Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden

Part 12

Chapter 123,793 wordsPublic domain

Er war enteilt. Auf der Gasse erst, in frischer Luft, durch die hindurch man nahe Wälder zu spüren glaubte, fiel ihm ein, daß er heute den ganzen Tag bisher in der Familie verlebt hatte, noch keinen Augenblick allein. Das war ihm seit Jahren nicht mehr geschehn, noch gestern hätte er es für unmöglich gehalten. Vielleicht hing auch seine eigentümliche Verwirrung damit zusammen, die ihn förmlich hinderte, klar geradeaus zu sehn und sich über das, was er sah, Gedanken zu machen. Die Häuserfronten liefen nur so wie lange Gartenmauern, ohne Abwechslung, an ihm vorbei und er bemerkte es nicht, ob er über breite Plätze schritt oder durch einen Park, an einem goldglänzenden Kaiser-Josef-Denkmal vorbei. Nur, daß hier und da, mitten zwischen eleganten Häusern, auch noch solche Schindelhütten standen, wie die der Großmutter, fiel ihm auf, dann daß die meisten Firmatafeln kleine schwarze Glasplatten mit eingeritzten Buchstaben waren, was einen zierlichen sauberen Eindruck machte. Doch beschäftigte ihn dies nicht weiter. Nur die eine Frage hatte er im Sinn und wiederholte sie oft an Vorübergehende: »Wie komm ich hier zu Doktor Heiger?« Mechanisch folgte er ausgestreckten Fingern, eindringlich undeutlichen Worten, ging bergauf bergab, die zweite Gasse hinter der Ecke wieder geradeaus. Endlich fand er das Haus, immer mit summendem Geräusch im Kopf, stieg Steinstufen hinauf, die ihn daran erinnerten, daß er noch in Österreich war, wenn auch nahe der Grenze (in Deutschland gibt es nur Holztreppen, dachte er), an einem Kontor vorbei, vor dem Kisten beinahe den Weg versperrten (aha, der Export). Dann trat er in ein menschengefülltes Wartezimmer ein. Im Arm einer Frau schrie ein schwarz verbundenes Kind leise auf. Manche von den Leuten standen in stumpfsinnigem Brüten direkt vor der Tür ins Ordinationszimmer, wie bereit, sofort mit höchster Aufregung hineinzuspringen. Andere seufzten auf dem Kanapee, in bequemen Fauteuils saßen sie in unbequemen Haltungen, gelbe Zettelchen in der Hand, vielleicht von einer Krankenkasse. Arnold erkundigte sich, er lief ungeduldig wieder hinaus, jemand sagte ihm: »Ja, bei Doktor Heiger da muß man sich in Geduld fassen«. »Ist er drin?« fragte Arnold. »Ich weiß nicht.« -- Was für idiotische fischblütige Leute, sie kamen ihm wie seiner unwürdig vor, er hatte das Gefühl, als errege er hier allgemeines Aufsehn, als schlage er mit Armen und Beinen um sich, obwohl er äußerlich ruhig blieb. -- Wie ein Labsal, eine Zuflucht erschien ihm nun die Erinnerung an die Großmutter. Was war es denn eigentlich, was ihn an ihr so entzückte, diesen Bürgern hier so Entgegengesetztes? Ihr Charakter doch nicht? Es fiel ihm ein, daß ihm manche ihrer Eigenschaften an einem andern Menschen förmlich widerlich gewesen wären. Man konnte es auch nicht als Tüchtigkeit oder als Ehrwürdigkeit bezeichnen, als die Weisheit des Alters, nicht so und nicht so. Vielleicht ein Zug von Freiheit, von unbewußter und derber Hoheit? Eine Figur aus dem Alten Testament? Nein auch das wollte nicht ganz stimmen. Und was hätte sie gesagt, wenn er Ähnliches zu ihr selbst geäußert hätte? Was für Augen hätte sie gemacht? Wofür hielt sie eigentlich sich selbst? Dachte sie je darüber nach? Glaubte sie an Gott?... O da war etwas, wofür