Part 9
„Halt, halt! Zurück! Ich habe meine Reisetasche vergessen.“
„Man wird sie Ihnen mit dem großen Gepäck nachschicken,“ beschwichtigte ihn David. „Sie wissen, daß ich unser Gepäck auf der Eisenbahn direkt nach Tiberias schaffen lasse, weil wir doch den Umweg machen.“
„Unmöglich!“ jammerte der Architekt. „Ich habe meine Rede in der Reisetasche. Wir müssen zurück.“
Sie mußten zurück. Die Handtasche wurde geholt, aufgeladen, Steineck atmete erleichtert und wurde plötzlich sehr gut gelaunt. Es waren aber in diesem Augenblicke zwei der größten Schreihälse in dem verhältnismäßig engen Raume der Motorarche beisammen: Kingscourt und Steineck. Gleich dem alten Menschenfeinde, pflegte auch Steineck die gleichgültigsten Dinge mit furchtbarem Poltern vorzutragen. Kaum waren sie einander vorgestellt worden, brüllten sie sich gegenseitig in die Ohren. David und Reschid hörten es ergötzt mit an. Plötzlich legte aber Kingscourt den Zeigefinger an den Mund, und veranlaßte dadurch auch Steineck, zu schweigen.
„Herr Steineck,“ flüsterte der Alte, „Sie waren zwar sehr laut, aber Fritzchen ist dabei doch eingeschlafen.“ Und er hob, während die anderen lachten, das Kind, das ihm auf dem Schoße schlummerte, behutsam auf und legte es in den Arm der rückwärts sitzenden Kindsfrau.
„Mr. Kingscourt,“ raunte Steineck sehr gekränkt, „ich glaube nicht, daß ich lauter gesprochen habe, als Sie.“
Die Straße, auf der sie fuhren, bot den beiden Fremden immer neue Gelegenheit zu staunenden Fragen. Der Verkehr war hier natürlich viel schwächer, als in der Stadt, es gab jedoch Leben genug. Radfahrer und Motorwagen eilten an ihnen vorüber. Auf einem weichen Reitpfade zur Seite des Fahrwegs tauchten ab und zu Reiter auf, manche in der malerischen Tracht der Araber, andere in europäischer Kleidung. Auch sah man öfters Kameele, einzeln und in Zügen, die malerischen und primitiven Ueberbleibsel einer überwundenen Epoche. Die Fahrstraße war vorzüglich glatt, und man rollte angenehm dahin. Rechts und links kleine Häuser mit Gärten, weiterhin wohlbestellte Felder von jungem Grün überhaucht. Es fiel Kingscourt auf, daß von den Drähten, die längs der Straße auf Stangen hingezogen waren, Abzweigungen in die einzelnen Häuser gingen.
„Sind das Telephondrähte?“ erkundigte er sich. „Und was ist das für eine Art Leute, die hier wohnt?“
Reschid Bey klärte ihn auf: „Hier wohnen zumeist Handwerker. Das hier ist ein Schuhmacherdorf. In diesen Drähten wird ihnen elektrischer Strom für ihre kleinen Maschinen zugeleitet. Ist Ihnen das etwas neues?“
„O nein, das war schon zu meiner Zeit bekannt. Aber praktisch wurde dieser Kraftverschleiß wenig ausgenützt. Und woher kommt der Strom, wenn ich fragen darf?“
„Es giebt verschiedene Elektrizitätsgesellschaften. Die Leute hier beziehen den Strom zumeist von den Gebirgsbächen des Hermon und Libanon oder vom Toten-Meer-Kanal.“
„Nein!“ schrie Kingscourt überrascht.
„Ja!“ brüllte Steineck.
