, dann trete ich aus. Einem betrügerischen Unternehmen stehe ich nicht vor, das ist nicht meine Art.« -- Nun aber wurde Eisig ganz ernst und kühl, während man das Bisherige immerhin noch als Ausdruck seiner spöttisch-mürrischen Sitten hätte erklären können: »Das wirst du nicht.« -- »Ich werde es.« -- »So, dann bitte ich doch, du Gerechtigkeitsprotz, zunächst auch einmal deine Verbindlichkeiten gegen mich zu erfüllen. Ich denke,« er blätterte in einem Notizbuch, das er merkwürdig schnell zur Hand hatte, »es sind jetzt bald tausend Gulden«. -- »Nur achthundert« erwiderte Arnold betroffen, halb mechanisch. -- »Ohne Zinsen!« -- »Du weißt, daß ich momentan kein Geld ...« -- »Ach was, momentan, immer momentan ...« -- »Du hast mich doch heute zum erstenmal gemahnt.« -- »Nun, und was folgt daraus? Ich brauche momentan Geld, das ist die Sache, verstehst du. Alles andere ist mir ganz wurscht. Sonst erfährt nämlich mein Alter, daß ich dort drüben Wechsel für ihn einkassiert und für mich behalten habe. Lange genug schieb ich's von einer Seite auf die andre, einmal muß das Loch zugeklebt werden. Und da wird man aufs Entree verzichten, schöner Gedanke!...« -- Arnold erschauerte; je länger und begründeter Eisig sprach, desto klarer wurde ihm, daß es sich da um sehr schmutzige Geschäfte handelte. Jetzt erst sah er, in was er sich eingelassen hatte. Ja, hätte er's nicht gewußt, jetzt hätte er es an Philipps Gesicht erkannt, an diesen wulstigen Lippen, den breit wie gelbe Wandteller hinausgezogenen Wangen und den allzu dichten Haaren darüber, durch den Scheitel zu zwei gleichmäßigen dicken Polstern aufgeschichtet. Was Jahre dichtesten Umgangs nicht entschleiert hatten, entdeckte er jetzt: den verbrecherischen Zug in diesem Kropfgesicht, und verstand in einem Blitz den gründlichen Unterschied zwischen seinem eigenen Abenteuerwesen und dem des Freundes. Wütend machte er sich davon ...

