Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit

Part 3

Chapter 33,644 wordsPublic domain

„Der Jude sprach ganz vernünftig. Es freute mich, daß er die Partei des Barons nahm. Er steht aber wohl mit ihm oder seiner Familie in Handelsverbindungen?“

„Durchaus nicht. +Du glaubst also, daß in unseren Zeiten nur dann ein Mensch den andern in Schutz nähme, wenn er von ihm Vortheil gezogen oder noch zieht? Leider hast Du im Allgemeinen Recht! Wir leben in einem rein speculativen Zeitalter. Der ist ein Narr zu nennen, der seinem Gefühle und nicht seinem Vortheile folgt!+ Es ist mir +leicht+ geworden +diese Wahrheit+ einzusehen, +schwerer+ sie zu befolgen. Von Jugend aus gewohnt, edlen Gefühlen, großmüthigen Aufwallungen Gehör zu schenken, ist es mir bisjetzt noch nicht möglich gewesen die kleinlichen Berechnungen des Egoismus, des pecuniairen Vortheils zu adoptiren. Man muß dieses aber thun, wenn man in der Welt durchkommen will. Wer auf Unkosten seiner selbst seinem Mitbruder aus der Noth hilft, wird ausgelacht. Unser Zeitalter ist ein rein speculatives, commercielles, financielles. Die großartigen Ansichten des ritterlichen Zeitalters sind gestürzt -- an die Stelle der Ritter und ihrer Knappen, sind die Erwerbsmänner mit ihren Fabrikherren und Arbeitern getreten. Da sie Alles durch sich selbst, ihrer Hände Arbeit und ihren Erwerb oder ihr Geld wurden, so ist es natürlich, daß nur der Mann jetzt geachtet wird, der arbeiten läßt, oder arbeiten kann, und daß das Geld die einzige Schwungfeder ist, die Alles in Bewegung setzt.“

„Eine traurige Wahrheit. Die Gefühlswelt ist zernichtet, und das practische, reelle Leben an ihre Stelle getreten!“

In diesem Augenblicke stürmte der Baron in das Zimmer. Sein Auge strahlte Freude, sein Gang war stolz, sein Wesen aufgeregt. Er ließ sich auf einen Sessel nieder. Gipsy legte sich zu seinen Füßen. Er streichelte das schöne Thier, dann wandte er sich um und erblickte mich.

„Siehe da, Herr Aristipp!“ rief er aus. „Verzeihen Sie, daß ich Sie nicht gleich bemerkte und begrüßte. Ich war so mit mir selbst beschäftigt, daß ich Alles um mich her vergaß. -- Sie führen liebliche Bilder einer angenehmen Vergangenheit mir wieder vor die Seele. Das waren noch schöne Zeiten, als wir uns in der kleinen Catharinenstraße kennen lernten! Das waren noch schöne Abende! Kunst, Literatur, Gesang und schöne Frauen! Nie werde ich den guten St. Pierre und seine Frau vergessen! Auch meine Gipsy wird sie nie vergessen, denn sie war dort ebenso gut aufgehoben, als ich. Wie wurde sie von den weichen Händchen der schwarzäugigen Wally und der lieblichen Sophie gestreichelt. Wie glücklich lebten wir zusammen, bis die verdammte Klatscherei uns trennte! Das Beste, daß kein wahres Wort an der Geschichte war! Indessen verzeihe ich diesesmal der Verleumdung. Wir gaben in unserer Unschuld der Medisance zu vielen Stoff. Wally war zu schön -- und ich -- +ein Mann+! Wer kann überhaupt in unseren Tagen an ein rein geistiges Verhältniß zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau glauben? In der Welt kann überhaupt Nichts von langer Dauer sein. Es muß immer eine Veränderung geben, damit der alte Mechanismus nicht stille stehe. Vermuthlich ein Freund von Ihnen?“

„Herr Hippias, der heute erst angekommen ist, um sich in Altona und Hamburg etwas umzusehen, und der das Vergnügen hat, Sie dem Rufe nach zu kennen!“

