Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit

Part 5

Chapter 53,699 wordsPublic domain

Es wurden uns Stühle gebracht. Hippias, Herr Bleicamb und ich setzten uns. Der Baron ging in das angrenzende Zimmer, in welchem Madame Janßen nebst ihrem Sohn, die Erstere mit weiblicher Arbeit beschäftigt, saß, und bewillkommte diese würdige Dame. Ich bestellte eine Flasche Champagner und auf diese Weise bürgerten wir uns in den Cirkel ein, der sich schon vorher gebildet -- indem wir durch unsere Gläser, welche auf den Tisch gestellt wurden, bewiesen, daß wir Sitz und Stimme an der ~Table-ronde~ hätten. Es trat natürlich, wie es immer bei der Ankunft neuer Gäste geschieht, erst eine kleine Pause ein, die aber auch selten lange dauert, da derselbe Zweck jeden in solche Häuser führt, nämlich: zu genießen und fröhlich zu sein. Auf die Bitte der unschuldigen Linon, ergriff der elegante junge Mann die Guitarre und sang im schönsten Tenor eine allerliebste Romanze. Musik, Champagner, Gesang und hübsche junge Mädchen stimmten uns Alle bald heiter und fröhlich. Man stieß an, scherzte, trank und lachte. Während des Gesanges war meine Aufmerksamkeit auf einen Mann gelenkt worden, der mit ziemlich lauter Stimme sich mit seinem Nachbarn, einem jungen Menschen, unterhielt. Der Blick dieses Mannes hatte einen schmelzenden, wunderbar schönen Ausdruck; seine hohe Stirne zeigte auf Verstand hin, und in seinem ganzen Wesen sprach sich ein unverkennbarer Zug des Wohlwollens, der liebevollen Gesinnungen seines Herzens aus. Dieser Schluß von dem Aeußern auf seine innere Gemühtsstimmung wurde durch folgende Worte, welche er an den jungen Mann richtete, bestätigt:

„Man muß jedem Menschen helfen, Wilhelm, vorausgesetzt, daß er ehrlich sei. Man muß keinem Menschen sein Vertrauen entziehen, denn, Wilhelm, glaube es mir, alle Menschen sind gut. Ich kann und will Dir helfen, Wilhelm, denn ich glaube, Du hast mich lieb. Wenn Du mich nicht lieb hättest, es wäre abscheulich von Dir! O, ich mag nicht daran denken! Sieh, Wilhelm, die Hauptsache in diesem Leben ist die Befriedigung der materiellen Interessen des Menschen. Um den Menschen aber in den Stand, sie zu befriedigen, zu setzen, muß man ihm Arbeit geben, damit er durch seine Thätigkeit in den Stand gesetzt werde, sich eine sorgenfreie Existenz zu verschaffen. Dieses muß das Hauptaugenmerk der Regierung sein; sie muß durch Bauten, durch öffentliche Arbeiten, durch Anlegung von Häfen, von Kanälen, von Brücken, von Eisenbahnen ihre Unterthanen beschäftigen; denn jeder Mensch im Staate, der keine angewiesene Thätigkeit, keine Existenz-Mittel hat, ist ein gefährlicher Mensch. Nicht weil er schlecht von Natur ist, Wilhelm, nein, weil er leben, essen, trinken, sich kleiden muß. Aber die Regierung allein ist nicht im Stande, bei der jetzigen Ueberfüllung an Menschen, sie alle anzustellen, zu beschäftigen. Daher müssen wir, wir reichen Kauf- und Fabrikherren, ihr zu Hülfe kommen, es auf ein Paar Thaler nicht in Anschlag bringen, wenn wir zwei oder drei Menschen mehr beschäftigen, als wir gerade nöthig haben. Sind sie ehrlich und arbeitsam, so hilft Gott ihnen schon weiter, wenn sie einmal rechtschaffen ins Gleis gebracht sind. Aber ehrlich müssen sie sein. Sieh, Wilhelm, ich bin reich; ich habe Alles erworben, aber noch diesen Augenblick, und wenn ich jetzt sterben sollte, so kann ich sagen: ich habe mir Alles redlich, ehrlich erworben. An meinem Vermögen klebt nicht die Thräne eines von mir Betrogenen, eines Uebervortheilten; ich habe weder meine Mitbrüder, noch mein Vaterland ausgesogen. Ich gewann Alles durch meiner Hände Arbeit, durch meine Sparsamkeit, durch meine Einsichten, und wenn Du heute nach Hamburg gehst, bin ich Dir für 100000 Mark Banko gut, wenn ich auch keinen Pfennig in der Tasche habe. Ja! Wilhelm ich will Dir helfen. Aber nicht wahr Du bist ehrlich -- Du hast mich lieb?“

