Alle guten Geister...: Roman

Part 8

Chapter 84,022 wordsPublic domain

Es war ein wunderbares Zimmer. In allen Ecken saßen gute Geister, in den Büchern, hinter den Bildern, in dem alten, hohen Schrank, der in einem besonderen Fach, in ein grünes Tuch eingeschlagen, einen samtenen Schnürenrock und einige durchstochene grüne Mützen enthielt. Grün mit schwarz-roten Bändern.

In der niedrigen Truhe saßen sie und klopften gegen den Deckel und wollten heraus, wenn der Feuerschein aus der offenen Ofentür daran vorbeitanzte.

Weißt du noch? rief es aus allen Ecken, nicht nur aus dem Großvaterstuhl, der so viel erlebt hatte.

O ja, der Rektor wußte noch.

Wann die Geister lebendig wurden, fing er an, zu erzählen.

Es war ein langes Leben, das hinter ihm lag, und er war sein lebenlang jung geblieben. Darum konnte er es nun gut mit der Jugend teilen. Und es kam, daß sie, als die Frau Rektorin in der Küche war, zu dreien vor der Ofentür saßen und das große Studentenbild vor sich hatten und beim flackernden Licht beredeten, was aus dem und jenem geworden sei, der darauf abgebildet war.

Da stand er selber, mit einem jungen, feurigen Gesicht, das Band über der Brust, und hatte den Arm um einen baumstarken, stämmigen Menschen gelegt, der gradaus vor sich sah, als ob er zu ernster Tat schreite. »Großvater, was ist aus dem geworden?«

Der machte ein ernstes Gesicht.

»War ein Mensch, wie ein Eichbaum. Ernst und grad und fest. Innen und außen war er wie ein Eichbaum.

Der Blitz hat ihn erschlagen.«

»Großvater, der Blitz?«

»Nein, nicht gerade der Blitz. Er wurde vom Schlag getroffen, als er gerade eine Braut und ein Amt gewonnen hatte. Aber es war doch, als ob der Blitz in einen Baumriesen gefahren wäre und ihn zerschmettert hätte. Er war mein liebster Freund.«

Da sahen sie mit großen, erstaunten Augen auf ihn.

Das war wohl schon lange her? Er konnte hier sitzen und davon reden, und der andere war schon lange tot.

Von den dreien erzählte er, die oben in der Mitte des Bildes standen und die Hände ineinandergelegt hatten, wie zu einem Schwur.

»Das waren die Vaterlandsfreunde«, sagte er. »So nannten sie sich, obwohl wir das vielleicht alle waren. Sie hofften, daß Deutschland einig werde, und dichteten Lieder drauf, und einer von ihnen, der hier, mit der Locke in der Stirn, fand Melodien dazu.«

Einer hat es auch erlebt. Der kam von Amerika herüber, als wir Alten uns nach dem Friedensschluß anno einundsiebzig mit den Jungen der Verbindung zusammentaten, um den Frieden und das Vaterland zu feiern. Ich sehe ihn noch. Er hatte damals schon schneeweißes Haar, denn das Leben hatte ihn hart mitgenommen. Aber seine Augen blitzten, und er saß und sang mit einer mächtigen Baßstimme, und die Tränen liefen ihm in den Bart und tropften ihm ins Glas: »Wie mir deine Freuden winken, nach der Knechtschaft, nach dem Streit! Vaterland, ich muß versinken hier in deiner Herrlichkeit!«

Da waren sie hingerissen und wünschten, auch so Herrliches zu erleben und fragten nach den beiden andern.

»Dem zweiten hat er einen Eichenzweig mit nach Kansas genommen, den wollte er ihm aufs Grab legen, da er seinen Jugendtraum nicht mehr hatte zur Wahrheit werden sehen.«

»Und der Dritte?«

»Ist unter die Philister gegangen.«

»Unter die Philister? Nein, Großvater, nun red' im Ernst.«

»Weißt nicht, was Philister sind? Denen alles einerlei ist, was man nicht essen und trinken kann, und was sonst noch so ihr bißchen Ich betrifft. Auch gehen sie immer der Nase nach in gewiesenen Bahnen und halten es verboten, die Augen aufzumachen.«

»Ach, das gibt's ja nicht. Sag' lieber noch, was mit dem hier ist, unten in der Ecke, dem mit dem lachenden Gesicht. Das ist der Nettste von allen.«

Ich weiß nicht, ob es für richtig gefunden wird, daß der Rektor den beiden erzählte, wie dieser, »der Nettste von allen,« geendet habe. Ich sage nur, wie es war. Vielleicht war er kein so richtiger Pädagog, vielleicht ließ er die Kinder nur so mit sich leben und zeigte ihnen das Bilderbuch seines Lebens mit den fröhlichen und mit den ernsten Seiten, wie es sich beim Umblättern traf. Weil er selber auch ein kindlicher Mensch war, dachte er nicht so viel daran: dies hier ist nun für Kinder, -- und dies für Erwachsene.

