Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit

Part 10

Chapter 103,603 wordsPublic domain

„Es ist sonderbar,“ nahm nach einigen Augenblicken der Baron das Wort, „daß es Tage giebt, an welchen man jeder Sache nur die traurige Seite abgewinnen kann. Wo selbst die lieblichste Erscheinung das Gemüth mit wehmüthiger Trauer erfüllt. So ging es mir heute bei Tische, beim Erblicken des Fräuleins, so geht es mir jetzt, indem ich hier mit Euch verweile, allen Grund habe fröhlich zu sein, und doch traurig bin. Wie viele angenehme Bilder regt der Anblick dieser schönen Promenade, dieser Pavillon nicht in mir auf. Warum muß ich nun gerade an das denken, was mir jede Freude in der Rückerinnerung vergangener, an diesem Orte verlebter Stunden, Augenblicke verdirbt!? Hier war es, wo ich zum ersten Male meinen Namen gedruckt in den Blättern der Börsenhalle las! Mit welcher inneren Bewegung, mit welcher Aengstlichkeit, welcher Erwartung verschlang ich die Ankündigung meines Werkes durch Franz von Florencourt! Mit welchem steigenden Entzücken durchflog ich sie bis zum befriedigenden Ende! Die Sucht nach Ruhm, die Eitelkeit zu glänzen, als Literat genannt zu sein, war befriedigt. Wohl kein siegestrunkener Feldherr, nach gewonnener Schlacht, konnte ein stolzeres Gefühl empfinden, als ich nach Beendigung des Lesens dieses Artikels! Der schöne Traum ist vorüber, meine Memoiren sind gelesen, sie und ich vergessen! -- Hier an diesem Orte war es, wo ich die ersten Stunden mit Wille, Florencourt und Wienbarg im angenehmen Austausche unserer Ideen, im geistigen Ringen unserer Kräfte, im glänzenden Wechsel-Gefechte unserer Kenntnisse, unseres Verstandes, unserer Lebens-Ansichten, unserer politischen und religiösen Meinungen, nicht +erlebte+, sondern wirklich erst das Leben verstehen lernte! Hier war es, wo Wienbarg, aufgeregt durch eingetretene Verhältnisse, in glänzender Beredsamkeit die Kraft und Gediegenheit seiner geistigen Facultäten in fließenden Worten entwickelte, den kleinlichen Egoismus bei Seite warf, sich dem Menschen als großherziger Mensch zeigte, und mit wohlwollenden Gesinnungen den Novizen der Literatur, wenn gleich verschiedener Ansicht, freundlich begrüßte! Hier war es, wo Franz von Florencourt, die Gemüthlichkeit seines Herzens, und in ruhigen, klaren, überlegten Worten seine Vernunftsbelege ~pro et contra~ entwickelte; rein und edel in seinen Gedanken, klar und verständlich in seiner Rede, glühend als Patriot und Republikaner, doch Freund der Ordnung und Mäßigung. +Hier war es+, wo Wille angenehm in Umgang und Wesen, ~suaviter in modo et fortiter in re~, mit glänzender Beredsamkeit und stachelndem Witze, die Schärfe seiner Urtheilskraft, das blitzschnelle Durchdringen und Auffassen des Gegenstandes in bewunderungswürdiger Gewandtheit, Geläufigkeit der Zunge und wohlklingender Sprache zeigte; freundlich dem Fremden die hülfreiche Hand bot und sich so gescheut, als herzlich und gutmüthig erwies. -- Wohl könnt Ihr es Euch denken, wie wohl ich in der Gesellschaft solcher Männer mich befand, denn die Empfänglichkeit und Anerkennung großer und guter Eigenschaften Anderer war von jeher +ein guter+ Zug meines Charakters. Wie schön! wie herrlich dachte ich mir das Leben mit diesen Männern. Wie groß, wie belehrend, wie ruhmvoll gestaltete sich meine Zukunft durch ihren Umgang, ihre Freundschaft, ihre Unterstützung, ihre Schule! Eingeführt durch Wille, Wienbarg und Florencourt in die literarische Welt öffnete sich mir ein schönes, weites Feld literarischer Thätigkeit, ein glänzender, ruhmvoller, nützlicher Erwerbszweig! -- Doch:

