Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage

Part 27

Chapter 273,187 wordsPublic domain

359. Alle bisher in Betracht gezogenen Bewusstseinsvorgänge waren entweder primitive Bewusstseinsacte, oder solche, welche aus diesen in Folge der zwischen ihnen herrschenden quantitativen und qualitativen Beziehungen entstanden sind. Machen nun jene Beziehungen, von den mittels derselben hervorgerufenen Bewusstseinsgebilden abgesehen, abgesondert für sich im Bewusstsein sich geltend, so entsteht eine neue Classe von psychischen Phänomenen, die von der ersteren zwar insoweit abhängig ist, als sie ohne Vorhandensein jener überhaupt nicht entstände, sich aber zugleich dadurch von jener unterscheidet, dass ihre Veranlassung nicht, wie bei den primitiven Bewusstseinsacten, ausser dem Bewusstsein (in Nervenreizen), sondern im Bewusstsein selbst liegt d. i. in den Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden im Bewusstsein selbst herrschen. Solche Beziehungen sind z. B. die relative Unterdrückung oder im Gegensatz dazu die relative Befreiung, welche Gebilde im Bewusstsein durch andere in demselben Bewusstsein erleiden oder erleben, und die Bewusstseinsvorgänge, welche durch solche veranlasst werden, z. B. die Unlust bei der Einklemmung, die Lust bei der Erlösung eines Bewusstseinsgebildes durch andere, werden Gefühle genannt. Während alle primitiven Bewusstseinsacte und in Folge dessen alle aus denselben in directer Reihe gewordenen, wenn auch in noch so entfernter und sinnlich abgeblasster Weise zu ihrem Gegenstand ein äusseres Object haben, ist das Object der Gefühle, das relative Verhältniss der Bewusstseinsgebilde im Bewusstsein zu einander, im eminenten Sinne ein inneres und der Inhalt derselben dem Inhalt der (sinnlichen wie unsinnlichen) Vorstellungen (Anschauungen oder Begriffe) durchaus unähnlich. Dieselben lassen sich als psychische Phänomene mit jenen physischen vergleichen, deren Ursache nicht in den physikalischen Atomen und deren Verknüpfung zu Körpern, sondern in dem die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Weltäther und dessen Beziehungen zu dem physischen Stoffe zu suchen ist. Licht, Wärme, Magnetismus und Elektricität stellen Erscheinungen dar, deren Grund nicht in den Atomen, sondern zwischen denselben liegt; Lust und Unlust, Freude und Schmerz Phänomene, deren Grund nicht oder doch wenigstens nicht immer in dem Inhalt, sondern in der Lage gewisser Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewusstsein zu finden ist. Die Vorstellung des abwesenden Freundes ist von einem Unlustgefühl begleitet; nicht weil uns die Vorstellung des Freundes unangenehm, sondern weil dieselbe durch das Bewusstsein seiner Abwesenheit gedrückt und dadurch in eine Klemme gerathen ist, aus welcher dieselbe zu befreien wir uns ausser Stande wissen. Dieselbe Vorstellung tritt aber sogleich in Begleitung eines Lustgefühls auf, wenn die Erscheinung des Freundes dieselbe aus dem Banne der Vorstellung seiner Abwesenheit erlöst. Dieselben zerfallen (wie die Aetherphänomene) von vornherein in zwei Classen, je nachdem die Entstehung des Gefühls von der Beschaffenheit des Inhalts der Vorstellung, an die es sich heftet (wie dort die Beschaffenheit des Aetherphänomens von der Qualität der Körper, deren Zwischenräume er ausfüllt) unabhängig, oder durch denselben (wie dort das Aetherphänomen durch die specifische Natur der Körper) bedingt ist. Gefühle ersterer Art, weil sie durch Vorstellungen jedes beliebigen Inhalts veranlasst werden können, werden (von Herbart) treffend als "vage", solche, die einen bestimmten Vorstellungsinhalt voraussetzen, als "fixe" bezeichnet. Jene entsprechen in dieser Hinsicht den Licht- und Wärme-, diese den magnetischen und elektrischen Phänomenen. Jene, da sie nicht nur bei jeder Vorstellung andere, sondern auch bei derselben Vorstellung verschiedene, um so mehr in verschiedenen mit Bewusstsein ausgerüsteten Individuen immer wieder andere sein können (indem nicht nur Demselben dasselbe bald süss bald bitter, sondern auch Verschiedenen dasselbe verschieden schmeckt), haben mit Recht zu dem Sprichwort, dass sich über den Geschmack (eigentlich das Gefühl) nicht streiten lasse, Veranlassung gegeben und sind ihrer "Subjectivität" halber auch wohl "subjective Gefühle" genannt worden. Diese, die fixen Gefühle, trifft zwar obiges Sprichwort nicht, weil die an dem Inhalt gewisser Vorstellungen haften und daher stets nicht nur im einzelnen, sondern in jedem Bewusstsein im Gefolge dieser Vorstellungen auftreten, also im Gegensatz zu den subjectiven Gefühlen "objectiv" (allgemein d. i. allen gemein) sind; dafür tritt bei ihnen, wenn nicht besonders Rath geschafft wird, der allgemeine Uebelstand des Gefühls, dass es sich, statt auf Objecte, auf das Subject d. i. statt auf Vorgestelltes, auf den Vorstellenden selbst bezieht (in Bezug auf jenes also "dunkel" ist, nicht weiss, was es fühlt) so sehr in den Vordergrund, dass dasselbe darum mit Misstrauen betrachtet und von dem Versuch, auf dasselbe eine Wissenschaft zu gründen, ausgeschlossen zu werden pflegt. Dieser Uebelstand schwindet, wenn das Gefühlte (die Vorstellung) nicht, wie es bei dem sogenannten Angenehmen und Unangenehmen der Fall ist, mit dem Gefühl in eins zusammenrinnt, sondern, wie es bei dem Schönen und Hässlichen der Fall ist, von dem Gefühl abgesondert vorgestellt d. h. nicht nur gefühlt, sondern auch gewusst und als Subject eines ästhetischen Urtheils d. i. eines solchen, dessen Prädicat ein Wohlgefallen oder Missfallen ausdrückt, im Verhältniss zu einem andern Gleichartigen (ganz oder theilweise Identischen oder Gegensätzlichen) seiner Uebereinstimmung oder Nichtübereinstimmung nach mit diesem und dadurch seinem Werthe nach beurtheilt wird. Wie der Inbegriff der Gefühle (der vagen wie der fixen) überhaupt das Gemüth, so wird der Inbegriff der ästhetischen Urtheile, die ihrer logischen Natur nach identische, also unfehlbare Urtheile sind, der Geschmack, in dem besonderen Fall, wenn das Object des ästhetischen Urtheils ein Wollen ist, das Gewissen genannt.