es in keiner Menschensprache noch ein Wort gab! Er verstand es nicht --, nur dunkel fühlte er, daß sie unterhalb der Zuckungen seines forschenden Verstandes, tief irgendwo in Regionen dunkler Instinkte, Vererbungen, Verwandtschaften ihn wie mit gebietender Stahlhand ergriff und seine Eingeweide in eine neue Ordnung zurechtzerrte. Unklare Pläne stiegen in ihm auf, mit denen seinem ganzen Leben bisher und von hier an ein neuer Sinn zu geben wäre, Funken ins Pulverfaß, ja selbst genaue Entschlüsse für die nächste Zukunft, an die er aber sofort wieder vergaß im Bewußtsein, daß sie ihm auch so unverloren nahe blieben. Im ganzen befand er sich in einem Zustand äußerster Verwirrung und Ordnung zugleich, ähnlich einem guten Schüler vor dem Examen, in dessen Kopf alles gegenwärtig ist und doch nichts faßbar, und dieses nicht Faßbare, nicht Sichtbare wieder nicht in starrer Ruhe, sondern in unaufhörlicher Bewegung wie unter einer dünnen Hülle kreisend und in solcher Menge, daß nichts vortreten kann außer auf einen äußern Anlaß hin, aber dann wird schon das Richtige in Hülle und Fülle aus dem Chaos herausmarschieren, und diese Zuversicht gibt dem dumpfen satten Kopf schon jetzt eine Art von schöpferischer Einheit, wenn er auch vorderhand noch zerstreut andern Dingen nachtaumelt, die er gerade vor sich sieht ... In dieser Verfassung starrte unser Mann durch das Fenster in einen benachbarten Garten und nur ganz oberflächlich, ohne daß es seine Seele in der eigentlichen Arbeit störte, kamen ihm Gedanken wie der etwa, daß diese Aussicht nicht sehr schön sei -- oder daß das Bild dort an der Zimmerwand »Apollo und die Musen« oder den »Athenäenzug« vorstellen möge, kurz etwas Klassisches und daß es wohl ein Gymnasialkollege dem Doktor gemalt und geschenkt habe, vielleicht als Pfand für ein Darlehn gegeben; denn kaufe ein Landarzt Bilder? Was für Dinge übrigens! Was ging ihn dieses Bild an, die Griechen, die andere Welt, die fremde Kultur ... Plötzlich dauerte es ihm zu lange. Er stürzte wieder aus dem Zimmer, in die Küche, gab der Köchin ein Billett für den Doktor und lief weg.... Ein Festzug hielt ihn auf. Was, da gab es ja auch dekorierte Häuser, Musik. Das Schützenfest, ach so! Was für ein naiver Unsinn! Deutlich fühlte er, daß dieses helle, blonde, einfache Treiben nicht seine und seiner Großmutter Welt war. Für Bobenheim hätte das gepaßt. Auch Fahnen hatten sie im Zug, bunte, wirklich komisch ... Er suchte durchzukommen. Mit Gewalt drängte er sich in die Menschenmassen wie in etwas Feindliches und war erstaunt, als man ihm höflich Platz machte. Dann fiel ihm ein, daß er sich eine neue Krawatte hatte kaufen wollen, der Großmutter zu Ehren. Er kaufte eine, die violett und blau changierte. Wie wenig hatte er die Frau überhaupt geehrt, nicht einmal etwas mitgebracht aus eigenem Antrieb. Er kaufte beschämt Pfirsiche, Kirschen, Schoten ... das alles nur, während im Innern seine Seele nach ganz andern grundlegenderen Dingen suchte ... Je mehr er sich aber der Wohnung der Greisin näherte, desto mehr klärten sich seine bis zur Qual verfitzten Ideen, sie senkten sich gleichsam aus den Wolken zur Erde herab, kristallisierten sich und verwandelten sich eben in den steilen Fußpfad und Großmutters Hütte in demselben Augenblick, in dem er an dem eleganten Zweistock vorbei diesen Fußpfad und die Hütte erblickte.

