Part 2
Es war ein tüchtiger kleiner Bursche, nicht ganz so groß wie eine Ratte. Sie nährt sich von Pflanzen. Wenn sie keine Blätter der gelben Schwertlilie bekommen kann, frißt sie Wasserlinsen oder selbst die Rinde junger Weiden. Ich konnte sehen, daß sie einen kurzen, dicken Hals und einen runden Kopf mit kurzer Schnauze hatte. Die Augen waren klein und die Ohren so dicht mit Pelz bedeckt, daß man sie kaum sehen konnte. Der runde Schwanz war nicht sehr lang und mit kurzen Haaren bedeckt.
Ich setzte mich in der Nähe still ans Ufer. Sofort blickte sie sich um und sah mich. Aber da ich mich nicht rührte, dachte sie vielleicht, daß ich nichts Lebendiges wäre und kaute an ihrem Blatte weiter.
Endlich berührte ich mit dem Fuße ein welkes Blatt. Ihre Ohren waren sehr scharf. Sie wandte ihre kleinen hellen Augen auf mich, und in einem Augenblick war sie im Wasser und schwamm fort. Ich kam zu spät, um sie in ihr Loch schlüpfen zu sehen, aber ich fand ein anderes, nicht weit von den Schwertlilien, dicht unter dem Wasser.
Ich wußte, daß ich den Bau nicht finden würde, denn die Wasserratten graben sehr lange Gänge. Ich ging mehrere Tage an dieselbe Stelle und nahm etwas Brot mit, das ich dort ließ. Endlich eines Tages, als ich wartend da saß, kam mein kleiner Freund heraus und fraß das Brot. Dann trafen wir uns öfters, und das Tier wurde ganz zahm. Aber ich mußte sehr vorsichtig sein. Die geringste Kleinigkeit erschreckte es, und plumps sprang es ins Wasser.
Wenn man am Abend oder am frühen Morgen, wenn alles ganz ruhig ist, an einen Teich oder Fluß geht, so kann man manchmal eine Wasserratte im Wasser schwimmen oder am Ufer fressen sehen. Sie hat scharfe gelbe Zähne. Die unteren sind groß und zeigen sich deutlich über der kurzen Unterlippe.
Die jungen Wasserratten sind sehr niedliche kleine Geschöpfe. Sie werden in einem Neste geboren, das die Alten aus trockenem Grase in dem Bau angelegt haben. Wenn sie herauskommen, schwimmen sie mit den Alten umher und fressen Wasserlinsen.
Aber obgleich die Wasserratte meistens im Wasser lebt, kommt sie doch zuweilen ans Land, um ihren Wintervorrat einzusammeln. Sie ist oft dem Landmann sehr lästig, denn sie liebt Mohrrüben und Kartoffeln und kommt am Abend auf die Felder, um von diesen Früchten zu fressen und einen Teil derselben nach ihrem Bau zu tragen.
Ein Landmann grub einmal den Bau einer Wasserratte auf und fand darin fast fünf Liter Stücken von Kartoffeln und Rüben.
Lektion 7.
Das grünfüßige Wasserhuhn und das Bläßhuhn.
(Fünftes und sechstes Vollbild.)
Wenn euer Weg zur Schule an einem Flusse entlang führt, wo Bäume das Wasser überschatten, so werdet ihr wahrscheinlich schon ein Wasserhuhn und seine Jungen gesehen haben. Vielleicht wißt ihr auch, wo das Nest ist, das gewöhnlich zwischen Binsen oder Schilf steht oder sich auf einem Baumzweige befindet, der über dem Wasser hängt.
Das Nest besteht aus trockenen Binsen, und obwohl es ganz dicht am Wasser liegt, ist es trocken und warm. Beim Baden kann man wohl hineinsehen. Man wird gegen acht blaßgraue Eier mit rotbraunen Flecken finden. Die Eier sind auch vielleicht schon ausgebrütet, und dann sind die jungen Vögel mit der Mutter in den Binsen verborgen. Sie sehen aus wie kleine schwarze Flaumklumpen mit einem roten Fleck auf dem Kopfe und weißen Federschwänzen, und sie können laufen und schwimmen, sobald sie ausgebrütet sind. Während der ganzen Zeit, wo ihr in der Nähe seid, wird die Mutter rufen „kruck, kruck“, um euch fortzutreiben.
