Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit

Part 7

Chapter 73,672 wordsPublic domain

„Ich habe nichts dagegen, Du frommer, liebevoller Mann! Das von der Erbsünde warf ich nur so hin, und mit meiner Welt von Teufeln war es auch nicht so bös gemeint. Wir Deutschen können ohnehin nie eine lebendige Conversation führen! Wir werden gleich so breit! Wird ein Wort hingeworfen, so schnappt es gleich der Andere auf und predigt darüber eine Stunde. Ich denke doch, Du wärest lange genug in Frankreich gewesen, um eine bessere Lebensart zu lernen.“

„Ich verstehe Deinen Vorwurf, aber ich bin +aus Frankreich als Deutscher+ wieder heimgekehrt: noch mehr, ich habe nie einen größern Stolz darin gesetzt, +ein Deutscher zu sein+, als nachdem ich die Franzosen habe kennen lernen. Wahrlich! wir haben es nicht nöthig, den Witz, die Lebendigkeit der Franzosen zu beneiden! Wir haben das Gemüth, die Tiefe des Gefühls für uns. Laß den Briten den ganzen Stolz seines Albions zur Schau tragen -- es ist nur der Stolz einer engherzigen Krämer-Seele! Wir Deutschen sind und denken edeler, als er. Der Deutsche ist +von Geburt+ zu allem Großen, Schönen, Erhabenen geneigt, und nur die uns angeborene Bescheidenheit bewirkt es, daß unsere großen und herrlichen Eigenschaften verborgen bleiben. Und diese Bescheidenheit ist wiederum eine +deutsche+ Tugend. Wir prahlen nicht! Wir sind keine Scharlatane, wie die Franzosen, und wenn wir auch manch Mal etwas breit und langweilig werden, so geschieht es nur, um sicherer zu gehen und Alles reiflich zu erwägen. Und welche Eigenschaft ist es denn, Aristipp, die wir höher, als alle andere schätzen? Es ist +die Vernunft+! Und welches Volk besäße sie in einem höhern Grade, als das Deutsche?“

„Und besonders +wir+,“ fiel ich lächelnd ein, „die wir heute Morgen hier im Trichter Beefstakes essen und Porter trinken, gestern den ganzen Tag in Saus und Braus gelebt, und heute noch den ganzen Tag zu unserm Vergnügen bestimmt haben!“

„Persönlichkeiten gehören nicht zur Sache. Vier liederliche Männer machen nicht das Volk aus, und ist es meine Schuld, daß ich in so schlechte Gesellschaft gerathen bin?“

„Bravo!“ fiel Bleicamb ein, „so mag ich Dich gern hören. Das Philosophiren paßt nicht für Dich. Man merkt es doch, daß es nicht aus voller Ueberzeugung ist. Was nicht vom Herzen kommt, geht nicht zum Herzen. Erzähle uns von Deinen Fahrten, von schönen Frauen, das läßt Dir ungleich besser, als wenn Du uns Vernunft predigst, oder von Deinen edlen deutschen Gesinnungen uns vorschwatzest. Keiner ist weniger seinem Charakter, seinen Sitten, seinem Handlen nach ein Deutscher, als Du.“

„Meinen Charakter kennst Du nicht. Meine Sitten, meine Handlungen sind nicht deutsch? Auch gut! Meine Gesinnungen aber und meine Ansichten sind deutsch. Mein Vaterland braucht sich meiner nicht zu schämen. Ich bin vor anderen Nationen nicht gekrochen, habe nicht dem Engländer, noch dem Franzosen geschmeichelt, sondern stets in ihren Landen stolz und kühn mein Vaterland vertheidigt, und ihnen gezeigt, wie unendlich viel höher wir Deutsche in tausend Beziehungen über ihnen stehen. Ich habe nie zu jenen elenden Ueberläufern gehört, die durch Herunterreißen und Heruntersetzen ihres eigenen Vaterlandes jenen ichsüchtigen Nationen Weihrauch streuten! Wenn wir Deutschen die Größe anderer Nationen aus Gerechtigkeitsliebe anerkennen, so dürfen wir auch mit Recht verlangen, daß +sie unseren Werth anerkennen+. Ich habe den lächerlichen Anmaßungen der Franzosen einen ruhigen Ernst entgegengesetzt; an diesem Bollwerk ihr Feuer und ihren Witz zersplittern lassen und sie dann in ihren eigenen Behauptungen und Worten gefangen und zu Boden geschlagen. Ich habe ruhig angehört, wie sie ihren Voltaire, Racine, Corneille etc. über Goethe, Schiller, Wieland setzten und sie nur zuletzt gefragt: +ob sie Deutsch verständen+, ob sie Wieland, Schiller, Goethe gelesen hätten? Sie kannten nur die Namen -- Sie waren besiegt. Ich habe dem Stolze des Engländer’s einen gleichen Stolz entgegengesetzt, und von ihm verlangt, daß er in +Deutschland Deutsch+ mit mir reden sollte. Unsere zu große Bescheidenheit und Gefälligkeit gegen Fremde ist die Ursache, warum sie uns verächtlich behandeln. Der Deutsche muß kühner, kecker, stolzer gegen sie auftreten. +Das Gefühl ihres Werthes muß unseren Deutschen Landsleuten klar, anschaulich gemacht werden. Wir Literaten müssen dahin streben, ihnen ihren wahren Werth zu zeigen. Nur dadurch können wir dem Deutschen das richtige Selbstgefühl einflößen, die Deutsche Nation heben; nicht aber dadurch, wenn wir, im Vergleiche zu anderen Nationen, unsere eigene Nation als eine erbärmliche, knechtische schildern, wie einige Schriftsteller es thun, die des Deutschen Namens unwerth sind!+ Ich ereifere mich, meine Herren! Aber dieses ist der Punct, wo ich verwundbar bin! In meinen Adern fließt das reinste deutsche Blut, und durch einen tausendjährigen Zeitraum ist meiner Familie die Liebe zum Deutschen Vaterlande, zu dem angestammten Deutschen Fürsten und +der Haß gegen die Franzosen eingeimpft+! In tausend Schlachten hat sie für diese Gesinnungen geblutet! Was meine Sitten anbetrifft, so magst Du sie immerhin leicht und französisch nennen, Bleicamb! Sie sind es! Ich hasse die Formen und bin leidenschaftlich! Was meine Handlungen aber anbetrifft, so glaube ich doch, daß sie fast alle den +Stempel deutscher Gutmüthigkeit+ und eines +deutschen Herzens+ tragen!“ --

Der Baron schwieg, ergriff ein Glas Porter und trank es langsam aus. Er schien in einer gewaltigen Bewegung zu sein. Seine Augen sprühten Feuer und schienen in allen Ecken des Zimmers einen Gegner zu suchen; seine Haltung war stolz, drohend und herausfordernd. Hätte er einer feindlichen Batterie gegenüber gestanden, er hätte nicht kampflustiger aussehen können. Nach und nach beruhigte er sich, und nur ein höhnisches Lächeln umspielte seine Lippen. Ein Lächeln, daß so leicht dem Menschen zur Gewohnheit wird, der sich häufig im Leben verkannt sieht, und das etwa sagen will: „ich verachte Euch! da Ihr mich falsch versteht, und da ich die innere Ueberzeugung habe, daß ich besser bin, als Ihr glaubt.“

„Und nun wieder vorby!“ rief Herr Bleicamb aus, „wozu Dich so erhitzen? Kann man denn kein Wort mehr sagen, ohne daß Du wüthend wirst? Wir sind hier, um uns zu amüsiren; keinesweges aber, um uns zu beleidigen und anzufeinden! Wer will gleich über ein Wort böse werden! Darin liegt gerade ein großer Fehler der Deutschen, daß sie gleich empfindlich werden! Wenn wir beisammen sind, wollen wir vergnügt sein und die Freiheit haben, das zu sagen, was uns gerade einfällt. Wenn man unter Freunden ist, so muß man immer den Grundsatz annehmen, daß Keiner den Andern beleidigen will, und ist die Absicht nicht vorhanden, so kann auch nie eine Beleidigung stattfinden. Und nun wieder vorby!“