„Das thut mir sehr leid. Mein Ruf ist verdammt schlecht, und mit Maria Stuart könnte ich sagen: ich bin besser, als mein Ruf. Man macht mich hier zu einer Art von Ungeheuer, da ich den Schein nicht beobachte, mich frei äußere und die Menschen es nicht begreifen können, daß ich wie Diogenes mit der Laterne umher renne um +Menschen+ zu finden. Man sollte mich lieber den Narren des 19ten Jahrhunderts nennen, weil man aus mir machen kann, was man will, sobald man mein Herz in Anspruch nimmt. Die erbärmlichen Menschen! Wenn sie Jemanden nicht begreifen können, so machen sie ihn herunter. Sie machen es ebenso mit ihrer Gottheit. Sie leihen dem höchsten Wesen alle möglichen menschlichen Schwächen, um es fassen zu können. Was zu hoch und erhaben ist, muß heruntergerissen werden, damit die flachen Schädel es begrinsen und verhunzen können!“

„Ich freue mich recht sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Baron,“ sprach Hippias. „Ich habe mehre Ihrer Schriften mit Vergnügen gelesen!“

„Meine Schriften? Da haben Sie was Rechtes gelesen! Dummes Zeug! Weiter nichts. Ich wollte, ich hätte nie Etwas geschrieben; weil es mir unmöglich ist von meinen Schriften erbaut zu sein. Man muß zu viele Rücksichten auf die Leihbibliotheken nehmen, und der Ladendiener und Kammermädchen Geschmack! Wer überhaupt einmal, als Schriftsteller aufgetreten ist, der sitzt auf dem öffentlichen Verwunderungsstuhle und Hans und Peter und Grete und Liese spielen mit ihm moquiren. Wer heißt einem auch Perlen vor die Säue werfen, oder besser gesagt, wie kann man ein solcher Esel sein, sich einzubilden, daß sein eigenes jämmerliches Geschreibsel der ganzen Welt gefallen, von der ganzen Welt gelesen werden soll! Es ist rasend, wohin den Menschen die Eitelkeit, die Einbildung führen können! Noch lächerlicher ist es aber, wenn man wie ich, immer über sich selbst und von sich selbst schreibt; und es nicht lassen kann seine Ansichten über Gott, König, Menschheit und Vaterland zu äußern. Es ist noch ein Glück, daß ich kein Republikaner bin, sonst säße ich gewiß schon irgendwo fest, und gäbe die „Memoiren eines Sträflings“ heraus. Das Schlimmste bei der ganzen Schriftstellerei ist aber die Knickerei der Buchhändler und die leidige Censur! Was man schreiben wollte, darf man nicht schreiben; was man schreiben darf, will man nicht schreiben, weil nur Flaches, Fades, Unbedeutendes geschrieben werden darf -- auf diese Weise wird der Ideenflug gehemmt, und man bringt nichts als Unsinn hervor. Denn alles Halbe, ist Stückwerk und alles Stückwerk in der Literatur ist Unsinn! Man muß jedoch gestehen, daß die Dänische Censur noch sehr lieberal ist. Auch ist der König der lieberalste Mann im ganzen Lande, in der Welt. Lassen Sie uns seine Gesundheit trinken, meine Herren! Sie wissen, ich bin Legitimist.“

Wir stießen an.

Der Baron ging einige Male das Zimmer auf und ab; dann wandte er sich mit einem freundlichen Lächeln an mich: „Wissen Sie wohl, Herr Aristipp, daß ich heute außerordentlich glücklich bin! Ich mögte die ganze Welt umarmen, weil ich einen guten, edlen Mann getroffen habe. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen. Es thut meinem Herzen so wohl, so recht aus vollem Herzen eine edle Handlung eines Menschen erzählen zu können. Hören Sie.