Das Wasserhuhn ist ein schwarzer Vogel mit einer hellroten Stirn und gelbem Schnabel. Am Rande der Flügel und unter dem Schwanze hat es weiße Federn. Wenn es im Wasser ist, schnellt es fortwährend den Kopf nach unten, so daß man die weißen Federn sieht und selbst die grünen Beine mit den roten Bändern.
Sehr bald nachdem die Jungen ausgebrütet sind, schlüpfen sie aus dem Neste und schwimmen um die Mutter herum. Wenn man ganz still in den Büschen liegt, kann man sie vielleicht ans Ufer kommen sehen, um Würmer oder Schnecken zu fressen. Dann kann man beobachten, daß die Füße nicht mit Schwimmhäuten versehen sind wie bei der Ente, sondern daß alle vier Zehen frei sind.
Aber wenn man das geringste Geräusch macht, so stößt die Mutter einen Schrei aus, der wie „krek, krek“ klingt, und alle tauchen ins Wasser und schwimmen zu einer sicheren Stelle in den Binsen. Sie kehren nicht zum Neste zurück und selbst, wenn man mit einem Stocke in die Binsen schlägt, rühren sie sich nicht. Sie wissen, daß sie in ihrem Verstecke sicher sind.
Dieser Vogel wird oft Moorhuhn genannt, weil er sich auch bisweilen auf dem Moore findet. Aber Wasserhuhn ist der bessere Name.
Wenn nun ein größerer See irgendwo in der Nähe ist, kann man das Wasserhuhn dort finden und daneben noch einen anderen Vogel, den man anfangs für ein solches halten kann, denn er taucht in ganz derselben Weise. Aber wenn man ihn genauer betrachtet, wird man erkennen, daß dieser zweite Vogel keine rote Stirn, sondern einen großen kahlen Fleck auf dem Kopfe hat, und daß er größer ist als das Wasserhuhn.
Dieser Vogel heißt Bläßhuhn wegen des weißen Streifens auf der Stirn. Wenn man ihn am Ufer beobachtet, wie er Samen oder Insekten frißt, so kann man sehen, daß die drei Vorderzehen von einer faltigen Haut umgeben sind, doch hängen sie nicht zusammen.
Aber das Bläßhuhn ist nicht leicht zu beobachten; denn es ist sehr scheu. Es fliegt weg oder taucht unter das Wasser, ehe man in seine Nähe kommen kann. Es hat scharfe Krallen, die ihm beim Klettern helfen, und mit denen es den verletzt, der es zu fangen versucht.
Das Bläßhuhn baut sein Nest in die Schwertlilien oder das Schilf und zwar so, daß es fast das Wasser berührt. Manchmal ertrinken die Jungen, wenn ein Hochwasser kommt.
Wenn ein Boot in die Nähe des Nestes kommt, so schlüpft das Bläßhuhn in das Schilf und ruft „käck, käck, käck“, um den Nahenden fortzulocken. Wenn man das Nest aber doch entdeckt, wird man ungefähr zehn Eier darin finden. Sie sehen den Eiern des Wasserhuhns ähnlich, sind aber größer und haben dunklere und kleinere Flecken. Wenn die Eier ausgebrütet sind, kann man die Jungen an der kahlen Stelle auf dem Kopfe erkennen, sonst sind sie schwarz und ähneln Flaumklumpen wie die des grünfüßigen Wasserhuhns.
Im Winter findet man Bläßhühner weder auf den Flüssen noch auf Teichen. Mit vielen anderen ihresgleichen ziehen sie nach dem Süden in wärmere Gegenden und warten dort, bis der Frühling wiederkommt.
Lektion 8.
Wasserwanzen.
Wenn ihr aus der Schule nach Hause kommt und an einem Teich vorbeigeht, so könnt ihr ganz sicher sein, eine oder mehrere von den drei Wasserwanzen dieser Lektion zu finden, und ich möchte euch empfehlen, sie zu beobachten.
