Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden

Part 10

Chapter 103,762 wordsPublic domain

Die Großmutter nahm eben das nur ein wenig verkleinerte, jetzt glänzende Bonbon aus dem Mund, und legte es aufs Federbett. Ein Schleimfaden zog sich daran. »Geh loß mich, wenn ich dir schon emol gesagt hab« und ihre Augen bekamen plötzlich zwei glänzende scharfe Punkte wie Dolchspitzen. Dann wandte sie sich an Arnold, der noch immer, die Hand an ihrer Stirn, dastand: »Nü, setz dich henidder, mei Kind, was tu ich dir nur für e Kowed an.« Er zog den groben Stuhl aus weißem Holz ans Bett.

»Brauchst dich nicht zu kümmern, Mutter, wir haben uns schon alles selbst mitgebracht.« Die Mutter entfaltete aus Papieren kleine Würstchen. »Ich muß nur Feuer machen. Hab nur keine Angst, wir sorgen schon für uns.«

Arnold wiederholte, halb zur Mutter gekehrt: »Wann kommt der Doktor,« da er darauf noch keine Antwort hatte. -- »Um zwei Uhr, hat Frau Lichtnegger versprochen.« -- Und nun beugte er sich, beruhigt, zärtlich, zu der alten Frau nieder, scherzhaft: »Nun also, was gibt es denn? Schöne Geschichten! Krank sein, das würde dir so passen, nichtwahr ...«

»Ich kann nimmer gehn« jammerte sie schwach. »Ich hab mr ja gewünscht, ich könnt zwa Täge vor mei Tod hausieren gehn. Aber jetzt dos daliggen ... Ich kömm scho gar nicht mehr vom Fleck. Wenn ich üm zehn weggeh, bin ich umme zwölf dort, wo ich hab hingewellt ...«

»No es wird schon wieder besser werden. Natürlich es kann nicht immer so sein wie neulich. Da hast du uns geschrieben, die Mama soll nur schnell kommen. Und wie sie gekommen ist, war das Zimmer zugesperrt und du bist erst Mittag gesund von irgend einem weiten Weg nach Haus spaziert ...«

»Sei haben geschrieben« sagte die Alte still. »Ich hab ihnen nix gesagt.«

Die Mutter, die beim Ofen kniete, machte ihm ein Zeichen. Er erinnerte sich, daß sie ihn schon unterwegs auf diese Eigenheit aufmerksam gemacht hatte, und schwieg ...

»Sei haben geschrieben« wiederholte die Großmutter »Aber jetzt geh i nimmer aus ... Jetzt bin ich echtfärbig.«

»Echtfärbig?« Er hatte vielleicht falsch gehört.

Ein ganz schwaches Lächeln suchte die Falten zu durchbrechen: »No ja, weil's nicht ausgeht ...«

Er lachte auf und lachte dann noch einmal, um ihr eine Freude zu machen. Wie dieser Funke von Geist ihm entgegenleuchtete, er begriff es kaum. Aber sie sah schon wieder ruhig vor sich hin. Nur ihre Wangen röteten sich, war es Fieber oder schon Erholung? Jedenfalls keine Spur eines erregten Wiedersehns, nein, erregt war sie nicht, während er sich immer noch nicht fassen konnte, und diese ihre Ruhe, vereint mit ihrer Frische, machte den Eindruck verhaltener Kraft und einer Weisheit, die schon jenseits der menschlichen Zeit stand.

»Ich sog immer, sei sollen nicht schreiben. Haben sei enk leicht wieder geschrieben, diesmal, die Ludern. Was sie nur wollen ...«

»Nein, wir sind von selbst gekommen, Großmutter. Oder bist du vielleicht nicht froh, daß wir da sind, no schau ...«

Sie antwortete nicht, vielleicht weil die Antwort selbstverständlich war. Doch hatte er manchmal die Empfindung, daß sie ihn nicht verstehe oder er sie nicht. Auch ihre Müdigkeit schien da mitzuspielen, die Krankheit, wie eine Wand fühlte er das manchen Moment lang. Hatte er doch, beispielsweise, einen Vorwurf gefürchtet, daß er noch nie zu ihr zu Besuch gekommen war. Doch in diesen Bahnen bewegte sich ihr Denken eben nicht. Er staunte; aber das Bewußtsein einer Verständigung war ihm so süß, wenn es ihm wieder kam, daß er alles andere übersah, so wie man etwa bei kleinen Kindern nur ihre Zeichen von Vernunft bemerkt und daher alle für gescheit hält. »Schau an« meinte sie plötzlich und ihm schwoll das Herz »dei Mutter, wie se den Hut nicht auszieht bei mir ... no er paßt ihr auch gut, was nur wahr is.«

»Wenn ich Dir nur gefall« erwiderte die Mutter, und Arnold fand ihren überlegenen Ton nicht ganz berechtigt. Sie nahm übrigens den Hut ab.

