Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden

Part 11

Chapter 113,720 wordsPublic domain

Nun allein mit der Schlafenden schlich er wieder zum Sessel zurück, wagte aber nicht, sich zu setzen ... Sie war schön. Das Alter hatte nichts Entstellendes, Unregelmäßiges in ihre verschrumpfenden Züge bringen können. Man sah förmlich noch durch die Runzeln hindurch, wie durch viele matte Glasschichten, unten das schöne junge lebensfrische Mädchen -- und Arnold dachte daran, was ihm die Mutter manchmal erzählt hatte: daß die Großmutter viele Verehrer gehabt, aber aus Trotz, vielmehr Gleichgiltigkeit alle abgewiesen habe, von Jugend an nur auf Gelderwerb bedacht, endlich hatte sie den reichsten genommen, der aber um zehn Jahre jünger war als sie, den Großvater, und mit ihm so unglücklich gelebt ... Was lag an all dem, dachte er. Nach so viel Kampf, nach so viel Leidenschaften, jetzt lag sie ruhig und schlief nicht anders, als sie in ihrer Jugend vor all den wilden Erlebnissen geschlafen haben mochte, und wie er sie ansah, die Unberührte, überfiel ihn auf einmal der Gedanke, wie leicht eigentlich das Leben sei und wie es so von selbst und allen Anfechtungen zum Trotz bis ans Ende fortschreite, ganz einerlei, was man treibe. Nichts ist da, als daß die Zeit vergeht, mehr kann ja überhaupt nicht geschehn!... Und von hier aus gesehn, schien ihm nun auch plötzlich die so verwirrte und trostlose Situation, in der er sich augenblicklich befand, gar nicht mehr so wichtig und so trostlos -- er nannte sich feig, weil er den kleinen Unannehmlichkeiten durch diese Reise, diese Flucht besser gesagt, ausgewichen war, das war es -- beim Anblick dieser arbeitsamen wilden Greisin bekam er aufs Neue Lust, sich ins Leben zu stürzen, aus dem er mit vorschneller Erfahrung schon hatte entweichen wollen; bekam Lust, wieder zu toben und zu schaffen, wie es in seiner Art lag. Ein süßes verlockendes Gefühl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als würde er aus einem Hohlweg blitzschnell vor eine riesige Aussicht fruchtbarer Ebenen entrafft und als lenke sich ihm doch alles zum Schluß ehrbar ein, moralisch beinahe, in allem Ausschweifen sinnvoll begrenzt wie diese Dorfstube. Denn wohl fühlte er sich der Schlummernden verwandt, das verstand er nun, dieselben Stürme pochten auch in seinem Blut. Mochten sie losbrechen und ihre verderblichen Ziele suchen, was lag daran -- nach allen Verwüstungen würde man seinem ergrauten Haar doch nichts anderes nachsagen als: er ist ein Original, und nicht einmal mehr recht bös auf ihn sein -- so wie bei der Großmutter -- und die Ruhe in seinem Innern dann, o wie auf dem Gesicht dieser schlafenden lieben Frau, wie ohne Gedächtnis ... Nun erfüllte ihn Stolz sogar, daß er auf seine lebensvolle Manier die Zeit verbrachte. Er mußte nur nach dem Vergleich mit der Großmutter zu solchen halbtoten Puppen zurückkehren wie diese Frau Lichtnegger eine war, wie sein Bobenheim zu Hause. ... Ehrlich waren sie, aber das ist ja keine Kunst, ehrlich zu sein ... Diese dagegen, dieser Starrkopf, war eine bedeutende Person, die Bedeutendste der Familie