Mit diesen Worten schloß der edle Menschenfreund seine Rede, ergriff die Hand des jungen Mannes und drückte sie innig in die seine. Es lag etwas unbeschreiblich Ergreifendes in dem Ton der Stimme, mit welchem dieser Mann sprach. Während er sprach, stieg der Ausdruck seines Gesichtes beinah zu dem einer himmlischen Verklärung; nachdem er geendet, blieb er schweigend sitzen, ohne an dem, was um ihn vorging, Theil zu nehmen.

Ich war neugierig, den Namen dieses Mannes zu erfahren und wandte mich deshalb an einen Bekannten. Ich erhielt die Antwort: „Es ist ein reicher Fabrikherr, entweder ist er verrückt, oder wenn er es nicht ist, wird er es. Er +trinkt+.“

Diese Antwort machte einen fürchterlichen Eindruck auf mich. „Also,“ fragte ich mich selber: „Dieses seelenvolle Auge, das Liebe, Güte und Wohlwollen strahlt, ist der Blick eines Halbwahnsinnigen? Dieses gütige, menschenfreundliche Lächeln, das seine Lippen umspielt ist das bewußtlose Lächeln eines Blödsinnigen? Diese bedeutungsvollen, herrlichen Worte, die ich hörte, sind leere Phrasen eines Geist- und Bewußtseinlosen? Unter dieser erhabenen Stirne, die das Gepräge des tiefen Denkers trägt, kreuzen sich in gräßlicher Verworrenheit die Reste der Lichtstrahlen einer frühern, gesunden Vernunft mit den leeren Schattenbildern einer geistlosen Phantasie? Und die ganze geistige Confirmation dieses Lavaters und Galls würdigen Kopfes stürzt in sich selbst zusammen durch das Uebermaß des Genusses geistiger Getränke!“

Ich war zu bewegt -- ich ging hinaus, vor die Thüre und weinte, weinte Thränen über den Fall dieses Mannes.

Ich mogte einige Minuten nachdenkend gestanden haben, als der junge Mann, den der Unglückliche Wilhelm nannte, zu mir trat, und mich folgendermaßen anredete:

„Sie haben gehört, was mein Freund mir sagte? Ich habe es wohl bemerkt. Er hat Sie in Erstaunen gesetzt? Ich glaube es wohl. Es ist mit dem Menschen nicht mehr auszuhalten. Gestern Abend hat er den fürchterlichsten Spectakel in seinem Hause gemacht; er hat Alles entzwei geschlagen. Gerufen, es gebe keinen Gott, und wenn es einen gebe, so möge er die Treppe herunter kommen und ihn holen. Ist das nicht lustig? Heute hat er schon wieder zuviel. Ich habe seiner Frau versprochen, ihn heute Abend früh zu Hause zu bringen, aber es ist hier zu gute Gesellschaft, ich will nicht gerne fort, und so laß ich ihn trinken; denn hat er ein Glas vor sich stehen, so geht er nicht vor Morgen früh zu Hause!“

Mein Unwille gegen den erbärmlichen Menschen war zu groß. Ich brach in folgende Worte aus:

„Und Sie sind sein Freund? Wilhelm, nicht wahr, Du bist ehrlich? Du hast mich lieb! Ich will Dir helfen, Wilhelm! Herr! können Sie an diese Worte zurückdenken, ohne daß Sie vor Scham in die Erde sinken!“

Der junge Mann sah mich mit großen Augen an. Ich drehte ihm den Rücken. Er ging. Ich hörte ihn die Worte murmeln: „Der ist wohl auch verrückt!“

