Part 10
„Das war kein Kunststück,“ entgegnete David. „Als im vorigen Jahrhunderte diese Frage durch die zionistische Bewegung in Fluß kam, hielten es viele Juden, gleich Ihnen, Herr Doktor, für unmöglich, mit dieser Schwierigkeit fertig zu werden. Infolge Ihrer langen Abwesenheit haften Sie, wie ich sehe, auch jetzt noch an dieser veralteten Anschauung. Zunächst ergab es sich vor etwa fünfundzwanzig Jahren aus der publizistischen Erörterung, wie aus den Aeußerungen maßgebender Staatsmänner und Kirchenfürsten, daß dieses Hindernis nur in der Einbildung allzu ängstlicher Juden existierte. Die heiligen Stätten der Christenheit hatten sich doch seit undenklicher Zeit im staatlichen Besitze von Nichtchristen befunden. So wie man schon seit mehreren Jahren keine Kreuzzüge geführt hatte, so war auch allmählich eine andere und jedenfalls viel höhere Auffassung für die Besitzverhältnisse dieser vom Glauben geheiligten Orte geltend geworden. Gottfried von Bouillon und seine guten Ritter empfanden es als eine Kränkung, daß Palästina in den Händen der Muselmanen war. Wo haben Sie ein ähnliches Gefühl bei den Rittern und Grafen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wahrgenommen? Und die Regierungen? Hätten die vielleicht den Parlamenten eine außerordentliche Kreditforderung zur Eroberung des heiligen Landes vorzulegen gewagt? Die Sache war nämlich die, daß ein solcher Krieg weniger gegen den Großtürken als gegen andere christliche Mächte hätte geführt werden müssen. Es wäre ein Kreuzzug nicht gegen den Halbmond, sondern gegen ein anderes Kreuz gewesen. So war man zu der Ansicht gelangt, daß der sogenannte status quo für alle Teile das Beste sei. Aber das war doch nur eine realpolitische Nützlichkeitserwägung. Daneben ging auch noch eine höhere, eine, wenn ich das Wort gebrauchen kann, idealpolitische Auffassung. Um den Sachbesitz konnte es sich bei den heiligen Stätten wohl nicht handeln. Den religiösen Empfindungen schien mehr Genüge geleistet, wenn diese Orte der Andacht sich in niemandes ausschließendem Besitze befanden, als wenn sie irgend einer einzelnen irdischen Macht gehörten. In einer Begriffsbildung, die dem römischen Recht entlehnt war, erschienen all die heiligen Stätten als res sacrae, extra commercium. Das war das sicherste, das einzigste Mittel, sie für immerwährende Seiten zum Gemeingute aller Gläubigen zu machen. Und wenn Sie nach Nazareth, Jerusalem oder Bethlehem kommen, werden Sie versöhnte Pilgerzüge wallen sehen. Auch mich, der ich ein überzeugter Jude bin, ergreifen diese Bilder tiefster Andacht mit eigener Gewalt.“
„Man fühlt sich an Lourdes in den Pyrenäen erinnert, wenn man nach Bethlehem oder Nazareth kommt,“ sagte Steineck. „Auch ein so kolossaler Fremdenverkehr, neue Hotels, Massenherbergen und Klöster.“
In solchen Gesprächen waren sie nach der Ebene gelangt. Eine langgestreckte Niederung, reichbebaut mit Weizen und Gerste, Mais und Hopfen, Mohn und Tabak. Blanke Dörfer und einzelne Wirtschaftshöfe im Thale und an den Berglehnen. Saftige Weideplätze, auf denen Rinder und Schafe beschaulich grasten. Da und dort sah man das Eisen großer landwirtschaftlicher Maschinen blitzen. Und in der Sonne dieses Frühlingstages machte die ganze Landschaft einen unsagbar friedvollen und glücklichen Eindruck.
