Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage

Part 17

Chapter 173,254 wordsPublic domain

250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem "Ding an sich" zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung, als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen. Dass ein Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein unzweifelhaft gemacht. Was das Wirkliche, das nebst und ausser dem vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des vorstellenden Subjects abhängig ist. Das reale Object, "das Ding an sich", ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen (wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen) vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein gerade Empfindungen (wie Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der alten Terminologie seiner Wolf'schen Schulung sich ausdrückte) "des Erkenntnissvermögens" erklärlich.

251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst, sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres, als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand, nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material; das "Ding an sich" als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.

252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es, welchen Kant seiner "Kritik der reinen Vernunft" zu Grunde gelegt und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind, als Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied, sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject, oder, nach Kant's Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt, im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige, für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige, die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen und singulären überwindet Kant den Hume'schen Skepticismus, der sich an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig (d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung.

253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und des realistischen Factors d. i. des für Alle identischen (als seiner Qualität nach unbekanntes x hinter der phänomenalen Welt stehenden) Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehört nach der Auffassung Kant's nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das "Ding an sich" den äusseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehören sämmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die (im Sinne der alten Wolf'schen psychologischen Theorie) einander übergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermögens, des Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten "reinen Anschauungsformen", welche dem Sinn, die (zwölf) von ihm construirten "Urtheilsformen", welche dem Verstande, und die (drei) von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den durch die äusseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff entsteht der Schein räumlich und zeitlich verschieden angeordneter Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe (Kategorien) des Verstandes den Schein wirklicher Einzeldinge, und zwar solcher erhalten, die als Substanzen Träger von Eigenschaften, und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht der Schein solcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das einheitliche Subject zu allen möglichen Prädicaten, oder (wie die Welt) die Totalität aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit) als ens realissimum die Summe aller möglichen Prädicate darstellen.

254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen Erweis, dass obige Gattungen des wirklich Scheinenden nur eben so viele Gattungen vom Schein eines Wirklichen seien, das negative Resultat des Transcendentalidealismus. Hauptsächlich um des letzteren willen ist Kant der "alles Zermalmer" genannt worden. Es ist aber nicht zu übersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant's Philosophie dem negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche in Schein auflöst, gegenüber ein sehr positives Ergebniss durch die nachdrückliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen Unterlage der phänomenalen Welt in der Existenz des "Dings an sich" bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat, die zweite Auflage der "Kritik der reinen Vernunft" sehr merklich von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstände der alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelöst haben, bleibt als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein übrig, welches man mit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant's Philosophie, und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des Wortes Kant's Metaphysik heissen darf.

255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren Existenz durchaus aus negativen Prädicaten zusammen. Dem Ding an sich können weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als räumlich (also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt, noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig (immateriell) oder körperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles, was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen berechtigt ist, beschränkt sich darauf, zu behaupten, dass es sei, aber nicht, was es sei.

256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung, dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben müsse (das von Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehört zu den fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem Organismus des Erkenntnissvermögens wesentlichen Urtheilsformen des Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, für welches obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen, für welches derselbe jene Giltigkeit nicht besässe, schlechterdings keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermögen der Folgerung, dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben genügende Ursache entsprechen müsse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen Scheins zu dem Schlusse führen muss, dass auch als Ursache desselben irgend ein Wirkliches existire.

257. "Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Sein"; in diesen Worten Herbart's ist obiger Schluss am prägnantesten ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen, welches den Träger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects zu suchen sein möchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant's, die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins (den realistischen Factor) stützt, d. i. eines realistischen Idealismus (der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch überhaupt durch einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von diesem gänzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefühl wie Jacobi, oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu können glauben, sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden (deshalb fälschlich transcendental genannten) Realismus gelangt sind.

258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische Idealismus, mit einander überein, dass der Schein als wirklicher eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben müsse; aber darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der "Jude Kant's", Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant's auf einem Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache haben müsse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermögens lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus, dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermögens zu diesem Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung, indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects, sondern höchstens für das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse, ein solches vorauszusetzen. Als Fichte's Wissenschaftslehre mit der Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an sich als Ursache des Stoffs der phänomenalen Welt mit sich selbst in unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings an sich als eines vom Träger des im Bewusstsein wirklichen Scheins unterschiedenen Wirklichen gänzlich fallen gelassen d. h. dass der realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welches scheint, entfernt werden müsse.

259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden Factoren, durch deren Zusammenwirken die phänomenale Welt des transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor, nach der Entfernung des Objects, welches scheint, von den beiden Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist, nur das Subject, welchem scheint, übrig, geht der transcendentale Idealismus in einen solchen des Subjects (subjectiver Idealismus) über. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des idealistischen und des realistischen Factors der phänomenalen Welt übernimmt d. h. der phänomenalen Welt nicht nur (wie der erste) die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Während daher im transcendentalen Idealismus der Träger des Scheins, das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thätig verhält, stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Träger (Subject) zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen Wirklichen dar, verhält sich das nämliche Wirkliche zugleich als Subject leidend gegen sich selbst als Object und thätig als Object gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss, welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing, um Empfindung d. i. Material der phänomenalen Welt im Bewusstsein hervortreten zu lassen, empfängt dasselbe nunmehr nicht von einem von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah, ist in den Augen des subjectiven Idealismus nur mehr ein scheinbar Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt, producirt nicht blos sämmtlichen Stoff der phänomenalen Welt, sondern es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects, welches den Stoff der phänomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine Schöpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene und daher von diesem abhängige Setzung desselben, eine Fiction, aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorübergehend verkannt, der Schein eines Objects für dessen Wirklichkeit genommen, das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wäre, dem Subject entgegengesetzt, so muss diese Täuschung, welche, weil das Subject das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttäuschung des Subjects sein kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene, als von ihm unabhängig wirklich bestehendes gedachte Object als von ihm abhängiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom Subjecte zurückgenommen werden.

260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des scheinbaren Objects, indem dasselbe für wirklich gehalten wird, und Wiedererkennung des fälschlich für wirklich gehaltenen Objects als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat, des Trägers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in welcher das ursprünglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils vorübergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also der Kenntniss des Zuschauers anfänglich entzogen ist, so liegt im obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene, die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein über sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt, dass beim Beginne des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist, was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lösung erfolgt, wie in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch das Bewusstwerden des Subjects über sich selbst und seine eigene Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein.

261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das "Ich" genannt und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis, Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals rastendes Thun (d. i. unablässiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurück. Der erste Theil dieses Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich, der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht, stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und, da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur, dieser jene des nämlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie), aber auch die Möglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nämlichen Ich, als identisch betrachtet (Identitätsphilosophie), so wie einer weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt (Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet.

262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entweder als endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird, gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des (im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte), absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich (das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersönliche Wirken und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende (denkende) Subject ist, das unpersönliche Denken, die Vernunft angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar, mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute Subject durch die vorläufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner Göttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist, Gott wird. ("Am Ende der Weltgeschichte", sagte Schelling, "wird Gott sein".) Der Panlogismus endlich repräsentirt den dialektischen Process, mittels dessen die unpersönliche (objective) Vernunft (die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein (die Natur), hindurch zur persönlichen (subjectiven) Vernunft (zum absoluten Geiste) wird. ("Aufgabe der Philosophie ist", sagte Hegel, "die Substanz zum Subjecte zu machen".)