Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden

Part 4

Chapter 43,440 wordsPublic domain

Dies jedoch hätte die Verehrung, die ihm diese so verschiedenartigen jungen Leute zollten, noch nicht erklärt. Es muß noch gesagt werden, daß er alle nicht nur begleitete, sondern auch stieß und antrieb und tröstete. Tröstete, indem er sie stieß -- nirgends Schwierigkeiten sehend und mit der ihm angeborenen nebelhaften Energie gleich nach Erfüllung aller Wünsche langend. Es war eben seine eigentümlichste Eigenschaft, daß er, in Gesellschaft mit einem Freunde, ganz und freudig erfüllt von dessen Liebhaberei, unter allen Umständen weiterdrängte und in hellstem Optimismus sich und den andern für fähig zu allem hielt. War etwas in den Lehrbüchern beiden unverständlich, so war es falsch, eventuell ein Druckfehler. Stimmte eine Theorie nicht zu eigenen Beobachtungen, so verwarf er jedesmal ohne Gewissensbisse die Theorie, niemals die noch so flüchtige Beobachtung ... So kam es, daß er überall nichts als Reformbedürftigkeit sah. Die Philosophie sollte von Grund aus umgeformt werden, die Physik war lächerlich, die Welt des öffentlichen Lebens beruhte ebenso auf falschen Prinzipien wie das Rudertraining. Wieviel gab es da zu arbeiten, wie zum Verzweifeln wenig war eigentlich fertig! Und wie schön war diese Verzweiflung!... Arnold hielt sich nie mit Details auf, nur die großen Grundideen warf er über den Haufen und schrie: »Das ist überwunden. Da müßte so und so weitergebaut werden!« Mit erhobener Hand stand er über den Freunden, die in ihrem mühsamen ehrlichen Kleingewerbe befangen den großen Zug verlernt hatten und gern den frischen Hauch so freimütiger Weltgedanken hörten, wenn sie auf dem ersten Schritt zu diesem Luftzug hin über irgend ein ernsthaftes Kramzeug stolperten. Hatten sie aber auch nur einen kleinen vorsichtigen Schritt nach vorn getan, gleich war Arnold da und lobte, nannte das eine »tüchtige Leistung« und ließ das Kommende hochleben. Er verstand sich besonders darauf, gut und einschmeichelnd zuzuhören; und dies wieder, weil er das Zuhören nicht affektierte, sondern weil er ernstlich glaubte, von seinen in die Spezialstudien detachierten Freunden die reinste Essenz der Wissenschaft einziehn zu können, die fertigen Resultate, zu deren Erarbeitung er selbst keine Zeit hatte. So saß er andächtig, behielt immer die Einteilung ihrer ganzen Arbeit sicher im Kopf, wußte, wie weit man neulich gekommen war, konnte durch Ausbessern kleiner Flüchtigkeitsfehler oder Dispositionsabweichungen seine Aufmerksamkeit wohltuend dem andern beweisen ... Natürlich war er nicht so unliebenswürdig, mit der Türe ins Haus zu fallen, sondern nahm auch an den Familienverhältnissen der Freunde einen Anteil, an ihren Liebschaften und Verdrießlichkeiten. Immer aber wußte er, ihre fortschreitenden Fachkenntnisse und die besondere Richtung ihres Denkens als das Wichtigste an ihnen und an ihrem Verkehr mit ihm zu behandeln, wie es ja seiner Überzeugung entsprach, auf diese Facharbeit kam er nach jeder Einleitung zu sprechen, und da die Freunde bald merkten, daß aus ihrer Umgebung nur er stets und wirklich aus dem Herzen auf dem bestand, was sie selbst als das Edelste an sich, wenn auch manchmal als etwas Unbequemes, ansehn mußten, zogen sie ihn bald allen übrigen Kameraden vor. Zumindest hatte er eine Sonderstellung. Man plauschte mit ihm, aber es war kein leerer