An diesem Nachmittag erschien ihm Lina angenehmer als sonst. Ihre Güte und Unterwürfigkeit tat ihm wohl, schon die weiche klagende Stimme verscheuchte ein wenig seine Sorgen. Das war doch ein befreundeter Mensch, auf den man sich verlassen konnte. O, ein Glück, daß er die hatte, so ein braves anständiges Mädchen! Er drückte ihr warm die Hand, doch eilig, denn heute hatte er ihr besonders viel zu diktieren und anzuregen, ihre Feder flog nur so. Es fiel ihm zugleich ein, daß er Unrecht tat, ihre Liebe so auszubeuten, sein moralischer Sinn war gleichsam durch die Unterredung mit Philipp geschärft. Sie tat ihm leid. Doch heftiger erfüllte ihn wie ein Nebel die Angst um die eigene nächste Zukunft, tausend Rettungspläne, das Notwendigste für den Moment. Es war, als entfache das drohende Fiasko nun noch die letzten Reserven seiner Willenskraft und Anspannung, seine äußersten Gedanken. Heute bewunderte er sich selbst, und als er gegen Abend den Haufen der fertiggestellten Briefe überschaute, darunter ein paar wirklich gelungene, -- um vorzubeugen, Rückzug zu sichern -- atmete er zufrieden auf ... Ein Schrei Linas erschreckte ihn. Der kleine Gerhart war nicht da, verschwunden. Sie suchte vor der Hütte, überblickte von den Stufen des Amphitheaters aus die Rennbahn, vergebens. Verzweifelnd gab sie sich, nur sich selbst alle Schuld an dem gräßlichen Unfall, sie hatte heute weniger aufgepaßt als sonst, das Kind mochte sich verirrt haben, ins Wasser gefallen sein, Gott im Himmel, was war da zu tun! -- Arnold forschte indessen die Arbeiter in der Nähe aus. Ja, man hatte den Kleinen auf dem Wege zum Weidengestrüpp gesehn, das auf der andern Seite der Flugwiese in menschenleerer Öde sich erstreckte, gegen den Fluß zu. Schon eilte Lina in dieser Richtung, Arnold ihr nach. Sie kreuzten durch die niedrige Wildnis, bückten sich unter verflochtenen Ästen durch, rissen sich wund, schwitzten. Der Boden wurde schwarz und fett; setzte man den Fuß auf ihn, so quoll kotiges Wasser hervor. Die Weiden standen dicht wie ein Kornfeld beisammen, Lina bog sie auseinander, hielt sie fest, um dem Nachfolgenden Raum zu geben, ließ sie aber doch noch einen Augenblick zu früh los, so daß sie ihm gerade recht ins Gesicht peitschten. Gereizt bat er sie umzukehren. Sie waren über glitschrige Steine an das Schilfufer des Flusses gelangt. Man sah fast gar nichts mehr, denn der Tag war regnerisch gewesen und jetzt gegen Abend erfüllte warmer aufsteigender Dunst die Luft. Nun wateten sie durch Binsen und Röhricht zurück, gerieten wieder in die Bäume ... plötzlich erblickten sie, beide zugleich, durch eine dichte Brombeerhecke von ihnen getrennt, das Kind, das arglos ruhig auf einem steinigen Plätzchen einen Sandturm aufbaute. Ein Anblick, so voll Kontrast zu der angstzerrissenen Stimmung der beiden, daß sie trotz Ärgers und Kopfschüttelns und Hastens wie auf einen Schlag stehn blieben und, wie man es einer Vision gegenüber tun mag, unter langsamem Händeaufheben beide die Lippen zu einem notwendigen, gar nicht lustigen Lächeln dehnten ... Den Sand hatte das Kind offenbar in seinem kleinen Blechkübel vom Flugplatz hierhergetragen, beschwerlich, in mehrmaligen Gängen, und es gefiel ihm so gut, in dieser neuen Umgebung zu schippen, wo es eigentlich von rechtswegen gar keinen Sand gab, als ein kleiner Herrgott also, daß es Augen und Ohren an sein Spiel verloren hatte ... Lina, aus dem Bann erwachend, unterdrückte einen Jubelschrei, ihre Augen glänzten dankbar gegen Arnold, als schulde sie ihm den glücklichen Ausgang dieses Zwischenfalls. Einen Moment lang fand er sie wirklich schön, in diesem feuchten dunklen grünen Laubwerk, mit ihren glänzenden roten Wangen, der klopfenden Brust. Lau brodelte es aus dem Moos, den alten Stämmen, wie ein Bad, das alle Glieder in Wohlbehagen löst. Dicke Fliegen setzten sich ihm auf die Stirn, die Augenlider, und wenn er sie verscheuchte, fielen sie wie besinnungslos wieder auf ihn zurück, berührten ihn heftig zitternd, kleinen schweren Händchen gleich. Es schien ihm, als trügen sie ihm Linas Körperduft näher, als balle er sich um diese schwarzen Körperchen, ja als seien die Fliegen nichts als kompakte Pillen dieses betäubenden Geruches, o dieses gar nicht mehr fremden, nein wohlvertrauten Geruches einer Frau, die er schon oft geküßt, geküßt, aber nur geküßt hatte, ... die jetzt so dicht bei ihm war, wie in einem Zimmer bei ihm. Und das spielende gerettete Kind so nah, so nichts ahnend, so unwissend, blind gegen das, was jetzt sofort neben ihm geschehn wird: diese eigentümliche Vorstellung, die ihn wie mit der allerdurchtriebensten Freude erfüllte, entschied. Vielleicht wirkten auch die vielen überstandenen Aufregungen dieses Tages mit. Plötzlich fühlte er sich sicher, nicht wie sonst im Kurwäldchen von Menschen bedrängt. Eine seltsam qualvolle Lust ergriff ihn, wie ein letzter Ausläufer der raschen Gehbewegungen vorhin, die nicht unvermittelt abbrechen wollten, er strauchelte vorwärts, über eine Wurzel, er faßte mit beiden Händen geradeaus langend, die beiden Brüste des Mädchens, diese vorstehenden nachgiebig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie mit einem Griff, dem man hätte anmerken können, daß er ihn in eben dieser Art und mit dem glühendsten Feuer in Gedanken oft schon ausgeführt hatte, er drückte sie wie Ballons, wie um sie auszupressen, wie um sich an ihnen festzuhalten, über einem Abgrund schwebend gleichsam, und nun, keuchend, heiß, außer sich, mit hüpfenden Augen, die Haare gesträubt, singend, matt, verzückt, drängte er Lina an den nächsten Baum, dessen trockene Rinde in kleinen Stückchen herabsplitterte. Einen Augenblick später war sie sein.

