Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden
Part 13
Jetzt verlangte sie aber schon dringend, aus dem Bett zu steigen. Dabei rief sie die Mama zu sich und sagte ihr etwas ins Ohr, was diese sehr zu freuen und umzustimmen schien, denn sie half ihr sofort auf. Auch Arnold unterstützte und es war eine ziemlich schwere Sache, die Beine der Greisin von der hohen Bettkante allmählich vorsichtig auf den Boden zu stellen ... Arnold sah sie nun zum erstenmal ganz vor sich. Sie stand da, in ihrer zerknitterten Nachtjacke und im roten Unterrock, viel kleiner noch als er sich sie aus der liegenden Stellung heraus vorgestellt hatte, mit ganz gewölbtem Rücken, den Hals verfallen, mit einer tiefen Rinne zwischen den schlaffen Muskeln. Langsam atmete sie und ging, indem sie sich zu beiden Seiten am Bett und am Sessel stützte, nur so fortschob. Man brachte ihr Pantoffeln. Ihre Beine waren dünn, doch an manchen Stellen geschwollen, die Adern hervortretend wie hartes rotblaues Holzgeflecht. Und wenn sie ihren Ärmel aufstreifte, sah man die Haut bis zum Ellbogen in zahllosen regelmäßigen Furchen, einem schwachgewellten braunen Meere ähnlich, dünn, beinahe durchgewetzt und so lose, über dem mageren Fleisch, daß sich diese Faltenwellen zusammenzogen und wieder abflachten, wenn sie den Arm rieb. Sie keuchte und bückte sich immer tiefer. »De Füß, de woll'n halt nimmer.« Die Mutter hielt sie fest, hüllte sie in die schwarze Jacke ein und führte sie hinaus. Da hatte Arnold, gerade wie ihr Rücken in der Türe verschwand, einen Moment lang, nur einen Moment, ein flüchtiges unklares unnatürliches Gefühl wie von Sinnlichkeit, diesem widerstandsfähigen Körper gegenüber, dieser historischen Schönheit in all dem Ruin, wunderliches Zeug fiel ihm ein und er lachte keck auf, um es zu verscheuchen.
Nach einer Weile kehrten die beiden zurück. Die Großmutter setzte sich auf das Kanapee, dort sitze sie immer am liebsten. »Aber du willst es doch nicht haben, das Kanapee« widersprach Arnold. Sie hielt es nicht für nötig, ihn aufzuklären, obwohl ihre Miene sehr verständig, gar nicht zerstreut, blieb. Von hier aus konnte sie durch die beiden Guckfensterchen hinaussehn, das eine führte gegen ein mehrstöckiges Hofgebäude, auf der andern Seite war gleichfalls das Licht beinahe ganz durch einen Gartenzaun abgeschnitten, hinter dem man eine grüne Pumpe, ein Gärtchen und einen jener nicht sehr reinlichen engen Wege sah, wie sie seitlich zwischen Hausmauer und Zaun zu führen pflegen ... Über jedes Fenster wußte die Großmutter Auskunft. Dort wohnte ein Koch, ein geschickter Mensch, und dort die Witwe hatte drei Töchter, von denen die älteste an einen Juden verheiratet war und so glücklich, daß die zwei ledigen Schwestern auch nur Juden heiraten wollten. Die Schusterin dort dagegen hatte sie im Verdacht, daß sie ihr ein Pulver gestreut habe, »aus Asis«, wovon sie eben den jetzigen Husten habe. Es war eben eine Freundin von Frau Keller. »Oine mit Moine.« Ihr Schwager habe neulich das Hotel gekauft, in dem jener Koch angestellt war, und so billig ... Der Besitzer war damals betrunken gewesen und habe es ja auch nachträglich zurücknehmen wollen, aber da war es schon »mit Zeugen festgemacht. Ja so ist's in der Welt. Der eine kommt dazü, der andere davon« ... Arnold flocht ein, was er ihr schon vormittags erzählt hatte, daß auch einer seiner Freunde jüngst ein großes Geschäft gekauft habe. »So?