Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit
Part 2
„Gerade, weil ich vielfach angegriffen und getadelt worden bin. Ich fand, daß der meiste Tadel, welcher mich traf, nur auf Hörensagen beruhte; ungerecht war. Ich sah ferner ein, daß es nichts Leichteres gäbe, als Fehler an seinen Mitmenschen zu entdecken; sie tausendfach zu vergrößern und zu entstellen; ich fand ferner, daß nichts kleinlicher sei, als sich zu rächen, und, daß es dem edlen Manne bei weitem eher zieme die +guten Seiten+ seiner Mitbrüder zu erforschen und an das Tageslicht zu fördern, als sich durch beißende Bemerkungen in den Ruf eines klugen Mannes zu setzen. Aus diesem Grunde spreche ich über Niemanden schlecht. Werde ich aber aufgefordert in einer Sache von Wichtigkeit mein Urtheil über Jemanden zu fällen, so thue ich es kurz; der reinen Wahrheit gemäß.“
„Du sprichst wie ein Buch, Aristipp. Bei einem so guten Glase Wein, wie dieses, hört sich gern ein gutes Wort. Du hast Recht. Wenn die Menschen ebensoviel thäten um sich das Leben angenehm zu machen, als sie thun um es sich zur Hölle zu schaffen und sich gegenseitig zu zerfleischen und zu erniedrigen, so würden sie zehntausendmal glücklicher sein. Woher aber kommt es, daß dieser Keller so wenig besucht ist? Wir sitzen hier schon eine geraume Zeit und bisjetzt kam noch Niemand.“
„Die Ursache deiner Befremdung will ich dir erklären. Sie liegt in der Persönlichkeit und in der Stellung des Besitzers unter seinen Mitbürgern. Herr Ahl ist ein äußerst rechtschaffener Mann, sehr klug aber eigen. Er besitzt Kenntnisse; ist Meister seiner Muttersprache und spricht das Französische in seltener Vollendung. Er hört sich daher gern in dieser Zunge reden. Außerdem hat er die gute Eigenschaft, daß er gerne mit gebildeten Männern umgeht, um sich selbst noch mehr auszubilden. Eine Eigenschaft, die man nicht oft bei Männern findet, die eine halbe Million im Vermögen haben. Ein anderer guter Zug dieses feinen Weinhändlers ist, daß er unglückliche Genies unterstützt, wenn sie es verdienen. Bei den Gesinnungen des Herrn Ahl ist es ihm nun durchaus nicht einerlei +wer+ seinen Keller frequentirt. Da er selbst durch sein Vermögen und seine moralischen Eigenschaften eine höchst achtbare Stellung unter seinen Mitbürgern einnimmt, so ist es natürlich, daß sein Keller nur von solchen Männern besucht wird, die ihm conveniren, und, daß unter den Stammgästen seines Kellers, die sich gewöhnlich nur des Abends einfinden, Verstand und +Kopf+ nie fehlen dürfen. Ich selbst bin während einer geraumen Zeit fast täglich hier gewesen; habe manche angenehme Stunde mit Herrn Ahl zugebracht; demselben meine literarischen Producte mitgetheilt, und viele treffende Bemerkungen von ihm entgegen genommen. Nie habe ich in diesem Keller einen Streit gehört; nie einen Betrunkenen gesehen! Man kann daher, mit Recht, denselben einem jeden Fremden empfehlen, denn man findet hier: guten Wein, eine gute Gesellschaft und einen höchst ehrenwerthen Wirth.“
„Es ist gewiß, daß der moralische Werth eines Mannes einen großen Einfluß auf seine Umgebung hat. Der gemeine, rohe, unsittliche Mann wird sich immer durch die Gegenwart eines Ehrenmannes belästigt finden, weil ein innerer Zwang ihm verbietet seine Gemeinplätze, seine Zweideutigkeiten vor einem solchen Manne laut werden zu lassen. Es ist daher sehr natürlich, daß ein gemeiner Mensch es nicht wagen wird einen Keller zu besuchen, wo ein Mann, wie du den Herrn Ahl mir schilderst, den Ton angiebt.“