„Ich befand mich noch vor einigen Tagen in der schrecklichsten Verlegenheit. Ich hatte Schulden gemacht. Meine Gläubiger quälten mich bis aufs Blut. -- Sie kennen Altona und Hamburg. -- Ich hatte einen Wechsel geschrieben. Die Zeit nahte, wo er fällig war. Ich hatte keine Rettung. Ich suchte allerwärts Geld. Die, welche es nicht hatten, wollten es mir geben, aber konnten nicht. Die, welche es hatten, konnten es nicht, weil sie den edlen Grundsatz angenommen hatten, nie mehr Geld ohne Sicherheit auszuleihen. Um ihren Grundsätzen treu zu bleiben, konnten sie sich nicht überwinden, einem Unglücklichen Leben und Ehre zu retten! Was würde man zu einem Manne sagen, der +seinen Grundsätzen ungetreu geworden, um+ seinen leidenden Mitbruder zu retten! Mein Gott! dachte ich: du hast doch so Vielen in den Zeiten deines Glückes geholfen und dir hilft Niemand!!? Ich will es Ihnen gerne gestehen, lieber Aristipp, nachdem alle Versuche bei Menschen mir fehl geschlagen, wandte ich mich an Gott. Sie lächeln? Nicht wahr? Ich that es und Er half. Durch eine sonderbare Fügung muß ich in das Hôtel ~de France~ in Hamburg gerathen. Dort lerne ich einen Mann kennen, einen Herrn von Pichmeier. Wir trinken zusammen; wir spielen zusammen; wir reden zusammen. Offen, wie ich es immer bin, entdecke ich diesem vortrefflichen Manne meine Verlegenheit. Was thut er? Er bezahlt sogleich die Hälfte jener Summe, und heute, was noch mehr sagen will, da er +höchst+ unzufrieden mit mir ist, bezahlte er die andere Hälfte, aus +dem einfachen Grunde, einer achtungswerthen Mutter ihren Sohn zu erhalten+. Das that ein fremder Mann für mich! Weil er dem Zuge seines Herzens folgte; weil er dem Bedürfnisse eines edlen Herzens folgte, dem es eine Wonne ist, seinem Neben-Menschen wohl zu thun. Er stellte keine Betrachtungen darüber an, ob ich es verdiente, wie die Männer von Grundsätzen es thun, diese hochherzige christliche Sippschaft! Er dachte nur: der Mensch ist verloren, wenn ich ihm nicht helfe; seine Mutter wird dadurch unglücklich -- auch ich hatte eine Mutter, und er half. -- Daß diese Geschichte wahr ist, kann Timm Ihnen bestätigen. Denn die Summe schuldete ich theilweise dem Besitzer dieses Kellers, und hier hat er das Geld bezahlt. Ein solcher Zug der Herzensgüte verdient der Erwähnung in unserm egoistischen Zeitalter. Daher erzähle ich Ihnen dieses; darum bitte ich Sie, es weiter zu verbreiten und nun mit mir auf das Wohl dieses edlen Menschenfreundes zu trinken. Herr von Pichmeier soll leben!“

„Die Handlung des Herrn von Pichmeier ist brav,“ bemerkte Hippias, „und verdient die Anerkennung eines jeden Ehrenmannes, aber nicht minder verdient Ihre Aufrichtigkeit und Ihre Dankbarkeit Anerkennung, Herr Baron. Die größte Eigenschaft des Don Carlos ist die Anerkennung der Verdienste des Posa.“

„Was hilft ihm meine Dankbarkeit“, erwiederte der Baron, „beweisen kann ich sie ihm nie, und auch er nimmt sie nicht an. Daß ich dankbar bin, ist mir nicht anzurechnen. Die Dankbarkeit ist ein natürliches Gefühl; selbst der Wilde besitzt sie; den Trieb, den die Natur in uns legte, können wir uns nicht berechnen. Daß es jetzt so viele undankbare Menschen giebt, rührt nur daher, weil wir unsere natürlichen Gefühle immer mehr unterdrücken -- denn von Natur sind alle Menschen +gut+, folglich: dankbar. -- Gieb mir eine Cigarre, Timm. Auch du gehörst zu den Menschen, auf die man sich verlassen kann. -- Na was macht denn das hübsche Mädchen, mit dem Sie neulich im „Englischen Garten“ waren?“

„O, die ist gut zufrieden, Herr Baron,“ antwortete der Küper, die Cigarre reichend und einen Fidibus dabei. --

„Wenn Sie Zeit und Lust hätten, Herr Baron; so dächte ich Sie schenkten uns den heutigen Tag, und gingen mit uns.“ Bemerkte ich.

