Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit

Part 14

Chapter 143,072 wordsPublic domain

Madame Grigoir, Clairon und ich begaben uns in verschiedenen Zimmern zur Ruhe. Es war eine mondhelle Nacht; die schwarzen Cypressen vor dem Hause erschienen in gespenstischer Beleuchtung wirklich unheimlich. Ich war eben im Begriffe einzuschlafen, als die Thüre aufging und eine Gestalt in das Zimmer trat.

„Wer ist da?“ rief ich erschreckt.

Die Gestalt nahte sich meinem Lager. Ich erkannte die unglückliche Fanny! Mit fliegenden Haaren, und in ein leichtes Nachtgewand gehüllt schritt sie vorwärts. Sie sank auf mein Bett nieder und umschlang mich in wüthender Umarmung.

„Großer Gott! Fanny!“ rief ich aus. „Was thun Sie? Um Gotteswillen eilen Sie fort.“

„~Mon Cousin, -- je vous aime!~“ War das Einzige, was die Unglückliche sprechen konnte. Sie blieb einige Augenblicke an meinem Herzen liegen.

„Fanny, ~ma Cousine~,“ sagte ich, „der Schritt, den Sie thaten ist unverzeihlich. Gehen Sie! Möge der Gott der Liebe Ihnen verzeihen, was Liebe Sie wagen ließ.“

„~Dieu!~“ schrie sie auf einmal. „Meine Seele ist verloren! O, heilige Mutter Gottes, Du verläß’st mich!“

Fanny verließ mich weinend. Sie verließ mich, wie sie gekommen war, rein, unbefleckt, aber ihre moralische Unschuld war verloren. Fanny hatte gegen den heiligen Geist gesündigt. --

Die Folgen dieses nächtlichen Besuches konnte ich voraussehen. Fanny mußte denselben beichten. Ich wußte vorher, daß man mir die Schuld aufbürden würde, daß man nicht an die Unschuld Fannys mehr glauben würde. Wie ich es vorausgesehen, traf es ein. Ich reisete nach Barcelona. Verließ Fanny in Thränen gebadet und betend. In Barcelona erhielt ich einen Brief meines Verwandten, des Grafen von Planicourt, in welchem er mir die bittersten Vorwürfe machte, die Familie des braven Herrn Grigoir entehrt zu haben. Er kündigte mir seine Freundschaft auf. Umsonst schrieb ich Briefe über Briefe. Ich erhielt keine Antwort. +Der Schein war gegen mich. Während ich die größte Selbstüberwindung bewiesen, deren ein junger, kraftvoller Mann fähig ist, wurde ich des schwärzesten Verbrechens angeklagt!+ --

Was aus der unglücklichen Fanny geworden, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist sie in ein Kloster gesperrt worden, um +ein Vergehen zu büßen, das sie nie beging+!

„Ihre Geschichte hat mir eine wahre Freude gemacht,“ nahm der Fremde das Wort. „Sie haben sie gut eingekleidet. Ich bin ein Freund von solchen Geschichten. Ich liebe das. So geht es im Leben, man wird immer verkannt. Freilich! hier war es etwas zu entschuldigen, denn der Schein ist in der That gegen Sie, und nur einem Arzte würde es möglich sein, ihre Unschuld zu beweisen. Eine fatale Geschichte! Erlauben Sie mir, ein Glas Wein mit Ihnen zu trinken. Ich bin der Doctor Riem aus dem Königreiche Hannover und habe eine besondere Vorliebe für gebildete junge Leute mit angenehmen Manieren. Ich liebe das Aristokratische in denselben. Ich nehme zehntausendmal lieber meinen Hut vor einem vornehmen Mann ab, als daß ich für einen reichen Geldfilz mein Haupt entblöße.“

„Sie sind sehr gütig,“ erwiederte der Baron. „Mit Freuden werde ich die Ehre haben, Ihnen Bescheid zu thun. Haben Sie die Güte, sich etwas bei uns niederzulassen. Diese Herren, sind meine Freunde. Herr Aristipp, ein angehender Literat, Herr Hippias desgleichen, und Herr Herrmann Bleicamb, ein Freund lustiger Gesellschaften. Mein Name --“

