Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit
Part 9
„Das allgemeine gute Urtheil über einen Menschen hat allerdings etwas sehr Anziehendes,“ sprach Hippias. „Es ist bei weitem leichter Bewunderung, als die allgemeine Achtung und Liebe zu erwerben. Daher möchte ich auch lieber +gut+, als +groß+ sein. Beides zusammen vereinigen, ist sehr schwierig.“
„Ihr seid wieder auf gutem Wege!“ rief Herr Herrmann Bleicamb. „Ich habe gehofft, in der Gesellschaft von lustigen, jungen Leuten meinen Tag hinzubringen, und befinde mich unter lauter Philosophen. Die Welt beurtheilt Euch ganz falsch, meine jungen Herren. Ich bemerke, daß Ihr die Weisheit auf dem Grunde eines leeren Champagner-Glases sucht und findet. Es freut mich und ich werde es gelegentlich zu rühmen wissen. Wir müssen aber Höflichkeit um Höflichkeit tauschen und jetzt dem Russen einschenken lassen, wenn wir uns nicht lumpen lassen wollen!“
„Du bist heute außerordentlich höflich!“ sprach der Baron.
„Eine Flasche Champagner!“ rief ich dem Kellner zu.
Das Diner nahte sich jetzt seinem Ende. Madame ~Guilleaume~, ihre Töchter und die interessante Unbekannte erhoben sich von ihren Sitzen und verließen den Speisesaal. Einige von den Herren folgten ihnen, die anderen rückten näher zusammen und der Champagner begann zu kreisen. Der junge Russe besonders schien sich über die Entfernung der Damen zu freuen.
„Gut! gut! daß sie fort sind“ rief er aus. Was wollen die Damen an der ~Table d’hôte~? Sie geniren nur. Er trank ein Glas Champagner und sang:
„Drei Ochsen, vier Küh! Sind sieben Stück Vieh! Die Ochsen sind gröber, Und stoßen die Küh! Tra-La Tra-La Tra-La.“
„Wer war das junge Mädchen, welches mit der Madame ~Guilleaume~ den Saal verließ?“ fragte der Baron nach einer kleinen Pause den Russen.
„Ein sehr dummes Mädchen! sehr verliebt, wie alle Deutsche Mädchen. Sie hat keinen Sinn, als für den Geliebten, und weint Tag und Nacht, daß er nicht bei ihr ist. Schon seit sieben Jahren liebt sie ihn! Das ist wirklich zu toll, und heirathen kann sie ihn nicht, denn weder er noch sie haben was zu essen. Und ohne Geld zu sein, das ist der Teufel! Anstatt vernünftig zu sein, und sich zu amüsiren, sitzt sie immer in Träumereien versunken, und wenn einen Posttag über ein Brief von ihm ausbleibt, so ist sie betrübt bis in den Tod. Hä! Hä! Hä! Das ist zu dumm! Da sind die Französinnen anders und die Russinnen! Die Deutschen sind sentimental und langweilig. Es ist nichts anzufangen mit ihnen. Immer verliebt und immer geweint! Ich bitte! Das ist lächerlich!“
„Der Herr von Jadis hat Ihnen eine Erklärung nach seiner Weise über dieses junge Mädchen gegeben,“ nahm der junge Mann, welcher Fräulein Adelinens Nachbar gewesen war, das Wort, „da Sie aber mit einigem Interesse sich nach ihr erkundigen, so will ich Ihnen eine andere geben. Fräulein Adeline von Lilienthal ist eine sehr gute Bekannte der ehrenwerthen Familie ~Guilleaume~ und zum Besuche bei ihr hier anwesend. Es ist wahr, daß sie eine glückliche oder eine unglückliche Liebe hat, wie man es in der Welt nennt, und daß sie dem Gegenstande ihrer Neigung sieben volle Jahre treu blieb. Sie scheint in der That keinen andern Gedanken, als ihn zu haben, welches