Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit
Part 8
Meine Geschichte ist aus, meine Herren! Bewundern Sie die Delicatesse, die Großmuth dieses Mannes mit mir. Aus meinen Mittheilungen war ihm der beklagenswerthe Zustand meiner Finanzen nicht entgangen. Er beschloß mir zu helfen, und wartete den rechten Augenblick ab. Wie zart: in so großen Städten können Sie nicht ohne Geld sein! Meine Geschichte ist ein Pendant zu der Deinigen mit dem Herrn von Pichmeier im ~Hôtel de France~. Beide sind uns ein Beweis, daß es noch edle Männer giebt; Beide müssen uns aber ein Sporn sein, ihre Güte zu verdienen, und ihnen durch unser Betragen zu beweisen, daß wir einer so seltenen Großmuth nicht unwerth waren und sind. Das Joachimsthal wird mir daher ewig unvergeßlich sein, und jedesmal, wenn ich es betrete, denke ich mit Rührung und den Gefühle des innigsten Dankes an Hoyer zurück.“
„Du hast sehr Recht gethan, Aristipp,“ sprach der Baron, „uns die Mittheilung zu machen. Die edlen Thaten der Menschen muß man nie vergessen, im Gegentheil sie immer wieder uns und Anderen in die Erinnerung bringen; ebenso wie es Pflicht ist, das Böse, was die Menschen uns zugefügt haben, zu verzeihen und gänzlich aus dem Gedächtnisse zu verbannen. Du, Aristipp, hast jetzt hier die Pflicht welche die Dankbarkeit Dir auferlegte, erfüllt. Wie wäre es, wenn Ihr mir erlaubtet, Euch an den Ort zu führen, wo ich meinen rettenden Schutzgeist fand? Wir wollen ohnehin nach Hamburg. Essen wir im ~Hôtel de France~?“ Wir stimmten bei. Eine Droschke wurde genommen. „~Hôtel de France!~“ riefen wir dem Kutscher zu.
Ich muß hier wohl einen kleinen Absatz machen und erst etwas über Hamburg im Allgemeinen sagen, bevor ich den Leser ersuche, mir und meinen Freunden bei den Besuchen, welche wir einzelnen Localitäten dieser altergrauen Handelsstadt abstatten werden, zu folgen. Der bloße Gedanke an Hamburg hat für mich immer etwas Belebendes, Erquickendes, Erfreuliches. Von allen Städten, die ich in Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland und Afrika gesehen habe, ist mir Hamburg immer die liebste gewesen, und wohl kann ich es dem reichen Weinhändler Manke in der Theaterstraße nicht verdenken, wenn +er nur in Hamburg sich wohl+ befindet. Es ist ja auch in der That Alles in Hamburg zu finden, was der Geist, das Herz, das Auge, der Magen des unersättlichsten Menschen sich nur zu wünschen vermag. Literatur und Kunst werden gehegt, befördert, belohnt und bezahlt. Die Hamburgerinnen sind hübsch, gebildet, und sittsam. Die schönsten Anlagen in der Stadt und um dieselbe vergnügen das Auge, und der Magen findet in Hamburg Alles, was das größte Rafinement eines Wohlschmeckers verlangen kann. Der Hamburger Bürger ist artig, zuvorkommend gegen Fremde -- ich muß ihm dieses Lob ertheilen, wenn gleich manche Schriftsteller das Gegentheil behaupten -- hat ein ehrenvestes Aeussere und einen gewissen Stolz in seinem Auftreten, den ich billige, weil in diesem Stolze die Liebe zu seiner schönen Vaterstadt, das Bewußtseins ihrer Größe, ihrer Blüthe und ihrer Kraft liegt. Außerdem kann man es einem freien Republikaner gerne verzeihen, wenn er etwas härter auftritt, als ein leichtfüßiger Höfling. Der Hamburger ist sinnig, ordnungsliebend und wohlthätig. Er wirft nichts weg, aber er ist nicht geizig, noch filzig. Er ist ehrlich, offen und derb. Er betrachtet bei jedem Gegenstande, sei es Mensch oder Sache, den Nutzen den er von ihm ziehen kann. „So viel ist das mir werth! So viel ist der Mann mir werth!