Die erste ist ein langes, dünnes, schwarzes Insekt. Es läuft auf der Wasseroberfläche hin und sieht aus wie eine Nadel auf Beinen. Es wird „Wasserläufer“ genannt. Wenn es auf der Wasseroberfläche dahinrennt, sieht es aus, als ob es das Wasser mit seinen Beinen ausmessen wollte.
Der Wasserläufer hat sehr feine Haare unter dem Körper und an den Beinen. Die Luft zwischen diesen Haaren verhindert, daß er naß wird, und daß er untergeht. Er hat zwei lange Fühler und einen langen dünnen Rüssel. Die Beine und der Körper haben eine gelbliche Farbe, und die Flügel sind glänzend schwarz.
Wenn man den Wasserläufer beobachtet, wird man sehen, daß er sehr schnell über den Teich dahinläuft. Er fängt eine Wasserfliege, hält sie in den Vorderklauen und saugt alle Flüssigkeit aus ihrem Körper. Obgleich er Flügel hat, fliegt er nicht oft.
Die nächste Wasserwanze ist nicht so dünn. Sie ist ungefähr einen Zoll lang und hat einen flachen Körper mit grauen Flügeln. Sie hat sehr kurze Fühler, und die Vorderbeine sind dick, stark und mit Klauen bewehrt. Deshalb heißt sie „Wasserskorpion“. Sie braucht diese Klauen, um die Insekten im Wasser zu ergreifen, die sie mit ihrem scharfen Rüssel aussaugt.
Der Wasserskorpion schwimmt sehr langsam unter dem Wasser oder kriecht im Schlamme und ist leicht zu fangen. Sehr leicht ist dies, wenn er aus dem Wasser heraufkommt, um Luft zu schöpfen. Dies tut er auf eine ganz sonderbare Weise. Er hat zwei lange Borsten am Ende des Hinterleibs. Wenn er sie zusammenlegt, bilden sie eine Röhre wie einen Strohhalm. Er kommt nahe an die Oberfläche, steckt das Ende der Röhre in die Luft und zieht dann etwas von dieser in den Körper ein. Die Eier des Wasserskorpions kleben auf den Blättern von Wasserpflanzen und sehen wie Samenkörner aus.
Die dritte Wasserwanze kennt ihr sicher. Es ist ein kleines Insekt, das einem Käfer ähnlich ist, mit sechs Beinen, von denen zwei sehr lang sind. Es schwimmt auf dem Rücken und bewegt sich mit diesen beiden Beinen fort, als ob es Ruder wären. Deshalb heißt es Rückenschwimmer oder Ruderwanze.
Die Ruderwanze hat einen langen Saugrüssel aber man sieht ihn kaum, wenn man sie nicht in ein Glas setzt und genau zusieht. Denn da sie auf dem Rücken schwimmt, biegt sie den Kopf auf die Brust hinunter, so daß der Rüssel zwischen den Beinen liegt.
Die Augen befinden sich an der Seite des Kopfes und sind sehr groß, so daß die Ruderwanze nach oben und unten sehen kann. Das ist sehr nützlich für sie, denn sie schwimmt zwischen die Kaulquappen und Larven und ergreift sie mit den Klauen. Dann sticht sie die Beute mit dem scharfen Rüssel an und saugt alle Flüssigkeit aus ihrem weichen Körper. Die Ruderwanze schwimmt stets im Wasser oder kriecht im Schlamm. Abends kommt sie manchmal an die Wasseroberfläche und fliegt zu einem anderen Teiche oder Graben.
Die weibliche Ruderwanze legt kleine, längliche, weiße Eier auf die Wasserpflanzen. Man kann sie im März finden, und schon im April sieht man die kleinen Wanzen auf dem Rücken schwimmen, gerade wie die Alten.
Wenn man sich etwas Mühe gibt, kann man diese drei verschiedenen Wasserwanzen im Netze fangen, sie in ein Glasgefäß setzen und alles beobachten, was ich euch erzählt habe.
Lektion 9.
Am Flußufer.
Wir wollen eine kurze Strecke am Flußufer hinwandern. Wie hübsch ist es da, wenn die Abendsonne durch das Laub der Bäume scheint! Was für eine Menge von kleinen Geschöpfen freuen sich ihres Lebens in der Luft und im Wasser!
Der kleine blasse Hans, der aus der Stadt gekommen ist, um einen freien Tag hier zu verleben, sagt: „Ich möchte, ich könnte auf dem Lande leben.“ Wenn er nach seiner Wohnung in der engen Stadtstraße zurückkehrt, wo es nur hartes Pflaster gibt und kein grünes Gras, keine schattigen Bäume und kein lustig dahinfließendes Wasser, dann wird er oft an diesen Spaziergang am Flußufer denken.
Sieh jene Fische von ungefähr 7-8 ~cm~ Länge, die unter der Brücke hin- und herschwimmen. Sie heißen Kaulköpfe, weil sie einen breiten, dicken Kopf haben. Sie haben an jeder Seite des Kopfes einen spitzen Wangenstachel, den man fühlen kann, wenn man den Fisch in die Hand nimmt. Der Eisvogel weiß das ganz gut; er verschlingt keinen Kaulkopf, denn sie würden ihm im Halse stecken bleiben.
Der Kaulkopf lebt unter Steinen und frißt Insekten und die Eier anderer Fische. Sieh da! Fritz hat einen gefangen und ihn in das Glas gesteckt. Nun kann Hans sehen, was für ein hübsches Auge der Kaulkopf hat, und wie schön die roten, grünen, braunen und gelben Farben auf seinen Schuppen schillern.
Wie geschäftig die Fliegen mit den langen Flügeln und den drei langen Borsten an dem Hinterleibe sind! Es sind Eintagsfliegen, die über dem Wasser hin- und herfliegen. Sie suchen keine Nahrung, denn Eintagsfliegen fressen nicht und leben nur kurze Zeit. Aber sie haben lange Zeit als Larven unter dem Wasser gelebt wie die Larve der Wasserjungfer. Sie legen nur ihre Eier und sterben dann.
Die Mücken, die über jener tiefen, ruhigen Stelle in der Nähe der Mühle fliegen, sind ganz anders. Die eine hat mich gerade in die Hand gestochen und mir Blut ausgesogen und so weiß ich, daß sie Nahrung zu sich nimmt. Aber die Mücken haben auch kein so langes Leben im Wasser wie die Eintagsfliegen.
Diese Mücken sind erst vor einigen Wochen ans Licht der Welt gekommen. Die weibliche Mücke legt einige klebrige Eier, nicht größer als die Spitze einer Stecknadel, auf die Oberfläche des Wassers. Bald kriechen aus den Eiern Larven aus, die wie winzige Würmchen aussehen und feine Härchen an den Seiten haben. Sie schwimmen im Wasser umher und nähren sich von kleinen Stückchen der Wasserpflanzen.
Warum schwimmen sie wohl mit den Köpfen nach unten? Weil sie nur durch eine Öffnung am Hinterleib atmen können und deshalb denselben in die Luft emporstrecken müssen.
In ungefähr drei Wochen wechselt jede Larve ihre Haut dreimal. Nach der vierten Häutung ist die Larve von einer Hülle umgeben, und wenn man genauer hinsieht, erkennt man eine vollständige Mücke mit Flügeln im Innern der Umhüllung.
Nun muß sie auskriechen, und das ist sehr gefährlich. Denn wenn sie dabei ins Wasser fällt, muß sie ertrinken. Darum streckt sie sich vorsichtig auf der Oberfläche des Wassers und beginnt den Kopf durch einen Schlitz in der Umhüllung zu stecken. Dann kriecht sie langsam heraus und steht auf den Fußspitzen auf der leeren Haut, die wie ein Boot auf dem Wasser schwimmt. Sie breitet die Flügel aus, und nun ist sie endlich in Sicherheit: sie fliegt fort. Manchmal weht der Wind sie um, ehe sie ganz auskriechen kann, und dann ertrinkt sie.
