Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit

Part 4

Chapter 43,636 wordsPublic domain

„Nun, das ist eine poetische Unterhaltung geworden! rief der Baron, nachdem Hippias geredet hatte. Wir müssen Ihnen dankbar sein, Fräulein Brettomani, daß Ihre Gegenwart diese Gedichte ins Leben gerufen hat. -- Wenn wir nur die Verfasser kennten! fuhr er lachend fort. Ich glaube wir müssen wohl deren Gesundheit trinken. Wein! Henriette! Es leben die drei großen Unbekannten! Vivant, floreant, crescant! Die Erfrischungshalle soll jetzt die Dichtungshalle heißen! Wir wollen hier alle Tage zusammen kommen und dichten! Nicht wahr, meine Herren? Drei Männer und drei Literaten! Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht irgend eine Flugschrift, oder ein Zeitblatt hervorbringen könnten. Das Blatt soll „die Dichterhalle“ heißen!“

„Herr Baron!“ unterbrach ihn Mlle Henriette. „Da Sie heute so gut gelaunt sind, so schreiben Sie mir doch ein Gedicht für eine meiner Freundinnen ins Stammbuch, die nach Amerika geht.“

„Von Herzen gern, mein schönes Kind. Versteht Ihre Freundin Englisch?“

„Ja.“

„Gut. Dann geben Sie Papier, Tinte und Feder. Mir fällt gerade ein schöner englischer Stammbuch-Vers ein. Den sollen Sie haben.“

Der Baron setzte sich; schrieb und las uns dann das Gedicht vor. Es lautete so:

„~Oh! had we never, never met Or could this heart you now forget. How blessed, how happy we had been, Had fate not frowned so dark between. Hadst thou been born a Scottish Maid, In neighbouring valleys we dwellt, Through the same fields in childhood played, In the same church together knelt.~“

Da haben Sie das Ding! Uebersetzen können Sie es sich lassen. Ich übersetze nie. In unseren Zeiten muß Jeder und Jede Englisch und Französisch verstehen. -- Doch was sehe ich? Der Ueterser Wochen-Wagen! -- Entschuldigen Sie. -- Ich muß fort -- Dieterich! Dieterich! hast du einen Brief für mich?

Mit diesen Worten stürmte der Baron zur Thür hinaus. --

„Das ist ein sonderbarer Mensch!“ rief Hippias, dem Baron nachsehend.

„Ein wahrer Ausbund!“ meinte Mlle Henriette.

„Pfui Henriette,“ nahm Fräulein Brettomani das Wort, „wie magst du das sagen! Glauben Sie es nicht, Herr Hippias. Der Baron ist ein interessanter Mensch, der ein vortreffliches Herz besitzt. Es ist wahr, er nimmt nicht Rücksichten genug auf seinen Stand und auf die Menschen, mit denen er umgeht. Er ist zu offen und frei. Doch weiß ich selbst, daß, wenn er Jemand helfen kann, er es gewiß thut, und sich seinen eigenen Rock auszieht, um einen Frierenden zu wärmen.“

„Es ist brav von Ihnen, daß Sie einen Abwesenden vertheidigen,“ sagte ich. „Mir ist der Baron lieb, wie Allen, die ihn verstehen und näher kennen. Er hat aber den Schein gegen sich und gehört nicht zu den anerkannten Soliditäten. Ich bin gewiß, daß wenn er einst zur Ruhe kommt, er gewiß etwas Tüchtiges leisten wird. Es ist Schade, daß solche Köpfe feiern, weil man sie scheut, fürchtet und nicht -- +anstellt+.“

„Wir müssen uns Ihnen aber wohl empfehlen, mein Fräulein,“ sprach Hippias. „Mein Magen erinnert mich, daß es Zeit sei, Etwas zu genießen. Gehen wir Aristipp?“

„Schön. Wir gehen zum Hôtel-Petit. Adieu, mein Fräulein.“

Nach diesen Worten, nach einigen Verbeugungen, verließen wir die „Erfrischungshalle“ und begaben uns nach der Behausung des Herrn Herrmann Bleicamb, dem Hôtel-Petit im Klütjenstieg. Herr Bleicamb stand in der Hausthüre, umringt von drei bis vier rothbackigen Knaben, und empfing uns mit lächlender Miene und folgenden Worten:

„Treten Sie näher meine Herren. Sie sind schon angemeldet. Die Beefstakes stehen schon auf dem Tische. Aber es ist Alles petit hier. -- Sie müssen vorlieb nehmen.“ --

Herr Bleicamb führte uns durch eine schmale Flur, in welchem sich die Küche und seine Frau befand, in ein kleines Zimmer, wo ein gedeckter Tisch und vier Couverts standen. Am Fenster saß ein wunderschönes, junges Mädchen mit weiblicher Arbeit beschäftigt.

