Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit
Part 6
Es sind jetzt ungefähr funfzehn Jahre her, daß ich beschloß die Welt zu sehen, auf Reisen zu gehen. Ich hatte vor meiner Abreise noch einige Familien-Verhältnisse zu ordnen und begab mich daher zu einer alten Tante, die auf einem Gute unweit Hamburg wohnte. Die Zeit meines dortigen Aufenthaltes verlängerte sich durch einige Hindernisse, die erst beseitigt werden mußten. Die Einförmigkeit des Landlebens fing an mich zu ennuiren. Meine Tante war alt, ihre Zofen waren alt und häßlich, aber die Bauermädchen waren hübsch, jung, kernig und frisch. Einem Bauermädchen hatte ich noch nie die Cour gemacht. Das mußte ein capitales Mittel gegen die Langeweile sein! Die Sache war aber nicht so leicht gethan, als gedacht. Auf dem Lande herrscht mehr Religion, mehr Sittlichkeit, als in der Residenz. Der Einfluß des braven Geistlichen war zu groß, und überdies hatte jedes Bauermädchen seinen Schatz. Der Teufel aber, der einem Jeden so gerne die Hand bietet, wenn er eine Seele für sich gewinnen kann, half auch hier. Bei dem Verwalter meiner Tante, mit dem ich zuweilen eine Pfeife rauchte, diente ein junges Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren. Sie war rein, unschuldig, wie ein Engel. Erlassen Sie es mir, meine Herren, Ihnen eine Schilderung jener niederträchtigen Verführungskünste, die ich anwandte, zu beschreiben. Das arme Lieschen, so hieß das Mädchen, erlag meinen Bemühungen. Die drei Eichen, die beiden Hügel auf der Wiese, welche hinter dem Garten meiner Tante lagen, waren die stummen Zeugen eines falschen Eides, einer verlorenen Unschuld. Sie blieben mehre Wochen die verschwiegenen Zeugen einer verbrecherischen Glückseligkeit. Dann fuhr ich mit Extrapost nach Paris. Lieschen mit Schande bedeckt, ein Kind unter dem Herzen, lief hinter dem Wagen her und langte fast ohne Besinnung in Hamburg an. Hier fand sie gütig-teuflische Hülfe. Das Mädchen, welches mich anredete, war eine öffentliche Person aus den Vier Löwen -- es war Lieschen!“
„Ich habe Ihnen, meine Herren, die Geschichte des armen Lieschen ganz ohne alle Ausschmückung erzählt. Ich weiß, daß ihr Loos das Loos von Tausenden ist. Ich kann es aber nicht leugnen, daß dieses Ereigniß mich tief ergriffen hat. Nehmen Sie einmal an, was habe ich mir nicht vorzuwerfen? Wenn wir die Sache ernst betrachten, so stehe ich da: als ein systematischer Verführer, als ein Meineidiger, als ein Mann, dessen Schuld es ist, daß ein Geschöpf, dem ich das Leben gab, nie das Licht der Welt erblickte, also, als der Mörder meines eigenen Kindes; als ein Mann, dessen Schuld es ist, daß das tugendhafteste, unschuldigste Mädchen zur verworfensten Creatur wurde, daß er eine Seele dem Himmel stahl und sie der Hölle überlieferte! Und ein solcher Mann darf es wagen sein Haupt zu diesem gestirnten Himmel zu erheben? Frei und stolz und geehrt unter seinen Mitmenschen umherzugehen, während die Welt mit Fingern auf das unglückliche Geschöpf weist, vor ihr ausspeit, das er allein in dies Elend gebracht hat! +Wahrlich! wenn es Strafen in dieser Welt giebt, so sollte die schwerste den Mann treffen, der der absichtliche Verführer weiblicher Unschuld und Tugend ist, denn die Folgen einer solchen Verführung sind nicht zu berechnen, weder für diese, noch für jene Welt!+“ -- -- -- --
„Ich weiß, daß die meisten unserer Weltmenschen mich auslachen werden, wenn ich einer so ganz gewöhnlichen Geschichte eine so tiefe Bedeutung gebe. Für mich aber hat sie sie, und mein einziger Trost besteht darin, daß ich mein Vergehen noch so tief empfinden kann, und es so viel, als mir möglich, wieder gut zu machen suchen werde.“