„Ist mir schon bekannt. Ich logire auch im Könige von Preußen; hörte Sie gestern Abend kommen, und fragte den Lohnbedienten, wer die Herren wären. Ich bin ein Freund aller Literaten, aller Genies, nur bedauere ich, daß sie +so wenig+ bei uns gelten. Im Allgemeinen fehlt immer der ~nervus rerum gerendarum~, das Geld, bei den Herren. Sie verzeihen meine Offenheit, aber ich sage immer gerne die Wahrheit, und die Lüge nur, wenn ich muß. ~Mundus vult decipi.~ Sie sind mir schon länger bekannt, wenigstens aus der Literatur. Ich habe Ihre Memoiren gelesen, sie sind auch wahrhaft interessant. Ist nicht auch etwas Poesie darin! Die Scene im Postwagen mit der Madame ~Mère~ der kleinen übelgewordenen Brut klingt etwas romantisch, denn von einer Bank auf die andere unbewußt zu gelangen, setzt einen fürchterlichen Stoß in einem todtenähnlichen Schlaf voraus. Und man mögte doch wohl annehmen, daß, was immer geschah, wachend vollbracht wurde; von solchen Stößen wacht man auf!“

Der Doctor lachte heiser in sich. Man konnte es ihm anmerken, daß er wußte, daß das, was er sagte, gefallen würde. Er irrte sich auch dieses Mal nicht.

„Aber nun sagen Sie mir einmal, meine Herren, was ist Ihre Absicht?“ fuhr der Doctor fort. „Schriftstellerei ist recht gut, aber eine sichere Anstellung ist noch besser. Nehmen Sie mir diese Frage nicht übel. ~Ventre Saint Gris! je ferais tou pour un homme d’esprit, pour un gentilhommae comme il faut!~“

„Die Theilnahme eines gescheuten Mannes ist immer sehr schmeichelhaft für uns,“ bemerkte ich. „Ich glaube aber nicht, daß Sie etwas Anders für uns thun könnten, als, wenn sie uns einen Verleger verschafften.“

„So. Sie wollen also zusammen etwas herausgeben? Schön! Schön! Worüber handelt denn dieses neue Werk?“

„Es sind Lebens-Ansichten.“

„Auch über Politik darin?“

„Freilich! Welcher Mann wäre heutigen Tages im Stande, ein Buch zu schreiben, ohne das politische Capitel zu berühren?“

„Das ist wohl wahr, aber nehmen Sie sich in Acht. Die Censur ist zu strenge. Romane, Romane, mein Herr, das ist viel besser! Kein Verleger übernimmt gerne die Verantwortlichkeit der Herausgabe eines politischen Werkes. Haben Sie wohl die Predigten von Sackmann gelesen? Kennen Sie wohl Näheres über ihn? Ich wüßte einen Buchhändler, der es gerne sehen würde, wenn man ihm einige Beiträge zu der fünften Auflage dieses Werkes liefern würde.“

„Leider nicht. Wir wollen überhaupt gern etwas Eigenes produciren. Meine Freunde und ich sind jetzt drei Tage in Hamburg; wir haben Vieles gesehen und beobachtet, über manche Gegenstände geredet, und diese Tour, welche wir machten, bin ich Willens zu beschreiben und herauszugeben.“

„Der Teufel! Da muß man sich ja vorsehen! Sie könnten am Ende mich auch noch mit in Ihrem Werke anführen. Ihr seid gefährliche Leute, Ihr Literaten.“

„Das könnte wohl der Fall sein.“

„Welchen Titel wollen Sie denn Ihrem Buche geben? denn darauf kommt es viel an.“

„Aristipp in Altona und Hamburg im Jahre 1839.“

„Steht denn die Zahl 1839 in einer engen Verbindung mit dem Inhalte des gedachten Werkes?“

„Nein! außer, daß wir im Jahre 1839 hier waren. Hamburg oder etwas über Hamburg thut immer schon viel.“

Der Doctor lächelte wieder heiser.

