Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage
Part 6
87. Aus der Natur des Bewusstseins folgt es auch, dass weder der Intensitätsgrad, noch die Fülle des dem Vorstellen Dargebotenen eine gewisse äusserste Grenze der Leistungsfähigkeit desselben überschreiten darf. Das "nicht zu gross" und "nicht zu klein", worin Aristoteles in seinem bekannten Beispiel von dem hundert Stadien langen Thiere das Wesen des Schönen findet, hat seine Geltung nicht sowol in Bezug auf die Grenzen des vorzustellenden Objects, als vielmehr auf jene des vorstellenden Bewusstseins. Was diese überschreitet, kann nicht mehr vorgestellt werden, so dass an die Stelle der wachsenden Lust, welche die steigende Bethätigung des Vorstellens nach sich zieht, die wachsende Qual des Bewusstseins tritt, welche das mit jedem neuen Ansatz sich steigernde Gefühl des Unvermögens vorzustellen, hervorruft. Auf der letzteren beruht das niederdrückende Gefühl, welches den Eindruck des Erhabenen d. i. eines solchen begleitet, dessen Vorstellung eine Entwicklung von vorstellender Kraft erheischt, welche weit über die Schranken jedes endlichen, also auch unseres eigenen Vorstellens, hinausreicht.
88. Wie das Vorstellen des Erhabenen, weil es den Vorstellenden an die Grenze seines Vermögens vorzustellen mahnt, von einem Unlust-, so ist die Vorstellung des Grossen, weil sie denselben seiner weitreichenden Fähigkeit vorzustellen innewerden lässt, von einem Lustgefühl begleitet. Denn da eine Grösse als Summe von Einheiten nicht anders vorgestellt werden kann, als indem diese Summe d. h. indem diese Einheiten nach einander vorgestellt werden, so ist bei jeder Vorstellung einer solchen die Bethätigung des Vorstellens, folglich die aus derselben folgende Lust um so grösser, je grösser jene Summe d. h. je zahlreicher die nach einander vorgestellten Einheiten sind. Aus diesem Grunde gefällt das Grössere neben dem Kleineren, weil es dem Vorstellen mehr, missfällt das Kleinere neben dem Grösseren, weil es dem Vorstellen weniger Beschäftigung, jenes dem Vorstellenden mehr, dieses ihm minder Lust gewährt. Weil aber die Fähigkeit des Vorstellens in quantitativer Beziehung ihre Grenze, so hat auch das Grosse nach der einen, das Kleine nach der entgegengesetzten Richtung eine solche, jenseits welcher es vorstellbar zu sein, und folglich das eine zu gefallen, das andere zu missfallen aufhört. Das in schönen Verhältnissen gebaute Thier des Aristoteles hört, obgleich alle seine Proportionen dieselben bleiben, sobald es zu einer Länge von hundert Stadien ausgedehnt und zur Höhe eines Gebirges erwachsen vorgestellt werden soll, auf, übersehbar und folglich auch, schön zu sein.
89. Vom quantitativen Gesichtspunkt aus gilt daher für eine ästhetische d. i. eine unbedingt wohlgefällige Welt der Satz, dass (innerhalb der dem Bewusstsein gesteckten Grenzen des Vorstellens) das Grosse ohne Unterschied des Stoffs, in welchem, wie des Objects, an welchem dasselbe sich findet, unbedingt d. h. Jedermann und jederzeit gefalle, das Kleine (unter der gleichen Einschränkung) ebenso missfalle. Beides, das Lustgefühl, welches die Betrachtung des Grossen, wie das Unlustgefühl, welches die des Kleinen erweckt, sind reine Gefühle; das Gefühl, welches den Eindruck des Erhabenen begleitet, ist ein gemischtes Gefühl, indem es einerseits in Folge der oben geschilderten Unvorstellbarkeit des erhabenen Objects ein Unlust-, andererseits eben der jener Unvorstellbarkeit wegen vermutheten unendlichen d. i. jedes Mass überschreitenden Grösse des erhabenen Gegenstandes halber ein Lustgefühl enthält. Aus diesem Grunde bewundern wir das Erhabene, aus jenem Grunde verzweifeln wir an uns selbst; das Erhabene gefällt, indem wir selbst uns missfallen; jenes erscheint über jedes uns erreichbare Mass hinaus gross, während wir selbst ihm gegenüber uns über jedes denkbare Mass hinaus klein erscheinen.