Zeitvertreib, es war eine Anspannung, seinem impulsiven Andrücken immer genügen zu können, man mußte sein Bestes geben. Abschweifungen in andere Gebiete lehnte er ab, indem er sich plötzlich (und ebenso ehrlich wie vorher interessiert) uninteressiert verhielt. Solche Laienhaftigkeit schien er nur sich selbst vorbehalten zu haben ... Doch arbeitete er auch selbst, vertiefte sich manche Tage lang in irgend eine Frage, die ihm im Gespräch mit einem Freunde gekommen war, schrieb er ein paar Klavierstücke, einen »Abriß einer neuen Werttheorie«, einen »Entwurf zur Kritik Spinozas vom Standpunkte der Rasse aus« -- lauter kleine Heftchen, vollgeschmiert mit flüchtigen, oft klecksartigen Schriftzeichen, Abkürzungen, Symbolen -- und mit großem Vergnügen las er dann die noch unfertigen Darlegungen dem betreffenden Freunde vor, für den er eigentlich die Arbeit unternommen hatte. Das Vorlesen war nämlich das Ziel der ganzen Arbeit; Arnold arbeitete mit Unlust und Ungeduld, unter tausend Ablenkungen, und was ihn während dieser Mühsale emporhielt, war nichts anderes als der Gedanke an die herannahende geisterfüllte Vorlesestunde. Und war sie da, dann erschütterte die Leidenschaft sein blasses Gesicht, seine zuckenden Hände mit aufschießenden Blutwellen, dann erst begann seine eigene Arbeit ihm sich zu färben und zu beleben, dann schrie er in melodischen Akzenten, hielt nur still, um neue Ausblicke einzufügen, entschuldigte sich, daß dies ja noch nicht die endgiltige Fassung sei, man möge mehr auf die Absicht sehn als auf das, was wirklich dastehe, schloß dann mit leuchtenden Augen in einer ausführlichen Skizze, was und wie es nun weiter zu machen sei: »also, lieber Krause, das überlasse ich jetzt dir. Da leg dich hinein und schau, daß was draus wird. Es ist ja so einfach ...« -- Wie er aber selbst gern vorlas, so verlangte er auch von den Freunden rückhaltlos die Produkte ihrer Tätigkeit, selbst wenn diese mutlos und schamhaft lieber ihre halbausgereiften Pläne verborgen hätten. Er brach in ihre Schreibtische ein, er zwang sie durch flehentliches Bitten, ihm doch etwas, was sie gerade im Kopf wälzten, zu erzählen. Daß sie in der letzten Zeit nicht gearbeitet hätten, ließ er einfach nicht gelten. Ausreden wie: Zweifel an ihrer eignen Tüchtigkeit, Unwohlsein, Müdigkeit -- schob er mit burschikosen Flüchen weg. Schließlich schämte man sich, mit leeren Händen vor ihm zu erscheinen. Arnold verlangte einfach, daß rings um ihn geleistet wurde; als hätte er selbst das dunkle Gefühl, daß er für seine Person mit seiner Zersplitterung nichts Nennenswertes hinterlassen würde, suchte er seine Spannkraft wenigstens durch das Medium anderer Gehirne hindurch wirken zu lassen. Der starke Wille, der in ihm lebte, in ihm selbst unfruchtbar, wurde auch tatsächlich die Stütze und der Sauerteig vieler Arbeiten seiner Freunde. Der verwickelte Ausbau seiner vielfachen Bedürfnisse und natürlichen Triebkräfte stand wie ein Turm da, an den sie sich lehnten ... Waldesau zum Beispiel, der Musiker, der in einem beständigen Ekel vor sich selbst lebte, gestand oft, daß er keine Note schreiben würde, wenn ihm Arnold nicht immer wieder mit kollegialen Schimpfreden den Teufel aus dem Leib triebe. So aber lieferte er Kompositionen, Lieder und Sonaten, die zwar er selbst erbärmlich, verbrecherisch fand, die aber das enthusiastische Lob nicht nur Arnolds, auch älterer Musikkenner hervorriefen.