ihr, nach meiner Meinung, zur höchsten Ehre gereicht. Ich glaube, daß es das höchste Glück für einen Mann sein muß, mit dieser hingebenden, Alles vergessenden, dauernden Liebe geliebt zu werden, mit welcher dieses interessante Wesen ihrem Geliebten anhängt, und wenn unsere Deutschen Frauen und Mädchen einen reellen Vorzug vor den Französinnen, Russinnen etc. besitzen, so besteht er gerade in diesem tiefen Gefühle, in dieser schönen, reinen Hingebung, in diesem gänzlichen Verlorensein in dem Gedanken an den Auserwählten ihres Herzens. Diese metaphysische oder platonische Liebe, welche das ganze Wesen eines so holden und liebenswürdigen Geschöpfes erfüllt, ist meiner Ansicht nach der höchste Schmuck eines weiblichen Wesens. Wir Männer sind kaum im Stande, die Gefühlswelt zu fassen, welche das Herz eines wahrhaft liebenden Weibes bewegt; ich selbst hatte nur eine schwache Idee von der Möglichkeit des Vorhandenseins solcher Gefühle. Die nähere Bekanntschaft und die Beobachtung dieses jungen Mädchens hat mir erst einen klaren Begriff derselben gegeben. Sie lebt nur für, in und durch den Gegenstand ihrer Liebe. Alles andere ist ihr gleichgültig. Sie würde sich, ihr Leben, ihren Ruf, ihre zeitliche und ewige Wohlfahrt dem Geliebten opfern! Ihr weiches, reines, reiches Herz kennt kein anderes Gefühl als das der aufopfernden, hingebenden Liebe! Von einer solchen Liebe hat ein Russe, ein Franzose keinen Begriff.“
„Wollen Sie eine Partie ~Ecartè~ um einen Drittel mit mir spielen, das ist besser, als dieses Liebes-Geschwätz!“ rief der Russe.
„Ich spiele nicht,“ antwortete Jener etwas zurückhaltend.
„Ah! ha! Sie sind böse auf mich? Warum nicht gar! Man muß sich nie über ein Mädchen erzürnen. Das ist lächerlich! Wollen Sie?“ fragte er auf Russisch, seinen Nachbar.
Jener nahm die Partie an. Sie spielten drei Partien. Der Herr von Jadis gewann zwei. Mit einem triumphirenden Lächeln erhob er sich vom Tische. „Rudolf!“ rief er, „eine Droschke! Ich habe mein Theater gewonnen! Adieu! meine Herren!“ Mit diesen Worten hüpfte er zur Thüre hinaus.
„Sie haben mir durch Ihre gefühlvolle Auseinandersetzung der Verhältnisse des Fräuleins eine wahre Freude gemacht,“ sagte der Baron sich an Herrn Kriegmann wendend. „Lassen Sie uns ein Glas Champagner auf die Gesundheit Deutscher Frauen, Deutscher Liebe und Deutscher Treue trinken!“
„Sehr gerne. Dann können wir diese drei Gesundheiten in einer trinken: Fräulein Adeline!“
„Wir trinken mit,“ riefen Bleicamb, Hippias und ich.
Die Französischen ~Commis voyageurs~, welche das Deutsche Gespräch wohl schon lange belästigt haben mogte, fingen jetzt ihr Wesen an, und Charaden, Calembourgs, Kunststücke aller Art wechselten mit einander ab.
„Ich habe keine Lust diese Französischen Windbeuteleien mit anzuhören,“ sprach Hippias. „Der Uebermuth des Russen hat mich schon genug gelangweilt.“
„Wollen Sie mir folgen, meine Herren,“ sprach Herr Kriegmann, „so gehen wir in den Garten, und trinken dort mit den Damen Cafée.“
Wir standen auf, und befanden uns bald in der Gegenwart der Madame ~Guilleaume~, ihrer Tochter und der Fräulein Adeline, welche auf einer Bank im Garten saßen, vor welcher ein Tisch und das nöthige Cafée-Service stand.