“ ist sein Wahlspruch. Er macht aber den Ueberschlag des Werthes eines Menschen, einer Sache nicht mit kleinlicher Berechnung. Er bezahlt die volle Kraft, die nützt, mit vollem Geldgewicht. Er hat vollkommen Recht, denn nur so viel der Mann nützt, nur so viel ist er werth! Der Hamburger Bürger im Allgemeinen ist religiös und sittlich. Er giebt nicht leicht ein öffentliches Beispiel allgemeiner Sittenverderbniß. Der Speculationsgeist führt den Hamburger selten zu weit. Er zieht das Solide, das Gewisse einer unsichern Speculation vor. +Politischen Schwindeleien ist er gänzlich fremd. Er haßt aber die Ungerechtigkeiten in den Welt- und Völker-Händeln. Darum haßt selbst der gemeine Hamburger Bürger den eigenmächtig handelnden Despoten, ebenso wie er den König von Dänemark ehrt, weil er ein gerechter Monarch ist.+ Die Zuneigung zu diesem Fürsten hat freilich durch die Einrichtung der Zolllinie etwas abgenommen. Denn der Hamburger bleibt immer erst Hamburger. Er kann dem unmöglich gut sein, der seinen Handel beeinträchtigt. Ist dieser Punct erst beseitigt, dann wird der Hamburger gerecht und erkennt mit Freuden die guten Seiten fremder Fürsten und Nationen. Der Hamburger Bürger ist seiner Geburt und der Verfassung seiner Vaterstadt nach ein Republikaner. Er bekümmert sich aber nicht weiter darum, und nirgends hört man weniger von Freiheit und Gleichheit reden, als in Hamburg. Eine Hauptzierde der berühmten Stadt ist die vorzügliche Ordnung, welche dort herrscht, und die vortreffliche Polizei. Wenn Tausende und aber Tausende von Menschen auf einem Platze versammelt sind, hört man nicht den geringsten Tumult, nicht die allerkleinsten Excesse werden begangen, kein Unglück geschieht. In dieser Hinsicht kann Hamburg allen großen Städten zum Muster dienen. Der Hamburger liebt, achtet seine Obrigkeit und ist ihr gehorsam. Die Hamburger Bürgergarde ist sehr schön uniformirt und für eine Bürgergarde, noch dazu eine Deutsche, gut einexercirt. Das Linien-Militär ist gleichfalls vortrefflich uniformirt, und ausgezeichnet gut einexercirt.
Zwei Sachen finde ich nur in Hamburg auszusetzen: daß die Thorsperre noch immer besteht und, daß es keine Stiefelputzer (~décrotteurs~) in einer so großen Stadt giebt.
Die Thorsperre ist für den Fremden sowohl, als den Bewohner der Vorstädte und dem Hamburger selbst ein unerträglicher Zwang, der ihm in jeder Beziehung, selbst in der Geschäfts-Beziehung, störend sein muß, da es ihm nicht immer einerlei sein kann, 4, 8, 12 Schillinge auszugeben, wenn er durch Geschäfte verhindert wurde, vor der Thorsperre heimzukehren. Die Thorsperren sind in allen großen Städten Deutschlands jetzt aufgehoben, weil man das Lästige dieses Zwanges eingesehen hat, und es steht zu hoffen, daß eine Stadt wie Hamburg, die sonst gewiß in der Civilisation und Kultur mit jeder Stadt Deutschlands gleichen Schritt hält, sogar sie überflügelt hat, auch in diesen barbarischen Absperrungen nicht allein zurück bleiben werde. Mag das Geld, welches durch die Thorsperre eingeht, zur Verschönerung Hamburgs angewandt werden, wie ich höre, es wäre besser, Hamburg weniger zu schmücken und seinen Bürgern, seinen Vorstädten eine freiere Communication zu gestatten!
