Part 9
Konnte er den Kameraden, wenn sie ihn fragten: was willst du werden, Ehrensperger? -- konnte er ihnen sagen, was er sich nächtlicher Weile unter der Bettdecke ausgedacht, oder was er mit Hollermann ausgemacht hatte? Das alles hatte ja weder Hand noch Fuß für ihn. Traumland war es. Kein einziger von allen wollte Musiker werden, es fiel keinem ein. Das konnte man wohl gar nicht.
Also gab er sich einen gewaltigen Ruck und legte die klingenden Zukunftsträume auf den Altar der Vernunft, und gedachte auch ganz ernsthaft, sie dort zu lassen, und machte zu dieser Verrichtung des Opfers ein Gesicht, streng und pflichtbewußt, wie ein spartanischer Knabe, der seine schwarze Suppe ohne Mucken aß, weil das Vaterland es wollte.
Es war aber bezeichnend für diese Zeit, daß er nicht den Rektor um Rat fragte, sondern sich mit den Schulbuben beriet, die seinesgleichen wenigstens dem Alter nach waren.
Und weil Fritz Hornstein, der Sohn des Oberförsters von Aichelbronn, Pfarrer werden wollte, ganz aus eigenem Antrieb, und weil Fritz Hornstein der feinste, klügste unter den Buben war, Georgs heimliches Ideal, und weil er sagte, Pfarrer zu werden dürfe einen niemand anweisen, das müsse man ganz selbst, von innen heraus, (-- so sagte er wirklich --) so wurde es Georg auf einmal ganz klar, daß er ebenfalls ganz aus eigenem Antrieb Pfarrer werden wolle, und daß es ihn niemand anweisen dürfe, sondern daß er es deutlich in sich selber spüre, daß er das werden müsse.
Es war ihm zwar ein Trost, zu denken, daß man als Pfarrer immer den Kirchenschlüssel habe und darum an jedem Werktag ohne Zeugen in der leeren Kirche die Orgel spielen könne. Denn das tat der sehr musikliebende Stadtpfarrer öfters und das gedachte er dann auch zu tun.
Das hatte er sich nun deutlich ausgesonnen und so konnte er seine Antwort ohne Zögern geben. Daß er vor der Größe des Augenblicks erschrak, war nur natürlich.
»Ja, also, Bub,« sagte endlich der Vater in die entstandene Pause hinein, »jetzt könntest einem einmal eine Antwort geben, wieso du grad Pfarrer werden willst.«
»Ha, was soll ich denn sonst? Ich muß doch etwas werden. Präzeptor werd' ich nicht. Was soll ich dann?«
Da wußten sie alle drei keine Antwort.
Ja, dann konnte er ja freilich ebensogut Pfarrer werden, wie etwas anderes. Sie fühlten wohl alle etwas von der Wichtigkeit des Entschlusses, und daß es ihnen frei stand, ob sie einen Doktor oder einen Amtmann, oder sonst etwas Bedeutendes unter ihrem Dach hervorgehen lassen wollten.
»Ja, Bub, dann kann man ja nichts machen, wenn du das partout willst. Dann werd' das eben. Dann ist das ja in der Ordnung. Dann kannst du ja nachher hingehen und sagen, daß du das werden willst und daß ich das zahle.«
Nun hatte er noch das Gefühl, daß er irgend eine väterliche Ermahnung hinzufügen müsse und fuhr sich ein paarmal durch das Haar und sagte: »Aber das sag' ich dir, Bub: sparsam mußt du sein und fleißig. Und eine Klag' will ich nicht hören. Und brav sein. Zu dummen Streichen geb' ich kein Geld her. Und einzubilden brauchst dir auch nichts. Wir sind auch noch Leut hier, nicht bloß ihr.«
Er rechnete ihn wohl schon zu den Angestellten? Zu den hoch Gebildeten? Die beiden andern kopfnickten lebhafte Zustimmung. Nein, einzubilden brauchte er sich nichts.