„Wenn ich diesen Augenblick darüber nachdenke, lieber Hippias, wie wir hier in diesem Keller zusammen sitzen, und über jeden Gegenstand eine ernste Betrachtung uns gegenseitig mittheilen; so kann ich nicht umhin zu gestehen, daß es wohl wenige Menschen giebt, die unter unsern Keller-Gesprächen eine so tiefe Bedeutung versteckt glauben würden. Ich bin fest davon überzeugt, daß unser heutiger Cursus uns noch manche lehrreiche und unterhaltende Gegenstände vorüber führen wird, und da ich ein sehr gutes Gedächtniß habe, so werde ich mir Alles gehörig notiren, und dann weiter ausarbeiten. Die größte Schwierigkeit würde wohl für uns sein einen Verleger zu finden, da so unendlich viel in Deutschland geschrieben wird. Außerdem stehe ich mit sehr wenigen Literaten in Verbindung, die ich auffordern könnte die Verleger für mich zu bearbeiten oder mein Werk „im Voraus“ lobhudelnd anzupreisen.“
„So müssen wir wohl unser Glück selbst versuchen und dem richtigen Urtheile der Verleger vertrauen.“
„Das ist auch meine Ansicht. Ich finde, daß nichts natürlicher ist, als, daß junge angehende Schriftsteller eine große Achtung vor älteren, berühmten, literarischen Autoritäten haben müssen, aber sie müssen auch Zutrauen zu sich selbst haben. Glaube mir Hippias, wenn ich Etwas geschrieben habe; so sagt mein eigenes Gefühl es mir, ob es gut oder schlecht sei, und ich bedarf des Urtheils eines andern Literaten nicht. Bei den Buchhändlern helfen auch die Empfehlungen literarischer Notabilitäten wenig. Ich mögte auch von keinem Verleger verlegt werden, der durchaus kein eigenes Urtheil über mein Werk hätte. In frühern Zeiten war das etwas Anderes. Jetzt ist aber der Buchhändler selbst eine literarische Person und bedarf nicht eines fremden Urtheils. Wir haben hier gleich eine Buchhandlung in der Nähe, wo wir unser Glück probiren können.“
Nachdem unsere Gläser geleert waren, begaben wir uns auf die Wanderschaft. Einige Schritte von dem Keller des Herrn Ahl entfernt, sahen wir in die Mörkenstraße hinein, aus welcher uns das Aushängeschild der Königlich privilegirten Buchhandlung von Georg Blatt entgegenstrahlte. -- Wir begaben uns in diese Buchhandlung. Ein junger, wohlgewachsener, blondhaariger, sehr elegant gekleideter Mann, die Feder hinter dem Ohre, empfing uns unter vielen Bücklingen und erwiederte auf unsere Frage: „ist Herr Blatt zu Hause?“ mit lispelnder Stimme: „zu dienen, der bin ich selber. Was wäre Ihnen gefällig?“
Wir sahen uns jetzt gegenseitig verlegen an; errötheten, wie alle junge Schriftsteller, wenn sie vor dem Manne stehen, der ihnen die Unsterblichkeit zu sichern im Stande ist, und ihre, meistens leere Börsen wieder anfüllen kann.
Endlich faßte ich Muth und sagte: „Wir sind gekommen, Herr Blatt, um Sie zu fragen, ob Sie nicht Lust hätten ein kleines Werk über Altona und Hamburg in Verlag zu nehmen?“
Die heitere Miene, mit welcher Herr Blatt uns empfangen, wich einer ernstern. Einige Falten zogen sich auf seiner Stirne zusammen. Er trat einige Schritte zurück und bewegte unwillkührlich seinen rechten Arm indem er seinen Oberkörper von einer Seite zur andern balancirte. Darauf sprach er: „Muß recht sehr bedauern, meine Herren, -- ich bin nur ein junger Anfänger -- habe mit meinen ersten Verlagsartikeln vielen Schaden gelitten -- darf mich nicht vom Gelde entblößen. -- Ich würde den Herren rathen nach Hoffmann und Campe zu gehen. Die würden wohl die Einzigen seien, welche auf etwas Belletristisches sich einlassen könnten.“
„Aber, Herr Blatt, das Werk würde gewiß in Altona und Hamburg vielen Abgang finden, denn es ist sehr frei, beißend geschrieben und wimmelt von Persönlichkeiten.“ Versetzte Hippias.
