Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage
Part 26
354. In dieser appercipirenden Macht, welche die Ich-Vorstellung über die Gebilde des Bewusstseins im weitesten Umfange ausübt, liegt der Grund, weshalb der sich selbst begreifende Begriff d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse gewordene Gemeinbild "Ich-ähnliche" Vorstellung genannt werden kann. Derselbe kann, während er für die Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein das Centrum bildet, seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche das Centrum des individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem Kreise gehörig appercipirt werden. Jeder derselben lässt sich mit einem jener kleineren Centralkörper, im Weltraum vergleichen, welcher seinerseits wieder einem grösseren ein ganzes Weltsystem beherrschenden Centralkörper unter- und in dessen Umkreis eingeordnet ist. So wenig die Abhängigkeit von diesem die relative Selbstständigkeit jenes ersten anderen gegenüber, so wenig schliesst die Apperception des zum Begriff gewordenen Gemeinbilds durch das Ich die Fähigkeit des ersteren aus, seinerseits zu seinem Kreise gehörige Vorstellungen als die seinigen zu appercipiren. Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff im Grossen, so stellt jeder für sich ein Ich im Kleinen dar und öffnet dadurch die Möglichkeit, unabhängig vom Ich als ein solches für sich d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu machen.
355. Abnorme Erscheinungen des Bewusstseinslebens, in welchen neben der herrschenden Ich-Vorstellung eine zweite deren Rolle usurpirende Vorstellungsmasse ihrerseits einen Theil des Bewusstseinsinhalts an sich reisst, so dass in Folge dessen, wie etwa in einem und demselben Weltsystem zwei Centralkörper, so in einem und demselben Bewusstsein zweierlei Ich sich in die Herrschaft über dasselbe getheilt zu haben scheinen, lassen sich auf die übermächtig gewordene Apperception solcher "Neben-Iche" zurückführen. In dem Geisteskranken, der sich in seinem Delirium für Gott Vater hält und als solcher beträgt, während er in den sogenannten lichten Zwischenräumen bei gutem Verstande ist und seinem eigentlichen Ich gemäss denkt, will und handelt, ist jene fixe Idee zum ichartigen Mittelpunkt geworden, um welchen herum der mit demselben harmonirende Theil des Bewusstseinsinhalts sich krystallisirt, während der mit ihm disharmonirende von demselben abgestossen wird. Folge davon ist, dass der Kranke während seiner gesunden Momente von dem, was er während seines "Aussersichseins" geredet und gethan, kein Bewusstsein haben kann, da die betreffenden Bewusstseinsphänomene nicht von seiner d. i. von der Ich-Vorstellung seines gesunden Bewusstseinslebens, sondern von einer dieser fremden, wenngleich innerhalb desselben "Bewusstseinsraums" befindlichen, ihrerseits als Ich-Vorstellung fungirenden Vorstellungsmasse appercipirt worden sind. Folge aber auch, dass ein solcher Kranker von der Haltlosigkeit seiner Selbsttäuschung niemals überzeugt werden kann, da ja derjenige, der Ueberzeugungsgründen zugänglich ist, mit demjenigen, welcher derselben bedarf, zwar real d. i. insofern deren beiderseitigem Bewusstsein derselbe atomistische Träger zu Grunde liegt, identisch, dem Bewusstsein d. h. dem von einer und derselben Ich-Vorstellung appercipirten Umkreis psychischer Vorgänge nach aber von demselben gänzlich verschieden ist.