David aber sagte:
„Diese Handwerker sind auch halbe Bauern. In beiden Eigenschaften sind sie genossenschaftlich verbunden. Ihre gewerblichen Erzeugnisse liefern sie im Wege der Genossenschaft an die großen Warenhäuser, Versandgeschäfte und Exporteure ab. Zugleich bilden sie aber auch landwirtschaftliche Verbände. Da giebt es die mannigfaltigsten Formen. In der Nähe der größeren Städte ist die gewerbliche Thätigkeit überwiegend und der Feldbau daneben unbedeutend, so daß ein solcher Handwerker über seinen Eigenbedarf hinaus nur wenig Bodenfrüchte zieht, beispielsweise Obst und Gemüse für die städtischen Markthallen. In der Küstenzone, die ja ganz den Charakter der Riviera hat, werden, wie in der Umgebung von Nizza Tomaten, Artischokken, Melonen, petits pois, haricots verts und dergleichen gezogen. Unsere Frühgemüse schicken wir mit der Bahn in alle Weltgegenden, nach Paris, Berlin, Moskau, St. Petersburg. Dann giebt es wieder Gegenden, wo das umgekehrte Verhältnis ist, wo das Landwirtschaftliche vorwiegt und das Gewerbliche nur den Charakter einer bescheidenen, wenn auch modernen, mit guten technischen Hilfsmitteln arbeitenden Hausindustrie hat. Das sind unsere Dörfer, die über das ganze blühende Land zerstreut sind. Zum Beispiel da drüben in der Ebene von Jesreel. Sie dürfen freilich keine solchen armen Schmutznester erwarten, die man in früheren Zeiten Dörfer nannte. Wir werden heute noch Gelegenheit haben, das neue Dorf zu sehen, den Typus, der sich unzählig in Palästina wiederholt, west- und ostwärts vom Jordan.“
Sie waren über eine Brücke des Kison gefahren, und der Wagen rollte schneller zwischen herrlichen Orangen- und Zitronengärten hin. Die roten und gelben Früchte leuchteten aus dem Laube.
„Hol’ mich der Deibel, das ist ja Italien!“ sagte Kingscourt.
„Kultur ist alles!“ brüllte Steineck, als ob er einen Widerspruch niederzukämpfen hätte. „Wir Juden haben Kultur hierhergebracht.“
Reschid Bey lächelte freundlich:
„Verzeihen Sie, mein Bester! Diese Kultur war auch früher da, wenigstens andeutungsweise. Schon mein Vater hat Orangen in großer Zahl gepflanzt.“ Er wandte sich zu Kingscourt und deutete mit dem Finger nach einer Anlage zur Rechten: „Das weiß ich besser, als Freund Steineck, denn hier ist meines Vaters Garten, jetzt der meinige.“
Es war eine Pracht, wie die wohlgepflegten Bäume dastanden. Auf den immerblühenden Limonenstämmen sah man Blüten, grüne und gelbe Früchte nebeneinander.
Steineck donnerte: „Ich will nicht leugnen, daß Ihr schon vor uns Eure Bajaren hattet, aber verwerten könnt Ihr sie erst jetzt ordentlich.“
Reschid Bey nickte: „Das ist richtig. Unsere Erträgnisse sind sehr erheblich gewachsen. Unser Orangenexport hat sich verzehnfacht, seit wir die guten Verkehrswege nach der ganzen Welt haben. Alles ist ja durch Eure Einwanderung mehr wert geworden.“
„Eine Frage, Reschid Bey!“ warf Kingscourt ein. „Die Herren werden sie mir nicht übel nehmen, dazu sind Sie ja viel zu gescheit. Sind die früheren Bewohner von Palästina durch die Einwanderung der Juden nicht zu Grunde gerichtet worden? Haben sie nicht wegziehen müssen? Ich meine: im Großen und Ganzen. Daß Einzelne dabei gut fuhren, beweist ja nichts.“
„Welche Frage!“ entgegnete Reschid. „Für uns alle war es ein Segen. Selbstverständlich in erster Reihe für die Besitzenden, die ihre Landstücke zu hohen Preisen an die jüdische Gesellschaft verkaufen konnten oder auch weiter behielten, wenn sie noch höhere Preise abwarten wollten. Ich für meinen Teil habe die Grundstücke unserer neuen Gesellschaft verkauft, weil ich dabei meine Rechnung besser fand.“
„Sagten Sie nicht vorhin, das wären Ihre Gärten, an denen wir vorbeifuhren?“
„Freilich! Nachdem ich sie der Gesellschaft verkauft hatte, pachtete ich sie wieder.“
„Da hätten Sie sie doch gleich nicht hergeben sollen.“