„Recht so, Herr Bleicamb,“ sprach Hippias. „Männer wie wir müssen immer nur eine Unterhaltung führen, die kein Kopfbrechen verursacht und lehrreich ist, ohne zu langweilen. Die zu große Empfindlichkeit hindert im allgemeinen stets die Fortsetzung gegenseitiger Mittheilungen und ist die Folge verletzter Eigenliebe. Je weniger Eigenliebe wir besitzen, je edler, reiner und schöner stehen wir da, weil eine große Selbstüberwindung dazu gehört, um die Aufwallungen zu unterdrücken, welche durch die Verletzung der Eigenliebe in uns rege werden.“

„Wenn ich mich zu sehr über den Vorwurf, welchen Herr Bleicamb mir machte, ereifert habe,“ nahm der Baron das Wort, „und ich muß es gestehen, daß ich dieses gethan, so muß ich sehr um Entschuldigung bitten, lieber Hippias. +Es paßt sich für keinen gebildeten Mann, hitzig, zornig zu werden, weil, wie Sie richtig bemerkten, dann der Austausch der Gedanken aufhört. Der zornige und empfindliche Mann ist nicht mehr Herr seiner Gefühle; die Leidenschaftlichkeit seiner innern Aufwallung verhindert ihn, klar und deutlich zu denken, ruhig und besonnen zu urtheilen; er wird ich- und streitsüchtig, persönlich.+ -- Ich habe darin gefehlt. Wenn Sie mich aber genau kennten, so würden Sie mir gewiß vergeben. Ich habe in der Meinung der Welt, sei es durch mein Betragen, sei es durch die Verleumdung meiner Feinde, sehr verloren. Wenn man mir nun also auch das letzte Gute absprechen will, daß ich nach meiner festen, innern Ueberzeugung wirklich besitze, nämlich: Deutsche Gesinnungen, Menschenliebe und eine gewisse aufopfernde Gutmüthigkeit in meinen Handlungen gegen meine Mitbrüder, so muß mich dieses aufbringen. Besonders aber, wenn ein Mann dieses thut, der mich so lange kennt, als Bleicamb; der seit zwei Jahren sowohl der Zeuge meiner Verirrungen, als der Zeuge meiner guten Handlungen war. Es mußte daher sehr kränkend für mich sein, wenn derselbe in Ihrer Gegenwart, in der Gegenwart eines Fremden! von mir zu sagen wagt: Keiner ist weniger seinem Charakter, seinen Sitten, seinem Handlen nach ein Deutscher, als Du!“

„Na ja!“ unterbrach Herr Bleicamb. „Ich habe Unrecht gehabt, aber nichts Böses dabei gedacht! Du kennst mich ja von alten Zeiten, daß ich ein lustiger, alter Knabe bin, und Du nimmst es auch nicht immer mit Deinen Worten so genau. Komm her! Stoß an! Und damit wieder vorby.“