Wenn man im Monat Mai einen Eimer Wasser aus einem Teiche holt und ihn im Freien hinstellt, kann man vielleicht die Mücke aufwachsen sehen, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß eine Menge darin sind. Aber man muß scharfe Augen haben, da die Larven sehr klein sind.
Und nun geht die Sonne unter, und Vögel, Tiere und Blumen gehen zur Ruhe. Bald werden die Nachtschmetterlinge, die Eulen und Fledermäuse hervorkommen. Wir müssen nach Hause gehen.
Lektion 10.
Die Familie des Fischotters.
(Siebentes Vollbild.)
Gegen fünf Uhr morgens untersuchte Wilhelm, der Sohn des Wildhüters, die Fallen, die für Wiesel, Iltisse und anderes Raubzeug gelegt waren. Sein Weg führte ihn über eine Brücke, die über den Fluß ging, und als er in die Nähe derselben kam, hörte er ein sonderbares Pfeifen.
Nun hatte Wilhelm, der auf dem Lande groß geworden war, ein scharfes Ohr für die Stimmen der Tiere. Er wußte, daß dieses Pfeifen von einem männlichen oder weiblichen Otter herrührte, der im Flusse mit seinen Jungen fischte.
Gerade unter der Brücke, wo das Ufer sehr hoch war, wuchs eine alte Weide mit weit über das Wasser hängenden Zweigen. Das Wasser hatte das Ufer unter der Weide fortgewaschen, so daß zwischen ihren starken Wurzeln ein großes Loch entstanden war.
Wilhelm wußte nun, daß dieses Loch der Bau eines Fischotternpaares war. Manchesmal hatten die Otterhunde im Wasser bei diesem Loche gestanden und mit aller Kraft gebellt. Aber sie konnten nicht hinein, und die Otter waren viel zu vorsichtig, um herauszukommen.
Die Hunde waren jetzt weit fort, und alles war an diesem frühen Morgen ganz still. Daher legte sich Wilhelm in das dichte Gras oben auf dem Ufer und wartete: Nach einer Weile kam der Otter geräuschlos dahergeschwommen, und zwar so, daß nur die Nase aus dem Wasser hervorsah.
Die alten Otter schwammen so leise, daß Wilhelm sie gar nicht bemerkt haben würde. Aber die Jungen spielten und warfen sich im Wasser umher, so daß bald ihre mit braunem Pelze bedeckten Rücken, bald der weiße Bauch im Lichte der frühen Morgensonne glänzten, und das Wasser um sie her emporspritzte.
Der Fluß war an dieser Stelle sehr breit, und gerade der Weide gegenüber war eine kleine Insel. Wilhelm war so gut im hohen Grase versteckt, daß die Otter ihn nicht bemerkten. Daher kletterten sie nacheinander auf die Insel hinauf. Jeder trug einen Fisch im Maule, den sie anfingen zu fressen. Sie begannen dicht hinter dem Kopfe und ließen nur ein kleines Stückchen vom Schwanze über.
Während sie fraßen, konnte Wilhelm sie genau beobachten. Sie hatten einen langen biegsamen Körper, einen breiten, flachen Kopf, ein kurzes breites Maul und eine ebensolche Nase. Die Füße waren mit Schwimmhäuten versehen wie bei der Ente, aber jeder Fuß hatte noch scharfe Krallen. Die Pelze hatten eine angenehme braune Farbe, aber die langen Haare der alten Otter waren grob und sahen nicht so weich aus wie die der Jungen. Die Schwänze waren dick und stark und ihnen sehr nützlich beim Schwimmen.
Der alte männliche Otter biß wütend auf seinen Fisch ein und warf zuweilen den Jungen kleine Stücke hin, die bald mit ihrem kleinen Fisch fertig waren. Zuletzt war alles aufgefressen außer den Köpfen und Schwänzen. Dann glitt der alte Otter vom Ufer hinab ins Wasser, die anderen folgten ihm, und sie begannen wieder zu fischen.
Es gibt jetzt weniger Fischotter als früher in Deutschland. Aber sie sind doch an vielen Stellen noch zu finden. Wenn man sie bei ihrem Bau beobachten will, so muß man früh am Morgen aufstehen.
Lektion 11.
Blumen für die Ausstellung.
(Achtes Vollbild.)
„Wohin gehst du, Grete?“ fragte Peter, als er sie an einem Sonnabendnachmittag im Juli im Heckengange traf. „Ich suche nach Blumen für die in nächster Woche stattfindende Blumenausstellung“, sagte Grete, „ich will sie noch nicht pflücken, ich will bloß nachsehen, welche Blumen ich finden kann.“
„Darf ich mitgehen?“
„Ja, wenn du den Mund halten kannst. Ich will eine neue Art von Blumenstrauß sammeln, aus Blumen, die im Wasser wachsen.“
„Aber sie werden alle verwelken, wenn du sie in einen Strauß bindest.“
„Ich will auch keinen Strauß daraus machen. Ich werde eine von Vaters großen Zinnschüsseln nehmen, die er für das Hundefutter gebraucht, und die Pflanzen im Wasser schwimmen lassen.“
So machten sich Peter und Grete also nach ihrem Lieblingsteiche auf den Weg.
„Sieh, Peter, ich muß eine von jenen schönen gelben Wasserrosen haben mit ihren großen glänzend grünen Blättern und eine von ihren sonderbaren Samenkapseln, die zurückbleiben, nachdem die gelben Blumenkronblätter abgefallen sind. Ich weiß, daß die Pflanze einen dicken Stamm im Schlamm unten im Teiche hat, und die langen Stengel wachsen gerade herauf, so daß die Blätter auf der Oberfläche des Wassers schwimmen. Kleine Käfer kriechen in die Blüte hinein und holen Honig aus dem Innern der gelben Blüte.“
„Dann muß ich einige von jenen weißen Sternen mit dem gelben Punkt in der Mitte haben. Sie sehen so hübsch aus zwischen den feinen grünen Blättern, die in drei Lappen geteilt sind. Das ist der Wasserhahnenfuß, und wenn du etwas davon mit deinem Stock heranholst, so werden wir sehen, daß die Pflanze noch andere Blätter unter dem Wasser hat, die in feine Streifen gespalten sind wie schmale Grashalme.“
„Warum sollte sie zwei Arten von Blättern haben, Grete?“
„Die eine Art sind die schwimmenden Blätter, die auf dem Wasser liegen. Auch die Blüten ragen aus dem Wasser heraus, so daß die Insekten an sie herankommen können. Die anderen Blätter sind feiner und breiten sich im Wasser aus. Und sieh, Peter, die gelben Linien auf den weißen Blüten zeigen gerade nach dem schmalen Ende des Blütenblattes, wo die Insekten den Honig finden.“
„Dann muß ich noch Wasserlinsen haben. Sie werden die Schüssel so hübsch füllen.“
„Aber Wasserlinsen sind nicht hübsch, Grete. Sie bestehen nur aus Blättern.“
„Nein, Peter, das ist gerade nicht der Fall. Paul sagte mir neulich, daß die Wasserlinse keine wirklichen Blätter hat. Jede Pflanze besteht aus einem Stückchen Stengel mit einer dünnen Wurzel, die in das Wasser hinabhängt. Sehr kleine Blüten wachsen zuweilen aus einem kleinen Spalt an der Seite des Stengels. Ich werde versuchen, einige davon zu bekommen. Aber es wird nicht leicht sein, da sie sehr klein sind und bloß aus zwei kleinen Staubbeuteln und einem Fruchtknoten bestehen, und Wasserlinsen nur auf dem Wasser schwimmen.“
„Dann möchte ich noch den blühenden Fieber- oder Bitterklee haben. Ich fürchte, es ist dafür ziemlich spät im Jahre, aber es gibt noch einige davon an dem flachen Ende des Teiches. Du mußt nach einer großen Ähre rotweißer Blüten ausschauen, die wie Glockenblumen geformt und mit weißen Haaren besetzt sind. Ah! da ist eine, deren Knospen sich gerade öffnen; sie wird am Mittwoch so weit sein.“
„Nun müssen wir noch eine andere finden. Eine kleine Pflanze, das ährige Tausendblatt, die fast ganz unter dem Wasser wächst, außer der Ähre mit den zierlichen rötlichen Blüten, die über die Oberfläche hervorragt. Sieh die hübschen Blätter an, die sternartig um den Stengel stehen und so schön im Wasser ausgebreitet sind. Wenn du die Blüten genau ansiehst, so wirst du bemerken, daß die oberen nur Staubbeutel und die unteren nur Fruchtknoten tragen. Aber sie sind so klein, daß sie nicht leicht zu sehen sind.“
„Nun darf ich keine mehr auswählen, denn ich muß jede Pflanze beschreiben, und das wird lange Zeit in Anspruch nehmen.“
Lektion 12.