Dann stand der Vater auf und zog seinen Ausgangsrock an. Er hatte noch mit dem Müller Hensler zu reden.
»Siehst du,« sagte Jungfer Liese erbaut und gerührt. »Siehst du, da geht er hin über den Markt. Und einen besseren Vater kriegst du deiner Lebtag nicht mehr.«
* * * * *
Also hatte der Bäcker Ehrensperger seine väterlichen Funktionen auf sich genommen, und es blieben dem Rektor Cabisius auch noch einige übrig, und er kam niemanden damit ins Gehege, daß er sie ausübte. Es war eine friedliche Teilung. Es gab jeder, was er zu geben hatte, und keiner gab, was er nicht hatte.
Einiges, was der Rektor zu tun hatte, war bewußt und sozusagen offiziell. Das hing mit dem Studienplan zusammen, mit allerlei Ratschlägen, die sonst niemand zu geben wußte.
Einiges andere geschah nebenher und war selbstverständlich und nicht minder wichtig. Das war das, was aus dem alten, abgeklärteren Gemüt in das junge hinüberfloß. Bei dem Besten, das geschieht, pflegt man es am wenigsten zu wissen, daß etwas geschieht.
* * * * *
Es war bald nach jener Unterredung in Ehrenspergers Ladenstube gewesen. Am Konfirmationssonntag. Mitte April. Aprilwetter. Der Schnee wirbelte in der Luft umher, und der Wind blies aus vollen Backen. Er nahm es ganz ernst; er meinte wunder was er zu verrichten habe. Aber gleich war die Sonne wieder da. Sie war in guter Laune; so recht wie eine fröhliche Kindermutter, die am Sonntag Nachmittag ein bißchen mit den Kindern spielt, und die sich nun den Spaß gemacht hat, sich zum Versteckspiel herzugeben.
»Kinder,« sagte sie lachend, und schob die Wolkenvorhänge weit zurück und trat ganz hervor, daß alle sie sehen konnten, »Kinder, das war ja nicht ernst gemeint. Seid ihr erschrocken? Nun bin ich wieder da. Ihr müßt auch Spaß verstehen.«
Denn die hellbegrünten Hecken und einige voreilige Blütenbäume, die schon in weiß und rosa prangten, standen ganz verdutzt. Es war ihnen Schnee in die Augen geflogen. Nun rieben sie die aus und konnten es nicht hindern, daß große Tropfen, wie helle Kindertränen, herausquollen und zur Erde fielen.
»So, so,« sagte die Sonne und streichelte sie warm und trocknete ihnen die Gesichter. Da lachten sie wieder. Da lachte alles mit ringsumher. Die braune Erde und die junge, aufsprossende Saat, und die lichtgrünen Raine, an denen die Gänseblümchen mit großen Augen in den Tag hinein guckten.
Und der blaue Himmel, und die weißen, geballten Wolken, die wie Schneeberge aussahen. Die erst recht, da sie geholfen hatten, den Spuck zu verüben.
»So, nun ist das recht,« sagte die Sonne, denn sie mag gern freundliche Gesichter leiden. Und ihr mütterliches Gesicht war ganz rund und glänzend vor Freude.
Da kamen die drei den schmalen Feldweg entlang, der auf einer Seite die Hecke hat und an der andern hart an die Kornäcker stößt. Der Rektor Cabisius und die beiden Kinder Georg und Gertrud. Die Kinder gingen voran und gingen eine Weile Hand in Hand. Aber das nicht lange. Der aufgeschossene Junge in schwarzen Konfirmationskleidern, der den Kopf mit dem neuen Hut so steif hielt, als wäre er einzig des Hutes wegen da, der war heut nicht so eigentlich ein Genosse. Der war etwas Besonderes, eine eigene Sorte von Menschen, um und um feierlich. Nach einer Weile machte er seine Hand los und ging aufrecht einher, und das Mädchen bückte sich und brach einige Gänseblümchen und blaue Ehrenpreis. Der Rektor hatte den Hut abgenommen und ließ die starke, lebensvolle Frühlingsluft über seinen grauen Kopf hinspielen. Seine Augen gingen auf eigene Faust spazieren, in die Nähe und in die Weite. Da wurde seine Seele voll von dem frischen Bilde, das durch die hellen Fenster zu ihr hineinschien und sie freute sich dessen und mußte es auch aussprechen.
