Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden
Part 6
Unser Held hatte, wiewohl er sich darüber nicht klar war, im Grunde nichts anderes erwartet; pflegte er sich selbst doch manchmal in ironischer Laune den »geborenen Vereinsobmann« zu nennen. Wie vielen Ballkomitees, wie vielen Versammlungen hatte er schon präsidiert!... Nun rannte er in die Sache gleich mit dem frischesten, und doch gleichsam auch schon geübten Anlauf hinein. Zunächst die Presse. Man beherrschte sie durch Gottfried Eisig und da machte Arnold doch noch einmal eine Anleihe bei seiner ehemaligen jugendlich-gegenstandslosen Beredsamkeit, indem er gänzlich ohne Fachkenntnis, nur aus ein paar andern Zeitungsartikeln und dem Rest der Gymnasialbildung einen neuen Artikel zusammenkochte, und was für einen strahlenden, über die »Eroberung der Luft«. Er begann mit Ikarus, selbstverständlich, widmete sich in aller Kürze den Brüdern Montgolfier, wobei die drei in die Gondel mitgenommenen Tiere zu leichthumoristischer Wirkung gelangten, entfaltete sich behaglich über das Los der unglücklichen Erfinder von ehemals, über das Unmögliche und unmöglich Scheinende (Quadratur des Zirkels, Stein der Weisen, Röntgenstrahlen, drahtlose Telegraphie), gewann allgemach Donnerkräfte, besang in sparsamer Daten-Melodie, aber mit einer Begleitung rauschender vollgriffiger Begeisterungs-Akkorde die letzten Fortschritte der Menschheit, wobei einige Impressionen Eisigs zu geschickter Wirkung kamen, schüttete nun, oben angelangt, fast ohne Atem, wie aus einem Füllhorn auf die staunenden Heimatsgenossen die Verheißung nieder, daß man derartiges vielleicht bald auch in allernächster Nähe zu sehen bekommen werde, gipfelte aber klugerweise nicht in diesem Effekt, sondern in einer kurzen farblosen Bemerkung über die Flugwoche in Brescia. -- An anderer Stelle des Blattes wurden sachlich die Namen der Arrangeure und ihr Programm bekannt gegeben. Anfragen und Nachrichten an die Adresse: Arnold Beer u. s. f.
In den nun hereinbrechenden Konferenzen bewies sich Arnold als fest und schlagfertig, geduldig und kühn, ja mit der Größe der Veranstaltung schienen sich seine Kräfte zu vervielfachen. Man hatte mit den Fliegern in Frankreich zu korrespondieren, die von allem Anfang die unverschämtesten Preise verlangten, wie beleidigt und zugleich stolz gemacht als echte Franzosen durch die Zumutung, daß sie ins Ausland sollten. Dagegen drängten sich Deputationen der Vororte heran, von denen jeder den schönen Vorrang und Profit des ersten heimatlichen Fluges einheimsen und jeder daher den geeignetsten Platz zur Verfügung stellen wollte. Indessen wählte das Komitee, um dieser Eifersucht auszuweichen und auch aus technischen Gründen angeblich, eine weite Wiesenfläche in der Nähe von Waldbrunn, dem kleinen Kurort nahe der Stadt. Jede Etappe der fortschreitenden Verhandlungen veröffentlichte Arnold in handfertigen Artikelchen; es wurde bald zum Stadtgespräch, daß die Eisenbahndirektion in entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte, während sonst die Züge nur in der nahegelegenen Stadt Bischofstein hielten, daß sogar ein Nebengeleise zum Flugplatz gelegt wurde, daß die Postverwaltung ebenso liebenswürdig die Aktivierung eines eigenen Post- und Telegraphenamtes mit der Stampiglie »Waldbrunn-Aerodrom« für die Dauer der Aufstiege zugesagt hatte. Die städtischen Omnibuslinien nahmen Sonderfahrten in Aussicht, die Hotels erwarteten großen Zuzug vom Lande und sicherten sich Privatzimmer, die Polizei entwarf Pläne für diese neue schwierige Aufgabe, auch die Militärbehörde wurde unruhig. An den Straßenecken, in den Wagen der Straßenbahnen machten sich die ersten Plakate bemerkbar, Witze begannen zu kursieren.