« Das hatte sie schon wieder vergessen. Aber mit erstaunlichem Gedächtnis kam sie wieder auf frühere Dinge zurück. Einmal, bei irgend einem Besuch, habe ihr Poldis Frau nur »Nickelsupp« vorgesetzt (womit sie »Kaninchensuppe« meinte), während die Familie selbst Torte zum Mittagmahl hatte. Nickelsupp, so was!... Lauter Erfindungen, kopfschüttelte die Mama ... Ein Fleischhacker habe die kleine Regie heiraten wollen, als sie erst siebzehn Jahre alt war. Die Eltern des Herrn Beer wollten ihr einmal sechshundert Gulden geben, wenn sie die Partie zurückgehn lasse. Aber da sei sie, die Großmutter selbst, aus Wintertal herangefahren und habe ihnen den Kopf zurechtgesetzt: die Hauptsache sei, daß ein Mädel koscher kochen könne, das Fleisch tüchtig einsalzen und da sei ihre Regie die Richtige ... »Eine Idee hast du gehabt, daß ich überhaupt verlobt bin! Ja viel gekümmert hast du dich um uns« sagte die Mutter, mit zärtlicher Bitterkeit, indem sie ein Glas mit Himbeersaft vom Kästchen nahm »Willst du nicht ein bißchen? Sonst trocknet dir noch die Kehle, von dem vielen Erzählen.« -- »Hast e Geruschber! Stell das Tippele hin.« -- »No ein bißchen.« -- »Aber Mama, du mußt doch deiner Mama folgen. Wirst du gleich das Tipfel hinstellen« befahl Arnold mit komischem Ernst.
Ohne zu klopfen war der Doktor eingetreten, ein stattlicher Mann mit blondem rundgeschnittenem Vollbart, er lächelte: »No, Mutterle, wieder ganz beinand.« -- Arnold machte sich ihm bekannt, die Mama kannte ihn schon von früheren Krankheitsfällen her: »Nicht sagen läßt sich die Mutter, sie folgt halt nicht.« -- »No, wir werden sehn« erwiderte der Doktor, fühlte den Puls: »fieberfrei.« -- »Die Mutter will die Medizin nicht nehmen« klatschte ihm die Mama. -- »Medizin müssen Sie nehmen, Frau Goldberg, das geht nicht«. Er sprach laut und eindringlich zu ihr, wie man gewöhnlich zu ganz alten Leuten spricht, er drohte beinahe »das geht nicht«, doch, wie es schien, ohne auf besondere Wirkung zu rechnen. Sie nickte, ängstlich und folgsam. Indessen hatte man ihm einen Sessel gebracht, mit einer Geberde, als sei dies ein Vorzugssessel, obwohl nur zwei ganz gleiche da waren. Er ließ sich nieder, indem er auf seine breiten Schenkel klatschte: »No, hammer uns wieder aufgerappelt, was?« und legte seinen Kopf an ihren Rücken. Nach vorn gebeugt saß die alte Frau auf dem Kanapee, die Augen ins Ungewisse, geduldig wie ein Lammerl, während der Doktor, immer den Kopf an ihrem Rücken, mit dumpferer Stimme redete: »Was wollen Sie haben, gnädige Frau Beer, man muß sie lassen, sie weiß schon selbst was ihr am besten taugt ... Tut es Ihnen hier weh« fuhr er in veränderter Stimmlage fort, während er den Rücken der Großmutter mit einem Finger beklopfte, dessen Spitze er aus der Krümmung hervorschnellen ließ »Nein? und hier? Ein bißchen. Und hier?... Wie viel Kinder haben Sie gehabt.« »Vier« war die Antwort mit schwacher befangener Stimme. Die Mutter war erschrocken, machte Zeichen gegen Arnold hin, nein, was sich diese Großmutter schon alles einbildete, sie waren doch nur drei gewesen. »Ans is tot zur Welt gekommen« sagte die alte Frau, ihre Gedanken erratend. »Davon hab ich aber bisher kein Wort gewußt« flüsterte Mama, doch schien sie diesmal eher zum Glauben geneigt. Der Doktor pochte weiter. Nun als schiebe er die Patientin beiseite, richtete er sich auf: »Ein Vergnügen, das Mutterl zu sehn. In meiner Praxis sind mir noch nicht viele solcher Fälle vorgekommen, was glauben Sie. Keine Spur von Altersschwäche. Gehör, Gedächtnis, Augen, alles intakt. Sie können von Glück reden.