»Es war ein wunderlicher Krieg Da Tod und Leben rungen, Das Leben behielt den Sieg Und hat den Tod bezwungen.«
Das sagte er leise und zustimmend vor sich hin.
Er hatte das Scharmützel vorhin ernst genommen, das Schneien und Stürmen, und daß nun die Sonne schien.
Aber wir wissen schon, daß er zu denen gehörte, die im Heiteren den Ernst und im Ernst das Frohe finden.
Da, als die drei ein wenig schweigsam dahingingen, ein jedes in seinen Gedanken, hörten sie einen frischen Gesang über die Felder hinschallen, der kam näher und näher.
Die sangen, waren junge Burschen und Mädchen aus dem Weiler Hinkelsbach, die nach ihrer Gewohnheit am Sonntag Nachmittag ein Stück weit in die Felder hinausgingen. Sie gingen zu dreien oder vieren, wie es der Weg erlaubte, und hielten einander lose an den Händen gefaßt, und ihr Lied klang gut zusammen aus frischen Kehlen. Es war eins von den ernsten, traurig-schönen Liedern, die das Volk gerne singt, wenn es fröhlich ist, und handelte von jungem Leben, das in Kampf und Tod geht, von der Schönheit und Kraft, die schnell entschwindet, von der Lust, die ein Ende findet, eh' man's denkt, und davon, daß der Mensch sich »still fügen muß, wie Gott es will.« Die drei blieben stehen und horchten. Da bogen die Sänger ab, gegen den Waldrand hin, und der Schluß ihres Liedes tönte nur noch so verloren herüber.
»-- -- -- und so will ich wacker streiten, Und soll ich den Tod erleiden Stirbt ein braver Reitersmann.«
Der Rektor nickte mit dem Kopf und sah eine Weile über das Feld hin, als sähe er den Tönen nach.
»Das ist ein schönes Lied,« sagte er. »Und ein frommes Lied. Man muß es recht verstehen. Ja, nun seht ihr mich an und wißt es noch nicht. Das kommt noch, später.«
Der Rektor hatte einst in seiner Jugend Theologie studiert. Aber kurz bevor er ins Pfarramt treten sollte, hatte er sich entschlossen, lieber ein Schulmeister zu werden. Denn erstens hatte er sich stark im Verdacht, daß er bei seiner Neigung, innerliche Wahrheiten auf eigene Weise und in eigener Sprache ins Leben zu übersetzen, doch nicht so recht auf die Kanzel passe, und zweitens zog es ihn auch stark zur Jugend. Das hat er nie bereut. Aber etwas war doch an ihm hängen geblieben. Er hatte die Neigung, hie und da eine Predigt zu halten. Er wußte meistens nicht, daß es eine sei, und die ihm zuhörten, wußten es auch nicht. Auch mischte er leicht geistliches und weltliches durcheinander. Er hatte keine Schubfächer in seinem Innern: hie Gott, hie Mensch, hie geistliches, hie weltliches. Es war ihm alles ein Stück Leben, es floß alles aus einer Quelle, groß, schwer und schön. Schlug ein äußeres Geschehen eine innere Saite an, dann ließ er sie klingen. So auch jetzt. Seine Seele war liebender Gedanken voll für die jungen Menschen, die heute gelobt hatten, mit den empfangenen Waffen für das Leben, gegen den Tod, zu streiten. Das Lied brachte ihn zum Überfließen.
»Ja,« sagte er, »wacker streiten, das ist's. Das hat Jesus auch getan und ist gestorben als ein Held. Das sollen wir auch tun.«
Und er erzählte ihnen, innere Gedankenreihen zusammenhängend, zuerst von der Schlacht bei Sempach, und von Arnold Struthan von Winkelried. Der war einer seiner Lieblingshelden, obgleich er nicht geschichtlich erwiesen ist.
Die beiden horchten hoch auf.
Wie der starke und treue und kühne Mann sah, daß seinen Genossen der Mut entwich, und wie er beschloß, sie zu retten, und die Speere der Feinde mit den Armen zusammendrückte und sich in die Brust stieß und rief: Brüder, ich will euch eine Gasse machen, und darüber starb. Und wie die Seinen durch die Gasse hindurchbrachen, zur Freiheit.
Als er das erzählte, da blitzten seine Augen, als ob ein starkes, loderndes Feuer dahinter läge.
Und er sagte, daß das Jesus auch getan habe, nicht einigen, nein, allen zuliebe und in einer viel größeren Sache. Wie er die Menschen aus der schmählichen Knechtschaft herausführen wollte und sie wieder zu freien, frohen, adeligen Söhnen Gottes machen, -- und wie er, als kein anderer Weg dazu war (denn er warf sein Leben nicht leicht weg), beschloß, sein nicht zu achten um der andern willen. Und ging den Feinden entgegen, und drückte sich die Speere in die Brust, und starb, und machte der Freiheit eine Gasse, größer, als ein anderer Held auf Erden je getan hat. Da sahen die Seinen, daß nichts für sie zu fürchten sei, nicht das Leben und nicht der Tod, und gingen ihm nach. Und, da sie vorher zag und ängstlich gewesen waren, bekamen sie nun mutige Herzen und fröhliche Augen. Das machte, daß sie dem Vater nahe kamen, so nahe, daß sie ihn mit du anreden konnten. Und sie trugen seine Waffen. Georg, man hat dir gesagt, welche das sind. Und sie sahen sich um nach denen, die nach ihnen kamen, die Alten nach den Jungen, die Starken nach den Schwachen, die Reinen nach den Unreinen, und reichten ihnen die Hand, und halfen ihnen, vorwärts zu kommen. Wie sie es ihn, der die Gasse gemacht, hatten tun sehen. Das ist nun bald zwei Jahrtausende her, das strömt noch immer. Das ist ein langer, langer Zug, unabsehbar lang. Der wird strömen, so lang Menschen auf der Erde sind. Seht ihr's, dazu gehören wir auch.«
Da waren sie eine Weile still und sahen über das Feld hin, als ob sie dort lange, lange, ziehende Menschenheere sähen, von Jahrtausenden her, bis zu ihnen hin. Die trugen alle blitzende Waffen, und reichten einander die Hände und gingen gerade aus, dorthin, wo hinter dem waldigen Berg nun die Sonne niedrig stand und das Land mit einem goldenen Licht segnete. Und sie winkten ihnen mit Augen und Händen: kommt. Da ging etwas Großes durch die Kinder hindurch; sie wußten es aber nicht zu benennen. Es war etwas Gewaltiges, Starkes, das in ihr Leben griff, zu dem sie selbst gehörten, ernst und froh. Leise faßten sie die Hände des alten Mannes, und als sie zu ihm aufsahen, da staunten sie. Der ganze Glanz der Abendsonne, in die er sah, lag auf seinem Gesicht. Aber nun kehrte er sich wieder zu ihnen, und dann gingen sie mitsammen nach Hause.
* * * * *
Er hatte nicht viel dazu gesagt, als Georg an jenem Tag kam und ihm seine Berufswahl verkündigte. Er fragte ihn auch nicht viel nach den Gründen, die er dazu habe. Das konnte ja noch alles werden, wie es wollte. Ein Wort, ja, am andern Tag, als sie in der Schule Goethes Iphigenie lasen. Da kam es an Georg Ehrensperger, wie Pylades sagt: ein jeglicher muß seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet. --
Da stand plötzlich der Rektor neben ihm und klopfte ihm mit dem Buch auf die Achsel, sah zu ihm hinein und sagte lächelnd: »Nun, also, du hast dir den deinigen gewählt, Georg. Ja, man muß sich an einen ganz Großen halten, die mittleren versagen unterwegs.«
Georg wurde rot. Wußte der Rektor, daß Hornstein --? Ach nein, das konnte er nicht wissen. Er verstand ihn damals nicht so recht. Es war gerade jetzt eine Zeit, da die jungen Leute in gute und treue Belehrung bis über die Ohren eingewickelt waren.