„Meine Tochter,“ sprach Herr Bleicamb, uns in das Zimmer führend.

Das junge Mädchen verbeugte sich, erröthete und wurde noch schöner.

„Platz genommen, meine Herren,“ sprach Herr Bleicamb. „Hier genirt man sich nicht. Hier sind Beefstakes, Brodt, Kartoffeln und ein Glas Kümmel. Nancy! du kannst hinaus gehen und deiner Mutter helfen.“ --

Das junge Mädchen gehorchte. Im Gehen zeigte sich ihr schöner Wuchs.

Wir setzten uns, aßen und tranken.

„Für wen ist denn das vierte Couvert?“ fragte ich Herrn Bleicamb.

„Für den Baron. Wenn er nur kommt, der Windbeutel. Ist er einmal im Schuß, dann geht es immer zu. Er läuft wahrscheinlich wieder hinter eine Schürze her, oder ist sonst wo hängen geblieben. Aber greifen Sie zu. Ich gebe, was ich habe, mehr kann ich nicht geben. Ich bin hier klein logirt, darum nenne ich mein Haus das Hôtel-Petit. Uebrigens hat ein großer Geist hier gewohnt: Herr Clemens Gerke.“

„Alle Achtung vor dem Manne,“ erwiederte ich. „Hier in diesem kleinen Raume entfaltete sich also das Genie des großen Mannes?“

„Ja! Hier brütete er seine Eier aus. Jetzt wohnt er in dem großen, weißen Hause da gegenüber. Das hat er sich ergeigt und erschrieben.“

„Ich bin neugierig den Mann zu sehen,“ bemerkte Hippias.

„Das können Sie leicht haben. Sie brauchen nur heute Abend in die Vier Löwen zu gehen. Dort sitzt er und spielt.“

„Wollen wir das thun, Aristipp?“

„Warum nicht? Die Gegenwart dieses Mannes macht das ganze Local berühmt. Und wir gehören hoffentlich nicht zu den anerkannten Soliditäten.“

„Dein ewiger Spruch.“

„Nun ja! Ich mag die Leute nicht, die einen Menschen +nicht anerkennen wollen, weil er nicht reich, nicht hochgeboren oder hochgestellt ist. Das Handwerk schändet keinen Mann!+ Im Gegentheil finde ich, daß jeder große Mann noch größer ist, je kleinlicher und unscheinbarer seine Verhältnisse sind. Und keinen Mann achte ich höher als +den, der Alles durch sich selbst wurde, der Alles aus sich selbst bildete+!

In dieser Hinsicht stelle ich diesen +Clemens Gerke+ über alle jene Doctoren und studirten Schriftsteller. Er ist ein geistiger Bildhauer, der aus eigenem rohen Stoffe sich selbst zur schönsten Statue meißelte! Gott setzte ihn in diese Welt, arm, hülflos, niedriggestellt -- er schwang sich durch rastlose Thätigkeit bis auf jenen Standpunkt, den er diesen Augenblick in der literarischen Welt einnimmt. Des Nachts spielte er in jenem Locale, um sich, Weib und Kinder zu ernähren, und vom Morgen bis zum kommenden Abend arbeitete er seine Schriften aus. Noch mehr! er selbst setzte, druckte sie. Kann man mehr von einem Manne verlangen?“

„Nichts mehr! Nichts mehr!“ rief der Baron, der eben zur Thüre hereintrat, die letzten Worte gehört hatte; und sich schnell auf den leerstehenden Stuhl niederließ. „Von wem ist die Rede?“

„Von Clemens Gerke, deinem Freunde!“ versetzte Bleicamb.