Die Gesellschaft angenehmer, gebildeter, anständiger Damen macht immer einen vortheilhaften Eindruck auf das Gemüth eines Mannes, der noch nicht gänzlich gesunken. Sie zeigt ihm die schöne Seite des Lebens, und erweckt Erinnerungen in ihm, welche die Nachklänge vergangener schöner Zeiten sind. Sie führt ihm die Tage vor dem geistigen Auge vorüber, die er unter dem Schutze einer liebenden Mutter, der Sorgfalt seiner älteren und unter den Spielen seiner jüngeren Schwestern und ihrer Freundinnen verlebte, und die Sehnsucht nach dem ~sweet, sweet home~ bemeistert sich seiner Seele. So wie die Gegenwart würdiger Frauenzimmer dem Manne eine schöne, nie vergessende Vergangenheit auffrischt; so erfüllen sie auch sein Herz und seine Phantasie mit Bildern einer lieblichen Zukunft, mit der Sehnsucht nach der Geliebten und einer baldigen Vereinigung mit ihr, oder mit dem Wunsche, in dem gegenwärtigen weiblichen Wesen die zu erkiesende Gefährtin des Lebens zu finden, wenn Herz und Hand noch frei geblieben. Diese verschiedene Erinnerungen, Aussichten, Hoffnungen geben den Gedanken eines unverheiratheten Mannes eine eigene Richtung; sie versetzen ihn in eine für alles Gute und Schöne empfängliche Stimmung, flößen ihm den Wunsch zu gefallen ein, und mildern daher die Rohheit seiner Sitten und lehren ihn, wie Goethe sagt: „was sich schickt, was sich ziemt.“ Wenigstens sollte dieses immer der Fall sein, und ein gebildeter Mann in der Gegenwart edler Frauen nie die Schranken übertreten, welche der Anstand, die Achtung gegen das weibliche Geschlecht, das Zartgefühl vorschreiben. Bei uns Deutschen ist dieses auch, gottlob! selten der Fall. Mag der Engländer und der Franzose mehr kleinliche Aufmerksamkeiten, Zuvorkommenheiten gegen das weibliche Geschlecht mit Ostentation an den Tag legen; er fällt auch häufiger durch. Der Franzose wird schlüpfrig und der Engländer grob. Dem Deutschen verleiht der Eindruck, welchen ein wahrhaft hohes Frauenbild auf ihn macht, eine gewisse Befangenheit in ihrer Gegenwart, in seinen körperlichen Wesen, weil seine Seele zu mächtig ergriffen wird. Sein Gefühl, seine Phantasie reißen ihn fort, er versinkt in Gedanken und beobachtet daher nicht eine Menge kleiner Zuvorkommenheiten, welche die Männer anderer Nationen den Frauen widmen. Aber er wird nie unanständig werden, kein zweideutiges Wort wird seinen Lippen entschlüpfen und die meisten Frauen würden ihm gerne den Mangel an Courtoisie verzeihen, wenn sie den Thron der Anbetung und Bewunderung sehen könnten, welchen er in seinem Herzen ihnen erbaut. Nur der Deutsche ist einer wahren Liebe fähig! Die Leidenschaftlichkeit des Franzosen verfliegt wie der Schaum des Champagners. Der Engländer ist großer Passionen, tiefer Eindrücke fähig, aber um lieben zu können, wie ein Deutscher, ist er zu egoistisch, zu commerziel, zu sehr Staatsbürger. Für einen Deutschen nur kann die Geliebte ein einziger, ewiger Gedanke sein, weil er Alles über sie vergessen kann und die ganze Dauer seines Lebens +nur für sie zu leben+ im Stande ist. Der Deutsche ist der einzige Mann, der sein Weib dauernd vergöttern kann, weil er fähig ist die Zartheit und Reinheit des Brautstandes in den Ehestand zu übertragen.