Sie kamen durch einige kleinere Ortschaften, blickten in stattliche Bauernhöfe hinein, sahen Männer und Frauen bei der Arbeit, Kinder beim Spiele, und Greise, die sich still vor den Häusern sonnten. Den Fahrenden fiel es auf, daß die Fußgänger auf dem Wege sich mehrten, je weiter man kam. Alle strebten offenbar einem gemeinsamen Ziele zu, und dieses schien eine südlich auf der Höhe gelegene große Niederlassung zu sein. Sie überholten die Fußgänger, Männer und Frauen, die ihnen Grüße und auch „Hedad!“ zuriefen. Einzelne rückten aber ziemlich verdrossen ihre Hüte oder blickten sogar mißmutig zur Seite. Noch lebendiger wurde es hinter dem Motorwagen. Kaum war er vorbei, so kamen aus jedem Bauernhof Leute heraus, die sich hinterdrein in Bewegung setzten, manche laufend. Einige schwangen sich auf Pferde und ritten im Galopp nach. Andere endlich bestiegen Fahrräder und bemühten sich, den mechanischen Wagen zu überholen. Davids Gäste hatten bald den Eindruck, daß sie erwartet würden.
Und so war es wirklich. Die Niederlassung, deren ländlichen Reichtum sie an den prächtigen Wirtschaftsgebäuden, am wohlgenährten Vieh, an der hochstehenden Kultur der Felder wahrnehmen konnten, war die Ortschaft Neudorf. Eine Menschengruppe harrte ihrer vor dem schmucken Gemeindehause, und als der Motorwagen hielt, brauste den Ankömmlingen ein hundertstimmiges „Hedad!“ entgegen.
„Hedad! ist so viel wie Hoch!“ sagte Reschid zu Kingscourt gewendet, als sie ausstiegen.
„Hab’ ich mir gleich gedacht, daß es entweder Hoch! oder Nieder! heißt,“ schmunzelte der Alte.
Indessen konnten sie nicht gleich ins Haus eintreten, weil ein kleiner Chor von sauber gekleideten Schulkindern unter dem Kommando des Lehrers ein hebräisches Begrüßungslied anstimmte. Das mußten sie stehend anhören. Fritzchen war wieder munter und sang auf dem Arme seiner Kindsfrau das Lied in unartikulierten Lauten mit.
Dann trat der Gemeindevorsteher Friedmann, ein kräftiger Bauer von etwa vierzig Jahren, vor und hielt eine kurze Ansprache, in der er die Gäste und insbesondere die Parteiführer Littwak und Steineck willkommen hieß. Er sprach im russisch-jüdischen Dialekte.
„Alle Wetter!“ brummte Kingscourt dem neben ihm stehenden David ins Ohr, „das wußt’ ich gar nicht, daß Sie ein Parteiführer sind.“
„Nur vorübergehend, Mr. Kingscourt; für ein paar Wochen. Meine Profession ist es nicht.“
Aber ein anderer Bauer war vorgetreten, auch ein stämmiger, sonngebräunter Mensch. Er drehte seinen Hut ein wenig verlegen zwischen den harten Händen und sprach mit unsicherer Stimme:
„Herr Littwak und Herr Steineck, Sie werden schon erlauben, daß ich auch etwas sag’.“
Einige Fäuste streckten sich nach dem unvermuteten Redner aus, um ihn wegzuziehen. Mehrere schrieen:
„Mendel soll nicht reden! Er hat nicht zu reden.“
Mendel stand jedoch trotzig da, und seine Entschlossenheit wuchs, als man ihn verhindern wollte.