Er stieg die Treppe hinauf und sah dabei flüchtig zur Seite in die Vorderwohnung, wie anständig und rein konnte es also in so einer Hütte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern Gang, wo überall leere rötlich durchscheinende Lagerbierflaschen standen, klopfte ihm das Herz, alles war so anheimelnd und doch unbekannt, so von Zärtlichkeitswolken erfüllt. Er stieß an ein großes umgestürztes Holzschaff, endlich fand er die Türe.

Ein überraschender Anblick bot sich ihm. Drei alte Frauen saßen und standen am Bett der Großmutter und plauderten mit ihr in einem solchen Schwall von Jargon und schlesischem Dialekt, daß nichts zu verstehn war. Sie sah jetzt viel besser aus, das Gesicht war größer, die Wangen in einem natürlichen Rosa, die Falten milder. »Nu, kommste doch, jech hab scho gemant, dü kommst nix mehr.«

Er mußte sich entschuldigen: daß er beim Doktor gewesen war und Obst gekauft hatte. Die Großmutter nahm seine Hand und schaute ihn liebevoll an: »Ganz schön wär's doch, wenn du ach noch dazü e Madele hättst, Regie.« Dabei wandte sie sich, etwas furchtsam, an Arnolds Mutter, die auf dem Kanapee saß. -- »Ich dank dir« war die unfreundliche Antwort. Jetzt erst bemerkte Arnold, daß die Mutter rote Augen hatte. Er setzte sich neben sie und erfuhr alles. Natürlich, sie hatten die kurze Zeit, die sie unter vier Augen allein waren, zu einem ausgiebigen Zank benützt. Zuerst war die Großmutter ohne sichtbaren Anlaß, aus sich selbst heraus, in Aufregung geraten, hatte geweint und sie tausendmal um Verzeihung gebeten, sie solle ihr nur, ehe sie sterbe, alles verzeihn, was sie ihr angetan habe. Darüber natürlich war die gute Mama in Rührung und unendliche Tränen geraten. Nach einer Weile, bei einer geringfügigen Sache, die Mama wollte ihr eine Schüssel mit Sand ausreiben, habe die Großmutter wie verrückt geschrien: »Ich waß, du willst, ich soll sterben, und just tu ich dir nicht den Gefallen.« Darauf seien die Freundinnen gekommen ... Es sei wirklich nicht mehr auszuhalten ... Aber Gott sei Dank, die Sardinenbüchse habe sie über Mittag fast leer gegessen, sie esse eben am liebsten nur, wenn sie allein sei ... Arnold tröstete sie, er fühlte eine tiefe Liebe zu dieser netten friedlichen Dame, seinem Mamachen, die in ihrem weichen Herzen alles so ganz anders auffaßte als er selbst, doch zugleich empfand er freilich auch über diesen neuen Vorfall eine schwer erklärliche Freude an der Großmutter, wie an einem seltsamen Naturschauspiel, einem Nordlicht vielleicht. -- Und daß sie in diesem Alter noch Freundinnen anzog, jüngere rüstigere Weiber, die von ihr beherrscht, kaum neugierig nach ihm zu blicken wagten, daß ihre enge Stube menschengefüllt war: riß ihn zur Bewunderung hin. Also war sie doch nicht so verlassen. Und nun mahnte sie sogar die drei zum Aufbruch: »Es is Wochenmarkt heunt« und stellte sich damit selbst mitten in ihre Unternehmungen, in das regelmäßige tätige Leben. Gar nichts von einer Ausgedingerin hatte sie, das war schnell zu sehn, gar nichts von der humpelnden lästigen Halbtoten, die sich hinter dem Ofen wärmt.

Die Mutter wollte die drei mit städtischer Höflichkeit hinausbegleiten, knüpfte ein Gespräch an, aber vom Bett her flüsterte es: »Loß se geihn. Gib ihnen ka Tschüwe«, -- auch im leisen Reden wurden die betonten Worte gesungen, manchmal mit zwei oder drei verschiedenen Noten gleichsam.

»Also der Doktor kommt gegen fünf Uhr« sagte Arnold, als sie allein waren.