Seine Empfindung sofort nachher war ohne jeden Übergang: eine maßlose Wut gegen sich selbst. Also doch, also doch war es geschehn, trotz allen Inachtnehmens, also doch, also doch ... Er war still, während Lina sich abwandte und nach einer Weile, da nichts mehr geschah, das Kind holte. Das Geschrei des kleinen Lausbuben, der seine Bauten nicht verlassen wollte, zergellte ihm die Ohren. Er begleitete sie nach Hause, niedergeschlagen, doch so weit gefaßt, daß er noch einiges sprach, was sanft klang, weil seine Wut sich inzwischen in eine unsägliche Traurigkeit verwandelt hatte. Lina flößte ihm mit jeder ihrer Bewegungen Furcht ein, sie war ihm unheimlich, bald weil sie nach seiner Meinung eine Wendung ins Zärtliche machte, bald weil er sich von ihr verachtet glaubte. Und dieses Kind, dieses Teufelskind war schuld an allem, diesen Gerhart hätte er kaltsinnig erwürgen mögen. Los werden die zwei, das war sein einziger Wunsch, den er durch Rücksichtnahme und galante, dankbare Anwandlungen verfälschte, der aber zum Schluß den Abschied doch bedeutend abkürzte. Arnold hatte das Gefühl, als müsse er auf die Erde stampfen und mit gerecktem Arm die beiden weit von sich wegschicken. Er zwang sich noch zu einigen Phrasen; als aber Lina immer noch nicht ging, drehte er sich auf dem Absatz herum und geriet rasch in immer schnelleren Schritt ... über die dunkle Ebene jagte er seiner Baracke zu. Dort stürzte er nieder, konnte nicht mehr weiter. O ein Wigwam, fragte er sich höhnisch, nein ein Brettersarg ist das! Er trat ein. Ohnmacht und Reue erfüllten seine Seele, doch zugleich erschienen wie von einem tieferen Grunde herauf unzusammenhängende Bilder, halb vergessene, ungerufen zogen sie vorbei und lenkten den armen wirren Geist in ihre Träumerei ... Da sah er sich, sah sich als kleinen Knaben, an der Hand der teuren Mama im Schulsaal zum erstenmal, bei der Aufnahme in die Schule. Und während ihn der Lehrer für die erste Klasse einschrieb, hatte das Knirpschen schon den Mund offen: warum hier zwei Tafeln übereinander seien, nicht eine, wie er es in Puppenschulen bisher gesehn. Freundlich belehrte ihn der Herr Lehrer: »Ja, wenn die eine vollgeschrieben ist, dann ziehn wir eben die obere leere hinunter, nichtwahr. Siehst du, so macht man das, so ...« und hatte es ihm gezeigt, während er sich zugleich lobend zur Mutter wandte: »Ein aufgeweckter Junge.« O Gott, warum hatte ihn denn damals jeder lieb gehabt und jeder gestreichelt, sich über ihn gefreut, und so unschuldig, spielend alles -- und jetzt war es doch nur derselbe Trieb, der ihn in Schuld und Schande verstrickt hatte, genau ebendieselbe Glut, die damals allen so wohl getan hatte, er konnte gar nicht mehr dafür als damals für seinen kindlichen Reiz ... Zum erstenmal überblickte er sein ganzes Leben und fand es erschreckend wie ein Gewitter in der Nacht, fand es sinnlos, trostlos und sich selbst immer unter demselben Stachel ungerecht leidend, preisgegeben, verschmachtend, ein Spielzeug übermächtigen himmlischen Zorns. O wer kannte seine Qualen! Wer stand ihm bei! Wer hatte Mitleid mit der Unbesonnenheit des verblendeten Kindes, mit dem Unseligen Mitleid!... Hätte er nur ein Herz gehabt, einen Freund, Eltern, die ihn verständen! O auf die Berge hätte er steigen mögen und wie Gießbäche seine Arme ausstrecken nach einem guten menschlichen Herzen ... Doch nein, da hatte man ihn immer weiter rennen lassen, zurück übersah er es bis hinab zu seiner dunklen Fußballeidenschaft, zu den ersten Tollheiten, immer weiter hatte man ihn rennen lassen, den Hitzigen, und so war er bis hierher gerannt, niemand hatte ihn gewarnt, bis hierher auf diesen Fleck und auf diese Stunde, wie blind, während von allen Seiten die Wände des Engpasses immer näher und drohender zusammenrückten, aber blind immer weitergerannt, bis hierher, wo es kein Zurück mehr gab ... Tränen entströmten ihm bei diesem Gedanken, er weinte, ein tiefes Erbarmen mit sich selbst hatte ihn erfaßt, mit seiner reinen verlorenen Jugend, ja mit der ganzen Welt ... Nur eine Weile. Dann kehrte der Zorn zurück. Er erinnerte sich -- o war das nicht Warnung genug gewesen? -- daß er schon mitten in dem kurzen Genuß vorhin den Widerwillen gespürt hatte, den dieses verdammte Weib ihm einflößte, einen Ekel und eine Notwendigkeit zugleich, wie wenn man etwa früh in den noch ungespülten Mund ein Glas Wasser aus Durst hinunterschlucken muß. Er spie aus ... Da lagen ja noch die Briefe, ein ganzes Paket. Er verfluchte seine Energie, sie war zu nichts nutze. Und mit einem gewaltigen Druck riß er mitten an dem Stoß, es ging nicht, da teilte er ihn in zwei Lagen, hierin wenigstens konsequent, und zerfetzte jede in kleine Stücke. Mochte alles werden, wie es wollte, er gab's auf ...

Eine Idee kam ihm. Die Markensammlung verkaufen, und nach Amerika!... Da waren doch fünfzehntausend Mark nach Senff, ein Kapital, ein Anfang!... Er fuhr in die Stadt, und obwohl schon bald zehn Uhr war, beschloß er, Lambert zu besuchen. Der hatte kommissionsweise die Einkäufe vermittelt, sicher wußte er einen Käufer, vielleicht war er sogar selbst geneigt ... Er klingelte. Jetzt erst bemerkte er, wie unschicklich es war, mitten in der Nacht mit dieser Verkaufsangelegenheit einzudringen; er faßte schnell den Plan, seine Absicht zu maskieren. »Ich habe da ein Angebot«, rief er, »es muß sofort entschieden werden, telegraphisch. Soll ich zwanzig Sätze Jubiläumsmarken bestellen? Das macht so etwa fünfhundert Kronen.« Lambert, geschmeichelt durch dieses Zutraun zu seiner Fachkenntnis, rückte sich zurecht. In seinem taubengrauen Schlafrock mit dunkleren Schnüren, im Lederfauteuil, jetzt Zigaretten anbietend und der Sitte gemäß sofort sich erhebend, um einen Likör aus dem Kästchen zu holen, war er ein Musterbild reifer, gesetzter Jugend, ein Beispiel für jene merkwürdige Leichtigkeit und Unbedingtheit, mit der gewisse Naturen (es sind nicht immer die wertvollsten) den Übergang von unverantwortlichem Knabentum zur würdigen repräsentativen Mannheit vollziehn. Arnold, so tief unterlegen gerade in diesem wirren Moment er dem Gefestigten war, fühlte doch eine gewisse lächerliche Schwäche an ihm heraus, in der er sich instinktiv sofort festnistete: »Ich komme zu Ihnen als einem Kenner, Sie wissen ja ...« »Nun, ich glaube«, holte Lambert aus, »das ist ein gutes Geschäft. Die Verwaltung gibt nur eine sehr beschränkte Anzahl aus. Schließlich ist doch Bayern kein Costa Rica oder sonst ein exotischer Staat, der an Jubiläen Geld verdienen will.« ... Wie langweilig waren für Arnold diese selbstverständlichen Gedankengänge, mit denen Lambert sich ein Ansehen gab. Seine aufgeregte Hast kämpfte mit der Klugheit, den Schwätzer ausreden zu lassen, endlich fiel er doch ein: »Ich weiß. Gut, aber das hat man bei der vorigen Emission auch gesagt. Und da kamen Nachträge. Von Raritäten ist nicht viel zu spüren ... Schlechte Spekulation. Ich hab's überhaupt satt. Wissen Sie nicht, wie ich die ganze Sammlung loswerden könnte?« ... Lambert blieb noch eine Weile im alten Geleise, sei es, daß er Arnolds Wendung für eine bloße Gesprächslaune hielt, sei es, daß er auf eine so fernliegende Abschweifung überhaupt nicht aufgepaßt hatte. Er redete also weiter von steigenden Werten, Neudrucken, Facsimilien, bis ihn ein nochmaliges Andrängen Arnolds aufhielt. Nun erst ging er mit gleichgiltiger Miene (auch Arnold blieb äußerlich ruhig) auf das neue Thema ein: »Ja, das ist eine schwere Sache. Man müßte die Sammlung ausschreiben, in Fachzeitungen, das dauert lang und dann werden Ihnen die besten Stücke herausgeklaubt und der Schund bleibt. Oder Sie tragen das Ganze zum Händler, der gibt Ihnen gar einen Pappenstiel. Es bleibt also nur irgend ein großer Privatsammler.« ... »Ja, ein Privatsammler«, wiederholte Arnold gierig. »Wissen Sie also einen?« ... Lambert überlegte ... »Für zehntausend,« begann Arnold, und da Lambert überrascht lächelnd aufblickte, fuhr er fort: »Für zweitausend Kronen gebe ich alles. Denken Sie, Altsachsen vollständig.« ... Lambert machte ein spitzfindiges Gesicht, wie am Schlusse seiner Überlegung angelangt, als habe er es jetzt herausgebracht: »Ja, wer legt aber so leicht zweitausend Kronen auf den Tisch? Das ist ein schönes Geld. Das tut einem weh.« ... »Wie kommt das aber?« fragte Arnold betrübt und kindlich ... Lambert erging sich in Vergleichen. Sammelwert sei etwas anderes als Wert im Allgemeinen. Und wenn man einen neuen Pelz kaufe oder ein Schmuckstück, ein Möbelstück, wieviel bekomme man beim Weiterverkauf, auch für die besten, wie neuen Stücke ... Das Gespräch verlor sich ins Allgemeine, Arnold lobte Lamberts Einrichtung, eine echte Junggesellenwohnung, dabei sah er im Innern ein, daß hier nichts zu holen war. Erschöpft und bleich blieb er noch ein Weilchen sitzen, fand nicht die Kraft, aufzustehn und wegzugehn, seine Gewandtheit hatte eben auch ihre Grenzen. Endlich empfahl er sich. Lambert meinte im Weggehen: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz unbesorgt sein. Dabei riskieren Sie nichts. Eventuell beteilige ich mich.« ... Arnold hätte am liebsten laut aufgelacht. »Und unser Meeting morgen«, fügte er noch hinzu, probierend, »das wird ein schöner Humbug, was?« Er zwinkerte dabei. Auch Lambert lächelte verschmitzt und kniff ein Auge halb zu, mit kleinen Fältchen: »No, das glaub ich.« Sie schüttelten einander die Hände, wie in vergnügtem Einverständnis ... »Und gegen dieses niederträchtige Leben«, sagte sich Arnold, indem er Stufe um Stufe hinunterschritt -- Lambert leuchtete, über die Geländerbrüstung gebeugt, klingelte dem Hausmeister, im finstern Gang unten erschien etwas Undeutliches, Warmhauchendes, Mann oder Weib, führte Arnold ans große Eisentor, stellte die Laterne auf den Steinboden, steckte den Schlüssel ein und gab endlich mit leichter Hand der massiven Pforte einen ganz kleinen Stoß -- »und gegen dieses niederträchtige durchdachte kolossale Leben habe ich mit Spielereien ankämpfen wollen, mit Papierschnitzeln. Da seh' ich erst, wie ahnungslos ich war ... ein Kind, in allem ...« Von neuem traten ihm Tränen in die Augen.

Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der vor einigen Tagen einen Journalistenposten in Berlin angenommen hatte, schrieb ihm begeistert (Arnold erkannte den eigenen Stil darin) von seinem jetzigen Leben, von der Weltstadt. Ob er nicht hinkommen wolle? Ein dritter Feuilletonredakteur werde eben gesucht. -- Ärgerlich warf Arnold den Brief weg. Ja, neue Wirren, neue Verlockungen, das wäre so das Rechte! Man kannte ihn ja, man hielt ihn schon für fähig zu jeder Dummheit.

Da trat sein Vater herein: »Weißt du es schon? Die Großmutter liegt im Sterben ... Pst! Die Mama darf es nicht wissen. Ich hab sie nur ein bißchen vorbereitet. Da lies die Karte von Lichtnegger.«

Arnold las, ohne Bewegung, gedankenlos.

»Den letzten Satz hab ich ihr gar nicht gezeigt. Trotzdem fährt sie morgen Nachmittag nach Wintertal. Ich kann nicht mit, jetzt in der Hochsaison. Wenn sie sich nur nicht zu sehr aufregt ...«

So viel Lärm wegen einer alten Frau, dachte Arnold. Plötzlich fiel ihm ein: »Wenn du willst, begleite ich die Mama ...«

»Du wolltest?... Aber morgen ist ja euer Schauflug.«