Aristoteles' Poetik

Part 9

Chapter 93,270 wordsPublic domain

=Myser= (die) S. 58. Gemeint ist des Äschylos so betiteltes Drama, dessen Held Telephos zu Tegea in Arkadien seine Oheime erschlagen hatte und (wahrscheinlich vom Orakel dazu veranlaßt) nach Mysien wanderte, um sich dort von der Blutschuld reinigen zu lassen. In der Zwischenzeit mußte der Totschläger strenges Stillschweigen bewahren.

=Neoptolemos= (S. 54), Achill’s Sohn. Welches Tragikers Werk Aristoteles im Auge hat, ist uns völlig unbekannt.

=Nikochares= (S. 4) und seine „Deliade“ sind anderweitig unbekannt.

=Niobe= (S. 40). Da das bekannte Schicksal der Niobe keineswegs durch seinen Stoffreichtum der Behandlung in +einer+ Tragödie widerstrebt, auch von einer epischen Darstellung des Themas nichts bekannt ist, so hat dieses Beispiel mit Recht Befremden erregt und den Verdacht einer Textverderbnis wachgerufen. Von Äschylos gab es übrigens eine Tragödie dieses Namens; daß zwei andere seiner Dramen diese Darstellung vervollständigt haben, ist ohne triftigen Grund vermutet worden.

=Nomos= (S. 3 usw.). Eine dem Dithyrambos verwandte Dichtungsart, in deren musikalischer Begleitung die Kithara allmälig das Übergewicht über die Flöte gewann.

=Odysseus=, der verwundete s. Telegonos.

-- -- in der Skylla s. Timotheos.

-- --, der Trugbote (S. 36). Der Autor und Inhalt des Dramas gleich unbekannt. Mit Wahrscheinlichkeit läßt sich vermuten, daß in den im Texte geschilderten Vorgängen der schlaue Odysseus die Rolle des Täuschenden gespielt hat, während der Inhaber des Bogens ein Troer gewesen ist.

=Ödipus= S. 33 u. 58. Die außerhalb des Dramas liegende Ungereimtheit ist des Ödipus Unkenntnis der Art und Weise, wie sein Vorgänger Laios geendet hat. Nur diese an sich unglaubhafte Unkenntnis hat die Verwicklung herbeigeführt, die den Inhalt des Trauerspieles bildet.

=Orestes.= Die S. 32 und 64 erwähnte euripideische Tragödie hat folgenden Inhalt: Der als Muttermörder vor ein Volksgericht gestellte Held wird, da sein Oheim Menelaos ihn aus Feigheit verraten hat, verurteilt, will sich jedoch vor seinem Ende noch an des Menelaos Gemahlin Helena, als der Urheberin alles Übels, rächen; da diese von den Göttern entführt ward, wählt er ihre Tochter Hermione zu seinem Opfer. Da erscheint Apoll, um die Versöhnung der Streitenden und die Vermählung des Orestes mit keiner anderen als Hermione zu bewirken.

=Pauson= (S. 4), jüngerer Zeitgenosse Polygnot’s, überaus fruchtbarer Genremaler, von Aristophanes verspottet, von Aristoteles auch anderwärts getadelt.

=Peleus= (S. 39). Es ist wahrscheinlich das so betitelte Drama des Sophokles gemeint, dessen Inhalt wir kennen, wenn uns auch nur 10 wenig bedeutende Bruchstücke bekannt sind. Peleus, Achill’s Vater, war während der Abwesenheit des gewaltigen Sohnes aus seinem Reiche vertrieben worden, hatte seinem Enkel Neoptolemos zu begegnen gesucht und ist auf der Insel Kos, wohin er durch Sturm verschlagen war, gestorben. Ähnlichen Inhalt hatte des Euripides gleichnamiges Drama. Es waren Rührstücke, in denen die Gebrechen und die Hilflosigkeit des Greisenalters Stoff zu reicher Klage boten.