„So war es aber für mich vorteilhafter. Da ich mich der Neuen Gesellschaft anschließen wollte, mußte ich mich auch ihren Landregeln unterwerfen. Die Mitglieder haben kein Privateigentum an Grund und Boden.“
„Friedrichsheim gehört nicht Ihnen, Herr Littwak?“
„Das Grundstück nicht. Ich habe es nur bis zum nächsten Jubeljahre gepachtet, wie Freund Reschid seine Gärten.“
„Jubeljahr? Bitte, erklären Sie sich gefälligst näher. Mir scheint wirklich, daß ich da drüben auf meiner Insel viel verschlafen habe.“
„Das Jubeljahr,“ sagte David, „ist keine neue, sondern eine sehr alte Einrichtung unseres Lehrers Moses. Nach siebenmal sieben Jahren, also in jedem fünfzigsten Jahre, fielen die verkauften Grundstücke wieder an den ursprünglichen Besitzer ohne Entschädigung zurück. Wir haben das allerdings ein bißchen anders gemacht. Bei uns fallen die Grundstücke an die Neue Gesellschaft. Schon Moses wollte dadurch der sozialen Gerechtigkeit in der Bodenverteilung dienen. Sie werden einsehen, daß unsere Methode diesem Zwecke nicht schlechter dient. Die Wertvermehrung des Bodens kommt nicht Einzelnen, sondern der Gesamtheit zu statten.“
Steineck glaubte einen Einwand Kingscourts im vorhinein zerstreuen zu müssen: „Sie werden vielleicht sagen, daß dann niemand mehr Lust haben wird, auf einem nicht ihm gehörenden Boden Verbesserungen und schöne Bauten aufzuführen.“
„O nein, mein Herr, das werde ich nicht sagen. Für ein solches Rindvieh müssen Sie mich nicht halten. Ich weiß, daß in London die Leute ihre Häuser auf fremden Grundstücken bauen, die sie auf 99 Jahre gemietet haben. Das ist doch ganz dasselbe ... aber ich wollte Sie fragen, mein lieber Bey, wie es den früheren Einwohnern erging, die nichts besaßen — den vielen arabischen Mohammedanern?“
„Mr. Kingscourt, diese Frage beantwortet sich von selbst,“ sagte Reschid. „Die nichts besaßen, also nichts zu verlieren hatten, die haben natürlich nur gewinnen können. Und sie haben gewonnen: Arbeitsgelegenheit, Nahrung, Wohlergehen. Es hat nichts armseligeres und jämmerlicheres gegeben, als ein arabisches Dorf in Palästina zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Die Bauern hausten in erbärmlichen Lehmnestern, die zu schlecht waren für Tiere. Die Kinder lagen nackt und ungepflegt auf der Straße und wuchsen auf, wie das liebe Vieh. Heute ist das alles anders. Von den großartigen Wohlfahrtseinrichtungen haben sie profitiert, ob sie wollten oder nicht, ob sie sich der neuen Gesellschaft angliederten oder nicht. Als die Sümpfe des Landes ausgetrocknet wurden, als man die Kanäle anlegte und die Eukalyptusbäume pflanzte, welche den Boden gesund machen, da wurden diese einheimischen, widerstandsfähigen Menschenkräfte zuerst verwendet und gut belohnt. Blicken Sie nur da hinaus ins Feld! Ich erinnere mich noch aus meiner Knabenzeit, daß hier Sümpfe waren. Diesen Boden hat die Neue Gesellschaft am billigsten erworben und hat ihn zu dem besten gemacht. Die Aecker gehören zu dem blanken Dorfe, das Sie dort auf dem Hügel sehen. Es ist ein arabisches Dorf. — Sie bemerken die kleine Moschee. Diese armen Menschen sind viel glücklicher geworden, sie können sich ordentlich ernähren, ihre Kinder sind gesünder und lernen etwas. Nichts von ihrem Glauben und ihren alten Gebräuchen ist ihnen verstört worden — nur mehr Wohlfahrt ist ihnen zu teil geworden.“
„Ihr seid eigentlich kurios, Ihr Mohammedaner! Seht Ihr denn diese Juden nicht als Eindringlinge an?“