Und all dies im Zuge erhalten, bewegen, treiben und wieder beruhigen, war Arnolds Aufgabe. Eisig und die andern besorgten das Geschäftliche, die Verrechnungen, den Kampf mit den Lieferanten, das Engagement des Aviatikers, den Kern der Sache gleichsam, alles hingegen, was das Äußere betraf, Repräsentation und ehrenvolle Fassade gegen die Mitbürger, oblag Arnold, und es zeigte sich bald, daß das Komitee allen Grund gehabt hatte, ihm diesen Verkehr mit der Welt zu übertragen, denn an vielen Stellen, wo er vorfuhr und Anhänger warb, sagte man ihm: »Wir tun's nur Ihretwegen. Sonst scheint uns ja die ganze Sache nicht sehr reell.« Man fragte ihn nach der Solidität dieses und jenes Mitglieds, einer wollte sogar wissen, daß der Grund, den das Aerodrom beanspruchte, vorher von Lambert gekauft und durch einen Vormann dem eigenen Konsortium gegen gehörigen Preisaufschlag weiterverkauft worden sei. Entrüstet wies Arnold derartige Anwürfe zurück, was für Verleumdungen, und in seinem Innern war er eigentlich nur darüber verwundert, daß diese jungen Leute, die mir ihrem Schliff die vornehmsten Gesellschaften in Erstaunen zu setzen pflegten, doch irgendwie aus rätselhaften Gründen nicht für voll angesehen wurden, wie sich jetzt herausstellte, während er, Arnold, ein redliches Ansehn genoß. Doch dachte er darüber nicht weiter nach, nahm solches nur für die üblichen Schwierigkeiten, die sich großen unvorhergesehenen Unternehmungen seit jeher in den Weg stellen müßten, und nicht etwa in seinem Vertrauen machte es ihn wankend, sondern wie ein leises Prickeln der Gefahr drängte es ihn nur noch ungeduldiger vorwärts, trieb ihn noch mehr, alle Kräfte aufzubieten, das Zerbröckelnde zu stützen mit den Armen eines Atlas, und zu leisten, was nur zu leisten war, in eigener Person. Er kam nun oft von früh bis Abend nicht aus dem Automobil. Das Telephon hörte nicht auf zu klingeln. Mittag war er einmal bei Tisch so zerstreut, daß er die Suppe mit der Gabel zu essen versuchte. Ängstlich sahn ihm die Eltern zu. »Ich warne dich«, sagte der Vater, »aber du machst ja doch nur immer, was du willst.« -- »Er ärgert sich, weil ich jetzt überhaupt nicht mehr ins Geschäft komme,« registrierte der Sohn und war im Grunde seines Herzens froh, daß er nun auch die Vormittage mit geistsprühender geselliger Tätigkeit anfüllen konnte. Er schlief jetzt nur wenige Stunden, so daß er morgens vor dem Spiegel manchmal erstaunte, gleich nach dem Aufstehn, wie unversehrt noch seine Nachtfrisur auf dem Kopfe stand, noch gescheitelt und noch wie zusammengepreßt vom Rauch der Weinlokale. Aber unter der Stirn ging es wirr und polternd, die Ideen wie Steinlawinen. Er überredete Bobenheim und seine Sportsfreunde dem Komitee beizutreten und durch das Ansehn dieser wirklich patrizischen Familien, nicht solcher Windbeutel, befestigte sich nun die allgemeine Neigung, mit ihr die Sicherheit des Unternehmens. Die Beiträge liefen jetzt beträchtlicher ein. Der Landesausschuß gab eine Subvention. Man trug sich mit Unerhörtem, nach dem ersten Flug sollte ein ganzer Zyklus veranstaltet werden, ein Wettbewerb der verschiedenen Systeme, ein Rundflug über viele Städte hin, man wollte die Maschinen kaufen und eine Schule gründen, das Aerodrom sollte jedenfalls für ständige Veranstaltungen stehen bleiben. Kurz, Arnold glaubte endlich den Beruf gefunden zu haben, für den er paßte. Wer weiß, vielleicht lernte er selbst fliegen, vielleicht gelang ihm eine epochemachende Verbesserung, und, von dort aus gesehn, würde dann sein ganzes Leben bisher einen Sinn bekommen, alle seine mannigfachen Kenntnisse und Beziehungen würden ihn dann wie nach einem Plan zu diesem großen Ziel hingeleitet haben. Er hatte jetzt nichts im Kopf wie diese ungeheure Zusammenfassung seines Seins in einer nahen stürmisch-blitzenden Zukunft, und nur wie ein dunkler Wind wälzte sich noch der Schwall anderer Lebensverknüpfungen hinter ihm her, die Vergangenheit mit ihren Ansprüchen, die er möglichst schnell und nebenher abtat.