=Peloponnesische Tragödie= (S. 5). Jedenfalls waren Dithyrambos und tragische Chöre, ersterer um und bald nach 600 in Korinth, letzterer in Sekyon zu Hause. Auch Pratinas, ein Zeitgenosse des Äschylos, war zu Phlius im Peloponnes heimisch.

=Perser= (S. 4). Die einzige uns bekannte dithyrambenartige Dichtung (Nomos) mit historischem Sujet. Nur 3 Verse daraus erhalten. Ihr Verfasser Timotheos, s. das.

=Philoktet= (S. 51 u. 54). Das Schicksal Philoktet’s ist unseren Lesern aus der erhaltenen Tragödie des Sophokles bekannt. Seine Mitwirkung an der Einnahme Troias hat Sophokles in einem verlorenen Drama dargestellt. Außerdem haben Äschylos, Euripides (von dessen Drama eine größere Zahl von Bruchstücken erhalten ist), Achäos, Theodektes und einige Geringere das dankbare Sujet behandelt.

=Philoxenos= (S. 4), geb. auf der Insel Kythera (435-380), berühmter Dithyrambendichter; sein „Kyklope“, von dem wir einige Verse besitzen, war eine von dem Dichter schwer gebüßte Persiflage des älteren Dionysios.

=Phineussöhne= (die) S. 35. Der Sagenstoff ist bekannt, der Verfasser des Dramas unbekannt, ebenso die Personen, von deren Aussetzung und Wiedererkennung der Örtlichkeit im Texte die Rede ist.

=Phorkystöchter= (S. 39). Dies der Titel eines äschyleischen Satyrspieles, dessen Held Perseus im Kampfe mit Gräen und Gorgonen war. Dasselbe wurde, wie wir kürzlich erfuhren, noch im Frühjahre 339 zu Athen aufgeführt.

=Phthiotinnen= (die) S. 39, eine uns nur durch vier den Inhalt nicht im mindesten aufhellende Verse bekannte Tragödie des Sophokles. Daß dem Drama, wie so häufig, die den Chor bildenden Personen seinen Namen gaben und daß Achill’s Geschlecht den Mittelpunkt bildete, kann als ausgemacht gelten. Alles übrige ist vage Vermutung.

=Pindaros= (S. 65), ein uns sonst unbekannter Schauspieler.

=Polyeidos= (S. 35 u. 37) der Sophist, anderweitig unbekannt.

=Polygnot= (S. 4) aus Thasos, berühmter Maler des 5. Jahrhunderts, der die „bunte Halle“ in Athen, desgleichen die Lesche in Delphi mit großen historischen Compositionen ausgeschmückt hat.

=Probleme= S. 61 ff. „es ragten die Lanzen --“ (Il. 10, 152). Diese Aufstellungsweise der Speere befremdete darum, weil das Niederfallen eines einzigen Speeres den Sturz einer großen Zahl zur Folge haben und so der nächtlichen Ruhe des Lagers arge Störungen bereiten konnte.

„Mäuler zuerst nun“ (Il. 1, 50). Da die Seuche von Apoll als Strafgericht über das Griechenheer verhängt wird, so nahm man daran Anstoß, daß auch schuldlose Tiere, und zwar diese zuerst von der Krankheit ergriffen wurden. Darum deutelte man an dem Worte, das Maultiere bezeichnet, und wollte ihm die Bedeutung „Wächter“ aufdrängen.

Daß Dolon zugleich „übel von Ansehn“ und „schnellfüßig“ heißt (Il. 10, 316) schien schwer verständlich, da ein verkrüppelter Körperbau die Eignung zum Schnellaufen ausschließt. Da half eben die im Text erwähnte Deutung der Worte.

Das „kräftiger mische den Trunk“ (Il. 9, 202), das Achill dem Protoklos zuruft, schien einem überfeinerten Geschmacke dort nicht am Platz, wo es die ersten Heerführer der Griechen zu bewirten galt. Darum die gewaltsame Auskunft, das Beiwort gelte nicht der Lauterkeit des Trunkes, sondern der Eile in der Bereitung desselben.

