Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage

Part 29

Chapter 293,114 wordsPublic domain

377. Wie die andere ihresgleichen appercipirenden d. h. sich anschmelzenden Vorstellungsmassen im individuellen Bewusstsein, so stellen die einzelnen, jede für sich organisirten Gesellschaften (Familie, Stamm, Schule, Kirche etc.) innerhalb der räumlich, zeitlich und organisch zu einem Ganzen geeinigten Gesellschaft Mittelpunkte dar, welche vermöge ihrer bereits erlangten und befestigten Macht ihren Einfluss und Umfang durch die Heranziehung und Assimilirung gesinnungs- oder stammesverwandter Individuen zu vergrössern und zu erweitern bemüht sind. In diesem Sinne bildet sich um die durch Geburt, Ansehen oder Reichthum hervorragende Familie ein Familienanhang, um den durch Zahl, Macht oder Intelligenz zur Präponderanz gelangten Stamm ein Stammesgefolge, zieht die zu Gewicht und Nachdruck gelangte Schule (Staatsphilosophie Hegel's unter Altenstein) stets neue Anhänger, wie eine durch den Besitz himmlischer und irdischer Güter reich gewordene, mit Privilegien für jenseits und diesseits ausgestattete Kirche (Staatskirche, englische Hochkirche) stets neue Bekenner an sich und droht, indem sie aus einer staatähnlichen zu einer dem Staat ebenbürtigen oder demselben überlegenen Macht innerhalb der Gesellschaft heranwächst und die besonderen Familien- oder Stammes- (Nationalitäts-), Schul- oder Kircheninteressen allmälig im Allgemeinbewusstsein einen überwiegenden Einfluss gewinnen, zu einem Staat im Staate und dadurch für diesen selbst zu einer ähnlichen Gefahr, wie das im individuellen Bewusstsein übermächtig gewordene Neben- oder zweite Ich für die Ich-Vorstellung zu werden.

378. Wie die Ich-Vorstellung über das gesammte, oder doch den grössten Theil des Bewusstseins seine Herrschaft auszudehnen, so strebt der Staat über alle innerhalb seiner Raum-, Zeit- und Volksgrenzen vorhandenen organisirten Gesellschaften die Oberhoheit auszuüben d. h. sie aus unabhängigen in von ihm abhängige Corporationen, als seine Familien und Stämme, seine Schule, seine Kirche u. s. w. zu verwandeln. Derselbe duldet demgemäss innerhalb seines Umkreises weder sich souverän geberdende Feudalherren, noch von der Staatseinheit sich emancipirende Nationalitäten- oder Ländergelüste (Kantönligeist), eben so wenig von derselben unabhängige Unterrichts- (die "freie Schule"), oder religiöse Körperschaften (die "freie Kirche"), während diese ihrerseits gegen den "Racker von Staat" (Friedrich Wilhelm IV.) sich zu behaupten bemüht sind (Kampf der Reichsfürsten gegen den Kaiser, der Vasallen gegen den Landesherrn, der Provinzen und Stämme gegen das Reich, der "freien" d. i. katholischen Universitäten in Belgien gegen die Staatsuniversität, der Kirche gegen den Staat; "Culturkampf").