90. Was den qualitativen Gesichtspunkt betrifft, so gilt der Satz, dass das Was des Scheins, da dasselbe ein ästhetisches sein soll, von einem beifälligen oder missfälligen Zusatz im Vorstellenden, da dasselbe ein schönes sein soll, von dem gleichen Zusatz in jedem Vorstellenden begleitet sein muss. Ohne das erste wäre das Vorgestellte dem Vorstellenden gleichgiltig; ohne das letztere wäre der Zusatz von einem Vorstellenden zum andern, ja in demselben Vorstellenden von Zeitpunkt zu Zeitpunkt veränderlich. Gleichgiltiger Vorstellungsinhalt aber ist nicht ästhetisch; veränderliches d. i. vom Vorstellenden zum Vorstellenden oder im Vorstellenden selbst wechselndes Wohlgefallen oder Missfallen aber ist nicht unbedingtes d. h. allgemeines und nothwendiges Wohlgefallen oder Missfallen. Bei völlig gleichgiltigem Vorstellen wäre überhaupt keine Aesthetik, bei dem Mangel eines allgemeinen und nothwendigen Gefallens oder Missfallens d. h. bei der Abwesenheit einer allgemeinen und nothwendigen Norm für Gefallen und Missfallen aber doch keine Aesthetik als Wissenschaft möglich.
91. Das Was des ästhetisch Vorgestellten darf daher, da dessen begleitender Zusatz im Vorstellenden überall (d. h. in jedem Vorstellenden) und jederzeit (d. h. bei jeder Wiederholung seines Vorgestelltwerdens) derselbe sein soll, nicht als Ziel und Inhalt eines Begehrens (Begierde, Wunsch, Wollen) vorgestellt werden. Denn da alles, was überhaupt begehrt wird, sobald dieses Begehren Befriedigung erlangt, ein Lustgefühl nach sich zieht, so würde, wenn der Zusatz des Gefallens eines gewissen Vorstellungsinhalts blos von dem Umstände abhinge, dass dessen Vorgestelltes begehrt wird, überhaupt jeder beliebige Vorstellungsinhalt ohne Unterschied gefallen, weil und so lange, sowie demjenigen, von dem er begehrt wird. Und da sich in keiner Weise vorhersagen lässt, was unter gewissen Umständen Object eines gewissen Begehrens werden könne, da überhaupt jede gegen Hemmnisse im Bewusstsein aufstrebende Vorstellung Sitz eines (bisweilen sehr heftigen) Begehrens werden kann, so wäre es ebenso unmöglich, vorherzusagen, ob und welcher Vorstellungsinhalt, sowie wem er unter Umständen gefallen werde, woraus der Spruch, dass sich über den Geschmack nicht streiten lasse, entstanden ist.
92. Nicht alles Gefallende wird begehrt, aber alles, wodurch ein Begehren befriedigt wird, gefällt. Das höchste und reinste Gefallen ist dasjenige, welches durch keinerlei Beisatz eines (sinnlichen oder idealen) Begehrens getrübt, verunreinigt oder auch nur von einem solchen begleitet wird; "die Sterne, die begehrt man nicht". Das Gefallen, das nur unter Voraussetzung eines Begehrtwerdens entspringt, bleibt dagegen aus, wenn das letztere mangelt. Ein allgemeiner und nothwendiger Zusatz von Gefallen oder Missfallen kann aus dem zufälligen und individuellen (bestenfalls particulären) Umstand des Begehrt- oder Verabscheutwerdens nicht abgeleitet werden. Das nur bedingt d. h. unter Voraussetzung einer Begierde Wohlgefällige d. h. das nur subjectiv Angenehme, oder, da alles, was als Gegenstand einer Begierde oder als Mittel zu deren Befriedigung gilt, dem Begehrenden nützlich, dessen Gegentheil schädlich scheint, das Nützliche ist kein Gegenstand der Aesthetik.