Ich darf hoffen, durch die Erwähnung dieser Ansicht den Deutschen Mädchen und Frauen die Deutschen Männer noch werther gemacht zu haben, und Ausländerinnen den Wunsch empfinden zu lassen, sich auf „gut Deutsch vergöttern zu lassen.“ Sollten einige meiner ausländischen Leserinnen diesen Wunsch hegen, so ersuche ich sie nur einige +Vergötterer+ bei mir zu bestellen; vorausgesetzt, daß die liebenswürdigen Schönen ein reines Vermögen von 50000 Pfund Sterlinge, 200000 Silber-Rubeln oder 300000 Franken besitzen, und +versprechen+ sämmtliche Kinder in der allein seligmachenden lutherisch, evangelischen Religions-Sekte erziehen zu lassen, weil ihnen sonst nicht die Concession zu einer ehelichen Verbindung mit einem Andersgläubigen ertheilt wird. Es ist diese Forderung nur als eine kleine Repressalie gegen die Forderungen anderer, christlicher Sekten anzusehen, welche aus den Grundsätzen hervorgeht, die wir jetzt in allen Religions und anderen Händeln befolgen: Erstens: Nehmt Eure Vernunft gefangen in dem Gehorsame Christi, und zweitens: Giebt Dir Einer eine Ohrfeige auf den einen Backen, so halte ihm den andern hin. Dieser letzte Satz wird jetzt bei uns so interpretirt: ist Einer ein Esel gegen Dich, so sei ein doppelter gegen ihn.
Meine Adresse ist: Monsieur Aristipp, ~Maison de commission~. ~Depôt~ metapysischer, treuer Ehemänner, +St. Pauli+. Ungefähr in derselben Zeit, daß meine Leser diese absichtslose Abschweifung durchlesen haben, war die Gesellschaft im Garten des ~Hôtel de France~ einander vorgestellt worden, hatte sich unter dem Schatten hoher Linden auf Bänke und Stühle in verschiedenen Positionen niedergelassen, Cafée getrunken, und war durch einige Besuche aus der Stadt um ein Bedeutendes vermehrt worden. Die betrübte Stimmung Fräulein Adelinens war gewichen. Sie hatte einen Brief ihres Geliebten erhalten, der dessen nahe Ankunft verkündete. Ihr schönes braunes Auge strahlte von einer innern Glückseligkeit, und mit einem kindlichen Frohsinn mischte sie sich in das Gespräch der Anwesenden. Welch ein himmlischer Ausdruck beglückter Liebe, rosiger Hoffnung, jungfräulicher Unschuld und Tugend lag in ihrem lieblichen, blassen Gesichte!
Der Baron seinerseits schien ganz in dem Anschauen dieses huldvollen Geschöpfes verloren, und beobachtete sie mit einer unablässigen Aufmerksamkeit. Er war stille, in sich zurückgezogen und ein hoher Ernst lagerte auf seiner Stirne. Eine tiefe, gewaltige Bewegung schien ihn zu beherrschen. Er war mehre Male im Begriffe mit dem interessanten Wesen eine Unterhaltung zu beginnen, aber dem gewandten Weltmann, dem Literaten und Schriftsteller, dem Soldaten fehlte dieses Mal der Muth. Er schwieg, indem er sprechen wollte, und lehnte sich nachdenkend an einen Sessell, ohne jedoch einen Blick von dem Fräulein zu wenden. Sie schien aber weder ihn noch irgend einen andern aus der Gesellschaft zu bemerken.
Herr Herrmann Bleicamb, welcher dem Champagner tüchtig zugesprochen, und durch ihn in eine heitere Laune versetzt war, Hippias desgleichen, dem das fröhliche Wesen des alten Knaben gefiel, gaben der allgemeinen Unterhaltung eine andere Wendung, indem Herr Herrmann Bleicamb begann, der Gesellschaft ein Räthsel aufzugeben, welches lautete, wie folgt: „Eine junge Dame sprach eines Abends mit einem jungen Manne vor dem Gitter eines Klosters. Wie können Sie zu dieser Tageszeit mit einem jungen Menschen reden? fragte sie eine Kloster-Schwester. -- Warum sollte ich dieses nicht? antwortete die Dame, denn seine Mutter ist meiner Mutter einzigstes Kind.“ In welchem Verhältnisse steht nun der junge Mann zu dieser Dame?