Ich dachte bei mir: „+Wer ist mehr zu bemitleiden, der, welcher den Kopf verloren, oder der, dem das Herz fehlt?+“

Ich trat wieder in den Salon. Es waren einige Veränderungen vorgegangen. Der Baron hatte den Platz Wilhelms neben dem wunderbaren Mann eingenommen, und unterhielt sich mit Herrn Janßen. Ich hörte folgende Unterredung:

„Sie wissen also nichts von diesem Manne?“

„Nichts, und will auch nichts von ihm wissen. Er ist zu dumm und trinkt zuviel. Er ist ein schlechter Kerl! Wie sind Sie zu seiner Bekanntschaft gekommen?“

„Das will ich Ihnen erzählen. Es sind jetzt ungefähr zwei Jahre, daß ich nach Altona kam. Ich wohnte damals in der kleinen Catharinen-Straße bei Herrn Bockendahl, einem Manne, dessen Herz lauter, wie Gold ist, und dessen Frau ein Engel auf Erden genannt werden kann. Eines Morgens ging ich spazieren, und kehrte bei Carl ein, um ein Glas Bier zu trinken. Ich mogte da wohl eine Viertelstunde gesessen haben, als ein Mann in das Zimmer trat, den ich, an dem Orden, den er im Knopfloche trug, bald für einen Holländer erkannte. Sie wissen ich bin Legitimist, Sie kennen meine Vorliebe für die braven Holländer. Ich redete den Mann auf Französisch an, und erfuhr bald, daß er ein Holländer, ein Holländischer Hauptmann sei und eine Kugel in das linke Bein erhalten habe. Zwischen zwei Soldaten ist bald Bekanntschaft gemacht. Der Capitän war ein braver Legitimist, wie ich. Kein Wunder, daß wir uns convenirten. In kurzer Zeit wußten wir Beide, wer wir waren. Ich erfuhr durch ihn, daß er Familien-Verhältnisse wegen Holland verlassen, zu einer der bedeutendsten Familien seines Landes gehöre, mit derselben sich aber überworfen und nun sich in Hamburg niedergelassen habe. Außerdem gab er sich mir, als ~Doctor utriusque juris~ zu erkennen, und, daß er gesonnen sei, eine Zeitschrift herauszugeben, wenn er hier Mitwirkung fände. Sie können leicht denken, daß der Mann mir immer interessanter wurde, denn es war längst mein Wunsch bei der Redaction einer Zeitschrift als Mitarbeiter angestellt zu werden. Ich gab ihm dieses zu erkennen. Er schien es mit Freuden aufzunehmen, und bei einigen Gläsern Genever wurde unsere Zeitung schnell fertig, welcher er den Titel: „Zeitung von St. Pauli“ geben wollte. Ich muß Ihnen übrigens gestehen, daß in dem ganzen Wesen des Doctor-Capitäns ein großer Ernst lag; dazu kam die Holländische Gelassenheit, die Sicherheit, mit welcher er von dem Erfolg seiner Plane sprach -- daß ich von jeher ein unüberlegter Mensch war -- und Sie werden leicht glauben, daß ich wähnte, meinen Mann gefunden zu haben. Wir trennten uns sehr zufrieden Einer von dem Andern und gaben uns unsere Adressen und auf den kommenden Tag ein ~Rendez-vous~ auf demselben Platze. Wie vergnügt kehrte ich zu meinem Bockendahl zurück! Ich sah mich im Geiste als Redacteur der französischen, englischen und deutschen Artikel der Zeitung von St. Pauli! Auch Bockendahl wurde sogleich mit angestellt und Wienbarg, Wille, Florencourt, und Flor sollten gebeten werden, meine neue Zeitung durch literarische Mittheilungen ihrer beliebten und glänzenden Talente zu unterstützen, denn, wie natürlich, sollte die Zeitung ein literarisches Feuilleton haben! Die Tendenz der Zeitung, die Raisonnements derselben sollten zwar legitimistischer Art sein, außerdem aber eine vollkommene Toleranz der Meinungen in ihr herrschen, damit sie sich dem Zeitgeiste anschlösse und viele Leser finden würde.