Aber kaum hatte sich die Türe geschlossen, so begann die Großmutter in den erbittertsten Tönen von diesen Frauen zu sprechen, von der einen besonders, die sie soeben noch mit »mei goldene Frau Keller« angeredet hatte. »Verschwarzt soll se gehn« rief sie, auf Arnolds Erkundigungen. Flüchtig erinnerte er sich an seine unwillkürliche Doppelzüngigkeit gegen seine Freunde, der Vergleich mochte wohl nicht zutreffen?... Die Mutter aber war über dieses Benehmen entrüstet: »Schämst du dich nicht.« Aber der alte trockene harte Körper schämte sich nicht, er erklärte im Gegenteil, aufstehn zu wollen, es sei ihm schon ganz gut und das Faulenzen habe keinen Zweck. Als man dies abgewendet hatte, erneuerten sich die Klagen des Vormittags: »Mei Zores, mei Kopf« ... »Was für Sorgen« wandte sich die Mama ziemlich derb an die Großmutter »du hast ausgesorgt. Was du brauchst, schicken wir dir. Wenn du mehr willst, mußt du uns nur zwei Worte schreiben. Du hast nichts zu tun als zu essen, zu trinken und spazieren zu gehn.« Ein Projekt kam zur Sprache, das die Großmutter schon einmal vorübergehend gebilligt hatte, nämlich: sie solle ganz zur Frau Fischmann, zu einer der drei Freundinnen übersiedeln, dort zur Miete wohnen. »Die Klafte« schrie sie, daß die Kissen sich bewegten »die rotzedige Klafte!« Nicht herauszubringen, woher dieser Groll sich schrieb. Kurz, sie lehnte es ab, sie geniere sich (dieses Fremdwort brachte sie vor) unter fremden Leuten, einmal wolle sie spät schlafen gehn und einmal bald und einmal nach Bequemlichkeit den Topf benützen und einmal etwas verdienen, mit einem Wort sie wolle selbständig bleiben. Und sie fügte hinzu, wie erdichtend, um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben: »Die Fischmann, die is doch gechitzt. Die is doch plem-plem« und fuhr mit der Hand, mit gekrümmten vier Fingern nahe an der eigenen Stirn auf und ab.

Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erzählte ihr Arnold, daß er bald nach Berlin fahren werde. Wirklich war einmal die Rede davon gewesen, daß er in ein Konfektionshaus in Berlin als Volontär für ein Jahr eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger hatte ihn wieder daran erinnert. Zugleich aber fiel ihm jetzt im Reden ein, daß er ja in Berlin zugleich diesen von Eisig angebotenen Journalistenposten annehmen könne und, obwohl er das nicht aussprach, verließ ihn der Gedanke nicht mehr. »Gib nur schön acht und sei gesund. Da is ach zü der Hausfrau neilich e Mädel zugezogen aus Wien und nebbich nach e paar Täg is se gestorben.«

Arnold verstand wieder den Zusammenhang nicht, erst später, als von etwas anderem die Rede war, fiel ihm ein, daß »Luftveränderung« das Bindeglied gewesen sein mochte.