„Er war ihr Sohn, sie seine Mutter,“ bemerkte Hippias.
„Getroffen!“ rief Bleicamb und fuhr dann fort: „Können Sie mir wohl sagen, welche Aehnlichkeit zwischen einem Courmacher und einer Uhr ist?“
Man bedachte sich; dann sprach Herr Kriegmann: „Beide zieht man auf und läßt sie laufen.“
„Richtig.“
„In der Mitte des Meeres steht ein Baum,“ nahm Hippias das Wort, „und auf diesem Baume sind ebensoviele Jungfrauen, als Tropfen im Meere. Wie fangen diese Jungfrauen es an, um trocken an das Land zu kommen?“
„Jede nimmt einen Tropfen mit,“ errieth der scharfsinnige Bleicamb.
„Es kam einmal ein Fremder nach Frankfurt und logirte im Gasthause „Zum Schwan.“ Er langweilte sich und bat den Kellner, ihm ein Räthsel aufzugeben. Der Kellner gehorchte. Es ist weder mein Bruder, noch meine Schwester und doch ist es meines Vaters Kind, sprach er. Was ist das? Der Fremde errieth es nicht. Nun, das bin ich selbst! rief der Kellner zum Schwan. Der Fremde ging in eine Gesellschaft und gab dort dasselbe Räthsel auf. Natürlich, das sind Sie selbst! antwortete der Andere. Nein, sprach dieser, das ist der Kellner zum weißen Schwan.“ Herr Kriegmann erzählte diesen Witz. Man lachte.
„Ich will Ihnen einen Pendant hierzu erzählen,“ sprach Bleicamb. „Ein Oesterreicher war in einer Gesellschaft, wo man +kluge Räthsel+ aufgab. Ein Bekannter fragte ihn: es ist schwarz, weiß, bunt und läuft auf allen Vieren. Wenn es bellt macht es: Wau! Wau! -- Was ist das? Ein Hund, antwortete der Oesterreicher. Nein, entgegnete der Andere, eine +Hündinn+! Der Oesterreicher war bald darauf wieder in einer Gesellschaft, wo man +kluge Räthsel+ aufgab. Einer fragte ihn: es ist halb von Eisen, halb von Porzellan, und wenn man im Winter die Stube damit heizt, so macht es warm. Was ist das? Sie glauben wohl, versetzte der bedächtige Oesterreicher, ich würde antworten: ein Ofen! Nein! es ist eine Oefinn!“
„Als der König, Georg der Vierte, nach Hannover kam,“ begann ein anderes Mitglied der Gesellschaft, wurde die ganze Stadt illuiminirt. Vor einem Hause brannte in Transparent folgende Inschrift:
„Lange lebe die-See Krone, „Unter der ich glücklich wohne.“
Der witzige Erfinder dieser genialen Inschrift hatte mit: „die-See Krone,“ auf die Vereinigung Englands und Hannover hindeuten wollen.
„Ich kenne eine sehr treffende Antwort des Königs von Dänemark,“ bemerkte ein Anderer. „Der König befand sich mit dem Herzoge von Wellington in einem Zimmer auf der Hofburg zu Wien. Sie gingen in lebendigem Gespräche begriffen auf und nieder. Die Unterredung wandte sich auf den Sclavenhandel. Wellington rühmte die außerordentliche Mühe, welche sich England gegeben, um den Sclavenhandel abzuschaffen, und die gute Behandlung, welcher die Schwarzen von Seiten seiner Nation sich zu erfreuen hätten. „Schön!“ rief der König aus: „Wie aber behandelt Ihr die Weißen?“ --“
Während dieser Wortspiele und Calembourgs hatte sich eine Unterredung zwischen dem Baron und Fräulein Adeline angesponnen.
„Waren Sie lange nicht in Hannover?“ fragte sie.
