Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit
Part 13
„Das kann mir einerlei sein. Jeder Mann, er gehöre zu welcher Partei er wolle; er sei Aristokrat, Republikaner, Carlist oder Christinos, Anhänger des Absolutismus oder der Constitution, ist in meinen Augen achtungswerth, wenn er consequent in seinen Handlungen bleibt, +wenn er sein ganzes Leben einer Ansicht widmet, und seine Grundsätze durchzuführen versteht ohne zu niedrigen Mitteln seine Zuflucht zu nehmen+.“
„Ihre Ansicht ist die meine,“ versetzte der Baron. „Die meisten +politischen Ansichten werden durch Geburt, Erziehung, durch die Umgebung gebildet; meistentheils durch den persönlichen Vortheil bedingt+. Ein edler Republikaner ist in meinen Augen ebenso achtungswerth, als ein guter, edler Royalist. Mir ist nur der +Egoist verächtlich und der Intolerante+. Es ist lächerlich die guten Seiten eines Mannes nicht anerkennen zu wollen, +weil seine politischen Farben von den unsrigen abweichen+. Ich liebe Berryer, nicht minder Odilon-Barrot.“
„Und nun genug Politik, meine Herren!“ rief Herrmann Bleicamb. „Wie Hippias mir sagte, ist es heute der letzte Tag, den wir zusammenbleiben. Darum lustig! Wir wollen uns amüsiren! Der alte Cafée taugt nichts! Wenn man den Abend vorher viel gegessen und getrunken hat muß man was Warmes genießen. Laßt uns zu Unbescheiden auf dem breiten Giebel gehen. Da giebt es was um den Magen zu kuranzen! Austern, frische Häringe, Caviar und alle Sorten Fleisch. Seid Ihr es zufrieden?“
„Warum nicht!“ antworteten wir Alle und erhoben uns.
Wir gingen über den Jungfernstieg. Es war schon sehr lebendig dort. Unter der Menschenmenge begegnete uns die liebliche Gestalt Fräulein Adelinens. Wir grüßten sie.
Die Physiognomie des Barons wurde finster. Wir befanden uns einige Augenblicke darauf im Keller des Herrn Unbescheiden. Wir setzten uns nieder. Jeder forderte, was ihm angenehm war.
Außer uns, jedoch an einem Tische für sich, saß ein großer langer Mann, dessen Ausdruck geistreich, wenngleich maliciös war. Sein Auge war durchbohrend. Seine Nase etwas größer, als die gewöhnlichen. In seinem Gesichte zeigten sich deutlich die Spuren eines leidenschaftlichen Lebenslaufes. Er war elegant gekleidet und schien ein Fremder zu sein. Er las im Telegraphen und hatte eine Bouteille Madeira vor sich stehen. Als wir in das Zimmer traten, musterte er uns mit einem prüfenden Blicke, wandte ihn aber schnell von uns und nahm eine vornehme und unzufriedene Miene an. Man konnte nicht anders, als ihn für einen Aristokraten halten, oder für einen, der aristokratische Manieren liebt. Weil er sich nicht um uns bekümmerte, nahmen auch wir keine Notiz von ihm, nur Gipsy alleine heftete ihre funkelnden Augen auf ihn, gleichsam, als wollte sie in seinen Bewegungen, in seinen Gesichtszügen lesen, ob auch etwas Gefahrbringendes für ihren Herrn in der Gegenwart dieses Fremden liegen könne. Nach einigen Minuten sprang sie auf, ging auf den Fremden zu und leckte ihm die Hand, welche jener nachlässig auf das Knie gestützt hielt. Dann kehrte sie zu ihrem Herrn zurück.
Wir ließen uns die Delicatessen des Herrn Unbescheiden vortrefflich schmecken, mit Ausnahme des Barons, der zerstreut schien.
