Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage
Part 7
104. Consonanz (Harmonie) und Dissonanz (Disharmonie) der Tonempfindungen hängt demzufolge von deren überwiegender Identität oder dem Gegensatz des Inhalts derselben ab. Da nun bei den Farbenempfindungen das Analoge stattfindet, indem eben so wenig wie der abstracte Ton, die abstracte Farbe empfunden wird, so lässt sich vermuthen, dass auch zwischen der Begründung der Farben- und jener der Tonharmonie Analogie sich einstellen werde. Jede empfundene Farbe ist eine concrete, die unter dem Einfluss einer specifischen dieselbe bedingenden Lichtquelle (z. B. des Sonnenlichts, des Mondlichts, des Kerzen- oder Lampenlichts) entstanden ist und die Spur dieser letzteren in einer charakteristischen Eigenthümlichkeit, dem sogenannten Farbenton, errathen lässt. Jede Farbenempfindung aber ist zugleich, physiologisch betrachtet, keine vereinzelte, sondern das gleichzeitige Resultat der gleichzeitigen Erregungen des Sehorgans durch das dieses letztere berührende Licht, so dass gleichzeitig alle in dem letzteren enthaltenen Farben des Spectrums in jenem angeregt und in Folge dessen empfunden werden. Ist z. B. das auffallende Licht Sonnenlicht, in welchem als Grundfarben Roth, Gelb und Blau (oder nach Andern Grün, Roth und Violet) enthalten sind, so werden im Auge jedesmal die jenen dreierlei Lichtreizen entsprechenden Vorgänge zugleich erregt und daher auch in Folge dessen alle drei Farben zugleich empfunden. Der Unterschied, dass in dem einen Fall die Empfindung als Roth, in dem andern als Blau bezeichnet wird, obgleich in dem ersteren neben dem Roth nothwendig auch Blau und Gelb, also Grün -- in dem letzteren Falle neben dem Blau auch Roth und Gelb, also Orange empfunden worden sein musste, liegt nur darin, dass in dem einen Fall der rothe Lichtreiz den blauen und gelben, in dem andern Fall der blaue Lichtreiz den rothen und gelben, und folglich sowol der Erregungszustand des Auges, in welchen dasselbe durch rothes und blaues Licht versetzt ward, die anderen gleichzeitigen Erregungszustände, wie die Empfindung Roth und Blau, welche durch jenen Erregungszustand hervorgerufen ward, die anderen mit ihr gleichzeitigen Empfindungen an Intensität übertraf, letztere also durch jene in latenten Zustand versetzt, d. i. für das Bewusstsein verdunkelt wurden. Dass dieselben ihrer Latenz ungeachtet thatsächlich vorhanden waren, beweisen die von Goethe und Purkyne sogenannten subjectiven Farbenerscheinungen d. i. das Hervortreten des complementären Farbenbildes, nachdem durch längeres Anhalten des ursprünglichen das Auge für den bezüglichen Farbenreiz abgestumpft worden ist. Die stärkste unter den gleichzeitigen Farbenempfindungen, nach welcher a potiori die Benennung derselben erfolgt, z. B. in obigen Fällen die Empfindung Roth und die Empfindung Blau, können nach Analogie der Grundtöne als Grundfarben, die der gleichzeitigen, aber durch sie in den Hintergrund gedrängten Lichtreize können nach Analogie der Obertöne als Oberfarben (Nebenfarben) bezeichnet werden. Letztere machen zusammen, wie obige Beispiele zeigen, stets die Empfindung der complementären Farbe aus (Grün, wenn als Grundfarbe Roth, Orange, wenn als Grundfarbe Blau empfunden wird) und die Nuance, welche die Empfindung des Rothen dadurch empfängt, dass mit ihr zugleich mehr oder weniger latent nothwendig Grün empfunden werden muss, kann, wenn die Beimischung einen erheblichen Grad erreicht, als Farbenstich, und zwar des Rothen entweder in's Grüne als ganze, oder in's Blaue oder Gelbe als Bestandtheile der grünen Mischfarbe charakterisirt werden.