„Ich billige ganz Ihre Gefühle,“ sprach der Baron, „denn ich empfinde sie mit Ihnen. Ich würde Sie für keinen Mann von Ehre halten, wenn dieser sonderbare Vorfall Sie nicht tief ergriffen hätte. Das Augenscheinliche in dieser Sache mußte Sie frappiren. Gewiß sind wir Alle, die wir hier sitzen, nicht minder schuldig, als Sie, aber die Folgen unserer Vergehen stellten sich nicht auf eine so unerwartete Weise unsern Blicken dar, als Ihnen. Vielleicht bin ich ein weit größerer Verbrecher, als Sie, denn ich griff frevlend ein in das Heiligthum der Ehe und machte auf diese Weise zwei Menschen unglücklich. Weil mein Opfer aber zu der höheren Gesellschaft gehörte, so wurde es vermieden, der Welt durch einen Eclat einen Anstoß zu geben. Man trennte sich auf eine anständige Weise; man hatte genug zu leben, in ein Bad zu gehen, sich zu pflegen, wiederherzustellen, den Schein zu retten, und war daher nicht gezwungen, die Lebensweise zu ergreifen, die Ihr armes Lieschen zu ergreifen gezwungen war.
„Wenn wir nun aber eine wirklich ernste Betrachtung über diesen heutigen Vorfall anstellen wollen, so können wir uns freuen, daß er uns Gelegenheit zu Reflexionen giebt, in uns zu gehen, den Vorsatz zu fassen, uns zu bessern, und, daß es in unseren Zeiten, Gottlob! so weit gekommen ist, daß man die Solidität eines Mannes jeder anderen glänzenden Eigenschaft vorzieht. Mit Freuden habe ich diese Bemerkung gemacht, obgleich ich nicht meinen Vortheil dabei finde; aber gewiß ist es: +in unseren jetzigen Zeiten wird nur der Mann geachtet, dessen öffentliches und Privat-Leben frei von Makel ist, und dessen Grundsätze auf der strengsten Sittlichkeit basirt sind+.“
„Du sprichst vortrefflich,“ unterbrach ich den Baron, „nur Schade, daß das, was Du von unseren Zeiten sagst, +nicht ist+, sondern nur +so scheint+. Gerade diese Leute, die jetzt den Ton angeben, und die ich die anerkannten Soliditäten nenne, sind gerade die größten Heuchler und Sünder. Ihre Solidität besteht nur +darin: sich den Schein einer Tugend zu geben, die sie nicht haben+.“
„Thut nichts! Schon dadurch ist viel gewonnen. Der, welcher jahrelang dem Scheine sich unterwirft, gewöhnt sich nach und nach daran, die Lebensweise wirklich anzunehmen, welche er zuerst nur des Scheines willen adoptirte. Es ist dann freilich nur Gewohnheits-Sache bei ihm geworden und er kann sich es nicht als Verdienst anrechnen; aber er giebt dem großen Haufen ein gutes Beispiel und wirkt dadurch zum allgemeinen Besten. Laß es nur eine zehn Jahre hindurch allgemeine Mode sein, +tugendhaft zu scheinen+ und wir werden in den nächsten zehn Jahren +tugendhaft sein+. Ebenso wie die jungen Männer jetziger Zeit den Studien obliegen müssen, um ein gutes Examen zu machen, und nur +dadurch+ ein Amt zu erhalten im Stande sind; ebenso werden sie es auch vermeiden, öffentliche Aergernisse zu geben, wenn sie wissen, daß ihnen durch sie die Häuser des ~bon ton~ verschlossen werden, und ihnen die Aussicht auf Beförderung genommen wird.“
„Ich höre Dir mit Vergnügen zu,“ sprach Bleicamb. „Du hast eine große Aehnlichkeit mit einem Wegweiser.“
„Wie das?“
„Nun, Ihr zeigt Beide den rechten Weg und geht ihn nicht.“
„Das ist noch der beste Witz, den Du heute Abend gemacht hast. Er kam wohl aus Deinem Magen? Denn dem Anscheine der Austerschaalen nach, die auf Deinem Teller liegen, muß er voller sein, als Dein Kopf.“
„Auch gut! Und nun wieder vorby!“
„Es wird aber wohl jetzt Zeit sein uns zur Ruhe zu begeben,“ sprach ich. „Wenn Du nichts dagegen hast, Baron, so finde Dich morgenfrüh um elf Uhr im Trichter ein. Wir wollen uns dort weiter expectoriren, und dann mit Hippias nach Hamburg gehen. Wollten Sie auch von der Partie sein, Herr Bleicamb, so würde es mir und meinem Freunde sehr angenehm sein.“
Mein Vorschlag wurde angenommen. Wir begaben uns nach Hause.