Die Unterredung wurde dadurch unterbrochen, daß ein kleiner Knabe in das Zimmer trat, nach Herrn Herrmann Bleicamb fragte, und demselben ein Billet mit dem Bemerken, „von seiner Frau“ überreichte.

„Ich muß fort, so wahr ich Herrmann Bleicamb heiße!“ rief dieser, nachdem er das Billet gelesen. „Meine Frau ist wüthend, daß ich drei Tage ausgeblieben bin, und ist aus Aerger darüber zu früh niedergekommen. Na! da ist auch noch ein Glück dabei! Ich hätte doch nichts mehr für die Krabbe zu fressen gehabt! Empfehle mich meine Herren!“

Herr Herrmann Bleicamb rannte zur Thüre hinaus.

„Ein Rabenvater!“ bemerkte der Doctor. „Jedoch hat er nicht ganz Unrecht. Ein todtes Kind ist besser, als ein lebendes, das man nicht ernähren kann. Ich warne einen Jeden sich zu verheirathen. Hat der Priester einmal den Segen gesprochen, so tritt der Unsegen ein. Die Frau hat Rechte und weiß sie geltend zu machen.“

„Ich bin der entgegengesetzten Meinung,“ nahm der Baron das Wort. „Ich glaube, daß nur dann der Mensch zur Ruhe kommt, wenn er eine liebenswürdige, und verständige Gefährtin des Lebens gefunden.“

„Das glauben Sie jetzt -- Sie werden später anders sprechen. Ich bin froh, daß ich mir ein Paar vom Halse geschafft habe, die mir noch jetzt Geld genug kosten. So leicht lasse ich mich nicht wieder fangen! Wozu soll es auch? Ist denn die Ehe etwas anderes, als die privilegirte Erlaubniß, mit einer Frau sich den irdischen Genüssen hingeben zu dürfen? Wozu soll der Priester dazu seinen Segen hergeben? Ich lobe mir ein Serail! Die Monotonie der Ehe langweilt. Ueberdieß trifft man unter 10000 Frauen, gewiß 1000 Untreue an, während man unter 100000 Maitressen oder Geliebten kaum 1000 Untreue antreffen wird.“

„Kann sein. Ich aber bin der Meinung, daß, wenn die Frau untreu wird, dieses lediglich die Schuld des Mannes ist, und ebenso umgekehrt. Ein zartes, inniges, glückliches Verhältniß kann ich mir nur unter ~zwei christlichen~ Eheleuten denken. Ich verabscheue den Gedanken an Vielweiberei. Es würde mir nicht möglich sein, meine Liebe unter mehrere Frauen zu theilen; wenn ich es könnte, würde ich mich selbst verachten.“

„Sie nehmen die Sache sehr ernst,“ meinte der Doctor.

„Alles, was Ordnung, die Gesetze und das Heilige, wie das Religiöse anbetrifft, nehme ich immer ernst.“

„~Chacun a son gout!~ Verbrennen Sie sich nur erst einmal die Finger, und sie werden wohl einige andere Ansichten über die Ehe bekommen. Der Engel, den Sie in der Geliebten anbeten, wird zu einer rasenden, schnaubenden Megäre. Ihre Freiheit ist verloren. Das Auge der Eifersucht bewacht Sie schärfer, als alle Bediente der heimlichen Polizei. Sie werden unschuldig verdammt. Keine Entschuldigungen werden angenommen, Vernunftgründe und Beweise gelten nichts. Das Weib in seiner Eifersucht verliert den Verstand und tritt mit geschwungenem Stahl vor das Bette ihres Mannes, wenn der geringste Schein einer erträumten Schuld auf ihm haftet.“

„Sie müssen traurige Erfahrungen gemacht haben. In der Ehe ist es aber auch Pflicht selbst den Schein zu meiden, und können wir es den Frauen verdenken, wenn sie, nur dem Einzigen angehörend, nur für ihn lebend, athmend, betend, auch von ihm verlangen, daß er ihr nur angehöre, nur sie liebe, nur ihr treu sei?“

„Mit diesen Ansichten kommen Sie nicht durch. Ich gratulire zum Pantoffel im Voraus.“