Draußen in Waldbrunn erhoben sich schon die gelben rohen Holzplanken des Aerodroms, und für Arnold, der auch die ganze Korrespondenz besorgte, war aus ein paar Brettern mitten im Bauplatz ein kleines Zimmer errichtet worden, sein Bureau. Er arbeitete zwar das Wichtigste in der Stadt, im Palasthotel, in dem das Komitee über einige Zimmer verfügte, doch fuhr er gegen Abend täglich auf den Rennplatz hinaus, um sich vom Fortgang der Arbeiten selbst zu überzeugen, oft brachte er auch Journalisten, Offiziere, Sportsleute, Gönner mit. Und da fand er, daß ihm manchmal da draußen, im kühlen Abend, aus der wehenden duftenden Waldluft, die besten Gedanken kamen -- sofort schreiben, Brief aufgeben, das war ihm Bedürfnis, und da man ja im Kleinen das Geld nicht sparte, das ganze Komitee vielmehr die herrlichsten Dinge je nach Geschmack der einzelnen, in Erwartung des sichern Glücks, herunterschluckte, hatte er eiligst dieses »Wigwam«, wie er es nannte, sich bauen lassen. Nirgends noch hatte er sich so wohl gefühlt wie zwischen diesen schnell zusammengenagelten, groben, harzig-riechenden Brettern, die man nicht anrühren durfte, ohne einen Span in die Finger zu kriegen, und die nicht einmal bis ganz auf den Boden reichten, so daß man untendurch den Wiesenboden sah, die Schuhe der Vorbeigehenden. Herein klangen unaufhörlich Hammerschläge und Kommandorufe, ein rhythmisches Pfeifen, schwache Stimmen verwirrt. Man fühlte förmlich das Werk, wie es rüstig wuchs, wie es mit wonnevollem Gebraus aus dem Tal gegen die Waldanhöhen hin emporstieg, und Arnold, der sich als das Herz dieses Lebens fühlte, seinen Willen im entferntesten Maurerjungen noch, schrieb auf elegantem bläulichen Briefpapier, das eine Art Wappen des Konsortiums in Reliefpressung trug, seine befehlshaberischen oder einschmeichelnden Manifeste. O hier war er zu Hause, hier hatte sein Leben, das fühlte er wohl, zum erstenmal einen Höhepunkt erreicht. O Gott, hier sich einklammern, dachte er, um diesen Mittelpunkt Zellen ansetzen, sonst komme ich nie zum Eigentlichen. Aber was ist es denn, das Eigentliche im Menschenleben, das, weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine Phantasie von mir? Vielleicht habe ich dieses Eigentliche schon einmal in der Hand gehabt und habe es nicht gewußt. Vielleicht geht es allen Menschen so wie mir. O nein, vielleicht erlebe ich eben jetzt das Eigentliche oder marschiere geradeaus darauf los ... Seine Angst verschwand, er atmete tief und kühl, er schaute einen Augenblick durch das kleine Fensterchen in die Sonne, die dem Untergang entgegenzitterte. »Die ist doch das größte Etablissement hier in der Nähe« sagte er leise vor sich hin, wie einen kleinen verliebten Witz, ein Kompliment, als stünde er auf du und du mit dem roten Gestirn, als streichle er diese Fläche, von der jetzt wie von einer ungeheuren Pfanne aus die letzte Hitze emporschlug. Und er errötete bei diesem Gedanken, als fühle er sich heute, in der Blüte seiner Energie, einer solchen Freundin nicht unwürdig. Man konnte jetzt den Glanz dieser Sonne mit dem Blick schon aushalten, man sah ihre Kreiseinfassung deutlich als dünne zitternde Linie, und die gelbe glänzende Fläche schien gleichsam tiefer in den Himmel hineingedrückt, wie eine Münze mit scharfem Rand ...