„Ich werd’ reden!“
Es erhob sich ein Lärm. „Nein, nein!“ schrie die Mehrzahl. Mendels Anhänger wetterten dazwischen: „Ja, er soll nur reden!“
David beruhigte sie mit einer Geberde seiner erhobenen Hand:
„Gewiß soll er reden!“
Mendel sagte höhnisch zu seinen Gegnern: „Ihr seht! ... Herr Littwak is gescheiter, wie Etz chamoirem! Also was ich sagen will, is nur das: Friedmann hat nix geredt für de ganze Gemeinde.“
Wieder verworrener Lärm:
„O ja! O ja! Er ist der Vorsteher!“
Mendel fuhr unbekümmert fort:
„Die Gäst’ darf er begrüßen, ja. Das muß er. Da hat er gesprochen für uns alle Männer von Neudorf. Mir sind nit grob gegen unsre Gäst’. Aber als Parteiführer darf er die Herren da nix begrüßen. Bei uns in Neudorf giebt es noch en andere Partei, was nit den Herrn Littwak sei’ Partei is. Das hab’ ech Ihner sag’n woll’n, Herr Littwak und Herr Steineck.“
Der Sturm der Zuhörer hatte sich während Mendels Rede gelegt, ja es schien sogar, als wären viele mit dieser Einschränkung einverstanden, weil so die Gastfreundlichkeit mit dem Parteistandpunkte zugleich gewahrt blieb.
„Oho?“ erkundigte sich Kingscourt bei Steineck. „Wir scheinen da in Feindesland geraten zu sein?“
„Fressen werden sie uns nicht,“ gab der Architekt zur Antwort. „Wir sind ja hier, um sie zu bekehren. Ich werde ihnen ihre Bauernschädel schon zurechtsetzen ... Um Gotteswillen, wo hab’ ich meine Rede?“ Er durchsuchte seine Handtasche, die er sich vom Diener hatte reichen lassen. „Meine Rede ist nicht da!“
Frau Sarah lachte: „Sie hatten sie doch in der Reisetasche?“
„Jetzt fällt mir ein, ich habe sie in den Koffer gesteckt.“
Mirjam sagte: „Sprechen Sie doch aus dem Stegreif!“
Steineck machte ein verzweifeltes Gesicht. Mit Stegreifreden hatte er gewöhnlich kein Glück.
Im Haufen der Landleute öffnete sich eine Gasse. „Reb Schmul kommt!“ hatten einige gerufen, und man machte ihm ehrfurchtsvoll Platz.
Rabbi Samuel war ein alter, gebückt einhergehender Mann von ungemein mildem Wesen. Er nahm Davids Hand in seine zitternden Greisenhände und begrüßte ihn herzlich, so daß man sehen konnte, er stehe nicht auf der Seite Mendels und der Trotzigen.
Mirjam aber erzählte den Fremden in leisem Tone, wer dieser weißbärtige Rabbi war. Er sei mit den ersten Einwanderern ins Land gekommen, als diese jetzt so fruchtbare Ebene dürftig dalag und die Ebene von Asochis dort hinter den nördlichen Höhen noch von Sümpfen durchzogen war, und im Süden die weite Ebene von Jesreel noch die alte Mißwirtschaft aufwies. Rabbi Samuel war der Tröster und Seelsorger der Männer von Neudorf gewesen, die zum größten Teile von Rußland herkamen und den Kulturkampf mit dem alten Boden aufnahmen. Er war und blieb der einfache Landrabbiner, harrte bei seiner Gemeinde aus, obwohl er von größeren Stadtgemeinden oft genug berufen worden war. Denn er wurde wegen seines gottesfürchtigen und weisen Lebenswandels allgemein verehrt. Der östliche Teil der Ortschaft, wo das Häuschen des Rabbiners stand, hieß der Garten Samuels. Und an den Festtagen, wenn Rabbi Samuel im Tempel von Neudorf predigte, kamen die Andächtigen von weit her, um seinen Worten zu lauschen.
Der Vorsteher Friedmann ließ jetzt den Gästen den Willkommstrunk und einen Imbiß reichen. Auf dem Platze hinter dem Gemeindehause war eine luftige Halle improvisiert. An hohen Stangen und Baumästen waren lange Streifen von Segeltuch gespannt, die genügenden Schatten gewährten. Dahin begab sich die Menge.
Ein leichtes Gerüst war als Rednerbühne aufgerichtet. Davor, in der ersten Reihe, standen Stühle für Rabbi Samuel und die Gäste. Die Uebrigen hatten Bänke, oder sie mußten stehen.