„Wildzürnend schleudert selbst der Gott der Freude Die Fackel in das brennende Gebäude“ -- -- --

Ich stehe jetzt einsam und verlassen in dieser Welt. Kein Freund der mich liebte! und doch bedarf kein Herz mehr des freundschaftlichen Umgangs, als das meine! Nur ein Wesen giebt es, das mich liebt, meine Louise! Nur wenige gute Menschen giebt es, denen ich theuer bin, meine Mutter, meine Schwestern! und auch der Gedanke an sie ist mir ein trauriger und vorwurfsvoller Gedanke!

„Es ist fürchterlich,“ fuhr der Baron in erstarrender Kälte fort, „allein in dieser Welt zu stehen! In seiner eigenen Brust die ganze Qual eines durch sich selbst zernichteten Lebens zu empfinden, das so schön, so rosig, so lächelnd vor einem lag! In dem Anblick der Geliebten, der Seinigen einen ewig nagenden Kummer zu erblicken; vor dem freundlichen Entgegenkommen, dem liebevollen Lächeln derselben zurückzubeben, und in dem warmen Handdruck der Liebe die kalte, eisigkalte Hand des bösen Gewissens zu empfinden! An einen Fremden sich mit der wahnsinnigen Kraft einer nach Mittheilung und Erguß dürstenden, lechzenden Seele zu klammern und selbst in dem Entgegenkommen, in den freundschaftlichen Versicherungen eines elenden Mannes eine Wonne zu finden, nur, weil es ein +Mensch+ ist! Tod und Teufel, Aristipp! Was hilft es uns in einer Welt zu leben, die nur nach dem Scheine richtet, unter Christen zu leben, die nie an die Besserung eines verirrten Mitbruders glauben.“

„Du bist wohl nicht klug heute!“ bemerkte Bleicamb. „Trink Thee Bruder und lies den Josephus!“

„Du hast Recht! Ich bin nicht klug, ich bin wahnsinnig, aber gerade in meinem Wahnsinn habe ich die einzigen ~lucida intervalla~ meines Lebens. Für mich ist die ganze Welt ein Tollhaus und ich der einzige Tolle darin!“

„Wissen Sie wohl“ sagte Hippias, „daß man sich nie so weit gehen lassen darf, wie Sie es thun. Das ist unmännlich. Lassen Sie die Welt richten, wie sie will; so lange Sie nicht die Achtung vor sich selbst verloren haben, so lange brauchen Sie nicht zu verzweiflen! Fassen Sie Muth, arbeiten Sie, schreiben Sie und benutzen Sie die herrlichen Talente, welche Ihnen die Natur gab.“

„Vortrefflicher Rath! Wer aber giebt mir Arbeit? Wer kauft mir meine Schriften ab? Wer verschafft mir eine Anstellung? Ich kann nicht kriechen, ich kann nicht schmeicheln, und dann habe ich immer meinen Titel, meinen Ruf gegen mich, und, wenn ich es sagen darf, auch meinen Verstand, meine Kenntnisse. Wer nähme wohl gerne einen gefährlichen Diener. Man kennt den Grund der zwölf Arbeiten des Herkules. Leider giebt es jetzt keine lernäische Schlangen mehr zu besiegen! Meine Grundsätze, meine religiösen und politischen Ansichten stehen in offenbaren Widerspruch mit dem Geiste, welcher hier zu Lande herrscht. So bin ich auch für die +Emancipation+ der Juden.“