Was den zweiten Punct anbetrifft, so wäre es allerdings wünschenswerth, sogenannte ~décrotteurs~ in Hamburg anzutreffen, da der Schmutz, welcher in den Gassen einer so volkreichen Handelsstadt nicht zu vermeiden ist, häufig angenehm erscheinen lassen würde, einen Stiefelwichser bei der Hand zu haben. Nicht allein, daß Jedermann, welcher etwas auf Eleganz und Reinlichkeit hält, gerne in blankgeputzten Stiefeln erscheint, sondern auch, daß eine gutbereitete Wichse das Schuhzeug conservirt, rechtfertigt diesen Wunsch. Für Fremde, Franzosen, Engländer und Russen würden die Stiefelputzer eine schätzbare Erscheinung sein. Es giebt keine, noch so kleine Stadt in Frankreich, wo man nicht ~décrotteurs~ fände! Die eleganten Französischen ~Commis voyageurs~ würden überglücklich sein, wenn sie solche in Hamburg träfen, und die edlen Briten würden viertelstundenlang auf einer Bank des Jungfernstieges sitzen, und sich die Stiefel blank putzen lassen. Die jungen Elegants aus Altona, welche zu Fuße in die Stadt kommen, würden erfreut sein, in glänzendem Schuhzeuge ihre Visiten machen zu können; und der Hamburger selbst würde nach und nach an eine Reinigungs-Anstalt sich mit Freuden gewöhnen, die es ihm möglich machte, den Schmutz seiner schönen Vaterstadt +nicht+ in die Häuser und Salons zu bringen. Eine solche Stiefelwichser-Einrichtung würde außerdem ein neuer Erwerbszweig für alte und gebrechliche Personen beiderlei Geschlechtes sein, denen der Gebrauch ihrer Hände blieb. Es käme nur darauf an eine Association zu bilden, welche ihnen das nothwendige Material zu diesem Geschäfte verabreichte, bestehend: in einem Kasten, in welchem eine Schmutzbürste, eine Glanzbürste, ein stumpfes Messer und ein Schächtelchen Stiefelwichse enthalten sein müßten. Ueber diese Stiefelputzer müßte natürlich ein Aufseher bestellt sein, damit sie den Gewinn des Ertrages ihrer Arbeit täglich ablieferten, bis sie so viel gewonnen, daß der Apparat, den die Association ihnen gegeben, bezahlt sei. Dieses würde nicht lange dauern, wenn man den Preis des jedesmaligen Reinigens und Putzens eines Paar Stiefel oder Schuhe auf 1½ Schilling setzte. Dann könnten sie auf ihre eigene Hand fortfahren zu putzen; Hamburg hätte eine Annehmlichkeit mehr, und viele arme Leute einen ehrlichen Erwerbszweig gewonnen.
Ich muß meine eleganten Leserinnen um Entschuldigung bitten, ihre Phantasie solange mit einem widrigen Gegenstande beschäftigt zu haben; ich habe aber die Entbehrung der Stiefelputzer in Hamburg nie schmerzlicher empfunden, als wenn ich gezwungen war, in schmutzigen Stiefeln und besprütztem Unterzeuge in einem eleganten Boudoir oder Salon zu erscheinen, und es bei der bekannten Sittsamkeit des weiblichen Geschlechtes, welche sich durch das zu-Bodensenken der schönen Augen beim Erblicken eines Mannes am deutlichsten beurkundet, nicht verhindern konnte, daß der zweite Blick auf diese schmutzige Partie meines Anzuges fiel. Aus diesem Grunde darf ich hoffen, daß sie sich meiner Vorschläge zur Errichtung einer Stiefelputzer-Gesellschaft nicht widersetzen, sondern sogar dieselben unterstützen werden. Ferner darf ich mit Gewißheit auf die Billigung aller Haus-Mädchen rechnen, sei es in Privat- Gast- oder Cafée-Häusern, denen Dreiviertel ihrer Arbeit beim Auskehren durch einen Stiefelputzer abgenommen würde. Habe ich +die Damen+ erst auf meiner Seite, dann bin ich gewiß, daß mein Vorschlag angenommen werde! Ich empfinde jetzt schon den Vorgenuß jenes erhabenen Gefühls wenn ich, (nachdem dieses Büchlein anonym gedruckt sein wird, die Stiefelputzer-Gesellschaft schon thätig ist) nach Hamburg kommen werde und +mir+, dem unsterblichen Einführer dieser nützlichen und wohlthätigen Reinigungs-Anstalt, incognito, die Stiefel werde putzen lassen!