Friedmann sprach zuerst und ermahnte die Zuhörer, die Redner nicht zu stören, auch wenn man nicht mit allem Vorgebrachten einverstanden wäre. Das verlange der gute Ruf von Neudorf. Dann gab er dem Architekten Steineck das Wort. Dieser bestieg die Erhöhung, räusperte sich mehrmals und begann, erst stockend, dann immer lebhafter:
„Liebe Genossen! Mir ist — hm ein — hm — Unfall zugestoßen, auf der Reise — hm. Ich habe nämlich meine — hm — meine Rede verloren. Ich habe mir nämlich für euch eine Rede ausgearbeitet. Es war eine gute, schöne Rede, das müßt ihr mir glauben, weil ihr sie nicht kennen lernen werdet.“
Einige lachten. Steineck fuhr fort:
„Wir sind in unserer neuen Gesellschaft — hm — an einem Wendepunkt angelangt — hm — an einem Wendepunkt. Ich sage euch nichts als das: an einem Wendepunkt!“
Redner wischte sich den Schweiß ab.
„Worin besteht dieser Wendepunkt, meine lieben Freunde? ... Aber bevor ich mich diesem Wendepunkt — hm — zuwende, möchte ich — hm — auf die Vergangenheit zurückgreifen. Was war die Vergangenheit, eure, unsere Vergangenheit? Hm? Das Ghetto!“
Rufe: „Sehr richtig!“
„Wer hat Euch aus dem Ghetto herausgebracht? Hm? Wer?“
Mendel rief mit starker Stimme dazwischen: „Wir selbst!“
Rufe: „Ruhe! Ruhe!“
Steineck aber wurde hitziger:
„Wer ist das, wir selbst? Hm? Ist es Mendel oder ein anderer?“
Mendel schrie wieder: „Das Volk!“
„Ich bitte mich nicht zu unterbrechen! Hm. Ich nehme übrigens das Wort von Mendel auf. Das Volk, ja! Gewiß, das Volk. Hm. Aber allein war das Volk das nicht imstande. Hm. Unser Volk war zerstreut in der ganzen Welt, in kleinen hilflosen Gruppen. Bevor es sich selbst helfen konnte, hat man es zusammenbringen müssen.“
Mendel lärmte wieder:
„Ja, ja, die Führer, das wissen wir schon!“
Jetzt fuhr aber Friedmann mit einer Donnerstimme dazwischen:
„Augenblicklich schweigst du, Mendel! Ich bitte, Herr Steineck, reden Sie weiter.“
„Hm, ja, ich rede weiter. Die Führer, sagt Mendel. Ich glaube, hm, er sagt es höhnisch. Aber es ist wahr. Hm. Wo war euer Geyer, der euch jetzt aufhetzt, damals? Ich will es euch sagen. Euer Doktor Geyer war damals ein antizionistischer Rabbiner. Ich habe ihn gekannt. Er war auch damals unser wütender Gegner, schützte aber andere Gründe vor, oh, ganz andere. In einer Sache ist er freilich immer derselbe geblieben. Hm. Ich will euch sagen, was er war, ist und sein wird. Er ist der Rabbiner des nächsten Vorteils. Als wir Zionisten der ersten Stunde uns auf den Weg machten, unser Volk und unser Land aufzusuchen, da hat uns der Herr Rabiner Dr. Geyer gescholten. Ja, Narren und Betrüger hat er uns gescholten.“
Ein junger Landmann von etwa fünfundzwanzig Jahren näherte sich der Rednerbühne und sprach in höflichem Tone:
„Entschuldigen Sie, Herr Steineck! Das ist nicht möglich. Man hat doch immer gewußt, daß wir Juden ein Volk sind und daß Palästina unser angestammtes Land ist. Also kann Dr. Geyer unmöglich jemals das Gegenteil behauptet haben.“
„Er hat es aber gethan!“ schäumte Steineck. „Er hat unser Volk und Land verleugnet. Er hat aus dem Gebetbuch heraus Zion gelesen, und dann hat er den Schafen, die ihm zuhörten weiszumachen gewagt, daß damit etwas anderes gemeint sei. Unter Zion soll man etwas anderes verstehen, als Zion! Alles andere sollte man darunter verstehen, nur das eine, wahre nicht. Zion war überall, nur nicht in Zion!“
Einige schrieen: „Nein, nein! Das hat Geyer nicht gesagt. Das ist unmöglich!“
Aber Rabbi Samuel war aufgestanden. Zitternd stützte er sich auf seinen Stock und erhob die andere Hand, worauf sofort alle still wurden.
