Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen

Part 21

Chapter 213,232 wordsPublic domain

Mit der berüchtigten Berliner Verwechslung von +mir+ und +mich+ hat dieses Schwanken nichts zu tun, sondern es hängt meist damit zusammen, daß in den Begriff dieser Verba sinnverwandte Zeitwörter hineinspielen, die teils mit dem Dativ, teils mit dem Akkusativ verbunden werden. Aber nur in den seltensten Fällen hat das Schwanken eine Berechtigung. Bei +nachahmen+ handelt sichs eigentlich nicht um ein Schwanken, sondern um zwei verschiedne Bedeutungen des Wortes: es ist ein großer Unterschied, ob man sagt: ich ahme +dich+ nach, oder ich ahme +dir+ nach. Mit dem Akkusativ bedeutet es +nachmachen+ (+dich+), mit dem Dativ +nachstreben+ (+dir+). Wenn Schüler +dem+ Lehrer nachahmen, so kann das sehr lobenswert sein; wenn sie +den+ Lehrer nachahmen, so kann ihnen das unter Umständen eine Stunde Karzer eintragen.[112] Schwer ist es, bei +kosten+ eine Entscheidung zu treffen; +kosten+ ist ein Lehnwort, entstanden aus dem lateinischen ~constare~. Die Verbindung ~constat mihi~ ist aber gar nicht maßgebend, denn +kosten+ ist ursprünglich im Sinne von +aufwenden machen+ gebraucht worden. Der Akkusativ überwiegt denn auch in der guten Schriftsprache. Bei allen übrigen der genannten Verba hat der Dativ überhaupt keine Berechtigung. Sätze wie: laß +mir+ das einmal sehen -- das geht +dir+ nichts an u. ähnl. gehören nur der niedrigsten Volkssprache an. +Heißen+ verträgt den Dativ der Person nur ausnahmsweise: wer hat +dir das+ geheißen? (wie: wer hat dir das +geboten+, +befohlen+, +aufgetragen+?). Im allgemeinen verlangt es, wie +lehren+, den Akkusativ der Person. Aber gerade für +lehren+ und +heißen+ verliert die ganze Frage mehr und mehr an Bedeutung, denn in der lebendigen Sprache werden diese Wörter überhaupt kaum noch in solcher Verbindung gebraucht. In Mitteldeutschland gebraucht das Volk +lehren+ mit einem Akkusativ der Person fast gar nicht mehr, sondern nur +lernen+; man sagt nicht bloß: wo hast du +das gelernt+? sondern auch: wer hat +dir das gelernt+? Und auch wo man wirklich noch +lehren+ sagt, setzt man doch den Dativ der Person dazu. Bei Uhland heißt es noch richtig und sauber: Wer hat +dich solche Streich’+ gelehrt? Das Volk aber sagt: Ich werde +dir Mores+ lehren. Und in einem Bibelspruche wie: Herr, +lehre uns bedenken+, daß wir sterben müssen -- wo +uns+ natürlich der Akkusativ ist --, wird es sicherlich jetzt von den meisten als Dativ gefühlt.