„Du hast es mir versprochen,“ begann ich, „mir dasjenige mitzutheilen, was Dich beim Erblicken Fräulein Adelinens so heftig erschütterte, und wie ich bemerke, auch heute wieder ergriffen hat.“
„Es sei darum, wenngleich die Erinnerung an diese Begebenheit eine sehr traurige für mich ist:
An der Küste des mittelländischen Meeres liegt im südlichen Frankreiche, im ~Departement du Var~, eine alte Ruinenstadt, Namens Taurentum, wie man sagt von den Römern erbaut. Nur einzelne Mauern, nur einzelne Höhlen oder ~souterrains~ bezeichnen den Platz, wo sie stand, und die Wogen des Mittelmeers, welche diese Ruinen bespühlen, sind wohl die einzigen verschwiegenen Zeugen ihrer vormaligen Größe. Wenn der alterthumforschende Fremde diese Ruinen verlassen, so begiebt er sich nach dem naheliegenden Kirchhofe St. Cyr, um von dort auf die Landstraße zu gelangen, welche nach Toulon oder nach La-Ciotat, einem kleinen Seehafen führt; schlägt er aber den Weg ein, welcher von St. Cyr gerade ausläuft, so nimmt er seine Richtung durch die Besitzungen des Grafen von Planicourt, und erreicht, nach dem Verlaufe von zehn Minuten, das Landhaus, die Villa, oder die Bastide dieses wohlhabenden Provençalen. Vor diesem Hause steht eine Gruppe wilder Cypressen, es ist Alles ruhig und stille rings umher; das Haus scheint von Niemandem bewohnt zu sein. Hier ist der Wohnsitz des Herrn Grigoir, ~Cousin~ und ~homme d’affaires~ des Grafen von Planicourt. Ich muß Euch mit dem Charakter dieses Mannes und mit seiner Familie bekannt machen, bevor ich die Erzählung beginne.
Monsieur Grigoir war ein Mann von 69 Jahren, groß und schlank gebaut. Er hatte früher in der Königlichen Marine gedient, war ein eingefleischter Carlist, und hatte sich ungefähr 40 Jahre, vor dem Zeitpuncte, den ich erwähnen werde, in die Dienste des Grafen von Planicourt begeben, um sich eine ruhige Retraite zu sichern. Sei es Ueberdruß am Leben, sei es durch Widerwärtigkeiten im Leben bewirkt, kurz Herr Grigoir war ein Menschenfeind geworden, und, das größte Unglück, was einem Menschen begegnen kann, er hatte das Vertrauen zu seinen Mitmenschen verloren. Nur drei Gegenstände hatten noch Interesse für ihn: die Familie des Grafen Planicourt, die ältere Linie der Bourbons, und die strengste Beobachtung des katholischen Ritus. Die beiden Priester des naheliegenden Kirchdorfes St. Cyr waren die einzigen Fremden, welche sein Haus betraten; die Messe von St. Cyr, der einzige Ort den er besuchte, und wo er während der Zeit des Gottesdienstes beständig auf den Knieen lag. In der Woche that er nichts anders, als auf einem Stuhle vor dem Kamine seines Salons sitzen und zuweilen ein altes Französisches Werk, das die Thaten der Französischen Marine schilderte, zu durchblättern. Obgleich hoch in Jahren, war er noch kräftig und gesund, selbst seine Zähne hatte er sich erhalten, seine Gesichtsfarbe war röthlich, gesund; sein Anzug bestand aus einer groben, gelblichen Jacke von schlechtem Tuche; Pantalons und Weste waren von derselben Farbe, von demselben Stoffe. Nur zweimal im Jahre wechselte er sein Zeug; Anfang Winters und Anfang Sommers, wo dann ein blauer Ueberrock die Stelle der gelben Jacke einnahm. Er trug stets eine weiße Halsbinde, Schuhe und weiße Strümpfe. Auf dem Kopfe hatte er beständig einen weißen sogenannten Pflanzerhut, mit ungeheuer breitem Rande, den er auch im Zimmer niemals abnahm; unter diesem trug er auch eine seidene Mütze, die unter dem Hute hervorsah, und auf der röthlichen