„Alle die anderen nun, so Götter als reisige Männer --“. Unser Homertext ist von dem Widerspruche, den hier eine so kühne Auslegung hinwegschaffen hilft, völlig frei. Derselbe ist durch die Ersetzung des Verses Il. 10, 1 durch den Vers Il. 2, 1 und überdies durch die Vertauschung des Wortes „andere“, das unser Text an beiden Stellen bietet, mit „alle“ entstanden. Schwerlich sind diese Abweichungen einem bloßen Gedächtnisfehler unseres Autors zuzuschreiben.

„Die allein nicht hinabtaucht“ (Il. 18, 489). Man fragte sich verwundert, warum das Bärengestirn das einzige nicht untergehende heiße. Die Antwort auf diese Frage, es werde eben nur das bedeutendste oder bekannteste unter den dem Pol benachbarten Sternbildern genannt, darf wohl als zutreffend gelten.

„Ihm aber gewähren (den Sieg wir) --“. Es sind dies Worte, die man jetzt Il. 21, 297 liest, die man aber einst Il. 2, 15 gelesen haben muß, wo Zeus dem Agamemnon, den er zu erfolglosem Kampf anspornen will, ein ihn irreleitendes Traumbild zuschickt. Man wollte die des obersten Gottes, wie man dachte, unwürdige lügenhafte Siegesverheißung durch Veränderung der Betonung (übrigens im Widerspruch mit dem ganzen Zusammenhang) in eine indirecte, das Ansehen der Gottheit weniger beeinträchtigende Redeform verwandeln. Auch hier zeigt sich, wie bei jener Mißdeutung des „kräftiger mische den Trunk“, ein Mangel an Verständnis für homerische Naivetät.

„Deß Teil vom Regen verfaulet“ (Il. 23, 328). Dasselbe griechische Wörtchen bedeutet je nach der Betonung (und der Verschiedenheit des Hauches) „dessen“ und „nicht“. Dem Zusammenhang der Stelle entspricht einzig und allein das letztere, das unser Homertext ausschließlich kennt.

In dem zweiten empedokleischen (Halb-) Vers gestatten die griechischen Worte ebenso wohl die Auffassung: „gemengt ward, was früher lauter war“, als jene: „lauter ward, was früher gemengt war“. Es ist insbesondere der von Aristoteles nicht mitgetheilte Schluß der zwei Verse (183f. Stein), der zu Gunsten der letzteren entscheidet.

„Das meiste der Nacht ist vorüber --“ (Il. 10, 252f.). Der sonnenklare Sinn der Stelle ist dieser: „Der größere Teil der Nacht ist vorüber, zwei Drittel nämlich; der dritte Teil ist noch übrig.“ Vermöge eines kaum begreiflichen Mißverständnisses haben antike und auch die meisten modernen Erklärer die Worte falsch verbunden und dadurch den Anfang der Stelle besagen lassen: „+Mehr+ als zwei Drittel der Nacht sind vorüber“ --, womit sich denn das folgende: „der dritte Teil ist noch übrig“ nicht wohl zusammenreimen ließ! Doch hat selbst Aristoteles in seinen „Homerischen Fragen“ diesen Unsinn verständlich zu machen nicht verschmäht.

„Weinschenk“ des Zeus heißt Ganymed (Il. 20, 234), obgleich die Götter bekanntlich Nektar und, wie Il. 5, 341 ausdrücklich versichert wird, keinen Wein trinken. Wie wenig buchstäblich der Wein an jener Stelle zu nehmen ist, zeigt am deutlichsten Il. 4, 3, wo Hebe geradezu „Weinschenkin des Nektar“ genannt wird. Eine ähnliche Abschwächung der ursprünglichen Bedeutung hat es bewirkt, daß „Erzschmiede“ bei Homer auch die Bearbeiter des härteren, schwerer zu schmiedenden und darum später in Gebrauch genommenen Eisens heißen.

