Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden

Part 3

Chapter 33,404 wordsPublic domain

Besonders schlecht stand Eisig beim Professor des Griechischen, Schleiderer mit Namen, dessen Laufbahn auch sonst von vielen Verwünschungen der unruhigen Schüler widerhallte, als eines unglücklichen Menschen übrigens, der er war. Seine Bosheit war berüchtigt. Und sollte man da nicht wild werden, wenn er dem Eisig die griechische Schularbeitstheke süßlächelnd mit den Worten reichte: »Eisig Philipp -- diesmal etwas besser gearbeitet. -- -- Nicht genügend«. Eisigs gewöhnliche Note bei Schleiderer war nämlich »Ganz ungenügend« ... Da trat Arnold als Vertreter eines Gedankens auf, der schon lange ungesprochen durch die Klasse gebebt hatte: »Wir müssen einen Anti-Schleiderer-Verein gründen!« Der Name machte allen alles klar, nun wurde die längst vorbereitete Bewegung grausam organisiert und als alleiniger Zweck des Vereins wurde die Losung ausgegeben: den Schleiderer heraus- oder totzuärgern. Während aber die schlechten und eingeübten Randalierer zu unfeinen Mitteln, wie: Knallerbsen, Stinkbomben -- rieten, war Arnold erfinderisch. Er leitete es ein, daß einmal während der Griechischstunde hier und dort einer von seinem Platz aus langsam und allmählich sich erhob, das Buch in der Hand, an verschiedenen Stellen der Klasse, so daß es zunächst nicht auffiel. Die Ängstlichen standen in geknickter Verrenkung, als sei ihnen nur das Sitzen für ein Weilchen unbequem geworden und als wollten sie sich in halb aufrechter Stellung ein wenig ausruhn; andere hielten ihre Hefte oder Bücher dem Lichte zu, als hätten sie unten nicht Licht genug für ihre Arbeit; manche kratzten sich, wie geistesabwesend, verlegen in den Haaren. Unbemerkt standen nun andere wieder auf, immer mehr, bis entsetzt der Professor plötzlich die ganze niegesehene Veränderung rätselhaft aufgestellter, gleichsam gespensterhafter Schülerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das »Bänkerücken« an; langsam schoben die in der ersten Bank ihre Sitze vor, die nächsten folgten, möglichst ohne Geräusch, nur ein kleines Knarren oder Seufzen des Holzes manchmal, angestrengt arbeitete die ganze Klasse dem gemeinsamen tückischen Ziel entgegen, keiner paßte auf den Homer auf, den der Professor wie über aller Köpfe und Ohren hinweg in die Luft vortrug, -- und schließlich erschreckte den nichtsahnenden Feind wieder ein so ungewohnter Anblick, als er vom Katheder herabsteigen wollte und keinen Zwischenraum wie sonst zwischen dem Podium und der ersten Bank vorfand, da die Bänke bis an die Erhöhung, wie Belagerer, vorgerückt standen. Und alle machten ein möglichst unschuldiges dummes Gesicht dazu, ja sie schienen nicht einmal etwas Auffallendes zu bemerken, so daß sein Blick ratlos an ihren kalten teuflischen Gesichtern hin wanderte. -- Oder die Derbsten in den letzten Flegelbänken rauchten gar -- auf Arnolds Anreiz --, verborgen hinter Büchern, bliesen den Rauch in ihre Hüte, die sie immer wieder sorgfältig umklappten, bis endlich diese Sammelbüchsen voll waren und nun schlugen sie sie um, daß ein weißes dampfendes Gewölk unbekannten Ursprungs langsam zur Decke emporstieg, eindrucksvoll qualmend wie zum Aktschluß einer Zauberposse ... Jetzt war Arnold Liebling und Stolz der Klasse; und immer noch brav, immer noch: »Sittliches Betragen: musterhaft« auf dem Zeugnis. Der Verein hätte ihn aber doch vielleicht entschiedener in den Unfug gezogen: da ereignete es sich eines Tages, daß Professor Schleiderer, der Verhaßte, wie von selbst auf der Schloßtreppe hinstürzte und sich den Schädel brach. War es Wahnsinn? Selbstmord? Niemand erfuhr es, auch in der Folge nicht. Die jungen Sieger aber standen nicht an, dies als Folge ihrer gutgelungenen sinnverwirrenden Quälereien zu erklären und an demselben Tage ein fröhliches Zusammentreffen in der Eisigschen Wohnung einzurichten, das ohne Reue als eine Art von kannibalischem Triumphfest geplant war, in das sich aber unvermerkt mit immer bedenklicheren Reden und gar nicht mehr knabenhafter Unfrische ein geheimes Todesgrauen einzuschleichen begann -- viele von den Burschen hatten überhaupt noch nie einen Todesfall in ihrer näheren Umgebung erlebt -- und das schließlich ganz appetitlos, ernsthaft, ja mit dem Entsetzen, das in Erfüllung gegangene Flüche und Orakel umwittert, und in Angst vor allen unberechenbaren Zufällen des Lebens zu Ende ging -- des Lebens, das auf alle diese Kinder draußen lauernd wartete.