Nase ein Paar silberne Brillen. Der Ausdruck seines Gesichtes war nicht zu dechiffriren; sein Blick, soviel man durch die Brille bemerken konnte, war unstät und falsch. Um seinen Mund bemerkte man häufig ein freundliches Lächeln. Seine Haltung war ruhig. Dieses war der Mann, welcher das Glück hatte, der Ehegemahl der Madame Josephine Grigoir zu sein, einer kleinen, verwachsenen, aber klugen und lebhaften Frau, die wie er schon hoch bei Jahren war, und sich durch drei Eigenschaften auszeichnete: sie war bigott, geizig und von einer so unglaublichen Heftigkeit, daß sie häufig Nervenanfällen ausgesetzt war, deren Entstehen sie den Vapeurs zuschrieb. Sie theilte mit ihrem Manne den Haß und das Mißtrauen gegen alle Menschen. Aus der Umarmung dieses merkwürdigen Ehepaares war ein ebenso merkwürdiges Geschöpf hervorgegangen: Mademoiselle Fanny Grigoir. Es ist mir unmöglich eine deutliche Beschreibung oder Charakteristick dieses, in seiner Art, so einzigen Frauenzimmers zu entwerfen. Sie hatte braune, glühende Augen, schwarze Augenbrauen, einen ziemlich großen Mund, aber zwei Reihen der schönsten Zähne. Ihr Busen war voll, üppig und von blendender Weiße; sie war klein, aber stark. Ihr Gang, ihr Wesen war ungraciös. Jeder einzelne Zug ihres Gesichtes war schön, das Ganze häßlich, und doch konnte sie Augenblicke haben, in welchen ein gewisser Heiligenschein ihr einen eigenthümlichen Reiz verlieh. In solchen Augenblicken war Mademoiselle Fanny schön. Sie hatte von ihrer Mutter den heftigen Charakter geerbt. War sie verletzt, so war sie eine Furie; betete sie sitzend das Pater-Noster, so war sie eine Madonna. Die geistigen Fähigkeiten der Mademoiselle Grigoir wage ich nicht zu beurtheilen. Sie hatte Verstand, Scharfsinn, aber zu gewissen Zeiten erschien sie wie blödsinnig. Ihre Manieren waren die eines Kindes; als solches wurde das 30jährige Mädchen von ihren Eltern behandelt. Ihre Sprache war unvollkommen. Sie redete von sich stets in der dritten Person. Aus diesem Grunde nannte man sie in der Umgegend ~la Créole~. Sie war, wie ihre Eltern, bigott, das heißt, sie beobachtete den Ritus der katholischen Religion, ohne die Religion zu verstehen. Mutter und Tochter communicirten jeden Sonntag; jeden Sonnabend beichteten sie ihrem ~pére spirituel~. Fanny Grigoir war Mitglied der ~Congrégation du sacré coeur de Jésus et de Marie~. Jeder Procession wohnte sie bei im weißen Kleide, mit weißem, fliegendem Schleier. War irgend ein Wesen würdig, dem Bilde der Hochgebenedeieten zu folgen, so war es Mademoiselle Grigoir, ~la Créole~, denn sie war unschuldig wie ein Engel; sie hatte keinen Begriff eines sündigen Gedankens. Mademoiselle Fanny kannte nicht den Unterschied beider Geschlechter.“
Der Fremde, welcher, wie es schien, der Erzählung zugehört hatte, stieß ein leises, heiseres Gelächter aus; blickte den Baron scharf an, und fuhr fort im Telegraphen zu lesen.
„Diese drei Personen waren es,“ setzte der Baron seine Erzählung fort, „welche das Landhaus des Grafen Planicourt bewohnten. Außer ihnen befand sich in dem weitläuftigen Gebäude nur Mlle Clairon, das Hausmädchen, und ein großer, gelber Kater, der Liebling des Herrn Grigoir. Ihr wißt, daß ich den Krieg in Afrika mitmachte. Ihr wißt, wie elend ich dort wurde. Der Graf von Planicourt war ein Verwandter von mir. Um meine Gesundheit herzustellen, bot er mir sein Landhaus in der Provence zu meinem Aufenthalte in jenem Clima an, welches meinem Zustande angemessen sein sollte. Herr