360. Wie die Aetherphänomene zeigen auch die Gemüthserscheinungen Gegensätze und Intensitätsunterschiede, die bei jenen durch die Bezeichnungen Helligkeit und Finsterniss einerseits, Hitze und Kälte andererseits, bei diesen durch die Begriffe Lust und Unlust einer-, Freude (gesteigerte Lust) und Schmerz (gesteigerte Unlust) andererseits ausgedrückt werden. Wie unter den ersteren die magnetischen und elektrischen Erscheinungen insofern eine besondere Stellung einnehmen, als sie zu ihrem wirksamen Hervortreten der Gegenwart eines anderen Körpers bedürfen, welcher entweder angezogen oder abgestossen wird, so spielen unter den Gefühlen diejenigen, welche zu ihrem Hervortreten der Gegenwart eines zweiten Bewusstseins bedürfen, in welchem ähnliche oder entgegengesetzte Gefühle entweder wirklich vorhanden sind oder doch vorhanden zu sein scheinen, die sogenannten sympathetischen oder Mitgefühle, eine eigenthümliche Rolle. Dieselben stellen als Mitleid und Mitfreude die Wiederholung eines wirklichen oder vermeintlichen Leid- oder Lustgefühles des fremden im eigenen Bewusstsein, dagegen als Neid und Schadenfreude die Begleitung eines wahren oder vermeintlichen Lust- oder Leidgefühles im andern durch ein dem Inhalt nach entgegengesetztes Gefühl im eigenen Bewusstsein dar. Fremdes und eigenes Gefühl sind im ersten Fall gleich-, im letzteren ungleichnamig. Wie der elektrische Strom durch sogenannte Induction einen ihn in gleicher oder entgegengesetzter Richtung begleitenden, so erzeugt fremdes wirkliches oder vermeintliches Gefühl durch Nachahmung das ihm gleiche oder entgegengesetzte im eigenen Bewusstsein. Leid und Freude wirken ansteckend wie Weinen und Lachen und pflanzen sich unwillkürlich, ja wider Willen von einem zum andern fort. Sympathetische Gefühle haben daher, auch wenn sie wie Mitleid und Mitfreude einen guten oder wie Neid und Schadenfreude einen schlimmen Charakter zu haben scheinen und Veranlassung zu wohlthätigen wie zu feindseligen Handlungen werden können, im Grunde weder den einen noch den andern, sondern entstehen durch einen blossen Naturprocess. Da dieselben jedoch, um zu Tage zu treten, der Gegenwart eines zweiten Individuums bedürfen, so weisen dieselben über den Umkreis des einzelnen hinaus und stellen zwischen diesem und dem andern eine zunächst blos ideelle d. h. nur im Bewusstsein des Mitfühlenden vorhandene Verbindung her, die aber, wenn das Gefühl Willensentschliessungen und in deren Folge Handlungen nach sich zieht, zu einer realen, den andern entweder anziehenden (sympathische Annäherung) oder von sich entfernenden (antipathische Abstossung) Beziehung werden, daher die Gesellung der Individuen entweder befördern oder hemmen kann, daher die sympathetischen Gefühle auch als sociale oder gesellige Gefühle bezeichnet und die aus denselben entspringenden Attractionen und Repulsionen zwischen den Individuen mit den Wirkungen zwischen den physikalischen Atomen wirksamer Anziehungs- und Abstossungskräfte verglichen werden.