nannte er sie, nach seiner intensiven Art fast schon verliebt in das neue Erlebnis, -- etwas Großes fühlte er aus ihr strahlen, etwas bis zum letzten Tropfen Selbstständiges und Unbewußtes dabei. -- Sie mochte eine Heldin sein, eine Deborah, aus jener alten Zeit noch, in der es so viele Helden gab, in der jeder Mensch den Kopf so hoch trug, daß man aus ein bißchen Heldentum gar nicht so viel machte wie jetzt und daß das Andenken der Starken unter tausend andern, ebenso Starken vergessen ward. -- Nein, die langen einsamen Nächte konnten diesem furchtlosen Geist nichts anhaben, der Tod hatte keinen Schrecken für sie, so erfüllt von ihrem eigentümlichen Leben war sie, von ihrer leuchtenden Gescheitheit, die alle ihre Fehler von Grund aus verklärte, o noch viel mehr als ein paar Schwächen gutgemacht hätte. Und Arnold sagte sich, in einer leichten Freude: »Ja, ja, dem Klugen wird vieles vergeben, Klugheit ist ja das Licht der Welt« -- und wie in einem glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem Selbstbewußtsein löste sich seine Schmach auf ... Plötzlich fand er sich selbst wieder ganz passabel, all dem Bösen in ihm zum Trotz, fand sich beschwingt und leuchtend. Aus dieser Wendung heraus betrachtete er noch einmal das Gesicht der Schlafenden, wie um sich jeden ihrer Züge zu merken. Die Lippen waren in den Mund tief hineingesogen, so daß an Stelle der Mundöffnung in einer dunklen Vertiefung die senkrecht verlaufenden Runzeln unter der Nase und die über dem Kinn aneinanderstießen und sie paßten auch zu einander, schienen einander fortzusetzen, die kleinen Rinnen. Der Hals, jetzt entblößt, da die Großmutter nur eine lose Nachtjacke anhatte, war nichts als eine Reihe welker fallender Hautlappen, deren Anblick den jungen Mann tief erschütterte. Und das Erschrecklichste: die Augen waren nicht ganz geschlossen, sondern starrten halboffen, wie etwas Schleimigtrübes, geradeaus ... Arnold bekam Angst; die Nase erschien ihm spitz, vom tiefeingepreßten Mund aus aufragend, ... vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich über ihr Gesicht, sie atmete. Zugleich spürte er den dumpfen Geruch, den er im ganzen Zimmer bemerkt hatte, gepreßt, schmutzig, lebensvoll -- und wie ein Verbrechen erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie wird einmal einschlafen ... Und was würde er jetzt sagen, der Vater von seinem Komptoirtisch her: Du übertreibst alles ... Nun natürlich, er übertrieb, Gott sei Dank ... Er pries die Großmutter schon wie eine Heilige. Seit er hier eingetreten war, hatte sich sein Schmerz beruhigt, -- vielleicht auch deshalb, weil es hier so viel Neues zu sehn, zu bemerken gab, gemütvoll zu umfassen -- oder nein, nicht deshalb, das Überquellende war ja vielmehr diese Wurzelliebe, dieses Gefühl -- Seine Vorstellungen begannen sich zu verwirren, so viel hatte er zu überlegen. Es war ihm, als sitze er an diesem Bett bei der Schlafenden, seit er überhaupt begonnen habe zu denken, seit frühester Kindheit, als habe er nie etwas anderes erlebt als immer nur dies eine, als gebe es kein Vorher und kein Nachher mehr für ihn ...

Die Mutter trat ein, wieder mit Paketen beladen, die Gute. Fleisch trug sie, Wein, eine Sardinenbüchse, -- das wünschte die Großmutter immer -- sie trat ans Bett, musterte es mit einem nachdenklichen Blick: »Flöhe mag es da geben, nicht wenig ...« Dann war sie wieder durch ein Bündel mit Strümpfen beleidigt, das vom Sofa fiel, als sie sich setzte. »Wo nur die neuen Hemden hin sind, die ich ihr gekauft hab. -- Ich muß ihr wieder ein paar alte Hadern verbrennen, sonst trägt sie sie ewig. Ihre Blusen mußt du mal sehn. Geflickt, wie ein Regenbogen ...« Unter solchen Reden begann sie, auf dem kleinen Ofen eine Suppe zu kochen.

Arnold wagte es: »Mir scheint, Mama, du behandelst sie nicht ganz richtig. So alte Leute haben ihren eigenen Kopf. Sie möchte sich halt lieber mit dir ruhig aussprechen, wenn du schon herkommst, als daß du ihr die Ordnung störst ...«

»Aber wer soll's denn machen! Sie würde ja im Schmutz ersticken« erwiderte die Mutter mit viel Berechtigung.

Da erwachte die Großmutter: »Ich hab e Naches, daß se fort is.«

»Wer denn?«

»Die Orlte, die dumme, die Reschainte ...«

Die Mutter nahm alle ihre Geduld zusammen: »Aber so darfst du doch nicht reden. Was fällt dir ein. -- Frau Lichtnegger ist so gut zu dir.«

»Der Schlag soll sie treffen« zürnte die Greisin, jetzt lauter als bisher während des ganzen Tages. »Was kommt se her und redt und redt! Lauter Stuß. E Patsch von e Chochem is m'r lieber wie e Kisch von e Chamer. Das Gebitz nemmt se einem heraus mit ihrem Gebember und Geschmus.« Sie griff sich jammernd an den Kopf: »Mei Seide-Möach.«

»Mir scheint, es geht dir schon wieder gut. Du wirst schon wieder lustig.« Die Mutter fühlte ihr den Puls. »Das Fieber hat nachgelassen. No, geht's nicht besser?«

Die Großmutter schüttelte den Kopf, obwohl man es ihrem strahlenden Blick ansah, wie sie sich im Schlaf erquickt hatte, -- sie war gegen ihren Willen gleichsam krank geworden, sie dankte jetzt auch niemandem für ihr Besserbefinden. Nur trotzig meinte sie: »Wenn ünser Herrgott mich nix gesünd sei loßt und nix verdienen loßt, so soll er mich ach nix leben lassen.«

»No das mußt du ihm schon selbst sagen« lachte die Mutter »per Telephon vielleicht. Vielleicht hast du eine bessere Verbindung mit ihm als ich. Er folgt halt meist genau so wie du folgst.«

Arnold befürchtete Zank. Die Großmutter aber hatte ihre Schlaflosigkeit überwunden und meinte liebenswürdig mit einem ironischen Lächeln, für das man sie hätte küssen mögen: »Güt, nächsten Schabbes wer ich's ihm sagen.«

»Da hab ich dir was feines gemacht.« Das Süppchen, das die Mutter im Topf heranbrachte, duftete. »Willst du nicht einmal versuchen ...«

Eine gnädige Antwort mit zimperlicher Stimme: »No jo, e bißl ...« Offenbar hatte sie einen tüchtigen Hunger, denn sie schnupperte schon in den Dampf, wie ein freudig erregtes Baby.

»Bißl Salz hinein.«

»Nein -- ka Salz -- Salz reizt doch.« Und sie hustete affektiert.

»Aber es wird keinen Geschmack haben.«

Statt der Antwort nahm die Großmutter das Töpfchen und führte mit sicherer Hand, ohne zu zittern, den Löffel an den Mund, nachdem die Mama nochmals geblasen und gekostet hatte. »Was is dos für e Supp?« fragte sie, nach dem ersten Schluck einhaltend.

»O je, wieder was nicht recht.«

»Aber Mama« wandte Arnold ein »du verstehst das schlecht. Die Großmutter fragt doch nur, was das für eine Suppe ist, den Namen möchte sie gern wissen, sonst nichts.«

»Du wirst mir die Großmutter zu erkennen geben ... Nichtwahr, es schmeckt dir nicht?«

»Aber ja ...« sagte die Großmutter einfach und löffelte weiter »Was für Flasch is das denn? Wo hast es denn gekauft?«

»No Rindfleisch, vom Körbelwirt. Das ganze Stück« sie brachte es vom Ofen »kostet zehn Kreuzer ... Die Mutter ist nämlich noch aus dem billigen Land, mußt du wissen« wandte sie sich an Arnold.

»Wirklich nich teier« lächelte die Alte, sichtlich erfreut »Ja man muß sparen mit dem Geld ... Waßt de, Geld wenn wär nur Geld -- aber Geld is alles ...«

Arnold erinnerte sich plötzlich, da die Großmutter aß und die Mama ihr freudig zusah, daß er ja Witze erzählen sollte, unterhalten, -- bisher hatte er eigentlich nur wie bezaubert herumgeschaut und zugehört, ganz gegen seine Gewohnheit. Jetzt setzte er sich in Bewegung und begann von seinen fabelhaften Ersparnissen zu berichten, was die Großmutter sehr zu freuen schien. Nur durch sachgemäße Fragen, ob das Geld auch in der Bank liege u. s. f., unterbrach sie ihn ... Das Gespräch wurde nun immer lebhafter, während die Großmutter immer wieder nach einer Pause den Suppentopf vornahm; ja Arnold, der diesen Besuch bisher als ganz außerhalb seiner Welt und städtischer Konversationsmanieren liegend angesehn hatte, fühlte sich jetzt fast wie in Gesellschaft, ohne Besonderheit, jedenfalls auf einem Niveau, das mit dem Küchensessel und den Dorffensterchen nicht das Mindeste zu tun hatte. Die Großmutter erzählte von ihrem Beruf und wie man sie überall gern sah. »Frau Goldbergen« rief man ihr zu wenn sie vorbei ging »was kümmen Sie nit a bißl zu uns rein. Wir brauchen Scherzen, Ticher. Bleibens ock doue. Es kummt Ra'n.« Eine Bemerkung Arnolds aber, daß sie also recht viel verdiene, schien ihr zu mißfallen. »Ja, viel Meloche, wenig Broche« antwortete sie. Nach einer Weile fuhr sie fort: »Häst e Geschmack von e Supp gehabt!«

»Sie schmeckt dir nicht gut?« rief Arnold besorgt.

Sie antwortete nicht, ihr Gesicht wurde finster.

Nun hielt er den Moment für gekommen, sein Gedächtnis nach Witzen zu durchsuchen. »Was ist das? Es ist weiß und hat keinen Kopf, und trotzdem schaut es« gab er auf. Die Großmutter dachte nach, ernstlich. »Ich werde es dir also ...« »Ich möchte sagen« unterbrach sie »e Kopf von e Gans.« Er lachte: »Aber nein, es soll ja eben keinen Kopf haben. Ein Unterhosenbandl ist es.« Sie nickte ihm freundlich zu, schien aber den Sinn nicht zu verstehn: »Ja in der Stadt, do habts ihr so verschiedene Wörtlach. -- E komische Supp, was das is. Habts ihr immer solchene Suppen?«

»Es ist eben kein Salz drin. Du wolltest keins« erklärte die Mama.

Arnold vermittelte: »Du siehst, es geht uns trotzdem gut. Wir sehn ganz beruhigend aus.«

Sie sah ihn näher an und jetzt erst fiel ihm ein, daß er nach halbschlafloser Nacht nicht eben sehr blühend sein mochte. »E bißl schmal« sagte auch sofort die Alte »Schlafst du denn genüg? Schlaf is e Wohltätigkeit für e schwachen Menschen. Regieleben« als bemerkte sie es jetzt zum erstenmal »eppes dick biste geworden. Dicker mußte nix werden, das ist nicht gesünd. So kannste bleiben.«

»Die Mutter meint, ich bin noch ein Kind, ich werde ewig jung bleiben« sagte Mama, mit niedergeschlagenem Blick; und Arnold sah sich plötzlich mit einer Deutlichkeit in den Gedanken irdischen Vergänglichseins versetzt, hier in dieser Stellung von drei Generationen, wie er es nie vorher auch nur als Andeutung gefühlt hatte, ohne daß ihm übrigens dabei irgend ein neuer, in Worte faßlicher Einfall kam.

Indessen aber, während er wie in ein Bassin von Schwermut untertauchte, hatte die Großmutter zu erzählen begonnen: »Marie nebbich hat ach immer eso gelesen in der Nacht bei der Lampen, ich hab längst gemant se schläft. Is Poldi emol nach Haus gekommen, e bißl schücker war er vielleicht und sogt ihr: No was weinst du denn da. Was lieste denn? -- Von Genofeva, sogt sie ...«

Die Mutter flüsterte: »Genofeva. Schöne Lektüre haben wir gehabt, was?« -- Aber Arnold, der aus einer Zeit stammte, in der man solche Kinderbücher und Märchen überhaupt wieder für wertvoll hielt, fand ihre Bemerkung unverständig. Dagegen überraschte ihn dieser fremde Name im Munde der Großmutter, was lebte alles noch in diesem Gehirn!

»Sogt sie -- von der Hirschkuh, wie sie ihr Milch zügetragen hat. -- No warüm hat sie ihr denn Milch zügetragen, sagt Poldi.« Und die Großmutter machte es nach, wie der Bruder die weinerliche Stimme der Schwester spöttisch nachmachte. »Aber mir scheints, wenn du nicht bald schlafen gehst und aufhörst zu wanen und die Lampe auslöschst, so hau ich dir das Buch aufn Schädel nauf.« Die Stimme brach ab, in einem kleinen Gelächter.

»Und was hat sie gesagt?« fragte Arnold, obwohl er fühlte, daß nichts mehr zu erzählen sei, nur um diesen angenehmen Fluß der Erzählung weiter zu hören.

»Nu, was soll se gesagt habn« setzte die Großmutter wie improvisierend fort »Was liegt daran? Wenn du schlafst, steh i halt wieder auf und les weiter von der Hirschkuh ...« Jetzt hatte sie die Suppe zu Ende gegessen und rief plötzlich, ganz laut: »Pfui Teixel!« wie einen herzhaft erleichternden Fluch, indem sie den leeren Topf mit einem Ruck aufs Fensterbrett stellte.

»Aber was ist denn?« die Mutter eilte herbei. Als das Gespräch auf die verstorbene Schwester Marie gekommen war, hatte sie sich abgewendet.

Zornig fuhr die Großmutter auf: »E schöne Supp haste mir gekocht! Aus Ferdeflasch? Was?«

Also hat doch die Mama Recht behalten, dachte Arnold. Aber mit den Schlüsseln hatte sie Unrecht gehabt. -- Und er beeilte sich: »Was fällt dir ein, die Mama wird dir doch nicht Pferdefleisch kaufen, wie kannst du nur so etwas denken!« Indem er es aussprach, schien es ihm immer unerhörter.

»E guter Omensager biste« fuhr ihn die Großmutter an, dann schwieg sie eine Weile. »Was kafste ach beim Körbel. Der hat doch lauter verschimmelte Sachen. Wenn ich ihn aber emol anzeig bei der Polizei, den Ganef, dann 's Kri iber den Goi.«

»Laß sie nur« scherzte die Mutter, etwas bitter. »Sie wird sich schon wieder beruhigen. Also Adieu, Frau Goldberg, wir gehn jetzt essen, Sie können sich inzwischen ein bißchen allein so weiter unterhalten, wenn Sie Lust haben.«

Aber Arnold war indessen mit der Hand des alten Frauchens, die er ergriffen hatte, schon wieder so gut geworden, daß er den Wunsch nach einem bessern Abschied nicht unterdrücken konnte: »Schön hast du es da, Großmutter, gleich möcht ich bei dir dableiben, für immer, nur noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn vorn ...«

Sie lächelte ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, als gingen in ihrem Innern eben die zärtlichsten Dinge vor: »Ich bin ka Blumenverehrerin. Aber die Kinderl, wie se noch klein waren, die habn immer Blumen gehabt und gegossen, daß die Stub voll war. Mit ihre neie Hüte haben se das Wasser getragen von der Pump.«

»Da haben sie wohl Schläge bekommen.« Er reichte ihr noch einmal die Hand.

Sie drückte sie und machte dabei ein gutmütiges, aber erzieherisches Gesicht: »Das muß sei.« Die Mutter war schon hinausgegangen. »Also Adieu, wir kommen bald wieder.« »Eßt nicht beim Körbel« rief ihnen die Großmutter noch nach »dort is groß Jackeres.«

Als er auf die Gasse trat, mußte er ein wenig die Augen schließen, so fremd erschien ihm alles, was ihn umgab: Wie konnte der Zugang zu etwas so innig Bekanntem so unbekannt sein! Gab es denn wirklich noch eine Welt außer dieser grauen alten Stube? Die Straße mißfiel ihm. Das Bild der alten Frau im Bett, zu Riesengrößen aufwachsend, stellte sich wie ein Schatten überallhin, vor jedes Haus. Um wie viel wichtiger war sie, ja nichts auf der Welt erschien ihm jetzt in gleicher Weise wichtig. Er hätte für sie sterben mögen, so begeistert war er ... Die Mutter redete neben ihm her: »Nicht zuhören kann ich, wenn sie von der seligen Marie spricht und Nebbich dazu sagt, oder von unsern Hüten. Ich glaube, wir haben überhaupt nie Hüte gehabt. Immer spricht sie so, als ob sie uns alles in Überfluß gegeben hätte. Gute Schläge, ja. Du darfst dir das nicht so vorstellen wie zu Hause, Arnold. Aber das hab ich ihr damals gesagt, bei Maries trauriger Hochzeit, wie sie uns alle mit so fürchterlichen Worten verflucht hat: -- daß sich alle dir abwenden und daß du allein und einsam sterben wirst, das wird dein Fluch sein ... Und so wird es und muß es ja kommen, Gott im Himmel. Das sind Sorgen, einmal wird sie auslöschen ...«

Arnold fand solche Reden übertrieben, sagte sich aber, daß die Mama Recht haben mochte. Er kannte ja so wenig von diesen über lange Zeiten und Räume verteilten Ereignissen, er hatte wohl deshalb einen andern Eindruck. Ohne diese Erinnerungen der Mama hätte er die Großmutter vielleicht überhaupt nur für eine fidele gute, etwas wetterwendische alte Frau gehalten, eine spassige Grobianin, -- und nun, unter Mitwirken der Mama, entstand etwas ganz Verschwommenes, Widersprechendes und doch, so weit es ihn betraf, ganz Greifbares. Das war das Verlockende daran. »Siehst du, der Doktor ist nicht gekommen -- warum habt ihr denn gerade den genommen, der am meisten zu tun hat?«

Die Mutter erklärte, die Großmutter habe vorgegeben, zu keinem andern habe sie Vertraun. Indessen erriet wohl Frau Lichtnegger ganz richtig, woher dieses Vertrauen rühre: Heiger war der billigste Doktor im Ort, der Armenarzt ... Überhaupt habe sie schöne Dinge erzählt ... neulich einmal seien einige reiche Leute des Ortes, die die alte Frau Goldberg immer mühsam mit ihrem Pack die Straßen hatten hinaufstöhnen sehn, auf die Idee gekommen, für sie eine Kollekte zu machen, zu Purim, eine Idee, die von der Großmutter mit wahrhaftiger Begeisterung begrüßt worden sei. Und erst die Drohung der Frau Lichtnegger, sie werde es der Frau Beer und dem Herrn Schwiegersohn schreiben, habe sie aus ihrer verstellten Bedürftigkeitsrolle aufgeschreckt. Daher auch der tiefe Haß ... Überhaupt liebte es die Großmutter, sich als ganz arm und almosenwürdig hinzustellen, die Besuche ihrer Tochter kamen ihr daher auch zuzeiten ungelegen, wenn sie nicht so krank war wie jetzt, und deshalb verbreite sie, diese elegante Dame sei eine Liqueurfabrikantin und bringe ihr die Flaschen aus der Hauptstadt mit, eine ganz besondere Spezialität; denn von dem Magenliqueur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn zu den höchsten Preisen ihres Kopfes, die indessen für die neue junge Welt ringsum noch so mäßige waren, daß sie überraschend viele Käufer fand. Lauter solche Sachen, über die man lachen müßte, wenn sie nicht so traurig wären. An Markttagen bewache sie das Geschäft einer gewissen Frau Heller, nur um einen »Gülden« nebenher zu verdienen, und wenn sie dort sei, komme nichts weg, habe Frau Lichtnegger gesagt, da paßt sie gut auf ... aber im Laden, in dieser grimmigen Kälte habe sie sich neulich eben diese Halsentzündung, den Husten zugezogen. »Viel braucht es ja nicht, ich bitt dich, bei so einem Alter.« Und von hier aus kehrte die Mutter zu ihren Sorgen zurück, ob man nicht die Stube bald weißen lassen müsse, und wie das anstellen ...

Indessen waren Mutter und Sohn in das Restaurant eingetreten und Arnold hätte sich gern diese Dinge, die ihn bis ins innerste Mark interessierten, weitererzählen lassen, wäre ihm nicht sogar in dieser provinzialen gebirgsstädtischen Gaststube die Erinnerung an seine Schandtat von der Wand entgegengesprungen, -- auch hier das große Plakat des »Rivalen Paulhans« in den primitivsten ergreifendsten Farben. So kam es, daß er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung bestellte, an die er bis zum Augenblick nicht gedacht hatte. Nun schien es ihm plötzlich, als müsse der Flug in Waldbrunn doch gut ausgefallen sein, gleichsam zur Belohnung, weil er nicht mehr darauf gerechnet und sich immer nur so selbstverständlich auf das Schlimmste gefaßt gemacht hatte. Und dann: niemand hatte ihn angerempelt, auch nur verdächtig angeschaut, hier saß er doch, der Obmann des schönen Konsortiums, nein, es konnte nichts geschehn sein. Dies war vielleicht der erste Erfolg seines neuen, von der Großmutter beschützten Lebens ... Herr Körbel selbst brachte das Blatt, freundlich lächelnd. Gleich oben das Telegramm: Ponterrets Flug mißglückt. Der Aviatiker landet nach einem Flug (Sprung) von 13 Sekunden. Pöbelausschreitungen an der Kassa. -- Das eingeklammerte Wort »Sprung« verdroß Arnold ganz besonders, wie eine persönliche Unbill, konnte man denn nicht ein bißchen menschenfreundlicher sein! Ja ja, dazu hatte man die guten Freunde in der Redaktion! -- Er legte das Blatt weg, nur unten fiel ihm noch ein fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich glücklich, daß er durch einen geschickten Griff am Lenkrad ein großes Unglück vermieden habe. Die Tribünen seien in Gefahr gewesen ... »Mama, ich fahre heute abend nach Hause.« Er war plötzlich mutig geworden, sah der Gefahr ins Auge wie einer hübschen Aufgabe. »Natürlich, was sollst du hier machen! Ich hab mir's gleich gedacht, daß du's nicht lange aushalten wirst.« Er aß schnell auf: »Jetzt geh ich aber zunächst zum Doktor, ihn treiben. Sag der Großmama, daß ich bald wiederkomme.« -- »Du willst noch einmal hingehn? Interessiert dich das denn? Ich könnte dirs nicht verdenken, wenn nicht. Und eine Luft ist dort.« -- Mit Unlust sah sich Arnold unerwarteterweise vor die Notwendigkeit gestellt, seiner Mutter all das, was er seit dem heutigen Morgen durchempfunden hatte, zu erklären -- und recht schnell. Nein, es ging nicht. Also rief er nur, etwas grell: »Von Interesse ist da gar keine Rede mehr. Ich habe mich in die Großmutter verliebt, förmlich verliebt. Kannst es ihr sagen. Sie ist ja so brav ...«

Die Mutter seufzte tief auf, wie vom Mittelpunkt ihres Gedächtnisses her: »Ja, vor dir nimmt sie sich noch ein bißchen zusammen.«

IV.