„Nein, mein Fräulein, ich war lange Zeit nicht dort.“
„Dann werden Sie es sehr verschönert finden, wenn Sie jetzt einmal hinkommen würden. Es liegt viel mehr Militär in der Stadt, und ist Alles schöner und prächtiger durch die Gegenwart des Königs geworden!“
„Mag Hannover so brillant sein, als es sein kann,“ versetzte der Baron düster; „angenehmer habe ich nie eine Stadt gefunden, als es zu meiner Zeit war. Gewiß findet man selten +so gute und liebenswürdige Fürsten, als den Herzog von Cambridge und die Herzogin+!“
„Ihr Andenken lebt in dem Herzen aller Hannoveraner fort!“
„Das schönste Denkmal, das Fürsten sich setzen können! ~Aere perennius!~“
„Was ich gerne an den Hannoveranern leiden mag,“ nahm Herr Kriegmann das Wort, „ist, daß sie wirklich eine unbegrenzte Liebe zu ihrem Vaterlande und unter sich haben. Uns war es heute nicht möglich Ihnen ein Wort abzugewinnen, mein Fräulein, und mit dem Landsmann geht das Gespräch munter fort.“
„Meinen Sie das? Nun so schlimm ist es wohl nicht -- aber, in der That, ich freue mich immer, wenn ich von Hannover sprechen kann. Geht es Ihnen nicht ebenso?“
„Gewiß,“ antwortete der Baron. „Wenngleich ich lange Zeit nicht in Hannover war, so interessirt mich doch jedes Wort, das ich über Hannover höre. Wir Hannoveraner sind einmal ein eigener Schlag Menschen und kleben an der Scholle, am Alten. Es läßt sich nicht leugnen, daß man in Hannover ein angenehmes Leben führt. Man scherzt, man lacht, man tanzt, macht den hübschen Damen die Cour und lebt fröhlich und wohlgemuth. Pedanterie kennt man nicht, und die langweiligen Geschwätze über Religion, gemischte Ehen, Kirchenstreitigkeiten, wie hier und im Holsteinschen, kennt man dort nicht. Ferner ist ein Hauptzug unseres Vaterlandes, daß fast alle Hannoveranerinnen hübsch, viele schön sind. Dieses Compliment macht ihnen sogar Lady Montague und meine liebenswürdige Nachbarin bestätigt durch sich selbst die Wahrheit unseres Ausspruchs.“
Fräulein Adeline nahm diese Schmeichelei lächlend hin.
„Ich muß Ihnen wohl im Namen meiner Landsmänninnen meinen Dank sagen,“ sprach sie, „übrigens muß ich Sie ersuchen, wenn sie noch einige Schmeicheleien in Petto haben sollten, mir diese leise in das Ohr zu flüstern, denn in Hamburg ist das nicht Mode. Ich würde sie auch von Niemand anhören, als von einem Hannoveraner.“
„Sie sind partheiisch, mein Fräulein!“ bemerkte Herr Kriegmann.
„Durchaus nicht. Wenn mir ein Hannoveraner etwas Schönes sagt, so nehme ich es an, weil ich weiß, daß es nichts auf sich hat, und zum guten Tone gehört. Einem Hamburger schenke ich gerne seine Artigkeiten, erstens, weil sie ihm nicht geläufig sind, und zweitens, weil man mich für eitel halten würde, wenn ich sie annähme.“
„Ja, mit zu großer Artigkeit belästigen uns unsere Herren nicht,“ sprach Fräulein ~Guilleaume~.
„Das will ich gerade nicht sagen,“ meinte Madame ~Guilleaume~. „Unsere Herren haben auch mehr zu denken, als den Mädchen was Schönes zu sagen. Die Geschäfte, die Geschäfte gehen Allem vor.“
„Sehr wahr!“ rief Fräulein Adeline. „Man kann seine Zeit besser anwenden, als uns durch Schmeicheleien den Kopf zu verdrehen!“
Die Unterhaltung wurde durch den Kellner gehemmt, der meldete, daß der Wagen da sei, in welchem die Damen zum Theater fahren wollten.
