Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit
Part 12
„Es ist mir unmöglich, Aristipp,“ begann er nach einigen Augenblicken, „dieses Glockenspiel zu hören, ohne von einer süßen, wehmüthigen Empfindung ergriffen zu werden! Wie rein, wie klar hallen diese Töne durch die heitere Luft des Morgens bis in die tiefste Tiefe der Seele hinein! Es ist mir, als ob es die ~vox humana~ wäre, die den Menschen ermahnte, vom frühen Morgen an, menschlich zu empfinden, menschlich den Tag über zu handeln. Wenn sie aber in immer steigenden zitternden Tönen nach und nach unter dem Dome des Himmels sich klagend verliert, so kommt sie mir vor, wie die klagende Stimme der betrübten Mutter, die dem geliebten Sohne Vorwürfe über die in unedler Schwelgerei hingebrachten Stunden des vorigen Abends, der vergangenen Nacht mit Schonung, Ernst und Liebe zu machen pflegt. Ich kann mir kein traurigeres Bild denken, als das der +weinenden Mutter+, kein schöneres, als das +der Mutter des Heilandes mit dem Kinde von Raphael+, kein schöneres Gedicht, +als die Wallfahrt nach Kevlar von Heine+. Es ist nicht zu leugnen, Aristipp, daß ein gewisses Gefühl für das Geheimnißvolle, das Religiöse, bei der geringsten Anregung von Außen in uns erwacht. O, daß wir dieses Gefühl nicht länger zu fesseln verstehen, und es in dem rauschenden, nichtigen Tumulte des Tages verlieren oder betäuben müssen! Es ist mir unbegreiflich, wie ein denkender Mensch das Dasein eines Gottes, den Glauben an Unsterblichkeit der Seele leugnen und aufgeben kann; da in unserm Innern, bei der leisesten Berührung, ein Gefühl rege wird, welches uns über die Nichtigkeit dieses Lebens erhebt, und mit einer mysteriösen Ahnung von dem Dasein eines höhern Wesens, mit einer unbegreiflichen Sehnsucht und Wehmuth nach dem Edlern und Bessern, was wir freilich noch nicht kennen, erfüllt. Die Wehmuth, die Betrübniß, welche wir in solchen Augenblicken empfinden, entsteht aus den Vorwürfen, welche wir uns machen müssen, oder welche unser Gewissen uns macht: daß wir, trotz dem, daß unsere unsterbliche Seele dem Reinen und Schönen entgegenstrebt, wir sie stets durch die Gewalt der irdischen und thierischen Triebe in uns zur Erde niederreißen, und auf diese Weise ihre göttlichen Schwungfedern hemmen. Hast Du es wohl bemerkt, wie der Sonnen-Adler, dessen Fittige beschnitten, stets sie prüft, um zu den lichten Regionen empor zu schweben? wie er mit den strahlenden Augen die Zonen des Himmels mißt, und stets nach Oben das Haupt wendet? So ist es mit unserer Seele auch, sie will stets dem Höchsten sich nahen, und nur der Körper, in welchem sie nach unerklärlicher Vorschrift eingeengt ist, hält sie zurück die Fesseln zu brechen. Du magst es nun glauben, Aristipp, oder nicht, es giebt keinen Menschen auf der Welt, durch dessen wildbewegten Lauf des Lebens sich deutlicher der rothe Faden der Religiösität, des Glaubens, der Ueberzeugung an das Dasein eines Gottes, der Unvergänglichkeit der Seele windet, als gerade mich selbst.“
„Ich habe nie daran gezweifelt, Baron. Aus diesem Grunde geschah es auch, daß ich, wo ich es konnte, Deine Partei nahm.“