Denn nun ging es in einem Zuge weiter. Die Großmutter, gesprächig und bei allen Kräften, schien nur Anlässe zu neuen Erzählungen zu suchen und all dies machte nicht etwa den Eindruck, als ob sie Arnold als Gast unterhalten wollte, sondern die reine Freude, sich mitzuteilen, sprach aus der klangvollen und ruhigen Stimme, die mühelos ihrem ungetrübten Geiste, ihrer Lebenskraft zu entströmen schien und dadurch den Hörer unmittelbar einnahm. Arnold verglich sich freudig mit ihr. »Seh ich der Großmutter nicht ähnlich?« fragte er die Mutter. Ja, es sei auffallend. »Aber wie willste mir ähnlich sei« lachte die Großmutter. »Ich bin doch bald iber hündert Jahr und du nur e Ableger noch.« »Wie alt bist du eigentlich?« mischte sich die Mutter ein »die Großmutter macht sich immer älter als sie ist, auch so eine Laune.« Aber die Großmutter wußte gar nicht, wie alt sie sei, es war ihr auch gleichgiltig. »Ich möcht scho gern weg. I war lang genüg do. Ich bin so nur allen zur Last und mir ach.« Seltsam, daß solche Reden den Eindruck ihrer Lebensfreude nicht abschwächten, eher verstärkten. Ob sie noch einmal jung sein wolle, fragte Arnold. Ohne direkt zu antworten, begann sie von einem Onkel Jermige zu erzählen »der hat mich emol im Theater aufgeführt, der gute Jermige, alles hat er verschenkt aus Rachmonis, an die Arme, und selbst is er im Dalles gestorben, nebbich Jermige. Selig, habn se geschrien, damals in dem Stück, selig, wenn man noch jung is. Warüm denn, hat man gefragt. No da tragen se einen auf den Armen. Willste eppes noch auf den Armen getragen werden, so haben se ihn ausgespott', wie halt Theater is.« »Du interessierst dich also auch für das Theater« fragte Arnold, innerlich erbebend; was für eine verschollene Operette mochte da eben in dieser Stube zum letztenmal zu einem kleinen Leben erwacht sein! »Die Großmutter! Na und ob sie sich dafür interessiert« lobte die Mutter. »Das hab ich per Jerusche« und sie kam auf ihre Eltern zu sprechen, auf ganze Familienverzweigungen mit ihren Leidenschaften, von denen längst keine Spur mehr auf der Erde lebte, und sie zogen vorbei, diese seltsamen Namen wie Moische, Srole, Peierl, Haschele, und ein Zusammenhang mit fremden Ortschaften ergab sich, von dem Arnold nie etwas geahnt hatte und der ihn mächtig aufwühlte, ja in Lichtenstadt hatten ihre Großeltern, die Großeltern der Großmutter, gewohnt und dort in dem Packerl müßte noch ein Stück Tuch aus Lichtenstadt sein. »Ihre Einbildungen« flüsterte die Mutter ihm zu. Auf einmal war diese uralte, eben dem Tode entrissene Person selbst ein Kind und erzählte, wie sie einmal auf dem gefrorenen Dorfteiche »geklitscht« hatte und dafür Schläge bekommen. Wie das Haus ihres Vaters abgebrannt war, der schon damals zehn Kinder hatte, neun Söhne darunter, und trotzdem sei die Mutter hundertunddrei Jahre alt geworden, und wie die Bauern der Umgebung damals für ihn zusammengeschossen hatten, um ihm fürs erste zu helfen, aber ein Jahr darauf war schon wieder ein Kind da, in all dem Schmerz. »Die Lait habn damals gemeint, das muß so sein.