2.
Zweite lustige Fahrt.
Der Trichter. Der Lieutenant Strober und der Capitän Lani. Frühstück. Der Baron, Hippias, Herr Herrmann Bleicamb und Aristipp. Physiologische Definitionen. Gespräche über Gretchen, Lieschen, Faust. Die diabolische Natur und die Erbsünde. Rede des Barons gegen die Franzosen. Würdigung des deutschen Volkes. Promenade vor dem Trichter. Volk, Volksgedränge. Parallele zwischen dem Grafen Blücher-Altona und einem Tyrannen. Das Joachimsthal. Geschichte des Barons und des Herrn Hoyers. Hamburg und die Hamburger. Phantasie Aristipps über die Einführung von Stiefelwichsern in Hamburg. Nutzen derselben und Richard Savage. Das Hôtel ~de France~. Die Familie ~Guilleaume~ und Fräulein Adeline. Die ~Commis voyageurs~. Deutsche und Russische Ansichten über Liebe. Gespräche, Räthsel, Calembourgs. Der Jungfernstieg. Der Alster-Pavillon. Rückerinnerungen an Fr. Wille, Franz von Florencourt und Dr. Wienbarg. Vertheidigung der Emancipation der Israeliten, basirt auf Stellen aus der heiligen Schrift. Der Graf ~d’ Espagne~ und die falschen Zähne des Herrn Calais. Witz eines Ditmarschers. Legitimistische Aeusserungen des Barons. Entgegnung von Seiten Hippias. Keller des Herrn Langewisch. Ein Hamburger Wirth. Ende der Geschichte des Barons und des Holländischen Doctor-Capitäns. Betrachtungen. Ansichten, Gefühlswelt.
Der Trichter liegt -- wie alle Menschen wissen, die in Hamburg waren, -- der Reeperbahn gegenüber, und zwar in der Mitte zwischen dem Wege von dem Altonaer nach dem Hamburger Thore. Den ungeheuren Zuspruch den er hat, verdankt er theils dieser Lage, theils seinem geräumigen Locale und der Güte aller jener Getränke, Speisen etc., welche man dort erhält. Es ist nichts Seltenes, an einem schönen Sommer-Abende Tausende von Menschen beiderlei Geschlechts, dort zu finden, die in dem geschmackvollen Garten, auf der Gallerie um das Gebäude herum, sitzen, die schöne Luft genießen, dem Spiele einer ausgezeichneten Musikbande zuhören und die Vorübergehenden, Reitenden und Fahrenden betrachten. Die gewöhnliche Gesellschaft, die man dort findet, besteht meistens aus den Schiffs-Capitänen aller Nationen, deren Schiffe in Hamburg und Altona vor Anker liegen und die durch ihren Besuch die Kameradschaft mit ihrem ehemaligen Collegen, dem Besitzer des Trichters, aufrecht erhalten. Gewöhnliche Gäste des Trichters sind außerdem einige Officiere des Hanseaten-Corps in Hamburg, unter welchen der Lieutenant Strober einer der interessantesten ist; der mit dem einnehmendsten Wesen die Gabe besitzt, hinter einem guten Glase Stroberschen Bieres, d. h. Grog von Cognac, eine angenehme Unterhaltung zu machen. Ihm zur Seite erscheint gewöhnlich der Capitän Lani, dessen Leben reich an Aventüren mancher Art war, und dem es bei der Geläufigkeit seiner Zunge ein Leichtes ist, „einen ergötzlichen Faden abzuspinnen.