Sie hatten den Katechismus und das Fragenbuch auswendig gelernt und waren in die christliche Kirchenlehre eingeführt worden. Aber Georg war manchem davon, wie damals der braven Jungfer Liese, unter den Händen weggelaufen, wenigstens mit seinen Gedanken.
In seiner Kammer hing der Stundenplan, den las er morgens ab: Religion, Latein, Latein, Griechisch, Algebra. Und was das mehr war. Oder auch in anderer Reihenfolge. Es waren lauter Fächer, auf die man zu arbeiten hatte. Auf Religion noch am wenigsten, das war gut, weil sich die Aufgaben manchmal stauten. Einiges auswendig lernen; das war bald geschehen. Auch war es leider kein besonders anregendes Fach. Das ging vielleicht manchem andern anders. Ihm ging es nun so, daß es ihn nur selten persönlich aufstörte: Du, das geht dich selbst an. Es war kein Stück Leben; für ihn noch nicht. Er war in Gefahr, nicht viel lebendiges mit sich zu nehmen. Vielleicht war er noch zu jung dazu, vielleicht auch zu träumerisch.
Darum verstand er damals den Rektor nicht so recht. Aber heute war es anders.
Nun war da ein Funke hineingeflogen. Wann das #so# war!
Alle die ziehenden Menschenheere, und ein Held voran, auf den sie sahen, größer als Kolumbus, der Neulandentdecker und Alexander der Große, und alle Sagenhelden der Vorzeit. Und er sollte da mitgehen.
Es muß ja gestanden werden, daß er noch nicht recht sicher war, gegen was er alles streiten wollte. Aber streiten wollte er nun sicher, wacker streiten. Vielleicht waren das nun auch wieder Träume, wer kann das untersuchen?
Aber es war wohl etwas, daß an diesem Tag sein junges Herz ins Klopfen kam und eine Größe und Weite spürte, wie noch nie.
Dreizehntes Kapitel
Eins -- zwei -- drei -- nun schlug die Uhr auf dem Rathaustürmchen aus. Vier Uhr des Morgens.
Ein leichter Windstoß bewegte den offenen Fensterflügel und blähte den dünnen Vorhang ein wenig. Auf dem Dache saß eine Amsel und sang ihr Morgenlied. Nun hallte die Morgenglocke vom Turm her über das Städtchen hin. Bam bam -- bam bam -- in großen, feierlichen Schlägen.
Die Tauben gurrten am Schlag. Der war dicht neben Georg Ehrenspergers Kammer.
Die Kammer hatte er sich nun vor einem Jahr eingerichtet. Es war eine Rumpelkammer gewesen, ganz voll von altem, verstaubten Geräte, mit einem holperigen, ausgetretenen Fußboden und schadhaftem Kalkbewurf. Es gab bessere Räume im Haus.
Aber er hatte ein paar freie Nachmittage im Schweiß seines Angesichts geschafft, und war am Abend mit Spinnweben im Haar und bestäubten Kleidern heruntergekommen, stolz wie ein König. Nun hatte er ein ganz eigenes Reich, das stattete er sich aus, wie er wollte. Bilderbogen an den Wänden: ein Schlachtenbild, und eine Geschichte von Till Eulenspiegel, und eine von Reinecke Fuchs. Und die Flöte hing an der Wand. Ach, es war viel mehr in der Kammer, als man so mit bloßem Aug sehen konnte. Niemand wußte, wie vielerlei es darin zu sehen gab, als er allein. Gertrud wußte es auch. Aber sie kam nie hier herauf; sie wußte es nur vom Hörensagen. Das allerdings so genau, als ob sie stündlich hier aus- und einginge.