Ganz lächerlich ist die Unsicherheit und der Streit darüber, ob es heißen müsse: ich +versichre dir+ oder: ich +versichre dich+, der Hut +kleidet dich+, oder: er +kleidet dir+, es +lohnt der Mühe+ oder: es +lohnt die Mühe+. +Versichern+ ist unzweifelhaft ein transitives Zeitwort; man versichert sein Leben, seinen Hausrat, seine Ernte. Man kann auch sagen: ich +versichre dich+ meiner Freundschaft (Goethe: ich fahre fort, +dich+ meiner Liebe zu +versichern+), wiewohl das schon etwas gesucht klingt. Aber zu sagen: ich +versichre dich, daß+ ich nichts davon gewußt habe -- und das für richtig zu halten oder gar zu verteidigen, kann doch nur einem Sophisten einfallen oder einem Menschen, der wirklich -- +mir+ und +mich+ nicht unterscheiden kann. Daß es schon im achtzehnten Jahrhundert so vorkommt, hat gar nichts zu sagen; der Akkusativ ist eben vernünftigerweise mehr und mehr gewichen. Wenn auf +versichern+ ein Objektsatz folgt, so ist doch der Inhalt dieses Satzes das Objekt der Versicherung; diese Versicherung aber gebe ich nicht +dich+, sondern gebe sie +dir+. +Versichern+ tritt dann vollständig in eine Reihe mit +beteuern+, +erklären+, +sagen+, +melden+, +mitteilen+, +berichten+,[113] lauter Zeitwörtern, die mit dem Dativ der Person und einem Objekt der Sache verbunden werden. Im Passivum fällt es gar niemand ein zu sagen: +ich bin versichert worden, daß+, sondern jeder sagt: +mir ist versichert worden, daß+. Also kann auch im Aktivum das richtige nur sein: +ich versichre dir, daß+ ich nichts davon gewußt habe. Wenn neuerdings namentlich in Kreisen, die für vornehm gelten möchten, mit einer gewissen Absichtlichkeit wieder der Akkusativ gebraucht wird (ich versichre +Sie+), so ist das eine Modedummheit, durch die sich der gesunde Menschenverstand und ein natürliches Sprachgefühl nicht werden irremachen lassen.

+Kleiden+ mit dem Dativ zu verbinden wäre keinem Menschen eingefallen, wenn nicht die sinnverwandten intransitiven Zeitwörter +passen+, +sitzen+ und +stehen+ dazu verführt hätten. Weil man sagt: der Hut +paßt dir+, +sitzt dir+, +steht dir+, so sagte man auch: er +kleidet dir+. Richtig ist natürlich nur: er +kleidet dich+.

In der Redensart: es +lohnt der Mühe+ (oder: es lohnt nicht der Mühe) ist +der Mühe+ gar nicht der Dativ, sondern der Genitiv (statt: +für+ die Mühe, +wegen+ der Mühe). Die Redensart hat etwa denselben Sinn wie: es ist +der Mühe wert+ (oder: es ist nicht der Mühe wert). Zu sagen: es +lohnt+ nicht +die Mühe+ -- ist also nichts als eine Ausweichung aus Unwissenheit.

Ganz unsinnig wird jetzt die Redensart +sich Rats erholen+ gebraucht, z. B. dort kannst du +dir+ am besten +Rats erholen+! Das +sich+ in dieser Redensart ist ebenfalls nicht der Dativ, sondern der Akkusativ, +Rats+ ein frei angeschlossener Genitiv; es heißt: ich +erhole mich Rates+. Noch Benedix schreibt 1866 in den Zärtlichen Verwandten richtig: bei mir allein mußt du +dich Rats erholen+. Der Fehler wird auch nicht besser, wenn man statt +Rats+ sagt +Rat+: in Einzelheiten +erholte ich mir Rat+ bei besonders sachkundigen Personen, denn dann hat das +er+holen gar keinen Sinn mehr; es genügt dann, zu sagen: +hole dir+ bei mir +Rat+, so gut wie: hole dir bei mir Geld. Wenn man die Redensart nicht mehr versteht und nicht mehr richtig anzuwenden weiß, warum gebraucht man sie dann noch? (Vgl. auch +dünken+ S. 53.)

Ein süddeutscher Provinzialismus ist es, +verdenken+ so wie +beneiden+ zu verbinden: wer kann +ihn darum verdenken+? In gutem Deutsch wird es verbunden wie +verargen+, +verübeln+: ich kann +dir das+ nicht +verdenken+.

Er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten?