»Schöne Frisur.« Ganz schwach kamen die Bemerkungen und doch mit der intelligentesten Deutlichkeit, die aus diesem verfallenen Gesicht erstaunlich tönte wie eine Prophezeiung.

»Gott sei Dank, ich gefall Dir heut ...« Auch etwas Eigensinniges lag in diesem Ton, wie wenn ein halbwüchsiges Mäderl gegen ihre Eltern die Erfahrene machen wollte.

»Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben.«

»Paß nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht sein«, wandte sich die Mutter an Arnold, doch mit lauter Stimme.

»Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund ... Ich war ach emol so dick, haben do die Kinderl e Freid gehabt, daß ich dick bin. So die Ärme haben sie mr gedrückt. Aber es war nix gut ... Und e dörre Nachbarin haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei Mo tut mich auslachen, weil ich so dörr bin. Ich will Dich mit e Zündholz anzünden, sogt er. Da könnten Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie gesogt, Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stückele, hab ich gesogt. Do wär uns beiden recht ...« Die Großmutter wurde zusehends munter. Sie plauderte mit sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur einige Worte verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne stärker geworden zu sein, ohne sich geändert zu haben, wie ihm schien, etwas Metallisches, Helles wie bei guten Schauspielern hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie Freundliches schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und dennoch klang sie stark, mannigfaltig, mühelos, sie war süß.

»Es brennt schon« rief die Mutter vom Ofen her. »Das ist halt Dein Kuksöwile, was, Mutter.« Sie wollte der Großmutter einen Gefallen machen, indem sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Großmutter merkte es aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: »Ja das is mei Kuksöwile, e guts Öwile.« -- »Da brauchst Du Dich wenigstens mit keinem Dienstmädchen abzuärgern.«

»Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama?«

»Loß se gehn« sagte die Großmutter, mit einem vertraulichen klugen Zwinkern zu ihm »sei is doch glücklich mit ihrem Gegeh und Geschwindel und Geputz. Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat auch allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, hat alles geblinkt und gefinkelt und der Fußboden war genau eso rein wie das Tischtüchele. Meschugge, metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme gesagt, aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, -- sei soll emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is ihr das Wasser über den Kopf geschütt ...« Arnold verlor den Faden von hier an, doch glücklich, als sehe er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen leibhaftig vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das Kinn scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen großen Poren besetzt, wie durchlöchert, als hätten die Falten auf dem Kinn die Gestalt von Löchern angenommen, diese Falten, die auf der Stirn in gleichmäßigen Krümmungen hinzogen und über die Wangen hin nach allen Richtungen wie ein Netz lagen, das sich um die Mundwinkel herum undurchdringlich zusammenschnürte. Hier drängten die Linien so dicht an einander, daß die schwächeren von den tieferen durchschnitten oder als Hügel an die Oberfläche gedrängt wurden, und diese tieferen schienen gar keine Hügel mehr, sondern Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die Nase dagegen hob sich ziemlich glatt und schön gebogen aus dem Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnold diesen beredten Mund, der keine Zähne mehr hatte; seine Lippen bildeten dafür zackige Erhöhungen und Ausbuchtungen, die sich an einander schlossen und wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich schloß oder öffnete. Die Augen blitzten. Das Schönste jedoch war das schneeweiße Haar, reich und ohne jede Beimischung von Gelb an der Stirn beginnend, übrigens vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft ... Arnold begann es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, eine gänzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am Ende aller Dinge, er hörte nicht mehr genau zu und doch war ihm, als verstehe er alles, sein Ohr füllte sich mit verworrenen Tönen, mit Erzählungen ohne Ende, deren Zusammenhang ihm fragwürdig war, deren Ausgang in nichts verlief, ohne Pointe, die aber so lebhaft klangen und auch offenbar der Erzählerin die Erinnerung an so lebhafte Dinge nahebrachten, daß ein jugendliches warmes Licht durch das ganze Zimmer aufzustrahlen schien. Plötzlich unterbrach ein stärkerer Husten und die Großmutter drehte sich der Wand zu ...