105. Treten daher unter Voraussetzung derselben Lichtquelle zwei Farbenempfindungen gleichzeitig oder nach einander in's Bewusstsein, so ist jede derselben nicht einfach, sondern zusammengesetzt, und zwar aus der Empfindung der Grundfarbe und jener der Oberfarbe; trifft es sich nun, dass diejenige Farbe, die in der einen derselben Grundfarbe, in der anderen Oberfarbe ist, so sind beide Farbenempfindungen ihrem Inhalt nach überwiegend identisch, wie dies bei der Farbenverbindung Roth (dessen Nebenfarbe Grün) und Grün (dessen Nebenfarbe Roth ist) und ebenso bei der Verbindung Blau (dessen Nebenfarbe Orange) und Orange (dessen Nebenfarbe Blau ist), dagegen nicht bei der Verbindung Roth (dessen Nebenfarbe Grün) und Blau (dessen Nebenfarbe Orange ist) thatsächlich der Fall ist. Verbindungen ersterer Art können daher harmonische (Farbenconsonanzen), Verbindungen nicht complementärer Farben müssen disharmonische (Farbendissonanzen) heissen.
106. Die Analogien zwischen harmonischen Ton- und dergleichen Farbenverbindungen sind unter Anderen von Unger weiter ausgeführt worden. Wie unter den ersteren Terz, Quint und Octave als Consonanzen, Secunde, verminderte Quart und Septime als Dissonanzen, so werden von ihm unter den letzteren die Terz als harmonische, die Secunde als disharmonische Farbenintervalle unterschieden. Dem musikalischen Accord als harmonischer Verbindung dreier Töne (Dreiklang) wird der Farbenaccord als harmonische Verbindung dreier Farben (Dreischein), der Vervielfältigung der Tonscala durch Erhöhung und Vertiefung der Töne eine ebensolche der Farbenleiter durch Erhöhung und Verminderung der Lichtstärke, der Unterscheidung von Klangfarben und Tongeschlechtern nach Ton- eine ebensolche von Farbentönen und Farbengeschlechtern nach Lichtquellen etc. zur Seite gesetzt.
107. Wie die Consonanz auf überwiegender Identität, so beruht deren Gegentheil auf überwiegendem Gegensatz. Wie die leicht und anstandslos vor sich gehende oder allen Hemmnissen zum Trotz durchgesetzte Verschmelzung überwiegend identischer Vorstellungen ein in dem letztgenannten Fall noch beträchtlich gesteigertes Lustgefühl, so lässt der alles Bemühens, Entgegengesetztes zu vereinigen, ungeachtet immer wiederkehrende Misserfolg, der durch den als unüberwindliches Hemmniss sich herausstellenden Gegensatz herbeigeführt wird, ein nachgerade bis zur Unerträglichkeit sich steigerndes Gefühl der Unbefriedigung zurück. Die theilweise gleichen, aber überwiegend entgegengesetzten Vorstellungen werden durch das in ihnen enthaltene Gleiche immer wieder zu einander gezogen, durch das gleichfalls in ihnen enthaltene Entgegengesetzte, welches letztere überwiegt, aber unaufhörlich aus einander gehalten. Dieses bewirkt, dass sie nicht eins werden, jenes verursacht, dass sie trotzdem nicht von einander loskommen können. Dieses gleichzeitige sich Suchen und sich Fliehen, sich Festhalten und sich Verdrängen der Gegensätze bringt im Gemüth eine Ixionsartige Unruhe hervor, deren Bestand auf die Dauer für den Vorstellenden unhaltbar wird.