„Meinetwegen!“ versetzte der Baron lachend. „Ich fürchte ihn nicht. Ich habe bisjetzt nur das Glück gehabt lauter edle und vortreffliche Frauenzimmer gekannt zu haben, und die ich mir erwähle, wird hiervon keine Ausnahme machen.“

„Du bist mir noch eine Antwort schuldig,“ sprach ich. „Wie steht Fräulein Adeline in Verbindung mit Deiner Avantüre in der Provence?“

„Wie ich sie so stille, so traurig sitzen sahe, dachte ich an die Unglückliche, die auch durch Liebe unglücklich geworden. Außerdem erinnerten mich ihr schönes, braunes Auge, ihre schwarzen Augenbrauen an Fanny. Mögte der, den Adeline liebt, sie beglücken, wie sie es zu verdienen scheint!“ --

„Ist Herr Hippias, welcher vor drei Tagen bei Madame Grünbein in Ottensen angekommen, hier?“ fragte die ziemlich rauhe Stimme eines Hamburger Polizeibeamten.

„Der bin ich. Was soll es?“

„Hier ist ein Brief an Sie. In der Vorstadt St. Pauli hat sich diese Nacht ein Freuden-Mädchen erhängt. Die Polizei fand diesen Brief unter Ihrer Adresse bei ihr. Die Direction ersucht den Herrn Hippias ihr Auskunft über diesen Vorfall zu geben.“

Der Polizeibeamte ging.

Hippias erbleichte. Er ergriff den Brief, erbrach das Siegel, und las mit zitternder Stimme:

„Du hast mir Ehre, Unschuld, Alles geraubt! Durch Dich kam ich in dieses verfluchte Haus! Jahrelang habe ich die Stimme des Gewissens betäubt! Jahrelang habe ich die Neigung zu Dir bekämpft! Ich war ein öffentliches Mädchen geworden, aber kein gemeines. Ich empfand nichts bei den Umarmungen der Männer, denen ich mich hingeben mußte. Dich! Dich! nur liebte ich. Ich hatte nur einen Wunsch, Dich wiederzusehen; durch Dich aus der Höhle des Grauens befreit zu werden! Ich sah Dich wieder -- schöner, als je. Alle Erinnerungen meiner glücklichen Zeit, der paradiesischen Zeit, die ich mit Dir verlebte, stiegen wieder in mir auf. Ich war Deiner nicht mehr werth, das wußte ich wohl. Ich hatte Dich angefleht nur einmal am andern Tage vor meinem Hause vorüberzugehen! Ich traute Deinen Worten, daß Du kommen würdest, mich zu erlösen! Zwei Tage sind vorüber, ich sah Dich nicht! Ich stürzte nach Deinem Gasthause. Man sagte mir, Du seist in drei Nächten nicht zu Hause gewesen. Man glaubte, Du seist abgereiset. Ich bat um die Erlaubniß, das Zimmer zu sehen, welches Du bewohnt hättest. Man warf mich zur Thüre hinaus. Hippias! Einzig, ewig Geliebter meines Herzens! Scheußlicher, grausamer Mann! Ich sterbe! Ich ende ein Leben, das Du mir zur Hölle schufst! Von andern Menschen verachtet zu werden, das konnte ich ertragen! Von Dir so herzlos behandelt zu werden, bricht mir das Herz! O, die einzige kleine Bitte, nur einmal an meinem Hause vorüberzugehen, die hättest Du wohl mir erfüllen können! Wenn Du diesen Brief erhältst, ist es zu spät. Ich bin todt. Möge Gott Dir verzeihen! Mir wird er und die Welt vergeben! Was ist an dem Ende eines öffentlichen Mädchens gelegen!“

+Lieschen.+

„Bei Gott, das ist romantisch!“ rief der Doctor. „Das Mädchen hat die Räuber gelesen und ist von der Großmannssucht ergriffen worden! Das Ding da ist interessant! Das müssen Sie bearbeiten, Herr Aristipp. Das ist etwas für die Leihbibliotheken! Die Erhängte auf St. Pauli! Köstlicher Titel!“