Am folgenden Tage begab ich mich nach Carl, wo ich meinen Holländer schon vorfand. Er schien aber sehr verstimmt zu sein und schon einige Genever genossen zu haben. Als ich erschien, heiterte sich sein Gesicht etwas auf. Ich ließ mich bei ihm nieder. Nachdem er einige Züge aus seiner Cigarre gezogen hatte, sagte er mir leise:

„Es ist heute Morgen schon Jemand von der Polizei hier gewesen, der sich nach Ihnen erkundigte. Haben Sie etwas mit der Polizei zu thun? Es ist aber einerlei, ich kenne Fischer sehr gut; es hat nichts zu sagen.“

„Ich habe in meinem ganzen Leben nichts mit der Polizei zu thun gehabt,“ erwiederte ich. Der Holländische Doctor that wiederum einige Züge aus seiner Cigarre, dann nährte er seinen Mund meinem Ohre und flüsterte:

„Sie sind hier neulich dem Wirthe Geld schuldig geblieben. -- Das müssen Sie nicht thun. Ich habe für Sie bezahlt.“

Ich sah den Mann verwundert an; weil aber Gutmüthigkeit und Dankbarkeit ein Hauptzug in meinem Character ist, so dankte ich ihm herzlich.

„Ich helfe immer gern einem Ehrenmanne!“ war seine Antwort. „Wir werden bald Geld genug aus Holland bekommen.“ Er rauchte weiter und trank mit zitternder Hand ein Glas Genever.

Wir blieben noch einige Zeit dort sitzen. Alsdann schlug er mir vor, etwas spaziren zu gehen, welches ich mit Freuden annahm. Kann man sich ein größeres Vergnügen denken, als an der Seite eines wohlwollenden Freundes an einem schönen Sommertage um die wundervollen Anlagen der Hamburger Wälle zu gehen! Die schöne Natur! Die reizenden Umgebungen! Die schwellenden Segel der Schiffe! die hohen Kirchthürme der Königin der Meere! Alles dieses machte einen angenehmen Eindruck auf mich.

Wir gingen wohl mehre Stunden. Mein Doctor wurde immer stiller. Endlich sprach er:

„Ich muß Ihnen was sagen. Ich bin in der größten Verlegenheit. Mein Hauswirth hat mich grob behandelt. Ich kann dort nicht wieder zurück. Ich habe kein Geld. -- Meine Revenüen sind ausgeblieben. Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“

„Aber können Sie nicht von Ihrem Consul, von Ihren Landsleuten Unterstützung erhalten?“

„Nein, antwortete er -- das kann ich nicht. Alle Holländer, die hier sind, sind meine Feinde; und den Consul haben sie gegen mich eingenommen, weil sie wissen, daß ich alle ihre schlechten Streiche kenne, die sie in Holland machten, und fürchten, ich könnte sie dem Consul wieder erzählen. Ich war Greffier beim Tribunal in Holland.“

„Dann sind Sie wirklich in einer schlimmen Lage,“ antwortete ich. „Ich selbst habe kein Geld und kann kaum für mich leben. Sie hatten ja aber gestern noch so viele Hoffnungen mit der Zeitung von St. Pauli?“ --

„Ich hörte Ihren Namen, hielt Sie für reich und hoffte, durch Sie es zu bewerkstelligen.“

„Na! dann haben wir uns Beide in einander getäuscht!“ rief ich lachend.

„Aber was soll aus mir werden?“ fragte der Doctor mit klagender Stimme. „Ich habe kein Geld, kein Obdach, kein Essen, keine Kleidung, keine Wäsche!“ -- Ich besann mich einen Augenblick. Dann sagte ich: „Herr Doctor! Ich kenne Sie nicht, aber Sie scheinen ein Mann von Ehre zu sein, obgleich es mich wundert, daß keiner Ihrer Landsleute sich Ihrer annimmt. Ich selbst habe fast Nichts, lebe nur von der Güte meiner Familie; aber wollen Sie das, was ich habe, mit mir theilen, so steht es Ihnen zu Diensten. Ich kenne das Herz des Herrn Bockendahl; er wird mir erlauben, Sie bei mir aufzunehmen. -- Ich weiß vorher, daß diese Handlung mir verdacht wird; aber ich kann keinen Menschen in einem solchen Elende lassen.“ -- --

„Ich merke was!“ rief mit einem Male der wunderbare Mann. „Sie sind mein Freund! Ich kann Ihnen helfen! Ich werde Ihnen helfen! vorausgesetzt, daß Sie ehrlich sind. Sie sind es!“

Der Baron blickte mit Verwunderung auf den wunderbaren Mann. Um die Lippen des Herrn Janßen spielte ein sonderbares Lächeln.