„Um so weniger darf ich mich darauf einlassen. -- Ich bin ein Altonaer Bürger und darf es nicht mit meinen Mitbürgern, noch mit dem Polizeimeister verderben. Ja wäre es ein statisches Werk, ein Buch über Agricultur, Schaaf- und Viehzucht, dann allerdings, meine Herren. Aber so -- eine Satyre vielleicht? -- muß recht sehr bedauern.“
Herr Blatt lächelte. Hippias und ich lächelten auch. Wir lächelten alle drei und lächelten uns zur Thüre hinaus.
Auf der Straße sahen wir uns noch einmal unwillig nach dem Schilde der privilegirten Buchhandlung von Georg Blatt um, dann gingen wir weiter.
„Er hat seinen Vortheil nicht verstanden“ sprach ich. „Mein Name thut Alles.“
„Tröste dich mit Georges Sand, die drei Jahre umherlief ohne ihr Manuscript anbringen zu können.“
„Das ist was Anderes. Hier in Deutschland kommt es nur auf den Namen und den Rang eines Schriftstellers an. Ich bin überzeugt, daß der vorsichtige Blatt die Memoiren des Freiherrn v. Hammerstein nicht verlegt haben würde, wenn er nicht auf den Einfluß des Namens speculirt hätte.“
„Du magst Recht haben. Ein alter, ehrwürdiger, historischer Name ist immer ein gutes Panier; zu diesem kommen die Alliancen und Connaissancen eines Mannes von großer Familie.“
„Das ist es gerade, was mich ärgert, wenn gleich ich dieselben Ansprüche machen könnte! Doch was hilft es sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die wir nicht ändern können. Ein andermal mehr Glück! -- Sieh her, Hippias, da ist ein Putzladen! Ich mag nichts lieber als diese eleganten Hütchen und Häubchen besehen, unter jedem denke ich mir ein niedliches Gesicht. Im zweiten Stocke dieses Hauses wohnt ein sehr geschickter Lithograph. Wenn du einst berühmt geworden, kannst du dich von ihm lithographiren lassen. Er ist ein braver Baier und trifft vortrefflich. Seine Frau --“
„Nun, und seine Frau?“
„Ist seine Frau. Die Frauen lasse ich gerne aus meinem Vortrage weg. Sie haben mir zu viel Gutes erwiesen, um sie partheilos behandeln zu können. Ich will es lieber mit der Polizei und dem ganzen Männervolke verderben, als mit einer einzigen Frau, und am wenigsten mit meiner eigenen, wenn ich einmal eine bekommen sollte!“
Unter diesem Gespräche gelangten wir bis zu dem Keller des Herrn Kerkhoven.
„Hier müssen wir wieder einkehren,“ sprach ich. „Hier wohnt einer meiner besten Freunde und Bekannten.“
„Wahrscheinlich +noch ein braver Mann+! Ein Kraftmensch! ein Urmensch! nicht wahr? Wenn es so fortgeht, so giebt es in Altona nur lauter brave Männer und +du+ lebst, wenn nicht in der +guten+, jedoch in der +besten+ Gesellschaft!“
„Ganz gewiß, wenn man ohne +Vorurtheil+ mich beurtheilt.“
Wir stiegen in den Keller hinab, und gelangten, nachdem wir eine schmale Flur passirt hatten, in die Weinstube. Hier waren mehre Gäste versammelt. Wir wurden von ihnen mit einem Jubel-Geschrei empfangen. Ich kannte sämmtliche Herren.