„Es ist wahr!“ sagte der Greis. „Es hat gegeben solche Rabbiner. Vielleicht war Geyer auch einer von sie. Das weiß ich nicht. Da muß ich Steinecken glauben. Aber es hat gegeben solche Rabbiner, es hat gegeben solche ...“ Er setzte sich erschöpft nieder.
Steineck aber, in dessen Munde die Worte sich zu überstürzen anfingen, da er einmal im Zuge war, sprach:
„Die Rabbiner des nächsten Vorteils haben uns das Leben sauer gemacht, und das thut der auch jetzt. Damals, in unserer schweren Anfangszeit, hat er gar nicht wollen, daß von Palästina gesprochen wird. Jetzt ist er palästinensischer, als wir alle. Er ist der Patriot, er ist der Nationaljude — wir sind die Fremdenfreunde, und wenn wir ihm noch lang zuhören, sind wir die schlechten Juden oder gar auch Fremde in seinem Land Palästina. Ja, das ist es: er will uns absondern von der Gemeinschaft. Mißtrauen sät er zwischen euch und uns. Die Augen verdreht er, der fromme Mann, und dabei lugt er scharf aus nach dem nächsten Vorteil. Früher, im Ghetto, waren die Reichen in der Gemeinde die Einflußreichen, da hat er nach dem Munde der Reichen gesprochen. Den Reichen war die nationale palästinensische Idee unbequem, da hat er also das Judentum in ihrem Sinn ausgelegt. Da hat er gesagt, daß das jüdische Volk nicht heimkehren darf, weil das den Herren Kommerzienräten und Hochbankiers die Kreise gestört hätte. Da haben er und seinesgleichen die Fabel von der Mission des Judentums erfunden. Das Judentum sollte dazu da sein, den Völkern Lektionen zu geben. Darum mußten wir in der Zerstreuung leben. Wenn uns die Völker nicht ohnehin gehaßt und verachtet hätten, so hätten sie uns schon wegen einer solchen Arroganz auslachen müssen. Und Zion war nicht Zion! Die Wahrheit aber war, daß wir keine Lektionen gegeben, sondern bekommen haben, Tag für Tag, fort und fort, blutige, schmerzliche Lektionen — bis wir uns ermannt haben und bis wir noch einmal den Weg aus Mizrajim heraus gesucht und gefunden haben. Ah, freilich, dann ist auch der Herr Dr. Geyer nachgekommen, mit seiner alten Arroganz und Scheinheiligkeit. Und in den jüdischen Gemeinden sieht es jetzt auch, Gott sei Dank! anders aus. Nicht mehr die Reichen machen das Gesetz, sondern alle. Die Vorsteherschaft in den Gemeinden ist jetzt nicht mehr eine Prämie für gute Geschäfte, wie es ehemals der Fall war. Die Vorsteher werden jetzt nicht nach ihrem Reichtum, sondern nach ihrer Achtbarkeit und Tüchtigkeit gewählt. Da muß natürlich den Instinkten der Menge geschmeichelt werden. Da muß natürlich eine Theorie für den nächsten Vorteil der Menge gefunden werden, — oder wenigstens für das, was die Menge als ihren nächsten Vorteil ansieht. Und darum wird das Schlagwort gegen die Fremden ausgegeben. Ein Nichtjude soll in die neue Gesellschaft nicht aufgenommen werden. Je weniger Leute sich an die Schüssel setzen, desto mehr fällt an einen ab. Ihr glaubt vielleicht, daß das euer nächster Vorteil ist. Aber es ist nicht wahr. Verarmen würde das Land, und verdorren, wenn ihr diese blödsinnige, engherzige Politik macht. Wir stehen und fallen mit dem Grundsatz, daß wer sich