„Wir wollen mit anstoßen!“ bemerkte ich: „Eintracht und Friede! meine Herren!“

Unser Frühstück, oder vielmehr die Gespräche, welche wir bei unserm Frühstücke geführt, hatten ziemlich lange gedauert. Die Promenade vor dem Trichter und der Trichter selbst füllten sich mit Menschen. Hamburg und Altona schienen ihrer Bewohner sich entledigen zu wollen. Eine ungeheure, dichtgedrängte Masse von Menschen erfüllte den Raum zwischen dem Altonaer und Hamburger Thore. Die Reeperbahn, der Platz vor dem Gebäude, in welchem sich die Menagerie des Herrn van Aken befand, enthielt mehre Tausende von Menschen, die sich durch einander drängten. Das Karoussel, die Waffelbude, der Pulcinell-Kasten wurden von Tausenden umringt und belagert. Glänzende Equipagen, Reuter zu Pferde, Wochenwagen aus der Umgegend mit ihrem leinenen Ueberzug, die neuerrichteten Omnibus, Cabriolets aller Art, füllten den Fahrweg an und die Ohren der Lustwandelnden durch das donnernde Geräusch, welches sie verursachten. Von Zeit zu Zeit erschien eine Patrouille der schönen Hamburger Dragoner. Schaaren lustiger Matrosen, die Cigarre im Munde und singend, zogen beim Trichter vorüber. Die Musik aus den verschiedenen Gast- und öffentlichen Häusern schmetterte durch die Luft. Alles athmete Leben, Fröhlichkeit um uns her. Wir konnten aus dem Trichter dieses Alles beobachten, sehen und hören. -- Wir standen von unserm Frühstück auf, bezahlten, gingen fort, faßten uns Arm unter Arm und mischten uns unter die vergnügte, fröhliche Menge. Da gab es freilich Püffe genug! +Die Masse achtet keiner Persönlichkeit!+ Ordensbänder, feine Anzüge, Cachemir-Shawls, seidene Kleider, Glacé-Handschuhe, Schnurbärte verschaffen keinen Respect; sie gehen unter in dem ungeheuren Menschen-Gewühle! +Nur dem Mann weicht man aus, der Kraft genug besitzt, um sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen. Nur er kommt vorwärts!+ Der Zierbengel, im eleganten Fracke, mit der Lorgnette in der Hand, wird, wie eine zu leichte Waare stets auf den alten Platz zurückgeworfen, wenn er es wagt, in ein solches Gedränge sich zu mischen. In einem Volks-Gewühle kommt es nur darauf an, +stärker vorwärts zu schieben, als man geschoben wird+. Dazu gehört Kraft. +Es ist nichts Fürchterlicheres für einen Schwächling, einen Feigling, als ein Volks-Gewühl!+ Nur der körperlichen Kraft weicht die rohe Menschenmasse. Nur +dem+ Hintermanne macht der erschrockene Vordermann Platz, von dem er einen Puff erhält, den er in gleicher Stärke und Kraft nicht wieder zu ertheilen sich fähig glaubt und fühlt, indem er sich etwas zur Seite drängt, um nicht einen zweiten Stoß zu erhalten. Nur +allgemein anerkannte und geschätzte Persönlichkeiten+ machen hiervon eine Ausnahme. Kein Wesen ist bereitwilliger die Verdienste eines Mannes anzuerkennen, als der gemeine Mann, +das Volk+. Wir selbst erlebten hiervon ein Beispiel. Aus dem Altonaer Thore trat ein hoher Mann, mit einem schlichten, grünen Oberrocke bekleidet. Die ungeheure Menschen-Masse stand auf einen Augenblick stille. Ein Jeder machte ihm Platz, und von Munde zu Munde lief das Gemurmel: „+Graf Blücher von Altona!+“ Wahrlich! Der Elephanten-Orden des Königs von Dänemark gereicht dem Biedermanne weniger zur Ehre, als dieser Beweis der Achtung +des Volkes! Ein Mann, der die Liebe und Achtung seines Königs und seiner Mitbürger besitzt, ist immer ein großer Mann!+

Kein Hamburger und Altonaer Bürger hätte da einen Tyrannen Platz gemacht! Im Gegentheil, es hätte ihn gefreuet, ihn etwas quetschen zu können! +Nichts ist gefährlicher für einen ungerechten Regenten oder Tyrannen, als der Zusammenlauf von Menschen! Die Masse giebt dem Einzelnen Muth, und das Gefühl der Ueberlegenheit der körperlichen Kräfte eines Volkshaufen über die Kräfte eines Einzelnen wird in solchen Augenblicken Jedem klar und anschaulich. Die Stimme des Einzelnen wird zu der Stimme von Hunderttausenden, weil Jeder es wagt, das zu schreien, was sein Nebenmann schreit. Das Schlimmste bei der Sache ist, daß der gemeine Mann, oder das Volk gleich zu Thätlichkeiten disponirt ist; seinen Unwillen oder Zufriedenheit äussert. Die Stimmung des Volkes hält in solchen Augenblicken sogleich Gericht. Es giebt daher, wie erwähnt, nichts Gefährlicheres und Fürchterlicheres für einen Tyrannen, als die Stimmung eines Volkshaufen; nichts Erhebenderes aber auch als die anerkennende Ehrerbietung desselben für einen guten Regenten; nichts Belohnenderes für einen Privat-Mann, als der Beweis der allgemeinen Achtung des Volkes.+