379. Wie die physischen, so üben die Gesellschaftskörper gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Wie die mechanisch zusammengesetzten Körper durch Häufung, so vergrössern sich die auf Association zu einem gemeinsamen Zwecke beruhenden Corporationen durch Vermehrung ihrer Mitgliederzahl in Folge der Fusion derjenigen, welche gleiche Zwecke verfolgen. Dieselbe wird überall dort, wo die gegebenen Umstände das gleichzeitige Bestehen mehrerer denselben Zweck verfolgenden Gesellschaften nicht erlauben, durch den daraus entspringenden "Kampf ums Dasein" d. i. durch die sogenannte "freie Concurrenz" herbeigeführt, dessen Devise das "ôte toi, que je m'y mette", und dessen Ursache das "da-" d. i. das "an dem Orte sein wollen" ist, den ein Anderer einnimmt. Dagegen stehen die auf der qualitativen Gleichheit oder Ungleichheit ihrer Mitglieder ruhenden Gesellschaften unter einander wie die chemischen Körper in wahlverwandtschaftlichen Beziehungen, vermöge deren bestehende Verbindungen in Folge stärkerer Anziehung gelöst und bisher nicht bestandene aus demselben Grunde geschlossen werden. Wechsel der Berufs-, der Standesgenossenschaft auf der einen, des Gegenstandes der Freundschaft, der Liebe auf der anderen Seite sind die Folgen derselben. Jene werden durch Abneigung gegen den gegenwärtigen, durch Vorliebe für den künftigen Beruf oder Stand, diese durch Antipathie gegen den bisherigen, Sympathie für den künftigen Gegenstand der Freundschaft oder der Liebe verursacht. Organische Gesellschaftskörper verschmelzen unter einander entweder auf realem z. B. dem geschlechtlichen Wege, indem durch Heirat verschiedenen Familien angehöriger Familienglieder (Familienheirat) eine neue Familie, durch Heiraten aus verschiedenen Stämmen ein neuer Stamm (Römer: aus Latinern und Sabinern), durch Ineinanderaufgehen zweier oder mehrerer Nationalitäten eine neue Nationalität (die englische: aus Sachsen und Normannen; die lateinische: aus Celten und Germanen; die amerikanische: aus Briten, Iren, Deutschen) entsteht, oder auf idealem Wege, indem aus der Vereinigung zweier oder mehrerer Wissens-, Glaubens-, oder politischer Genossenschaften eine neue Schule (z. B. die neuere Akademie aus Platonismus und Stoicismus), eine neue Kirche (z. B. die anglicanische aus Katholicismus und Lutherthum), eine neue politische Partei (z. B. Disraeli's Reformtories aus Tories und Peeliten) hervorgehen.

380. Autochthone Gesellschaften, die ihre "Scholle" behaupten, werden auf diesem Wege von nomadischen, welche dieselbe vorübergehend occupiren, letztere von staatbildenden, welche daselbst sich bleibend niederlassen wollen, im "Kampf ums Dasein" bedrängt und verdrängt. Wie jene nach einander, so treten gleichzeitige nachbarliche organisirte Gesellschaften (Familien, Stämme, Schulen, Kirchen und Staaten) im Kampf ums Dasein (Familienfehde, Stammesfehde, Schulzwist, Sectenhass, Krieg) in feindliche oder freundliche Berührung (Familienbund, Stammesbündniss, Schulen- und Kircheneinigung, Staatenbündniss.) Je nachdem die Folge derselben die gegenseitig anerkannte Unabhängigkeit oder die auf gewaltsamem oder friedlichem Wege herbeigeführte Abhängigkeit des einen von dem andern Gesellschaftskörper ist, geht im ersten Falle ein statisches Gleichgewicht zwischen denselben (Oesterreichs und Preussens Aequilibrium im deutschen Bunde; das "europäische Gleichgewicht") oder das Uebergewicht eines über die übrigen (Preussens im deutschen Reich; Russlands während der Zeiten der heiligen Allianz in Europa; der Nord- über die Südstaaten in Amerika), in beiden Fällen ein System von Gesellschaftskörpern (Staatensystem) aus demselben hervor, in welchem entweder die einzelnen sich zu einander wie Gegensonnen oder wie um eine Centralsonne rotirende Planeten verhalten. Ersteres kann, wenn die einzelnen Glieder (Staaten) ihrer Unabhängigkeit von einander ungeachtet zu einem Ganzen sich vereinigen, zu einer Gesellschaftsföderation (Staatenbund), letzteres, wenn die Abhängigkeit der vielen vom Centralkörper sich vermindert, zu einem Föderativkörper (Bundesstaat) führen.