Arnold ging weiter. Er liebte es -- all dies instinktiv, nicht aus Überlegung -- seine Freunde, die einander noch nicht kannten, mit einander zusammenzubringen, falls er sich davon gegenseitige Anregung und Förderung ihrer Arbeiten versprach. Er hatte seine Freude an den neuen Konstellationen, er verfolgte mit einer Art von Zärtlichkeit die weitere innige Verflechtung der Fäden, die er selbst neben einander gelegt hatte und die jetzt ohne ihn lustig und oft mit einer in seinem Anstoß gar nicht zu ahnenden Bedeutsamkeit sich fortspannen. Zu vielen tiefgreifenden Beziehungen legte er so den Grund, nur selten tat er einen Mißgriff. Kein Wunder, daß ihn Liebe und Begeisterung der ganzen Gruppe, die er so hübsch organisiert hatte, umgab. Selbst der spitzige vielüberlegende Grünbaum, der jede körperliche Berührung mit Menschen scheute, drückte ihm wärmer die Hand. Alle fühlten, wenn auch undeutlich, daß die zartgebauten Wurzeln ihres Daseins aus den strömenden übervollen Bächen dieses Verschwenders immer neue Bewässerung zogen und daß dabei gar kein Schwindel oder eine Willkürlichkeit Arnolds mitspielte; daß vielmehr dies alles nach Naturgesetzen so geschehn mußte -- und gerade dieses Unbedingte, Automatische, Gesetzmäßige war die Ursache, aus der man ihm vertraute, ihm doppelt verpflichtet war ... An seinem Geburtstage empfing er nun auch glühende Briefe sonst ruhiger Genossen, Danksagungen in klugen, nicht alltäglichen Worten, selbst Geschenke, und wiewohl er selbst sich der Repräsentation so außergewöhnlicher Beliebtheit nicht ohne Würde und Rührung unterzog, sagte er sich doch auch manchmal, daß es eigentlich komisch sei, wie selbstverständlich er diese Opfergaben, den Tribut gleichsam, einkassierte. Er selbst schenkte keinem seiner Freunde etwas zum Geburtstage; das fiel ihm auf, die andern schienen es selbstverständlich zu finden. Es beunruhigte ihn ... Überhaupt wurde ihm, wenn er einmal allein mit sich zu Rate ging, nicht wohl nach all dem metallischen Getöse rings um ihn. Kam er zur Ruhe, so fand er, daß er eigentlich nichts zu Ende führte und nichts ganz von vorne begann. Eine beklemmende Traurigkeit legte sich auf seine Lunge. Was interessierte ihn eigentlich? Was wollte er auf der Welt? Was hatte er geleistet? Daß er der Gschaftlhuber nicht war, als den ihn Mißgünstige gern ausgeschrieen hätten, fühlte er sehr wohl. Seiner Redlichkeit und einer gewissen Tüchtigkeit im Kern blieb er sich ja stets bewußt. Aber mindestens ebensoweit wie vom Gschaftlhuber war der Abstand zu der »modernen Goethenatur«, für die ihn manche Anhänger aus ehrlicher Überzeugung hielten. War er allein, so fühlte er sehr wohl, daß er nicht Goethe war, nicht die in sich ruhende und daher so wirksame Vollkommenheit. Was war er also eigentlich?... Nun, eben der Arnold Beer, ein einmaliges Individuum, so und so eingerichtet, mit den und den Fehlern und Vorzügen, die man noch näher studieren, entwickeln mußte. Also mit Vorzügen auch -- heraus damit!... Er dachte nach ... Ihm fiel nichts ein ... Mit warmem Kopf rutschte er vom Diwan zum Schreibtischsessel, vom Schreibtischsessel