Grigoir hatte Befehl erhalten, mich bei sich aufzunehmen. Ich wurde dorthin gebracht. Die sorgfältige Pflege, welche ich in jenem Hause, durch Herrn und Madame Grigoir erhielt und meine Jugend überwanden für diesesmal die fürchterliche Krankheit, an welcher ich litt. Im Verlauf von einem Jahre, war ich rüstiger, stärker, sah ich wohler aus, als ich je ausgesehen hatte. Es wird Euch sehr natürlich erscheinen, wenn ich Euch sage, daß ich nach meiner vollständigen Wiederherstellung mein Möglichstes that, um den braven Leuten, welchen ich durch ihre Sorgfalt mein Leben verdankte, durch allerhand Aufmerksamkeiten, meine Dankbarkeit zu beweisen. Ich spielte mit den Alten des Abends Domino und begleitete sie am Sonntage in die Messe, woselbst ich ihretwegen, wenn das Glöcklein erschallte, mit ihnen zugleich, auf meine Kniee niedersank. Ich warf mir dieses nicht als ein Verbrechen vor. Man kann überhaupt ebensogut knieend, als stehend, oder sitzend beten. Da Monsieur Grigoir ein weitläuftiger Verwandter des Grafen war, so nannte ich ihn ~mon Cousin~; seine Frau und seine Tochter ~ma Cousine~ und wurde von ihnen Allen wiederum ~mon Cousin~ genannt. Ich übersah die Eigenheiten der alten, würdigen Leute, schickte mich in ihre Launen, und bemühte mich das zu thun, was ich ihnen nur, wie man es sagt, an den Augen absehen konnte. Auf diese Weise bildete sich ein wirklich freundschaftliches Verhältniß unter uns. Es war sehr natürlich, daß meine Artigkeiten sich bis zu Mlle Fanny erstreckten, welche bei meiner Ankunft so scheu war, daß man sie nicht bewegen konnte in das Zimmer zu kommen wo ich war. Nach und nach gewöhnte sie sich aber an meinen Anblick, und versuchte es erst den lutherischen Ketzer von der Seite anzublicken; später schlug sie ihr wirklich schönes Auge zu mir auf, wagte es mit mir zu reden und endlich schien sie mit einer gewissen Herzlichkeit an ~mon Cousin~ zu hängen. Dieses sonderbare Wesen hatte für mich einen eigenthümlichen Reiz. Ich hatte nicht die geringste Idee ihr Liebe einflößen zu wollen, aber es machte mir Vergnügen zu betrachten, wie nach und nach ihre geistigen Fähigkeiten durch den Umgang mit mir sich entwickelten. Ich hatte außerdem noch einen andern Zweck vor Augen. Ich wollte nämlich versuchen, ob es mir gelingen könnte, die furchtbare Heftigkeit, welche sie sich sogar gegen ihre Eltern erlaubte, durch den Einfluß, welchen ich auf sie erhalten, zu mildern. Ich sprach häufig mit ihr über Religion und suchte es ihr verständlich zu machen, daß die erste Pflicht einer Christin Demuth und Gehorsam gegen ihre Eltern sei, worauf sie zuletzt antwortete:
„Wenn ~mon Cousin~ das meint, so glaubt Fanny das auch und Fanny wird es thun.“
Sie wurde wirklich folgsamer und gehorsamer. Sie lauschte jedem meiner Worte, und war stets bereit auch den kleinsten meiner Wünsche zu erfüllen. Den Erfolg meiner guten Absicht bemerkend, suchte ich sie zu belohnen. Ich wurde immer freundlicher gegen sie, ich begleitete sie, wenn sie zur Messe oder zur Vesper ging, oder brachte, wenn ich alleine ausgegangen war, ihr eine Blume, einige Bonbons oder sonst eine unbedeutende Kleinigkeit mit. Fanny veränderte sich ganz. Ihr Gesicht bekam Ausdruck, sie wurde sorgfältiger in ihrem Anzuge. Fanny fing an zu empfinden, daß sie eine Jungfrau sei. Sie erhielt einen undeutlichen Begriff ihrer weiblichen Bestimmung. Ich war der erste Mensch gewesen, der sie nicht als Kind behandelt hatte. Die Liebe bemeisterte sich, ihrer selbst