„Seit wann“ frage ich dann „werden in Hamburg die Stiefel geputzt?“
„Dat wet ick nich,“ antwortet der Stiefelputzer, indem er die Glanzbürste aus dem Kasten nimmt, „Se seegt dat disse Mode uht den Uhtlande kohmen is. Dat is mi nun glieke veel, aberst ick verdeene mien Brod daby. Se seegt, dat is een Herr Artipp, de hät den Vörschlag mookt.“
„Sie fragen, seit wann man hier die Stiefel putzt, mein Herr?“ bemerkt ein reinliches Hamburger Kinder-Mädchen, das auf derselben Bank, auf welcher ich mich niedergelassen, saß. „Ich will es Ihnen sagen: Vor einiger Zeit erschien hier ein Buch von einem gewissen Herrn Aristipp, ich glaube, verlegt von der Buchhandlung von +Hoffmann und Campe, die ja alle Neuerungen begünstigen, und das ganze junge Deutschland verlegt haben+! In diesem Buche befand sich eine Abhandlung über das Stiefelputzen. Der Herr Aristipp soll ein hübscher, junger Mann sein. Unsere Madams lasen das Buch; nach ihnen die Kammermädchen, und die erzählten den Hausmädchen, daß auch von ihnen die Rede in diesem Buche sei. Die Hausmädchen wollten die Stelle sehen, in welcher von ihnen die Rede sei. Diese handelt nun gerade von Stiefelputzern und von deren Nutzen. Die Hausmädchen, geschmeichelt durch einige Worte des Herrn Aristipp, nahmen sich der Sache an. Die Kammermädchen, die es mit den Hausmädchen nicht verderben dürfen, ihrer Liebschaften wegen, unterstützten die Sache bei ihren Madams; die Madams, die es nicht mit den Kammermädchen verderben dürfen, brachten die Sache bei ihren Männern zur Sprache, und so wurde der Vorschlag des Herrn Aristipp angenommen. Wir haben jetzt Stiefelputzer in allen Gassen, und das Buch des Herrn Aristipp wird von allen Menschen gelesen; er selbst zum Himmel erhoben!“
„Was!“ rief ich aus, mein Incognito vergessend. „In ganz Hamburg werden jetzt die Stiefel geputzt, und ich in ganz Hamburg gelesen! Die Stiefelputzer und ich sind der ~Lion du jour~! Der Russische Thronfolger, der nicht kam, ist vergessen! Die Stiefelputzer in allen Gassen, und ich in dem Munde aller Madams, Kammermädchen und Hausmädchen der Stadt! +Folglich populär!+ Mademoiselle! Ihre Stimme ist für mich die Stimme des Volkes, dieser Stiefelwichser der Beweis Ihrer Worte. Ich selbst bin dieser Aristipp! Ich selbst empfinde diesen Augenblick die Wahrheit jenes Satzes: ~Pauca, sed selecta!~ Ein einziger Satz, +der Hunderttausende beglückt, oder Hunderttausenden nützt, ist besser, als hundert Bände, die nur Hunderttausende amüsiren+!“
Glückliche Phantasie eines Schriftstellers! Die sich schon das vorhanden denkt, was kaum zu Papier gebracht, zu welchem noch kein Verleger gefunden! Richard Savage! Du bist gedacht, geschrieben, nur aufgeführt, +durch den Freischütz empfohlen+, während meine Abhandlung über Stiefelwichser noch verschlossen in meinem Pulte ruht, und vielleicht nie das Licht der Welt erblicken wird! Du lockst den Leuten das Geld aus den Taschen, anstatt, daß mein Werk Arme bereichern würde! Es ist nur ein Unterschied zwischen uns: Du gefällst, und ich nütze! -- -- -- -- --
Wir kehren jetzt zum ~Hôtel de France~ zurück.