»Was ist?« rief die Mutter und kam herbei.

Die Großmutter klagte, mit heftigen Zuckungen des Gesichts, über Schmerzen. Der Husten reize ihr altes Leiden wieder. Arnold, der wußte, daß sie einen neulich operierten Bruch habe -- auch schmutzige Bandagen, unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn daran -- wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter überlassend. Während die beiden Frauen mit einander flüsterten, ging er durch das Zimmer. Es war so schmal und klein, daß das Bett beinahe ein Viertel des Raumes wegnahm. Gleich an die Türe stieß ein Küchenofen, dessen Platte, mit einem Gewirr von Schüsseln und Töpfchen, dennoch nie benützt zu werden schien, denn auch alte Papiere, Kleider wälzten sich über sie und dicht daneben hing an einer Schnur ein Bündel neuer Schürzen, das Warenlager vielleicht. Über ihn weg ging überdies zu dem wirklich benützten, kleinen, so beliebten Eisenöfchen, das auch jetzt brannte, ein schwarzes Rohr, das in zwei herabhängenden wackligen Drahtschlingen wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend lagen auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenüber, mehrere Koffer und Kisten auf der Erde, alle in Eisenreifen mit Schlössern, aber alt und verfallen. Seltsam genug machte sich neben ihnen die Pracht eines ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett nur einen ganz schmalen Durchgang ließ, so breit war es mit seinem roten Leder, den gepolsterten Armlehnen, den zum Schmuck tief eingenähten Knöpfen. Es paßte gar nicht herein und, als werde dies auch gefühlt, stand es mit der Rücklehne nicht ganz an der Wand, sondern fremdartig suchte es nach Stützpunkten ... Arnold erinnerte sich denn auch, daß die Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die Großmutter zu Mittag darauf ausruhn könne, zum großen Ärger der Sparsamen übrigens, die alle Geldausgaben verabscheute ... Nur noch ein Möbelstück außer dem Kanapee gab es in dem kahlen und doch überfüllten Zimmer: ein mageres Glaskästchen, wieder mit Geschirr gefüllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm sich vor zu fragen, warum so viele, vergaß es aber) und Gebetbücher (Also konnte sie doch lesen. Oder nur hebräisch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in Kästen, sondern frei an der Wand, nur von einem schmutzigen weißen Tuch, das oben mit zwei Nägeln befestigt war, verhüllt. Das war das Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen quadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder allerlei Porzellanzeug füllte -- und die niedrige Decke, nicht glatt, sondern mit offenem Gebälk, mit Spinnweben und Gott weiß was noch -- und alle Gegenstände hier nicht etwa Mann für Mann und sauber hingestellt, sondern durcheinandergeworfen, wie in Schwächeanfällen, mit einander verbunden durch hingestreute Haufen von Gerümpel, durch Fliegen mit ihrem unerträglichen Gesumm und Niedersitzen und wieder Kreisen, durch zerbrochenes Holz, Fetzen, Abfälle, noch hinter dem Bett lugte ein ganzer Sack mit abgetragener Wäsche hervor. Und dieses Bett, ganz eng, schwachfüßig, die Federbettdecke grau statt weiß, mit großen eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, betropft mit rötlichen Spuren ... Wenn Arnold an seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren aufgeputzten hübschen großen Stuben, Palasträumlichkeiten förmlich, erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, im Schnee. Oder die langen einsamen Nächte einer Kranken ... Und kein Mittel, dem abzuhelfen, denn die alte Frau duldete aus Mißtrauen (alle Leute bestahlen sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, holte sich lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch den Fußboden allein auf ... In sein Graun mischte sich Bewunderung für diesen heißen eigensinnigen Kopf, und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies alles. Was mochte sie machen, während er die elektrische Lampe an seinem schönen Schreibtisch spielen ließ oder wenn er im Ruderboot saß, mit Millionärssöhnen, in demselben Moment, was tat da die Großmutter? Gab es gar keine Fäden? War es seine Schuld? Irgend jemandes Schuld?... O er hing doch mit dieser Bettlerin zusammen und war stolzer darauf als auf seinen Umgang mit allen Bürgern der Stadt. Wie kam das alles? So wahr und so sagenhaft. Er hätte weinen mögen, in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe von Zärtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte er sich mit jenem tief schweigsamen Blick, der manchmal in einem einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt.