„Mein Freund Hippias, meine Herren,“ sprach ich denselben präsentirend; und fuhr mich gegen Hippias wendend fort:
„Dieser Herr,“ ich zeigte auf einen ziemlich starken Mann, mit vollen, rothen Wangen, der in einem braunen Oberrocke gekleidet war; aus einer kurzen, thöneren Pfeife rauchte und einen „Bittern“ vor sich stehen hatte, „ist mein Freund Moses Samson. Ein Biedermann, zwar mosaischer Religion, aber mit einem Herzen des wahren Christen würdig. Mein Freund Moses Samson; mein Freund Hippias.“
„Dieser Herr,“ sprach ich weiter, und reichte einem Manne die Hand, welcher in einem schwarzen, weiten Frack; einer weißen Weste, einer Unaussprechlichen von hellgrüner Farbe gekleidet, in einer Ecke des Zimmers saß, die Hände auf ein Bambusrohr gestützt und gleichfalls „einen Bittern“ vor sich stehen hatte, „ist mein Freund Herrmann Bleicamb. Ein Mann der früher Alles ins Große trieb; sich jetzt in das Hôtel Petit zurückgezogen hat, wo Alles Petit ist, und jetzt ein großer Mann im Kleinen genannt werden kann; weil er nie seinen Kopf verliert, und mit dem zufrieden und heiter ist, was er hat. Herr Herrmann Bleicamb; Herr Hippias.“
„Dieser Herr,“ bemerkte ich darauf Hippias einen Mann vorstellend, dessen hohe Stirne von wenigen blonden Haaren umflattert war, dessen große blaue Augen unruhig in ihren Höhlen umherrollten, und welcher das Itzehoer Wochenblatt in der Hand hielt, „ist Herr Kannegießer. Ein Mann, dem das Wohl des Vaterlandes sehr am Herzen liegt; der sich viel um die Dithmarschen Unruhen bekümmert; gerne über die Unzweckmäßigkeit der Dänischen Zolllinie redet, und überhaupt sehr viel zu raisonniren sucht. Herr Kannegießer; Herr Hippias.“
„Dieser Herr,“ sprach ich auf einen kleinen untersetzten Mann zeigend, dessen Ausdruck ebenso unternehmend, als lebendig war; der mit einigen Goldmünzen spielend vor sich einen Durchschnitt rothen Weines stehen hatte, „ist mein Freund Keball. Herr Keball; Herr Hippias.“
„Und endlich dieser hier,“ fuhr ich fort, einem vierschrötigen Manne mit krausen, schwarzen Haaren, schwarzen Augenbrauen und gelblichem Gesichte, die Hand reichend, „ist mein Freund Timm. Ein Mann, der meine vollkommenste Achtung verdient; der mir und Anderen hundertmal aus der Noth geholfen, und der schweigen kann.“
Nachdem die üblichen Verbeugungen gemacht waren, nahmen wir Platz.
„Und nun, Herr Aristipp,“ unterbrach Herr Moses Samson, mit einer freundlichen Miene die eingetretene Pause, „wo sind Sie so lange gewesen?“
„Auf dem Lande, mein Bester.“
„Waren Sie auch im Dithmarschen?“ fragte Herr Kannegießer. „Mir däucht, es sieht dort schlimm aus. Was glauben Sie sonst von den politischen Begebenheiten? Bekommen wir Krieg oder Frieden?“
„Krieg bekommen wir wohl nicht so leicht,“ bemerkte Herr Moses Samson, seine thönerne Pfeife am Tische ausklopfend. „Krieg kostet Geld, und die großen Herren haben kein Geld.“
„Das ist Recht,“ meinte Herr Kannegießer, „das ist ein großes Impediment. Ohnehin kann jetzt nicht leicht einer von den großen Mächten Krieg anfangen, wenn die anderen nicht consentiren. Die großen Herrn haben zu viel in ihren eigenen Ländern zu thun. Außerdem fürchtet der Engländer den Franzosen, und der Franzos ist selbst nicht sicher in seinem Lande. Rußland und Preußen fürchten die vereinte Macht Frankreichs und Englands, und Oesterreich liebt die Ruhe. Was sagen Sie aber zu Mehemet Ali? Das ist ein braver und kluger Kerl. Sie sollen sehen es geht doch wieder los! Der Ibrahim ist ein tapferer Soldat!“
„Ach was soll das viele Schwatzen!“ rief Herr Keball, einen Doppellouisd’or in die Höhe werfend und wieder fangend. „Was gehen uns Türken und Paschas an, wenn wir nur genug zu leben haben? Der Kannegießer da, will immer mehr wissen, als andere Leute, studirt immer die Zeitungen, und bleibt doch nicht mehr und minder, als ein armseliger Stellmacher. Schuster bleib bei deinem Leisten!“
Durch diese Unterbrechung ließ Herr Kannegießer sich aber nicht irre machen, sondern fuhr fort:
„Haben Sie das Itzehoer Wochenblatt gelesen, Herr Aristipp? Im Dithmarschen geht es los. Sie reißen die Häuser der Polizeibedienten nieder, und prügeln die Controleure. Uebrigens ist es auch eine Ungerechtigkeit den Dithmarschen die Zollfreiheit zu nehmen: sie haben ihre Documente darüber, und mit ihrem Blute sie erobert. Glauben Sie, daß sie sich gutwillig geben werden, Herr Aristipp?“
„Ich denke ja. Sie haben weise und tüchtige Oberbeamte, die sie durch vernünftige Vorstellungen beruhigen werden. Nach meiner Meinung kann überhaupt in +einem+ Staate keine Landschaft, noch irgend eine Classe von Menschen ein Privilegium vor der andern voraus haben. Jeder Bürger eines Staates muß gleiche Rechte haben. Dieselben Gesetze, Verordnungen, dieselbe Verfassung muß in einem Staate Anwendung finden. Und wenn aus alten Zeiten her datirende Vorrechte oder Privilegia dem einen oder dem andern Herzogthume oder Fürstenthume, oder Landschaft, oder irgend einer Kaste von Menschen zugestanden waren, so +müssen+ sie dieselben aufgeben, nachdem sie mit minder bevorrechteten Ländertheilen unter einem Scepter vereint worden sind. Einheit und Gleichheit vor dem Gesetze müssen in einem Königreiche herrschen, und nur +eine allgemeine Verfassung+ kann für alle Ländertheile, aus welchem eine Monarchie besteht, +gültig+ sein.“
„Sehr gut, mein bester Herr,“ unterbrach mich Herr Samson, „warum schließt man uns von dieser Einheit und Gleichheit vor dem Gesetze aus? Warum erkennt man uns nicht das Bürgerrecht zu? Sind wir nicht eben so gut Kinder eines Staates, wie Sie? Bürger einer Stadt, wie Sie?“
„Das liegt wohl nicht so sehr an der Staats-Regierung, als in der Staats-Religion, mein guter Moses. Kein Beweis spricht deutlicher für die Göttlichkeit des +christlichen+ Glaubens und seines Stifters, als, daß das jüdische Volk, bis auf den heutigen Tag, unter alle Völker zerstreut ist.“
„Finden Sie das aber gerecht? Ist Ihr Gott nicht unser Gott? Haben Sie nicht Ihren Gott von uns? War Christus nicht ein Jude?“
„Sehr richtig; aber sie kreuzigten ihn. Ich finde übrigens, daß der Gott der Liebe und der Barmherzigkeit längst Ihrem Volke vergeben haben müßte, und glaube, daß er es hat. Ich nehme nur einen allliebenden Vater, einen vergebenden Gott an. Diese Ansicht theilen aber nicht die orthodoxen Consistorien oder Bischöfe, die mehr das Wort, als den Geist der christlichen Lehre anwenden. Die immer weiter fortschreitende Civilisation oder die wahre Aufklärung wird aber bald, wie ich es hoffe, den Unterschied der Religionen gänzlich verschwinden lassen, und in dem rechtschaffnen Israeliten nicht den Juden sondern nur den rechtlichen Bürger betrachten. Eine Frucht dieser Aufklärung sehen Sie schon an Sich selbst, lieber Samson. Wer, in diesem Keller, dächte jemals daran, daß Sie ein Jude wären, wenn Sie nicht selbst die Rede darauf brächten? Sie sehen: die Aufklärung bahnt sich überall einen Weg und kann sie nicht von Oben durchdringen, so steigt sie aus einem Keller hervor. Die Wege der Vorsehung sind sonderbar!“