zum Diwan, und vergebens suchte er, während sein Blick über die Dächer hin in den fernen Himmel, in die rotglänzenden Wolkenkelche einschlüpfte, beim Anblick dieser leuchtenden Gebilde auch nur einen jener befeuernden und frischen Einfälle selbst zu empfinden, wie er sie am Nachmittag seinen Freunden zu Tausenden um die Köpfe geschlagen hatte ... Ja, wenn er neben ihnen ging, neben Löb zum Beispiel ins Kolleg, oder neben Eisig in der Weinstube saß, dann konnte er sich die Wonnen der gedankenreichen Einsamkeit wohl vorstellen. Einsamkeit -- wie eine Fata Morgana schwebte sie vor ihm, eine Stadt mit flachen quadratischen Dächern, alle menschenleer, doch alle wohnlich eingerichtet mit kleinen rauschenden Springbrunnen, seidenen grünen Kissen am Geländer, süßen Speisen und Limonaden in elfenbeinernen Kästchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen Leitern, ruhte hier und dort aus, sah über die Treppen hinunter in Wohnungen, in denen Stimmen klangen, freute sich -- o Einsamkeit -- über die Straßen und Bazare unten, lebendiges Wimmeln, die große Aussicht in den Abendhimmel ... So vertieft war er in dieses Bild, daß er die Reden des Gefährten nicht mehr hörte, und verriet sich eine von ihnen durch die erhobene Stimme als Frage, so mußte er geschwind die letzten Worte, die der andere gesprochen hatte, aus seinem unbewußten Gedächtnis, in dem sie eben beinahe verschwanden, zurückholen, um irgend etwas Kleines erwidern zu können. O wie wünschte er da den Störer seiner Einsamkeit hinweg, wie hätten, ohne den, diese Bäume oder dieser Wohlgeschmack eines französischen Weins zu seinem treuen, auf sich allein gefüllten Herzen gesprochen! War er aber wirklich einsam, so wurde ihm sofort bang und verlassen zu Mute. Die Gestalten dieser fühllosen unüberwindlichen Natur, die Blumen und Gräser, erschreckten ihn durch ihre rohe Gesundheit, die er nicht trösten und nicht anfeuern konnte, in der es keine Bravourstückchen gab; einsames Trinken gar erschien ihm langweilig und tierisch ... Also lief er schnell wieder unter die Menschen, mit denen man reden konnte, begann dies und jenes in seiner intensiven, aber kurzatmigen Art und brachte sich auch wirklich, wenn er die Zahl der von ihm bepflügten Gebiete überblickte, seine Jugend, seine Pläne, nach allen Richtungen ausstrahlend, seine halbausgeführten Werke, seine Talente, seine Hoffnungen und die Hoffnungen, die seine Freunde auf ihn setzten, in einen schönen Rausch von Selbstzufriedenheit. -- Klagte er einmal, in einer kleinen Erinnerung an seine einsamen Prüfungsstunden, den Freunden, daß seine Seele so zerrissen sei, so lachte man ihn immer aber mit der allergrößten Entschiedenheit aus: »Du unglücklich? Und was soll ich dann sagen? Du machst das und das. Und ganz vergißt Du an das und das. Solche Erfolge! So eine Arbeitskraft, das ist ja etwas ganz Abnormales! Und du wirst dich noch beklagen! Das wäre aber eine Frechheit ...« Man ahmte die Art seiner gutgemeinten Scheltreden nach. Er aber wandte sich, mit einer kleinen Träne im Auge, ab: »Ich könnte ja etwas leisten, wenn ich nur Zeit hätte.«