„Wo die eherne Lanze nun fest stand“ (Il. 20, 272). So heißt es von dem Speer, den Aeneas erfolglos gegen Achills Schild geschleudert hat. Dieser bestand aus fünf Metall-Lagen, darunter einer goldenen. Da schien es denn rätselhaft, daß einerseits das Gold als Hemmnis des weiteren Vordringens des Speers bezeichnet und andererseits gesagt wird, dieser habe zwei jener fünf Metall-Lagen durchbohrt. Sollte die Gold-Lage (so fragte man sich mit berechtigter Verwunderung) im Inneren des Schildes verborgen gewesen und nicht vielmehr seinen leuchtenden Schmuck gebildet haben? Die Lösung dieser Schwierigkeit, die Aristoteles andeutet, scheint dahin zu gehen, daß die auf der Außenseite des Schildes angebrachte Gold-Lage die Gewalt des Stoßes zwar abgeschwächt, aber den Speer nicht zu sofortigem Stillstand gebracht hat.

Ikarios. So heißt in der Odyssee der Vater der Penelope. Es war dies ein in Sparta heimischer Heros, der Bruder des Tyndareos. Da befremdete es die Leser des Odyssee, daß Telemach auf seiner peloponnesischen Erkundigungsreise, die ihn auch nach Sparta führt, den Großvater dort nicht aufsucht. Die Änderung eines Buchstabens sollte das Problem lösen helfen.

=Prometheus= (S. 39). Fast sicherlich das uns erhaltene äschyleische Drama „Der gefesselte Prometheus“ gemeint, da der uns zum größten Teil bekannte Inhalt der verlorenen Stücke jener Tetralogie dem Zusammenhange weniger zu entsprechen scheint.

=Protagoras= (S. 42), der berühmte abderitische Jugendlehrer und Philosoph (sogenannter Sophist) des perikleischen Zeitalters, hatte die Unterscheidungen der Grammatik wohl als der erste zum Gegenstande des Studiums gemacht. Wie das Geschlecht der Hauptwörter, so unterschied er zuerst theoretisch die Tempora und Modi des Verbums. Er exemplificierte mit Vorliebe an homerischen Versen, insbesondere an den ersten Versen der Iliade. Obgleich dem großen Aufklärer ein Anflug schulmeisterlicher Pedanterie nicht gefehlt zu haben scheint, so darf man es doch bezweifeln, daß er mit der Bemerkung, Homer gebrauche den Imperativ dort, wo der Optativ (die Redeform des Wunsches) am Platze wäre (Il. 1, 1), einen ernst gemeinten Tadel aussprechen wollte.

=Sinon= (S. 54). So heißt in der Sage der Grieche, der sich als ein angeblich von seinen Landsleuten Mißhandelter und Bedrohter nach Troia begab, die Troer durch schlaue Vorspiegelungen zur Aufnahme des hölzernen Rosses bewog und den Griechen das Feuerzeichen gab, das sie zur Rückkehr von Tenedos bestimmte (s. Abfahrt von Troia). Von dem also betitelten Drama des Sophokles sind uns nur drei Worte erhalten.

=Sisyphos= (S. 40). Der verschlagene, Götter verachtende und von den Göttern bestrafte Sohn des Äolos war der Held mehrerer Dramen. Mitunter ward der Schlaukopf selbst überlistet. So von Tyro, der Gattin seines Bruders Salmoneus, die er zu seiner Gemahlin machte, um sich an dem ihm feindlich gesinnten Bruder zu rächen. Einem Orakelspruche gemäß sollten nämlich die aus der Ehe mit Tyro entsprossenen Söhne diese Rache vollstrecken. Die Mutter vereitelte jedoch den Plan, indem sie ihre und des Sisyphos Söhne sofort nach der Geburt tötete.