„Ach! so?“ sprach der Baron langsam. „Das ist ein verdammter Kerl! Aber ein +Kraftmensch+! Wollte Gott ich wäre, wie er!“ Die Stirn des Barons überflog ein dunkler Schatten. Man sah es auf seinem Gesichte, daß etwas unangenehm in seinem Innern berührt war.

„Der Baron mag den Gerke nicht.“ Bemerkte Herr Bleicamb!

„Ich ihn nicht mögen!“ fuhr der Baron auf. „Wer sagte das? Was weißt du altes Plappermaul davon! Es ist ein kreuzbraver Kerl, aber er mag den Adel nicht; er mag die Doctoren nicht; er ist ein Republicaner und hat sich einst nicht ganz unsanft über mich geäußert. Das ist längst vergessen! +Ueberdem hatte er Recht!+ Wenn kein Anderer schlechter über mich dächte und spräche, dann wäre ich zu beneiden.“ --

„Du hast wohl heute deinen Traurigen, Baron? Hat der Doctor Dir wieder was geplappert? Laß doch die Leute reden, Du kannst Ihnen ja doch nicht das Maul verbieten!“ --

„Es ist etwas Schönes um einen unbescholtenen Ruf, Aristipp!“ fuhr der Baron ernst fort. „Wie hoch steht dieser gemeine Mann, dieser simple Musikant über mir! Sein Name wird überall mit Achtung genannt und der meinige? -- O des Unglücks! Ein leichter Gedanke; ein Glas Schnaps zuviel und das Kostbarste der Güter ist verloren -- der gute Ruf! Gewiß, gewiß! Zwei Seelen wohnen in unserer Brust, wie Goethe sagt. Die eine, die uns dem Himmel näher bringt, die andere, die uns zur Erde niederreißt. Daß wir auch das Thierische in unserer Natur nie vertilgen können! ~Et si naturam.~ -- Es ist um wahnsinnig zu werden! Schenke mir ein, Bleicamb! Ich muß trinken! Ich glaube, ich könnte das Meer austrinken, wenn es voll Weines wäre, und würde doch nicht berauscht, sobald mich ein schwarzer Gedanke verfolgt! ~Sed post equitem sedet atra cura!~“ --

„Da, Baron, trinke! Und nun wieder vorby.“ --

„Sie sollten nicht mehr trinken, Herr Baron! Sie sind zu aufgeregt!“ bemerkte Hippias.

Um die Lippen des Barons spielte ein höhnisches Lächeln, mit der Hand fuhr er über seine hohe Stirne; seine Augen sprühten Feuer.

„Nicht trinken! guter Mensch? Fürchten Sie etwa, daß ich zuviel trinken könnte! O nein! o nein! ich werde nicht mehr betrunken. -- Aber wüthend bin ich! Wüthend, daß die erbärmlichsten Lästerzungen meinen Namen zerreißen, während ich selbst ganz unschuldig bin!“

„Was ist denn nun wieder los?“ fragte Herr Bleicamb.

„Denke Dir. Neulich komme ich vom Lande. Mein Weg führt mich über das Schulterblatt. Vor einem Wirthshause ist eine Schlägerei. Zwei Männer fallen über einen her, und lassen ihn nachdem sie ihn zur Erde geworfen, blutig dort liegen. Ich gehe auf den Mann zu; hebe ihn auf; fasse ihn beim Arm und bringe ihn zu Tiedemann in das Wirthshaus, wo ich ihm ein Glas Bier geben lasse. Darauf gehe ich weiter. War das eine schlechte Handlung? Und nun, hören Sie, meine Herren, heute wird mir erzählt: +ich habe mich geprügelt+! Ist es nicht um rasend zu werden?“ --

„Weiter nix? Na, das geht wieder vorby! -- Kümmere Dich doch nicht um das, was die Leute reden! Das hilft doch zu nichts,“ meinte Herr Bleicamb.