Daß er keine Zeit hatte, war eigentlich für Fernerstehende das hervorstechendste Merkmal seines Lebens. Und meist befand ja auch er selbst sich, dank seiner fortreißenden Strudeleien, in der Lage dieser Fernerstehenden. Dann fiel ihm auf, daß er sich zu viel aufgebürdet hatte; an einem Tage ein Rudermatch, vier Vorlesungsstunden, Besuch bei zwei Freunden, bei einer Familie Tee, Klavierüben, und dazu die vielen angefangenen Bücher mit winkenden Lesezeichen auf dem Schreibtischregale, das ging entschieden über Menschenkraft. Und da ja die meisten dieser Verpflichtungen in langvergangene Zeit zurückreichten, zu denen er sprunghaft immer wieder zurückkehrte, ohne sie je durch Beendigung loszuwerden, wurde er sich immer nur bewußt, daß er Verpflichtungen zurückwies, nur selten neue aufnahm. Also erschien er sich als armer Verfolgter, Begehrter, Bedrängter, vergaß bald den eigenen Leichtsinn, mit dem er sich nach einander auf so verschiedene Dinge gestürzt hatte, und begann einen geheimen Groll gegen seine Freunde insgesamt zu nähren, die ihn in Anspruch nahmen und ausnützten, ja ausnützten und zu keiner eigenen Arbeit kommen ließen. Was half es, daß er stets einen Zettel bei sich trug, mit den wichtigsten Pflichten für die nächsten Tage, daß er ein Tagebuch begann, in das er die Dinge schrieb, um sie keinem Freund erzählen zu müssen und um also auf diesem Wege einen Verkehr mit sich selbst anzubahnen, was halfen alle Anstrengungen, Ordnung in sein so hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die Schwächen seiner Freunde durch, die sie an ihn fesselten, die Blutarmut Waldesaus, die diesen melancholisch machte und auf lindernden Zuspruch angewiesen, die Armut Krauses, die ihm den Verkehr mit Arnold als mit dem gesellschaftlich Höheren unentbehrlich erscheinen ließ, die Dummheit Bobenheims, der, durch den intelligenten Umgang geschmeichelt, zu einiger Selbstachtung gekommen war, während er sich vordem nur als einen »trostlosen Wüstling« gekannt hatte. Und er verfluchte sein gutes Herz, das ihn aus Mitleid an diese fehlerhaften Menschen klemmte. Zugleich war er erbost über seine grübelnde Scharfsichtigkeit, seine Lieblosigkeit gegen so gut verhüllte Schwächen der Freunde. In einem allgemeinen Katzenjammer fand er dieses Leben erbärmlich, nicht länger zu ertragen. War dies gemeines Menschenlos, oder nur vielleicht typisches Schicksal eines jungen Juden? So weit hatten ihn Krauses Ideen schon beeinflußt, daß er dies in Erwägung zog. Schließlich aber blieb er, ohne Zusammenhang mit Gott, oder mit irgend einem Volk, in der zusammenschlagenden Dunkelheit allein, von allen Teilnehmenden verlassen, verzweifelnd und unsympathisch ... Da traf er den nächsten auf der Gasse. Sofort heiterte sich sein Antlitz auf, sein Herz zugleich, er fand schnell wieder die freundlichen Worte, die Fragen voll Interesse und Ermunterung, und dabei war dies durchaus keine Heuchelei, sondern die bloße Gegenwart des Freundes eben bewirkte in ihm jene schnellere Zirkulation von Ideen, die ihn sprudelnd auf Flammenpfeilen in die Höhe schoß und ihm den Zusammenhang mit einer glücklichen Menschheit und ihrem wohlwollenden Wirken zurückgab ... Am wärmsten aber wurde es ihm, wenn er mit Lambert und Genossen (dies war wieder eine andere Partei besonders eleganter internationaler Nichtstuer, die aus unbekannten Mitteln glänzend in den Tag lebten) auf dem Corso erscheinen konnte, auf dem Bummel, den diese Herren nie versäumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten Hütelüpfen. Auch bei ihnen war Arnold beliebt, durch seine schussige Munterkeit und Originalität, und obwohl er weder der fescheste noch der witzigste unter ihnen war, räumte man ihm gern eine beherrschende Stellung ein. Wenn es nur anging, machte er sich täglich eine Abendstunde dafür frei, und dies nannte er seine Erholung, mitten in einer dunklen Schar befreundeter Köpfe sich geschützt und gemütlich zu fühlen, wie in einer Herde auf- und abzurollen die Gasse entlang, gestoßen werden, stehen bleiben und ungerührt in die Vorbeigehenden starren wie in die beleuchteten Auslagen, durch lustiges Flüstern und Blicken fest mit der Genossenschaft verbunden, beinahe bewußtlos. --