108. Folge davon ist, dass derselbe obigen Zustand zu beseitigen sich entschliesst. Da dieser aber auf der gegensätzlichen Beschaffenheit des Inhalts und der in Folge dessen sich schlechterdings unter einander ausschliessenden Natur der gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen beruht, folglich so lange fortwähren muss, als jener Inhalt derselbe bleibt, so kann obige Qual auf keine andere Weise beschwichtigt werden, als indem an die Stelle der gegenwärtig im Bewusstsein vorhandenen und demselben als mit einander unverträgliche gleichzeitig vorschwebenden Vorstellungen andere unter einander verträgliche entweder zufällig (etwa durch Versetzung in eine andere Umgebung, welche andere Vorstellungen bringt) treten, oder absichtlich (etwa durch freiwilligen Entschluss, den gegenwärtigen durch einen beliebigen anderen künstlich festgehaltenen Vorstellungsinhalt zu ersetzen) an deren Stelle geschoben werden. In beiden Fällen wird die Qual, die aus dem gleichzeitigen Vorhandensein unverträglicher Gedanken entsteht, allerdings beseitigt, aber im ersten Fall, da nur ein Zufall das Verschwinden der unverträglichen Vorstellungen aus dem Bewusstsein veranlasst hat, nur auf so lange, als nicht ein neuerlicher Zufall die Rückkehr derselben in das Bewusstsein herbeiführt, im zweiten Fall nur für den, der jenen Entschluss gefasst, sein inneres Auge gewaltsam gegen die wirklich im Bewusstsein gegenwärtigen Vorstellungen verschlossen und an die Stelle derselben künstlich andere eingeführt hat, und nur auf so lange, als er diesen Willen selbst oder die Kraft hat, denselben ins Werk zu setzen. Die auf solchem Wege herbeigeführte Beseitigung der Qual ist daher keine natürliche und, weil aus der innern Natur der im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen entsprungen, Dauer verheissende, sondern dieselbe findet gleichsam "auf Kündigung" statt d. h. mit dem Vorbehalt, dass, sobald die durch den Zufall oder durch den Willen des Vorstellenden gezogene künstliche Schranke einmal, wie immer, aufhöre, die ursprünglichen, nicht vernichteten, sondern nur in Latenz versetzten unverträglichen Vorstellungen wieder emportauchen und dadurch die alten Wunden von neuem bluten werden.
109. Ein Beispiel einer solchen, und zwar durch den Zufall beseitigten Qual innerlich vorhandener Gegensätze bietet die Heilung eines zerrissenen Gemüths durch die Abwechslung, Zerstreuung und den überwältigenden Eindruck, welchen Reisen, Geselligkeit und erhabene Gebirgsnatur in diesem herbeiführen. Ein Beispiel einer durch freiwilligen Entschluss "auf Zeit" bewirkten Unterdrückung der Unruhe, die das Bewusstsein eines widerspruchsvollen Verhältnisses erzeugt, bietet die Resignation, mit welcher der in einer sogenannten "Vernunftheirat" Befangene den Gegensatz zwischen der ersehnten und der thatsächlichen Beschaffenheit seiner Beziehungen zum anderen Theil erträgt. In beiden Fällen findet Beschwichtigung wirklich statt, aber im ersteren nur auf zufällige Weise, so dass mit der Rückkehr in die frühere Umgebung auch das frühere Gefühl des Unglücks wiederkehrt; in dem letztern nur auf künstliche Weise, so dass mit dem Schwach- oder Schwankendwerden des Entschlusses auch das volle Gefühl des lastenden Widerspruchs erneuert wird. Das gefundene Gleichgewicht ist labil, nicht stabil.
110. Ein unerträglicher Zustand, das gleichzeitige Vorhandensein sich unter einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein, ist beseitigt; aber ein anderer, gleich unerträglicher, ist an dessen Stelle getreten. War der frühere Zustand Unruhe, so ist der jetzige vergleichsweise allerdings Ruhe; diese selbst aber ist nichts weiter als verhüllte Unruhe. Nicht wirkliche Ruhe, sondern der Schein der Ruhe ist an die Stelle der, obgleich latent, immer noch währenden Unruhe getreten; der ursprüngliche Zustand schlummert gleichsam unter dem künstlich geschaffenen Boden fort und harrt des Moments, wo er wieder hervorbrechen, den künstlich übergeworfenen Schleier zerreissen, den ursprünglich dagewesenen, niemals vernichteten, sondern nur äusserlich niedergehaltenen Zustand wieder herstellen kann.