=Skylla= (S. 32 u. 65). Gemeint ist der also betitelte Dithyrambos des Timotheos (s. d.), von dessen Dasein uns erst kürzlich ein Papyrus der Erzherzog Rainer’schen Sammlung Kenntnis gegeben hat. Der weibische Charakter des Klaggesanges, den hier der von der Skylla bedrohte Odysseus anstimmte, wird auch in der neu erschlossenen Urkunde tadelnd vermerkt. Zum Verständnisse der zweiten Stelle diene folgendes. Das dramatische Element kam im jüngeren Dithyrambos in der Weise zur Geltung, daß der Flötenspieler und der Führer des aus 50 Sängern bestehenden Chores in Tracht, Haltung und Geberden die zwei Hauptpersonen darstellten. Hier zerrt der Flötenspieler den Chorführer am Gewande, um das Bemühen der Skylla zu versinnlichen, die den Odysseus an sich und ins Verderben zu ziehen bestrebt ist.

=Sokratische Gespräche= (S. 2). Darunter versteht Aristoteles ausschließlich die Dialoge Platon’s, in denen Sokrates die Hauptgesprächsfigur war, nicht die Dialoge anderer Sokrates-Jünger wie Antisthenes, Phädon usw.

=Sophron= (S. 2), Syrakusaner, 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts, dichtete in Prosa zum Recitieren bestimmte dramatische Schilderungen des Volkslebens, Mimen genannt, z. B. der „Thunfischer“, die „Frühstücksschwestern“, die „Näherinnen“ u. dgl. m. Über die Eigenart dieser von ihm selbst und seinem Sohne Xenarchos gepflegten Gattung belehren uns besser als die kümmerlichen Überreste die Nachbildungen Theokrits und die jüngst wiederentdeckten Mimiamben des Herondas.

=Sosistratos= (S. 65), anderweitig unbekannt.

=Sthenelos= (S. 49), ein mittelmäßiger Tragiker des 5. Jahrhunderts. Eine Lustspielfigur des Aristophanes fragt im Hinblick auf Sthenelos: „Doch wie genieß’ ich dieses Dichters Vers?“, worauf ihm die Antwort wird: „Mit Essigtunke oder salzbestreut“.

=Telegonos= (S. 30) der „fern geborene“ Sohn des Odysseus und der Kirke, der, ohne den Vater zu kennen, in Ithaka erscheint und ihn im Kampfe tötet. Gemeint ist hier fast sicherlich das sophokleische Drama „Der vom Stachel getroffene Odysseus“, da es ein Rochenstachel war, mittelst dessen ihm den Vater zu töten bestimmt war.

=Telephos= S. 27. Der Gegenstand von Tragödien des Äschylos, Euripides, Agathon und Anderer. Der Kern der Fabel war dieser. Der Held wächst, von einer Hirschkuh ernährt, fern von seiner Mutter Auge auf, die ihn von Herakles empfangen hatte. Als Lohn für den Beistand, den er dem König von Mysien Teuthras geleistet hat, schenkt ihm dieser die Hand seiner Tochter, die keine andere als eben Auge ist. Diese widerstrebt der Heirat und will Telephos töten, der, als ihre Absicht vereitelt ward, an ihr Rache zu nehmen im Begriff ist. Da erscheint Herakles und offenbart ihnen die lange verborgene Wahrheit. S. auch Myser.

=Theodektes= (S. 35 u. 39). Geboren zu Phaselis in Lykien, ein Jünger und vertrauter Freund des Aristoteles (vgl. Vorwort). Der mit leiblicher Schönheit nicht minder als mit glänzenden Geistesgaben Begnadete hat ein halbes Hundert Dramen verfaßt, dreizehnmal den tragischen Wettstreit bestanden und darunter achtmal den ersten Preis errungen, wie seine stolze Grabschrift verkündete. Uns sind kaum 70 Verse und von seinen Prosaschriften (unter denen sich eine „Apologie des Sokrates“ befand) ein Dutzend Zeilen erhalten. S. Lynkeus und Tydeus.