„Eine Flasche Wein, Janßen!“ sagte der wunderbare Mann. „Zwei Gläser! für mich und diesen Herrn! Die materiellen Interessen jedes Menschen müssen befriedigt werden. Wenn man durstig ist, muß man trinken! Komm her, Wilhelm, Du mußt mittrinken. Wilhelm! Ich habe Dich so lieb! Nicht wahr, Du hast mich lieb? Ja! Denn Du bist ehrlich!“ -- -- --

Es entstand jetzt eine Veränderung in dem Salon Janßens. Drei englische Schiffscapitäne nebst ihrem Steuermann traten in das Zimmer, warfen sich auf die ersten, besten Stühle nieder, und bestellten ein Glas ~Gin and water~. Die Schenk-Mamsellen, ihrer Pflicht, gegen Jedermann zuvorkommend zu sein, eingedenk, begrüßten die edlen Briten mit einem Kugelregen ihrer Blicke. Eine anderweitige Unterhaltung war leider nicht möglich. Denn die hochherzigen Söhne Albions hatten es in der Verachtung „+alles Fremden+“ so weit getrieben, daß sie sich nie hatten entschließen können, eine fremde Sprache zu lernen. Die Augensprache und einige kräftige ~God damns~ oder ~God bless my soul!~ mußten das Ihrige thun. Die Augen wurden daher in Bewegung gesetzt, und da sie von dem eigenthümlichen Feuer einiger vorhergenossener Bouteillen Portwein glühten, so richteten sie ein höllisches Feuer auf die Reize der liebenswürdigen Schönen, vor welchem jedes andere Mädchen die Augenlieder gesenkt, und zurückgebebt haben würde. Dieses war aber keinesweges bei den tugendhaften Schenk-Mamsellen der Fall. Englische Schiffscapitäne sind gewöhnlich gut mit Geld versehen, trinken gut und kehren in der Regel immer wieder da ein, wo sie sich einmal gut gefallen haben. Drei vortreffliche Eigenschaften, die man stets berücksichtigen muß. Die drei jungen Schönen bereiteten sich daher zum Angriffe auf die Herzen der tapfern Seemänner vor. Die unschuldige Linon zog die Flagge jungfräulicher Empfindsamkeit auf, richtete den schönen Blick auf eine Rose, welche sie in der Hand hielt, und von Zeit zu Zeit auf den dicksten der drei Seelöwen, welcher mit starrem Auge dies liebliche Bild betrachtete, und endlich entzückt auf englisch ausrief: ~God damn!~ Sie sieht gerade aus wie eine Engländerin!“

Die muntere Thereson schritt direkt zum Angriff, den sie auf den jüngsten und lebendigsten der drei Engländer dirigirte, warf sich mit liebenswürdiger Nachlässigkeit auf den neben demselben stehenden Stuhl -- sah ihn lange schalkhaft mit ihren klugen Augen an und sprach dann auf das Glas zeigend: „Trink Sir! Meine Gesundheit, Sir!“

Mlle Jeannette aber ergriff die Guitarre und sang mit einer angenehmen Stimme die Liebe des ~vaillant Dunois~ zu der schönen ~Gabrièle~.

Wir waren indessen lange genug dort gewesen; ich gab daher meinen Freunden ein Zeichen. Wir erhoben uns von unseren Sitzen, sagten Janßen gute Nacht und entfernten uns.

Auf der Straße blieben wir einige Augenblicke stehen.

„Wohin, jetzt?“ fragte ich.

„Wohin Sie wollen,“ entgegnete der Baron.

„Mir gleich!“ sprach Herrmann Bleicamb.