„Gerne! Aber dann müssen wir aus Altona! Ich kann Altona nicht leiden, und Ihr Freund muß St. Pauli und Hamburg kennen lernen. Geh, Timm, schicke Jemanden hin, uns eine Droschke zu holen vom Rathhausmarkt. Den Kutscher mit dem weißen Schimmel. Boysen heißt er. Den nehme ich immer, weil das Pferd gut, die Droschke reinlich und der Kutscher verschwiegen ist! Wie manchen angenehmen Augenblick habe ich in der Droschke verbracht!“ --

„Ich denke, wir machen die Tour, Herr Baron, die wir schon einmal mit einander machten,“ bemerkte ich. „Zuerst die Erfrischungshalle, dann Hôtel Petit, Janßen, Kittel, Buck, Carl, den Trichter, die Elbhalle, Madame Heitmann,“ etc.

„Einverstanden!“ rief der Baron. „Kommen Sie, meine Herren! der Wagen ist da! Adieu Timm! Behalten Sie Gipsy bei sich! Gipsy! du bleibst bei Timm!“

„Leben Sie gut und delicat, Herr Baron.“ --

„Nach der Erfrischungshalle!“ rief der Baron dem Kutscher zu. Wir stiegen ein. Die Droschke rollte schnell dahin. -- Wir hielten vor der Erfrischungshalle. Wir stiegen aus und gingen hinein. -- --

Als wir in das Zimmer der Erfrischungshalle traten, war außer einem Knaben, der beim Billard beschäftigt war, zufällig Niemand zugegen. Der Baron benutzte diesen Augenblick indem er sich mit folgenden Worten an Hippias wandte:

„Sie befinden Sich diesen Augenblick, mein lieber Hippias, in einem der anständigsten Locale dieser Gegend. Die Eigenthümer dieser Wirthschaft, sind alte würdige Leute; der Führung der Geschäfte und des ganzen Hauswesens steht aber die Tochter vor. Ein höchst rechtschaffenes Mädchen, mit Sinn für Literatur und Kunst begabt, wie Sie es auch an dem schönen Gemälde bemerken können, das dort an der Wand hängt. Sie ist ein vortreffliches Mädchen, besitzt Geist, Gefühl und Verstand, und vielleicht ein bischen Schwärmerei, welches wir ihrer deutschen Natur zu Gute halten müssen. Sie wird in ihren Geschäften durch ein junges Mädchen unterstützt, die Henriette genannt wird, und, wie es scheint, gleichfalls anständig und tugendhaft ist. Diese behauptet hier den Posten einer Schenk-Mamsell.“

„Was ist denn das für ein Posten?“ fragte Hippias.

„Eine Schenk-Mamsell, lieber Hippias,“ bemerkte ich, mich in die Unterhaltung mischend, „ist eine Art liebenswürdiger Geschöpfe, die das Amt einer Hebe in den Hallen irdischer Glückseligkeit verrichten. Mit Grazie Wein und Getränke schenkend, und durch Liebenswürdigkeit, Zuvorkommenheit und Unterhaltung einem die Stunden angenehm hinbringen lassen, welche man in den Tempeln des Bachus zubringt. Daß sie hier eine eigene Classe des weiblichen Geschlechts bilden, ist gewiß, wo diese aber anfängt und wo sie begrenzt wird, kann ich nicht mit Gewißheit bestimmen. Sie sind nach meiner Meinung dazu gehalten, alle Reize des weiblichen Geschlechts anmuthig und anständig zu entfalten, gegen Jedermann liebenswürdig und artig zu sein, zu kokettiren, zu lachen, zu scherzen und Guitarre zu spielen, Jedermann die Hoffnung ihres Besitzes vorzuspiegeln, sie aber nie zu erfüllen. Auf diese Weise gleichen sie den schönen Früchten, die reizend, rothbackigt und zum Genusse einladend, über Tantalus Haupte schwebten, und die entschwanden, wollte er sie greifen, sie genießen.“

