Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage
Part 20
293. Mit der Annahme, dass das Wirken überhaupt keine Function der Entfernung, also von dieser unabhängig, jedes Mass der Entfernung für das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus, der an die "Wirkung in die Ferne" glaubt, mit der Voraussetzung, dass der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren räumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart, Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus, dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in München seien, die Entfernung beider Orte jedoch für die Wirkung gleichgiltig d. h. diese auch bei der grössten Entfernung ungeschwächt und die nämliche sei. Der zweite lässt, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt, dass derselbe auch für Naturforscher verlockende Kraft besitzt -- der zweite lässt die Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei, gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen, deren räumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative Atomismus aber, welcher die räumliche und zeitliche Verschiedenheit der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit derselben ansieht d. h. deren räumliches Ausser- und zeitliches Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr (wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung völligen "Ineinanders" der Wirklichen für möglich hält, kommt dadurch dahin, die räumliche und zeitliche Ausdehnung für blossen (wenngleich objectiven) Schein, die Totalität sämmtlicher individueller Wirklichen für räumlich und zeitlich ungeschieden, sonach (in räumlicher und zeitlicher, also quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen.
294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalität des Raums aus der "willkürlichen Annahme", dass das Wirken Function der Entfernung sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen, was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen lässt, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst aufheben würde, überschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch seine räumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht werden müsse und nicht nicht gedacht werden könne, ohne das Denken mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des Wirklichen, zu der Erklärung des ersteren demnach die Annahme der Dreidimensionalität des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe aber nur als Möglichkeit, neben welcher andere Möglichkeiten, und auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung, noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat, so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte Thatsachen deren Möglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit für sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen (quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll, und damit die Möglichkeit gegen sich.
295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu bemächtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch (obgleich, wie oben bemerkt, fälschlich) sogenannte transcendentale Realismus wagt, führt zu keinem andern Ziel. Derselbe stützt sich entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu müssen, auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss der Sinne bestätigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde, falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei, und fällt dadurch auf den längst kritisch überwundenen Standpunkt des gemeinen empirischen Realismus zurück. Oder er beruft sich, um den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen (dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ, über welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten, noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefühlsphilosophie: Jacobi) das Gefühl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer) das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefühl der Fühlende das Wirkliche (übersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mängel des Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche, den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch ohne das Trügerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass, da im Gefühl Gefühltes und Fühlen ununterscheidbar zusammenrinnt, derjenige, der blos fühlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses Fühlen eben so wenig wie blosses "Ahnen" (Fries) Princip und Grundlage einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen, folglich die Möglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen, um überhaupt möglich zu sein, das Denken voraussetzt.
296. Letzterer Einwand, welcher die Möglichkeit, mit Umgehung des Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen, überhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege zwar nicht der gemeinen, sinnenfälligen, aber einer nicht gemeinen, mystischen Empirie erkannt d. h. dass das "speculative Resultat" die Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, "auf inductivem Wege" d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wäre nur dann der Fall, wenn entweder der "Erfahrungsweg" das Denken aus- oder der angeblich "inductive Weg" exacte Thatsachen einschlösse. Jenes findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot, sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorläufige Sichtung nach den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt wenigstens so lange und für alle diejenigen zweifelhaft, als und für welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens, des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so möglich, ja vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden.
297. Mit obiger Grenzüberschreitung ist aber auch der Punkt erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene, die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener Nöthigung über dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar für einander, aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Höhlung desselben zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit nach vorwärts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche Voraussetzungen nach rückwärts. Wenn beider methodische Grundsätze giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide früher oder später irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen, andererseits des Erfahrbaren einander begegnen müssen.
298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits als philosophische über die philosophische, andererseits als physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und pluralistische Grundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der sowol idealistischen als monistischen einstigen "Naturphilosophie", in der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig, wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer und daher gleichfalls "einfach" genannter, mit rastlos thätigen Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten Einfachheit ungeachtet von Fechner als "körperliche" bezeichnet werden, ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt.
299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen, auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetzten Stoff der physischen Welt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer Bewusstseinsvorgänge bestehende Stoff der psychischen Welt im Phänomen der Einheit des Ich's wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art, deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger Individuen den Stoff der Gesellschaft und der Entwickelung derselben in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. der Geschichte ausmacht.
300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert, aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen, sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen, die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens, noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt, dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt (Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt, oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.
301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten, was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist, des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno u. A.) zwar einfach aber doch "körperlich" (Fechner); jenes bedeutet, dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper, sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender, unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist.
302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körper d. i. der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen) oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative Verschiedenheit der den Stoff der Körper ausmachenden letzten Elemente zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper, welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an, davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften (die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der (qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäure eine Lagerung nach rechts, jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)
303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft, der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf der Verschiedenheit ihres Stoffes und nur in einigen Fällen auf der Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente d. i. auf jener der Form beruht, macht jene letztere Ausnahme zur Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten -- durch die Analyse organischer Körper erreichbaren -- Bestandtheile von den -- durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren -- Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung, die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper, hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie, der Alchymie, von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander erneuert, hat in der sogenannten "Philosophie der Chemie" (J. B. Dumas) ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenannten Typentheorie und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten.