Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage

Part 33

Chapter 332,058 wordsPublic domain

422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in der leblosen und belebten Natur als "Weltverbesserung", so tritt sie als Verwirklichung der ästhetischen Ideen in derselben als "Weltverschönerung" auf. Als solche geht dieselbe darauf aus, die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen (Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe; Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt, die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint, wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung (Plastik) in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative (verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.

423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff, z. B. Felsgestein ("lebendigem Fels") eine bestimmte ästhetische Form ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches, lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein, Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn, Erz u. s. w.) einzeln geometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst) in Massen entweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz, behauenen Stein) zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei, welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen (Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen (Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade, Makart's "Festzug"), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.

424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors, Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegen gebunden, wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus, Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte (Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche, öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode, "chic") mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten Richtungen entspricht die sogenannte "Kunst im Hause", welche das Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung (Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen (Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst, welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel, Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge (Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof- und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik: Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als "Kleinkunst" (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten, Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen, als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.

425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die Kunst "schön zu leben" ("Kalobiotik": Rahel; W. Bronn). Dieselbe ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst "gut zu leben" ("rasend" gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch) überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin, aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung, Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden, sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie die Griechen und Goethe) zum "Kunstwerk" zu gestalten. Ergebniss derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen Wirklichkeit gestattet wird, ist eine schöne Erscheinungs-, wie jenes der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst eine wahre Gedankenwelt.

426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen, sondern ausschliesslich nach den Anforderungen der ethischen Idee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen ("blinden Willen": Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen, weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe, wenn sie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe, die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als auf die Herstellung der besten unter den überhaupt möglichen Naturen, beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal der besten Natur gerichtet sein könnte.

427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse, Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen denkbaren beste Verwaltung der gegebenen Natur der grösstmöglichen Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen) Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.

428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nur Verwaltungssystem, sondern das unter den gegebenen Verhältnissen beste Verwaltungssystem der Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur) zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur) ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs- und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt, nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer, Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenen Wünschen entsprechende Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus, Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete, dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur, der ethische Kosmos, die beste Welt (Optimismus).

429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt, die Kunst, ist der lebendige Culturprocess; die Entwickelungsgeschichte derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der Entwickelungsgeschichte der Cultur, der Culturgeschichte des Weltalls.

SCHLUSS.

430. Mit der Ideendarstellung in der Geistes- und Körperwelt ist die Philosophie als Kunst, wie mit der Darlegung des Ideeninhalts einer-, des Inhaltes der Wirklichkeit andererseits die Philosophie als Wissenschaft zum Abschluss gebracht. Der philosophische Realismus geht nicht von der Annahme aus, weder dass das Wirkliche als solches vernünftig, noch dass das Vernünftige als solches wirklich sei (Optimismus: Hegel); aber auch nicht von der entgegengesetzten, dass das Wirkliche als solches vernunftlos (Pessimismus: Schopenhauer), oder gar als solches vernunftwidrig (lebendiger Widerspruch; Realdialektik: Bahnsen) sei. Derselbe setzt aber voraus, sowol dass das Vernünftige, welches als solches nicht wirklich ist (die Ideen), wirklich, als dass das Wirkliche, welches als solches nicht nothwendig vernünftig ist (Natur, Geist, Geschichte), vernünftig werden kann, werden soll und werden wird, wenn nach dem bekannten Wort "Jeder seine Schuldigkeit thut". Die Verwirklichung der Ideen ist weder eine Thatsache, die in der Vergangenheit, noch eine solche, die in der Gegenwart, sondern eine Aufgabe, deren Erfüllung in der Zukunft und in den Händen des Menschen liegt. Der Traum eines "goldenen Zeitalters", von welchem ein nüchterner Rationalist wie Kant als von jenem des "ewigen Friedens", wie ein extremer Positivist wie Comte als dem "état positif" schwärmte, wird dann erfüllt sein, wenn die gesammte Ideenwelt real geworden und die gesammte Wirklichkeit von den Ideen durchdrungen d. h. wenn dasjenige, was Schiller "das Kunstgeheimniss des Meisters" nannte, die "Vertilgung des Stoffes durch die Form" offenbar, oder, wie Schleiermacher es ausdrückte, "wenn die Ethik Physik und die Physik Ethik" geworden sein wird. Eine Philosophie, welche, wie die vorstehende, sich weder wie die Theosophie auf einen menschlichem Wissen unzugänglichen theocentrischen Standpunkt versetzt, um von ihm aus den "Vernunfttraum" als längst geschaffene Wirklichkeit, noch wie die Anthropologie auf den zwar anthropocentrischen, aber unkritischen Standpunkt gemeiner Erfahrung stellt, um von ihm aus eine ideenerfüllte Wirklichkeit als "Traum der Vernunft" anzusehen, welche sonach zugleich anthropocentrisch d. i. von menschlicher Erfahrung ausgehend und doch Philosophie d. i. an der Hand des logischen Denkens über dieselbe hinausgehend sein will, ist Anthroposophie.

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