“ Da diese beiden erwähnten Herren durchaus keine Menschenfeinde sind, so rathe ich einem jeden Fremden, der den Trichter besucht, ihre Bekanntschaft zu suchen, und versichere ihm, daß er, sehr befriedigt durch die Unterhaltung beider, dieselben verlassen wird. Zwischen den übrigen Gästen sind diese Herren leicht zu erkennen. Der Lieutenant ist fast immer in Uniform, sein hoher Wuchs, seine schlanke Taille, seine römische Adlernase und der stechende Blick seiner Augen, von denen er gewöhnlich das eine halb schließt, lassen ihn nicht leicht mit einem Andern verwechslen. Der Capitän ist gewöhnlich in einem schwarzen Fracke gekleidet, trägt ein Paar dunkelgraue Unaussprechliche, einen Schnurbart; den übrigen Bart aber wegrasirt, und hat Etwas in seinem Gesichte das Gutmüthigkeit und Schlauheit ausdrückt. Ein besonders großer Theil seines Gesichtes bildet die Nase, welche man aber weder eine römische, noch griechische, sondern nur, die Nase des Capitän Lani nennen kann.
Daß man im Trichter alle Zeit- und Literatur-Schriften findet, versteht sich von selbst. Auch ein vortreffliches Billard ist dort, auf welchem fleißig ~à la poule~ gespielt wird. Wer aber nicht gerade ein ausgezeichneter Meister, ein ~Monsieur Eugène~, sein sollte, der wird dort schwerlich eine ~Poule~ gewinnen. Im Trichter findet man zwar eine Schenke, aber keine Schenk-Mamsellen darin, wenn gleich das Geforderte durch Personen weiblichen Geschlechtes verabreicht wird. Diese machen aber keinen Anspruch auf jenen Titel, sondern sind schlichte, rechtliche Bürger-Mädchen, in Hauben und gewöhnlichem Anzuge eines ordentlichen Hamburger Dienstmädchens. In der Mitte des Locales steht ein kupferner Ofen, dessen Röhren durch das ganze Zimmer laufen. Das Ganze ist einfach, aber elegant meublirt. Man sieht, daß der Geist des ehemaligen Schiffscapitäns noch nicht verschwunden ist, denn überall herrscht Ordnung, Reinlichkeit und Sauberkeit.
Nachdem ich meine Leser auf diese Weise eingetrichtert und dem Trichter die besten Empfehlungen gegeben habe, obgleich ich selbst nicht gerne dort sein mag, weil ich Menschen und das Menschen-Gewühl hasse, so ersuche ich sie, sich im Geiste im Trichter einzufinden.
Hippias und ich traten um elf Uhr dort ein. Der Baron und Herr Bleicamb waren schon dort. Wir begrüßten uns mit den gewöhnlichen Fragen und Antworten:
„Gut geschlafen?“
„Vortrefflich.“
„Angenehme Träume gehabt?“
„Keinen Katzenjammer?“
„Den habe ich nie.“
„Lieschen nicht im Traume erschienen?“
„Nein. Gottlob nicht!“
„Die Melancholie noch nicht vorby?“ etc.
„Meine Herren,“ sprach der Baron, „das ganze Leben dreht sich eigentlich nur um Essen, Trinken und Weiber. Für die beiden ersten Punkte habe ich gesorgt. Im Nebenzimmer erwartet uns ein Frühstück, so gut es hier zu haben ist: ~Beefstakes aux pommes de terre~. Folgen Sie mir.“
Wir gingen hinein und setzten uns.
„Es ist mir unbegreiflich, wie man so viel essen kann!“ rief Herr Bleicamb, ein ungeheures Stück ~Beefstake~ zu Munde führend.
Wir lachten!