« Und mit einer Art von Aufklärung erzählte sie die damaligen Sitten, wie man am Samstag kein Geld bei sich getragen habe, weil das als eine Art von Arbeit gedeutet wurde, eine »Newere«, ja die ganz Frommen trugen ihr Taschentuch um die Hand gewickelt, um es nicht aus der Tasche ziehn zu müssen. »Aber gewuchert haben sie dabei« tadelte die Mutter, ernst und modern. Nicht einmal eine Beere habe man abreißen dürfen, fuhr die Großmutter fort, und da sei einmal jemand (Arnold verstand diese Geschichte nicht ganz, viele Ausdrücke kannte er nicht, erst später stellte er es sich so zusammen, daß dieser »jemand« die Mutter der Großmutter gewesen sein müsse) in den Tempel gegangen, durch den Wald, damals habe man noch so weit her zum Tempel gehn müssen, und da habe sie der Versuchung nicht widerstehn können, eine »Rotbeere« zu pflücken, trotz der Ermahnung des Rabbiners. Und darauf sei sie, die Großmutter, mit einem häßlichen Muttermal in Gestalt einer roten Beere zur Welt gekommen. Und einmal habe sie sich eine Schere genommen, weil man sie auslachte, sei ins Nebenzimmer gegangen und habe sich die Beere abgeschnitten. »Davon hast du mir aber noch nie erzählt« wurde die Mutter mißtrauisch. Arnold zeigte auf einen roten Fleck an ihrer Hand: »Ist es das?«, aus Respekt wies er nicht mit dem Zeigefinger, sondern schlug alle Finger bis auf den kleinen ein und streckte diesen vor. »Nein, das hob ich mich verbrennt, neilich.« Sie wurde nicht irre, und kam nun in der Reihenfolge der Generationen auf ihre eigenen Kinder. »Marie, mei guts Schof« rief sie plötzlich und Tränen standen ihr im Aug »Nebbich hat sie vor mir heruntergemußt. Was hätt ich nicht getan für das Kind!« Auch von ihrem Zank mit Poldi wußte sie nichts. Er war zwar ein »ungehachelter Kerl«, ein »Parchköppele«, aber was lag daran, einen Jux wußte er zu machen und lustig war er, das war doch die Hauptsache. Sie schrieb ihm den Einfall zu, daß er beim Alcheten, dem Sündengebet, bei dem man sich als Büßer zeilenweise auf die Brust klopfte, zu seinem Nebenmann, der besonders heftig klopfte, gesagt habe: »Sie, mit Gewalt werden Sie da nix ausrichten.« -- Sie lachte hell wie Glöckchen, während sie das erzählte. -- Ja, einmal habe er ihr geraten, mit ihrer Stubentür aufs Gericht zu gehn, weil das ihr Haupt- und Kassabuch sei. -- Überhaupt, wenn er nur Zeit hätte, er würde schon kommen, er würde sie besuchen, sicher. -- Die Mutter senkte traurig den Kopf. -- »Poldile, wie haben se den gern gehabt. Zu jeder Huxt und Kirmes und Gvatterschaft haben se 'n geloden. Wie gefreckt is er mir immer nach Haus gekommen, wie so ein Babinski. Einmal aber hab ich gedacht, ich muß ihn holen und hab mer 'n Löffel genommen, den großen zum Auswinden für die Wäsch und hab gedacht, ich zerschlug ihn an ihm. Frau Goldbergen, habn se mir dort gesagt, bleiben's ock do und trinkens Wein mit uns. No so hab ich den Löffel unter die Bank gelegt und mitgetanzt.« ... »Was, du bist geblieben« Arnold riß die Augen auf ... »Nur e paar Stücklach« entschuldigte sich die Großmutter »Jo, das war nicht so wie die heutige Welt.« -- »So du glaubst auch, daß es früher besser war« fragte Arnold, zart, wie man etwa einen Professor, mit dem man spazieren geht, also außer der Stunde, ohne Recht auf Unterricht zu fragen wagt, ohne eigentliche Hoffnung belehrt zu werden; nur um ihm Gelegenheit zu geben, ihn zu erfreun, riskiert man es, ihn zu belästigen. -- »No, es waren halt zugetanere Lait.« -- Als er aber weiter drang, mit »Wie« und »Wieso«, schnitt sie ab: »Was, ich hab mir nix den Kopf damit eingenommen.« -- Aber oben auf dem Boden habe sie einmal einen Korb voll durchgetanzter Schuhe gefunden, alle von Poldi und Regieleben ... Die Mutter zuckte die Achseln ... Ein Schuster habe sie darauf aufmerksam gemacht, daß Poldi sich jede Woche frische Schuhe anmessen lasse. Überhaupt habe er lauter solche »Tipplach und Sterzlach« gemacht. Auch Ware über die Grenze geschwärzt, und das ausgezeichnet! -- Arnold meinte, auch heutzutage sei man lustig, es werde ja eben in Wintertal ein Schützenfest gefeiert: »Nun, möchtest du nicht auch mit dabei sein, Großmama?