Nicht ganz so lächerlich ist der Streit, ob es heißen müsse: er hat +mir+ oder er hat +mich+ auf den Fuß getreten. Jeder verbindet ohne Besinnen mit dem Akkusativ der Person: +in den Finger schneiden+, +ins Bein beißen+, +aufs Maul schlagen+, +auf die Stirn küssen+ (Luther: du wirst +ihn in die Ferse stechen+). Jeder verbindet eben so sicher mit dem Dativ der Person: +unter die Arme greifen+, +auf die Finger sehen+, +auf den Zahn fühlen+, +auf die Schleppe treten.+ Warum dort der Akkusativ und hier der Dativ? Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen von Redensarten? Worauf kommt es an?

Zunächst ist klar, daß, wenn die Person im Akkusativ steht, zuerst die Person im ganzen als von einer Tätigkeit betroffen hingestellt wird, und dann noch nachträglich der einzelne betroffne Körperteil hinzugefügt wird. Steht die Person im Dativ, so wird der betroffne Körperteil in den Vordergrund gerückt und die Person mehr als beteiligt, in Mitleidenschaft gezogen, nicht als unmittelbar betroffen hingestellt. Das paßt nun zu den mitgeteilten Beispielen vortrefflich. Wird jemand nur auf ein Kleidungsstück getreten, so wird sein Körper gar nicht davon berührt; alle andern Redensarten der zweiten Gruppe aber sind bildliche Wendungen, bei denen ebenfalls kein wirkliches, leibliches Angreifen, Ansehen, Anfühlen gemeint ist. So wird es nun auch leicht verständlich, warum man wohl sagt: er hat +mich ins Gesicht geschlagen+, aber: das +schlägt der Wahrheit ins Gesicht+ -- der Mörder hatte +ihn mitten ins Herz gestochen+, aber: deine Klagen +schneiden mir ins Herz+ -- der Schmied hat +das Pferd auf den Schenkel gebrannt+, aber: solange nicht +dem deutschen Michel+ die +Not auf die Nägel brennt+ -- du hast +mich+ mit deinem Stock ins +Auge gestochen+, aber: am Schaufenster +stach mir+ ein schöner Brillantschmuck +ins Auge+. Erschöpft wird die Sache mit dieser Unterscheidung zwar nicht, aber man kann sich, wenn man sie sich vor Augen hält, auch in andern Fällen leicht klarmachen, weshalb die Sprache hier den Dativ, dort den Akkusativ vorzieht oder vorziehen -- sollte, weshalb man also z. B. sagt: +seinem Freund auf die Schulter klopfen+ (obwohl das doch wirklich und nicht bildlich geschieht). Bisweilen bedeutet der Akkusativ der Person mehr das Absichtliche: weshalb +trittst du mich+ denn +auf den Fuß+? der Dativ mehr das Unabsichtliche: +mir+ hat vorhin einer +auf den Fuß getreten+, das tut mir jetzt noch weh.

Zur Steuerung des Notstandes

Ein persönliches Passivum kann natürlich nur von solchen Zeitwörtern gebildet werden, die ein direktes Objekt (im Akkusativ) zu sich nehmen: ich +bestreite die Nachricht+ -- +die Nachricht wird+ von mir +bestritten+. Von Zeitwörtern, die ein indirektes Objekt (im Dativ) haben, läßt sich nur ein unpersönliches Passivum bilden: ich +widerspreche der Behauptung+ -- +der Behauptung+ (nicht: +die Behauptung+!) wird +von mir widersprochen+. Daher ist es falsch, so, wie es unsre Zeitungen jetzt täglich tun, von +unwidersprochnen+ Nachrichten zu reden, oder zu sagen wie unsre Reichstagsabgeordneten: dieser Artikel darf nicht +unwidersprochen+ bleiben, diese Äußerung möchte ich nicht +unwidersprochen+ ins Land gehen lassen. +Unwiderlegt+ -- das wäre richtig, und aufs Widerlegen kommts doch wohl auch viel mehr an als aufs Widersprechen. Ebenso falsch sind +bedankt+ und +unbedankt+ (nun sei +bedankt+, mein lieber Schwan! -- der Vorstand kann Sie an diesem Tage nicht +unbedankt+ hinweggehen lassen); denn es heißt nicht: +ich danke dich+, sondern ich +danke dir+, oder: ich +bedanke mich bei dir+.[114]