Abends nach getaner Arbeit überfiel ihn ein ruhiger tiefer Glücksrausch. Er kreuzte die Arme und trat aus seiner Brettertüre ins Freie, fühlte den schwachen Waldwind an seinen Schläfen, in die Haare hinein, und obwohl er gar nicht wußte, wohin mit all der Kraft, machte er keine Bewegung, sie abzuleiten, ließ gleichsam den Deckel über seine inwendige Zufriedenheit stürzen und sie sorgsam gar kochen in ihrem eigenen Dunst ... Manchmal rief er auch die Kinder zu sich, die von der Straße her dem bewegten Arbeitstreiben zusahn, und begann mit ihnen zu spielen. Es waren Dorfkinder und Kinder von Waldbrunner Kurgästen, alle freuten sich über das, was da gebaut wurde, waren gespannt auf das Kommende, verstanden am Ende mehr davon als ihre erwachsenen blasierten Eltern. Arnold liebte Kinder; unter ihnen erwachte seine noch kaum verschwundene Lust am Fußballspielen aufs neue, sein Vergnügen an jedem tollen Herumschrein und Vorwärtsstürmen, sein oft sinnloses Kommandieren und Kommandiertwerden. Von Zeit zu Zeit, wenn er zufällig in eine Kindergesellschaft geriet, fühlte er sich auch immer schnell als einer der ihren, fand unter ihnen Trost gegenüber dieser langsam klebrigen Welt, ohne jedoch ein Prinzip daraus zu machen, sondern von einem zum andern Mal vergaß er diesen Eindruck und war immer aufs neue überrascht ... Einmal arrangierte er jetzt, in Waldbrunn, ein Wettrennen längs des Waldsaums. Der blonde Gerhart, ein großer Junge von etwa fünf Jahren, fiel über jede Baumwurzel hin, endlich aber so derb, daß er zu schrein anfing ...
Eine Dame eilte heran und Arnold begann sich bei ihr zu entschuldigen.
»Im Gegenteil, sie haben ganz recht, Wichse verdient er, tüchtige.«
Jetzt erst, erstaunt über diese in devotem Ton hervorgebrachte und, wie ihm gleich auffiel, ziemlich unsinnige Rede, blickte Arnold die Dame an, während er bisher nur an dem kleinen quäkenden Kerlchen herumgearbeitet hatte, um ihm einen Schmutzfleck von der Nase zu wischen ... Es war eine große auffallende Blondine, die er schon mehrmals gesehn haben mochte, und nun wußte er auch, wo: sie hatte ihm einigemal, wenn er hier auf Bauplätzen und Gerüsten herumregierte, mit einer Andacht zugesehn, die ihm zugleich schmeichelhaft und widerlich vorgekommen war, ohne daß er sich übrigens viel um sie bekümmert hätte.
»Aber verzeihn Sie, gnädige Frau ...«
»Ich bin nur die Gouvernante« entgegnete sie in einem Ton, als könne sie sich nicht schnell genug demütigen. »Im Gegenteil, ich habe Ihnen zu danken, Herr Beer ...«
»Sie kennen mich ...«
Sie lächelte und nickte: »Par Renommée! Ich war einige Jahre bei Grünbaum, bei der jüngeren Schwester des Herrn Technikers Grünbaum. Da hat man so oft von Ihnen geredet und immer nur das beste ...«
Etwas, was nicht oft geschah: Arnold wurde verlegen, errötete sogar ein wenig. Er konnte sich im Augenblick absolut nicht vorstellen, welches Gute denn die Schwester Grünbaums mit ihrer Gouvernante von ihm gesprochen haben dürfte ... Als müsse er so unverdientes Lob abwehren, stotterte er: »Dafür treffen Sie mich jetzt in einer Situation ...«
»O nein, ich bewundere Sie ja -- wie Sie sich auch noch mit Kindern abgeben können, ein so beschäftigter Mann ...«
»Ja, ich treibe viel unnützes Zeug,« seufzte er.