=Tereus= (S. 35). Eine Tragödie des Sophokles, von der uns wenige, aber herrliche Bruchstücke erhalten sind. Der thrakische König Tereus hatte von Pandion, dem Fürsten von Athen, als Lohn für kriegerischen Beistand die Hand seiner Tochter Prokne erhalten, die ihm den Itys gebar. Tereus that der Schwester seiner Gemahlin, Philomele, Gewalt an und schnitt ihr, um ihren Anklagen vorzubeugen, die Zunge aus. Philomele aber giebt durch ein kunstvolles Werk ihrer Hände -- die „Stimme des Gewebes“ -- der Schwester Nachricht, worauf sie an Tereus durch Hinschlachtung seines Sohnes Rache zu nehmen beschließen. Den Schluß des Dramas bildete die Verwandlung der Hauptpersonen in Vögel.

=Theseis= (S. 18). Solche Theseusdichtungen waren von Zopyros (wahrscheinlich aus dem 6. Jahrh.), Diphilos (aus dem 5. Jahrh.) und Anderen verfaßt worden.

=Thyestes= (S. 27). Der durch den verhängnisvollen Bruderzwist bekannte Sohn des Pelops war der Held zahlreicher Tragödien. Das S. 34 genannte Drama des Karkinos (s. d.) scheint mit dem von anderen „Aërope“ betitelten identisch zu sein. Die hier erwähnten „Sterne“ waren ein auf der Schulter befindliches, weiß glänzendes Merkzeichen, das die Pelopiden auszeichnete, wie solche vererbte Muttermale auch heute noch in süd-arabischen Fürstenhäusern begegnen.

=Timotheos= (S. 4), aus Milet (446-357), berühmter Dithyrambendichter. Er dichtete unter anderem die „Perser“ (s. das.), desgleichen einen Dithyrambenkranz, der die Abenteuer des Odysseus umfaßte und dem auch die „Skylla“ angehörte (s. d.), nicht minder der „Kyklope“, ein „Laertes“ und „Elpenor“.

=Troerinnen= (S. 54). Ein erhaltenes Drama des Euripides (so benannt nach den den Chor bildenden Kriegsgefangenen), das mit Schreckensscenen angefüllt ist, die der Einnahme von Troia folgten.

=Tydeus= (S. 35). Über das nur an dieser Stelle erwähnte Drama des Theodektes (s. d.) fehlt jede Kunde, und welche Bewandtnis es mit der hier angedeuteten Erkennung hatte, darüber fehlt es sogar an jeder irgend scheinbaren Vermutung.

=Tyro= (S. 34). Diese Heroine -- die Heldin zweier Dramen des Sophokles -- hatte ein Zwillingspaar (Neleus und Pelias) dem Poseidon heimlich geboren und nach der Geburt in einer Mulde ausgesetzt, die sie wahrscheinlich der Flut eines Stromes anvertraute und so der Fürsorge des göttlichen Vaters empfahl. Von einem Roßhirten gepflegt, wuchsen die Söhne heran, trafen, wie uns alte Denkmäler zeigen, mit der Mutter an einem Brunnen zusammen, wurden an der Mulde, die der eine von ihnen mit sich trug, erkannt, und rächten sie dann an der bösen Stiefmutter Sidero.

=Umänderung= (S. 48). Der Verfasser hat hier (Il. 5, 393) eine der zur Bezeichnung von „rechts“ und „links“ auch sonst im Griechischen und anderwärts ganz üblichen (auch im Deutschen nicht unerhörten) Comparativbildungen seltsamer Weise verkannt. Selbst den Superlativ (gleichsam „rechtest“) kennt das Lateinische.

=Veröffentlichte Schriften= (S. 33). Darunter versteht Aristoteles hier und anderwärts im Gegensatze zu den uns allein erhaltenen Schul- und Vorlesungsschriften die für ein weiteres Publicum bestimmten, in ungleich gefeilterer Sprache und zumeist in Gesprächsform abgefaßten populären Schriften. Hier ist der bis auf geringe Bruchstücke verlorene Dialog „über die Dichter“ gemeint, der unter anderem auch Fragen der scenischen Ausstattung und selbst der Costümkunde behandelt hat.

=Waffengericht= (das) (S. 54), ein verlorenes äschyleisches Drama, in welchem Aias und Odysseus um den Besitz der Waffen Achill’s gestritten haben.