Und gar wenn er sich niedersetzte und Briefe an seine Freunde aller Heerlager schrieb, in die Ferien hinaus zu Dutzenden! Denn das liebte er, diese Bulletins waren wieder eine Sache, in der er sein ganzes Orkantemperament austoben lassen konnte. So wie es Leute gibt, denen alle Sorgen einfallen, wenn sie einen Brief schreiben und deren Briefe daher ein wesentlich zu trauriges Abbild ihrer Situation geben: so wurde im Gegenteil vor Arnolds Blick, wenn er ihn auf das weiße geradebegrenzte Papier richtete, alles rosig und in gute Linien geklärt. Ihm war Briefeschreiben eine gesteigerte Form menschlicher Unterhaltung und alle seine Vorzüge flossen ihm willig in die Feder, ein Goldglanz ohne irdische Schwere, wenn er seine strammen, beinahe militärischen Loblieder auf das, was ihn gerade erregte, losließ. Gern beschrieb er Kunstgenüsse oder gefiel sich in rückhaltslosen Offenheiten oder schwelgte in gigantischen Vorsätzen, zu deren Ausführung es Jahre ernsthafter Arbeit bedurft hätte, in seinem feurigsten Stil, tat sie damit gleichsam für sich ab, obwohl er sich während des Schreibens gar nicht bewußt war, daß er sie nie werde in Taten verwandeln können, daß gerade dieser Brief als Energieableiter zwischen Plan und Ausführung trat. Nein, die Wahrheit selbst, hinreißende Tatkraft und ansteckend gute Laune sprachen aus solchen Episteln, die unmittelbar, ohne zu überlegen, mit allen Quersprüngen und den schlechtesten Witzen, die ihm gerade einfielen, hingerissen waren; und so verfehlten sie natürlich nicht, seine Freunde zu rühren und zu neuem Schaffen anzustacheln, während Arnold mit ausgeschöpftem trockenem Herzen zurückblieb. Überdies schwankten diese Ergüsse in ihrer Länge von der dreißigseitigen Dissertation, deren Erscheinen schon im Kuvert beim Adressaten Erstaunen und ehrfürchtige Schauer hervorrief, bis zum kurzen Zettel voll mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, humoristischen Symbolen, verschiedenen Buchstabengrößen und Schriftarten, kurz allen Mitteln einer aufs Höchste gesteigerten Anschaulichkeit, wie sie aus seinem Hitzkopf explodierte. Die Schrift hatte pomphafte Schnörkel, große Bäuche, starke Schatten und weit auseinandergezogene Haarstriche, so daß manchmal ein etwas längeres Wort eine ganze Zeile einnahm. -- Hier eine der unbedeutenderen Noten an Waldesau:

»Lieber Kerl,

Ich bin durch ununterbrochenes =BACH=-Spielen in den letzten Wochen endlich dahintergekommen, daß ich -- ein Schöps bin, wenn ich nicht -- endlich einmal -- und zwar soforrrrrrt -- die _ganze_ Musiktheorie gründlich durchnehme!! Mein Buchhändler bietet mir ein großes Werk zum Selbstunterricht, solche Hefte, weißt Du -- mit hübschen Fragen und Antworten -- Ermahnungen an den faulen Schüler u. s. f. -- bißl kindisch, aber es gefällt mir vor-Leipzig -- 60 Hefte, 50 Mark (!!!!) -- Soll ich es kaufen. Bitte, schreibe soforrrrrt, genau und viel, empfiehl anderes! Ich muß =ALLES= haben, das ganze Gebiet -- also Elementarlehre, Generalbaß, Formen -- Du weißt ja -- ich hab es satt, so ungebildet weiterzutrotteln -- Also, auf, sattle den Hippogryphen, schicke mir Pläne -- auch Instrumentation natürlich -- Wenn schon, denn schon -- Ich habe jetzt riesige Lust. Also schreib nur schnell, damit das Feuer net auskühlt, Du kennst doch -- Deinen Dichliebenden u. s. f. -- Momentan fühle ich mich so stark, daß ich Berge bewegen könnte. Und Du auf Deinem Jeschkenberg? (Ein gebirgiger Brief!) -- Ich arbeite täglich 9 Stunden, kann Abends nie einschlafen vor _Ideen_. Habe etwas merkwürdiges angefangen, eine neue Art von Kontrapunkt. =Sei neugierig!= Es steht dafür -- Schrecklich glücklich bin ich dabei. Und Du? Und Du? Und Du? -- Wieder mal die Flinte ins Korn geworfen? =Porco maledetto!= Wenn jetzt nicht bald mal eine fette =Notensendung= (Manuskript!!) von Dir kommt, so treffe ich Dich wie der Blitz -- der immer die Nabelbeschauer trifft -- wo? Im Popo -- weil sie so gebückt sitzen. Aber Spaß bei Seite: Was treibst Du -- Ich bin sehr besorgt. -- Servus!«

Ein Bildchen, die rauchende Jagdflinte, vervollständigte diesen auf einer halbzerrissenen Kuvert-Innenseite in schrägen Zeilen hingedonnerten Aufruf. Darunter eine Wolke, aus der zwei zackige Blitze schlagen; alles mit der Feder gekritzelt, beim Abtrocknen etwas verwischt ...

Gottfried Eisig, der inzwischen (man mußte doch etwas machen) in die Redaktion eines heimatlichen Blattes eingetreten war, munterte nach solch einem Brief Arnold auf, doch einmal etwas »Selbstständiges« zu schreiben. Arnold brachte ein paar »Reisebriefe.« Sie wurden gedruckt, ohne aber besonderes Aufsehn zu erregen, außer in Arnolds nächster Umgebung; übrigens waren sie auch, da ihnen der persönliche Anlaß fehlte, ziemlich matt, ja schablonenhaft ausgefallen.

II.

Eines Tages erklärte der Vater, das Söhnchen habe nun genug gebummelt -- und am nächsten Morgen schon ging Arnold in dem großen Geschäft auf und ab, die Schachteln an den Wänden mit neugierigen Blicken musternd.

Der Abschied von der Universität wurde ihm nicht schwer. Daß aus den allenthalben verzettelten Kollegien nichts Gescheites werden könne, war ihm längst klar geworden. Nun hoffte er, durch eine vollständige Umwandlung seines Lebens, wie sie der Eintritt ins Geschäft bedeutete, sich zu konzentrieren; Dinge, die er nur aus Treue gegen das einmal Begonnene mit Unlust weiterbetrieb, abzuschütteln; ein Mann zu werden. Vielleicht im Geschäft. Doch täuschte er sich da nicht in der Voraussicht, daß der Vater in seinem pedantischen Geschäftseifer keinen wichtigen Teil des Betriebs selbst aus der Hand lassen würde. Zunächst versuchte Arnold allerdings Einfluß zu gewinnen, das Geschäft umzudrehn, da er natürlich sofort, noch ehe er den naturgemäßen Lauf der Sache kannte, schon Umwälzungsideen im Kopf hatte. Aber da war er an den Unrechten gekommen; mit nicht mißzuverstehender Verwunderung wehrte der Alte ab. Und so gewöhnte sich Arnold bald daran, Vormittags im Kontor Bücher seines Geschmacks zu lesen und an Nachmittagen sich überhaupt nicht mehr im Geschäft blicken zu lassen. Auf dem einförmigen Boden des Geschäfts- und Familienlebens wucherten seine Launen nun noch üppiger und bunter als vordem.