„Na! das nenne ich eine poetische Definition einer Schenk-Mamsell,“ rief der Baron lachend, „ich will Ihnen eine einfachere geben. Eine Schenk-Mamsell ist ein Mädchen, welches engagirt wird, wie jedes Dienstmädchen, das sich aber fein anziehen muß, einige Bildung besitzen und den Gästen als angenehmes Spielwerk dienen soll. Kurz ein Lockvogel, der, sobald er seine schönen Federn ablegt, Kartoffeln schälen und Krammetsvögel pflücken muß. Daß diese Mädchen nun, so lange sie in einem anständigen Hause sich befinden, sich anständig betragen müssen, versteht sich von selbst. Ausnahmen giebt es überall. -- Sie gehören freilich nicht in die Classe der gänzlich Gesunkenen, aber sie sind nicht weit davon entfernt, denn dieses ewige Courmachen, dieses ewige Liebeln um sie her, dieser stete Müssiggang und der Genuß starker Weine, die sie den Gästen zu Gefallen mit trinken müssen, bringt sie natürlich dem Falle näher, als jedes andere Mädchen! Sie sind zu bedauern, zu beklagen! Ihr Leben ist ein glänzendes Elend, eine fortwährende Reizung, Betäubung. Wo soll das junge Mädchen ohne Existenz-Mittel enden, das sich an Champagner gewöhnt und in Sammt und Seide zu gehen? Doch, da kommt unsere angenehme Wirthin, in Begleitung der lieblichen Hebe, wie Aristipp sie titulirt.“

Zwei weibliche Gestalten traten jetzt in das Zimmer. Die Eine, schwarz gekleidet, von schlankem Wuchse, trug ihr glänzend schönes schwarzes Haar gescheitelt, unter schwarzen Augenbrauen glänzten zwei große blaue Mondscheinaugen, ihr Gesicht war interessant, ihre Haltung edel. Sie sah mehr einer Ausländerin als einer Deutschen ähnlich. Das war Fräulein Brettomani.

Die Andere war ein anmuthig lächlendes Geschöpf, ganz blond, Teint von Lilien und Rosen, Wuchs schlank, Ausdruck freundlich. Das war Demoiselle Henriette, die Schenk-Mamsell.

Wir standen natürlich alle drei auf, um diese angenehmen Erscheinungen zu begrüßen. Fräulein Brettomani ließ sich auf einen Sessel nieder; Mlle Henriette trat hinter den Schenktisch.

„Guten Tag, mein Fräulein,“ rief der Baron, und sich dann an Mlle Henriette wendend fuhr er fort: „Sie kommen gerade zur rechten Zeit, mein schönes Kind. Herr Aristipp und ich sind gerade diesen Augenblick beschäftigt, unserm Freunde, Hippias, die Definition einer Schenk-Mamsell zu geben. Er behauptet, ein solches Wesen müsse eine Hebe sein; ich, sie sei nichts weiter, als ein schöner Lockvogel. Wer von uns Beiden hat Recht?“

„Keiner von Ihnen, meine Herren, sondern ich, wenn ich behaupte, daß Sie ein loser Vogel sind.“

„Warte Schelmin! das sollst du bereuen! Und nun kommen Sie einmal hinter Ihrem Tisch hervor; zeigen Sie Sich dem Herren Hippias, damit er gestehe, daß eine Schenk-Mamsell, wenigstens ein Engel sei.“

„Das ist zu arg, Herr Baron! Lassen Sie mich los!“ versetzte die sich sanft Sträubende, während der Aufwand der Kräfte, beim Widersetzen, die Farbe des schönsten Incarnats auf ihre Wangen trieb.

„Verzeihen Sie, mein schönes Kind,“ sprach der Baron, die Schmollende loslassend, „Sie müssen mir heute schon was zu Gute halten. Prinz Doria ist heute lustig -- und folglich unbändig!“

„Wie immer!“ versetzte Hebe.

„Was ist Ihnen denn heute Besonderes arrivirt?“ sprach Fräulein Brettomani, „Haben Sie Nachrichten von Ihrer Geliebten?“

„Sie thun Unrecht mich in einem solchen Augenblicke an meine Geliebte zu erinnern. Jetzt ist meine Lustigkeit vorüber. Ich werde melancholisch. Geschwind geben Sie uns drei Gläser Portwein! Aber Geld habe ich nicht bei mir!“

„Schadet nichts. Henriette!“

Henriette brachte die Gläser.