Ebenso kann natürlich ein Objektsgenitiv nur an solche Verbalsubstantiva gehängt werden, die aus Zeitwörtern mit direktem Objekt gebildet sind. Falsch und liederlich ist es, zu schreiben: die +Kündigung der Arbeiter+ (wenn nicht gemeint ist, daß die Arbeiter kündigen, sondern daß +den Arbeitern gekündigt wird+), ebenso falsch: zur +Steuerung+ oder zur +Abhilfe des Notstandes+ -- sie war zur +Hilfeleistung ihrer+ Mutter anwesend -- denn +gesteuert+ oder +abgeholfen+ wird +dem+ Notstande, nicht +der+ Notstand.

Voller Menschen

Das Adjektivum +voll+ verbindet wohl jeder richtig mit dem Genitiv oder, je nachdem, mit der Präposition +von+, z. B.: die Straßen waren +voll geputzter Menschen+ -- er war +deines Lobes voll+ -- das ganze Haus war +voll von Altertümern+ und +Merkwürdigkeiten+. Daneben ist noch üblich, das Substantiv gänzlich unflektiert zu +voll+ zu setzen: +voll Blut, voll Rauch, voll Zorn, voll Haß, voll Verlangen+ usw. Das ist eigentlich ein Fehler, aber einer, der nicht mehr gefühlt wird. Wenn man +voll Liebe+ sagte, so meinte man natürlich ursprünglich auch den Genitiv. Da dieser aber beim Femininum nicht erkennbar war, verdunkelte sich allmählich das Gefühl dafür, und so ging er auch bei männlichen und sächlichen Substantiven verloren. Auf dieselbe Weise sind ja auch Verbindungen entstanden wie: +ein Stück Brot, ein Glas Wein+.

Nun aber +voller+ -- wie stehts damit? Im Volksmund ist es ganz gang und gäbe, auch unsre besten Schriftsteller haben es oft geschrieben, aber heute getraut man sichs doch nicht mehr so recht, weil man so gelehrt geworden ist, daß man immer grübelt, ob man wohl so sagen dürfe oder nicht, aber nicht gelehrt genug, die Zweifel wieder zu bannen. Die Kirche war +voller Menschen+ -- der Kerl ist +voller Neid+ -- der Garten ist +voller Unkraut+ -- der Himmel hängt ihm +voller Geigen+ -- der Junge steckt +voller Schnurren+ -- darf man so schreiben? Ei, gewiß darf mans; jedermann, Hoch und Niedrig, spricht so, warum soll mans nicht schreiben dürfen?

+Voller+ ist der erstarrte männliche Singular, der im Prädikat auf alle drei Geschlechter und auch auf den Plural übergegriffen hat (ganz ebenso wie +selber+ und ebenso wie +selbst+, das nichts andres als das erstarrte Neutrum +selbs+ ist). Schon Luther scheint über diese merkwürdige Spracherscheinung nachgedacht zu haben, aber zu der Annahme gekommen zu sein, daß +voller+ aus +voll der+ entstanden sei; er gebraucht es gern, aber immer nur -- vor dem Femininum und vor dem Plural. Auf keinen Fall hat die Bildung etwas niedriges an sich, im Gegenteil etwas trauliches, anheimelndes, und der guten Schriftsprache ist sie durchaus nicht unwürdig.[115]