„Ich auch!“ unterstützte ich den Baron um ihn von seinen Selbstbetrachtungen weiter abzubringen. „Ich sehe es nicht ein, warum man den Juden nicht das volle Staatsbürgerrecht ertheilen soll. Ein in Holstein geborner Jude, ist ebenso gut ein Holsteiner, als ich. Er bezahlt dieselben Abgaben, was noch mehr ist 13 Mark Schutzgeld mehr, als jeder Christ, steht unter derselben polizeilichen Aufsicht, in Criminal-Fällen unter derselben Gerichtsbarkeit; aber er darf nur in Altona, Friederichsstadt, Rendsburg und Elmshorn Grund und Boden besitzen; er darf auf der Landes-Universität studieren und darf Arzeneikunst und Advocatur, +unter Beschränkungen+ treiben! Aber ihm das volle Staatsbürgerrecht zu ertheilen, das ist gegen das s. g. +christliche Staatsinteresse+! -- „Wenn wir den Juden das Staatsbürgerrecht ertheilen wollten,“ sagte neulich ein hoher Beamter zu mir, „so würden wir gerade so handeln, wie ein Feldherr, der +seine Feinde+ in die Reihen seiner Soldaten aufnehmen würde. In ganz Europa herrscht jetzt ein christlicher Staaten-Verband und eine christliche Gesellschaft; wir würden also gegen unser Gewissen und unsere Pflicht handeln, wenn wir einem Juden auch nur das allerkleinste bürgerliche Amt, die allerkleinste Wirksamkeit anvertrauten und gestatteten, denn er würde feindlich in die bestehende Ordnung der christlichen Gesellschaft eingreifen. Weil also die Juden die Feinde der großen christlichen Gesellschaft sind; so dürfen wir sie uns nicht gleich stellen. Wenn wir nun diese große, christliche Gesellschaft näher betrachten, so werden wir finden, daß sie gar nicht existirt, wenigstens nicht im Sinne der Lehre Jesu. Wir haben jetzt Katholiken, Lutheraner, Zwinglianer, Calvinisten, Mennoniten, Griechen, Herrnhuter, Socianer, Wiedertäufer, oder, wie alle jene Sekten heißen mögen. Jede Seite erkennt in der anderen ihren +Feind+ und +haßt+ sie, jede hält sich für die +echtchristliche, rechtgläubige+. Die römisch, katholischen, apostolischen Christen gehen sogar in unsern südlichen Ländern soweit, alle Nichtkatholiken als Juden anzusehen. Sie sind aber alle unchristliche Sekten, weil sie sich unter einander hassen und vor Parteiwuth schäumen. Die Basis der christlichen Lehre ist Liebe, Eintracht! „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst,“ der Grundpfeiler des christlichen Glaubens. Alle diese verschiedenen Sekten beweisen die Wahrheit ihrer Lehrsätze aus demselben Buche, aus denselben Sätzen, aus welchem und durch welche die anderen den Irrthum beweisen. Die Juden thun dasselbe. Sie haben sogar den Vorzug, daß sie uns diese Lehren aufbewahrt und mitgetheilt haben, daß der Stifter unserer Religion und seine Apostel +Juden+ waren. Schon aus Dankbarkeit für diese Ueberlieferungen sollte man sie uns gleich stellen. Haben die Juden in einem unglücklichen Mißverstande den Erlöser und seine Apostel verfolgt und gekreuzigt, so bedenke man, wie viele Lutheraner und Reformirte das Opfer des Katholicismus