Das ~Hôtel de France~ liegt auf den großen Bleichen und gehört der Madame ~Guilleaume~, welche, nach dem Tode ihres Gemahls, mit Hülfe ihres zweiten Sohnes die Gastwirthschaft fortgesetzt hat. Mit den großen Gasthäusern am Jungfernstiege kann freilich das ~Hôtel de France~ an äußern Glanz nicht wetteifern, wohl aber dürfte es wegen einer gewissen Gemüthlichkeit, welche in ihm herrscht, den großen, weltberühmten Hôtels vorzuziehen sein. Ist man in jenen Gasthäusern prachtvoll logirt, schnell bedient, so ist man im ~Hôtel de France~, wie zu Hause und wird +mit Freuden+ bedient; findet man in jenen einen eleganten, unterthänig zuvorkommenden Wirth, so thut einem hier die ruhige, würdevolle Weise wohl, mit der Madame ~Guilleaume~ ihre Gäste empfängt, für ihre Bedürfnisse mit mütterlicher Fürsorge wacht, und gleichsam einen jeden Fremden wie ein Mitglied ihrer Familie behandelt. Ihr Sohn seinerseits ist unermüdlich, um seine Gäste zufrieden zu stellen, den ganzen Tag in Bewegung und läßt es in Aufmerksamkeiten aller Art gewiß nicht fehlen. Die beiden Töchter der Madame ~Guilleaume~ verleihen durch ihr anständiges, freundliches Wesen, durch ihre Bildung und eine gute Conversation dem ~Hôtel de France~ einen eigenthümlichen Reiz. Ein großer Vorzug dieser Familie besteht für Fremde darin, daß sie vortrefflich Französisch spricht und auch im Englischen nicht unbewandert ist. Das dienende und aufwartende Personal dieses Hôtels ist ausgezeichnet; zuvorkommend und gefällig, ohne Interesse, thut ein Jeder seine Pflicht. Die Küche ist Französisch und der alte Koch des Hauses bedarf wohl keiner andern Empfehlung, als, daß er vierzig Jahre zur Zufriedenheit seiner Herrschaft und ihrer Gäste seinem Amte vorgestanden hat. Die Zimmer des Hôtels sind geräumig, gut meublirt, die Betten vortrefflich. Der Salon, in welchem gespeist wird, ist groß, hell und mit zwei außerordentlich schönen Spiegeln verziert. Madame ~Guilleaume~ nimmt während des Diners ihren Platz am obern Ende des Tisches, um das Ganze übersehen zu können und jeder Unaufmerksamkeit der Kellner durch einen Wink nachzuhelfen. Ihre Familie nimmt an ihrer Seite Platz und dann folgen ~les habitués~ des Hauses, dann die Fremden, nach der Anciennität, der Dauer ihres Aufenthaltes. Eine große Zierde dieses Hôtels ist ein sehr hübscher Garten mit einem Pavillon hinter dem Hause. Die Weine, welche man erhält, besonders der Tischwein und der Rheinwein, sind vortrefflich. Letzteren bezieht Madame ~Guilleaume~ von Herrn Mappes. Das ~Hôtel de France~ wird meistens von Russen und Franzosen besucht; von der letzten Nation logiren dort fast alle ~Commis voyageurs~, oder ~négocians~, wie sie sich im Auslande gerne nennen hören. Wer die Französischen ~Commis voyageurs~ kennt, der wird wissen, daß ein einziger von ihnen hinreichend ist, um eine ganze Gesellschaft durch seinen Frohsinn, seine Masse von Anecdoten, seine Fertigkeit in Kunststücken aller Art, zu unterhalten. Der ~Commis voyageur~ hat sämmtliche Departements Frankreichs bereis’t, sich überall das Merkwürdigste notirt, und repräsentirt auf diese Art ganz Frankreich. Er ist im eigentlichsten Sinne ~Français avant tout~. Er kennt Alles, überall ist ihm etwas Auffallendes arrivirt und ist dieses nicht der Fall, so ersinnt er etwas und erzählt es so oft, bis er es selbst glaubt. Die meisten ~Commis voyageurs~ sind Republikaner, ~la jeune France~ und ~la Révolution du Juillet~ sind ihre Steckenpferde, und ihre Schuld ist es nicht, daß ~Louis Philippe~ noch auf dem Thron sitzt. Diese eigenthümliche Menschenclasse ist übrigens durchaus nicht uninteressant, meistens sehr gebildet, witzig und von guten Manieren. Da im ~Hôtel de France~ fast immer Einige von ihnen bei Tafel gegenwärtig sind, so wird man sich dort nie langweilen, wenn man ihnen einige Bravaden und Französischen Eigendünkel nachsehn will. Im Allgemeinen läßt sich über das „Gasthaus von Frankreich“ das Urtheil fällen: daß, wenn man auch nicht Alles dort findet, was man wünschen könnte, man wenigstens mit dem, was man dort findet, vollkommen zufrieden sein kann.