„Jetzt, Herr Hippias, passen Sie auf! Sehen Sie, +nur+ eine Schenk-Mamsell kann mit einer solchen Grazie die Gläser präsentiren! Bemerken Sie diesen schwebenden Gang -- diese Liebe athmenden Bewegungen --“

„Denken Sie doch an Ihre Geliebte, Herr Baron!“ versetzte Mlle Henriette schalkhaft drohend. -- „Wenn +die+ das hörte!“

„In Gottes Namen! Wenn sie mich deshalb +weniger+ liebte, wäre +sie meiner nicht werth+!“

„Haben Sie wirklich einen wahren Begriff von einer reinen Liebe?“ fragte Fräulein Brettomani, den schwärmerischen Blick ernst auf den Baron richtend.

„Wenn ich das nicht hätte,“ erwiederte der Befragte, „würde ich dann so viele Empfänglichkeit des Gefühls für das Schöne, das Liebenswürdige eines weiblichen Wesens besitzen können? Wenn man wirklich liebt, mein Fräulein, wenn man wahrhaft glücklich ist, dann liebt man die ganze Welt, wünscht, die ganze Welt zu beglücken.“

„Das nenne ich eine weitumfassende Liebe,“ entgegnete das Fräulein. „Wenn ich Ihre Braut wäre, würde ich mir eine solche Liebe höflichst verbitten.“

„Liebe und immer wieder Liebe,“ versetzte der Baron. „Was ist denn eigentlich Liebe?“

„+Liebe+,“ erwiederte Fräulein Brettomani ernst, „ist das höchste und das heiligste der Gefühle. Die zarteste Uebereinstimmung zweier schönen Seelen in allen Puncten zu einem Zwecke. Das Durch-sich, Durch-einander-Beglücktsein --“

„Nun, bei Gott! Sie nehmen die Liebe zu hochpoetisch. Ich glaubte, es wäre eine Art von Instinkt, eine Art Trieb, damit das menschliche Geschlecht nicht aussterbe!“ versetzte der Baron. „Was meinen Sie dazu, Herr Hippias?“

„Ich bin in diesen Sachen ziemlich unerfahren,“ erwiederte der Angeredete. „Im Ganzen glaube ich, daß es wohl eine Composition von den beiden Ansichten sei, die Sie und das Fräulein aussprachen. Was meinst Du, Aristipp?“

„Ich enthalte mich meines Urtheils. Da aber gerade von der Liebe die Rede ist, so fallen mir einige Verse ein, die wenigstens beweisen, daß bei der Liebe immer viel Gefahr und Täuschung obwalten. Soll ich sie Ihnen sagen?“ Alle baten. Ich begann: Mein Gedicht ist von -- ich habe den Namen vergessen -- und ist titulirt: Das Geständniß.

1.

Uns Alle lehrt die Liebe Trug und Tücke, Wer ihr gehorcht, ergiebt dem Bösen sich. Der Sündenweg ist, ach! der Weg zum Glücke, Dir zu +gefallen hinterging ich dich+.

2.

Die erste Gunst erkämpften jene Zähren, Die ich zu deinen Füßen einst vergoß; Und Thränen mocht’ ein Auge leicht gewähren, Das +roth von starken Wassern+ überfloß.

3.

Du lehrtest mich der Liebe Taumel singen, Aus deinen Blicken stahl ich jeden Ton. Wohl mußten diese Verse mir gelingen, Ich brauchte sie zum +sechsten+ Male schon.

4.

Louisens Briefe konnt’ ich kalt zerreißen, Ich brachte treu sie deiner Schönheit dar. Ein würdig Opfer! Würdig, groß zu heißen, Nur, daß kein Brief +an mich+ gerichtet war.

5.

Beim letzten Tanz wie brannten meine Sinnen! Wie lebt’ ich nur vor deinem Angesicht! Das letzte Mittel Idan zu gewinnen, Der Neid allein, gab mir bei ihr Gewicht.

6.

Verzweiflend wagt’ ich Hand an mich zu legen, Da fühltest du, Erhörung werde Pflicht. Ich bot die Stirn dem Terzerol entgegen, Es war gespannt -- +geladen war es nicht+.