« -- »Es wird ohne mir ach gehn.« -- »Aber es ist zu Ehren unseres Kaisers. Liebst du nicht unsern Kaisern? Ich habe ihn sehr gern?« -- Ziemlich gleichgiltig wandte sie sich ab: »Warüm nicht. Er soll immer gut zu die Jehudim gewesen sein.« Vergebens suchte ihr die Mama klarzumachen, daß das jetzt nicht mehr so sei, mit dieser Scheidung von Juden und Christen. »Laß mich gehn. Wenn's emol zu etwas kommt, so geht's doch nur wieder über die Jehudim her. Es hat immer noch für uns e miesen Ausbruch genommen.« -- Sie wurde ganz traurig. Um sie zu erheitern, erzählte ihr Arnold, daß er in einem Komitee sei (verstand sie das Wort? Ja, sie nickte), mit vielen Christen beisammen und daß man sich da sehr gut vertrage. Man habe ein lustiges Festessen gefeiert, alle mit einander. »Ja, das können se, fressen und saufen, die Chaserim.« Er verzweifelte, doch machte er noch einen Versuch, indem er ihr von einer Freikarte erzählte, die er als Mitglied des Komitees habe, für alle Bahnen. Also auch hierher sei er umsonst gefahren. Er zeigte die Legitimation. (Tatsächlich hatte die Eisenbahndirektion den Ausschußleuten Ermäßigungen für die Strecke nach Waldbrunn gewährt.) »Nu, das is schön« er hatte das Richtige getroffen »da erspart man eppes. Da nimmste de ach die Mama mit, nicht wahr.« Er lachte: »Nein, das geht nicht.« Und die Großmutter erzählte, wie ihr einmal fünf Kreuzer an der Bahnkassa gefehlt hätten und der Beamte dort sie nicht habe mitfahren lassen wollen. »So e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem Gedränge, sie habe sich aber nicht wegdrängen lassen, bis ein Herr hinter ihr gesagt habe: So ein Skandal wegen fünf Kreuzern -- die alte Frau -- und ihr das Geld geschenkt habe. -- Die Mama zuckte nervös zusammen, Arnold amüsierte sich, dabei fühlte er aber, daß er etwas vergessen habe, bei einer schon vergangenen Wendung des Gesprächs, so schnell ging es jetzt. Während die Großmutter weiterplauderte und immer so vergnügt, als entschädige sie sich jetzt für langes Alleinsein, fiel es ihm ein: »Aber hier hast du dich ja nicht zu beklagen. Hier in der Gegend scheinen ja lauter so freundliche offene Leute zu sein, und alle so schön.« »No ja« meinte sie »selten sieht man so e Larvengesicht. Aber jetzt sind ach Böhmacken hier, so ein Haderlumpgesindel, Zorbechol. Was, die verkafen for e Kraizer, was früher hat e Gülden gekost.« Sie entfesselte laute Anklagen gegen die Konkurrenz. Arnold erinnerte sich indessen wieder an etwas, was er vorher hatte fragen wollen: »Du hast schon mehrere Kaiser, erlebt, was?« Zuerst verstand sie ihn nicht. »Mehrere Regierungen von Österreich.« Das wußte sie nicht. Aber einmal hatte sie eine Krönung gesehn: »Do war ich in Prag, und da hat sich was angetan mit Wagen und Neugierigkeiten.« Der Krieg von Sechsundsechzig fiel ihr ein, dann die Türken und Russen. »Meinthalben sollen se sich die Köppe herunterschlagen«, als sei dies alles gestern oder heute geschehn. Sie wußte alles, sie verstand alles und man konnte daher nicht sagen, ihr Blick sei beschränkt. Wie kam es trotzdem, daß alles, wie es in ihren Kreis trat, das Merkmal ihrer eigentümlichen Anschauungsart trug. Arnold hätte es gern an dem Naheliegendsten erforscht. Er machte sie also auf seine neue Krawatte aufmerksam. »Sehr schön« war das Urteil, nach einer strengen Pause jedoch folgte: »aber so verwändlich.« »Ja, da mußt du dich in Acht nehmen« lachte ihn die Mutter aus. -- »Tut nichts, wir haben uns doch gern« rief er und strich ihr über das Haar, das jetzt zu einer runden festen Frisur aus den Zöpfen geschlichtet war »Ich hab eine schöne Großmutter.«