„Führe uns,“ sagte Hippias. „Vergiß aber nicht, daß ich den Clemens Gerke sehen will.“

„Es ist nicht mehr ganz früh,“ sprach ich, die Uhr betrachtend. „Wir könnten freilich einige Häuser von hier bei Kittel einkehren. Wir würden dort eine sehr schöne Frau, ein gutes Glas Wein und Englische Zeitungen finden. Wir haben aber schon genug getrunken! Darum vorbei! -- Einige hundert Schritte weiter, und wir würden die Wahl zwischen Carl und dem Trichter haben. Es ist freilich Alles recht gut in diesen Häusern, wir haben aber schon Alles genossen, was wir da finden können. Der Trichter ist freilich eins der berühmtesten und besuchtesten Cafée-Häuser, weil er in der Mitte zwischen Altona und Hamburg liegt. Ich wenigstens kann nichts Anderes finden, wodurch er sich vor den übrigen Cafée-Häusern auszeichnete. Ich liebe nicht diese Menschenmassen; am wenigsten hier. Man glaubt in einer solchen Masse sich zu verlieren, unbemerkt zu sein; spricht frei und offen, und man wird bemerkt, jedes Wort gehört und weiter getragen. Wir könnten jetzt noch zu Risch in die Elb-Halle gehen, wo wir eine vortreffliche Musik, einen aufmerksamen Wirth, gute Kellner finden würden. Schon aus dem Grunde, weil der Wirth ein braver Schweizer ist, müßten wir hingehen. Wir würden dort aber zu lange bleiben, weil es dort zu angenehm ist. Ich schlage daher vor, weil Hippias darauf besteht, den berühmten Dichter zu sehen, sogleich nach den +Vier Löwen+ zu gehen.“

Der Vorschlag wurde gebilligt. Unser Droschkenkutscher, der sich kluger Weise in unserer Nähe gehalten hatte, rasselte auf einen Wink von mir herbei. -- Bald saßen wir im Wagen und nach einigen Minuten hielten wir vor den Vier Löwen, stiegen aus und traten in den hellerleuchteten Tanzsaal dieses Locales.

Ich muß es der Einbildungskraft meiner Leser und Leserinnen überlassen, sich den Tumult, das Leben und Treiben in einem öffentlichen Hause zu denken. Wir blieben so kurz, als möglich dort, sahen Herrn Clemens Gerke, und schlugen unseren Pfad nach der Allee ein, welche zum Trichter führt. Wir wandelten sie mehre Male auf und nieder. Ein sehr elegant gekleidetes Frauenzimmer schien unsere Schritte zu verfolgen und wußte es so einzurichten, daß sie endlich Hippias mit dem Arme berührte. Er bat um Entschuldigung. Das junge Mädchen blieb stehen und redete ihn folgendermaßen an:

„Sie sind wohl ein Fremder, mein Herr?“

„Ja wohl. Und woher sind Sie?“

„Ich bin allerwärts und nirgends zu Hause, und jetzt in den Vier Löwen. Waren Sie nie in Hamburg?“

„Ja wohl, mein Kind.“

„Hatten Sie nicht Verwandte in Uetersen?“

„Auch das. Doch warum?“

„Hatten Sie auch eine Tante, die dort wohnte?“

„Die hatte ich und habe sie noch.“

Das Mädchen schwieg einen Augenblick. Sie ließ die Arme an ihre Seiten niedersinken. Sie zitterte am ganzen Körper. Dann sprach sie mit bebender Stimme:

„Erinnern Sie Sich der Wiese, welche hinter dem Hause Ihrer Tante lag?“

„Sehr gut.“

„Es waren dort zwei Hügel, auf welchen drei Eichen standen. Erinnern Sie Sich das?“

„Auch dessen erinnere ich mich.“

„Kommen Sie, Herr Hippias,“ sprach das Mädchen. „Kommen Sie. Ich habe Ihnen etwas zu sagen.“

Sie ergriff Hippias am Arm und schlug einen Seitengang ein. Wir blieben verwundert stehen.

„Ich bin neugierig, wie das enden wird,“ sagte ich zu Bleicamb.