93. Aber auch das nicht subjectiv sondern objectiv d. h. ohne Voraussetzung eines Begehrtwerdens Angenehme ist als solches noch nicht ein Gegenstand der Aesthetik. Denn zu dieser, damit sie Wissenschaft sei, ist erforderlich, dass sich das Aesthetische d. h. das von einem beifälligen oder missfälligen Zusatz unbedingt (bei Allen und in allen Fällen) Begleitete nicht blos fühlen (d. h. dunkel), sondern wissen (d. h. klar und deutlich vorstellen und in Worten aussprechen) lasse. Das Angenehme aber hat die Eigenschaft, dass dessen Inhalt mit dem begleitenden Zusatz (dem Lustgefühl) ununterscheidbar zusammenrinnt, wie das Gleiche auch bei dessen Gegentheil, dem Unangenehmen mit der dieses begleitenden Unlust (dem Schmerzgefühl) der Fall ist. Das Angenehme der einzelnen Ton- oder Lichtempfindung lässt sich nicht definiren, der Sitz und der Grund des Schmerzgefühls (Kopf-, Zahnschmerz) sich aus diesem nicht herauslesen. Der Inhalt des objectiv d. h. aus dem Vorgestellten selbst, nicht aus der subjectiven Gemüthslage des Vorstellenden entspringenden Lust- oder Schmerzgefühls ist zwar unbedingt, aber nicht wissbar, also kein Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntniss.
94. Während sonach das einzelne Angenehme oder Unangenehme zwar Gegenstand eines Lust- oder Unlustgefühls, von diesem selbst gesondert aber nicht vorstellbar ist, sind die zwei oder mehreren Vorstellungen, aus deren gegenseitiger Beziehung oder Verhalten (ratio) ein auf dieses bezügliches und die Beschaffenheit desselben zum Ausdruck bringendes Lust- oder Unlustgefühl entspringt, sehr wol jede für sich und von jenem Gefühl abgesondert angebbar. In jenem Fall ist das Gefühl ein solches, das aus der Beziehung eines gewissen Vorstellungsinhalts (z. B. einer Ton- oder Farbenempfindung) zum vorstellenden Subject, in diesem Fall ein solches, das aus der Beziehung zweier oder mehrerer Vorstellungen (z. B. Ton- oder Farbenempfindungen) zu und auf einander im Vorstellenden entspringt. Dass jener einzelne Ton oder die einzelne Farbe gefalle oder missfalle, hängt daher wesentlich von der augenblicklichen oder habituellen Beschaffenheit des vorstellenden Subjects, dass das Verhältniss der zwei oder mehreren Töne oder Farben gefalle oder missfalle, dagegen ausschliesslich von der an sich unveränderlichen und immer sich gleich bleibenden Inhaltsbeschaffenheit dieser letzteren selbst ab. Da die Beschaffenheit des Subjects nun von Individuum zu Individuum eine andere ist, so kann folgerichtig das mit von derselben abhängige Gefühl von Einem zum Andern ein anderes d. h. derselbe Ton, dieselbe Farbe kann dem Einen angenehm, dem Anderen unangenehm sein. Den Beleg dafür bieten die sogenannten Idiosynkrasien (z. B. Mozart's Abneigung gegen den Trompetenton, Cäsar's und Wallenstein's Widerwillen gegen den Hahnschrei, die Vorliebe gewisser Individuen oder ganzer Völker für gewisse Klangfarben, Tonlagen, Farbentöne und Beleuchtungseffecte). Wirkungen dieser und ähnlicher Art, die oft zu den stärksten gehören (Klang- und Lichteffecte) sind daher wesentlich pathologischer, durch die physische und psychische Beschaffenheit des vorstellenden Subjects bedingter, keineswegs ästhetischer, von der Beschaffenheit des Vorgestellten (dem Inhalt der Vorstellungen als Object des Vorstellens) abhängiger Natur. Die durch dieselben hervorgerufenen Gefühle können, insofern die sie verursachenden Vorstellungen nicht in Beziehung stehend zu anderen d. i. nicht als Glieder eines Verhältnisses gedacht werden, wol aber an sich in ein Verhältniss zu anderen treten d. h. als Stoff (Material) zu einem solchen dienen können, materiale oder Stoffgefühle; diejenigen Gefühle, welche sich auf das Verhältniss zweier oder mehrerer Vorstellungen d. i. auf die Verbindung derselben zu und unter einander, also auf deren Form beziehen, müssen dann formelle oder Formgefühle heissen.