„Schön, schön!“ meinte Herr Kannegießer. „Aber mit den Juden, das geht doch nicht. Die sind nur immer auf das Betrügen aus. Geben wir ihnen das Bürgerrecht, dann sind wir Christen ganz unterdurch.“
„Wer ist daran Schuld, als wir? Warum sperren wir ihnen die Wege sich als gute Bürger zu nähren? Warum schließen wir sie von allen bürgerlichen Gerechtsamen aus? Was bleibt den guten Juden anders, als durch Handel und Wandel, wie man es nennt, zu leben, zu gewinnen? Wenn die Juden betrügen, so sind wir allein Schuld daran.“
„Was sind das für Gespräche,“ rief Herr Herrmann Bleicamb aus, der bisjetzt mit Aufmerksamkeit der Unterredung gefolgt war und mit seinen kleinen listigen Augen bald Beifall, bald Unwillen den Redenden zugeblinzelt hatte; „habt Ihr die Weisheit mit Löffeln gefressen und wollt uns hier mit diesem einfältigen Geschwätze die Ohren vollbrummen? Ist das ein Keller-Gespräch? Es ist nichts Lächerlichers, als über Politik und Religion zu sprechen! Die eine bringt einen meistens ins Gefängniß und die andere ins Tollhaus. Du da, dicker, alter Säufer! Was geht dich die Religion an? Jud’ ist Jud’ und Christ ist Christ, und nun wieder vorby! Timm! Wein her! Juden und Christen sollen leben!“
Wir riefen Alle: „hoch!“
Während dieses Toastes ließen sich starke, männliche Tritte auf dem Gange vernehmen.
„Das ist der Baron!“ rief der Küper.
„Der kommt zur rechten Zeit;“ meinte Herr Keball.
„Nun wirds gar toll werden;“ sagte Herr Kannegießer.
„Wer ist der Baron?“ fragte Hippias.
„Kennen sie den nicht?“ antwortete Herrmann Bleicamb „das ist ein +Genie+.“
Die Thür des Zimmers wurde schnell aufgerissen. Ein junger Mann, dem Anscheine nach in den dreißiger Jahren von hohem Wuchse; in einem schwarzen Oberrocke gekleidet; den Hut auf dem Kopfe; eine brennende Cigarre im Munde trat in das Zimmer. Ein brauner Backenbart, welcher ~à la jeune France~ rund um das Gesicht des Neuangekommenen lief, wurde durch einen weißen Hemdkragen, der auf ein schwarzes, seidenes Tuch, welches nachlässig um den Hals geschlungen war, niederfiel, noch mehr hervorgehoben. Ein brauner Schnurrbart bedeckte die etwas aufgeworfene Oberlippe desselben; eine feine Röthe seine Wangen; aus seinen kleinen blauen Augen strahlte ein feuriger, durchdringender Blick. Eine gelbe Terrier-Bulldog-Hündin folgte ihm auf dem Fuße, den glühenden Blick ihrer treuen braunen Augen unablässig auf ihren Herrn gerichtet.
„Guten Morgen, meine Herrn!“ rief der Baron eintretend, „hier geht es wohl lustig her? ~down Gipsy!~ Timm, ein Glas Portwein! War Niemand hier, der nach mir fragte? Kein Brief für mich? Schnell den Wein her! Ich bin durstig! Nun Timm, war Niemand hier?“
„Hier ist ein Brief, Herr Baron,“ erwiederte der Befragte, „und dann war gestern das kleine Mädchen hier --“
„Welches kleine Mädchen? die im gelben Kleide mit dem grünen Schleier? Schön! schön! -- Ich habe keine Zeit mehr -- ich komme bald wieder -- entschuldigen Sie meine Herren -- Bleicamb, komm mit -- ich muss mit dir reden!“
Mit diesen Worten stürzte der Baron das Glas Portwein hinunter; ergriff Herrn Herrmann Bleicamb beim Arm, machte der Gesellschaft eine vornehme Verbeugung und eilte mit jenem fort. Die treue Bulldoghündin, wahrscheinlich einen längern Aufenthalt ihres Herrn vermuthend, hatte sich unter einen Tisch gelegt, und den plötzlichen Aufbruch nicht bemerkt. Kaum aber die Entfernung desselben bemerkend, sprang sie wie rasend auf, sprengte die Thür des Zimmers, und schoß wie eine Bombe ihm nach.
„Da stürzt er hin! Fort ist er!“ rief Herr Moses Samson.
„Fort sind sie der Herr und sein Hund“! rief Herr Kannegießer.