»Unnütz? O wer dürfte das sagen. Im Gegenteil ...« Sie stockte, und Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon zweimal in der kurzen Weile gebraucht hatte, ein wenig zappeln zu lassen. Endlich fuhr sie fort: »Was Sie leisten, davon erzählt ja die ganze Stadt.«
»Was man erzählt, das ist nicht immer wahr.«
»Sie sind zu bescheiden, Herr Beer, ich habe es ja auch selbst gesehn ... nur in den letzten Tagen zum Beispiel ...«
»Das war ein hübscher Oberleutnant neulich ... was?«
»Wollen Sie mich auslachen?« Sie machte ein beinah beleidigtes Gesicht, mit gerunzelter Stirn, doch etwas störte die Wirkung des Gekränkt-Aussehens: die Wichtigkeit und der durch nichts geforderte, allzu liebevolle Ernst, mit dem sie das Folgende erklärte: »Sie meinen, daß ich auf buntes Tuch fliege? O nein, das imponiert mir gar nicht ...«
»So, so ...« Arnold schüttelte den Kopf. Obwohl ihn diese Beobachtung wenig interessierte, fand er bei sich, daß das Fräulein allerdings so aussehe, wie er sich im allgemeinen Frauen oder Geliebte von Offizieren vorstellte. Sie war groß, blondhaarig, eine »Fernwirkung«. Ihr starker, doch nicht mehr als anmutig geschwellter Busen zog die Blicke auf sich. Im Gesicht aber lag eine eigentümliche Disharmonie. Arnold durchforschte es, kam jedoch zu keiner Erklärung dieses Eindrucks ... Dabei hatte er sich langsam neben dem Mädchen, das den Knaben an der Hand führte, in Bewegung gesetzt. Er redete etwas vom Militär, ganz unklare Dinge, denen ein aufmerksames Lauschen seitens der Dame begegnete. Er wußte kaum, was er sprach. Vielmehr war er einzig damit beschäftigt, unter dem Vorwande, daß er die Mütze des Knaben studierte -- der Knabe ging zwischen ihm und dem Fräulein -- zu bemerken, wie bei jedem Schritte des Knaben über dem roten Bummerl der Mütze die schöne weibliche Hüftenrundung im blauen Rock auftauchte und wie eine Welle wieder versank, er sah das mit jenem Anflug willenloser Schläfrigkeit, die den Beginn sinnlicher Erregungen zu begleiten pflegt. Dabei hörte ein Widerstand, eine Art von Ekel, nicht auf, sich in seinem Innern fühlbar zu machen. Plötzlich hatte der Widerstand gesiegt, Arnold wachte auf, und begann nun die Scheinbeschäftigung mit dem Knaben in eine wirkliche umzuwandeln. Er brach mitten im Satz ab, neigte sich wieder, und während sie durch den Wald weiter dem Kurörtchen zuschritten, kitzelte er das Kind links am Ohr, indes er sich rechts von ihm hielt. Gerhart sah zum Fräulein auf. Nun zupfte ihn Arnold geschwind am rechten Ohr und schaute sofort in die Luft. Der Knabe aber verstand schon den Witz und drehte sich mit wütendem Gelächter gegen Arnold, um ihn ins Knie zu boxen. »Wirst du nicht unartig sein!« ermahnte die Bonne und wollte ihm in die Hand fallen. Inzwischen hatte aber auch Arnold eine Abwehrbewegung gemacht und so trafen sich vor seinem Bein plötzlich die drei Hände. Die des Kindes löste sich gleich wieder los, um mit aller Gewalt auf Arnolds zweites ungeschütztes Knie loszuschlagen; aber die Finger des Fräuleins und Arnolds blieben fest beisammen, verschlangen sich einen Augenblick lang ineinander, während auch ihre Blicke offen ineinander tauchten. Beide waren still; eine herrliche Gelegenheit für den kleinen Rangen, mit beiden Fäusten auf Arnolds Knie sich der Rache hinzugeben. Und er trommelte, bis Arnold mit gleichgültigem, gar nicht mehr kinderfreundlichem Schub ihn abschüttelte ...