Während diese Gedanken mich bewegten, waren wir, „schiebend und fortgeschoben,“ bis an das Joachimsthal gelangt. Das Joachimsthal ist eins der schönsten Gebäude St. Pauli, nicht weit vom Altonaer Thore gelegen. Die Façade desselben ruht auf Säulen, welche eine Art von Arkade bilden. Auch hier wird an Sonntagen getantzt, und ist einem Jeden gegen die mäßige Entrée von vier Schilling der Eintritt gestattet. Für diese Entrée erhält man sogar am Büffet Getränke zu gleichem Preise. Der Tanzsalon selbst ist einer der schönsten, die man sehen kann. Der Plafond desselben wird von Säulen getragen; das Orchester ist sehr gut besetzt und hinter dem Hause befindet sich ein schöner Garten. An den Tanzsalon stößt ein Billardzimmer. Eine Treppe hoch läuft eine Gallerie um das ganze Lokal, von welcher man einen Blick auf das bunte Gewühl der unten Tanzenden werfen kann. Im Winter werden dort Masken-Bälle gegeben. Madame Harten, die Besitzerin dieses schönen Etablissements, ist eine der schönsten Frauen; gebildet und geistreich, wenn gleich nicht mehr im jugendlichen Alter. Ihre Tochter eine allerliebste Brünette. Herr Harten und seine Söhne sind Weltmänner. Die Letztern vortreffliche Billardspieler.

Hippias, Bleicamb, der Baron und ich, setzten uns auf einige Stühle unter der Arkade hin, zündeten unsere Cigarren an, und betrachteten die vor uns wogende Menschenmasse.

„Ich kann dieses Local nie ohne eine angenehme Rückerinnerung betreten,“ begann ich nach einer Pause. „Dies ist das erste öffentliche Haus, in welches ich in Altona und Hamburg meinen Fuß setzte. Es geschah dieses in Begleitung von zwei Ehrenmänner, wie man sie selten trifft, der Eine ist der Weinhändler Hoyer in der großen Elbstraße, der Andere der Brannteweinbrenner Tiemer in der Königsstraße in Altona. Ich weiß von Euch Allen, daß es Euch nicht unangenehm sein wird, einen Zug von seltener Herzensgüte erzählen zu hören, und daher will ich mir, unaufgefordert, die Erlaubniß nehmen, Euch diesen Vorfall zu erzählen, oder, um mich nicht zu wiederholen, Euch diese Begebenheit vorzutragen: Es sind jetzt ungefähr acht Jahre verflossen, daß ich mich auf einer Tour durch die beiden Herzogthümer Schleswig und Holstein befand. Ich reisete zu Fuße und hatte einen Knaben von etwa vierzehn Jahren mit mir, der in einem kleinen Ranzen mein Zeug trug. Fritz war sein Name. Auf meiner Wanderung kam ich auch nach Rendsburg, dieser uneingenommenen aller Festungen. Ich trat dort in dem besten Gasthofe ab und blieb zwei Tage dort, theils um mich von meiner Fußwanderung auszuruhen, theils weil ich in Rendsburg eine alte Bekannte getroffen hatte. Am letzten Tage meines Aufenthaltes aß ich an der ~Table d’hôte~. Dieselbe war gut besetzt. Mehre Dänische Officiere hatten ihren Mittagstisch daselbst. Am obern Ende des Tisches, bei der sehr hübschen Wirthin, saß ein wohlbeleibter, gesund aussehender Mann, dessen Ausdruck Menschenfreundlichkeit und Wohlwollen verrieth. Mir gegenüber saß ein Mann, dessen Gesichtszüge mir nicht unbekannt schienen, und während der Dauer der Tafel fand es sich, daß wir zu derselben Zeit in Göttingen studirt hatten. Ihr könnt Euch denken, daß diese Entdeckung mehre Flaschen Wein auf den Tisch und mehre sogenannte Studenten-Streiche auf das Tapet, wie man es nennt, brachte. Ich gab mich in ungebundener Fröhlichkeit den angenehmen Erinnerungen der schönen Burschenzeit hin, und erzählte in lustiger Laune einige tolle Geniestreiche. Der dicke Mann, am obern Ende des Tisches schien sehr vielen Antheil an unseren Gesprächen zu nehmen. Er lächelte in sich und verwandte kein Auge von mir. Nach aufgehobener Tafel ging ich in mein Zimmer zurück. Einige von den Dänischen Officieren begleiteten mich, und wir begannen eine Partie Whist. Nachdem wir einige Zeit gespielt hatten, ging ich aus dem Zimmer um Etwas zu bestellen. Auf dem Gange, der von meiner Stube nach dem Wirthszimmer lief, begegne ich dem dicken Herrn. Der Gang war so schmal, der dicke Herr so stark, daß er ihn fast ganz ausfüllte. Wir rannten also beinahe gegeneinander und blieben ~nolens, volens~ vor einander stehen. „Ich höre, Sie reisen nach Altona,“ begann der dicke Herr. „Ich mache dieselbe Tour und habe noch einen Platz in meinem Wagen frei. Wenn Sie wollen, steht er zu Ihren Diensten. Ich bin der Weinhändler Hoyer aus Altona.“