unbewußt, ihres Herzens. Die Unglückliche! Was von meiner Seite nur Theilnahme, Freundschaft war, senkte in ihr Herz die Flamme der furchtbarsten Leidenschaft. Fanny liebte! Fanny Grigoir ~la Créole~ liebte mit der rasendsten Gewalt eines unentweihten Herzens, mit der ganzen Gluth einer Provençale! Fanny wurde sanft, denn ~mon Cousin~ wünschte es. Fanny wurde arbeitsam, denn ~mon Cousin~ liebte das. Fanny bat ihre Eltern um Vergebung, wenn sie sie beleidigt hatte, denn sie wußte es, daß sie dadurch ~mon Cousin~ gefiel; Fanny wurde ordentlich, reinlich, denn sie liebte ~mon Cousin~. Fanny lernte einige Wörter, wie Vater, Mutter, Schwester, Vetter, Geliebte, Geliebter, Braut und Bräutigam auf Deutsch sagen, denn ~mon Cousin~ war ja ein Deutscher. Wie viel leichter wurden der armen Creolin die harten Laute der Deutschen Sprache hervorzubringen, als Französisch zu sprechen! Sie hatte ja die Töne dieser Sprache aus dem Munde von ~mon Cousin~ gehört! ~Mon Cousin~ war der Erste gewesen, der herzlich mit Fanny gesprochen hatte, dessen Worte zu Fannys Herzen gedrungen waren. Wie schön, wie herrlich klangen diese Töne dem Ohre der liebenden Fanny! Wie schön, wie weich war nicht die Sprache ihres Geliebten, wenn er in einer fremden Sprache sich ausdrückte, wie himmlisch mußte nicht die Sprache sein, die die eigenthümliche, angeborne Von ~mon Cousin~ war! O, nur Eins ängstigte Fanny! ~Mon Cousin~ war ein Ketzer, verdammt, seine Seele auf ewig verloren, wie der ~curé de village~ ihr es sagte. Was hätte Fanny nicht darum gegeben, wenn ~mon Cousin~ kein Ketzer gewesen wäre! Aber ~mon Cousin~ war so gut, er war so freundlich gegen Fanny, er kniete in der Kirche und ging mit Fanny zur Vesper. Fanny vergaß, daß ~mon Cousin~ ein Ketzer sei, Fanny vergaß Alles; sie hatte nur eine Empfindung mehr, und diese war ~mon Cousin~...........
Fanny hatte im Vorzimmer gesessen, als ~mon Cousin~ mit ihrer Mutter über Fanny sprach. Fanny hatte gehört, daß ~mon Cousin~ gesagt hatte: „Freuen Sie sich nicht, Madame, daß unsere Fanny jetzt soviel liebenswürdiger wird? Fanny ist ein hübsches Mädchen, sie hat herrliche Augen, wundervolle Zähne und eine prachtvolle Brust. Ich bin ihr herzlich gut.“
Fanny hatte dieses gehört. Fanny sah sich zum ersten Male im Spiegel. Sie betrachtete sich. Sie entblößte ihren Busen, weil ~mon Cousin~ ihn prachtvoll genannt hatte. Sie trat in das Zimmer mit verschämtem Blicke. Fanny hatte empfunden, daß sie Reize besäße. Das Tuch, welches ihren Hals bedeckte war verschoben. Sie blickte~ mon Cousin~ unverwandt an, und lachte, mehr als gewöhnlich, um ihre Zähne zu zeigen, denn ~mon Cousin~ hatte sie herrlich und schön gefunden. Fannys Busen hob sich schneller als sonst, denn sie wußte, ~mon Cousin~ würde ihn beachten. ~Mon Cousin~ erhob sich um Schlafen zu gehen. Er drückte Fanny die Hand. Wie durchzuckte dieser Druck das ganze Sein der armen Creolin!
Als ~mon Cousin~ fortgegangen war, machte ihre Mutter der armen Fanny Vorwürfe, daß ihr Tuch sich verschoben habe, und daß Fanny durch die zur Schautragung ihrer Reize vielleicht ~mon Cousin~ gegeben habe, sündigen, fleischlichen Gedanken nachzuhängen.
Fanny weinte. Sie beichtete ihr Vergehen dem Priester, erhielt eine scharfe Ermahnung zur Sittlichkeit und zur Ertödtung der thierischen Begierden in ihr, und die strenge Weisung: durch Bloßstellung ihrer körperlichen Reize nicht die Begierden der Männer zu erregen, und sinnliche Lüste zum Genusse ihres Körpers zu erwecken.