95. Nur die letzteren bilden die Grundlage der Aesthetik als Wissenschaft. Da die Verhältnisse zweier oder mehrerer Vorstellungen zu einander, insofern sie nur von deren Inhalt abhängen, so lange dieser Inhalt derselbe bleibt, immer dieselben sein müssen; da ferner die oben bezeichneten Formgefühle nichts anderes als die sich mit ihren Ursachen deckenden Effecte jener Verhältnisse im Bewusstsein sind, so folgt, dass dieselben Verhältnisse auch allezeit und in Jedermann dieselben Gefühle zur Folge haben werden d. h. dass die zwischen gewissen Vorstellungen ein für allemal ihrem Inhalt nach bestehenden Beziehungen allezeit und bei Jedermann von demselben Zusatz des Wohlgefallens oder Missfallens begleitet d. h. objective d. i. unbedingt wohlgefällige oder missfällige Formen sein werden. Von dieser Art ist z. B. das nur von dem Inhalt der beiden Töne, des Grundtons und der Quinte, abhängige und als solches unbedingt wohlgefällige Quintenintervall; ein solches die nur von der Beschaffenheit der beiden Farben, Roth und Grün, abhängige harmonische Farbenterz; ein solches endlich der nur von dem Verhältniss der beiden verglichenen Gedanken, des unbildlichen und des bildlichen, abhängige Gedankenaccord der Metapher.
96. Verbindungen derartiger beharrender Verhältnisse zwischen Vorstellungen mit den aus denselben entspringenden und daher ihrer Entstehung nach an deren Vorhandensein im Bewusstsein gebundenen (fixen) Formgefühlen werden, da sich die ersteren (die Verhältnisse) abgesondert von den letzteren (den Formgefühlen) für sich vorstellen lassen, also das Gefühlte mit dem Gefühl nicht in Eins zusammenfliesst, nicht mehr blos ästhetische Gefühle, sondern ästhetische Urtheile genannt. Das Subject derselben wird durch das zwischen den Vorstellungen herrschende Verhältniss (z. B. die Harmonie), das Prädicat derselben durch das darauf bezügliche Gefühl (z. B. die Wohlgefälligkeit) gebildet. Das Urtheil lautet in diesem Fall: die Harmonie zwischen a und b (d. i. den beiden im Verhältniss der Harmonie stehenden Tönen) gefällt. Die logische Natur dieser Urtheile besteht darin, dass der Umfang des Subjects und der Umfang des Prädicats unter einander congruent d. h. dass, so oft das Verhältniss der Harmonie, eben so oft auch das Wohlgefallen vorhanden ist. Dieselben sind daher, da ihre Subjects- und ihre Prädicatsvorstellung verschiedenen Inhalt, aber denselben Umfang haben, nach der logischen Idee der Aequipollenz identische, also unfehlbare Urtheile, und ihre Geltung d. h. die Behauptung, dass ein gewisses Verhältniss (z. B. die Harmonie) gefalle, unbedingt d. i. eben so allgemein als nothwendig.
97. Das Was des ästhetischen Scheins, wenn derselbe schön d. h. unbedingt wohlgefällig sein soll, kann daher niemals weder der Inhalt einer blossen Begierde, noch eine vereinzelte Vorstellung, sondern muss immer ein Verhältniss zwischen mehreren d. h. dasselbe muss stets ein zusammengesetztes aus einer Mannigfaltigkeit von Theilen, welche selbst wieder Vorstellungen sind, bestehendes Ganze sein. Da nun zwischen Vorstellungen, welche nicht verwandten, d. i. disparaten Inhalts sind, zwar ein Verhältniss, eben das der Disparatheit, stattfindet, dieses aber, da die beiden Vorstellungen keine innere Beziehung auf einander haben, im Bewusstsein keinerlei auf sich bezügliches Gefühl erzeugt (weder Lust noch Schmerz erweckt), also ästhetisch indifferent d. h. dem Vorstellenden gleichgiltig ist, so kann das Was des schönen Scheins nur ein Verhältniss zwischen verwandten d. h. entweder ganz oder theilweise identischen, oder entgegengesetzten Vorstellungen d. h. es muss selbst entweder die (ganze oder theilweise) Identität oder der Gegensatz der Vorstellungen sein.
98. In qualitativer Hinsicht ergeben sich daher für das Was des schönen Scheins folgende Möglichkeiten: entweder das Verhältniss zwischen den Theilen des Scheins, die selbst wieder Vorstellungen sind, ist das der völligen Identität, so dass beide dem Inhalte nach nicht, und da an dieser Stelle von der Intensität des Vorgestelltwerdens abgesehen wird, auch nicht durch dessen grössere oder geringere Lebhaftigkeit sich von einander unterscheiden, folglich eins und dasselbe und daher nach dem principium identitatis indiscernibilium eine und dieselbe Vorstellung sind. In diesem Falle findet zwar im strengsten Sinn Identität, aber kein Verhältniss zwischen den beiden statt, da zu jedem solchen zwei Glieder gehören, jene beiden Vorstellungen aber nur ein einziges ausmachen. Das Verhältniss der Identität kann daher, wenn ästhetisch, nur eines der theilweisen Identität sein.
99. Letztere, da sie darin besteht, dass beide Theile einen Theil ihres Inhalts mit einander gemein haben, während der Ueberrest, da beide Theile inhaltsverwandt sind, gegenseitig nicht im Verhältniss der blossen Disparatheit stehen kann, sondern in jenem des Gegensatzes d. h. der gegenseitigen Ausschliessung bestehen muss, kann nun entweder so beschaffen sein, dass das Gemeinsame das Gegensätzliche oder dieses jenes überwiegt, oder dass beides sich gegenseitig gleichschwebend erhält. Letzterer Fall bringt, da das Identische sowie das Gegensätzliche in beiden das nämliche, also abermals kein Verhältniss zwischen mehreren, sondern nur eins und das nämliche (nicht zweimal, sondern ein einzigesmal) vorhanden ist, eben so wenig wie die strenge Identität ein wirkliches Verhältniss, sondern nur den Schein eines solchen hervor und muss daher ebenso wie jene aus der Betrachtung gelassen werden.
100. Die überwiegende Identität kann nun entweder eine einseitige oder eine gegenseitige sein. Im ersten Falle findet der Inhalt des einen Gliedes sich ganz im Inhalt des zweiten, aber nicht umgekehrt dieser in jenem wieder. Im zweiten Fall enthält der Inhalt jedes der beiden Glieder etwas, das ihm mit dem Inhalt des andern gemeinsam, während der Rest des einen dem Reste des andern entgegengesetzt ist. Beide Glieder des Verhältnisses verhalten sich so, dass im ersten Fall eines das andere, aber nicht umgekehrt, im zweiten Fall dagegen jedes das andere abbildet. Und zwar verhält sich im ersten Fall dasjenige Glied, welches im andern ganz, in welchem aber das andere nur zum Theile enthalten ist, zu diesem anderen wie das Nachbild zum Vorbild, die Copie zum Original, wie denn auch das getreueste Porträt selbst dann, wenn es alle Züge der Individualität auf das genaueste ausprägt, hinter dieser noch um das Merkmal der wirklichen Belebtheit zurücksteht. Im zweiten Fall dagegen stellen beide Glieder dem Inhalt nach Unterarten eines dritten, des beide verknüpfenden Gemeinsamen (tertium comparationis) dar, zu welchem jedes derselben im Verhältnisse des Vorbildes zum Nachbilde steht.
101. Ausdruck der überwiegenden, sei es einseitigen, sei es gegenseitigen Identität im Bewusstsein ist ein Lust-, wie jener des überwiegenden Gegensatzes ein Unlustgefühl. Ersteres entsteht, indem die gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen des in ihnen enthaltenen Identischen halber mit einander zu verschmelzen, letzteres, indem dieselben des in ihnen enthaltenen Gegensatzes halber sich von einander gesondert zu halten streben. Jenes wie dieses Streben ist der Ausdruck eines psychischen Naturgesetzes, kraft dessen ihrem Inhalt nach ähnliche Vorstellungen einander zu verstärken, ihrem Inhalt nach entgegengesetzte einander gegenseitig zu hemmen gezwungen sind. Wenn daher in dem Inhalt zweier im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen Vorstellungen das Identische das Gegensätzliche überwiegt, so gewinnt auch das Streben nach Vereinigung beider durch Verschmelzung naturgemäss die Oberhand über das Streben nach Trennung beider durch Hemmung d. h. die Verschmelzung wird erleichtert; überwiegt dagegen das Gegensätzliche das Identische, so gewinnt das Streben nach Auseinanderhaltung Oberwasser, die Verschmelzung wird erschwert oder gänzlich gehindert. Ausdruck der Erleichterung wird das Lust-, jener der Erschwerung das Unlustgefühl.
102. Den empirischen Beweis für die vorstehende Erklärung liefert die Thatsache der Wohlgefälligkeit harmonischer d. i. solcher Ton- und Farbenverhältnisse, deren Glieder überwiegend identisch, sowie der Missfälligkeit solcher, deren Glieder überwiegend entgegengesetzt sind. Seitdem durch die physiologischen Theorien des Sehens wie des Hörens (von Helmholtz, Young u. A.) erwiesen ist, dass die früher (z. B. von Herbart) sogenannten einfachen Sinnesempfindungen als Elemente des Bewusstseins keineswegs einfach, sondern selbst aus einer Summe gleichzeitig vernommener elementarer Sinneseindrücke zusammengesetzt sind, handelt es sich bei dem Verhältniss zwischen solchen, wie es die Ton- und Farbenintervalle sind, nicht mehr um eine Beziehung zwischen einfachen (theillosen), sondern zwischen zusammengesetzten (aus Theilen bestehenden) Gliedern. Während es, wenn die Glieder eines (harmonischen oder disharmonischen) Ton- oder Farbenverhältnisses einfache sind, schlechthin unerklärlich bleibt, warum dieselben gefallen oder missfallen, wird die Begründung dieser empirischen Thatsache unter der Voraussetzung, dass jene Glieder aus Theilen bestehen, dadurch ermöglicht, dass gewisse (mehr oder minder zahlreiche) dieser Theile in beiden Gliedern dieselben seien. Ueberwiegt die Anzahl der beiden gemeinsamen Bestandtheile jene der in beiden einander entgegengesetzten, so muss ein wohlgefälliges, findet das Gegentheil statt, ein missfallendes Verhältniss sich ergeben.
103. Die Theorie der Obertöne in der Musik (Helmholtz), jene der gleichzeitigen Erregung der complementären Farben in der Optik (Young, Hering u. A.) gibt das Beispiel her. Da jeder Ton, der gehört, d. i. mittels des Ohres empfunden wird, kein abstracter, sondern ein concreter d. i. mittels eines gewissen Instruments, als welches auch das menschliche Stimmorgan gelten muss, hervorgebrachter ist und als solcher eine charakteristische, von der Beschaffenheit der Tonquelle herrührende Färbung, die sogenannte Klangfarbe, besitzen muss, so wird mit jedem empfundenen Ton nothwendig zugleich dessen Klangfarbe d. i. die denselben begleitende Wirkung der specifischen Natur des ihn erzeugenden Organs vernommen. Helmholtz nun hat gezeigt, dass die Wirkung, die wir Klangfarbe nennen, nichts anderes sei, als die Summe gewisser, jeden durch irgend eine Tonquelle erzeugten abstracten Ton (Grundton) begleitenden secundären Töne (Obertöne), deren akustischer Werth und numerische Menge je nach der Art der Tonquelle verschieden, z. B. bei dem Geigenton eine andere als bei dem Clavierton, bei der Alt- eine andere als bei der Sopranstimme u. s. w. ist. Werden daher gleichzeitig verschiedene Töne, deren jeder seine Klangfarbe besitzt, vernommen d. h. werden statt zweier abstracter Tonempfindungen zwei Summen von Tonempfindungen vernommen, deren jede aus der Empfindung des Grundtons und den Empfindungen seiner Obertöne zusammengesetzt ist, so kann nur zweierlei stattfinden: entweder beide Summen der Empfindungen haben nicht nur gemeinschaftliche, sondern so viele gemeinschaftliche Bestandtheile, dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen Tonempfindungen jenen der entgegengesetzten Tonempfindungen überwiegt, oder dieselben haben gar keine oder so wenig Tonempfindungen gemein, dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen gegen den der nicht-identischen Tonempfindungen (d. i. solcher, deren Töne nicht zusammenfallen, Schwebungen) verschwindet. Im ersten Fall consoniren, im zweiten dissoniren die Töne.