=Xenarchos= s. Sophron.

=Xenophanes= (S. 61). Der philosophierende Spielmann (geb. um 570 zu Kolophon in Kleinasien, nahe an 100 Jahre alt gest. zu Elea in Calabrien), von dem wir nicht ganz unerhebliche in poetische Form gekleidete Überreste besitzen. Gemeint ist hier ohne Zweifel sein energischer Kampf gegen die +menschenartige+ Auffassung der Götter.

=Zeuxis= (S. 14), aus Herakleia, Maler des 5. Jahrhunderts, unter dessen Werken Gruppenbilder, wie die Kentauren, die Götterversammlung, und Einzelfiguren, wie Pan, Alkmene, Eros u.s.w., die Hauptrolle spielen.

Nachtrag.

In letzter Stunde ist der Übersetzer mit dem ersten -- annoch unveröffentlichten -- Versuche bekannt geworden, die arabische Übersetzung des Abu-Bischr für die Textesverbesserung der Poetik in systematischer Weise nutzbar zu machen. Aus den Ergebnissen dieser sehr beachtenswerten Untersuchung sei vorerst mit Erlaubnis ihres Urhebers (Hrn. ~Jaroslav Tkač~) hervorgehoben, daß die unserer Übersetzung von 48ᵇ 12, 51ᵇ 31, 54ᵇ 8, 55ᵃ 34 und 59ᵃ 21 zu Grunde gelegten Schreibungen durch die neu erschlossene Quelle bestätigt werden. Außerdem mag die 57ᵃ 33 betreffende Angabe dahin berichtigt werden, daß die zwei eingeklammerten Worte in Ar. bei ihrem ersten, nicht bei ihrem zweiten Vorkommen fehlen. Ernster ist es, daß die Grundlage der Herstellung von 50ᵃ 17 sich als hinfällig erweist, und einem älteren Vorschlage des Übersetzers der Vorzug zu gebühren scheint. Darnach hätte die Stelle (S. 13, Z. 11 v. u.) etwa also zu lauten: „Auch die Glückseligkeit und ihr Gegenteil besteht im Handeln, und _somit_ ist das Lebensziel ein Thun, nicht eine Beschaffenheit.“

Fußnoten:

[1] Vgl. das Register unter „Dithyrambos“ und „Nomos“.

[2] Vgl. im Register „Megarische Komödie“ und „Peloponnesische Tragödie“.

[3] Vgl. das Register unter „Badescene“ und „Kyprien“.

[4] Sophokles, König Ödipus V. 1002ff.

[5] Vgl. das Register unter „Abfahrt von Troia“.

[6] Vgl. das Register unter „Veröffentlichte Schriften“.

[7] Od. 8, 521ff.

[8] Euripid. Iphigenie auf Tauri V. 274ff. und 1152ff.

[9] Die Herstellung des lückenhaften Textes und die Klärung des Verhältnisses von Glied- und Bindewort (die zusammen augenscheinlich alle Conjunctionen, Präpositionen und viele Adverbien umfassen sollten) scheint nicht gelingen zu wollen.

[10] Vgl. das Register unter „Definition des Menschen“.

[11] Odyss. 1, 185; 24, 308.

[12] Iliad. 2, 272.

[13] Empedokl. V. 443 (Stein).

[14] Vgl. Register unter „Umänderung“.

[15] Auflösung: der Schröpfkopf.

[16] Die drei Anführungen aus Odyss. 9, 515; 20, 259; Il. 17, 265.

[17] Il. 2, 494ff.

[18] Od. 13, 116ff., wo ihn die Fährleute des Phäaken-Schiffes schlafend ans Land setzen und also verlassen.

[19] Olymp. Ode 3, 52: „die Hindin mit goldnem Geweih.“ -- Zum Folgenden (bis S. 62) vgl. das Register unter „Probleme“.

[20] „Studien über Hysterie“ von Dr. ~Jos. Breuer~ und Dr. ~Sigm. Freud~ in Wien. Wien 1895.