Fanny ahnete jetzt zum ersten Male, daß es Begierden gäbe, daß ein ihr unbekannter Genuß existire, den sie selbst zu gewähren fähig sei. Sie machte sich bittere Vorwürfe, daß sie ~mon Cousin~ Anlaß zu sündigen Gedanken gegeben, und verhüllte ihre Brust mit doppelten Tüchern, aber sie freute sich innerlich, daß ~mon Cousin~ sie schön gefunden hatte. Fanny sagte am andern Morgen:
„~Mon Cousin~, ich muß Sie um Vergebung bitten.“
„Warum, Fanny?“
„Fanny ist schuld daran, daß ~mon Cousin~ gesündigt hat, und, daß irdische Begierden in ihm durch Fanny erregt worden sind.“
„Wie das, ~ma Cousine~?“
„Fanny hat ~mon Cousin~ ihren entblößten Busen gezeigt. Fanny freute sich, daß er ~mon Cousin~ gefiele. ~Monsieur le Curé~ hat es Fanny verwiesen. -- Fanny wird am Sonntage nicht die Absolution erhalten, denn Fanny hat gesündigt und Fanny freut sich, daß sie sündigte, weil sie ~mon Cousin~ gefallen hat.“
„Heilige Einfalt und Unschuld! Fanny muß sich trösten, denn Fanny wußte nicht, daß sie Unrecht that.“
„Fanny wußte es nicht, aber jetzt weiß Fanny es, und Fanny wird es wieder thun, wenn sie weiß, daß ~mon Cousin~ einen Gefallen daran findet.“
Fanny entfernte sich. Sie ging in den Garten, pflückte eine Orangen-Blüthe und zerblätterte sie. --
„Eine Gänseblume! Liebt er mich? Liebt er mich nicht?“ Murmelte der Fremde in sich hinein, indem er einen forschenden Blick auf den Baron warf, und in einer ungewöhnlichen, scharfen, aber nicht unangenehmen Tonart folgende Worte an diesen richtete: „Um Vergebung, mein Herr! Ihre Geschichte fängt an, mich zu interessiren. Eine Unschuld von dreißig Jahren, Liebe, Leidenschaften, katholische Priester, das ist so mein Steckenpferd!“ Er schenkte sich ein Glas Madeira ein, schlug den Telegraphen zu und zündete eine Cigarre an.
Der Baron machte ihm eine leichte Verbeugung und fuhr dann fort:
„Ihr werdet aus diesem Allen den Gemüthszustand der armen Fanny erkannt haben. In ihrem Herzen war der Kampf der Liebe mit den Vorschriften ihres Glaubens. Die erstere siegte. Fanny wurde jetzt von Tage zu Tage ernster; sie saß stundenlang, ohne den schönen Blick von mir zu wenden. In ihrem Auge drückte sich ein Gefühl aus, was sie empfand, ohne es zu kennen.
Fanny war mit ~mon Cousin~ nach St. Cyr gegangen. Die Krautkrämerin, bei welcher Fanny ihren Hut zu lassen pflegte, hatte mit Fanny über ~mon Cousin~ gesprochen. Sie hatte ihr gesagt, daß ~mon Cousin~ vor einigen Tagen bei ihr gewesen und für Mademoiselle Grigoir einige Bonbons gefordert, daß er mit ihr über sie gesprochen und gesagt habe: „Mademoiselle Grigoir ist ein gutes Mädchen, sie ist so unschuldig, daß man sie lieben muß.“
„~Mon Cousin~ liebt mich?“ dachte Demoiselle Grigoir. Sie war entzückt.
„Wenn ~mon Cousin~ mich liebt,“ antwortete sie der Krautkrämerin, „so glauben Sie nur, auch Fanny liebt ~mon Cousin~.“
„Die Blödsinnige!“ rief die Krautkrämerin in Gedanken. „Warum sollte er Sie auch nicht lieben, Mademoiselle,“ fuhr sie laut fort, „wenn man Sie mit anderen jungen Mädchen vergleicht, so sind Sie noch immer hübsch zu nennen.“
„Das hat ~mon Cousin~ auch meiner Mutter gesagt,“ versetzte die Creolin.
„So? Ei, ei! So weit ist es schon? Was sagt aber der Herr Pfarrer dazu? Ihr ~Cousin~ ist ein Ketzer.“
„~Mon Cousin~,“ erwiederte Fanny, „ist ~mon Cousin~, das sei Ihnen genug, Madame.“
Mademoiselle Fanny Grigoir entfernte sich im heftigsten Zorne von der Krautkrämerin. Am selbigen Abend wußte ganz St. Cyr, daß Mlle Fanny Grigoir, oder die Creolin, in den Deutschen Baron verliebt sei, daß er sie wieder liebe.