„Der hat wieder was im Kieker!“ rief Herr Keball.
„Irgend eine schöne Frau,“ sprach Herr Kannegießer, „dazu sind unsere Frauen und Töchter gut genug, daß ein vornehmer Herr mit ihnen carressirt und sie zuletzt verführt. Ich hasse den Adel!“
„Ist doch ein guter Kerl,“ meinte Herr Moses Samson, „das genießt das Leben, weil es noch jung ist. Haben wir es anders gemacht?“
„Ja, ja!“ erwiederte Herr Kannegießer, „aber wat to dull is, dat is to dull!“
„Nun, was ist es denn Großes, was er thut? Die Weibsleute sehen ihn gern. Er ist ein schmucker Bursche! Na, thut er denn da Unrecht, Timm?“
„Das meine ich auch so,“ entgegnete der Befragte, eine neue Cigarre anzündend, „der Baron ist ein guter Mann, er ist leutselig und freundlich gegen Jedermann. Das muß man ihm lassen.“
„Wenn alle die Vornehmen so dächten wie er, dann sähe es besser in der Welt aus;“ bemerkte Herr Samson, sein Auge zum Himmel schlagend.
„Das hilft mir Alles nichts“ sagte Herr Kannegießer. „Ich traue keinem Adeligen. Sie haben immer ihren geheimen Zweck, wenn sie mit uns gemeinen Bürgern freundlich thun. Entweder wollen sie unser Geld, unsere Weiber, oder sich einen Anhang unter uns bilden. Ich kenne das. Dem Baron traue ich am wenigsten. Er ist klug und thut nichts ohne Absicht. Er glaubt uns durch seine Freundlichkeit einzunehmen und zu täuschen, aber mich täuscht er nicht. Ich erkenne in ihm den größten Aristokraten; er will sich unserer versichern, auf den Fall, daß es losginge. Glaubt mir aber gewiß, so gut er redet und schreibt, er hält es +nicht mit dem Volke! das thut kein Altadeliger+. Uebrigens treibt er es zu arg und macht Schulden.“
„Was geht das dich an“ versetzte Herr Keball. „Sollst du vielleicht für den Baron bezahlen? Laß doch einen jeden thun, was er will, und kehre vor deiner eigenen Thüre. Wenn du ihn nicht leiden kannst, warum bist du denn freundlich gegen ihn ins Gesicht, und sprichst schlecht von ihm, wenn er den Rücken wendet?“
„Ich wollte ihm schon die Meinung sagen, wenn -- wenn -- er den verdammten Bulldog nicht immer bei sich hätte -- außerdem ist er oder seine Familie mit dem Oberpräsidenten verwandt -- dat helpt doch to nix.“
„Das ist das Wenigste -- aber Sie fürchten den Mann,“ bemerkte Herr Moses Samson. „Sie haben es in den Worten und nicht in der That. Es schmeichelt Ihnen, wenn Sie mit dem Baron über die Straße gehen, und hinterher reißen Sie ihn herunter. Ein +populärer+ Mann ist deßhalb kein +gemeiner+ Mann. Nichts für ungut, aber Sie sind nicht werth, daß ein Mann, +wie der+, mit Ihnen redet. Adieu!“ Herr Moses Samson legte zwei Schillinge auf den Tisch und entfernte sich.
Herr Kannegießer lief einige Male das Zimmer auf und nieder; rieb sich den Kopf und stürzte dann aus dem Zimmer.
Herr Keball sah ihm lachend nach, besah einige seiner Goldmünzen, drehte sie in der Hand um, und murmelte in sich hinein: „Adel, Verstand und Politiker, was sind sie Alle gegen Dieses? Das sind Moses und die Propheten.“
Darauf ging auch er. Hippias, der Küper und ich blieben alleine.
„Nun, wie findest Du diesen Keller, die Gesellschaft, und wie hat Dir diese Scene gefallen?“ fragte ich nach einer Pause.
„Nun, passabel!“
„Ich finde sie gut, wenn ich bedenke, daß die Gesellschaft nur aus Handwerkern von Profession bestand. Was sagst du aber zu dem Juden? Ich sage Dir einen bessern Kerl giebt es in der Welt nicht.“