geworden sind! Will man also aus diesem Grunde, aus vor 1840 Jahren begangenen Feindseligkeiten den Haß der Juden gegen die Christen herleiten, so blicke man auf die Gräuelscenen einer Bartholomäus Nacht zurück, und folgere daraus, daß in einem lutherischen Staate, oder wo die lutherische Religion die überwiegende oder Staatsreligion ist, auch keinem Katholiken das allerkleinste Amt anvertraut werden dürfe, weil der Katholik ein erklärter Feind des Lutheraners ist, und umgekehrt. Das christlich-lutherische Staatsinteresse ist ebenso sehr gefährdet durch die Ertheilung des Staatsbürgerrechtes an die Katholiken als an die Juden; und kann es einem Katholiken ertheilt werden, so mit demselben Rechte können es die Juden verlangen. Von einer allgemeinen, christlichen Gesellschaft und Verbrüderung kann überhaupt gar nicht die Rede sein, weil jede der verschiedenen Sekten der Todfeind der anderen ist, und den andersglaubenden Christen, ebenso gut, als einen +Nichtchristen+ betrachtet; folglich ihn ebenso gut, als einen Feind ihres Glaubens anzusehen hat, als den Juden; oder +diesem+ dieselben Rechte ertheilen kann, als +jenem+. Ein Hauptargument gegen die armen Juden bleibt aber immer „von dem christlichen theologischen Standpunkte“ aus betrachtet: „der Finger Gottes, weil sie nach der Weissagung des Messias aufgehört haben ein eigenes Volk zu sein, und jetzt noch zerstreut unter den Völkern leben:“ weil ihr Volk einst „den Heiligen des Herrn“ verworfen hat! Deßhalb sollen sie also nach 1840 Jahren noch büßen! Deßhalb das unschuldige Kind, das Vergehen seiner vor 1000 Jahren vermoderten Voreltern noch tragen! Deßhalb sollen sie noch heute zu Tage verdammt sein! Ein Volk verdammt sein, für das Christus, der sterbende Christus am Kreuze, +seine letzte Bitte+ an den Gott der Gnade und Barmherzigkeit mit den Worten richtete: „+Vater! vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!+“ Wenn Christus ihnen vergeben hat, so hat es Gott ja auch, denn Vater und +Sohn sind ja Eins+! und ist dieses geschehen, so können auch die, welche sich Christen nennen, auch ihnen vergeben, da sie ja sonst so außerordentlichen Werth auf das +Wort+ legen! +Dieses Wort, dieser todte Buchstabe ist es ja gerade, der alle jene Zwistigkeiten, Gräuelscenen seit undenklichen Zeiten hervorgerufen hat! der den Bruder zum Mörder des Bruders gemacht hat, und ganz Europa mit Blut überschwemmte!+ Warum denn, wenn wirklich eine wohlwollende, christliche Handlung begangen werden kann -- +warum dann alleine soll das Wort, der todte Buchstabe, nicht in Anwendung gebracht werden+!!!!! Darin liegt das Unglück der Welt, daß wir nicht den +Geist+ der christlichen Lehre aus der Bibel schöpfen, sondern, daß wir durch hunderttausend verschiedene Interpretationen und Auslegungen +des Wortes+ unsere eigenen, menschlichen Gedanken ihm unterschieben; so wie es die erbärmliche Parteisucht und der intolerante Kasten-Geist es uns zweckmäßig erscheinen läßt.“