Die Mutter sah es nicht gern, wenn ihr Arnold in das Eisigsche Haus hinüber ging. Das ganze Treiben dort gefiel ihr nicht. Schon den dicken Philipp mochte sie nicht besonders leiden und ermahnte ihn immer, wenn er sie verlegen anstotterte: »Langsam sprechen, nur hübsch langsam«, sie hegte nämlich den Wahn, daß alle Krankheiten und üblen Zustände, die sie nicht verstand, nur schlechte Gewohnheiten seien ... Arnold aber, der gemach in das Alter kam, in dem man die Freunde über die Eltern setzt und überhaupt die Ansichten der Eltern mit einigem Trotz und Mißtrauen prüft, ging nun erst recht zu Eisigs. Dort konnte sich ein gewisser toller bubenhafter Zug seines Charakters zu üppiger Entwicklung durchringen, dort hatte alles einen Strich von ungebundener Räuberromantik, schon die ungeheuerliche Unordnung und Verwüstung in den großen hohen, dabei nicht hellen Sälen des alten Gebäudes: all dies mit der ordentlichen Sparsamkeit zu Hause kontrastierend ... Die Eisigskinder, fünf Söhne recht verschiedener Altersstufen, bekamen alles, was sie nur wünschten, in Verschwendung, sie hatten, außer dem besonders auffallenden Billard, in ihrer Wohnung eine =Laterna magica=, ein herrliches Puppentheater mit zahllosen Kulissen, Turngeräte, sämtliche Bände von Jules Verne, Gerstäcker und Karl May, und überdies durften sie nach Herzenslust alles zerreißen, verborgen und verbrauchen, wobei ihre lustigen Eltern noch spitzbübisch mitlachten, während bei Beers alles abgezirkelt und wie am Schnürchen gehn mußte. Schon daß die Eisigsjungen fünf waren und so mannigfache Talente -- einer konnte Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem Mund das Geräusch einer Säge nachmachen u. s. f. --, mußte dem einzigen Sohn Arnold imponieren. Welche Kombinationen gab es da, welche von altersher eingelebten Scherze und Neckereien, welche Wirkungen vereint und gegeneinander, und wieviel Gerümpel und altes Spielzeug, da jeder von den ersten Jahren an seine eigenen Sachen hatte! Besonders aber fand Arnold an dem Ältesten Gefallen, an dem Herrn Gottfried, der allerdings, wie er sich recht wohl eingestand, eigentlich »noch nichts für ihn war«, der ihm aber trotzdem hie und da ein Stündchen traulichen Geplauders gewährte, in unbegreiflicher Herablassung. Arnold bewunderte den Studenten schrankenlos, der, wie er häufig erklärte, die Schauspielerei studierte, eigentlich schon alles irgendwie Nötige gelernt hatte und nur vorläufig, da er ohne Engagement blieb, Gedichte »im modernsten Genre« schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht reimten und in denen häufig Worte wie »Glast, Sehnsüchte, kranke Finger, geistern, Silber, Onyx, Chysopras« vorkamen. Gottfried rezitierte sie selbst gelegentlich im Familienkreise und vor Gästen, nicht ohne Anflug eines kleinen Familien-Stotterns ... O hier gab es Anregung, hier waren die neuen Sachen, hierher verlegte Arnold bald das ganze Leben seiner freien Zeit, und da schließlich das Etablissement Eisig als gewaltiges Hutexportunternehmen in ansehnlicher Blüte stand, hatten die Eltern Beer nach näheren Erkundigungen gegen diesen Umgang im Grunde nichts mehr einzuwenden.