« Was spricht er, dachte Arnold, er tut, als wäre die Großmama gar nicht vorhanden, und trotz all seiner Gemütlichkeit und Freundlichkeit schien ihm der Doktor dumm und unfein, eben mit dieser alten Frau verglichen. Und nun gar, als er abschweifte und von seiner Praxis zu reden anfing, sich breit machte mit Sechs-Uhr-früh-Aufstehn und Arbeiten-bis-zehn-Uhr, und dann noch die Gutachten für Gerichte, Versicherungsanstalten, das Geschmiere, was glauben Sie ... Arnold fragte ihn, wie lange es mit der Krankheit noch dauern könne. »Husten Sie noch?« wandte sich der Arzt an die Großmutter, der die Mama indessen wieder ins Bett geholfen hatte. »Ja, e bissele.« »Ich werde Ihnen ein anderes Mittel aufschreiben« sagte der Doktor und zog auf einen Ruck die Füllfeder und sein Ledertäschchen mit dem Rezeptblock hervor, legte es aufs Knie und schrieb. »E Mittel mecht ich habn, unter die Erd zu kommen« sagte die Großmutter, wie aus einer andern Welt her, und schaute ihn dabei mit einer gewissen überlegenen Schalkhaftigkeit an. »Aber Mutterle, über der Erde ist's doch viel schöner ... Nicht?« wandte er sich breitspurig an Arnold und die Mama »Über der Erde ist's doch viel schöner, was glauben Sie.« Er zeigte lachend seine großen weißen Zähne und meinte noch, sachlich: »So lange sie hustet, ist's gut. Der Schleim muß heraus ... Ja, gestern wie ich hier war, da hab ich nicht gemeint, daß sie sich so schnell wieder herausmachen wird. Aber das ist es halt, dieses Fieber tritt manchmal auf, es ist noch nicht genügend beobachtet worden, in den medizinischen Fachschriften finden Sie nichts darüber, nur ein Praktiker kann Ihnen das sagen, dieses Fieber also tritt bei älteren Leuten mit einer enormen Heftigkeit auf, achtunddreißig, vierzig Grad, man meint, jetzt muß die schönste Influenza kommen, mindestens ein Typhus. Und dann ist's auf einmal nichts. Reines Fieber und vorbei, aus.« In Arnold erwachte für einen Moment die Erinnerung an zahlreiche ermunternde Gespräche mit seinem Freund Löb: »Nun, werden Sie das nicht genauer beobachten? Werden Sie nicht darüber schreiben?« -- Der Arzt sah ihn förmlich mitleidig an: »Ich und schreiben! Wo hab ich denn Zeit« und er kam auf seinen seltsamen Studiengang zurück, beinahe wäre er Dozent geworden, nun, man wisse nicht, ob es so nicht besser sei. Die Arbeit sei sein größtes Vergnügen, da fühle sich der Mann. Von früh bis Abend zu tun.... Die Mama war beunruhigt: warum er bei so einem großen Einkommen nicht heiratete ... Er lachte kräftig: wozu er das nötig habe, ihm fehle ja nichts, er sei zufrieden ... »Dos da« mischte sich jetzt die Großmutter ein, die nur scheinbar teilnahmslos dagelegen war »Dos da is e Köppile, mei Arnoldele, der is ach tüchtig, der hat Chochme, er schreibt ach in Zeitungen.« Das hatte ihr die Mutter erzählt und jetzt brachte sie es instinktiv gegen die Protzereien des Doktors vor. »So, das interessiert mich aber sehr« wandte sich der Doktor an ihn und redete längere Zeit darüber, daß er sich nicht oder doch erinnere, seinen Namen einmal gelesen zu haben, und: »Was für ein Genre kultivieren Sie?