381. Wie der die Zwischenräume der physikalischen Atome füllende Aether und die zwischen den festen Körpern befindliche Luftmasse, jener gleichsam die immaterielle, diese die materielle Atmosphäre der Körperwelt ausmacht, wie die auf die Beziehungen zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden bezüglichen Phänomene des Bewusstseins (die Gefühle) gleichsam die gemüthliche Temperatur der Bewusstseinswelt, deren Wärme oder Kälte ausdrücken, so stellt das innerhalb einer Gesellschaft vorhandene gemeinsame Bewusstsein mit seinen allen gemeinsamen Vorstellungen, Gefühlen und Strebungen gleichsam das psychische Innere der Gesellschaft, die ersten deren Geist, die zweiten deren Gemüth, die letzten deren Charakter dar. Erstere, der Inbegriff des im Bewusstsein der Gesellschaft lebenden Meinens, Glaubens und Wissens, macht dabei gleichsam die Licht-, die Summe der innerhalb derselben vorhandenen Lust- und Unlustgefühle, insbesondere aber jene der im gemeinsamen Bewusstsein wirksamen Mit- oder socialen Gefühle gleichsam die Wärme-, die magnetischen und elektrischen Phänomene innerhalb der gesellschaftlichen Atmosphäre aus, während die Zahl und Beschaffenheit der innerhalb der Gesellschaft begangenen Thaten, wenn dieselben als unvorsätzliche im Rausche der Leidenschaft begangene Handlungen angesehen werden dürfen, den Grad der innerhalb der Gesellschaftsatmosphäre vorhandenen, der Gewitterschwüle vergleichbaren, affectvollen Spannung, wenn sie dagegen als vorsätzliche, im zurechnungsfähigen Zustand zur Aeusserung gelangte Willensacte betrachtet werden müssen, das der mittleren Witterung ähnliche Niveau des innerhalb der Gesellschaft gegebenen Sittlichkeitszustandes bezeichnen. Licht und Finsterniss in der physischen kehren innerhalb der gesellschaftlichen Welt als die Gegensätze der Aufklärung und des Wahn- und Aberglaubens, Hitze und Kälte jener als Gemüthsfülle und Gemüthlosigkeit, Anziehung und Abstossung gleichnamiger und ungleichnamiger Pole als menschenfreundliches Mitgefühl und erkältende Selbstsucht, verheerende Sturmfluten, magnetische und elektrische Ungewitter, aber auch luftreinigende Gewitterstürme und befruchtende Frühlingsregen als zerstörende Ausbrüche entfesselter Leidenschaft, aber auch als heroische Thaten enthusiastischer Aufopferung, endlich der durchschnittliche Zustand der Licht- und Wärmevertheilung in dem durchschnittlichen Verhältniss begangener Ausschreitungen und Verbrechen (wie es die sogenannte moralische Statistik aufweist) zu der Zahl und dem Bildungszustand der Gesellschaft wieder.

382. Wie die Körper im Raume, die Vorstellungen im Bewusstsein, so wechseln die Gesellschaftsglieder ihren Ort innerhalb der Gesellschaft, die Gesellschaften selbst den ihrigen im Raume neben, in der Zeit nach und vor andern Gesellschaften. In dem "Kampf ums Dasein", welchen die Körper in der physischen, die Vorstellungen der Bewusstseinswelt, wie die Mitglieder der Gesellschaft um ihre Stellung in dieser mit einander führen, werden die einen, die herrschenden, von oben nach unten, andere, beherrschte, von unten nach oben gedrängt, und wie die Hindernisse, die dem im Raume bewegten Körper, und die Hemmungen, die der zur Klarheit aufstrebenden Vorstellung im Wege stehen, so die gesellschaftlichen Widerstände, welche den innerhalb der Gesellschaft Emporstrebenden begegnen, durch Glück oder Klugheit überwunden. Wandervölker und Auswanderer verändern den Ort ihres geselligen Zusammenlebens, während bis dahin blühende Gesellschaften durch Zerfall und innere Erschlaffung von ihrer Höhe herabsinken oder durch andere von derselben gestürzt werden. Wie aber der physische Körper gleich dem Bewusstseinsgebilde nicht blos den Ort, sondern auch Form und Stoff zu wechseln vermag, so geht der Gesellschaftskörper nicht nur aus der lockeren in engere Association (Actiengesellschaft in Handelscompagnie), sondern aus der qualitätslosen in die qualitative Genossenschaft (aus blosser Geselligkeit zur Freundschaft) und endlich in organische Verschmelzung (aus dem Liebesverhältniss zur Heirat und Familie) und organisirte Gesellschaft, diese aus der pflanzenartigen Form des Autochthonenthums aber selbst in die freibewegliche der Wandergesellschaft, nach dieser in die höhere Form der staatähnlichen Organisation und schliesslich in deren höchste und vollkommenste Gestaltung, den Staat über.