Hippias blieb in stummer Verzweiflung sitzen. Eine Thräne rollte über seine männlichen Wangen. Endlich sprach er:

„Es ist abscheulich von mir, daß ich den Wunsch des armen Lieschen nicht erfüllt habe. Ich vergaß sie, trotz meiner Vorsätze, durch die Zerstreuungen, denen wir uns hingaben. +Man sieht daraus, daß es nicht darauf ankommt, den Vorsatz zu fassen, eine alte Schuld wieder gutzumachen; sondern, daß man ihn auch ausführen muß. Man sieht daraus, daß selbst ein guter Mensch, allein durch seinen Leichtsinn Schuld an dem grenzenlosen Elende Anderer werden kann!+ Die Freude, mit Euch den heutigen Tag zubringen zu können, ist mir, wie Ihr es denken könnt, durch dieses traurige Ereigniß verdorben! Ich werde sogleich auf die Polizei gehen und den Vorfall anzeigen, und alsdann abreisen. Bleibt hier, meine Freunde! Ich habe es nöthig, mich etwas zu erholen, mich zu sammeln, alleine zu sein. Adieu! Wir sehen uns wieder!“

Hippias drückte einem Jeden von uns schweigend die Hand. Dann ging er.

„Jede Handlung in diesem Leben, sei es eine gute, sei es eine schlechte, trägt ihre Folgen in sich,“ bemerkte der Baron. „Sie würden es unserm Freunde nicht verargen, Herr Doctor, wenn er diesen Fall sich zu Herzen nimmt und Sie den Zusammenhang in dieser traurigen Begebenheit kennten.“

„Da sei Gott für! Ich achte die Gefühle eines jeden Menschen. Ich selbst könnte über den Tod eines Kanarien-Vogels weinen, wenn er mir lieb wäre. Dem sei nun, wie ihm sei! Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, und hoffe, Ihnen nützlich werden zu können. Was haben Sie für Plane für die Zukunft?“

„Gar keine.“

„Dann reisen Sie mit mir in das Hannoversche, wenn Sie sonst nichts an Hamburg fesselt.“

„Durchaus nichts. Was soll ich aber dort?“

„Leben, arbeiten, schreiben und nützen.“

„Glauben Sie, daß ich +dort+ es vermögte?“

„Gewiß! Schlagen Sie ein! Mein Wagen ist gepackt. Wir werden sogleich reisen.“

„Eine Stimme aus meinem Vaterlande ruft mich, Aristipp! Wer wäre der Mann, der dieser Euphonie widerstehen könnte!“

„Folge diesem unwillkührlichen und richtigen Gefühle. Holstein ist nur Deine Stiefmutter. +Die ersten Ansprüche an unsere Kräfte, an unsere Thätigkeit, auf unsern Kopf und Arm hat stets das Vaterland!+“

„Brav gesprochen!“ rief der Doctor. „Verlieren Sie diese Ansicht nie aus Ihren Gedanken, junger Mann. Schreiben Sie nach diesen Grundsätzen, wenn anders Sie nicht in einer bürgerlichen Stellung oder in Staatsdiensten Ihrem Vaterlande nützlicher sein können oder wollen. +Hüten Sie sich aber wohl mit diesem Gefühle für das Vaterland vor der lächerlichen Sucht, die innere Ordnung in demselben, die Staatsmaschine durch Neuerungen oder Reformen, wie man es nennt, verbessern zu wollen. Die Staatsmaschine mag in Bewegung gesetzt werden oder in den Händen von wem es wolle sein -- darauf kommt es nicht so sehr an, als darauf, daß jeder einzelne Staatsbürger nur einen Zweck vor Augen habe, nämlich: das Bestreben durch Sittlichkeit, Mäßigkeit und Ordnung in seinem eignen Lebenswandel, durch Gehorsam gegen die Gesetze sich selbst zu einem würdigen Mitgliede der ungeheuren Kette auszubilden, welche von dem Ersten des Landes bis zu dem Letzten Alle zu einem thätigen, patriotischen Ganzen verknüpfen sollte. Die erste Pflicht des Patrioten ist ein gewissenhafter, moralischer Lebenswandel, eine richtige Erkenntniß seiner Position, seiner Pflichten gegen die Menschheit und das Vaterland, und hauptsächlich das stätige Bestreben, als edler Mann zu handeln, und nie ohne Ueberlegung zu Werke zu gehen.+