„Ich habe auch mehrere Gründe zu glauben, als andere Menschen,“ fuhr der Baron fort. „Ich habe Zeichen und geheimnißvolle Einwirkungen erhalten und empfunden, die diesen Glauben in mir wunderbar bestätigt haben. Da Hippias und Bleicamb noch schlafen, so werde ich Dir Einiges darüber mittheilen. Ich verlange nicht, daß Du es glauben sollst, aber Du wirst gestehen, daß diese Zufälligkeiten merkwürdiger Art waren. Ich befand mich auf dem Gute meines Oheims in der Provence. Ich hatte die Absicht nach Spanien zu gehen, um in die Dienste der Königin zu treten, da ich nicht zu Don Carlos gelangen konnte, ohne meinen Onkel zu compromittiren. Der Tag der Abreise war da. Um ein Uhr in der Nacht verließ ich das Landhaus meines Oheims, um mich nach La-Ciotat, der Poststation, zu begeben. Der Abschied von meinen treuen Wirthen war mir schmerzlich. Ich wandelte in dem geheimnißvollen Dunkel der Nacht den Weg meiner Bestimmung zu. Ueber mir thronte der provençalische Himmel, zu meiner Linken brausete das mittelländische Meer, und rechts von mir lagen in Olivenfeldern die weißlichen Bastiden der Provence in Sternen-Beleuchtung. Mein Herz war schwer von Ahnungen. Aus dem ruhigen Landleben ging ich einem stürmischen, kriegerischen Leben entgegen. Wer sagte mir, daß ich jemals die Meinen, mein Vaterland, meine Geliebte wieder erblicken würde! Von solchen Gedanken ergriffen wandte ich meinen Blick zu den leuchtenden Sternen, mein Gemüth, meine Seele zu Gott. Wenn es möglich wäre, so sprach ich zu dem höchsten Wesen, daß ich dereinst meine Mutter, meine Geliebte, meine Schwestern, mein +Deutsches+ Vaterland wiedersehen könnte! Dann, o großer Gott! gieb mir ein Zeichen! Ich hatte kaum diese Worte gesprochen, als eine Sternschnuppe den Himmel durchschnitt und vor mir niederfiel. Ich will durchaus nicht behaupten, Aristipp, daß diese zufällige Sternschnuppe eine bejahende Antwort des höchsten Wesens auf meine Frage, meine Bitte gewesen sei -- aber es war doch sonderbar! +Warum sollen wir aber nicht eine Theilnahme des allliebenden Vaters, selbst in unseren kleinlichen Angelegenheiten annehmen? Verlieren können wir durch diesen Glauben nichts, wohl aber Trost und Stärkung gewinnen!+
Zu den geheimnißvollen Einwirkungen, welche in mir den Glauben und die Ueberzeugung an Gott und ewiges Leben befestigt haben, gehört folgender Vorfall, der mir in Algier, im Hospitale Bab-azoun begegnete. Ich hatte drei Monate an einer der fürchterlichsten Krankheiten gelitten. Mein Magen war gänzlich verdorben, und nicht im Stande, auch nur flüssige Lebens-Mittel, Wasser ausgenommen, bei sich zu behalten. Ich war kein Mensch mehr! Ein elendes Gerippe, in welchem nur der Funke des Lebens glimmte. Ich hatte einen ~congé de reform~ bekommen, und erwartete mit Sehnsucht den Augenblick nach Frankreich eingeschifft zu werden, so krank, so matt ich war. Zwei Tage vor der bestimmten Abreise lag ich, elender noch als sonst, auf meinem Lager. Ein brennender Durst quälte mich. Der Infirmier hatte vergessen mein blechernes Trinkgeschirr mit Wasser zu füllen. Es war Nacht. Die Lampe, welche den Saal erhellte, in welchem ich mit noch mehren Unglücklichen lag, war ausgegangen. Im Hofe des viereckigen Gebäudes plätscherte die Fontaine, welche fast in allen Höfen maurischer Gebäude sich befindet. Ich konnte mich vor Durst nicht lassen. Ich raffe meine letzten Kräfte zusammen, stehe auf und wanke dem Springbrunnen zu. Alles war ruhig, wie im Grabe. Ich schreite langsam dem Brunnen zu und in dem Zwielichte des Afrikanischen Himmels sehe ich eine weißliche Gestalt dabei stehen. Der Anblick war mir grausenhaft, doch schritt ich herzhaft auf den Brunnen und die Gestalt zu.
„Sie kommen nicht von hier fort,“ redete mich die Gestalt an.