„Das weiß ich wohl! Ich bin weit davon entfernt, den Menschen das Reden über mich verbieten zu wollen; aber es ärgert mich, daß sie die Unwahrheit sprechen, noch mehr, daß es möglich ist, daß man so etwas von mir glauben kann. Stände ich rein, unbescholten in den Augen der Welt da -- Niemand würde einen solchen Gedanken von mir fassen. Das ist die Folge davon, wenn man sich zu dem Lumpengesindel herabläßt. Wer Pech anfaßt, besudelt sich! Man muß jede Berührung mit dem gemeinen Packe vermeiden! Seinen Mitbruder im Kothe liegen lassen; die Nase hoch tragen; keinen Menschen ansehen; Gott, Christus und seinen Titel beständig im Munde führen -- dann ist man ein Mann ~comme il faut~. -- Nun es soll mir nicht wieder passiren!“

„Und thust es Morgen wieder, Baron; ich kenne Dich zu gut. Und nun ist es wieder vorby.“

„Lassen Sie sich die Sache nicht anfechten,“ sprach ich. „Sie haben mehr gute Freunde als Sie glauben. Wenigstens bitte ich Sie, mich zu diesen zu zählen.“

„Mich auch!“ fiel Hippias ein.

„Und mich auch,“ rief Herr Bleicamb. „Was willst Du mehr? Ist das nicht genug, so wahr ich Herrmann Bleicamb heiße!“

Des Barons Züge erheiterten sich. Ein spöttisches Lächeln, das sich aber bald zu einem anmuthigen verlor, umspielte seine Lippen. Darauf sprach er mit Pathos: „Mein ungeheuerster Wunsch ist befriedigt: Genua kennt mich in Euch. Retten Sie meine Ehre. -- Verzeihen Sie diese Periode Aristipp und Sie Hippias -- sie galt nicht Ihnen,“ fuhr der Baron mit einer eigenthümlichen Grazie fort. „Ich weiß Ihre Freundschaft zu schätzen, und wollte Sie nicht gerne durch einen übelangebrachten Scherz verlieren. Sie, Aristipp, kenne ich. Ich glaube, wir haben manche Aehnlichkeit mit einander, wenigstens trafen wir häufig an denselben Orten zusammen, und thaten es auch ja heute, wie ~ad oculos~ zu demonstriren. Der alte Satz: die Freundschaft zweier edlen Seelen beweist sich am besten durch die Anhänglichkeit, die sie zu einer dritten empfinden; bestätigt sich durch uns und Bleicamb von Neuem.“

„Mach es nicht zu arg, Baron!“ rief der Bezeichnete; „sonst, so wahr ich Herrmann Bleicamb heiße, ist es mit uns vorby.“

„Na, sei nicht böse, alter Kerl! Komm! stoße an! -- Wo ist aber deine Frau, und deine schöne Tochter, alter Cerberus? Laß sie doch einmal kommen.“ --

„Mutter, komm in!“

„Ich kann nicht kommen. Bin gewesen den ganzen Tag in der Küche,“ -- erwiederte eine weibliche Stimme.

„Thut nichts, Mutter -- Du bist ja alt, -- komm nur.“

Madame Bleicamb, eine würdige Matrone, der man es wohl ansehen konnte, daß sie in ihrer Jugend schön gewesen sein mußte, trat mit ihrer schöneren Tochter in das Zimmer. Wir standen auf und begrüßten sie.

„Ihre Beefstakes waren vortrefflich, Madame,“ sagte der Baron. --

„Freut mich, wenn sie geschmeckt haben der Herr Baron und die anderen Herren. Das Fleisch ist gut in Ohltona.“

„Sie sind mir wohl böse, daß ich Ihren Mann neulich so lange bei mir hatte? Auch heute muß ich Sie um Erlaubniß bitten, ihn mitnehmen zu dürfen.“

„Mein Mann ist sein eigener Herr und alt genug, um zu wissen, was sie thun müssen. Ich gehe zu Bette und sie hat der Hausschlüssel.“

„Du hast eine vortreffliche Frau, Bleicamb! Aber ich habe noch eine Bitte an Sie, Madame, wollen Sie es wohl erlauben, daß Ihre Tochter mir ein neues, seidenes Halstuch säumt?“

„Warum nicht, Herr Baron? Meiner Tochter wird sein ein groß Vergnugen zu nähen der Halstuch für Ihnen. Nicht Nancy?“

Das schöne Mädchen erröthete und lispelte ein leises: „Ja!“

„Hier ist das Tuch. Ich werde es um so lieber tragen, wenn es von so schönen Händen gesäumt sein wird.“

„Wir müssen jetzt wohl gehen,“ meinte Herr Bleicamb. „Es ist hier zu petit für uns Alle.“

Wir setzten uns in Bereitschaft zum Abmarsch. Wir nahmen unsere Direktion, den Weg hinter der Reeperbahn entlang, und befanden uns bald vor dem Cafée-Hause des Herrn Janßen.