111. Von dieser Sachlage gilt, dass Schein, der sich für Sein gibt, auf die Dauer unhaltbar sei, und zwar gleichviel, ob der wirklich vorhandene Zustand im Bewusstsein, an dessen Stelle künstlich ein anderer gesetzt worden ist, ein an sich missfälliger oder ein beifälliger, das Zugleichsein einander ausschliessender oder ein solches mit einander übereinstimmender Vorstellungen sei. Denn nicht darin besteht die Unerträglichkeit, dass an die Stelle eines unerträglichen Zustandes ein erträglicher getreten ist, sondern darin, dass an die Stelle des wirklich, wenngleich latent, vorhandenen, ein scheinbar d. i. nur zum Scheine, vorhandener gesetzt worden ist. Das Unlustgefühl, das sich an das Vorhandensein zweier einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein knüpft, ist verschieden von demjenigen, welches dem Umstande gilt, dass Schein für Sein, ein unwahrer an die Stelle des wahren, ein gemachter an jene des gegebenen Zustandes eingetreten ist. Wenn das erstere aufhört, sobald die einander ausschliessenden Vorstellungen entweder aufhören einander auszuschliessen, oder gänzlich aus dem Bewusstsein geschwunden sind, so schwindet das letztere nicht eher, als bis der widernatürlicherweise hergestellte Trug, durch welchen Schein an die Stelle des Seins gesetzt ward, aufgelöst, der künstlich erzeugte Zustand aufgehoben und der ursprüngliche, widerrechtlich aus dem Bewusstsein verdrängte, wieder in dasselbe zurückgekehrt ist. Ausdruck dieses Verhältnisses ist der Satz: Schein, der sich für Sein gibt, missfällt, und zwar in gleichem Grade, das ursprüngliche Sein, welches durch Schein ersetzt worden ist, möge an sich beifällig oder missfällig d. i. der Schein, der durch einen andern verdrängt wurde, möge an sich schön oder hässlich gewesen sein. In dem einen Fall wird durch die Herstellung des ursprünglichen Zustandes ein wohlgefälliger, im andern Fall ein missfälliger Zustand erneuert; aber das Missfallen, welches sich an den Fortbestand eines erlogenen anstatt des wirklichen Zustandes heftet, wird in beiden Fällen vermieden. Alles, was sich sagen lässt, beschränkt sich darauf, dass durch die Wiederherstellung eines ursprünglichen missfälligen Zustandes zwar das Missfallen, das diesem gilt, nicht vermieden, aber doch ein anderes, das dem Trugbild gilt, beseitigt wird, während im Gegenfalle durch die Wiederherstellung eines ursprünglichen beifälligen Zustandes nicht blos das Missfallen an der Geltung blossen Scheins für Sein von Grund aus vernichtet, sondern zum Ueberfluss ein Beifälliges in das Bewusstsein zurückgeführt wird.
112. War der ursprüngliche Zustand Dissonanz, so wird durch dessen Wiederherstellung ein dissonirender, war er Consonanz, ein consonirender erneuert; die inzwischen vorhanden gewesene Verhüllung des wirklich vorhandenen durch einen fälschlicherweise an dessen Stelle getretenen aber wird in beiden Fällen schwinden gemacht. Im ersteren Fall wird eine Wunde blossgelegt, die nur scheinbar geschlossen, aber nicht wirklich geheilt war; im letzteren Fall wird eine Heilung wieder als Heilung anerkannt, die fälschlicherweise für eine Erkrankung ausgegeben worden war. In jenem Fall ist der Schlusszustand allerdings Krankheit, aber der Irrthum, welcher dieselbe für Gesundheit hielt, wenigstens ist beseitigt. In diesem Fall hat nicht blos der Irrthum, welcher Heilung für Erkrankung nahm, seine Geltung eingebüsst, sondern der Schlusszustand ist die wirkliche Gesundheit.
113. Eine Bewegung geht vor sich, die in drei Abschnitten verläuft. Ausgangspunkt derselben bildet der ursprünglich vorhandene, deren Mitte der trügerischerweise an dessen Stelle getretene, ihren Schluss der dem ursprünglichen gleiche, aus dessen Verdunkelung durch den inzwischen waltend gewesenen Druck wieder hergestellte Zustand. Dieselbe vollzieht sich, weil der verdunkelnde Zustand künstlich durch eine äussere Ursache an die Stelle des ursprünglich vorhandenen geschoben worden ist, nicht durch, sondern gleichsam im Kampfe wider die letztere, und gewinnt dadurch den Anschein, Selbstbewegung d. i. Resultat eines ihr selbst innewohnenden und sie bestimmenden Bewegungsimpulses, eines sie belebenden Lebenskeims, einer sie bewegenden Seele zu sein d. h. die Bewegung erscheint als lebendige, beseelte Bewegung.