„Warum nicht?“ antwortete ich, „morgen Abend geht das Dampfboot ab, es sind nur zwei Tage mehr bis dahin.“
„Sie kommen nicht +dahin+,“ antwortete die Gestalt, „man wird Sie +dorthin+ bringen,“ sie wies mit der Hand auf die Todtenkammer, „die Schakals werden Sie fressen.“
„Ich glaube Sie sind toll,“ versetzte ich: „wer sind Sie?“
„Das geht Sie nichts an,“ erwiederte die Gestalt, „ich sage es Ihnen nocheinmal, dort in das Amphitheater wird man Sie bringen, Sie sehen Frankreich nicht wieder.“
Darauf entfernte sie sich. Ich blieb sprachlos beim Brunnen stehen. Ich war krank, sehr krank, meine einzige Hoffnung das Verlassen Afrika’s, außerdem war der kommende Tag ein Freitag, ein Tag, den ich immer gefürchtet habe. Der Gedanke an die Möglichkeit, so nahe der Rettung zu unterliegen, bemeisterte sich meiner. Mein ohnedies zerrüttetes Nervensystem vermogte kaum die Massen widerwärtiger, ängstigender Gefühle zu ertragen. Maschinenartig füllte ich meinen Becher, und wankte unter immer stärker werdendem Herzklopfen meinem Lager zu. Ich sank darauf nieder. Meine Phantasie gewann von Augenblick zu Augenblick mehr Spielraum. Die Bilder, die geliebten Züge meiner Mutter, meiner Geliebten, meiner Schwestern schwebten auf und ab vor meinem Geiste. Ich richtete ein brünstiges Gebet zu Gott, und flehte ihn an, mich der Geliebten wegen zu erhalten. Plötzlich war es mir, als ob ein belebender, erfrischender Hauch auf mich sich niedersenkte. Ich empfand Beruhigung, ein tröstendes Gefühl, ich schlief ein und war gerettet! +Warum, Aristipp, soll ich nun nicht annehmen, daß ich wirklich die Gegenwart des Höchsten in diesem lebenbringenden Hauche empfunden? Warum nicht, daß er durch eine innige, einfache, kindliche Bitte sich hat rühren lassen, und durch diesen Hauch mich den Meinigen oder meiner künftigen Bestimmung erhielte?+“
„Es würde wohl schwer sein, lieber Freund,“ entgegnete ich, „hierüber etwas Bestimmtes zu sagen. Ich sehe es wenigstens nicht ein, warum man eine nähere Gemeinschaft mit dem höchsten Wesen in gefahrvollen, wichtigen Augenblicken ableugnen sollte. Wenn wir annehmen, daß Gott allmächtig ist, so können wir Alles glauben und für möglich halten. Wir verlieren uns aber hier in das Reich der Wunder. +Ein sicheres Resultat können wir nie ziehen.+ Es würde aber sehr thöricht sein, uns +nicht+ mit ganzer Seele +dem+ Glauben hinzugeben, der unserer Seele Trost und Linderung schafft, in uns die Ueberzeugung an das Dasein eines allmächtigen, zwar unbegreiflichen, aber liebenden Wesens und an die Fortdauer unserer Existenz nach diesem Leben bestärkt und befestigt. Welche Bewandnisse hatte es aber mit der weißlichen Gestalt an dem Springquell im Hospital Bab-azoun?“
„Das habe ich nachher erst erfahren. Es war einer der Infirmiers, dem ich zu lange lebte. Ich hatte nämlich einige hundert Franken unter meinem Kopfkissen, derer er sich bemächtigt haben würde, wenn ich den Geist in der Nacht aufgegeben hätte. Er wollte dieses dadurch bezwecken, daß er mich durch einen tödtlichen Schreck um das Leben bringen wollte. Seinen Namen habe ich vergessen; +ich behalte überhaupt nur die Namen der Männer, die mir Gutes thaten+.“
„Vortreffliche Moral! Jemehr und je näher ich Dich kennen lerne, jemehr Dein weiches, kindliches Gemüth sich mir öffnet, jemehr sehe ich ein, +daß Dein innerer Kern sich rein und gesund erhalten hat, wenngleich die Außenseite Deines Wesens und Deines Lebens nicht vom Tadel frei ist+. Doch wer ist tadellos? +Nur der darf es sich erlauben einen Andern zu richten, der selbst makellos dasteht; und auch dieser nur mit christlicher Liebe und Nachsicht.+“
„Das ist es gerade, Aristipp, was mich so häufig, im Leben kränkt. Die Menschen beurtheilen mich falsch und zwar aus dem Grunde, weil ich den Schein nicht beobachte. Glaube nicht, daß ich die öffentliche Stimme verachte. +Ich will nicht besser scheinen, als ich bin, das ist mein Unglück.+ Ich nehme mich der Menschen an, die die Welt verstößt. Ich folge meinem Gefühle und erkenne die großen Fehler, die ich an mir habe. +Ich tadle sie selbst, anstatt, wie die Meisten es thun, sie zu bedecken, sie zu beschönigen.+ +Das+ nennt man aber im gewöhnlichen Leben „+sich in den Augen der Welt heruntersetzen+,“ +wenn+ man +seine Fehler+ eingesteht, und die Partei derjenigen nimmt, die +die Welt verdammt+.“
„Richtig! so denken +die anerkannten Soliditäten+.“
Ein furchtbarer Stoß gegen die Thüre sprengte in diesem Augenblicke dieselbe. Mit funkelnden Augen und fletschendem Maule stürzte die Bulldoghündin in das Zimmer und auf ihren Herrn los, den sie durch Liebkosungen erdrücken zu wollen schien. Ein abgerissener Strick hing an ihrem eisernen Halsbande.
„Bomben und Granaten!“ rief Herr Herrmann Bleicamb in seinem Bette in die Höhe fahrend.
„Was giebts?“ schrie Hippias, die Augenlieder aufreißend.
„Nichts, meine Herren,“ versetzte der Baron lachend. „Meine Gipsy, welche wir bei Timm gelassen, hat es nicht länger ohne ihren Herrn aushalten können, und sich, ~sans façon~, einen Weg durch die Thüre gebahnt! Komm, Gipsy! Mein altes treues Thier! Es war schändlich von mir, dich solange vergessen zu haben!“
„Die verdammte Bestie!“ murmelte Herr Bleicamb. „Es ist doch um toll zu werden! Wecken die Manichäer einen nicht durch ihr Klopfen an die Stubenthür auf, so muß man durch dieses Beest gestört werden, wenn man einmal gut zu Nacht gegessen und lange schlafen will.“
„Es ist wohl Zeit aufzustehen, sich anzukleiden, meine Herren, und dann sich wieder auf die Wanderung zu begeben,“ bemerkte ich.
„So ist es!“ stimmte der Baron bei.
„Faullenzen taugt nicht!“ rief Herr Bleicamb, sich die Augen reibend und mit der Hand durch die Haare fahrend. „Ich bin auch dabei. Wo soll es hingehen?“
Wir waren in einigen Augenblicken gewaschen und angekleidet.
„Ich schlage vor, in der Alsterhalle Cafée zu trinken,“ sagte der Baron.
Wir willigten ein, empfahlen uns dem Wirth zum Könige von Preußen, berichtigten unsere Schuld für das Nachtlager, und eilten der Alsterhalle zu.
Es war noch früh am Morgen, und keine andere Gäste zugegen.
Wir ließen uns nieder, bestellten vier Portionen Cafée; wurden servirt und genossen den bräunlichen Trank der Levante.
„Ihr habt heute einen Beweis der Anhänglichkeit meiner Gipsy zu ihrem Herrn gehabt. Sie zerriß alle Banden, sie suchte ihn auf,“ bemerkte der Baron. „Ihr würdet dieses Thier lieben, wie ich es thue, wenn ihr wüßtet, wie werth und warum es mir werth ist.“
„Du kannst ja die „+Memoiren+ eines +Hundes+“ schreiben,“ versetzte Herrmann Bleicamb. „Wer weiß ob Du nicht eher einen Verleger und mehr Anklang fändest, als wenn Du über „Frankreich und seine Revolution in Beziehung auf Deutschland“ schreibst?“
„Du magst immerhin Recht haben,“ versetzte der Baron lächelnd. „Politische und religiöse Schriften finden wenig Beifall. Man muß immer die Leihbibliotheken berücksichtigen.“
„Haben Sie den Hund schon lange?“ fragte Hippias die löwenartige Hündin streichelnd, welche eben einen ihrer ungeheuren Tatzen auf den Tisch legte, um anzuzeigen, daß auch sie in der Welt wäre.
„Ich habe dieselbe von einem Engländer geschenkt bekommen, als ich von Alais, einer Stadt dritten Ranges im südlichen Frankreiche, zu Fuße durch ganz Frankreich nach Hamburg wanderte.“
„Sie machten also den ganzen Weg zu Fuße?“
„Aufzuwarten. Von Alais bis in den König von Preußen, wo wir diese Nacht logirten.“
„Du würdest uns ein Vergnügen machen,“ sagte ich, „wenn Du uns etwas von dieser Reise mittheiltest. Hippias und ich haben die Absicht unsere Avantüren in Hamburg und Altona herauszugeben, und in einer solchen Schrift würde eine kurze Relation Deiner Reise nicht unanwendbar sein.“
„Ich werde mit Freuden dazu bereit sein. Wenn Gipsy reden könnte, so würde sie vielleicht besser, als ich, die verschiedenen Vorfälle mittheilen können, weil sie eine +Engländerin+ ist, und sich gewiß alles Sehenswerthe und Merkwürdige notirt hätte, was ihr auf der ~grand tour~ begegnete. Leider! ist sie aber, trotz ihrer vortrefflichen Eigenschaften, nur ein Hund, und so muß ich wohl dieses Geschäft für sie übernehmen. Hört also:
„Ich hatte mich längere Zeit in Pau am Fuße der ~Basses-Pyrénées~ aufgehalten, um wie man es glaubte, in die Dienste der Königin von Spanien zu treten. Dieses war aber durchaus nicht meine Absicht. Ich brütete im Stillen über einen ganz andern Plan. Ich wollte selbst ein Freicorps errichten, und wie die alten Soldaten der Fortuna auf meine eigene Hand umherkriegen. Dieses konnte ich in den Diensten der Königin nicht, wohl aber in den Diensten des Don Carlos. Beide Parteien schienen mir damals gleich erbärmlich; ich hatte nur meinen eigenen Vortheil, meinen Ehrgeiz vor Augen. Ich hatte aus diesem Grunde so viele Anhänger, als möglich, unter den Soldaten der ~nouvelle création de la légion étrangère française~ für meine Sache zu gewinnen gesucht. Ich hatte Geld, gab ihnen zu trinken, zuweilen auch Geld, und bildete mir binnen Kurzem einen bedeutenden Anhang unter ihnen. Ich wurde trefflich von einem Fourier, Namens Rundsdorff, unterstützt, der ein geborner Preuße war. Es gelang uns, viele der Soldaten zu gewinnen, zu bereden. Es verging keine Nacht, wo nicht mehre mit Sack und Pack desertirten und die Französische Observationslinie passirten. Was meine eigene Person betraf, so wollte ich mich nicht eher selbst nach Spanien begeben, als bis ich von der Hand des Don Carlos selbst ein Patent als Compagnie-Chef über die von mir zu errichtende Truppe erhalten hätte. Um dieses zu erhalten, mußte ich mit einem Agenten Don Carlos in Unterhandlung treten. Es war sehr gefährlich für mich, weil alle meine Schritte bewacht wurden. Endlich fand sich einer. Ich beredete mich mit dem Fourier und dieser bestellte denselben Abends acht Uhr ~au chéval noir~ um mit demselben Abrede zu treffen. Glücklicher Weise mußte ich an diesem Abend zu einer Hochzeit gebeten sein, die ein Deutscher Bierbrauer Namens Heit, ein vortrefflicher, reicher Mann gab, dem ich die größten Verbindlichkeiten habe. Ich kam zu spät nach dem ~chéval noir~. -- Der Agent des Don Carlos war von den Gensdarmen ~Louis Philippes~ aufgehoben worden, mit ihm mehre Soldaten und Unterofficiere der Legion, welche um mein Geheimniß wußten. Ich hielt es jetzt für vernünftiger, mich von Pau zu entfernen! Ich reisete nach Toulouse, wo ich einen vielvermögenden und liebenswürdigen Bekannten, den Herrn ~Toussaint~, ~directeur de la société de dictionnaires~ hatte. Bei