Die Damen erhoben sich von ihren Sitzen und entfernten sich. Mehre der Herren begleiteten sie. Der Baron sah Fräulein Adelinen lange nach, dann sprach er:
„Das Mädchen hat eine wunderbare Aehnlichkeit! Es ist eine traurige Erinnerung für mich! Wohl dem, den solche Erinnerungen nicht quälen!“
„Willst Du uns nicht den Grund sagen, weshalb Dich der Anblick dieses holden Geschöpfes so in Bewegung gesetzt hat?“ fragte ich.
„Morgen,“ antwortete er. „Die Geschichte ist lang und traurig. Den heutigen Abend soll sie uns nicht verderben. Laßt uns nach dem Jungfernstieg gehen!“
Wir nahmen den Vorschlag an und befanden uns bald auf der weltberühmten Promenade. Wir mischten uns unter die Lustwandelnden und schlenderten Arm in Arm, die Cigarre im Munde, den Jungfernstieg auf und nieder. Welch ein Gedränge! Welch eine Masse der verschiedensten Menschen wandelt hier auf und ab! Der reiche Kaufherr, der zierliche Elegant, der behende Ladendiener, der stolze Engländer, der lustige Franzose, der ernste Türke, der berühmte Literat, der glücklich und unglücklich Liebende, der reiche Russe, der schöne Pole, der blonde Däne, der regierende Herr und der zerlumpte Bettler -- sie Alle ergehen sich hier und keiner kümmert sich um den Andern! Die stolze Hamburgerin, die fremden Prinzessinnen, die schmachtenden Engländerinnen, die geputzten Dienerinnen der Freude, gehen hier neben einander auf und nieder. Wahrlich! +Was die Promenade des ausgezeichnetsten Badeorts in der besuchtesten ~saison~ ist, das ist der Jungfernstieg in Hamburg für jede ~saison~, jeden Tag!+ Reisewagen, Cabriolets, Omnibus, Droschken, Couriere, Reuter und Reuterinnen hoch zu Roß fliegen vor den Blicken der Lustwandelnden vorüber! Die schönsten Harmonien ertönen aus den umliegenden Cafée-Häusern, und der Glanz und die Pracht der gegenüberliegenden Putz- und Mode-Handlungen, fesselt die Blicke der Spatziergänger. Doch schöner, wie alles dieses ist, das liebliche Bassin der Alster, auf dessen sanften Wogen ein festlich geschmückter Nachen dahingleitet, und Hunderte von blendweißen Schwänen in stolzer Majestät die krystallenen Fluthen durchschneiden! in dessen lieblich spielenden Wellen der Mond sein glanzumflossenes Bild erblickt, oder die Sonne ihre glänzenden Strahlen in die kühlenden Ringellocken der Alster taucht! dessen blaulicher Grund wohl manche Klage unglücklicher Liebe verschlang, oder dessen Oberfläche, in lauer Sommernacht, glücklich Liebende, in leichten Segelkähnen, fern von dem Geräusche der Menschen, an das verschwiegene, jenseitige Ufer trug! Schön bist du stets, Ocean, du Ungeheuer! Doch +lieblicher+ bleibt doch immer das durch Kunst gebändigte Element in dem schönen Bassin der Alster!
Meine Leser, besonders die Hamburger, werden mir leicht diese kurze Lobeserhebung des Jungfernstieges und des Alster Bassins vergeben. Wahr ist es! In den größten Städten der Welt ist nicht ein so lieblicher Spaziergang zu finden! Um die Annehmlichkeit desselben recht zu empfinden, setzten wir uns vor dem Alster-Pavillon nieder, ließen uns einige Glas Arack-Punsch geben und betrachteten die Vorübergehenden. Jemehr es Abend wurde, jemehr nahm die Menschenmasse zu, und als nun gar das Theater vorbei war, da war fast kein leerer Punct Erde auf dem Jungfernstieg zu finden!