361. Wie plötzlich zu grosser Intensität gesteigerte und über einen ausgedehnten Raum sich verbreitende Aetherphänomene als (magnetisches, elektrisches) "Ungewitter", so werden plötzlich hochgesteigerte Gefühle, wenn dieselben sich über den grössten Theil des Bewusstseins oder über das ganze Bewusstsein in der Weise ausbreiten, dass die Ich-Vorstellung unterdrückt und die von dieser ausgehende, beherrschende Macht vorübergehend aufgehoben wird, als Affecte bezeichnet. Wie jene ihres keineswegs unvorbereiteten, aber unvermutheten Auftretens halber Ausnahmen von dem gewohnten Naturlauf, so scheinen diese, da sie, obgleich nicht ohne Grund, doch ohne bekannten Grund erfolgen, gesetzlose Unterbrechungen des regelmässigen Bewusstseinsverlaufs zu bilden, daher sie, wie jene als elementare, so als psychische Zufälle betrachtet zu werden pflegen. Dort scheint die Natur, hier ist in Folge der Unterdrückung der Ich-Vorstellung der im Affect Befindliche ausser sich und die durch das aussergewöhnliche Ereigniss in der Natur (Erdbeben, Sturmflut, Blitzstrahl u. s. w.) etwa angerichteten Verheerungen können eben so wenig den (vorübergehend ausser Wirksamkeit gesetzt zu sein scheinenden) Naturgesetzen, als die etwa im Zorn verübten unerlaubten oder gemeinschädlichen Handlungen dem (vorübergehend seiner Herrschaft über das Bewusstsein beraubten) Ich des Zornigen zur Last gelegt werden. Folge der plötzlichen Lösung des Bandes zwischen der Ich-Vorstellung und dem bis dahin von dieser beherrschten Bewusstseinsinhalt ist es auch, dass die etwa bestehenden Associationen zwischen inneren Gemüths- und äusseren Körperbewegungen widerstandslos zum Ablauf kommen und daher der vorhandene Gemüthszustand z. B. des Zornes, dessen Aeusserung sonst durch die Schranken des Wohlanstandes gehemmt oder doch gezügelt würde, sich rücksichtslos in masslose Reden und Handlungen umsetzt. Je nachdem die Ursache, durch welche die Ich-Vorstellung und deren Herrschaft unterdrückt wird, darin besteht, dass plötzlich eine zu grosse Menge von Vorstellungen auf einmal ins Bewusstsein eindringt, neben welchen jene sich nicht zu behaupten vermag, oder dass Umstände eintreten, welche bewusstes Vorstellen (also auch das der Ich-Vorstellung) überhaupt unmöglich machen, werden die Affecte in sthenische (Affecte der Stärke) und asthenische (Affecte der Schwäche) eingetheilt. In jenen wird die Ich-Vorstellung gehemmt, während die durch den Affect herbeigeführten Vorstellungen einander gegenseitig unterstützen; in diesen werden die letzteren sich zugleich unter einander selbst hemmen. Ersterer Art ist der Zorn, welcher beredt, letzterer der Schrecken, welcher stumm macht.