« Er werde von nun an achtgeben. Bei der Erwähnung von Arnolds Reisebriefen kam er auf seine Reisen zu sprechen, jedes Jahr zwei Monate lang -- was glauben Sie, einmal im Jahr muß man tüchtig ausspannen. Er gab sich in diesem Zusammenhang auch noch als »Nimrod« zu erkennen. So blieb er beinahe eine Stunde und Arnold sagte sich, daß er freilich auf diese Art mit seinen Patienten bis Abend nicht fertig sein könne. Doch sofort korrigierte er sich innerlich: es ist dies ja seine einzige Visite, das betrachtet er wohl nur als Erholung, ich habe ja den Andrang in seiner Wohnung gesehn -- nur nicht ungerecht sein -- so ein netter Mensch. Die Großmutter schien er allerdings über seinen Erzählungen etwas vergessen zu haben, nur als sie hustend seufzte, rief er ihr zu: »Was wollen Sie! Sie sind die Gesündeste hier im Zimmer. Sie werden uns noch alle überleben.« Im Weggehn stieß er an die Kohlenkisten und, als müsse er alles wiederholen, was Frau Lichtnegger über ihn berichtet hatte, ließ er zum Abschied den Witz fallen: »Nun, was für Schätze haben S' denn da eingesperrt, Mutterle. Das ist ja wie im Märchen.«
Sie atmete auf, als er draußen war: »Hast e Kol gehabt. Alles nur was wahr is.« Dann wurde sie stiller, da gegen Abend ein leichter Fieberrückfall sich wieder einstellte ... Arnold mußte ans Weggehn denken, es war spät geworden, und in einer angstvollen Unruhe fragte er sich, ob er noch einmal im Leben dieses liebe Gesicht, den eingesenkten Mund, den er küßte, wiedersehn würde, ob das nicht ein Abschied für immer sei ... Er konnte nichts herausbekommen, was ihren Anschauungsformen entsprochen hätte. Und doch, wie gern hätte er etwa vorgebracht, daß dieses Wintertal, bisher ein ihm gänzlich gleichgiltiger Flecken, von nun an eine ungeheure Bedeutung für ihn habe -- daß er es stets in seinem Rücken wie eine Festung spüren werde -- oder was für eine seltsame Reise hierher das eigentlich gewesen sei, da er von der Stadt aber nicht den geringsten Eindruck gewonnen habe, nicht einmal wisse, wo der Marktplatz sei, daß diesmal sich alles nur zu ihrem Bilde verdichtet habe und alle Straßen nur Linien waren, die durch farblose Luft zu diesem Bilde hinführten ... Er stammelte und, während er rot wurde, fühlte er, daß seine Wangen schon von früher her heiß waren, daß er wohl seit dem Morgen mit dieser Röte gezeichnet herumging. Und plötzlich brach ihm ein Strom von Tränen wie aus dem Innern des Kopfes hervor, in die Augen, während er sich zu ihr niederbeugte: »Großmutter, liebe, liebe ...« -- Die Großmutter indessen schien sich über den Abschied weniger aufzuregen, als er gefürchtet hatte. Nur ihre Hände zitterten, die sie ein Weilchen auf seinem Kopf hielt, um ihn zu segnen.... Die Mutter blieb wohl noch zwei Tage lang hier, sie trug ihm auf, einiges dem Papa und den Dienstmädchen auszurichten ... In der Stube war es nun ganz dunkel. Die Mutter hatte eine neue Petroleumlampe gekauft und schickte sich an, sie anzuzünden, während Arnold langsam hinausschritt. In der Türe blickte er sich um, fing aber keinen letzten Blick der Großmutter mehr auf, da sie gerade der Mama angelegentlich, mit gespanntem Gesicht in die Hand schaute. Der Docht flammte auf und beleuchtete ihre Stirn, auf der die zwei Halbkugeln über den Augenbrauen je einen blitzenden Punkt bekamen, wie selbstleuchtende kleine Sonnen. --