Das Haus des Herrn Janßen, liegt wie bemerkt, hinter der Reeperbahn; vor demselben ist ein weißes Stacket; das Haus selbst ist weiß angeworfen, hat eine braune Hausthüre, vor welcher gewöhnlich drei kleine Pinscher sitzen. An der einen Seite der Thüre ist in schwarzen Lettern zu lesen: „Janßen Cafée-Haus.“ Auf der andern: „Janßen Commissionair. Weinhandlung.“ Ich führe dieses nur an, damit jeder Fremde, von denen es ja in dem schönen Hamburg wimmelt, sogleich dieses Haus erkennen möge. Denn auf St. Pauli gewesen, ohne bei Janßen gewesen zu sein, ist ebenso gut, als in Rom gewesen, ohne den Pabst gesehen zu haben! Worin liegt nun aber dieser Anspruch des Janßenschen Cafée-Hauses? Liegt er in der Lage des Hauses? in der prachtvollen Bauart? in der eleganten innern Einrichtung desselben? Zeichnet sich dieses Cafée-Haus durch bessern Wein, bessern Cafée, bessern Punsch vor anderen aus? Diese Fragen muß ich mit einem einfachen Nein beantworten. Wodurch verdient denn aber das Janßensche Cafée-Haus das Lob, welches ich ihm spende? Ich will es meinen verehrten Lesern sagen: Das Ausgezeichnete dieses Cafée-Hauses liegt: Erstens in der Person des Herrn Janßen selbst.

Zweitens, in den hübschen und tugendhaften Schenk-Mamsellen, die man dort findet.

Drittens, in der außerordentlichen Holländischen Reinlichkeit, die dort herrscht.

Viertens, weil, (man verzeihe mir diese Arroganz) ich mich dort häufig befinde, und man daher immer auf eine interessante Unterhaltung dort rechnen kann. Da man aber in unseren Zeiten nichts anvanciren darf, ohne die Gründe dazu zu motiviren, weil alles Leichte, Gracieuse, Angenehme jetzt mißfällt, und nur schwerfällige Beweise gelten; so werde ich meine Ansichten mit Gründen belegen:

~a~, ~ad~ _N^o_ 1. Herr Janßen. Wer von allen Wirthen, Gasthaltern, Caféehäuser-Besitzern könnte sich mit Herrn Janßen vergleichen? Wer in der ganzen Welt kennt Herrn Janßen nicht? London, Paris, Amsterdam, der Haag, Hamburg waren der Schauplatz seiner schwindlenden Größe, so wie seines Falles! Millionär unter dem Kaiserreiche, fuhr er mit Achten durch die Hauptstädte der Welt. Der Sturz des Besiegers der Welt, begrub in seinem Falle das Glück des Herrn Janßen! Doch er verlor den Muth nicht. Aus dem Schutte seines Vermögens entstand er, ein neuer Phönix, und London, Paris und Hamburg sahen mit bebendem Erstaunen diesen rastlosen, thätigen, klugen, feinen, schlauen, speculativen Geist, wie einen sengenden Kometen durch ihre Weichbilder ziehen. Doch kein Glück ist von Bestand. Das Napoleonische seiner Plane schien kleinlichen Gemüthern zu gewagt. Umsonst versuchte Janßen mit glänzender Beredsamkeit die Ausführung seiner materiellen, industriellen Pläne darzustellen, das Gelingen derselben zu versichern. Der Muth, die Courage fehlte. Das Ungeheure der Janßenschen Plane, des weit umfassenden, speculativen Geistes schreckte zurück. Noch mehr, man entzog ihm die ~Fonds~, und wie die Riesen-Eiche, wenn die Wurzel morsch wird, krachend niederstürzt -- so stürzte Herr Janßen von seines Glückes Thron. Er verlor Alles -- aber nicht den Muth, die Lebensphilosophie. Er fing tausenderlei an, nichts glückte. -- Nachdem Alles verloren, zog er sich nach St. Pauli zurück, etablirte ein Cafée-Haus, wurde Commissionär. Aber der Geist des alten Janßen ist derselbe; die Manieren des reichen Janßen, der mit Fürsten, Königen und Kaisern zu Tische saß, der die Herzen von hundert Prinzessinnen, Gräfinnen und Baroninnen eroberte, sind dieselben. Da ist noch die stolze, noble Haltung; die bourbonsche Adlernase verräth die hochstrebende Gesinnung ihres Eigenthümers, und wie in Ludwig’s des Vierzehnten Ausdruck, Haltung und Auftreten die völlige königliche Ueberzeugung des ~L’état, c’est moi~ lag -- so steht auf Janßens königlicher Stirne deutlich geschrieben: „~dans ma maison, je suis roi!~“ Janßen auf einem Thron, und er wäre der Ausdruck der personificirten königlichen Gewalt, des Autokraten. Janßen zu Pferde, auf einem Schimmel-Hengste, würde Frankreich ihn für den Herzog von Guise, England für den Herzog von Cambridge halten. Janßen in seiner Jugend muß schön gewesen sein. Noch jetzt in seinem Alter ist er schön; seine Gegenwart fordert und erzwingt Achtung. Den Mann mögte ich sehen, der sich an den zürnenden Janßen wagte! dann ist er der donnernde Zeus Kronion. Mag die Welt, mag Hamburg Janßen tadeln. Mag er Recht oder Unrecht gehandelt haben. Ich bin nicht zu seinem Richter eingesetzt, und schließe mein Capitel über Herrn Janßen mit den Worten: +Ein Mann, der unter allen Verhältnissen des Lebens sich gleich geblieben ist, der mit den berühmtensten Männern seiner Zeit gelebt hat, der die Sitten und Charactere seiner Mitmenschen so genau durchstudirt hat, der bleibt für den denkenden Mann, den Schriftsteller, immer ein lehrreiches und interessantes Studium des menschlichen Geistes, Herzens und seiner Zeit.+

~b~, ~ad~ _N^o_ 2. Wenn ich die Schenk-Mamsellen im Janßenschen Hause „hübsch und tugendhaft,“ ~par excellence~, bezeichnet habe, so geschieht dieses aus folgenden Gründen: Es läßt sich leicht begreifen, daß Herr Janßen, dieser Kenner des menschlichen Herzens, keine häßliche Mädchen in seinem Hause halten werde. Daß diese Mädchen tugendhaft +sein müssen+, läßt sich leicht aus der Menschenkenntniß des Herrn Janßen deduciren. Er hält sie nicht für einen Geliebten, und um die thörichten Wünsche eines Mädchens zu erfüllen, das er gut ernährt und bezahlt. Nein! sie sollen freundlich, artig und zuvorkommend gegen Jedermann sein, und auf das Haus des Herrn Janßen muß nichts zu sagen sein. Er kennt die Welt gut genug, um zu wissen, wie sehr sein Haus verlieren würde, wenn er Liebes-Intriguen statuirte. Also schon aus der Janßenschen Politik geht es hervor, daß die Schenk-Mamsellen tugendhaft sein müssen. Ein zweiter Grund liegt in dem Character der Madame Janßen, einer wahrhaft edlen Frau, die mit himmlischer Geduld +ihr+ unverdientes Schicksal trägt, und die nie eine Gemeinheit statuiren würde. Herr Janßen hält ein wachsames Auge auf seine Schenk-Mamsellen. Jeder Fehler gegen den Anstand, gegen die feine Erziehung, wird von ihm gerügt. Denn, sagt er: in seinem Holländischen Dialekte: „ick will dat nich, und ~dans ma maison, je suis roi~.“ Auf diese Weise ist das Janßensche Cafée-Haus ein empfehlungswerthes Institut für junge Mädchen vom Lande, die den ~bon ton~, sich fein ausdrücken, graziös gehen, liebenswürdige Manieren lernen und doch dabei, unter Verführungen aller Art, ihre ländliche Unschuld conserviren wollen.