»Setz dich nur hernidder« seufzte die Großmutter vom Bett her »auf dei Kanapee. Das ist doch enkerer Kanapee, das gehört enk und ich will's nicht. Setz dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin, so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do.«

Er setzte sich wieder auf den Küchensessel, während die Mutter an ihre Arbeit zurücklief: »Aber was redest du denn? Davon redet man nicht. Was fällt dir ein.«

Sie murmelte etwas.

»Ich sitz lieber so bei dir, recht nahe, Großmutter. Das ist mir lieber.« Obwohl er alles, was er sagte, herzlich fühlte, ja herzlicher, als er es aussprach, kam ihm doch vor, als rede er nur, um ihr das Stichwort zu geben.

Sie wandte ihm denn auch das Gesicht zu, in dem wieder der Zug von Schmerz, eigentlich mehr von Ungeduld, sich zeigte: »Ich möcht scho gern unten sei, unter der Erd. Oben war ich halt scho genüg, es freut mich nimmer, ich hob genüg gehabt, glaub mir. E Sof möcht ich machen.« Plötzlich aber erhob sie sich aus dem Klageton und ein wenig stärker, für die Mutter berechnet, begann sie zu schelten: »Awere, mit den Würstlach wärech scho lang fertig. Das is e Kocherei.«

»Ich bin ja auch schon fertig« antwortete die Mama, sichtlich stolz darauf, daß sie ihren Humor nicht verlor »deine Kocherei natürlich, da hast du's leicht. Immer Koffi und Koffi noch und wieder.« Wie ein Dolmetsch wandte sie sich an Arnold: »Die Mutter trinkt nichts als Kaffee, das ist ihr Liebstes ...« und leiser »Gut, daß sie uns heut keinen kochen kann. Mich ekelt's, aus dem Zeug da zu trinken.«

Arnold, der die Reden seiner Mutter überflüssig fand und diesen Ton eigentlich weniger verstand als den der Großmutter -- offenbar lagen da Verhältnisse zu Grunde, die er nicht kannte, noch aus alten Zeiten her -- sagte ihr leise scherzend ins Ohr, wie ein Verbündeter: »Daraus machen wir uns nichts, was?«

Die Alte drehte ihr Händchen, das auf dem Federbett lag, um, mit der Handfläche nach oben und dann wieder zurück -- eine stumme Verachtung oder Hoffnungslosigkeit.

»Was macht denn Deine Maus, Mutter, tanzt sie Dir immer noch zwischen den Kochtöpfen« spottete die Mama weiter, offenbar um zu belustigen. »Da ist ja die Falle ...« Sie zog aus einem der für Arnold unergründlichen Haufen ein Gitterwerk: »Leer ...«

»Das Mäusile« lächelte die Großmutter, fast gutmütig. »Was macht denn mei Mäusile. Do hab ich 'r Speck 'reigetue und sie frißt en weg und läuft heraus. Is sie nicht drin?... Hast e Chutzpe gehabt.«

»Auf Dich wird sie warten, wenn Du ihr so altes Zeug hinstellst. Aber ich hab Dir doch unlängst eine ganz neue gekauft, wo ist sie denn?« Sie stieß Arnold leise an, aber doch so, daß die Großmutter es hören mußte: »Sie wird sie verkauft haben ...«

»Der Maurer hat mir geraten« schwenkte diese mit natürlicher Überlegenheit ab »ich soll ihr Glas vor das Loch streuen. Also hab ich Glas gesammelt und ihr gestrien, do stechen se sich herch.« Sie ächzte. »Wenn ich nur wieder gesünd wär und aufstehn könnt. Das is ka Naches, so zu liegen. Nur gesünd sein, wenn mir Gott gibt.« --

Es klopfte.