Eisigs besaßen auch einen Fußball. Dieses an Körperinhalt so geringfügige Ding bewirkte, daß für Arnold eine neue Ära und Leidenschaft anbrach, ein Fußballjahr ... Schon vorher hatte er das Spiel geliebt, das als »roh und gesundheitsschädlich« von der Schule aus und gleichfalls von den Eltern verboten war. Man wies gern auf Unglücksfälle hin, man las den Kindern aus der Zeitung vor, daß der oder jener hoffnungsvolle junge Mann durch einen unglücklichen Fall oder gar infolge eines Tritts beim Fußballspiel unheilbaren Schaden genommen hatte. Indes verklärten solche Nachrichten in den Augen Arnolds den gefährlichen Sport, munterten ihn nur auf, und obwohl man ihm strafweise das kleine Taschengeld entzog, wußte er sich doch immer wieder einen Ball zu verschaffen und eilte dann mit Gleichgesinnten in den Stadtpark, um sich für zwei, drei Stunden am »Kicken« und »Rempeln« gütlich zu tun. Im Stadtpark drohte freilich eine neue Gefahr, denn dort war auf allen Wegen das Fußballspiel ebenfalls verboten, und wenn die Buben mit glühenden Wangen gerade im besten Laufen waren, erschien manchmal der Parkwächter mit Tschako und Säbel, ein alter Mann, ergriff wortlos den rollenden Ball, den Puls des Spieles, den Ball, den man mit so viel Schwierigkeiten einem Mäderl abgeschwatzt oder irgendwo gestohlen hatte, und steckte ihn, den teuren Ball, in die Tasche, worauf er wortlos hinter den Gebüschen wieder verschwand; denn mit den unverbesserlichen Sportfreunden zu zanken oder ihnen die Vorschriften einzuschärfen, hatte er längst wegen Aussichtslosigkeit aufgegeben ... Man wählte daher, um vor seinen räuberischen Überfällen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen er seine Rundgänge nicht mehr so eifrig einhielt und die auch alles leicht verhüllten hinter Nebeln über den Wiesen und langen Schatten. Dann tauchte die Gesellschaft vorsichtig auf, ganz nach Art verfolgter Gottesdienste im Anfang einer Religion wurden abgelegene Plätzchen ausgesucht, Vorposten ausgestellt, ängstlich wurde das Heiligtum, der Ball, hervorgeholt, doch erst, wenn alles sicher schien. Dieser Ball ... o mit welchen bejammernswerten Surrogaten mußten sich die Enthusiasten manchmal begnügen. Einmal war es ein leichter roter Gasballon, der zu hoch sprang und der die ganze wohlgeübte Fußtechnik der Mannschaft störte, einmal ein großer, ganz weicher, mit kindischen Bildern, dann ein kleiner billiger weißer Gummiball, der jeden Moment ins Buschwerk lief und kaum mehr aufzufinden war, ein anderes Mal hatte der Ball schon Luft verloren, das heißt er bekam an einer Seite eine kleine rätselhafte Einsenkung -- und mochte man ihn nun streicheln und drücken, wie man wollte, mochte man mit aller Vorsicht die Vertiefung langsam in weicher Hand aufzurunden suchen, immer zeigte sich die tückische Grube an einer anderen Stelle, immer wieder genau so tief wie vorher, eher noch tiefer. War einmal ein Ball so weit, so war er unrettbar verloren. Man erkannte das an seinem hohlen scheppernden Ton beim Laufen, man konstatierte es mit einem wahren Todesschreck in den Gliedern. Denn nun war das richtige Vergnügen vorbei. Trotzdem hörte man natürlich nicht auf zu spielen, wenn auch der Ball nur schlecht sprang und von der graden Bahn abwich. Einige Künstler behaupteten sogar ganz stolz, sie spielten nicht ungern mit so einem zerkickten Balle, denn sie könnten seine »Fälsche« berechnen. Indes vergrößerte sich unaufhaltsam mit jedem Stoß der Fehler, schließlich hatte sich die Senkung über die halbe Fläche schlapp ausgebreitet. Doch nicht einmal das war ein Hindernis. Man schob nun den Ball zusammen, machte eine hohle