„Du sprichst meine eigenen Ansichten aus,“ unterbrach mich der Baron. „Die christliche Lehre und die christliche Kirche sind zwei ganz verschiedene Größen. In der einen herrscht Toleranz, Vergebung seinen Feinden, Liebe, Eintracht und Demuth, oder der wahre Geist Christi; in der andern Intoleranz, Verfolgung seiner Mitmenschen, unerbittliche Strenge, Stolz, Haß und Egoismus, oder der Geist der Hierarchie der Priester, sei es welcher Sekte es sei. Wenn wir also eine allgemeine +christliche+ Gesellschaft oder Gemeinde in Europa annehmen; so irren wir sehr, weil sie es +nur dem Namen+, nicht aber +ihren Handlungen nach+ ist. Und ebenso, wie die orthodoxen Katholiken in Frankreich die reformirte Kirche nie anders benennen, als ~l’église prètendue reformée~, oder die „+vorgeblich verbesserte christliche Kirche+;“ so können wir die allgemeine christliche Gemeinde auch wohl nicht anders benennen, als die allgemeine +„vorgeblich“ verbesserte christliche+ Gemeinde oder Kirche in Europa. Wir glauben außerdem Alle an einen Gott, und vor dem höchsten Wesen existirt hoffentlich kein Unterschied zwischen Juden und Christen, denn dieses würde sich nicht mit der Gerechtigkeit des höchsten Wesens reimen. Wenn die Juden also vor Gott gleiche Rechte mit den Christen haben, so sehe ich nicht ein, warum wir ihnen diese nicht mit uns auf der Erde statuiren wollen. Das Staatsinteresse kann bei dieser Frage gar nicht in Betracht kommen, weil es dem Staate einerlei sein kann, zu welchem Glauben seine Bürger gehören, wenn sie fleißig, arbeitsam, ordentlich und ruhig leben; und +in dieser Hinsicht übertreffen die Juden die Christen+. Geschieht die Verweigerung des Staatsbürgerrechtes also nur aus dem Grunde, weil man den +Einfluß des mosaischen Glaubens auf die Gemüther der christlichen Bürger befürchtet; so ist es wahrlich! sehr zu bedauern, daß die christliche Kirche nach 1840 Jahren noch solchen Befürchtungen sich überlassen kann+! Ist es die Pflicht der christlichen Gemeinde für die Verbreitung des christlichen Glaubens eifrig zu sorgen, so wird sie weit eher dazu gelangen wenn sie sich liebevoll und tolerant gegen die Andersgläubigen benimmt, ihnen gleiche Rechte einräumt, als wenn sie durch den Druck die siegende Gewalt der mächtigern Religions-Partei dieselben empfinden läßt. Eifern wir doch gegen den Druck und die Beschränkungen, welchen die christlichen Gemeinden und ihre Mitglieder in den mohamedanischen Ländern unterworfen sind! Können wir mit Recht den Muselmännern diesen Vorwurf machen, wenn wir die Juden in einer gleichen, wenn auch nicht so barbarischen Unterdrückung erhalten? Wir sehen stets den Splitter in anderer Leute Augen und vergessen darüber den Balken in unsern eignen. +Ich bin daher für die Emancipation der Juden+, und wenn ich weder ein Staatsmann, noch ein berühmter Mann bin; so sagt es mir doch das +menschliche Gefühl in meiner Brust, daß es Zeit sei, ein ungerechtes Vorurtheil gegen eine unschuldige Nation abzulegen+. Nicht die Ertheilung des Staatsbürgerrechtes an die Juden wird den s. g. vorgeblich christlichen Gemeinden den Todesstoß versetzen, wohl aber +die Intoleranz derselben+. Von Tage zu Tage tritt die Spannung der verschiedenen christlichen Confessionen greller hervor; gegenseitige Repressalien erhöhen dieselben, die Streitigkeiten über die gemischten Ehen säen Feindschaft und Groll unter die Familien; die Vorfälle in den Niederlanden, in England und in Preussen, das Auflehnen der Erzbischöfe gegen die Königliche Gewalt; die fanatischen Rundschreiben beider Parteien beweisen deutlich von welcher liebevollen Eintracht die Mitglieder der allgemeinen, christlichen Kirche gegen einander erfüllt sind. Es steht Alles auf dem Spiele, wenn die verschiedenen Religions-Parteien es nicht endlich einsehen wollen, daß nur Toleranz und Duldung, Nachsicht und Verzeihen die Basis der Lehre Jesu sind! Bald wird auch bei uns politische Ansicht mit religiöser Meinung sich mischen und der Kampf auf Leben und Tod, Religions- und Glaubens-Krieg, die Anhänger, die s. g. Anhänger Christi wieder zerfleischen, dessen letzte Worte waren: „vergebt Euren Feinden!“ Das sind die jammervollen Folgen welche, aus der Intoleranz der Priester entsprungen sind, und wieder entspringen werden!“