„Christ, wie sonderbar ist Ihre jetzige Rede!“ antwortete der freundliche Reschid. „Würden Sie den als einen Räuber betrachten, der Ihnen nichts nimmt, sondern etwas bringt? Die Juden haben uns bereichert, warum sollten wir ihnen zürnen? Sie leben mit uns wie Brüder, warum sollten wir sie nicht lieben? Ich habe unter meinen Glaubensgenossen nie einen besseren Freund gehabt, als diesen David Littwak da. Er kann zu mir kommen bei Tag oder Nacht und von mir verlangen, was er will, ich werde es ihm geben. Und ich weiß auch, daß ich auf ihn rechnen kann, wie auf einen Bruder. Er betet in einem anderen Hause als ich zu demselben Gotte, der über uns allen ist. Aber diese Gotteshäuser stehen nebeneinander, und ich glaube immer, daß unsere Gebete, wenn sie erst einmal im Aufsteigen sind, sich irgendwo in der Höhe vereinigen, und dann setzen sie den Weg zusammen fort, bis sie ganz oben sind bei unserem Vater.“
Reschid hatte in schlichtem Tone gesprochen, der alle bewegte, auch Kingscourt. Dieser räusperte sich:
„Hm — hm. Ganz recht, ganz schön. Das läßt sich hören. Aber Sie sind ein gebildeter Mann, Sie haben in Europa studiert. All das gilt jedoch nicht von den gemeinen Stadt- und Landleuten.“
„Viel eher von diesen, Mr. Kingscourt. Sie müssen schon entschuldigen, aber Duldsamkeit habe ich im Abendlande nicht gelernt. Wir Mohammedaner haben uns von jeher besser als Ihr Christen mit den Juden vertragen. Schon in der Zeit, als die ersten jüdischen Kolonisten hier erschienen, zu Ende des vorigen Jahrhunderts, kam es vor, daß streitende Araber einen Juden zum Richter wählten oder sich geradezu an den Waad einer jüdischen Niederlassung um Rat, Hilfe oder Urteil wandten. Da gab es wirklich keine Schwierigkeit. Und so lange die Richtung des Dr. Geyer nicht die Oberhand bekommen wird, so lange wird auch das Glück unseres gemeinsamen Vaterlandes dauern.“
„Ja, was ist’s denn mit diesem Geyer, von dem ich immer wieder sprechen höre?“
Steineck wurde dunkelrot im Gesichte, und er schrie: „Ein vermaledeiter Pfaffe ist er, ein Augenverdreher, Leutverhetzer und Herrgottsfopper. Die Intoleranz will er bei uns einführen, der Hallunke. Ich bin gewiß ein ruhiger Mensch, aber wenn ich so einen intoleranten Kerl sehe, den könnte ich mit Vergnügen ermorden.“
„Also Sie sind der Duldsame?“ lachte Kingscourt. „Nun kann ich mir denken, wie bei Euch die Unduldsamen aussehen.“
„Diese geberden sich natürlich viel sanfter,“ scherzte David.
Der Motorwagen hatte die Ebene verlassen und rollte ostwärts in das wellige Land hinein, bergauf nicht langsamer als bergab. Ueberall waren die Hügellehnen bis hinauf bebaut, jedes Fleckchen Erde benutzt. An den steileren Hängen erhoben sich Terrassen, wie in der alten salomonischen Zeit. Hier wuchsen Trauben, Granatäpfel und Feigen. Zahlreiche Baumschulen zeigten, welche verständige Sorge die Bevölkerung der Aufforstung dieser einst kahlen Strecken zugewendet hatte. Auf den Kämmen der kleinen Berge ragten die Umrisse von Pinien und Cypressen in den blauen Himmel.
Jetzt kam der Wagen in ein liebliches Thal, das die Reisenden durch seine Blumenfülle überraschte. Wie ein leuchtender Teppich in weißen, gelben, roten, blauen und grünen Farben war es vor ihnen ausgebreitet. Und es war ihnen zu Mute, als wären sie in ein Duftmeer hineingeraten. Ein Windhauch trug die wohlriechenden Luftwellen heran, und die beiden Neuankömmlinge waren ganz bezaubert von dem Naturspiele, das sie sich gar nicht zu erklären wußten. Der Aufschluß wurde ihnen zu teil, daß hier eine großartige Blumenkultur für Parfümindustrie eingerichtet sei. Jasmin, Tuberosen, Geranien, Narzissen, Veilchen und Rosen wurden hier in großen Massen gezogen. Dieses Thal war ein einziger Garten. Am Rande des Weges pflegten die arbeitenden Landleute den Vorbeiziehenden Grüße zuzurufen, die bald Littwak, bald Reschid Bey oder Steineck galten. Alle drei schienen viele Bekannte unter diesen sichtlich frohgemuten Bauern zu haben. So kamen sie nach der Ortschaft Sepphoris, wo der Wagen zum erstenmal hielt. Auf dem Platze vor der griechischen Kirche stieg David aus und bat seine Freunde, sich einen Augenblick zu gedulden; er müsse dem Popen einen kurzen Besuch machen. Er trat in das schmucke kleine Pfarrhaus ein.