383. Wie der Stoff des Bewusstseins die primitiven Bewusstseinsacte, so ist der Stoff der Gesellschaft der Inbegriff jener Bewusstsseinsindividualitäten, welche unter einander durch die Congruenz ihres individuellen Bewusstseinsgehalts zu einem Alle umfassenden gemeinsamen Bewusstsein verbunden werden. Hört eines dieser Einzelbewusstsein auf, seinem Inhalt nach mit jenem der übrigen zu harmoniren, so gehört dasselbe nicht mehr dem Allgemeinbewusstsein an und hat der Einzelne, dessen Bewusstsein auf diese Weise sich von dem allgemeinen geschieden hat, innerlich längst aufgehört Gesellschaftsmitglied zu sein, auch wenn nach aussen hin dessen bisheriger Verband dem Anschein nach unverändert fortbesteht. So kann der innerlich von dem Glaubensbekenntniss einer Glaubensgenossenschaft Abgefallene äusserlich in dem gesellschaftlichen Verbande seiner Kirche fortleben, also längst "confessionslos" geworden sein, ehe er sich äusserlich als solchen bekennt. Mit der Auflösung des gemeinschaftlichen Bewusstseins löst die Gesellschaft sich selbst auf, mit der Selbstauflösung aller unter eine gemeinsame Kategorie (z. B. unter jene der Familie, der Schule, der Kirche etc.) gehörigen Gesellschaften tritt für jede jener Kategorien socialer Nihilismus (der Familie als Auflösung jedes Familien-, der Schule oder Kirche als solche jedes wissenschaftlichen und Bekenntnissverbandes) ein. Mit der Selbstauflösung des Staats als der gesellschaftlichen Verwirklichung der Gesellschaftsidee erfolgt die Verneinung dieser selbst, die Annihilisation eines gesellschaftlichen Verbandes überhaupt und damit die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand ungesellter Individuen, des Zerfalls des socialen, wie oben des physischen Stoffs, in seine Atome.

384. Wie die Gesammtheit der physischen Körper den Kosmos, die Gesammtheit der Bildungen des individuellen Bewusstseins die Seelenwelt des Individuums, so macht die Gesammtheit gesellschaftlicher Körper von den gleichgiltigsten und flüchtigsten Associationen bis zu dauerhaften, sei es durch Bluts-, sei es durch Ueberzeugungsbande verschmolzenen organischen und organisirten Corporationen und zu der ausdauerndsten und umfassendsten von allen, dem Staate und den Staaten in ihren gegenseitigen, sei es auf Ebenbürtigkeit, sei es auf Abhängigkeit gegründeten Beziehungen, als Staatensystem, so weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die Welt der Geschichte aus. Wie die Totalität des physischen und jene des im individuellen Bewusstsein sich vollziehenden psychischen Geschehens die Naturgeschichte des Kosmos und die Geschichte der Seelennatur, so stellt die Gesammtheit des innerhalb der Gesellschaft wie innerhalb der Gesellschaften von den unscheinbarsten Regungen eines gemeinschaftlichen Bewusstseins im Umkreis locker verknüpfter bis zu der reichsten Entfaltung gemeinsamen Denkens, Fühlens und Wollens unter einander physisch oder psychisch eng verwandter Individuen, von dem einförmigen Dahinleben der Natur- bis zu den wechselvollen Schicksalen hochcivilisirter Culturvölker, von den seltenen und zufälligen feindseligen und freundlichen Berührungen zerstreuter Horden, Familien und Stämme bis zu den eng verflochtenen materiellen und geistigen Interessen und dem Raum und Zeit überwindenden Handels-, literarischen und persönlichen Verkehr einer zu stets sich steigernder Gleichartigkeit der Bildung, der Sitten und der staatlichen Formen entwickelten Menschheit herauf, so weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die nach unveränderlichen Gesetzen sich vollziehende Entwickelungsgeschichte der Gesellschaft, die Weltgeschichte dar.

DRITTES BUCH.

DIE KUNST.

ERSTES CAPITEL.

DIE BILDUNGSKUNST.

385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des ersten vorschreibende, noch wie jener des zweiten Buches beschreibende Betrachtung, sondern reale Bethätigung ist, die Ideen in die Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet, harmonisch zu gestalten.

386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird, weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter, also selbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem, eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer Anlage oder aus "göttlicher Trägheit" entspringen kann).

387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller) Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen (leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen, ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt die Kunst der Selbstbildung oder die Bildungskunst. Die zweite als Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen, das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der Bildung Anderer oder die Bildekunst. Die dritte als die Kunst, die Processe und Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln, ergibt als Kunst die Natur zu bilden, die bildende Kunst.

388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächst logische Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl, oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen, oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist, tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten (Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann.

389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch, Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmender Beziehung steht d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt, für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein, dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will, für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will, für das Gegentheil zu halten. Aus dem ersteren entspringt, wenn das für wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich, dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute oder schlimme Ahnung, -- wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten, je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten, oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.