„Nun, bei Gott!“ rief Herr Herrmann Bleicamb aus. „Ich dachte, wir wären hier um eine fröhliche Unterhaltung zu führen, und nun wird gar über Emancipation der Juden, Krieg und Gott weiß was geredet! Ihr seid ja noch ärger, wie der Dr. Steinheim, und seid doch beide getaufte Christen. So wahr ich Herrmann Bleicamb heiße, wenn Ihr nicht bald dem Dinge ein Ende macht, so laß ich Euch peroriren und gehe mit Hippias anderswo hin. Was soll das? Trinkt Euren Punsch in Ruhe, und macht nicht solch ein Geschrei, daß alle Vorübergehenden stille stehen und Euch anglotzen. Paßt sich eine solche Unterredung an einem solchen Orte? Und nun wieder vorby!“ --

„Wir haben etwas viel und laut gesprochen, das ist wahr,“ sagte ich.

„Thut nichts!“ meinte der Baron. „Meine Ansichten mögen alle Menschen kennen lernen! Auf die baldige Emancipation der Juden!“ rief er, ein Glas ergreifend. „Wer die Wahrheit kennt, und von der Wahrheit seiner Ueberzeugung durchdrungen ist, der ist ein elender Kerl, wenn er sie nicht offen, laut und deutlich ausspricht! Noch einmal: auf die Emancipation der Juden!“

Wir stießen an.

„So mögen alle die zerschmettert werden, die dawider sind!“ fuhr er fort, sein leeres Glas auf den Boden schmetternd.

„Sie predigen Toleranz, Liebe, Friede und Eintracht und hegen einen solchen Wunsch?“ rief mit einem Male eine fremde Stimme. Wir sahen uns um. Es war Niemand mehr zu sehen. Der Baron fuhr zusammen, dann sagte er ernst: „Es ist lächerlich in der That, Aristipp, andere Leute ihrer Fehler wegen herunterzureißen, und einige Augenblicke darauf in denselben Fehler zu fallen! Der Mensch ist der Raub des Augenblickes, die Stimmung in welcher er sich gerade befindet, dictirt ihm seine Worte. Nur der ist ein Mann zu nennen, der sich nicht von seinen Gefühlen bemeistern läßt, und der in einer steten, gleichbleibenden, ruhigen, überlegten Geistes Verfassung sich befindet. Man muß erst ganz im Reinen mit sich selbst sein, fest und unerschütterlich, gleich in seinen Handlungen und Worten, ehe man es sich erlauben darf über Andere zu urtheilen. Lassen Sie uns aufbrechen.“

Wir gingen einige Male den alten und den neuen Jungfernstieg auf und nieder, besahen die Alsterhalle, die dort anwesenden Schönen und kehrten, da es schon ziemlich spät geworden, in den Keller des Herrn Langewisch am Neuenwall ein, um die Elasticität des Magens des Herrn Bleicamb zu bewundern. Der Baron ergriff die Neue Hamburger Zeitung, Hippias den Hamburger Beobachter und Bleicamb den Freischütz. Da ich schon früher viel in diesem Keller gewesen war, und den Wirth sehr gut kannte, so entspann sich folgendes Gespräch unter uns:

„Nun, wie geht es, Herr Langewisch?“

„Muß gut sein, Herr Aristipp.“

„Sie sehen nicht vergnügt aus?“

„Die Zeiten sind zu schwer. Man muß die ungeheure Miethe bezahlen, hat die täglichen baaren Auslagen und verliert zu viel, weil man borgt. Denken Sie sich nur, da ist der große, dicke Herr Mannhart, den Sie hier öfteres gesehen haben, der ist mir mit 60 Mark durchgegangen, und der Norton, der in Brasilien und, Gott weiß, wo er gewesen, mit 120. Außerdem habe ich noch viele kleine Verluste gehabt. Dabei soll man ein ehrlicher Mann bleiben, die ungeheuren Abgaben bezahlen, das ist nicht möglich, Herr Aristipp!“