zwei Jahre in den Dienst der neuen Gesellschaft gestellt hat, wie es vorgeschrieben ist, wenn er sich diese zwei Jahre ordentlich aufgeführt hat, Mitglied werden kann, welcher Nation oder Konfession er auch immer angehören mag. Und darum sage ich euch, daß ihr daran festhalten sollt, was uns groß gemacht hat, am Freisinn, an der Duldung, an der Menschenliebe. Zion ist nur dann Zion! Ihr werdet einen Delegierten zum Kongreß wählen. Wählet einen, der nicht an den nächsten Vorteil denkt, sondern an den dauernden. Wenn ihr aber einen Geyerianer wählt, so seid ihr nicht wert, daß euch die Sonne unseres heiligen Landes bescheint. So. Ich habe gesprochen.“
Der Beifall war nicht groß. Einigemale hatte der Redner wohl Eindruck auf seine Zuhörer gemacht, aber der Schluß hatte sie, wie man deutlich sehen konnte, verstimmt. Nur einem hatten gerade die Schlußworte gefallen, und er sagte es auch dem Architekten, der sich in Schweiß gebadet neben ihn hinsetzte. Dieser eine war Mr. Kingscourt, doch besaß dieser kein Stimmrecht in Neudorf.
3. KAPITEL.
„Will noch jemand reden?“ fragte Friedmann, der Vorsitzende.
„Ich!“ schrie Mendel, und war mit einem Satz auf der Rednerbühne.
„Der Herr Architekt Steineck hat uns e Red’ gehalt’n. Me kenn sag’n es war e scheene Red’, me kenn auch sag’n, es war e grobe Red’. Ich sag’, es war e grobe Red’.“
Friedmann fiel ihm ins Wort:
„Du, Mendel, beleidigen wirst du nicht! Das erlaub’ ich nicht.“
Aber Mendel entgegnete:
„Beleidigen? Wer beleidigt? Er hat uns beleidigt. Er hat gesagt, mir sein nit wert, daß uns bescheint de Sonn’. Worum sein mir es nit wert? Weil mir nit woll’n ereinlass’n e jed’n. Wer hat sech geplagt un gerackert mit den Boden? Mir! Wer hat erausgeklaubt de Staner? Mir! Wer hat ausgetrocknet de Sümpf’, gegrab’n de Kanäl’, gepflanzt de Bäum’, wer hat geschwitzt un gefror’n bis dos alls fertig war? Mir, mir, mir! Un jetzt auf amol soll es nix uns gehörn? Na, dos is ka Red’. Mir sennen ehergekummen, da war hier nix, gar nix. Jetzt is da e Musterwirtschaft. Da drin steckt unser Schweiß un Blut un unsere Arbet. Dos mit’n nächsten un dauernden Vorteil, dos versteh’ ech nit. Vielleicht versteht’s Etz es besser? Was den Dr. Geyer betrefft, der liegt mir stark auf. Was er früher gesogt hat, liegt mir auch stark auf. Aber jetzt hat er Recht, dos waas ech. Wos mir uns geschafft hob’n mit unsere Händ, dos muß uns bleib’n, dos lass’n mir uns nit ewegnemmen, von niemanden. So! Mehr hob ech nit zu sog’n.“
Schüchterner Beifall regte sich in der Menge, aber man hielt sich offenbar aus Rücksicht auf die Gäste von einem lauten Ausbruche zurück.
Nachdem Mendel abgegangen war, schritt David Littwak zur Tribüne. Sein Gesicht hatte einen ernsten Ausdruck, als er mit klarer, weithin vernehmbarer Stimme anfing:
„Meine Freunde! Ihr werdet mich anhören. Ihr wißt, ich bin aus eurem Blut. Ich habe wie ihr auf dem Felde gearbeitet, an meines Vaters Seite. Ich habe mich etwas höher hinaufgeschwungen, aber ich kenne die Schmerzen und Freuden des Landmannes. Ich weiß, wie euch zu Mut ist, und dennoch sage ich euch, daß Mendel nicht Recht hat.