362. Wie das in der Zeit vor sich gehende wirkliche Geschehen in der physischen, so ist auch das in der psychischen Welt ein dreifaches. Wie die erste Art desselben in der Körperwelt darin besteht, dass der Körper sich bewegt d. h. seinen Ort im Raume, so besteht die erste Art des Geschehens in der Bewusstseinswelt darin, dass der Bewusstseinsact aus seinem gegenwärtigen in einen anderen, also zukünftigen Zustand überzugehen strebt d. h. seinen "Ort" im Bewusstsein verändert. Von dieser Art ist das Aufstreben einer durch andere verdunkelten d. h. unter die Schwelle des Bewusstseins gedrückten Vorstellung aus der Tiefe nach oben gegen die hemmenden Widerstände. Jede auf diese Weise im Streben begriffene Vorstellung stellt ein Begehren dar, dessen Gegenstand, der zu erreichende Zustand der Vorstellung, abwesend, und dessen Befriedigung eben die Erreichung jenes Zustandes der Vorstellung selbst ist. Folge des Gesagten ist, dass ohne Vorstellung des Begehrten keine Begierde entstehen (ignoti nulla cupido), aber auch, dass jede Vorstellung Sitz einer Begierde werden kann. Dieselbe wird gesteigert, je mehr Hindernisse sich der Erreichung ihres Ziels in den Weg stellen d. h. je grösser die Zahl und der Druck derjenigen Vorstellungen ist, welche dem Inhalt der aufstrebenden Vorstellung des Begehrten entgegengesetzt sind. Die Vorstellung der Nahrung erzeugt in dem Hungrigen eine Begierde, weil sich dieselbe durch die Abwesenheit ihres Gegenstandes (den Mangel an Nahrung) in gedrücktem Zustande befindet. Dieselbe strebt nach Befriedigung, indem der Hungrige diejenigen Hindernisse zu beseitigen sucht, welche der Anwesenheit des Begehrten (der Herbeischaffung von Nahrungsmitteln) im Wege stehen. Sind dieselben beseitigt d. h. ist die Nahrung nicht nur herbeigeschafft, sondern der Hungrige wirklich in deren Genuss begriffen, so hört die Begierde auf. Die Befriedigung ist erreicht, die Vorstellung der Nahrung, die bis dahin eine blosse Einbildung war, ist zur Empfindung, die bis dahin nur "imaginirte" zur "geschmeckten" Speise geworden d. h. die Vorstellung der Nahrung hat sich aus dem Zustande einer Fiction in den einer sinnlichen Wahrnehmung bewegt, also ihren "Ort" im Bewusstsein wirklich verändert.

363. Je nachdem der Gegenstand einer aufstrebenden Vorstellung ein sinnlicher oder nicht-sinnlicher (intellectueller), kann das Begehren selbst ein sinnliches oder intellectuelles, je nachdem dasselbe von einer Vorstellung über Erreichbarkeit oder Nichterreichbarkeit, Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Begehrten nicht nur begleitet, sondern von dieser abhängig gemacht wird oder nicht, wird es verständiges oder verstandloses, vernünftiges oder vernunftloses Begehren heissen. Das verständige Begehren ist Wollen, wenn es begehrt, weil das Begehrte ihm erreichbar, dagegen blosser Wunsch, wenn es begehrt, ungeachtet das Begehrte ihm unerreichbar scheint. Das vernünftige Begehren ist vernünftiges Wollen, wenn es begehrt, was und weil dasselbe nicht nur erlaubt, sondern geboten, dagegen verblendetes Wollen (Leidenschaft), wenn ihm, was es begehrt, erlaubt, vernunftwidriges (böses) Wollen, wenn es begehrt, was und obgleich es ihm selbst unerlaubt, ja verboten scheint. Die Gesammtheit des innerhalb eines individuellen Bewusstseins enthaltenen Begehrens macht dessen (psychisches) Naturell, die Gesammtheit des innerhalb desselben eingeschlossenen verständigen und vernünftigen oder verstand- und vernunftlosen Wollens dessen (im psychologischen Sinne des Worts) Charaktermässigkeit oder Charakterlosigkeit aus.