diesem Manne lebte ich eine zeitlang, versah den Posten eines ~sousdirecteur~ und hatte dadurch Gelegenheit, mich den Männern meiner Partei, z. B. dem Herrn ~Dugabé~, ~avocat et député~, zu nähern. Die Rachsucht eines Polen brachte mich um die Freundschaft meines ~Toussaint~. Ich ging von Toulouse nach dem ~saut du Tarn~, einer Eisenfabrik, welche dem Marschall Soult theilweise gehört, und hielt mich einige Zeit bei dem Herrn James Jackson, einem Engländer, auf, welcher bei dieser Fabrik angestellt war. Es war ein vortrefflicher Mann. Ich theilte ihm meine Avantüren und meine Besorgnisse mit. Er billigte die Letztern und gab mir den Rath nach Alais, zu einem seiner Bekannten zu gehen, dessen Name James Wall war. Dieses that ich. James Wall behielt mich mehre Wochen bei sich. Ich lebte wie die gemeinen Eisen-Arbeiter, nur mit dem Unterschiede, daß ich nicht wie sie arbeitete. Doch auch hier war meines Bleibens nicht. Von einigen meiner Bekannten erhielt ich die Nachricht, selbst von James Jackson, daß die Regierung auf mich aufmerksam geworden und die Polizei ~Louis Philippes~ mir nachspüre, um mich festzunehmen. Er beschwor mich, sobald als möglich das Land zu verlassen. Hier war kein Zaudern möglich. Wie aber mir einen Paß verschaffen, da die Polizei aufmerksam auf mich war? Es gehörte Muth dazu, um Frankreich, angefüllt mit Gensdarmen, ohne Paß zu durchstreifen. Ich that es. Am Tage vor meiner Abreise schenkte mir James Wall diese Hündin, mit den Worten: „sie ist so gut, wie zwei Pistolen.“ Allein, ohne irgend eine Waffe, ohne Paß verließ ich Alais, nur von meiner Gipsy begleitet. Sie folgte mir stets auf den Fersen, und wenn meine Füße durch das angestrengte Marschiren wund geworden waren, leckte das treue Thier mir die wunden Stellen. So kamen wir beide matt und elend nach einem Marsche von 50 Tagen hier in Hamburg an. Gipsy selbst hatte sich auf der harten Chaussee so die Nägel an den Pfoten abgelaufen, daß sie zuweilen mitten auf dem Wege sitzen blieb, weil sie nicht weiter konnte; hier in Hamburg machte ich dem treuen Thiere, das, trotz der gräßlichsten Schmerzen, halb hüpfend, halb hinkend mir gefolgt war, +Nägel von Wachs+. Sie war es, welche durch ihr zorniges, löwenartiges Aeußere, durch ihre funkelnden Augen Alle zurück hielt, welche während unserer Reise vielleicht die Absicht hatten sich meiner Börse zu bemächtigen oder mich anzugreifen. Es wagte keiner die Hand an mich zu legen, denn er war gewiß, von meiner Gipsy sogleich an die Gurgel gepackt zu werden. Ich will es Ihnen gerne gestehen: vielleicht ohne dieses edle Thier hätte ich nicht den Muth gehabt diese weite und gefährliche Reise anzutreten. Es war eine Reise auf Leben und Tod, denn ich hätte mich um keinen Preis festnehmen lassen. Da ich Gipsy bei mir hatte, konnte ich es mit dreien aufnehmen. Auf diese Weise verdanke ich es meinem Hunde, daß ich den Rhein überschritt und hier unter Euch bin.“
„Du hast uns nur eine kurze Skizze Deiner Reise erzählt. Es scheint mir, als wenn Du dieselbe recht gut weiter ausarbeiten und sie dann mit der Fortsetzung Deiner Memoiren dem Publiko mittheilen könntest. Deine Memoiren haben überhaupt den Fehler, daß man nicht weiß, was aus dem Helden des Dramas wird.“
„+Ein sehr natürlicher Grund, weil bis jetzt noch nichts aus ihm wurde!+“