An demselben Abend sagte Mlle Fanny ihrer Vertrauten, der Mlle Clairon:
„Clairon! ~mon Cousin~ liebt mich!“
„Sie sind ein Kind,“ versetzte jene. „Was wissen Sie von Liebe?“
„Ich bin ein Kind!“ dachte Fanny bei sich, „aber ich liebe ~mon Cousin~!“ Die Creolin hatte dieses Mal die erste schlaflose Nacht. Sie fühlte sich beengt. Sie empfand die Sehnsucht nach einem Gegenstande. Sie wünschte, ~mon Cousin~ bei sich zu haben. Das Zimmer von ~mon Cousin~ war dicht bei Fanny ihrem an. Fanny horchte auf. Sie vernahm die Schritte von ~mon Cousin~, sie hörte ihn singen. Fanny vergaß ihr Gebet.
„So nah ist ~mon Cousin~ bei mir?“ fragte Fanny sich leise. „Warum ist er nicht ganz bei mir? Wäre es eine Sünde, wenn er bei mir wäre? Aber ~mon Cousin~ ist ein Mann? Schlafen Vater und Mutter nicht in einem Zimmer? Ist Fanny ihr Vater nicht auch ein Mann? Ist ein Mann denn etwas so Fürchterliches? Es kann nicht sein, denn ~mon Cousin~ ist ein Mann!“
Gegen Morgen schlief Mlle Fanny Grigoir ein. Ihr träumte von ~mon Cousin~, sie hielt ihn im Traume umfangen.
Am nächsten Sonnabend blieb Madame Grigoir länger, als gewöhnlich in der Beichte. Endlich kam sie erschöpft und erhitzt zu Hause. Der ~Curé de village~ hatte ihr das Gewissen geschärft, sie auf den gefährlichen Umgang ihrer Tochter mit ~mon Cousin~ aufmerksam gemacht, und ihr zu verstehen gegeben, daß sie Alles aufbieten müsse, um den Ketzer zu entfernen und die sündige Neigung ihrer Tochter zu ihm zu vernichten. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, daß sie die Pflichten einer echt katholischen Mutter nicht befolge. Madame Grigoir war außer sich. Bei der Krautkrämerin erhielt sie einen Nerven-Anfall, weil diese ihr sagte, Mademoiselle Fanny habe ihr gesagt, daß sie den Deutschen Ketzer liebe.
Dieser Abend verging sehr unangenehm. Am andern Morgen war Madame Grigoir mit ihrer Tochter und dem Mädchen in der Kirche. Herr Grigoir und ich waren alleine zu Hause.
„Guten Morgen, ~mon Cousin~,“ sagte ich, in das Zimmer tretend.
Herr Grigoir erhob sich von seinem Sitze, und sagte in einem traurigen Tone:
„Es ist etwas sehr Unangenehmes vorgefallen, ~mon Cousin~.“
„Was? Ist Ihre Frau Gemahlin nicht wohl?“
„Das nicht! Aber wir müssen uns trennen, ~mon Cousin~. Die infame Welt --“
„Nun, was ist es?“
„Die Leute sagen, Sie liebten meine Tochter, sie liebte Sie. Der Ruf meiner unglücklichen Tochter ist zernichtet. Sie kennen nicht dieses Otterngezücht. Ist ein Wort gesprochen, so wird es schneller weiter getragen, als die Feder vom Winde. ~Mon Cousin~, wir müssen uns trennen! Wer steht mir dafür, daß man nicht auch sagen würde, Sie machten meiner Frau die Cour!“
„Ihrer Frau? Wie wäre das möglich?“
„Alles ist möglich in dieser Welt,“ versetzte Herr Grigoir. „Unglücklicher Vater, der ich bin!“
Nach dieser Unterredung wurde ausgemacht, daß ich mich nach einem andern Orte begeben solle. Ich willigte gerne ein. Der häusliche Friede war gestört. Wo Mißtrauen herrscht, da ist kein Glück mehr zu finden. Herr Grigoir verließ uns denselben Abend, um in Toulon Alles zu meiner Abreise vorzubereiten. Ich blieb mit Madame Grigoir, ihrer Tochter und Clairon allein zu Hause. Wir aßen zu Abend. Fanny war ihrer selbst nicht mächtig. Mit dem Ausdrucke der glühendsten Leidenschaft hing sie an meinen Blicken. Sie verschlang jedes meiner Worte. Sie war furchtbar aufgeregt. Mit zitternder Stimme sagte sie mir gute Nacht.