356. Mit dem Erwachen und allmäligen Heranwachsen der Ich-Vorstellung, welches nicht mit dem Erwachen des Bewusstseins d. h. mit dem Auftauchen psychischer Vorgänge zu verwechseln ist, tritt in der Entwicklungsgeschichte des psychischen Lebens ein Wendepunkt ein. Das neugeborne Kind hat ein Bewusstsein d. h. in demselben finden nicht nur primitive Bewusstseinsacte, sondern bereits aus solchen durch Complication und Verschmelzung sich bildende Empfindungen, Anschauungen und sinnliche Vorstellungen, aber es hat keine Ich-Vorstellung und in Folge dessen findet keine Apperception der in ihm vorgehenden Bewusstseinsacte als der seinigen statt. Wie die Processe in der Körperwelt des Weltraums vor dem Auftreten des Menschen zwar gesetzmässig ihren Verlauf nahmen, aber weder als solche gewusst, noch von irgend einem Wesen als zu ihm in irgend einem Verhältniss stehend auf sich bezogen werden, so wickeln sich die Processe im Bewusstsein vor dem Auftreten der Ich-Vorstellung in diesem zwar gesetz- und regelmässig ab, ohne jedoch als solche gewusst und von irgend einer auf den Träger des Bewusstseins bezüglichen Vorstellungsmasse als die ihrigen angeeignet zu werden. Während der leblose Naturkörper den ihn bewegenden Impulsen der Naturkräfte Widerstand und bewusstlos Folge leistet, ist es für den belebten Naturkörper, sobald er sich, wie im Menschen, nicht blos zur Vorstellung, sondern zur Vorstellung seiner selbst erhoben hat, charakteristisch, dass er das Vorgestellte, die ihn umgebende Körperwelt, in ein Verhältniss zu sich, dem dieselben und sich selbst vorstellenden Wesen setzt und nicht blos als daseiend, sondern als um seinetwillen und für ihn daseiend d. h. als sein "Eigenthum" betrachtet, Sonne und Mond als bestimmt, ihm zu leuchten, Früchte und Thiere als bestimmt, ihn zu nähren und zu kleiden, sich selbst als den Ziel- und Endpunkt des gesammten sichtbaren Weltalls ansieht. In der Entwicklungsgeschichte des Bewusstseins stellt der vor dem Erwachen und Mächtigwerden der Ich-Vorstellung ablaufende Zeitraum gleichsam die vorgeschichtliche (wie in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls die vormenschliche) Periode dar; innerhalb desselben sind zwar Bewusstseinsphänomene verschiedenster Art (Vorstellungen, Gefühle, Begierden und Wünsche) bereits vorhanden, aber erst mit dem Auftreten der Ich-Vorstellung in ihrer Mitte werden sie von der letzteren als um ihretwillen vorhanden, als zu ihr in Beziehung stehend und ihr zugehörig angesehen und dadurch aus "unbewussten" d. h. von keinem Ich als die seinigen gewussten zu "bewussten" d. h. zu nicht nur im Bewusstsein vorhandenen, sondern auch von dem Ich dieses Bewusstseins als vorhanden gewussten und als die seinigen anerkannten Bewusstseinsacten erhoben. Wie jener Zeitraum, in welchem nur unbewusste Phänomene im Bewusstsein vor sich gehen, gleichsam die Nachtseite, so macht derjenige, innerhalb dessen nach dem Erwachen und Mächtigwerden der Ich-Vorstellung auch bewusste psychische Zustände, und zwar in immer steigender Menge auftreten, die Tagseite des psychischen Lebens aus. Letztere kann durch vorübergehendes Erlöschen der Ich-Vorstellung (wie es z. B. in der Ohnmacht, im Affect, im Delirium und periodisch wiederkehrend im Schlafe stattfindet) eben so vorübergehende Unterbrechungen (gleichsam Rückfälle in die Nacht des unbewussten Daseins), aber nur mit dem bleibenden Aufhören der Ich-Vorstellung ein bleibendes Ende erfahren.