Halbkugel aus ihm, einen Klumpen und in diesen Überrest stieß man eifrig, trug ihn mehr auf der Fußspitze als man ihn warf, verzichtete auf jede Elastizität, auf den Fernkampf, so daß das Spiel endlich in Nahkampf d. h. in eine Prügelei ausartete ... Primitiv wie der Ball war auch das Goal eingerichtet, zwischen zwei Bäumen, die man durch eine mit dem Stiefelabsatz gezogene Linie im Sand verband. Fehlten die Bäume, so legte man Kleider in zwei Bündeln auf die Erde und bestimmte die Linie zwischen ihnen als Goal, wobei dann allerdings die Streitfrage entstand, ob es als Goal zu betrachten sei, wenn der Ball über die Kleiderbündel fliege oder sie streife. Man nannte das »Stange«, denn die Röcke vertraten ja die Goalstangen, und belästigte nun die älteren Spieler, sogar die Sportzeitungen mit diesem Problem. Und nun gar, wenn es immer dunkler wurde, wer konnte noch entscheiden, ob ein Schuß richtig getroffen hatte oder nicht! Man spielte einfach in die Nacht hinein, erstickend, keuchend, man bewegte sich, es galt auszugleichen oder den Sieg zu entscheiden, in höchster Spannung und Anstrengung -- und dabei mußte man sich zurückhalten, durfte nicht schrein, nicht anfeuern und jauchzen, alles mußte lautlos vor sich gehn, sonst hätte man sich dem Wächter verraten. Erst bei völliger Finsternis hörte man auf. Die Feinde und Freunde hinkten nach Hause, hungrig, durstig, zerschunden -- das aber fühlten sie nicht -- nein für Arnold, wie für alle, lag ein süßer Zusammenhang zwischen ihrer Abgeschlagenheit, dem Schweiß, den Schuhtritten, die sie an ihren Waden schmerzten, an den Schienbeinen, längs derer vielleicht ein gegnerischer Schuhabsatz herabgeglitten war oder sich eingehackt hatte, daß innen die Sehnen brummten, zwischen all dem und dem süßen Fliederduft des Parkes, dem nächtlichen Blühn und einem leisen, eben entschlafenden Vogelgezwitscher -- o ein Zusammenhang, in dem diese Knaben stärker als jemals ihre Jugend und die heldenmütige Kraft des Blutes und eine sich weitende Freude spürten bis an das schwarze Himmelsgewölbe hinauf. Sie marschierten in die Gassen hinein, sie fürchteten sich nicht vor den Eltern, nicht vor der morgigen Schularbeit, sie summten ein Lied. -- So weit stand die Sache, als Arnold mit Eisigs näher bekannt wurde. Damit erhielt er plötzlich, nach all den dilettantischen Versuchen, Anteil an einem Fußball, an einem wirklichen englischen Fußball, der seine hohe Verehrungswürdigkeit schon dadurch bekundete, daß er wie ein belebtes Wesen eine »Seele« besaß. Nun überstieg die Fußballbegeisterung alle Grenzen. Täglich nach der Schule zogen die fünf Eisigs mit Arnold auf die Wiesen, drei gegen drei teilten sie sich dort und los gings. Nicht genug damit, man übte auch in der kurzen Zeit zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht, und da war der große Hof im Eisigschen Haus der geeignetste Platz dazu, dieser Hof mit seinen Kisten, Handkarren, Holzschuppen, alten Bäumen, Kellertüren, dieser Hof in glühender Mittagssonne. Nichts konnte die Passionierten abhalten, nicht, daß der Hof gepflastert war und daher jedes Hinstürzen hart spüren ließ, auch nicht daß der Ball einmal bei einem Hochkick ein Fenster im ersten Stock zerschmetterte, was zu großen Mißhelligkeiten zwischen Papa Eisig und seinem Mieter führte. Es wurde nur einfach ausgemacht, von nun an keine Hochkicks mehr zu machen. Und unverdrossen kroch man zwischen Fässern durch, wenn der Ball sich zwischen sie verloren hatte, kletterte ihm nach durch die Fenster in die versperrten Keller und Schuppen, breitete sich immer weiter aus, spielte bei Regenwetter im Vorzimmer der