Das ganze Heer der Bubenträume ging durch die Tür herein, die immer knarrte und stöhnte, wann der Wind um den Giebel strich, -- und unter der schrägen Wand hin, und flog wieder zu dem hochgelegenen Dachfenster hinaus, über die Häuser und Felder und Höhen, und in die Weite. Das hatte hier oben Raum, sonst nirgends im ganzen Hause.
Der Bewohner der Kammer war schon wach. Als die Glocke anfing zu läuten, stand er auf und trat ans Fenster. Die Morgenluft strich herein und um ihn her; er schauerte ein wenig; es war kühl.
Die Luft war noch ein wenig grau, durchzogen von den letzten, fliehenden Schatten der Dämmerung. Der Marktplatz lag leer und still; der Röhrenbrunnen ließ seine Wasser plätschernd in den großen Trog fallen. Nun ging eine Stalltür. Ein Knecht -- der Knecht des Fuhrmanns Rammlinger, der in dem gelben, vorspringenden Haus schräg gegenüber wohnte, -- führte zwei schwere, braune Gäule aus dem Stall zur Tränke, an den niedrigen Steintrog, der den Abfluß von dem großen Brunnentrog erhielt. Die Hufe hallten auf dem Steinpflaster, schwerfällig, trab, trab, trab. Man hörte das Schnaufen der Gäule, einer wieherte auf, dann der andere; der Knecht stand stumm dabei. Als sie fertig waren, führte er sie wieder hinein, dann war der Platz still und leer wie vorher.
Nun ein heller, zirpender, zwitschernder Laut.
Eine Schwalbe flog aus dem Nest, das oben an der schrägen Giebelwand klebte, und flog mit schnellem Flügelschlag quer über den Platz hin. Nun kamen sie von da und dort her -- da flog eine und da eine; sie setzten sich auf die Telegraphendrähte, die quer über den Platz gespannt waren, von der Posthalterei zum Rathaus, -- und von da weiter, irgendwo, in die Welt hinein. Da saßen sie auf den blinkenden Drähten und schwatzten. Sie wollten nun bald fortfliegen, übers Meer, es wurde wieder einmal Herbst. Und sie hatten noch vieles zu beraten. Da waren einige der Führer vom vorigen Jahr nicht mehr da, und es war die Frage, ob sie den Weg auch richtig wüßten. »Ach,« sagten die einen, »Kinderspiel. Das hat man doch in sich.« »Der Sehnsucht nach,« sagte ein Schwalbenjüngling, der am Dachfenster des Mädchenschulhauses groß geworden war. Dort wohnte der jüngste Lehrer, der zu einem dünnen Klavier mit vollem Brustton sang:
»All' mein Sehnen und Verlangen Geht, du Wunderland, nach dir.«
Der Schwalbenjüngling wußte nicht, was das für ein Land sei, aber es war anzunehmen, daß sie beide dasselbe meinten, und es gefiel ihm, von der Sehnsucht zu reden, da es eine angenehme, drängende Empfindung war: auf, fort, hinaus.
Einige Schwälbchen zwitscherten leise und ehrfurchtsvoll dazu, andere sagten: »zur Sache,« und dann wurde das Ganze mehr geschäftlich behandelt, wie es sich für solch ein wichtiges Unternehmen auch gehörte. Darum konnten sie doch danebenher hohe und starke Gefühle haben; ja, das brauchten sie doch. Denn wer will den Flug übers Meer unternehmen, über dräuende Untiefen und in schwindelnde Höhen -- der nicht einen großen starken Trieb und ein mächtiges Verlangen hat?