Beinahe verfehlte er den Zug. Welchen Zug denn? -- Natürlich nicht den in seine Heimat, sondern über Dresden nach Berlin. -- Sowie er die Hütte verlassen, hatte ihn nämlich dasselbe Gewirr wie zu Mittag befallen. Auf dem Bahnhof aber war mit einem Mal sein Plan fertig, wurde ihm wie auf einem Teller von unsichtbarer Hand vor das Gesicht geschoben: sofort an Gottfried Eisig telegraphieren, daß er den Journalistenposten in Berlin annehme, den Eltern dasselbe, und sofort nach Berlin abreisen, obwohl es dort nur hölzerne Treppen, keine steinernen gab. -- Plötzlich sah er sich aus den kleinen Verwicklungen seiner Heimatstadt herausgehoben, vor ein neues Leben gestellt, als hätte ihm die Großmutter erst gezeigt, wie groß die Welt sei und wie verschiedenartig die Möglichkeit zu wirken für den Energischen. Und zwischen den glatten hellerleuchteten Wänden des Eisenbahnkoupees, den Blick auf das schwarze Viereck des Fensters geheftet, auf die Nacht da draußen, überkam ihn eine schier übermenschliche Freude ... Was lag ihm am Komitee, was an Lina! Es würde schon nicht das Ärgste geschehn, es würde sich schon irgendwie aussitzen. Was war denn eigentlich dabei. Ihre Worte klangen ihm im Ohr: An Heiratsanträgen habe ich keinen Mangel. Und dann, sie hatte sich ihm an den Hals geworfen, mochte sie dafür büßen. Ebenso dieses Komitee, genau so ... Er spürte in sich den bisher nie geahnten Willen, hart und rücksichtslos vorzugehn, über die Köpfe dieser unbedeutenden Menschen, die sich an ihn hängten, mit Gleichgiltigkeit hinweg. Und lustig noch dazu, ohne viele Umstände. Diese Lina -- den ganzen Tag hatte er an sie nicht gedacht -- jetzt erinnerte sie ihn mit ihrem Gerhart an der Hand an die klägliche Frau Lichtnegger mit ihrem einfältigen Jungen, nur daß sie noch außerdem diesen Exophthalmus hatte, den ekligen, diese kupplerischen Rollaugen, die ihm sogar krankhaft schienen, da er sich nun auf den medizinischen Namen besonnen hatte. Es war ihm fast, als hätte sie ihn beleidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg damit! Es war nicht die Hauptsache ... Vielmehr dies: tüchtig sein, endlich etwas leisten, mit sich selbst zufrieden sein, so lange man lebt, und wenn man schon die unglückliche Gabe der Vielseitigkeit und Gewandtheit in sich hat, diese Üppigkeit in den einzig hierfür möglichen Beruf leiten: den Journalismus. Er hatte die bescheidene Idee, daß dies allerdings nicht das Letzte, Tiefste, für die Menschheit Wichtigste sei -- und doch, nun da er erkannt hatte, daß darin seine eigentliche Begabung lag und daß sein Leben eigentlich von Jugend an darauf hingezielt hatte, nun fühlte er eine Liebe zu dieser Öffentlichkeit und allseitigen Bewegung in sich, ein Feuer, das selbst einen geringeren Gegenstand geadelt hätte. Es war ja so schön: reden, schreiben, heiß sein, immer im Galopp, aus der weißen kreidigen Asphaltwüste einer ungeheuren Stadt Lorbeerhaine und grüne duftende Zedern aufreißen, alles mit sich ziehn, Bühnen gründen, Vereine, neue Stile, Warenhäuser, Reichtümer -- o, es mußte glücken! Denn nun liebte er auch sich selbst -- zum erstenmal in seinem Leben -- sich selbst und alles, was aus ihm herausdrang. Er war allein mit sich und doch nicht unzufrieden wie sonst immer, er fand sich selbst sympathisch, so wie er sich als Resultat der Wanderungen und Untaten seiner Väter erkannt hatte, ihrer Jahrtausende alten Verblendungen, ihres Blutes, ihrer Tugend und ihres Überschwangs. In seinem unmäßigen Temperament faßte er heute zum erstenmal das Erbe jenes biblischen Zornes, mit dem ein Volk von Raubtieren aus der Wüste sich über den Jordan schüttet und die Städte unbekannter Stämme mit der Schärfe des Schwertes austilgt, jenes Zornes, den Simson in lachenden, vor Lachen beinahe sinnlosen Heldentaten ausübt. Arnold fühlte Boden unter seinen Füßen, das war es, zum erstenmal ... und wie sich ihm eine ganze Nation, eine Reihe von klotzstirnigen gewalttätigen aufdringlichen Ahnen erschloß, zu deren Füßen unglückliche Opfer, häßlich schreiend, verbluteten: so spürte er doch zugleich auch in sich all ihre in die Luft verhauchten Zärtlichkeiten, ihre feinnervige Sehnsucht, ihr Klagen wie das Rauschen eines Waldes, ihr freundliches und gescheites Aufpassen mit Lichtpunkten in den Augen, ihre kühnen unerschrockenen Würfe, ihr natürliches Führertum und Erzählertum, ihren selbstverständlichen Lebenswandel, den man fast fromm nennen konnte, und ihre Ergebung in das große Schicksal aller Menschlichkeit, nicht zu ergründen und deshalb nicht zu beklagen.
So saß er und bald beschäftigte ihn, da die Erregung nachließ und endlich der feste Entschluß wie ein starrer Goldklumpen zurückblieb, nur der Gedanke, ob er auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin rechts oder links aussteigen werde. Das heißt: er wußte, nach der Fahrtrichtung, daß der Zug von Südosten in den Bahnhof einfahren müsse und daß also zur rechten Hand auszusteigen sei, denn auch die Lokalität dieses Bahnhofs war ihm von früheren Berliner Aufenthalten her wohlbekannt. Beim Einsteigen in Wintertal mochte er aber irgendwie die Richtungen verwirrt haben, kurz, nun hatte er immer das Gefühl, daß der Bahnhof links kommen werde. Er rückte von einer Bank auf die andere, versuchte gleichsam seinen Kopf umzudrehen, umzustülpen, vergebens, die richtige Orientierung wollte sich nicht mehr einstellen. Endlich ergab er sich in seinen Wahn, lächelnd, da die Lösung bei der Einfahrt sich sowieso von selbst einstellen mußte, und nahm die seltsame, ja geheimnisvolle Unordnung dieser Nachtfahrt für den letzten Ausklang seiner jugendlichen Ziellosigkeit, die jetzt für immer abgetan war.
Nachwort
Dem geneigten Leser wird es nicht entgehn, daß der Dichter in diesem Buche mit verstärkter Entschlossenheit in einer Richtung fortschreitet, die er in seinem letzten Roman »Jüdinnen« begonnen hat.
Da also Vorwürfe und Einwände, die gegen die »Jüdinnen« erhoben wurden, das neue Buch wiederum treffen dürften, und zwar verdoppelt -- denn man wird mit Recht dem Dichter vorhalten, daß er auch wohlwollende Ausstellungen sich nicht zu Nutze hat machen wollen, man wird ihn engherzig und verstockt nennen --: so wird es wohl nicht müßig scheinen, wenn ich auf einige dieser Vorwürfe an dieser Stelle eingehe, nicht um sie zu entkräften -- denn kann ehrlich aus dem Herzen Geschleudertes jemals entkräftet werden --, sondern nur, um zu zeigen, wie ich diese Vorwürfe in meinem Innern geordnet, gruppiert, teilweise mit meinem Willen in Übereinstimmung gebracht und teilweise der allgemeinen Harmonie der Welt zum Ausgleichen überlassen habe.
Nun an die Sache!