Wohnung, zerbrach Lampen und Spiegel, umging immer wieder die elterlichen Verbote. Ja man ging zum Angriff auf ihre Herzen über, suchte sie für den Fußballsport zu gewinnen, indem man sie überredete, Sonntags sich einmal ein Wettspiel anzuschaun. Unterwegs wurde ihnen alles auf das Fachlichste erläutert: die Aufstellung, Goal, Hand, Ecke, der Elfjardstoß, die Rätsel des Offside. Angesichts des Spieles machte man sie auf hygienische Nützlichkeiten aufmerksam, zog die Olympischen Spiele der Griechen zum Vergleich heran, deutete auf die moralischen Werte gerade dieses Sports hin, der es dem einzelnen verbiete, »egoistisch« zu spielen und das Gesamtinteresse seiner Partei auch nur einen Moment aus dem Auge zu lassen ... Um diese Zeit erschien zum erstenmal eine englische Mannschaft in der Stadt. Es war eine Umwälzung! Man hatte ein ganz neues Zusammenspiel zu erlernen, das Zuspielen auf der Erde, Kopfstöße. Die sechs Helden trainierten unverdrossen, jeder mit dem festen Vorsatz, ein Champion zu werden. Sie kannten alle Wettspielresultate der letzten Jahre, alle Meisterschaften auswendig, sie umgaben die berühmten Spieler mit schwärmerischer Verehrung. Sich selbst photographierten sie im Hof, in verliebten Stellungen, mit dem Ball im Arm, oder in gestellten Gruppen, wie einer dribbelte und den Gegner dabei »täuschte« oder wie er im letzten Augenblick »rettete« oder wie er im Goal dem Schuß entgegensah, die Hände auf den Schenkeln, den Kopf gesenkt mit spähendem Blick. Sie schafften sich »Treter« an und hatten dabei ein an Verbrecherlust grenzendes Gefühl von Grausamkeit und Mut. Ihr Traum war, sich zu einer Mannschaft auszubilden und siegreich den Kontinent zu bereisen ... Arnold hatte sich unbestritten zum Kapitän aufgeworfen. Er trug auch immer den Ball zum Spielplatz, was ein besonderes Ehrenamt war und außerdem dem Träger Gelegenheit gab, schon unterwegs einige Kicke in den Ball zu tun. Dies jedoch wurde ihm von den andern stets mit lautem eifersüchtigen Geschrei untersagt. Es war verpönt. Der Ball sollte getragen, aber nicht gekickt werden. Auf das Kicken behielten sich alle das gleiche Recht vor und wachten streng darüber, so überirdisch schien ihnen dieses Vergnügen, dieser geschickte Anstoß an die stählern klingende Rundung, diese Kraft und Richtung ... Ging Arnold allein durch die Gassen, so phantasierte er sich auch stets einen Ball vor die Fußspitzen, den er kunstvoll lenkte und an den Spaziergängern knapp vorbeitrieb. Das war seine liebste Unterhaltung. Und abends konnte man ihn wild, die Mütze in der Hand, durch leere Gassen rennen sehn. Dann war er in seiner Vorstellung mitten im Wettspiel, draußen auf dem rechten Flügel Forward -- dies war sein Posten, wenn er mit Eisigs spielte --, dann überholte er Feinde, die mit ihm zurückliefen, wich den Mittelstürmern, die ihm entgegenkamen, gewandt aus. Seine ganze Mannschaft sah er im gleichen Tempo mitrennen, über das grüne Feld hin wie einen riesigen Fächer, der sich verlängert, sah aller Augen auf sich gerichtet, denn er hatte den Ball, -- knapp an der weißen Outline lief er, während das Publikum mit »Hipp, hipp« ihn anspornte und erregte Köpfe über die Holzstangen ihm sich nachbogen -- sah sich als Teil eines Ganzen, als Anführer, all dies in wenige Sekunden zusammengepreßt -- endlich spielt er den Ball in die Mitte, der Centre hat ihn und läßt ihn mit der Wucht beinah eines senkrechten Falles durch das feindliche Goal in das heftig aufzitternde Netz stürzen, ... während der tapfere unegoistische Flügel langsamer heranläuft, alles überblickend. Und nun wird applaudiert, es rauscht, es schreit. Sieg! Sieg!