Ich bin zu Ende, meine Herren und Damen.“

„Das Gedicht ist sehr hübsch;“ sprach Fräulein Brettomani. „Es zeigt uns die Gefahren der Liebe und die Schlechtigkeit der Männer. Arme, arme Frauen!“

„Sie sind noch nicht so sehr zu beklagen,“ versetzte der Baron. Um Ihnen einen Beweis von der Treue eines Mannes und einer edlen Liebe von beiden Seiten zu geben, will ich mir die Erlaubniß nehmen, Ihnen „Des Schotten Abschied“ vor zu declamiren. Ich bemerke übrigens, daß mir der Verfasser unbekannt ist, daß ich nicht weiß, ob das Versmaß richtig sei, denn ich verstehe mich nicht auf Poesie. Bei mir kommt es nur darauf an, daß es sich reimt und klappt. Hören Sie:

1.

Mac-Duncan stand, ein Götterbild, An nebelgrauer See; Da nahte Mary, sanft und mild, Wie eine Hochlands-Fee.

2.

Der Schotte nahm sie in den Arm Und preßt’ sie an sein Herz; Das wechselnd nagt der Liebe Harm Und naher Trennungs-Schmerz.

3.

Da ruft der Trommel-Wirbel-Schlag Und reißt ihn von ihr fort. Und immer tönt es, Schlag auf Schlag, Durch Wald und Thal und Ort. --

4.

Mac-Duncan stand in Reih’ und Glied; Der Morgen graute kaum. Es zuckte trüb sein Augenlied, Wie Nachts, bei schwerem Traum.

5.

Da plötzlich wird’s bekannt gemacht: Die weißen Segel weh’n. Von allen Frauen sind’s nur acht, Die mit nach Frankreich gehn.

6.

Und Mary naht, und Mary zieht Vertrauend dem Geschick. Ihr zartes Leben schnell entflieht, Sie lies’t: Du bleibst zurück.

7.

Es knirscht der rechte Flügelmann Im übergroßen Schmerz. Noch einmal sieht er Mary an Und blickt dann himmelwärts. --

8.

Mac-Duncan zog von Ort zu Ort Und schlug der Schlachten viel -- Doch lacht’ er nie, und sprach kein Wort, Als: „Mary!“ da er fiel. --

Fräulein Brettomani hatte während der ganzen Zeit des Vortrages des Barons ernst dagesessen; ihr Gemüth schien tief bewegt, denn ihre großen blauen Augen füllten sich mit Thränen. Mlle Henriette bemühte sich, bewegt zu scheinen. Sie schlug die Augen nieder und faltete die Hände.

„Sie machen meinem unbekannten Dichter ein großes Compliment, mein Fräulein“, sagte der Baron. „Eine einzige Thräne aus Ihrem Auge wiegt hundert schlechte Rezensionen auf.“

„Jetzt kommt meine Tour!“ rief Hippias. „Mein Gedicht heißt: „Der abgedankte Bräutigam.“ Es ist gleichfalls von einem unbekannten Verfasser und sieht nicht auf Rhythmus noch auf Versmaß; aber auch von Liebe ist darin die Rede. Er begann:

1.

Ich war einmal ein Bräutigam Und ging gar stolz einher. Als bald darauf ein And’rer kam, Da war ich’s bald nicht mehr.

2.

Doch weint’ ich nicht, und zürnte nicht, Und macht’ kein bös Gesicht -- Doch leise klagt’ ich’s im Gedicht, Was mir das Herze bricht.

3.

Du armes Kind! du hast nicht Schuld, Du hast es nicht gewollt. Du fügtest dich, nur in Geduld, Du hast es ja! +gesollt+.

4.

Doch sollen ist ein schweres Muß Und bricht manch’ Herz entzwei. -- Du zittertest beim ersten Kuß Und giebst jetzt deren +zwei+. --

5.

Gottlob! daß du die Kräfte hast! Geliebtes Kind, lebwohl! Die Treue reißt, so leicht, wie Bast, Die Herzen sind so hohl!

6.

Jetzt geh’ ich fort, so wie ich kam, Doch hab’ ich deinen Schwur! Ich war einmal ein Bräutigam, +Die Braut mir Treue schwur+! --