357. Wie die elementaren Bewusstseinsacte, so üben die durch Complication oder Verschmelzung aus denselben entstandenen Bewusstseinsgebilde höherer Ordnung, durch die Einheit des atomistischen Trägers gezwungen, der kein Ausweichen gestattet, gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Jene vereinigen sich zu einer Complication, wenn sie gleichzeitig oder succedirend, verschmelzen mit einander, wenn sie dem Inhalt nach gleichartig sind. Letzterer Act geht ohne Aufenthalt und widerstandslos vor sich, wenn die zu verschmelzenden dem Inhalt nach identisch, dagegen zögernd und erst nach vorausgegangenem Sichsträuben, wenn dieselben dem Inhalt nach entgegengesetzt sind. In ersterem Falle verstärken, im zweiten Falle schwächen die mit einander verschmelzenden Bewusstseinsacte einander, indem in jenem Fall die Intensität des einen zu der Intensität des mit ihm identischen andern einfach hinzugefügt, dagegen im zweiten Fall ein Theil der Intensität des einen durch einen Theil der Intensität des andern "gebunden" und dadurch sowol der gebundene Theil der Intensität des einen, wie der ihn bindende Theil der Intensität des anderen unwirksam gemacht, folglich die ursprüngliche Intensität beider um diesen beziehungsweisen Bruchtheil vermindert wird. Der auf diese Weise an Intensität gewachsene Bewusstseinsact ist, bildlich gesprochen, heller, diejenigen, deren Intensität abgenommen hat, sind beziehungsweise dunkler geworden, als sie vorher waren; der Inhalt derselben aber ist derselbe geblieben. Geht die Verdunkelung so weit d. h. hat die Intensität eines Bewusstseinsactes so sehr abgenommen, dass die Gegenwart desselben im Bewusstsein unmerklich wird (in ähnlichem Sinn, wie ein gleichwol vorhandener Lichtreiz für die Netzhaut, ein vorhandener Schallreiz für den Gehörsnerv unmerklich werden kann), so hat der Act die äusserste Grenze im Bewusstsein, die sogenannte "Schwelle des Bewusstseins" (wie der Licht- und Schallreiz die Reizschwelle) erreicht; sinkt sie noch tiefer herab, letztere überschritten. Das sogenannte Vergessene ist diesem Grade der Verdunkelung anheimgefallen, indem dasselbe, da nichts, was einmal geschah, ungeschehen gemacht werden kann, zwar ("als Spur") nach wie vor im Bewusstsein vorhanden, aber, weil unmerklich geworden, seiner Wirksamkeit nach so gut wie nicht vorhanden ist und sich von dem im Bewusstsein wirklich nicht vorhandenen, weil niemals vorhanden gewesenen, nur dadurch unterscheidet, dass es unter günstigen Umständen wieder hell zu werden d. h. sich im Bewusstsein wieder bemerklich zu machen vermag. Geschieht letzteres, so heisst der Bewusstseinsact ein erneuerter (z. B. die schon vergessen gewesene Vorstellung eine Erinnerung), kein neuer, weil es der frühere "latent" gewordene Zustand ist, welcher neuerdings "patent" d. i. als wirksamer auftritt. Bewusstseinsacte dieser Art werden im Gegensatz zu den ursprünglichen auf Veranlassung äusserer Reize erzeugten (producirten) wiedererzeugte (reproducirte) genannt und, je nachdem sie den ursprünglichen ganz oder nur zum Theile gleichen, als unverändert (Gedächtnissacte) oder als verändert reproducirte (Phantasieacte) unterschieden. Die Reproduction selbst erfolgt entweder mit oder ohne Hilfe von Seite anderer Bewusstseinsacte; in letzterem Fall erhellt sich der verdunkelt gewesene Bewusstseinsact gleichsam von selbst, sobald und weil die bisherige Ursache seiner Verdunkelung (z. B. der von Seite eines dem Inhalt nach entgegengesetzten Acts ausgeübte Druck) aufgehört hat zu wirken; in ersterem Falle wird der unter die Schwelle herabgedrückte Bewusstseinsact durch einen andern über derselben befindlichen, welcher mit jenem, sei es durch Gleichzeitigkeit oder Succession, associirt oder durch Gleichartigkeit des Inhalts verwandt ist, wieder emporgezogen. Unmittelbar reproducirte Vorstellungen, welche nach Herbart "freisteigende" heissen, machen, wenn sie während des Schlafes auftreten, als Träume, wenn sie mitten unter heterogenen Vorstellungskreisen im Wachen auftauchen, als sogenannte Einfälle sich geltend, die, wenn sie dem Inhalt nach als besonders überraschend oder glücklich erscheinen, wol auch für "Eingebungen" (Inspirationen) gehalten zu werden, Veranlassung geben. Mittelbar reproducirte Vorstellungen bilden, wenn sie zugleich unverändert reproducirte sind, die Grundlage des auf Gedächtniss und Ueberlieferung beruhenden sogenannten historischen Wissens; wenn sie zugleich zum Theil verändert reproducirte sind, das wirksamste Hilfsmittel eines nicht nur das vorhandene Vorstellungsmaterial frei umformenden (dichtenden), sondern jede erregte Vorstellung durch eine Fülle begleitender Vorstellungen bereichernden und dadurch die gesammte Vorstellungsthätigkeit belebenden (phantasievollen) Schaffens.