„Es thut mir leid für Sie, Langewisch, denn Sie sind ein rechtschaffener, guter Mann, und ein aufmerksamer Wirth; aber Sie sind zu gutmüthig und haben den Fehler der meisten Hamburger: Sie lassen sich imponiren und zwar durch ein grobes, anmaßendes Wesen, einen feinen, reichen Anzug, eine goldene Uhr und Kette. Wer auf diese Weise angethan ist, vielleicht ein oder zweimal bei Ihnen gewesen und bezahlt hat, +dem+ geben Sie Credit, weil er Alles schlecht findet, was Sie ihm vorsetzen, mehre Schüsseln durchprobirt, und dann zuletzt gebietrisch sagt: schreiben Sie es an, Langewisch! Wer Sie auf solche Weise behandelt, das muß ein reicher Mann sein, außerdem logirt er in der alten Stadt London, wie er sagt, bezahlt täglich einen Louisd’or für sein Logis -- das ist ein Mann, eine Kunde, die warm gehalten werden muß! Der reiche Mann kommt täglich wieder, benutzt den gewonnenen Credit, und eines schönen Tages ist der reiche Mann zum Teufel und mein Langewisch um sein Geld! Kommt aber ein schlichter, stiller, ruhiger Mann zu Ihnen, schlecht gekleidet, der sich mit einiger Aengstlichkeit bewegt, und Ihnen mit stotternder Stimme sagt: Herr Langewisch -- ich habe kein Geld bei mir -- wollen Sie wohl so gut sein, mir etwas Credit geben -- ich werde es Ihnen in vierzehn Tagen bis drei Wochen wiedererstatten -- dem Manne schlagen Sie es ab, denn er imponirt Ihnen nicht, trägt keine goldene Kette und keine goldene Uhr! und dieser Mann gerade würde Sie bezahlt haben! Die Aengstlichkeit, mit der er auftritt, ist der Abscheu gegen das Schuldenmachen; der Grund der stotternden, schüchternen Bitte liegt darin, daß er bisher nicht gewohnt war, um Credit anzusprechen, und wenn er um eine längere Frist bittet; so geschieht es nur, weil er ganz gewiß sein will auf den Point, wie man es nennt, sie wieder zu bezahlen. Ich habe diese Betrachtungen häufig in Hamburg und der Umgegend angestellt und sie fast immer richtig befunden.“

„Glauben Sie mir, Herr Aristipp, es ist keine Kleinigkeit, hier Wirth zu sein. Ohne Credit zu geben, kann man nicht bestehen, reiche Kunden darf man nicht ungestüm mahnen, die ärmeren können oft nicht, wenn sie auch wollten, bezahlen. Die bösen Schuldner, wenn es nicht eine große Summe ist, verklagen, einsperren lassen, ist Thorheit, denn man muß sie ernähren. Dabei soll Alles herbeigeschafft werden, der baare Schilling ausgegeben, Weib und Kind ernährt werden! Ich versichere Sie, es wird einem oft schwül zu Sinne dabei!“

„Ich will es gerne glauben. Es ist nicht leicht möglich, jedem Fremden an der Nase anzusehen, was es für ein Vogel ist. Bei der Masse von Fremden, die in Hamburg und der Umgegend sich aufhalten, ist es natürlich, Gauner und Spitzbuben unter ihnen zu finden. Der täglich steigende Luxus vermehrt die Kosten eines jeden Etablissements. Was Peter hat, will Paul auch haben. Bald muß ein neuer, großer Wandspiegel die Stelle des kleinern vertreten, die Tische müssen mit Marmorplatten belegt, und ein Billard muß angeschafft werden. Hat man sich früher mit dem Hamburger Correspondenten, dem Beobachter, dem Erzähler begnügt; so müssen jetzt die Hamburger Neue Zeitung, die Hamburger Nachrichten, der beliebte Freischütz, der Altonaer Merkur, die Zeitung und die Blätter der Börsenhalle, das Kieler Correspondenz-Blatt, das vortreffliche Itzehoer Wochenblatt, die Lesefrüchte und der Freihafen, ja wo möglich noch eine Englische Zeitung gehalten werden! Das kostet Alles Geld und muß baar bezahlt sein. Ich will es Ihnen gerne glauben, daß es nicht leicht ist, als Wirth in Hamburg zu bestehen. Sie sind indessen noch jung, kräftig, haben ein wackeres Weibchen und so wird die Geschichte wohl gehen.“

„Wir wollen es hoffen. Ich thue mein Möglichstes um meine Gäste zufrieden zu stellen.“

„Das ist wahr! Ich werde Sie empfehlen, wo ich nur kann, denn Sie verdienen es.“

„Hier ist etwas für Euch,“ unterbrach Hippias die Unterhaltung. Hört! der Major von Newport erhielt neulich einen Brief folgenden Inhaltes: „Feuer! Blut! Heiliger Kampf! Es lebe das neue vollkommene Reich der Liebe, des Gesetzes und der Freiheit durch Jesum Christum! Ewige Rache allen, +die der Schrift nicht gehorchen+! Mahershabahashberg Urtheilsvollstrecker. ~Hora diaboli~, Verdammniß! ~Hora dei~, ewiges Heil!“