„Du hast wohl einen Magen gemiethet, der für Dich verdauet,“ meinte der Baron. „Wie ich es in irgend einer Zeitschrift gelesen, so hat man es jetzt ja so weit gebracht, sich mit irgend einem Andern in einen magnetischen Rapport setzen zu können, dessen Magen dahin zu bringen, daß er für einen verdauet. Ich glaube, Dein Magen würde sich vortrefflich zu einem solchen Amte passen. Laß Dich in die Zeitung rücken, und ein Schild vor Deine Thüre nageln, mit der Inschrift: Hier sind magnetische Magen zu vermiethen ~à~ Stück zwei Mark ~per~ Tag.“
„Du, mach mich nicht böse! Ich esse für meine ganze Familie.“
„Verzeihe es mir! Du weißt, ich kränke Niemanden absichtlich.“
„Ich habe auch diese Erzählung gelesen,“ bemerkte Hippias, „in welcher von diesen magnetischen Magen die Rede ist. Der Einfall ist wenigstens neu, und da schon so viel geschrieben ist und immer geschrieben wird, so muß man zuletzt auf das Baroqueste kommen.“
„Ich bin hierin nicht Ihrer Meinung. Je mehr wir das Baroque suchen, je mehr entfernen wir uns von dem Wahren, dem Natürlichen,“ antwortete der Baron. „Wie viele Dinge oder Gegenstände in, an, um uns her sind uns unerklärlich, von denen wir uns keine Rechenschaft zu geben wissen; von denen wir nicht wissen, wie und auf welche Art sie bewirkt werden.
Wir schreiben, wir philosophiren, wir disputiren über die entferntesten, unerklärlichsten Gegenstände und die gewöhnlichsten Gegenstände im Leben wissen wir uns nicht zu erklären, nicht richtig zu definiren. Wir lachen, wir seufzen, wir weinen, wir gähnen etc. Wenn ich Sie oder die gelehrtesten unserer jungen Literaten nun aber ersuchte, mir eine physiologische Erklärung oder Definition des Weinens, des Lachens etc. zu geben, würden Sie dazu im Stande sein? Definiren Sie mir z. B.: Seufzen! -- Sie schweigen -- Sie können es nicht. Ich selbst war vor einiger Zeit nicht im Stande dazu, weil ich mich auch nur „unerklärliche Geheimnisse“ zu erforschen bemühte. Zufälligerweise machte ich in einem kleinen Flecken die Bekanntschaft eines jungen interessanten Arztes, welcher mir eines Abends folgende Definitionen mittheilte:
Erstens. +Was ist Küssen?+ Küssen ist ein Saugen, wobei aber die Mundöffnung plötzlich von dem Gegenstande, an den sie sich befestigt hatte, abgezogen und, durch ein gleichzeitiges und schnelles Eindringen der Luft von Außen her, der gewöhnliche Ton beim Küssen entsteht.
Zweitens. +Was ist Saugen?+ Saugen ist ein Anhalten des Athems. Weder durch den Mund, noch durch die Nase tritt Luft in die Lungen. Die Mundhöhle wird gewissermaßen luftleer gemacht; durch eine eigenthümliche Bewegung der Zunge aber wird der luftleere Raum vergrößert und dann dringt, durch den Druck der Luft von Außen her, das Eingesaugte in die Lufthöhle.
Drittens. +Was ist Seufzen?+ Seufzen besteht in einem langsamen, tiefen Einathmen, mit darauf folgenden langsamen, passiven Ausathmen mit zitterndem Tone verbunden.
Viertens. +Was ist Weinen?+ Weinen besteht in tiefem Einathmen, worauf dann abgestoßenes an Heftigkeit immer abnehmendes Ausathmen entsteht.
Fünftens. +Was ist Schneuzen?+ Hier findet, damit sich viele Luft ansammle, tiefe Inspiration statt, dann wird Mund und Nase geschlossen, die Luft mit voller Gewalt in die Nase getrieben, und dann die Nase plötzlich geöffnet.
Sechstens. +Was ist Lachen?+ Lachen ist die Modification der Respiration, wobei auf ein tiefes Einathmen kurze, mit einem eigenen Tone verbundene Exspirationen erfolgen.
Siebtens. +Was ist Schluchzen?+ Schluchzen entsteht durch eine convulsivische, zugleich mit schneller, abgebrochener Inspiration vergesellschaftete Contraction des Zwergfelles.