Gretes Wasserpflanzen.
Als der Mittwoch kam, war Gretes Schüssel fertig. Sie hatte sie mit an den Teich genommen und unter die Wasserlinsen getaucht. Sie kam ganz voll von diesen Wasserpflanzen heraus, die dann von ihr sorgfältig ausgelesen wurden, so daß nur die besten zurückblieben. Dann trug sie die Schüssel in das Ausstellungszimmer.
Darauf setzte sie die gelbe Wasserrose in die Mitte der Schüssel, so daß die Blüte und der Stengel mit der Samenkapsel gerade in die Höhlung zwischen den Lappen des großen grünen Blattes paßte. Dann setzte sie einige Stengel des Wasserhahnenfußes hier und da ein, so daß die hübschen weißen Blüten dicht über der Oberfläche des Wassers standen.
An die Seiten der Wasserrose steckte sie zwei Stengel des blühenden Bitterklees. Endlich kamen noch einige Tausendblatt um den Rand der Schüssel herum, so daß ihre zierlichen roten Blütenstengel eine hübsche Einfassung bildeten.
Dann beschrieb Grete ihre Blumen in der folgenden Weise:
1. Die gelbe Wasserrose wächst im Teiche. Sie hat einen dicken Stengel, der tief unten im Schlamm wurzelt. Ich habe ihn einmal gesehen, als der Teich gereinigt wurde. Im März sehen wir noch nichts auf der Oberfläche des Wassers. Aber im Mai ragen die langen glänzenden Blätter auf langen Stengeln über das Wasser heraus. Sie sind herzförmig zugespitzt.
Im Juni kommen die Knospen heraus. Sie sehen aus wie grüne gelbgefleckte Knötchen. Aber wenn sie größer werden, öffnen sich die fünf äußeren Blätter oder Kelchblätter, und wir sehen, daß sie im Innern ganz gelb sind. Dann können wir auch die kleinen inneren Blumenkronblätter sehen, die in zwei Reihen angeordnet sind; nach ihnen kommen eine Anzahl Staubgefäße, die aus dünnen Fäden mit Staubbeuteln an der Spitze bestehen. Gerade in der Mitte ist der Stempel mit den Samenanlagen im Fruchtknoten.
Dieser ist wie eine Wasserflasche geformt mit einem runden Kissen auf der Spitze und hat eine Anzahl von klebrigen Streifen, die auf dem Kissen in Form eines Sterns liegen. In den Blüten findet man oft kleine Käfer. Sie fliegen hinein und saugen den Honig von der Rückseite der Blumenblätter.
2. Der Wasserhahnenfuß wächst in unserem Teiche und ist mit der Sumpfdotterblume nahe verwandt. Er hat fünf äußere grüne Blätter oder Kelchblätter. Sie sind gegen den Stiel zurückgeschlagen, wenn die Blüte offen ist. Sie fallen oft ab. Die Blüte hat fünf weiße Blumenkronblätter, die in der Mitte der Blüte, wo Honigtropfen sitzen, mit Gelb gestreift sind. Innerhalb der Blumenkronblätter stehen viele Staubgefäße und dann in der Mitte der Blüte eine Anzahl von Fruchtknoten, jede mit einem Samen im Innern.