364. Wie in der physischen, so auch in der psychischen Welt ist die zweite Art der wirklich vor sich gehenden Veränderung ein Formwechsel. Wie der feste Körper in flüssigen und luftförmigen, so kann das Bewusstseinsgebilde aus dem lockeren Zustand blosser Complication in den inniger Verschmelzung homogener Elemente übergehen. Wie der chemische Körper in Folge der Anziehung wahlverwandter Elemente Bestandtheile abgibt und andere an sich zieht, so wird durch die Verschmelzung identischer und die Ausstossung sich unter einander ausschliessender Bestandtheile einer-, durch die Verbindung bis dahin unverbundener Bestandtheile andererseits die Form der Bewusstseinsgebilde verändert, werden im ersteren Fall aus sinnlichen Vorstellungen durch Abstraction der gemeinsamen Bestandtheile Gemeinbilder (Begriffe), im letzteren Fall durch Combination bisher getrennter, obgleich mit einander verträglicher Bestandtheile durch die Erfahrung gegebener sinnlicher Vorstellungen neue durch die Erfahrung nicht gegebene sinnliche Bilder (Phantasievorstellungen) hervorgebracht. Wie endlich die Formen der Organismen durch organische Transmutation der Arten und Gattungen im Pflanzen- wie im Thierreich in einander übergehen, so werden aus den ursprünglich auf Grund von Anschauungen entstandenen Begriffen durch fortgesetzte Abstraction höchste und allgemeinste Begriffe (Kategorien) und wird durch fortgesetzte Combinationen sinnlicher Erfahrungselemente eine neue erfundene Welt voll sinnlich anschaulicher Lebendigkeit (Phantasiewelt) gewonnen. Während aber in der physischen Welt die Erfahrung den Beweis für den Uebergang der unorganischen in die organische und dieser in die bewusste Form bisher schuldig geblieben ist, tritt im Bewusstseinsleben die Abhängigkeit der beiden scheinbar fundamental verschiedenen Classen von Bewusstseinsphänomenen, der Gefühle und der Bestrebungen, von jener der Vorstellungen offen an den Tag, indem sowol die Gefühle wie die Strebungen sich nicht als gattungsmässig verschiedene Vorgänge, sondern als blosse Zustände der Vorstellungen herausgestellt haben.

365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt, indem der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den intensiven psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung, Gefühl, Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand (Lautsprache, Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der Bewusstseinsvorgang in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort die Bewegung der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung in das Bewusstsein, so wird hier der Gedanke durch den tönenden Laut des Worts, das Gefühl durch den sichtbaren Ausdruck der Miene, der Wille durch die von ihm veranlasste Bewegung des eigenen und dadurch mittelbar eines oder mehrerer fremder Körper wieder in die materielle d. i. in die Körperwelt aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan schallend bewegte atmosphärische Luft als Verkörperung des Gedankens, die unwillkürlich veränderte oder (im Affect) verzogene Physiognomie als Verleiblichung des Gemüths, die durch Muskelbewegung der eigenen Leibesglieder bewegte Verschiebung der anstossenden Nachbarkörper als sich bethätigende Aeusserung des eigenen Willens erscheint. Die erste als hörbares Zeichen für die Vorstellung liefert das Werkzeug für die Bewahrung und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die Grundlage der Sprache. Die zweite als sichtbares Zeichen für das im Innern lebendige Gefühl liefert das Material zur Veranschaulichung des Anderen (Höheren, Niederen oder Gleichen) gegenüber vorhandenen oder doch vorhanden zu sein scheinenden Gefühls und bildet als solches die Grundlage der Sitte. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert den greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten streitsüchtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher die Grundlage des Rechts. Indem das individuelle Ich auf diese Weise sein Inneres nach aussen kehrt, die Vorgänge seines Bewusstseins in Reden, Geberden und Thaten umsetzt und dadurch für andere seinesgleichen hörbar, sichtbar und greifbar macht, wird dasselbe aus einem vereinzelten zum sociabeln d. i. des geselligen Zusammenseins mit Anderen fähigen und dadurch in Vereinigung mit diesen zur Grundlage eines Mehreren gemeinsamen d. i. des Social-Ichs.