„Nichts! eine gewöhnliche List, Fremde an sich zu locken.“

„Wir werden das Ende dieser Aventüre schon erfahren!“ rief der Baron. „Während dieser sentimentalen Promenade des Herrn Hippias, können wir hier auf und abpatrouilliren, und uns vom schönen Wetter unterhalten.“

Wir gingen darauf wohl eine halbe Stunde auf und nieder. Endlich erschienen Hippias und das junge Frauenzimmer wieder.

„Ich überliefere Ihnen hier ihren Freund wieder,“ sprach sie, indem sie eine leichte Verbeugung machte. Dann ergriff sie Hippias Hand und sprach mit einem namenlosen Ausdrucke:

„Gehst Du auch Morgen hier vorüber? Gewiß? nicht wahr? Das schlägst Du mir nicht ab? Ich stürbe, wenn Du es nicht thätest!“ --

„Sei überzeugt davon.“

Das Mädchen entfernte sich.

„Du bist lange ausgeblieben,“ sprach ich.

„Gute Geschäfte gemacht?“ Fragte Herrmann Bleicamb.

„Fragt mich hier nicht,“ antwortete Hippias ernst.

„Laßt uns weiter gehen. Ich bin ermattet und angegriffen,“ sprach er weiter.

„So laßt uns zu der Heitmann gehen und dort Austern essen und Porter trinken. Auch können wir dort Mondenschein vom Balcon schlürfen,“ schlug der Baron vor.

„Ich bin dabei! Wir wollen jetzt sentimental werden!“ rief Herrmann Bleicamb.

Wir richteten unsere Schritte nach der ~London-Tavern~. Der Mond leuchtete unsern Schritten. Wir waren bald dort; schritten durch die Billiardsstube, dem großen Saale, dem Balcon zu. Dort angelangt, setzten wir uns nieder, und bestellten Austern und Porter. Das Geforderte erhielten wir schnell.

Der sanfte Mondenschein, die dicht vor uns fließende sanft bewegte Elbe, die vor uns liegenden Inseln derselben, die in Nebel gehüllten Gestade des Hannoverschen, das Vorbeigleiten einer verspäteten Barke, das dumpfe Läuten aus den vor Anker liegenden Schiffen, der melancholische Ton des einförmigen Liedes eines wachthabenden Seemannes -- Alles dieses machte einen feierlichen Eindruck auf uns. Stiller und ernster, als wir Alle, war aber Hippias.

„Es muß Dir etwas Außerordentliches mit dem Mädchen begegnet sein, Hippias, dürfen wir es wissen?“ fragte ich.

„Warum nicht. Wenn gleich es nichts Außerordentliches, und gewiß schon einem Jeden von uns arrivirt ist, so kann ich nicht leugnen, daß dieser Vorfall einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hat, und ich würde nicht werth sein, ein Mensch zu sein, wenn dieses nicht der Fall wäre.“

„Du machst mich begierig.“

„Erzählen Sie,“ sagte der Baron. „Wenn es etwas Interessantes ist, etwas Rührendes, so konnten wir keinen schönern Platz, um es zu vernehmen, wählen. Die Nacht, welche Alles in unsicheren Conturen zeigt, regt ohnehin das Gemüth, die Phantasie auf, streift das Grelle, ich mögte sagen, das Rohe des Tageslichtes ab, und läßt uns selbst das Gewöhnliche ungewöhnlich, geheimnißvoll erscheinen. Wenn nun auch das, was Sie uns mittheilen wollen, bei Lichte besehen, etwas Alltägliches ist, so befinden wir uns jetzt und hier gerade in einer Stimmung, um demselben die schöne Seite abzugewinnen. Mag man mich für einen Nachtschwärmer halten; ich halte es mit der Nacht, und gewiß verdanken wir nur ihr die schönsten Gebilde, welche menschliche Phantasie schuf, welche ein menschliches Herz durch die Hand und die Feder auf das Papier hauchte.“

„Und nun wieder vorby!“ rief Herrmann Bleicamb, eine fette Auster verschlingend. „Wenn Du mit deinen schönen Redensarten fortfährst, so bekommen wir nichts von der Geschichte zu hören. Nun, Herr Hippias, wie war denn das so eigentlich?“

„Sie wünschen die Geschichte zu hören, meine Herren, es sei! Ich werde mich kurz fassen: