Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage

Part 30

Chapter 303,121 wordsPublic domain

390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen gereinigt ist, "sine ira", aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen geschieht, "cum studio". Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus, die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen einer kritischen Prüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist, auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst, wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme) herzustellen. Frucht der ersteren ist die naive d. i. empiristische und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen die bewusste d. i. philosophische, weil durch logische Kritik gesichtete Wissenschaft.

391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage, ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei, dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme) wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen), aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich, aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind, welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich, geschweige denn für wirklich, also auch nicht sie selbst für richtige und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird, zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung, denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften, Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur- und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind.

392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart) namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung (incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden sind. Dieselben sind sämmtlich "Thatsachen des Bewusstseins" d. h. sie finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher weder selbst gemacht, sondern gegeben, noch willkürlich anders gemacht, als er gegeben ist, sonach unabweislich. Derselbe ist aber zugleich so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil widersprechende Bestimmungen enthält, sonach unhaltbar. Bei dem Begriff des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin, dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt und doch aus Theilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.

393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen) bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage) verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik, nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-, Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende, sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen Form willen im eminenten Sinn "philosophisch" (rational, speculativ, dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).

394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie, vor, so liegt die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischen Mechanismus gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaft nach der Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt, unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand dem Umfange nach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde liegenden Massstabs ab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe nach logischen Normen gelegen ist.

395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene Wissenschaft ist Philosophie. Der Unterschied derselben von den besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht darin, dass sie anderes, sondern darin, das sie anders weiss. Wenn der Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der Erde, so bei der Theilung des (Bacon'schen) "Globus intellectualis" zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein wahre (Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt, unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst, deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen, deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft fällt mit der (formalen) Logik, letztere beiden als theoretische und praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit der Metaphysik (philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) und Aesthetik (philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden, welche auch als Ethik das unbedingt Gefallende am Wollen in sich schliesst) zusammen.

396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellen logische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselben schöne Kunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige, wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss, um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei, völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische) Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in nur wahr scheinende Gedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische, oder moralisch d. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte didaktische oder moralische Kunst ("moralisch Lied") ist daher nicht sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform (Lehrgedicht, Fabel).

397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die "Welt der Phantasie") bildet das Material der ästhetischen Ideendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen (des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie, in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke (Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize (Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation, Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft, die "statischen" Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen (ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche, gewellte Oberfläche u. s. w.), die "plastischen" Empfindungen, liefern das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst (Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse, und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen, welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich (wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig (z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen) oder ungleichartig (als Raumformen aus geraden und krummen Linien, ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende), wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen, für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar, oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung d. i. zur Dicht- oder poetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung der zeichnenden und der coloristischen Kunst die malerische, durch jene der rhythmischen und phonetischen Kunst die musikalische, durch jene der zeichnenden und bauenden die architektonische, und durch jene der zeichnenden und bildenden die plastische Kunst. Nur dürfen die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst, deren Empfindungen (die Tonempfindungen) nach einander (successiv), nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht und Farbenempfindungen) zugleich (simultan) auftritt, verbinden lässt.

398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde (z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans) die Unterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.

399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter die Herrschaft der ethischen Ideen gestellt d. h. dass sowol die Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles, was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles, was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche ("das Reich Gottes") im Wissen sucht und das der Erreichung desselben im Wege Stehende seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffen unterlässt d. h. nur Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, die Weisheit.

400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst der Geistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen Ideen die Kunst der Gemüthsbildung aus. Dieselbe geht, um Kunst d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl (z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre, freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung eines eben vorhandenen zufälligen und ausschliesslich individuellen Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten "vagen" oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige (sogenannte "fixe" oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört, allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige, machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren "Stimme" im Bewusstsein (die Idee in uns; das "Daimonion des Sokrates") aus. Je nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd über eigenes Verhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach beurtheilt, Geschmack (ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene Wollen billigt oder missbilligt, Gewissen (sittlicher Geschmack), in letzterem Falle sympathetisches Gefühl und zwar als harmonisches Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist, Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.