Und nun, leben Sie wohl! Sie hatten früher in mir wohl nur den Mephistopheles erkannt. Die Erbärmlichkeit der meisten Menschen verleiht uns nach langjähriger Erfahrung eine gewisse Bitterkeit, eine spöttelnde Ironie, ein unnatürliches Wohlgefallen, den Menschen schlecht und erbärmlich handeln und schildern zu sehen und zu hören. Die innere Ansicht jedoch, die innere Stimme erwacht, sobald die geringste Anregung von außen sie weckt. Das größte Glück, welches einem Menschen werden kann, ist der +Umgang mit braven, edlen, rechtschaffnen Männern+. Merken Sie sich das.“

Ich begleitete den Baron und den Doctor bis an den Wagen. Sie stiegen ein. Der Wagen rollte fort. Gipsy flog bellend voran! -- --

Ich war allein; ich ging nach Ottensen zurück. Ich nahte mich dem Monumente, welches die Nachwelt dem unsterblichen Dichter der Messiade setzte. Unwillkührlich fielen mir die Worte ein, welche ich an Hippias gerichtet, als wir vor drei Tagen unsere lustige Fahrt durch Altona, St. Pauli und Hamburg begannen: „Klopstocks Grab wollen wir besuchen, wenn wir zurück kommen und ernster gestimmt sind.“ Ich war ernster gestimmt. Drei Tage waren seit jenem Augenblicke verflossen. Ich hatte in diesen drei Tagen viel gesehen, viel angehört und beobachtet. Ich hatte einsehen lernen, daß das Leben mit allen seinen bunten Zerstreuungen keinen reinen Genuß, keine vollkommene Befriedigung, gewähre; daß der Schein im Leben alles bedinge, und, daß der Leichtsinn, einer der größten Fehler der Menschen, zum wirklichen Verbrechen werden könne. Ich hatte eingesehen, daß der unmäßige Genuß starker Getränke zum Wahnsinn führe; daß die Befriedigungen seiner Leidenschaften den Menschen zum Mörder machen könne; daß Menschen, ausgestattet mit dem brillantesten Verstande und den glänzendsten Eigenschaften, unsäglich elend und unglücklich sich fühlten, wenn sie von der Bahn der Sittlichkeit und Tugend abgewichen waren. Ich hatte einsehen gelernt, daß nur Solidität und Grundsätze den Menschen achtbar machen, und, daß es Pflicht sei, selbst den Schein eines lasterhaften oder zügellosen Lebens zu meiden, weil es nicht möglich ist, in das Innere des Menschen zu blicken, und der Mensch nur nach seinem äußern Leben und Treiben beurtheilt werden kann. Ich hatte einsehen gelernt, daß nur die Religion allein der leidenden, blutenden Seele den wahren Trost zu spenden vermöge, daß die Verspötter der heiligsten Gefühle selbst in meinen Augen, in meiner Achtung verlören und, daß nur moralische Reinheit und Kraft dem Manne den reellen Werth zu verleihen im Stande wären.

+Eine unrichtige Ansicht des Lebens gegen eine richtigere vertauschen, sobald man die feste Ueberzeugung gewonnen, daß sie die richtige sei, ist der Beweis einer richtigen Urtheilskraft; eine falsche Ansicht gegen überführende Beweise und Vernunftbelege aus Starrsinn beibehalten wollen, ist das Zeichen einer kindischen Einfalt.+ --

+Ich entsagte meinen frühern falschen Lebensansichten und entwarf mir einen neuen bessern Plan meines geistigen Wirkens und Strebens. Ich warf das Narrengewand eines brillanten~ aimable roué~ ab und beschloß ein solider, thätiger Mann und ein nützlicher und ruhiger Bürger des Staates zu werden.+