Herein trat Frau Lichtnegger, eine große hellblonde Frau im Kopftuch, mit ihrem Buben, der schnell beim Eintritt den Finger in den Mund steckte. Sie wollte sich, wie täglich, nach dem Befinden der Frau Goldberg erkundigen; vorsichtig und bescheiden kam sie näher, stieß aber plötzlich einen Freudenschrei aus: »Nein, das ist ja unmöglich. Wenn Sie sie gestern gesehn hätten, Frau Beer. Das ist ja gar kein Vergleich. No geh's nicht besser, Frau Goldbergen ... Sie hat halt Freude, daß Sie da sind ... Und das ist der Herr Sohn, nichtwahr.« Arnold verbeugte sich befangen. Die Großmutter sprach zu ihr wie zu etwas Fremdem, nicht ganz auf gleicher Stufe Stehendem: »Nehmen Sie doch Platz, liebe Frau ...« und redete überhaupt so still und sanft mit ihr, daß man sich ein Zanken von diesem Ton aus gar nicht recht vorstellen konnte »wie geht's denn?« Und zum Buben: »No, mei kleins Schekitzele.« Auf die wiederholte Frage der Frau Lichtnegger, wie sie sich heute fühle, antwortete sie mit einem traurigen, sehr absichtlich scheinenden Kopfschütteln. »Kein Vergleich mit gestern« flüsterte die Maurersfrau der Mutter zu.

Die Mutter brachte eben die warmen Würstchen vom Herd, lud auch die Gäste ein. Man aß von einem ausgebreiteten Papier weg ... »Nun, Mutter, was wirst du essen?«

»Ich hab ka Appetit.«

»Ein bißchen Himbeersaft mit Kuchen.«

»Ich hab ka Appetit.«

»Aber du mußt doch etwas essen, -- eine Grieskasch?«

»Vielleicht eine Omelette« mischte sich Frau Lichtnegger ein und die zwei Frauen bedrängten mit wohlgemeintem Eifer die Greisin, so daß Arnold sie bemitleidete, doch zugleich, da sie fest blieb, anstaunte. Sie hatte nun einmal keinen Hunger, als Fieberkranke. Er sagte es laut.

Die Mutter war bös: »Hat man dich gefragt?«

»Eppes hat mir heint geträumt« sagte die Großmutter, an so unvermittelte Übergänge mußte man sich hier gewöhnen »Sie können auch zuhören, Frau Lichtneggern, von dei seligen Lehrer Schmidt, nebbich, daß er mir hat erzählt, wie damals, von dir, Regie ...«

»Das ist es« machte ihn die Mutter lachend aufmerksam.

»Er hat gerechnet auf der großen Tafel und gesagt, keiner soll jetzt reden von die Schüler. Da is die kleine Goldberg aufgestanden: Derf ich nicht aber doch etwas sagen? -- Aber was willst du denn sagen, Kind? -- Ich möcht Ihnen was ins Ohr sagen, Herr Lehrer -- Aber jetzt sagt man nichts -- Derf ich aber nicht doch e kleins bißl was sagen?... und sagt ihm, die Regie, daß irgendwo e Fehler is, auf der Tafel. Also hast du ihm einen Fehler ausgebessert, dem Herrn Lehrer Schmidt, und warst doch die jüngste in der Klasse. Er hat sich aber dann auch gewundert: Mir hat se selbst e Fehler gezeigt, so e Tam von e Kind -- derf ich aber nicht doch e kleins bißl was sagen, so hat er dir nachgemacht ... Und hat es dem hochwürdigen Herrn selber erzählt, wie sie do zusammsitzen auf die Bierbänk, und der hochwürdige Herr hats dann mir erzählt.«

Die Mutter hatte nicht zugehört und erkundigte sich, während Arnold der Großmutter die Hand drückte, bei Frau Lichtnegger, was denn der Doktor gestern gesagt habe ... Er war eine halbe Stunde geblieben, so gut habe er sich mit dem Mutterl unterhalten. Was sie denn für Schätze in all den Kisten hat, habe er gefragt ... »Ja, das mußt du dir anschaun« sagte die Mutter zu Arnold, wie in einem Museum, indem sie unter dem Kopfpolster einen Schlüsselbund hervorzog. »Acht Schlüssel und nur drei ganze Schlösser im ganzen Zimmer« sie zeigte auf die Kisten »und was ist drin: ein bißchen stinkige Kohle -- und das glaubst du, Mutter, daß dir irgendjemand wegtragen wird -- und dabei kannst du die Kisten nur so aufheben, daß dir der Deckel in der Hand bleibt, so alt sind sie -- aber wenn sie nur hübsch zugesperrt sind ...«

Arnold, nun wirklich neugierig, glaubte die Gelegenheit gekommen, in einem Einzelfall zu sehn, wie es mit diesem Wahn stehe, und fragte ganz harmlos die Großmutter: »Wozu hast du denn die hübschen Schlüssel?«

Sie hatte, es schien ihre Gewohnheit, nicht gehört oder beachtet, was über sie gesprochen wurde, und zählte nun langsam, aber präzis auf: »Der is für die Almer, der für das Fach in enkerem Kanapee ...« bis alle acht richtig herum waren. »Nun also« warf er den Kopf gegen die Mutter auf »Was redest du also? Nichtwahr, Großmama ...«

Indessen fuhr Frau Lichtnegger fort, zu erzählen, wie beschäftigt dieser Arzt sei, Herr Heiger, er mache nirgends hier Besuche, nur der alten Frau Goldberg zu Liebe ...