Ein wildfremder Mensch, der mir einen Platz in seinem Wagen anbot, der mir nicht einmal vorgestellt war; ein Kaufmann, der es wagte, einem Reichsfreiherrn einen Vorschlag zu machen -- das war mir etwas Unerhörtes! Ich faßte mich aber doch und antwortete ihm sehr höflich: „Sie sind ungemein gütig; wenn Sie es erlauben, werde ich Ihren Vorschlag überlegen und Ihnen dann Bescheid sagen lassen.“ „Wie Sie wollen,“ antwortete Herr Hoyer. Wir trennten uns. Ich ging zu meinen Officieren zurück und erzählte ihnen diesen Vorfall, indem ich ihnen nicht undeutlich meine Verwunderung darüber zu erkennen gab, daß ein ganz fremder Mensch mir diesen Vorschlag gemacht habe. Sie riethen mir aber Alle ja diese Proposition anzunehmen, und stimmten sammt und sonders darin überein, daß dieser Hoyer einer der herrlichsten Männer sei, die es gebe. Ich ging zu Bette und ließ am andern Morgen dem Herrn Hoyer sagen: „daß, wenn er noch derselben Meinung wie gestern sei, ich so frei sein würde, sein gütiges Anerbieten zu benutzen.“ Herr Hoyer ließ mir kurz darauf erwiedern: „wenn er einmal etwas geäussert habe, so bliebe er dabei. Um elf Uhr führe er ab.“

Diese kurze Antwort frappirte mich etwas. Ich war damals noch sehr von einem unerträglichen Adelstolze befangen, den ich erst durch Reisen, Erfahrungen, Schicksale mancher Art verlor. Die Neugierde jedoch diesen groben dicken Mann, von dem ich so viel Gutes gehört hatte, kennen zu lernen, die Annehmlichkeiten, welche mir sein nettes Wägelchen versprach, auch meine ziemlich leere Börse überwogen den angeborenen Stolz. Um elf Uhr saßen Herr Hoyer und ich im Wagen; mein Fritz auf dem Bock desselben und so fuhren wir aus dem Thore der niebezwungenen Festung Rendsburg. Die schöne, frische Luft, das schnelle Vorbeirollen des Wagens an so manchen, verschiedenen Gegenständen, stimmte mich bald heiter, und da ich es für meine Pflicht hielt, dem Herrn Hoyer für seine Güte mich mitzunehmen, wenigstens so viel als mir möglich angenehm zu unterhalten, so begann ich eine lebhafte Unterredung mit ihm, zu welcher mir Rendsburg, unser Zusammentreffen etc. reichlichen Stoff boten. Herr Hoyer ging, wie es schien, mit Vergnügen in diese Unterhaltung ein und zeigte sich in dieser, als ein ebenso gebildeter, als gefühlvoller Mann. Wir wurden bald mit einander bekannt. Vertraulich, und offen, wie ich es von Jugend auf war, hatte ich, als wir am Abend in Heide, der Hauptstadt von Norder-Dithmarschen, eintrafen, dem Herrn Hoyer eine vollständige Mittheilung aller meiner persönlichen- und Familien-Verhältnisse gemacht. Ein frugales Abendessen und einige Flaschen Wein im Gasthofe zu Heide entfernten von mir jede Zurückhaltung; bald war für Hoyer keine Falte in meinem Herzen mehr vorhanden. Ich hatte außerdem ein Buch bei mir, welches ich selbst geschrieben hatte; ich las Hoyer aus demselben vor. Es hatte das Glück, ihm zu gefallen, und auf diese Weise blieben wir bis gegen zwölf Uhr Abends zusammen. Am folgenden Tage fuhren wir über Meldorf nach Itzehoe. In Meldorf wollte Hoyer den dortigen Landvogt besuchen, der, wie er mir sagte, ein sehr gescheuter Mann sein sollte, und sich alle ersinnliche Mühe gebe, aus +den braven, guten Dithmarschen ein christliches, höfliches, civilisirtes Volk zu bilden+. Der Landvogt war aber nicht zu Hause und so fuhren wir denn durch die Hauptstadt von Süder-Dithmarschen, ohne den großen Reformer derselben gesehen zu haben. Hoyer war an diesem Tage sehr heiter gestimmt, vergalt mein gestriges Vertrauen mit gleichem Vertrauen, und so kamen wir, als die besten Freunde, in Itzehoe an. Hier trennte sich eigentlich unser Weg, denn ich hatte die Absicht, eine Schwester von mir zu besuchen, die auf dem Lande, nicht weit von Itzehoe lebte. Hoyer aber, nachdem ich ihm dieses mitgetheilt hatte, bestand darauf, mich dorthinzubringen, um Zeuge des Wiedersehens zwischen mir und meiner Schwester zu sein. Ihr könnt denken, daß ich ihm dieses nicht abschlug. Wir fuhren also zu meiner Schwester und wurden von diesem vortrefflichen Frauenzimmer mit Freuden empfangen. Hoyer blieb einige Stunden bei uns, dann ließ er anspannen und fuhr nach Altona. Beim Abschiede mußte ich ihm versprechen, ihn in Altona zu besuchen. Ich that dieses nach einigen Tagen. Er empfing mich sehr freundlich in seinem schönen Hause in der großen Elbstraße und bat mich zum Abendessen, wozu er, wie er sagte, noch einen Freund eingeladen hätte, den es mich freuen würde kennen zu lernen.

Zur bestimmten Zeit fand ich mich bei Hoyer ein und traf dort den Branntweinbrenner Tiemer. Dieses waren die beiden ersten Männer, welche ich in Altona kennen lernte. Wollte Gott! ich hätte nie andere Bekanntschaften gemacht! Nachdem wir ein vortreffliches Abendessen zu uns genommen und von dem besten Weine getrunken hatten, sagte Hoyer: „Sie müssen Altona kennen lernen. Gehen wir.“ Auf diese Weise kamen wir auch hier in das Joachimsthal. Es war Sonntag, Musik und Ball wie heute. Ich muß gestehen, daß die rauschende Musik, der Anblick so vieler Fröhlichen mich traurig machte. Ich hatte in der Zeit viele Unannehmlichkeiten gehabt, und war arm. Die Musik, die raschen Walzer, die rasenden Gallopps erinnerten mich an die vergnügten Abende, welche ich so oft in unserer Residenzstadt genossen hatte. Sie führten manches liebliche Bild meinem geistigen Auge vor. Ich lehnte mich an eine der vielen Säulen und blickte traurig in die allgemeine Fröhlichkeit hinein. Auf meinem Aeußern muß wohl der Zustand meiner innern Verstimmung sich abgespiegelt haben. Hoyer, der während dieser Zeit mit vergnügtem Gesichte den Tanzenden zugesehen hatte, näherte sich mir auf ein Mal.

„Wollen Sie mir eine Bitte nicht abschlagen?“ fragte er.

„Gewiß nicht.“

„Gut. Sie sind ein junger Mann. Sie können in so großen Städten, wie Hamburg und Altona, nicht ohne Geld sein. Ich bin unverheirathet und lege gewöhnlich etwas von meinen Ersparnissen zu guten Zwecken zurück. Hier -- nehmen Sie -- und nun kein Wort mehr davon.“ --

Er drückte mir eine Rolle Geld in die Hand und ließ mich betroffen stehen.