Vorerst denkt niemand daran, euch etwas wegzunehmen, was euch gehört. Wenn das einer versuchen wollte, würde ich bis zu meinem letzten Atemzuge an eurer Seite kämpfen. Nein, es handelt sich gar nicht darum, eure guten erworbenen Rechte zu schmälern. Die Früchte eurer Arbeit sollen euch bleiben und werden sich mehren. Die Frage steht anders, ganz anders, als man es euch sagte.
Mendel ist guten Glaubens, aber er irrt sich. Vor allem irrt er sich darin, wenn er meint, daß alles, was wir sehen können, das Werk eurer Hände ist. Eure Hände haben es gemacht, aber eure Köpfe haben es nicht erdacht. Ihr seid zwar, Gottlob! nicht so unwissend, wie es die Bauern früherer Zeiten und anderer Länder waren, aber doch kennt ihr die Herkunft eurer eigenen glücklicheren Verhältnisse nicht. Was ist Neudorf? Wer es zum erstenmal sieht, ohne die Geschichte der Niederlassung zu kennen, der wird sich höchstens wundern oder freuen, daß an der alten Römerstraße nach Tiberias, im Wadi Rummane diese blühende Ortschaft entstanden ist. Ich bin heute mit zwei fremden Herren herausgefahren, und ich war stolz, ihnen unsere Herrlichkeiten zeigen zu können, unsere Felder, auf denen jetzt die Gerste blüht, unsere Weiden und Baumschulen, unsere grünen Gärten, unsere schmucken Häuser, unsere Zuchttiere und Maschinen, unsere Bewässerungen und unsere eroberten Moore. Ich sage unser, obwohl mir keine Spanne Feld und kein Stück Vieh gehört. Alles ist euer, aber ich fühle mich da so zu Hause, daß ich „unser“ sagen kann. Und wenn mich die Herren fragen, wer das alles in zwanzig kurzen Jahren hervorgezaubert hat, so werde ich ihnen genau so wie Mendel antworten: Wir, wir, wir!
Ja, aber wie? Sind wir einfach hergegangen und haben mit unseren Händen gearbeitet, wie Mendel sagt? Mit unseren ungeschickten Händen, die früher so wenig die Feldarbeit gewohnt waren? Wie konnten wir solche Resultate erzielen, die man früher hier nie erzielt hat? Wenigstens hat man sie nie erzielt, bevor die deutschen protestantischen Bauern am Ende des neunzehnten Jahrhunderts hierherkamen und einzelne Kolonien gründeten. Und diesen Tüchtigsten der Tüchtigen haben wir es gleichgethan, haben sie sogar überflügelt. Wie ist das zugegangen?
Es ist wahr, ihr habt gearbeitet, mit der ganzen Begeisterung, die wir Juden für unsere heilige Erde haben. Für andere war das ein unergiebiger Boden, für uns war es ein guter, weil wir ihn mit unserer Liebe düngten. Unsere ersten ruhmreichen Kolonisten haben das schon vor dreißig Jahren gezeigt. Und doch waren jene Ansiedelungen ökonomisch nicht viel wert, weil sie nach einem falschen Prinzip errichtet waren. Die dort drüben konnten mit all ihren modernen Maschinen doch nur das alte Dorf machen. Ihr aber habt das neue Dorf, und das ist nicht allein eurer Hände Werk, meine Freunde!
Und ihr werdet es für einen Scherz halten, wenn ich euch sage, daß Neudorf gar nicht in Palästina gebaut worden ist, sondern anderswo. Es ist gebaut worden in England und Amerika, in Frankreich und in Deutschland. Es ist entstanden aus Erfahrungen, Büchern und Träumen. Die mißglückten Versuche von Praktikern wie von Phantasten mußten euch zur Lehre dienen, ihr wißt es gar nicht.