Eine Zeit lang verkehrte Arnold mit niemandem als den Eisigbuben. Bald aber wuchs sein Bekanntenkreis und wurde schließlich ihm selbst unübersehbar und unheimlich. Während er in der Schule voran blieb, öffentlich und im Geheimen, auch in der Kommerskassa zum Obmann anstieg, die Kneipzeitung nicht nur redigierte, sondern auch auf einem selbstgekochten und selbst in die Blechpfanne eingegossenen Hektographen abzog (welche Schmerzen, wenn schließlich mitten in der immer dünneren und durchscheinenderen Masse der Blechgrund durchsah oder wenn die Gelatine in kleinen Kandiszuckertröpfchen an die feuchten Abziehbogen abbröckelte), während er sogar eine kleine verbotene Lotterie für die Maturakneipe unter den Kameraden und deren möglichst weit herangegriffenen Angehörigen veranstaltete, begann er doch auch noch außerdem ein schwungvolles Privatleben zu führen. Gottfried Eisig, der Schauspieler, brachte ihn in eine Gesellschaft von Konservatoristen, in dunkle Hofzimmer, wo es von Violinskalen und Nässe seufzte; bei einem von ihnen, Waldesau, der durch besondern Ernst ihn ansprach, lernte er mit reißenden Fortschritten Klavier. Nebstbei trat er in einen Tennisklub ein und erwählte auch dort, in der vornehmen Welt, seine Freunde. Dies alles steigerte sich noch, als er nach glücklich mit allgemeiner Auszeichnung abgelegten Prüfungen die Hochschule bezog. Eigentlich sollte er in das Geschäft seines Vaters eintreten, doch zog er dies durch unschlüssiges Studium und Berufsprobieren noch einige Jahre hinaus. Er inskribierte dort und da, klaubte aus allen Gegenständen die üppigen Mandeln heraus, ließ sich von Gefährten zur rechten und zur linken Seite bald in die »gerichtliche Medizin«, bald zu »Experimentalphysik« oder »Sanskrit« oder den »Versmaßen des Horaz« ziehn. Er gewann zu ganz intimen Brüdern: Löb, den sachlich strebenden Bakteriologen, der zunächst im Schul-Mikroskopieren, bald auch mit eigenen Ideen Geschicktes leistete -- ferner den ruhigen kleinen Krause, der mit Jusstudium eine gründliche Erforschung des jüdischen Wesens und zionistische Propaganda verband. Arnold selbst trat einem deutschen Studentenverein bei und war dort eine Zeit lang der Vertraute des in politischen Dingen jugendlich-energischen und wohlvertrauten Technikers Grünbaum. Grünbaum nahm Malstunden, natürlich teilte sie Arnold mit ihm ... Das Seltsame nun bei diesen nach allen Seiten umsichgreifenden Beziehungen war, daß Arnold mit Sicherheit für jeden seiner Freunde den richtigen Ton traf, daß er niemals dem Waldesau, sondern immer nur dem eleganten Preisruderer Bobenheim unanständige Witze erzählte, daß er mit Grünbaum ebenso schwärmerisch von Rodin, wie mit Löb von »Ehrlich 606« sprach, und wieder daß ihm Professor Ehrlich für Löb den großen Arzt und für Krause den großen Juden bedeutete ... Natürlich war er längst klug geworden und hatte die schwadronierende Art seiner Gymnasiasten-Reden längst aufgegeben; aber die prächtige und beflügelte Sprechweise, der strömende Schwall von Ideen, der auch den Hörer in einen Zustand angenehmer Leichtigkeit versetzte, war geblieben. Hierzu gab nun sein wirklich übermenschlicher Eifer in allen Bestrebungen, der Mut, mit dem er immer seine ganze Person, seinen edelfunkelnden Geist einsetzte, mit dem er immer furchtlos sofort das Herz der Probleme attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines unverwüstlichen Gedächtnisses -- gab Untergrund und Quadersteine für blendende Bauwerke ... Kein Wunder, daß ihn alle Freunde für ein vielseitiges Genie hielten. Als bedeutender oder, wie man unter ältern Leuten sagt, als »gescheiter« Mensch war er allgemein bekannt. Er war jetzt von ziemlich großer Statur, seine Augen lagen unter hohen Knollen der trotzdem freundlichen Stirne, in tiefen bläulichen Höhlungen also, aus denen sie wie schattige Gebirgsseen, klar und doch von unergründlicher Färbung, hervorsahn. Diese großen verfinsterten Flächen teilten zugleich mit dem Nasenschatten, der über der glattrasierten Oberlippe spielte, mit den weißen ebenmäßigen Wangen sein Gesicht überblickbar ein, machten es leicht einprägsam. Dazu der flache breitgerandete Strohhut, der niedrige Umlegkragen, dem der Hals frei und künstlerhaft entstieg, der weite gutgeschnittene Überzieher -- und die markante Persönlichkeit, der angesehene Mitbürger war beinahe fertig ... Auf solche Äußerlichkeit, die sich ja mit der Zeit von selbst einstellte, gab jedoch Arnold wenig; sein Flammenstreben richtete sich vielmehr nur darauf, mit jedem einzelnen der Freunde zu wetteifern und alle zu überflügeln. Er stieg einfach in alles hinein, ohne Berechnung, aus purer Lust. Wenn Löb zu wissenschaftlichen Lektürzwecken Englisch und Französisch erlernte, so begann er gleich noch Italienisch dazu. Las Krause die Bibel im hebräischen Urtext, so verschaffte sich Arnold schon Auszüge aus dem Talmud.