Die ~Table d’hôte~ hatte schon begonnen, als wir im Hôtel ankamen. Wir wurden sogleich in den Eßsalon geführt, wo wir eine zahlreiche Gesellschaft vorfanden, die nach der oben beschriebenen Weise um den Tisch herum saß; wir erhielten natürlich die untersten Plätze, weil wir die Letzten waren. Wir setzten uns einander gegenüber; der Baron und ich an der einen, Herr Bleicamb und Hippias an der andern Seite der Tafel. Wir wurden sogleich bedient. Da die meisten Gäste Ausländer waren, so wurde die Unterhaltung meistens auf Französisch geführt. Zuweilen wurden die harmonischen Laute dieser schönen Sprache durch einige Russische Gurgeltöne unterbrochen; oder, wenn eine Pause eingetreten war, vernahm man das zischende Gelispel der Söhne Albions. Wir waren die Einzigen, welche sich in Deutscher Sprache unterhielten. Sämmtliche Gäste waren nach der neusten Mode gekleidet, ihre Haare wohl pomadisirt und von ~Monsieur Eugène~ frisirt. Besonders elegant war ein junger, hübscher Russe, der an der Tafel den Ton anzugeben schien, und im Bewußtsein seines Reichthums sich behaglich auf seinem Stuhle hin und her wiegte. Sein Platz dicht bei der Familie ~Guilleaume~ schien auf eine lange Anwesenheit zu deuten. Er schien fast sämmtliche Gäste zu kennen und nahm sich die Freiheit, manche von ihnen scherzhafter Weise aufzuziehen. Er sprach vortrefflich Französisch. Seinen Manieren nach hätte man ihn auch für einen Franzosen halten müssen, wenn nicht die Form seines Kopfes, der Schnitt seiner Augen den Russen verrathen hätte. Er trank Champagner und bewirthete mit diesem seine Bekannte. Ihm gegenüber saß ein junges Mädchen in einem schwarzen Kleide, mit großen dunkeln Augen, braunen Haaren, deren Blick zerstreut umherschweifte, und die wenig oder gar keinen Antheil an dem, was um sie vorging, zu nehmen schien. Der junge Russe gab sich alle Mühe sie zu unterhalten.
„Warum so traurig, mein Fräulein,“ sprach er auf Deutsch in einem komisch schnarrenden Tone, „Sie sind verliebt bis über die Ohren. Was soll das? Er wird schon kommen, der Mensch! Trinken Sie ein Glas Champagner, ich bitte. Man muß nie traurig sein, es hilft nichts und macht häßlich. Trinken Sie, ich bitte.“
„Na, so trinken Sie doch, Adelinchen,“ sprach Madame ~Guilleaume~, die neben dem traurigen Kinde mit den schönen Augen saß, „Sie essen auch gar nicht! Wer wird wohl so melancholisch sein!“
„Du lebst wirklich von der Luft, Adeline,“ sprach die Tochter der Madame ~Guilleaume~, „Du wirst ganz mager hier bei uns. Das dürfen wir nicht zugeben.“
„Was wir lieben, Fräulein!“ rief der junge Russe, sein Glas emporhebend.
„Was wir lieben!“ wiederholte Mlle ~Guilleaume~.
Das schöne, blasse Mädchen nahm das Glas und benetzte kaum die Lippen mit dem flüchtigen Getränke.