Zahlwörter. Erste Künstler

In dem Wesen und der Bedeutung des Superlativs liegt es begründet, daß er eigentlich nur den bestimmten Artikel haben kann: unter hundert Männern von verschiedner Größe ist einer +der+ größte. Sind drei von dieser Größe darunter, so sind diese drei +die+ größten. Dann ist aber einer von diesen dreien nicht +ein größter+ -- das ist undeutsch! --, sondern +einer der größten+. Darum ist es eine Abgeschmacktheit, zu schreiben: Lessings Andenken wird gepflegt wie +eine seltenste+ Blume im Treibhause -- ein 45jähriger, der +einer reifsten+ Zukunft entgegenschreitet. Nur in der Mehrzahl kann man allenfalls, wie der Kaufmann, von +billigsten Preisen+ oder, wie der Philosoph, von +kleinsten Teilen+ reden.

Ebenso abgeschmackt ist es, zu sagen: dieses Denkmal wird stets +einen ersten+ Rang behaupten -- die Politik spielte in seinem ganzen Leben +eine erste Rolle+ -- und von +ersten Künstlern+, +ersten Opernsängern+ zu reden oder von +ersten Firmen+, +ersten Häusern+, wie es jetzt in den Anpreisungen der Geschäftsleute täglich geschieht. Gemeint ist weiter nichts als +bedeutend+, +hervorragend+, +ausgezeichnet+ -- warum sagt man das nicht?[116] So ist es auch unlogisch, zu sagen: +ein letzter+ Wunsch des Verstorbnen, +eine Hauptursache+ des Erfolgs; sorgfältig ausgedrückt muß es heißen: +einer der letzten+ Wünsche, +eine der Hauptursachen+ des Erfolgs, denn auch die +Hauptursache+ ist ein superlativischer Begriff von derselben Bedeutung wie: die +höchste+, die +wichtigste+ Ursache.

Statt vom +fünfzigsten+ oder +sechzigsten+ Geburtstag redet man jetzt öfter vom +fünfzigjährigen+: das Buch ist als Festschrift zum +fünfzigjährigen Geburtstage+ Max Klingers erschienen. Das ist völliger Unsinn. Von einem +fünfzigjährigen+ oder +hundertjährigen Jubiläum+ kann man reden, denn da feiert man den ganzen Zeitraum, mit dem Geburtstag aber nur den einzelnen Tag.

Recht unfein klingt es, wie es in militärischen Kreisen üblich ist, hinter Personennamen die Kardinalzahl zu gebrauchen und von +Fischer eins+, +Meyer sieben+ zu reden. Vielleicht -- soll es unfein klingen. Oder wollen wir in Zukunft auch von +Otto drei+ und +Heinrich acht+ reden? Wie mag +Wilhelm zwei+ darüber denken?

Die Präpositionen

Eine grauenvolle Liederlichkeit hat in der niedrigen Geschäftssprache in der Behandlung der Präpositionen um sich gegriffen. Vor allem erscheint immer häufiger der Akkusativ hinter Präpositionen, die den Dativ verlangen. Schweinsknochen +mit Klöße+, Spinat +mit Eier+, Kotelette +mit Steinpilze+, Sülze +aus Kalbskopf+ und +Füße+ -- anders wird auf Leipziger Speisekarten kaum noch geschrieben. Das ist freilich Kellnerdeutsch, aber wen trifft die Schande für solche Sprachsudelei? Und ist es nicht eine Beleidigung der Gäste, wenn ihnen Wirte solches Schanddeutsch vorsetzen? Aber auch an Schaufenstern kann man lesen: Sohlen +mit Absätze+ -- Neuvergoldung +von Spiegel+ -- Verkauf +von Zauberapparate+ -- Stühle werden +mit Roßhaare+ gepolstert -- Regentropfen +auf Hüte+ werden sofort beseitigt -- großes Lager +in Regenmäntel+ -- Ausstellung +in Damenstiefel+; Zeitungen schreiben: er wurde +zu zwei Monate+ Gefängnis verurteilt -- und sogar Behörden machen bekannt: die Lieferung +von+ hundert Stück +gebrauchte+ Schwellen -- das Abladen +von+ dreißig Kubikmeter +Bruchsteine+ -- das Befahren dieses Weges +mit Lastfuhrwerke+ usw.[117]