Die anderen verließen auch die Motorarche, um ein paar Schritte bis an den Hügelrand zur Ruine der alten zerstörten Kirche zu gehen. Von da genoß man einen schönen Fernblick über die fruchtbare Ebene bis an den Karmel. Und Mirjam erzählte, daß hier einst ein christliches Gotteshaus zu Ehren Joachims und Annas gestanden sei, welche die Eltern Marias, der Mutter Jesu gewesen waren und hier gelebt hatten. Die neue griechische Kirche diene der Kolonie russischer Christen, die um Sepphoris herum entstanden war. Mit dem Popen sei David befreundet, und lade er ihn ein, zur Sederfeier nach Tiberias zu kommen. Dann erschien David wieder, begleitet von dem stattlichen Popen, der aber bedauerte, nicht gleich mitfahren zu können. Er würde nachmittags mit der elektrischen Bahn über Nazareth nach Tiberias kommen und wahrscheinlich noch vor der Gesellschaft bei Littwaks Eltern eintreffen.
So nahmen sie denn Abschied von dem geistlichen Herrn, und der Reisewagen rollte in nördlicher Richtung der Ebene zu.
2. KAPITEL.
Die Glaswand zwischen dem vorderen und dem mittleren Teile des Wagens war gesenkt worden, um das Gespräch auch mit den vorne Sitzenden zu erleichtern. Außerhalb von Sepphoris mußten sie an einer Bahnschranke einige Minuten stillhalten, weil ein Zug angekündigt war. Jetzt sauste er vorüber, nach Süden zu, sehr eilig. Es fiel den Fremden auf, daß der Lokomotive die Rauchfahne fehlte, und sie erfuhren, nachdem sie das Geleise passiert hatten, daß der Betrieb hier, wie auf den meisten Bahnen Palästinas, elektrisch sei. Das war einer der großen Vorzüge der Einrichtung einer neuen Kultur in diesen Gegenden gewesen. Gerade weil hier alles bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts völlig vernachlässigt, in einer Art von Urzustand lag, hatte man gleich die neuesten und höchsten technischen Errungenschaften benützen können. Es war wie bei der Anlage der Städte so auch in allem anderen zugegangen, im Eisenbahnwesen wie beim Kanalbau, in der Landwirtschaft wie in der Industrie. Die Erfahrungen aller Kulturvölker standen ja den jüdischen Ansiedlern, die aus aller Welt herbeiströmten, zu Gebote. Die Gebildeten aber, die von den Universitäten, den technischen, landwirtschaftlichen und Handelshochschulen der zivilisierten Staaten herkamen, waren ausgerüstet mit jeder notwendigen Wissenschaft. Und gerade diese arme junge Intelligenz, für die es keine Verwendung in den antisemitischen Ländern gegeben hatte, und die dort zu einem hoffnungslosen umsturzlustigen Proletariate herabgesunken war — diese gebildete und verzweifelte jüdische Jugend war zum größten Segen Palästinas geworden, denn sie brachte die neueste Wissenschaft in allen praktischen Gestaltungen hierher. So berichtete David.
Friedrich erinnerte sich plötzlich eines Wortes, das in seinem Leben eine Rolle gespielt hatte, und er richtete an seinen Freund eine den anderen unverständliche Frage:
„Ein gebildeter und verzweifelter junger Mann! Wissen Sie noch, Kingscourt? Kein Wunder, daß ein Jude sich meldete. In jener Zeit wuchsen unter uns viele solche, wir waren fast alle so.“
Kingscourt jedoch interessierte sich mehr als für Friedrichs Empfindsamkeiten, für die Erzählung Davids:
„Ihr seid aber ein sündhaft pfiffiges Volk — uns habt Ihr das alte Eisen gelassen, und Ihr fahrt mit den neuen Maschinen.“
Steineck schrie:
„Hätten wir uns vielleicht veraltetes Zeug anschaffen sollen, wenn wir für dasselbe Geld gutes neues kriegen und machen konnten? Uebrigens, was Sie hier sehen, gab es alles schon in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Europa und Amerika, besonders in Amerika. Die drüben waren der verdummten alten Welt weit vor. Natürlich haben wir von den Amerikanern gelernt, im elektrischen Bahnwesen und in noch anderen Dingen.“