~c~, ~ad~ _N^o_ 3. Von einer Holländischen Familie, die in den glänzendsten Cirkeln gelebt hat, läßt sich wohl Sauberkeit und Reinlichkeit erwarten. So ist es auch hier. Die Fenster des Salons des Herrn Janßen (ich kann mich unmöglich +in diesem Hause+ des Ausdrucks: Schenkstube oder Weinstube, bedienen) glänzen wie Spiegel; auf dem pferdehaarenen Sopha, der an der Wand der Thüre gegenüber steht, ist kein Körnchen Staub zu sehen, ebenso wenig, als auf den Mahagonitischen, von denen einer vor dem Sopha, der andere unter einem Spiegel steht. Zu jeder Ecke des Sophas steht ein blankgeputzter, kupferner Spucknapf, gefüllt mit feinem reinen Sande; die Dielen des Fußbodens schimmern, wie gefallener Schnee und die Gläser, in welchen servirt wird, strahlen hell, wie Krystall.

~d~, ~ad~ _N^o_ 4. Diesen Punct selbst zu motiviren, würde mich erröthen lassen. Ich überlasse es daher Allen, die mich dort sahen und sehen werden, ob ich in meiner Behauptung Recht oder Unrecht habe.

Nachdem ich meine Leser gänzlich von allen Eigenthümlichkeiten des Janßenschen Cafée-Hauses „~au fait~“ gesetzt habe, so kehre ich zu uns zurück. +Zu Uns+, d. h. zu mir, Hippias, dem Baron und Herrn Herrmann Bleicamb. Es war schon dunkel geworden, als wir uns nach dem Hause begaben; eine argentische Lampe erhellte den „Salon“ des Herrn Janßen, in welchen wir eintraten. Es waren mehre Gäste dort versammelt. Auf dem obenerwähnten pferdehaarenen Sopha saß ein hübscher, blonder, schöngewachsener und höchst elegant gekleideter Mann, die Guitarre im Arme -- den ich schon öfters dort gesehen, dessen Name mir aber entfallen ist. Neben ihm saß Mlle Linon, eine jener tugendhaften Schenk-Mamsellen. Ihr Gesicht war hübsch, die Augen blau, groß und schön, ihr Haar, das sie gescheitelt und glatt an die Stirne gedrückt trug, war braun, ihre Physiognomie war kindlich, heiter, unschuldig. Sie war in einem grünen Kleide gekleidet, in der Taille durch ein schwarzes Band befestigt; ihr ganzes Aeußere war reinlich und ordentlich. Ihr zur Seite saß ein anderer junger Mann, der aber mit seiner Nachbarin zur Rechten beschäftigt schien. Diese war Mlle Thereson, gleichfalls eine Schenk-Mamsell. Diese war ein eigenthümliches kleines Geschöpf. Sie war weder schön noch häßlich, weder gelb noch weiß; aber lebendig, aufgeweckt und hatte etwas an sich, das nicht zu definiren ist, aber ein unregelmäßiges Gesicht, eine unscheinbare Person interessant erscheinen läßt. Außerdem ein allerliebstes Mündchen und eine sanfte, wohlklingende Sprache, wie allen Hannoveranerinnen, denn sie war eine Solche. Alsdann kamen noch mehre Herren, die rauchten und tranken; ferner Mlle Jeannetton, die Nichte des Herrn Janßen, eine anspruchslose, zierlich gewachsene Holländerin, und endlich Herr Janßen selbst, der ernst mit denkender Miene am Tische saß, mit einer grünen Mütze auf dem Kopfe, unter deren Schirm seine Augen mit der Schnelligkeit eines Habichts die ganze Gesellschaft controlirten; der scheinbar Nichts hörte, an Nichts Theil nahm, dem aber kein Wörtchen, keine Geberde seiner Gesellschaft entging. Auf dem Tische standen Gläser mit Wein gefüllt, und eine angebrochene Champagner-Flasche.

Bei unserer Ankunft erhob sich Herr Janßen und sagte mit lächlender Miene: „Bäter später, denn gar nicht.“