»Er kommt ja bald ... Wir müssen, ich muß aufräumen, das ist ein Skandal« fuhr die Mutter verzweifelt in die Höhe, sie hatte jetzt schon zu lange geplauscht »die Betten überziehn ...«

Leise erwiderte die Großmutter, obwohl man sie diesmal nicht direkt angeredet hatte: »Mei Deige is der Doktor. Er wird zu Haus auch nicht alles so akrat haben.« -- Trotzdem stimmte sie, ganz wonniglich sanft, zu, als die Frauen ihr nahelegten, sich zu kämmen. Nur allein wollte sie es machen. Sie setzte sich im Bett auf, man rückte ihr als Stütze die Kissen an den Rücken. Vom nahen Fensterbrett nahm sie den gelben, fast zahnlosen Kamm und fuhr sich heftig, ihre Hand zitterte nicht, ins Haar. Es war noch voll und ziemlich lang und ordnete sich schnell. Dann teilte sie es in zwei Teile und flocht aus jedem einen Zopf, dessen letzte, ganz enge Maschen sie offen ließ, so daß sie sich wie kleine Fingerchen emporkrümmten. Arnold wußte nicht, was ihn bewegte, beim Anblick dieser zarten Flechten, deren äußerste Enden nun doch einen gelblichen Schimmer zeigten ... Mühevoll legte nun die Großmutter ihre schwarze dicke Winterjacke ab, die sie bisher angehabt hatte, alle drei mußten sie halten, an dem gebrechlichen krummen Rücken, unter den weichen Schultern, und endlich die vielfach Seufzende wieder hinlegen. Indessen erging sich Frau Lichtnegger in Beschreibungen von Großmutters Krankheitszuständen, als sei sie gar nicht anwesend. »Wenn nur der Schüttel nicht wiederkommt.« Damit meinte sie den Schüttelfrost. »Gestern hat sie wieder so einen Schüttel gehabt« und die immerwährende, selbstverständliche Wiederholung dieses Wortes dünkte Arnold sehr einfältig, keines der komischen Worte, die er heute von der Großmutter gehört, zum erstenmal in seinem Leben, hatte diesen kindischen unernsten Eindruck auf ihn gemacht. -- Frau Lichtnegger fuhr fort: No Mutterle, habe der Doktor gesagt, ich seh, Sie sind eine saubere Frau, -- als ihm die Großmutter erzählt hatte, zur Entschuldigung, sie habe sich heute nicht waschen können ... Und wieviel er zu tun habe, noch einmal. »Bis zehn Uhr nachts, von früh sieben. So beliebt ist er. Wenn er nicht bald von hier wegzieht, so vergeht er.« -- Plötzlich legte sie den Finger an den Mund und hielt ein. Die Großmutter atmete langsam, sie war eingeschlafen. Leise schloß sie: »Das tut sie gern, wenn man vor ihr spricht. Das tut ihr wohl.« -- Und die beiden Frauen berieten, eine Suppe mußte für die Kranke gekocht werden, eine kräftige Fleischsuppe. Arnold, der erst jetzt den Sessel am Bett verließ, trat auf Fußspitzen zu ihnen. Ob sie nicht lieber zum Doktor sehn wollten, daß er recht bald komme. Er werde schon kommen, war die Antwort, und der Husten sei ja nur heilsam, weil er den Schleim entferne, und nun dieser gute Schlaf, -- es sei nicht mehr so gefährlich. Frau Beer beschloß, ein gutes Stück Rindfleisch kaufen zu gehn. Frau Lichtnegger wollte ihr einen billigen guten Laden zeigen. Sie winkte dem Jungen, der lautlos in der Ecke gesessen war. Arnold reichte ihm ein paar Zuckerl. Der Bursch nahm sie verlegen und wollte ihm, ohne Worte, seine bunte Holzflöte dafür schenken, die er fest in der Hand hielt. Arnold schob ihn lächelnd hinaus.