114. Ist das in obiger Bewegung Begriffene ästhetischer d. h. dem Vorstellenden vorschwebender, beifälliger oder missfälliger (schöner oder hässlicher) Schein, so gewinnt derselbe durch obigen Process selbst den Schein der Beseelung. Der im Bewusstsein ursprünglich vorhanden gewesene Schein, der von dem Vorstellenden künstlich mit Wissen und Willen aus demselben verdrängt und durch einen andern, der sich an seiner Stelle für den wahren ausgibt, ersetzt worden ist, aber ohne, ja wider Willen des Vorstellenden sich behauptet, seinerseits den ihn zu verdrängen bestimmt gewesenen Schein verdrängt und in's Bewusstsein wieder zurückkehrt, nimmt dadurch selbst den Anschein selbstständigen Lebens, inwohnender Beseelung an, löst sich, indem er sich gegen den Vorstellenden auflehnt, vom Willen desselben, also vom vorstellenden Subject ab und erscheint (nicht als subjectiver, sondern) als objectiver, (nicht als beherrschter, sondern) das Subject beherrschender, in sich selbst abgeschlossener und von innen heraus belebter d. i. als (scheinbar) lebendiger Schein oder als ästhetisches Object.
115. Dasselbe ist harmonisches, wenn der mit dem Schein des Lebens auftretende Schein ursprünglich schöner Schein, dagegen ein disharmonisches, wenn derselbe ein hässlicher Schein war. Der ästhetische Schein, den wir als Vorstellung des Engels, ist als ästhetisches Object nicht mehr und nicht weniger beseelt, als der ästhetische Schein, den wir als Bild eines Satans bezeichnen; weder der eine noch der andere muss darum wirkliches Object d. i. beseelte Wirklichkeit und reale Geistigkeit sein. Diese, die lebendige Existenz, wenn sie mehr sein soll als ein Geschöpf der Einbildungskraft, gehört vor das Forum der Metaphysik, jene, die Existenz des Scheins der Lebendigkeit, die nicht mehr sein will als ein Product der Phantasie, fällt als solches allein unter die Jurisdiction der Aesthetik.
116. In dem nothwendigen Entwicklungsgang der dramatischen Handlung kommt jener Schein nothwendiger Selbstbewegung des Scheins zur ästhetischen Erscheinung. Wie der ursprüngliche Schein aus seiner Verdunklung durch Ueberwindung der letztern wieder zum Vorschein, so kommt der ursprüngliche Thatbestand aus dessen eingetretener Verdunklung durch deren Ueberwindung wieder zur Klarheit. Oedipus, der seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet hat, aber in Folge seines Irrthums, dass er der Sohn des korinthischen Königspaares sei, weder das eine noch das andere Verbrechen verübt zu haben wähnt, wird durch die Macht der den trügerischen Wahn zerreissenden Verhältnisse zur Klarheit über sich selbst und zum Bewusstsein der thatsächlichen Lage d. i. der auf ihm lastenden tragischen Schuld gebracht. Der Brudermord im dänischen Königshause, welchen der ehebrecherische und kronenräuberische Mörder durch die schlaueste und künstlichste Veranstaltung in den Schleier des tiefsten Geheimnisses zu hüllen verstanden hat, wird durch den überlegenen Scharfsinn des Prinzen, der sich mit speculativem Tiefsinn paart und, um verborgen zu bleiben, sich in die Maske des Wahnsinns steckt, mit langsamer, aber durch ihre Ausdauer unwiderstehlicher Zähigkeit an's Licht und in der Schlinge, die er im Andern sich selbst gelegt, zur Bestrafung gezogen. Der ursprüngliche Thatbestand bildet den Anfang, die Exposition -- die eingetretene Verdunkelung den Wendepunkt, die Peripetie -- die Lichtung derselben und die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes den Schluss, die Katastrophe der dramatischen Bewegung.