358. Wie die Wirksamkeit der Körper im physischen, so ist die Wirksamkeit der durch Complication oder Verschmelzung entstandenen Vorstellungsmassen im psychischen Leben auf einander dreifacher Art. Dieselbe erfolgt nach Art der mechanischen Wirksamkeit zwischen Körpern, wenn die vorhandenen Vorstellungsmassen ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit ihres Inhalts lediglich auf Grund einer äusseren Veranlassung mit einander verbunden oder von einander getrennt werden; dagegen nach Art der chemischen Wirksamkeit zwischen Körpern, wenn dieselben mit Rücksicht und in Folge der Beschaffenheit ihres Inhalts mit einander verknüpft oder getrennt werden, endlich nach Art der organischen Wechselwirkung zwischen den Körpern, wenn durch zwei oder mehrere Bewusstseinsgebilde mit Rücksicht auf deren Inhaltsbeschaffenheit ein neues hervorgebracht wird. Erstere Art der Wirksamkeit findet bei der durch blosse Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge veranlassten Vereinigung gewisser Vorstellungen zu Begriffen, eben solcher Begriffe als Subjects- und Prädicatsbegriff zu Urtheilen, eben solcher Urtheile als Prämissen und Schlusssatz zu Schlüssen statt. Da dieselbe nicht durch den Inhalt des zu Verknüpfenden, sondern lediglich durch die Thatsache bedingt wird, dass das zu Verknüpfende gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein erlebt, also erfahren wurde, so wird um der empirischen Natur des Grundes der Verknüpfung halber die vollzogene Verknüpfung selbst eine empirische und werden die durch eine solche zu Stande gekommenen Begriffe, Urtheile und Schlüsse deshalb empirische genannt. Die zweite Art der Wirksamkeit findet bei der durch Homogeneität bewirkten Verschmelzung gewisser Anschauungen zu sinnlichen Vorstellungen, so wie der durch Verschmelzung der identischen Bestandtheile gewisser Vorstellungen verursachten Entstehung von Begriffen, endlich bei der mit Rücksicht auf den Inhalt herbeigeführten Vereinigung bisher getrennt gewesener, aber zusammengehöriger Begriffe als Subjects- und Prädicatsbegriff im bejahenden, so wie durch Trennung bisher verbunden gewesener, aber nicht zusammengehöriger Begriffe im verneinenden Urtheil statt. Die dritte Art der Wirksamkeit aber zeigt sich, wenn, wie z. B. im einfachen oder zusammengesetzten Syllogismus, aus zwei (oder mehreren dem Inhalte nach verwandten d. i. theilweise identischen, theilweise entgegengesetzten) Urtheilen (major, minor) ein neues, dem Inhalte nach mit keinem der Vordersätze für sich, aber mit allen zusammengenommen (wie die Folge mit der Summe ihrer Theilgründe) identisches Urtheil erzeugt wird. Letztere beiden Arten der Wirksamkeit werden zusammengenommen im Gegensatz zu der ersten, da dieselbe mit Rücksicht, die erste dagegen ohne Rücksicht auf den Inhalt erfolgt, um der logischen Natur des Grundes der Verknüpfung willen logische und die auf diesem Wege zu Stande kommenden Bewusstseinsgebilde logische Begriffe, logische Urtheile und logische Schlüsse genannt. Während die erste den durch Erfahrung gegebenen Stoff in Folge der Gleichzeitigkeit oder der Aufeinanderfolge desselben zu einem Ganzen verknüpft, welches als solches ein blosses Aggregat des Erfahrenen d. h. eine durch Wiederholung sich stets vermehrende Häufung einzelner Erfahrungen ausmacht, verfährt die zweite Art der Wirksamkeit dem durch Erfahrung gegebenen Bewusstseinsinhalt gegenüber kritisch (sichtend), indem sie dasselbe mit Rücksicht auf dessen Inhalt prüft, das Verwandte verbindet, das Verträgliche duldet, das Unverträgliche ausscheidet, die dritte Art der Wirksamkeit aber begründend (constructiv), indem sie auf Grund der im gegebenen Bewusstseinsmaterial gegebenen Bedingungen in jenem nicht Gegebenes, aber durch diese Bedingtes folgert d. h. aus dem Vorhandenen Nichtvorhandenes, aus dem Alten Neues erzeugt. Ersteres, das rein empirische Verfahren, aus dem die sogenannte "Praxis" im Leben und der "Empirismus" in der Wissenschaft sich entwickeln, kann auch als "Juxtaposition" d. i. als Nebeneinanderreihung von Thatsachen, das zweite als "Analyse", aus der die sogenannte Verstandesthätigkeit im Leben und die zersetzende Kritik in der Wissenschaft hervorgeht, die dritte als "Synthese", auf welcher die sogenannte Vernünftigkeit im Leben und die aufbauende Deduction in der Wissenschaft beruht, bezeichnet und je nach dem Vorherrschen der einen oder der andern das individuelle Bewusstseinsleben als überwiegend empirisches (mechanisches), verständiges (auflösendes) oder vernünftiges (organisches) benannt werden. Sowol durch das empirische wie durch das analytische Verfahren werden zwar nicht dem Stoff, aber doch der Form nach neue Bewusstseinsbildungen, durch das organische werden anstatt und auf Grund alter Bewusstseinsbildungen neue, denselben gleichartige wiedererzeugt. Wie durch das Summirung vorangegangener Bewusstseinsacte ein neuer entsteht, der eben nur die Summe der früheren ist (z. B. das copulative Urtheil als Summe der copulirten Urtheile; der auf vollständiger Induction ruhende Schlusssatz als Summe der vollständig aufgezählten Prämissen), so kommen durch die Verbindung des Zusammengehörigen aber Getrenntgewesenen, und durch die Trennung des Nichtzusammengehörigen aber Verknüpftgewesenen neue Bewusstseinsgebilde zu Stande, die von den früheren nicht dem Stoff, aber der Form nach verschieden sind (z. B. das Urtheil: die Erde bewegt sich um die Sonne, durch die Auflösung des früheren Urtheils: die Sonne bewegt sich um die Erde). In beiden Fällen bestehen diejenigen Bewusstseinsbildungen, aus welchen die neue entstanden ist, neben dieser in der Weise fort, dass dieselben im ersten Fall Theile der neu entstandenen ausmachen d. h. in derselben einbegriffen sind, im zweiten Fall dagegen nur die Stelle gewechselt haben und, wie im obigen Beispiel von dem Verhältniss der Erde zur Sonne, das frühere Subject zum Prädicat, das frühere Prädicat zum Subjecte geworden ist. Dagegen gehen bei der organischen Bewusstseinsthätigkeit die Bewusstseinsbildungen, auf Grund welcher eine neue, denselben gleichwerthige entstehen soll, in letzterer unter; die neue (z. B. der Schlusssatz) tritt nicht blos neben die alten, sondern an die Stelle der alten (der Prämissen); letztere werden durch die neu entstandene Bewusstseinsbildung weder vermehrt, noch ergänzt, sondern im vollen Sinne des Wortes ersetzt und wie die Schildwache von ihrem Posten durch deren Nachfolger abgelöst. Wie die Summe nicht mehr enthält als ihre Summanden, das Product nicht mehr als seine gleichviel in welcher Ordnung multiplicirten Factoren, so enthält auch das neue auf Grund seiner Vorgänger organisch entstandene Bewusstseinsgebilde, die Folge, nicht mehr und nicht weniger als diese (die Gründe) zusammengenommen, mit dem Unterschied, dass die Summanden in der Summe, die Factoren im Product unverändert fortbestehen, während die Theilgründe in der Folge fortan ununterscheidbar mit dieser zur Einheit zusammenfliessen. Letztere Art des Zusammenhanges unter Bewusstseinsgebilden stellt gleichsam eine fortlaufende Kette von Gründen und Folgen dar, in welcher jedes einzelne Glied alle vorangegangenen in sich schliesst und seinerseits von allen folgenden umschlossen wird, und welche sich mit der organischen Kette vergleichen lässt, welche durch Fortpflanzung geschlechtlich geschiedener Organismen von Generation zu Generation hin gebildet wird. Wie in jeder der letzteren die Spur aller Stammeltern, so erhält sich in jedem Gliede der ersteren, als Folge betrachtet, die Spur aller Stammgründe. Und wie jene durch die organische Umbildung sämmtlichen in den vorangegangenen elterlichen Organismen enthaltenen Stoffs entstanden, so ist diese durch das causale Zusammenwirken aller in den vorangegangenen Gliedern der Kette wirksam gewesenen Theilgründe begründet.