Da sei zunächst für das vorige Buch, wie für dieses und für alle meine zukünftigen das Mißverständnis, als seien in den hier handelnden Personen irgendwelche lebende Menschen meiner Umgebung porträtiert worden, weit zurückgewiesen. Wohl haben Beobachtungen des Wirklichen und Gedanken, die mir das Leben selbst eingab, in meine aufbauende Arbeit bewußt und unbewußt eingespielt; doch hat jedes, auch das geringste tatsächliche Detail durch seine Einfügung in ein ganz andern Gesetzen und höheren Zielen folgendes Ganzes so gründlich seine Wesenheit geändert, daß ein Rückschluß von dem Kunstwerk auf den verarbeiteten Rohstoff zu den willkürlichsten Irrungen führen muß -- wie denn überhaupt der Satz, daß alle in einem Kunstwerk irgendwie vermutete handgreifliche Wirklichkeit sich letzten Endes als eine Wirklichkeit höheren Ranges, mithin für den gemeinen Kopf als ein bloßer Schein darstellen muß, hier durchaus und im strengsten Sinne statthat.
Ein ebenso entschiedenes »Nein« kann ich der zweiten Gruppe der Unzufriedenen nicht entgegensetzen: denen, die die Figuren meines Romans »Jüdinnen« oder doch ihre Mehrzahl als »unsympathisch« bezeichnet haben. Zwar liegt auch diesem Urteil eine allzu enge Anschmiegung von Lebens-Maßstäben an das Kunstwerk zu Grunde und das Beiwort »unsympathisch« gehört eher in die Schule des täglichen Verkehrs als in den Mund eines Kunstrichters: doch will ich mich auf diesen frostigen Standpunkt nicht zurückziehn, lieber gestehn, daß ich selbst mit den erfundenen Gestalten der »Jüdinnen«, mit Irene, Olga, Hugo und den andern, nicht nur durch literarische Gefühle, auch durch menschliche Parteinahme und Liebe mich verbunden fühle. Durch Liebe: damit habe ich ausgesprochen, was ich auf den Vorwurf des »Unsympathischen« zu erwidern habe. Ich gebe zu, daß meine Gestalten, als Menschen betrachtet, böse Züge und Charakterfehler aufweisen; aber eben ihr Fehlerhaftes und damit das Fehlerhafte eines ganzen Menschentypus, zum Beispiel aller Jüdinnen wie Irene, als etwas durch ungünstige Lebensumstände Bedingtes, als Krankhaftes, Unverschuldetes, Notwendiges, durch besondere Zufälle sogar Heilbares anzusehn, das wollte ich lehren. Für mich ist Irene weit eher bemitleidenswert als unsympathisch. Der flüchtige Betrachter nur wird bei einem Verdammungsurteil über unglückliche Wesen stehn bleiben, deren Aufschreie, deren tüchtigen Kern und bis an das Himmelsgewölbe reichende Wichtigkeiten meine eindringendere Darstellung aufdecken wollte, die freilich ohne eindringenderes Lesen, ja Studium des Buches wirkungslos bleibt.
Von hier ist nur ein kleiner Schritt zu machen, um dem Tadel, diesen Büchern fehle die »Handlung«, entgegenzutreten. In ihnen ist freilich keine Kaiserkrone zu vergeben, auch Mord und Raub kommt nicht vor. Es werden Vorgänge geschildert, die einem Nichtbeteiligten oft als geringfügig erscheinen mögen. Aber eben nur dem Nichtbeteiligten. Daß aber die Geschehnisse die ganze Seele der handelnden Personen, ihr Edelstes und ihr Niedrigstes, aufwühlen, daß nur von außen gesehn alltägliche und langsam fortschreitende Tatsachen, aus dem Herzen der Betroffenen gesehn aber schnelle Umstürze, Überraschungen, Verwicklungen, Mord und Raub vor sich gehn: das haben fühlende Leser wohl nicht unbemerkt gelassen und das weiter auseinanderzusetzen, würde mir wenig anstehn.