„Etwas, welches mir beinahe unglaublich bei Ihrer Erzählung erscheint, ist, daß Sie ohne Paß ganz Frankreich durchreisen konnten. Wie fingen Sie dieses an?“
„Ich schlug die Art und Weise ein, die gewöhnlich politische Flüchtlinge oder Verbrecher nicht einschlagen. Anstatt bei Nacht und Nebel, verstohlen und schüchtern zu reisen und aufzutreten, ging ich nur bei Tage, redete sogar die Gensdarmen an und entfernte dadurch allen Verdacht von mir. Außerdem bediente ich mich einer Kriegslist. An dem ersten, großen Ort, den ich passirte, ging ich in ein Cafée-Haus und fand dort einen Gensdarmen. Ich ließ mich in eine Unterredung mit ihm ein, proponirte ihm eine Partie Billard um ~deux petits verres~; verlor, spielte ~quitte à deux~, verlor wieder, und so ging es fort, bis mein Gensdarme den Kopf durch die Menge der ~petits verres~, welche er gewonnen und getrunken, verloren hatte. Jetzt redete ich ihn ~en ancien militaire~, ~en mon brave~ an, bat ihn um einige Empfehlungen an seine Kameraden von der nächsten ~gensdarmerie départementale~, empfing sie und ging, sobald ich dort angekommen, in das Gebäude der Gensdarmerie, wo ich nach dem und dem fragte, den er mir genannt und dem er mich empfohlen hatte. So trieb ich es weiter, und auf diese Weise entwischte ich.“
„Das ist nicht übel, so wahr ich Herrmann Bleicamb heiße!“ rief der Genannte aus.
„Was mir das Angenehmste bei dieser Parforcetour war,“ bemerkte der Baron, „besteht darin, daß ich weiß, was ich zu leisten vermag. Ich glaube, ohne meine Kräfte zu überschätzen, daß, wenn es einmal darauf ankommen sollte, ich im Stande sein würde, +meiner+ Partei zu nützen.“
„Man weiß eigentlich nicht recht, zu welcher Partei man Sie rechnen soll.“
„Ich bin ein „adeliges Phaenomen,“ wie Clemens Gerke mich nennt. +Ich halte es mit dem Regenten, weil ich finde, daß wir nicht reif, nicht rein, nicht sittlich genug für eine Republik sind; ich liebe und vertheidige die Rechte des Volkes, weil ich den Menschen schätze, und ihn nicht zu einer Maschine, zu einem Sclaven herabgewürdigt wissen will. Vor allem aber bin ich ein Freund der Ordnung. Nur der Staat kann gedeihen, nur der König kann glücklich sein, auf welche folgende Verse passen:+
„Wo geschützt in jeder Sphäre Arbeit, Kunst und Wissenschaft, Frei, im Segen der Altäre, Ihm sein Reich zum Eden schafft.“
Diese Verse sind von dem berühmten Reinhard, französischen Gesandten am Bundestage. Er dichtete sie zu der Krönung Carl X. Er ist todt, lebt aber in dem Gedächtnisse aller Bieder-Männer und in der Leichenrede fort, welche der famose Talleyrand ihm hielt, in welcher dieser sagt: +daß die Basis der Diplomatie Redlichkeit sei+.“
„Sein ganzer diplomatischer Lebenslauf, sein zweideutiger Charakter widerlegen diesen Ausspruch.“
„Es war eine Phrase!“ bemerkte ich.
„Wahrscheinlich!“ unterbrach mich Hippias. „Es läßt sich aber nicht leugnen, daß Talleyrand der klügste Mann seiner Zeit war. Selbst Napoleon wurde von ihm überlistet. Der weiseste von allen +jetzt+ lebenden Staatsmännern ist ohne Frage der Fürst Metternich.“
„Wie kannst Du das zu äußern wagen?“ fuhr ich fort, als Hippias schwieg. „+Ein Buch, das zu Gunsten des Fürsten Staatskanzlers, von dem der Deutsche Bund regiert wird, eine Erwähnung enthält, wird von keinem Republikaner, keinem Anhänger des jungen Deutschlands gelesen werden!+ Ich bemerke nur dieses, weil ich, wie Du weißt, unsere Tour und unsere Unterhaltungen niederschreiben werde.“