In andern Fällen drängt sich auf ganz lächerliche Weise der Genitiv an die Stelle des Dativs. In Leipzig kann man von Halbgebildeten hören: +unter meines Beiseins+ -- +nach meines Erachtens+; aber auch Gebildete schreiben: +dank dieses Umstands+ -- +dank des+ mir von allen Seiten entgegengebrachten ehrenvollen +Vertrauens+ -- +dank dieser Eindrücke+ meiner Jugendzeit -- +dank seines+ ins einzelste gehenden +Verständnisses+ -- +dank des+ reichen und neuartigen +Programms+ -- +dank der Geschenke+ der Offiziere und +andrer+ Zuwendungen. Wie in aller Welt ist eine solche Verirrung möglich? Man könnte glauben, den Leuten schwebe bei ihrem +dank+ mit dem Genitiv etwas ähnliches vor wie: +kraft meines Amts+, +laut deines Briefs+, +statt eines Auftrags+; +kraft+, +laut+ und +statt+ werden mit Recht mit dem Genitiv verbunden, denn ursprünglich hieß es: +in Kraft+ (oder: +durch Kraft+), +nach Laut+, +an Statt+. Aber +dank+ ist doch einfach +Dank+, es hat nie eine Präposition vor sich gehabt, es verlangt also auch unbedingt den Dativ: +dank deinem Fleiße+, +dank deinen Bemühungen+ ist es gelungen usw. Die wunderlichen Beispiele: +unter meines Beiseins+ und +nach meines Erachtens+ zeigen, wie der falsche Genitiv zustande kommt: er entsteht durch Verwechslung des Dativs mit dem Genitiv im Femininum. +Nach meiner Meinung+, +unter meiner Mitwirkung+, +dank deiner Bemühung+ -- das klingt den Leuten wie ein Genitiv, und so sagen sie nun auch fröhlich: +dank dieses Umstands+. Man kann hier einmal die Entstehung einer Sprachdummheit an ihrer Quelle beobachten. Genau so ist es mit +trotz+ gegangen: da sind wir jetzt glücklich so weit, daß der richtige Dativ für einen Fehler und der falsche Genitiv für das Richtige erklärt wird. Vielleicht kommt es auch noch mit +dank+ dahin, und wenn wir uns rechte Mühe geben, auch mit +nach+, +unter+ und -- +gemäß+; denn schon schreibt man auch: die Arbeiter sind +gemäß ihres+ Beschlusses heute früh wieder in der Fabrik erschienen.

Die Redensart +sich an etwas halten+ -- verlangt sie nach +an+ den Dativ oder den Akkusativ? In äußerlicher, sinnlicher Bedeutung unzweifelhaft den Dativ: man +hält sich an einer Stange, an einem Seile+ (an). In übertragner Bedeutung hat man früher geschwankt (Goethe: wer klug ist, wird sich +am Zugänglichen+ halten). Heute ist -- unter dem Einflusse sinnverwandter Wendungen wie: +sich wenden an, sich stützen auf+, +sich verlassen auf+ -- nur noch der Akkusativ üblich: wenn er mich nicht bezahlt, so halte ich mich +an dich+ -- ich halte mich lieber +ans Gewisse+ als +ans Ungewisse+.

Die allerneuesten Präpositionen sind +ungerechnet+ und +unerwartet+. Sie werden beide mit dem Genitiv verbunden: +unerwartet des Beitritts+ andrer Eisenbahnverwaltungen -- es hatten vierhundert Händler feil, +ungerechnet derer+, die in den Höfen standen. Beide sind natürlich dem eben so schönen +ungeachtet+ nachgebildet, das schon älter ist: +ungeachtet seines Widerspruchs+. Auch hier sieht man eine Sprachdummheit an der Quelle. Ursprünglich hieß es: +ungeachtet seinen Widerspruch+; das war aber ein absolutes Partizip im Akkusativ.