Georg stand eine Weile am Fenster und sah in die lebendige Morgenstille hinein. Es war ihm wohl ähnlich zu Mut wie den Schwalben. Auch er rüstete sich zum Flug. Darum schuf die Morgenfrühe mit ihren wenigen Bildern und Tönen eine große, feierliche Erwartung in seinem fünfzehnjährigen Herzen. Was mochte der Tag bringen? Der heutige, und dann weiter -- weit hinaus?
Da lagen die neuen Kleider, lange Beinkleider und eine Joppe. Er war ein junger Mann, als er sie angezogen hatte. Da wurde ihm schon sicherer zu Mute. Es war ja alles klar und ausgemacht. Nun kam er in die große Stadt, da ging er noch drei Jahre aufs Gymnasium. Dann kam die Universität, dann vielleicht einmal ein Militärjahr dazwischen. Dann lag da hinten irgendwo das Leben. Als ob bis dahin ein Fluß sei; dann ein Strom, dann, in grauer Ferne, das Meer. Es war alles ganz gerade und sicher. Es war zwar, das muß gesagt werden, ein Riß in Georgs Vorleben. Gerade in der Geschichte dieses Sommers. Er hatte mit fünf anderen Schülern aus des Rektors Schule, wie es das Herkommen bestimmte, das Landexamen gemacht, um dann durch die Seminarien zu laufen in schöner, glatter Bahn. Aber er war nicht durch das enge Tor gekommen. Er war vielleicht nicht fleißig genug gewesen oder man hatte gerade andere Sachen gefragt, als er wußte. Kurz, er kam nicht hinein. So mußte er denn seinen Weg von den andern scheiden. Einer, der kleine, blonde Ernst Daxer, der Sohn der Postmeisterswitwe aus der Sporengasse, der ging auch mit ihm. Der fand einen Unterschlupf bei Verwandten in Stuttgart. Sonst hätte es seine Mutter nicht an ihn wenden können.
Aber Ernst Daxer war nicht gerade Georgs Höchstes. Er hatte ein weiches, rundes Kindergesicht mit Grübchen in beiden Backen und hatte enge, kurze Hosen. Nichts um sich daran zu erheben, gar nichts Heldenhaftes. Und Fritz Hornstein, der alles hatte, eine tiefe Stimme und alle angehende Männlichkeit in Haltung und Wesen, der war natürlich hineingekommen.
Ja, es war schon ein Riß. Aber der Pfarrersgedanke war nun doch schon genugsam ausgesponnen; er hatte jetzt Lebenskraft genug, um auch ohne solche äußeren Stützen, wie Seminar und Hornstein, fort zu bestehen. Georg wußte, was er zu tun hatte. Er wollte Ernst dahintersetzen. Alle verschwommenen Zukunftsgedanken hatte er weggelegt. Als er sich dessen versichert hatte, ging er aus seiner Kammer und ging die knarrende Stiege hinunter und in die Backstube. Dort setzte er sich auf den Tisch, ließ die langen Beine herabhängen, aß heiße Wecken und mischte in seinem Innern die feierlichen und die behaglichen Gefühle, und es gab eine Mischung, wie man sie am Morgen eines Abschiedstags, früh zwischen vier und fünf Uhr nur verlangen kann.
* * * * *
Der Abschiedstag schien auch in die Backstube; hinten herein stahl er sich, durch den schmalen Hof, zwischen Holzschuppen und Hauswand, und sah durch das Fenster auf den Buben, der da mit den Füßen baumelte und die Arme gekreuzt hatte: »So, da bist du? Bist mir oben ausgerissen? Aber das hilft dir nichts, denn ich habe auch nicht mehr Stunden als andere Tage, leider, und die Eisenbahn wartet nicht.«
Da fiel es dem Ausreisenden ein, daß er noch viel zu tun habe. Er glitt vom Tisch herab, der Geselle löschte das Gas; Franz ging, vom Kopf bis zu den Füßen mehlbestäubt, in ledernen Schlappschuhen hin und her, und trug das Brot für die Wiblinger, schwarzes und weißes, auf seinen Armen. Jungfer Liese aber füllte die Fächer des Ladens damit.