117. Dieselbe erscheint in Folge dessen weder zufällig, noch willkürlich d. i. durch die Laune oder das Belieben des dichtenden Subjects, sondern nothwendig und naturgesetzlich d. i. wie ohne und unabhängig vom Willen des Dichters durch die Beschaffenheit des Inhalts der darzustellenden Handlung selbst, und zwar jeder folgende Moment durch den vorhergehenden, wie die unabänderliche Wirkung aus den gegebenen Ursachen herbeigeführt. Die dramatische Handlung (und zwar nicht blos, wie Schiller an Goethe schrieb, "die tragische") steht unter der Herrschaft des Causalitätsgesetzes, nach welchem bestimmte Ursachen bestimmte Wirkungen und gegebene Ursachen unausbleiblich ihre nie fehlenden Wirkungen nach sich ziehen müssen. Dieselbe gewinnt dadurch als ästhetisches (d. i. Scheins-) Object den Schein eines beseelten d. i. von innen heraus bewegten Naturobjects; wie das Thier, das Geschöpf der Mutter Erde, von ihr losgelöst, Leben und selbstständige Bewegung an den Tag legt, so scheint das dramatische Kunstwerk, Geschöpf der dichterischen Einbildungskraft, von dieser und deren Träger, dem Dichter, losgelöst, inneres Leben und selbstständige, von innen heraus getriebene Beweglichkeit zu besitzen.
118. Was von dem dramatischen, muss von dem Kunstwerk jeder anderen Kunst (der epischen und lyrischen Poesie nicht weniger, wie der Ton- und bildenden Kunst) als ästhetischem Object gelten. Jedes derselben, wenn es für ein solches gehalten werden will, muss den Schein der Objectivität d. i. der beseelten Lebendigkeit und lebendigen Beseeltheit an sich tragen. Derselbe wird durch die Schönheit des beseelt scheinenden Objects, z. B. der Natur, keineswegs ersetzt (seelenlose Schönheit), durch die Abwesenheit solcher keineswegs aufgehoben (seelenvolle Hässlichkeit; "la belle laidron"). Das wirklich Beseelte hat daher vor dem ästhetischen nur scheinbar Beseelten zwar das Merkmal der Wirklichkeit voraus; da aber nicht diese, die ihrerseits für den Beschauer nur als Erscheinung in Betracht kommt, sondern der blosse Schein der Wirklichkeit ästhetisch ist, so bedeutet jener Vorzug, ästhetisch genommen, nichts und der schöne wirkliche Gegenstand ist daher nicht mehr und nicht minder schön als der blosse Schein schöner Wirklichkeit. Es wäre denn, man rechnete die materielle Wirklichkeit des wirklichen Schönen zu dessen ästhetischer statt zu dessen physischer Natur und verstünde unter ästhetischem d. i. dem Genuss des schönen Scheins (wie der platte Realismus und ästhetische Materialismus will) den materiellen d. i. den Genuss der schönen Materie (z. B. den physischen Genuss der weiblichen Schönheit).
119. Mit der Betrachtung des überwiegend Identischen, so wie des überwiegend Gegensätzlichen im theilweise Identischen ist die Aufzählung der ästhetisch in Betracht kommenden möglichen Fälle zwischen dem Was des Scheins statthabender Beziehungen erschöpft. Ein ausschliessend Gegensätzliches, das nicht zugleich bis zu einem gewissen Grade identisch wäre, kann es, da nur verwandte Vorstellungen, also solche, deren Inhalt mehr oder weniger unter denselben Begriff fällt, Bestandtheile der ästhetischen Vorstellungswelt ausmachen können, in dieser nicht geben. Auch die am stärksten entgegengesetzten Elemente der letzteren, die sogenannten contrastirenden oder einander contraponirten (Contrast und Contrapost) Vorstellungen (wie Riese und Zwerg, Licht und Schatten, forte und piano etc.) sind nicht blos dadurch mit einander verwandt, dass ihre Objecte zu der nämlichen Gattung gehören, sondern sie werden einander überdies noch durch das auszeichnende Merkmal nahegerückt, dass diese beiderseits Ausnahmen von der Regel, obgleich in entgegengesetzten Richtungen (der Riese eine Abweichung von der gewöhnlichen Menschengrösse nach oben, der Zwerg eine solche nach unten, das Licht das Maximum, die Finsterniss das Minimum der gewöhnlichen Helligkeit; das Fortissimo den höchsten, das Pianissimo den geringsten Grad der Intensität des Tones) darstellen. Obige Fälle machen daher zusammengenommen mit derjenigen, welche aus der Grösse oder Kleinheit des vorgestellten Objects abgeleitet wird, die Summe derjenigen Bedingungen aus, unter welchen ästhetischer Schein, er enthalte sonst welchen stofflichen Inhalt immer, unbedingt d. i. allgemein und nothwendig gefällt oder missfällt.