Nördlich, südlich, rechts, links, unweit

Alle Präpositionen sind ursprünglich einmal Adverbia gewesen. Auch die häßlichen, langatmigen Modepräpositionen unsrer Amts- und Zeitungssprache: +anläßlich+, +gelegentlich+, +inhaltlich+, +antwortlich+, was sind sie zunächst anders als Adverbia? Neuerdings soll nun aber noch eine Anzahl weiterer Adverbia mit aller Gewalt zu Präpositionen gepreßt werden, nämlich: +rechts+, +links+, +nördlich+, +südlich+, +östlich+, +westlich+ und +seitlich+ (das letzte ein recht überflüssiges Wort). Niemand wird bestreiten, daß auch diese Wörter Adverbia sind. Um anzugeben, im Vergleich womit etwas rechts oder links, nördlich oder südlich sei, haben wir denn auch bis vor kurzem immer die Präposition +von+ zu Hilfe genommen und gesagt: +rechts von+ der Straße, +nördlich von+ den Alpen. Da haben nun offenbar manche Leute geglaubt, +von+ sei hier, wie so oft, eine bloße Umschreibung des Genitivs, und da sei es doch gescheiter, lieber gleich den Genitiv zu setzen. Und so hat sich denn immer mehr der Fehler verbreitet, zu schreiben: +rechts+ und +links der Szene+, +nördlich des Viktoriasees+, +südlich der Kirche+, +seitlich des Altars+, ja neuerdings sogar +abseits aller Parteien+ und +ringsum des Marktes+. Namentlich Architekten, Techniker oder Geographen schreiben gar nicht mehr anders, aber auch der gebildete Philister am Biertisch sagt schon: Meißen liegt doch +links der Elbe+. Ein Fehler ist es aber doch, wenigstens solange es noch Menschen gibt, die so altväterisch sind, zu glauben, +rechts+ und +links+, +nördlich+ und +südlich+ seien Adverbia, und solange -- die Schule ihre Schuldigkeit tut.

Ebenso verhält sichs mit den verneinten Adverbien +unfern+ und +unweit+. Auch sie können von Rechts wegen nur als Adverbia gebraucht werden: +unweit von+ dem Dorfe; aber auch sie hat man zu Präpositionen zu pressen gesucht, und weiß nun nicht, ob man sie mit dem Genitiv oder, wie das gleichbedeutende +nahe+, mit dem Dativ verbinden soll; die einen schreiben: +unfern des Bodensees+, +unweit des Flusses+, andre: +unfern dem Schlosse+, +unweit dem Tore+. Und das hat wieder zur Folge gehabt, daß man sogar bei +nahe+ irre geworden ist und zu schreiben anfängt: +nahe Leipzigs+! Auch +nahe+ ist keine Präposition, sondern ein Adverbium (+nahe bei+, +nahe an+), und als Adjektiv kann es unzweifelhaft nur den Dativ haben; +unfern+ aber und +unweit+ könnte man sich doch ganz ersparen; sie sind gesucht (wie +unschwer+; vgl. S. 273) und der lebendigen Sprache fremd.

Im oder in dem? zum oder zu dem?

Große Unsicherheit herrscht darüber, in welchen Fällen der bestimmte Artikel mit der Präposition verschmolzen werden darf, und in welchen Fällen nicht, wann es also heißen darf: +im+, +vom+, +zur+, +aufs+, +ins+ (oder, wenn jemand ohne Apostroph nicht leben kann, +auf’s+, +in’s+, vielleicht auch +i’m+, +zu’r+?), und wann: +in dem+, +von dem+, +auf das+ usw. Dennoch ist die Sache sehr einfach und eigentlich selbstverständlich.