„Was ist das!“ rief der Russe. „Das ist kein Trinken! Bei uns, in Rußland, trinken die Damen aus, wenn sie die Gesundheit ihres Geliebten trinken! Trinken Sie aus, ich bitte.“
„Ich danke,“ antwortete die schöne Adeline. „Ich trinke selten, fast nie. Uebrigens bin ich Ihnen für die Güte, mich aufheitern zu wollen, sehr verbunden, Herr von Jadis; aber Sie wissen, es hilft nichts.“
„Der Teufel hole die verliebten Leute!“ rief der Angeredete. „Sie verderben alle gute Gesellschaft! bei Ihnen ist Hopfen und Malz verloren!“
Dem jungen Mädchen entlockten diese kräftigen, komisch hervorgestoßenen Ausdrücke ein vorübergehendes Lächeln, wobei sie zwei Reihen der schönsten Zähne zeigte. Sie hatte etwas unbeschreiblich Anziehendes. Sie erinnerte an Mignon. Man hätte sie fragen können: „Was hat man Dir, Du armes Kind, gethan?“ Der Baron schien ganz in ihrem Anschauen verloren. „Bei Gott,“ sagte er mir leise, „eine solche Aehnlichkeit sah ich nie! Wie dieser plumpe Russe mit seinen rohen Scherzen das Zartgefühl des holden Kindes beleidigen muß! Das Mädchen ist krank, sehr krank. Ihre Krankheit ist die des gebrochenen Herzens. Ich kenne das. Triviale Scherze sind kein heilender Balsam für solche Kranke. Da hilft nur Mitgefühl! Ich muß erfahren, wer sie ist, Aristipp. Ihr Anblick erweckt in mir eine traurige, sehr traurige Erinnerung.“
Das Gespräch wurde dadurch unterbrochen, daß der Kellner vier Gläser Champagner vor uns hinsetzte und im Begriff war, sie vollzuschenken.
„Wer hat den Champagner bestellt?“ fragte der Baron.
„Der Herr von Jadis, der junge Russe, hat mir befohlen, den Herren einzuschenken.“
„Ich lasse mir von keinem Unbekannten einschenken!“ erwiederte der Baron stolz.
„Es ist ein Freund des Herrn von Pichmeier,“ erwiederte der Kellner.
„Des Herrn von Pichmeier! Schnell schenken Sie ein. Wo ist Herr von Pichmeier?“
„Auf dem Lande.“
„Trinken Sie, meine Herren!“ rief der Russe über den Tisch herüber. „Der Champagner ist gut! Er ist von Herrn Mappes! Herr Mappes soll leben!“
Wir tranken.
„Sie kennen Pichmeier?“ fragte der Russe den Baron.
„Gewiß. Er ist einer der edelsten und liebenswürdigsten Menschen, die es giebt. Ich bin ihm viele Verpflichtungen schuldig. Er ist ein vortrefflicher Mann.“
„Das ist er gewiß,“ bemerkte Madame ~Guilleaume~.
„Höchst gebildet und angenehm!“ sagte Mlle ~Guilleaume~.
„Er hat Gefühl und Herz!“ flüsterte das traurige Mädchen, indem sie das schöne Auge zum Himmel erhob.
„Wenn Herr von Pichmeier nicht hier ist, fehlt dem Ganzen der Geist, und die Seele, nicht wahr, Fräulein?“ sprach ein junger Mann mit glänzend schwarzen Haaren, schönen blauen Augen und etwas orientalischer Gesichtsbildung, welcher neben Fräulein Adelinen saß.
„Das ist wahr!“ ergänzte ein großer blonder Mann, dessen Nachbar. „Der Herr von Pichmeier ist ein edler Mensch!“
Mehre der Tischgesellschaft pflichteten dieser Meinung über den Herrn von Pichmeier bei.
„Wie glücklich dieser Mann ist!“ rief der Baron aus. „Unter so vielen Menschen nur +eine+ Stimme des Lobes über ihn und noch dazu hinter seinem Rücken! Es liegt etwas Bezauberndes in der allgemeinen Achtung, dem allgemeinen Beifall der Menschen! Was hilft alles Berühmtsein, aller Verstand, wenn man nicht geachtet und geliebt von seinen Mitmenschen ist! Gewiß, beneide ich den Herrn von Pichmeier nicht, aber ich gäbe zwanzig Jahre meines Lebens darum, wenn man von mir spräche, wie man hier von ihm spricht!“