366. Wie die Gesammtheit der Weltkörper und ihrer "Parasiten" den physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit der im individuellen Bewusstsein während der gesammten Fortdauer desselben vertheilten Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, Gefühle, Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben der innern Erfahrung zugänglich sind, in ihren gegenseitigen Beziehungen zu und ihrer relativen Abhängigkeit von einander, von den primitiven, namenlosen Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso anonymer Nervenreiz oder eine unmerkliche Transversalschwingung des Weltäthers entspricht, bis zu den höchsten und ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs, des verfeinerten Geschmacksurtheils und des der empfindlichsten Gewissensstimme willig gehorchenden Willensentschlusses herauf die Seelenwelt des Individuums aus. Wie dort die Totalität des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so stellt hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach unveränderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu der logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu Urtheilen, Urtheilen zu Schlüssen, Schlüssen zu Gedankensystemen und dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie alle umfassenden Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der Lust und Unlust bis zu Entzücken und Jammer und den verheerenden Stürmen affectvoller Gemüthserschütterung, von sinnlichen Gelüsten und kindischen Wünschen bis zu sittlichen Entschliessungen und männlichen Thaten andererseits herauf, soweit dasselbe der innern Erfahrung zugänglich ist, den Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die Naturgeschichte der Seele dar.

DRITTES CAPITEL.

DAS SOCIAL-ICH.

367. Wie mit der Einkehr des anziehend oder abstossend nach aussen gewandten einfachen Wirklichen in sich selbst die Möglichkeit des individuellen, so ist mit der Auskehr des Innern in Rede, Geberde und Handlung die Möglichkeit eines Mehreren gemeinsamen Bewusstseins gegeben. Letzteres kann nicht bedeuten, dass in Mehreren dasselbe, sondern nur dass in Mehreren ein gleiches Bewusstsein oder, was dasselbe ist, dass der Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins Mehrerer das gleiche, dieses Bewusstsein selbst aber nichts desto weniger bei jedem das eigene sei. Identität des Bewusstseins in dem Sinne, dass dasselbe Bewusstsein in Allen sei, würde die Individualität der Einzelnen in den blossen Schein einer solchen verwandeln, das Bewusstsein des Einzelnen in einen Bewusstseinsact des in Allen identischen Allgemeinbewusstseins auflösen. Letzteres darf daher nicht als Substanz, zu welcher die Einzelbewusstsein wie vorübergehende modi sich verhalten, sondern muss als Summe der in Mehreren gleichen d. i. dem Inhalt, nicht der Zahl nach eins seienden Bewusstseinsacte gedacht werden. Die Einzelbewusstsein, welche zusammengenommen die Voraussetzung eines ihnen allen gemeinsamen Bewusstseins ausmachen, sind ihrer realen Basis nach so wenig eins, dass derselbe Bewusstseinsinhalt in dem einen mit grösserer, in dem andern mit geringerer Lebhaftigkeit, dort mit völliger Klarheit, hier im ungewissen Dunkel vorhanden sein kann, ohne dass derselbe aufhört, jenem mit diesem gemein und dadurch ein integrirender Bestandtheil des gemeinsamen Bewusstseins, der "Volksseele" zu sein.

368. Niemals darf die letztgenannte als eine von den "Seelen" der Angehörigen des Volks real unterschiedene, gleichsam als eine Seele vor, neben oder über den ihrigen gedacht werden. Dieselbe stellt nichts weiter als den mit einem Namen bezeichneten Inbegriff dessen dar, worin alle Volksangehörigen als vorstellende, fühlende und strebende Wesen mit einander dauernd übereinstimmen d. h. was abgesehen von den Privat- und individuellen Meinungen, Geschmäcken und Gelüsten jedes Einzelnen den bleibenden und Allen gemeinsamen Bestandtheil ihres Fürwahrhaltens, Werthhaltens und Anstrebens ausmacht.