„Für uns,“ ergänzte David, „war der Uebergang zu den besten, modernsten Betriebformen viel weniger kostspielig, weil wir nichts altes zu amortisieren hatten. Schlechtes rollendes Material brauchten wir nicht bis zur Abnützung mitzuschleppen. Unsere Waggons enthalten alle Bequemlichkeiten, Ventilation, helles Licht bei Nacht, keine Belästigung durch Rauch und Staub, und man wird fast gar nicht aufgerüttelt, obwohl wir mit bedeutender Geschwindigkeit fahren. Die Insassen der Arbeiterzüge werden nicht in Pferchen gemartert, wie ehemals. Wir achten selbstverständlich auf die Volksgesundheit in einem so wichtigen Verkehrsmittel. Es wird Sie auch interessieren, wie billig die Bahnbenützung bei uns ist. Wir haben für die Personenbeförderung das Tarifsystem nachgebildet, welches im Lande Baden unter der Regierung des guten weisen Großherzogs Friedrich eingeführt wurde. Das Aufsuchen der Arbeitsgelegenheit wollten wir im allgemeinen Interesse so leicht und frei als möglich machen. Sie werden bei uns die Erscheinung nicht sehen, daß von einem Orte, wo man Menschenkraft wie einen Bissen Brot braucht, nach einem anderen Orte, wo Arbeitswillige den Bissen Brot nicht finden können, Eisenbahnwagen leer hin und her geschleift werden, weil die Fahrpreise zu hoch sind. Vom Libanon bis ans tote Meer und von der Mittelmeerküste nach dem Dscholan und Hauran ziehen sich die Schienenstränge zur Befruchtung des Landes, wie eine Kanalisation der Menschenkraft. Selbstverständlich ist auch der Frachtverkehr, einheimischer wie Transit, sehr erheblich, da wir Kornkammern und Häfen, sowie Anschluß an die kleinasiatischen und nordafrikanischen Linien haben ... Doch von all diesen sozialen und wirtschaftlichen Vorzügen unseres Bahnverkehrs will ich jetzt nicht sprechen. Diese Dinge sind Ihnen ja geläufig, meine Herren, obwohl Sie zwanzig Jahre außer der Welt waren. Das alles haben die Menschen schon vor zwanzig Jahren aus täglicher Erfahrung gewußt.“
„Auch wenn sie noch so beschränkt waren,“ warf Steineck liebenswürdig ein.
David fuhr fort: „Aber was man nicht kannte, war die Schönheit unseres teuren Landes. Viel ist freilich durch unsere Kulturarbeit geschaffen worden, aber die natürlichen Reize der Gottesgabe lagen durch viele Jahrhunderte ungesehen, ungekannt, vergessen da. Wo finden Sie in der Welt noch ein Land wie unseres, das Ihnen in allen Jahreszeiten den Frühling so nahe erreichbar macht? Es giebt eine warme, eine gemäßigte und eine kalte Zone, die nicht weit auseinander liegen. Im Süden des Jordanthales die beinahe tropische Landschaft, an der weichen Meeresküste die Wonnen der italienischen und französischen Riviera, und unfern die tragisch großartigen Gebirge des Libanon und Antilibanon, der schneebedeckte große Hermon. Und das alles ist in wenigen Stunden Eisenbahnfahrt zu erreichen. Gott hat unser Land gesegnet!“
„Ja,“ sagte Reschid, „bei uns ist das Reisen ein großer Genuß. Ich setze mich manchmal in den Aussichtswaggon und fahre ganz planlos spazieren, nur um beim Fenster hinauszuschauen.“
„Verehrtester Gastgeber,“ bemerkte Kingscourt; „ich meine, Sie hätten uns damit vor allem bekannt machen müssen — ohne Ihrer famosen Arche nahetreten zu wollen. Man fährt wirklich recht sanft.“
David entschuldigte sich: „Aus zwei Gründen, meine Herren, ließ ich Sie heute nicht auf der Bahn fahren. Erstens weil Sie im Motorwagen mehr von Land und Leuten sehen. Zweitens, weil in den Tagen vor Ostern ein ungeheurer Fremdenandrang auf der Linie Haifa-Nazareth-Tiberias herrscht. Nun ist zwar auch dieses kosmopolitische Treiben, dieses Durcheinander aller Nationen, der Zug von Pilgern nach den heiligen Stätten der Christenheit in hohem Grade fesselnd. Aber zuerst wollte ich Ihnen doch das organische Leben unseres Gemeinwesens zeigen.“
„Ja, wie haben Sie die Frage der heiligen Stätten gelöst?“ sagte nun Friedrich.