Achtens. +Was ist Niesen?+ Niesen besteht in tiefem Einathmen, worauf dann eine heftige, abgesetzte, mit besonderem Geräusch verbundenen Exspiration erfolgt, die durch einen Reiz in der Nase erregt ist.
Neuntens. +Was ist Gähnen?+ Gähnen besteht darin, daß die Inspirations-Muskeln sich unwillkührlich erweitern; zugleich erweitern sich auch die Lungen, nehmen viel Luft auf, und nachdem diese angefüllt sind, treten die Exspirations-Muskeln in besondere Thätigkeit. Bei der Exspiration und Inspiration öffnet sich der Mund. Dieses Oeffnen rührt von der angestrengten Thätigkeit der Streck-Muskeln der untern Kinnlade her.
Zehntens. +Was ist Hauchen?+ Hauchen besteht in einem willkührlichen Ausathmen bei weiter Stimmritze und offenem Munde. Wird der Mund dabei meist geschlossen, so wird es +Blasen+. Tritt die Luft durch eine noch kleinere Oeffnung, so ist es +Pfeifen+; hierbei wird die Luft aber mehr zusammengepreßt, so, daß sie mit großer Kraft hervortritt.
Ich theile Ihnen diese Definitionen nicht mit, meine Herren, um mit einer erborgten Gelehrsamkeit zu prahlen. Wie gesagt, ich habe dieselben von einem jungen Arzte, und wahrscheinlich sind sie jedem Mediciner bekannt, vielleicht auch schon gedruckt. Ich wollte nur damit beweisen, daß es so hunderttausend Gegenstände giebt, die uns so unendlich nahe liegen, von denen wir uns keine Erklärungen geben können, weil wir sie nicht mit Aufmerksamkeit betrachten, und, daß es durchaus nicht nothwendig ist zu baroquen Behauptungen, Sätzen oder Annahmen unsere Zuflucht zu nehmen, um +neu+ und +interessant+ zu sein.“
„Ich bin Deiner Meinung,“ sagte ich. „Wir haben durchaus nicht nöthig uns das Unerklärliche erklären zu wollen. Es ist genug, nur das Erklärliche oder Natürliche richtig auffassen und erklären zu können, um ein großer Geist, ein bedeutender Schriftsteller zu sein. Das Geheimnißvolle in der Natur durchdringen wollen, ist lächerlich. ~Sunt certique denique fines.~ Die Gegenstände im Leben aber deutlich aufzufassen, zu durchdringen, die der menschliche Geist zu fassen im Stande ist, und sich keiner Täuschung oder Illusion, hinzugeben, das muß das Streben des vernünftigen Mannes sein. Sind wir dahin gelangt, daß wir keiner Täuschung oder Illusion im gewöhnlichen Leben Raum geben, so stehen wir auf der rechten Höhe. Wir verlieren zwar viel dabei, denn so bald keine Täuschung mehr möglich ist, hört die Phantasie auf, und das Herz verliert, was der Geist oder die Vernunft gewinnt. Jeder körperliche Gegenstand, von diesem Gesichtspuncte aufgefaßt, erscheint nur als Skelett, von jeder lebendigen, freundlichen Bekleidung entblößt.“
„Das ist ein fürchterliches Anmuthen,“ versetzte Hippias. „Auf diese Weise würde der Mann, wie er nach Deiner Ansicht sein sollte, Mephistopheles selber sein müssen.“
„Findest Du denn diesen so gar fürchterlich? Glaube mir, es giebt zehntausendmal ärgere Mensch-Teufel, als diesen interessanten Goethischen Teufel! Denke Du nur an Deine Geschichte von gestern mit Lieschen zurück. Thut Mephistopheles etwas Schlechteres, als was Du gethan? Hattest Du nicht Freude am Bösen? Ja, hattest Du nicht mehr, als er, den Genuß? Ich will freilich nicht leugnen, daß Mephistopheles gewiß auch diesen mit Vergnügen sich zueignete -- aber das liegt für ihn im Bereich der Unmöglichkeit. Die Natur des Goethischen Teufels ist geschlechtslos.“
„Du scheinst die Teufels-Natur genau studirt zu haben. Das wußte ich noch nicht.“
„Ich habe diese Betrachtung aus dem Munde eines Hannoverschen Predigers, der mir die Geschlechtslosigkeit des Teufels durch die beiden Verse bewies:
„Ja wohl, mein Freund! Ich hab’ euch oft beneidet Um’s Zwillingspaar, das unter Rosen weidet,“
oder mit anderen Worten, die beiden Verse mir durch die Geschlechtslosigkeit des Teufels erklärte. Der Goethische Mephistopheles ist überhaupt weiter nichts, als +der Mensch ohne Illusion+, der ohne Scheu, oder, wenn Ihr lieber wollt, ohne Schimpf und Schande, das „vor keuschen Ohren nennt, was keusche Herzen nicht entbehren können.“
„Und was ist denn Faust?“
„Faust? Das bist Du, der Baron, ich, kurz alle Menschen, denen noch der Doctor im Leibe steckt, die das wollen, was sie nicht können und +eine ungeheure Idee von ihrem erbärmlichen ~homo sum~ haben, die sich für ein wundervolles Ganze halten, wenn der kluge Mephistopheles sich damit begnügt zu sagen: „ich bin ein Theil von jener Kraft+“....“
„Und Gretchen?“
„Gretchen ist weiter nichts, als Dein Lieschen, nur, daß sie etwas empfindsamer und katholisch war, und sich ihrer Phantasie zu sehr überließ. Wenn Du es aber hochtrabender haben willst, so ist Gretchen das unterdrückte Angstgeschrei der gemordeten Unschuld, der Klagelaut der geopferten Weiblichkeit!“
„Das sind ja ganz neue Ansichten über den Faust!“ rief der Baron. „In den beiden letzten Puncten magst Du wohl Recht haben, Aristipp, was aber den Mephistopheles, anbetrifft so ist Dein Ausdruck: er sei der Mensch ohne Illusion, eine famose Paradoxe, die dir kein Mensch vergeben kann. Der Goethische Teufel, ist der wahre Teufel, der erst den Menschen zur Sünde verlockt, und dann, wie das böse Gewissen, sich an seine Schritte unablässig und verhöhnend heftet! Uns Menschen die Phantasie rauben, das Herz nehmen, ist ein abscheulicher Gedanke, und ich danke dafür, in einer Welt zu leben, die Du mit lauter Teufeln bevölkerst.“
„Wenn wir aber +die Erbsünde annehmen+, so sind wir in der That eine kleine Art von Teufeln, die von Grund aus schlecht sind, und +zwar noch schlechter+, als der Teufel selber, denn er war wenigstens +gut, ein Engel, ehe er fiel+.“
„Ich bin weit davon entfernt, die Erbsünde anzunehmen. Meiner Ansicht nach sind alle Menschen gut von Natur. +Es ist ja wirklich wider alle gesunde Vernunft, anzunehmen, Gott habe die Menschen schlecht in die Welt gesetzt, um sie nachher für die Schlechtigkeiten zu bestrafen, deren Keim er selbst in sie legte. Ebenso widersinnig ist es, anzunehmen, daß Gott nach einigen tausend Jahren sich erst besonnen habe, es sei jetzt wohl Zeit, die Menschen aus den Klauen des Bösen zu reißen, seinen Sohn sandte, und durch das Blut der Versöhnung und die heilige Taufe die Menschheit rettete und die Erbsünde vernichtete.+“
„Wenn Du auf diese Weise redest, so bist Du kein +lutherisch-evangelischer Christ+!“
„Ich mache einen Unterschied zwischen Gott und Kirche. Mein Gott ist der Gott aller Geschöpfe, aller Wesen. Ich habe nichts dagegen, daß man ihn auf verschiedene Weisen zu verehren suche, nur muß ich bitten, auch mir meine Weise zu erlauben. Glaube mir, Aristipp, dem höchsten Wesen ist es sehr einerlei, wie man es verehrt, wenn man es nur warm und ehrlich meint. Ein liebevolles, frommes, gutes Herz ist Gottes schönster Tempel, und nicht St. Peters Dom mit goldener Kuppel.“