»Es war keiner so sonnig wie er,« sagte er und nickte ernst.

»Man mußte ihn lieb haben in seinen jungen und schönen Tagen.

Das mußte man. Er war seines Vaters einziger Sohn. Er hatte Geld und Gaben des Geistes, und Schönheit und Witz. Und er meinte, es gehe durchs ganze Leben mit Kling und Klang, alle Tage und Jahre.

Er hieß Ernst. Aber der Name war alles, was er vom Ernst besaß.

»Wir wollen es mit der Freude halten,« sagte er.

Das habe ich hernachmals für richtig gefunden und halte es noch für richtig. Ich weiß nicht, wie einer das Leben bestehen kann ohne Freude. Aber er wußte nicht so recht, was Freude sei. Er meinte, die brausende Jugendlust, das sei sie schon.

Ich sag' euch, man muß Ernst dahintersetzen, es geht nicht anders.

Er glaubte das nicht nötig zu haben. Wenn er einmal wollte, dann flog ihm das Wissen nur so zu. Aber er verbummelte. Er ballte nie die Hand zur Faust und sagte: leicht oder schwer, #das will# ich. Er dachte wohl immer: später dann, das kommt noch alles. Man sagt, er habe zuletzt, als er viele Semester durchkneipt hatte, noch einen Anlauf genommen. Das war damals, als sein Vater starb und nichts vom Vermögen übrig blieb.

Aber nun konnte er nicht mehr wollen.

Das Wollen, das kann einer in sich töten, so nach und nach.

Er hatte das Glas ausgetrunken und nun warf er es weg.

Er konnte nicht mehr leben als er sah, daß es leer sei. Und er wußte keinen, der es ihm neu hätte füllen können.«

Sie sahen fragend zu ihm auf.

Er strich sich über die Stirn.

»Ja, und dann ging er aus dem Leben. Dieser hier, der 'Nettste von allen'. Er ertrank im Neckar. Das konnte er noch wollen, sonst nichts mehr.«

Die Kinder atmeten tief auf und sahen scheu auf das Bild. Nun streifte der bittere Lebensernst ihre jungen Seelen.

Wenn das #so# war.

Der Großvater stand auf und hängte das Bild wieder an seinen Platz. Sie waren eine Weile stumm und drängten sich nah zusammen.

»Großvater,« sagte Gertrud, »lebst nur du noch allein von allen?«

Da hörte er, daß eine leise Angst in ihrer Stimme lag.

Und er wußte, daß es #das# war:

Oben an der Höhe, die gleich hinter dem Städtchen ansteigt, und die ein kleiner Laubwald krönt, da war, einige hundert Schritte von der breiten Straße entfernt, eine junge Eichenpflanzung. Er ging dort gern hin. Er setzte sich manchmal im Sommer auf einen der Stümpfe, die dort als Reste von früheren Bäumen zwischen den jungen, schwanken Stämmchen standen, und hörte zu, wie es in den Wipfeln leise rauschte und sah, wie die Sommerluft in der Sonne zitterte.

Und er gedachte aller der alten Bäume, die hier vor Zeiten gestanden hatten, und was aus ihnen geworden sei, und sah liebend auf die jungen, die noch so schwank waren und im ersten Saft standen. Und es war ihm tröstlich in der Seele der jungen Bäume, daß dort drüben über dem Weg noch ein alter, knorriger Eichbaum stand. Nicht eben einer der schönsten, aber doch einer der alten.

Denn er umfaßte liebenden Gemütes alles, was geschaffen war.

So verstand er nun das leichte Zittern in seines Kindes Stimme: wo sind die andern? Und bleibst #du#? Du bleibst doch?

»Allein?« sagte er. »Nein, wir sind noch zu vieren.«

Und er streichelte ihr Gesicht. »Noch stehst du nicht in der ersten Reihe,« dachte er. »Wie lang noch? Aber ich will nicht darum sorgen. Es ist nichts zu fürchten. Die ganze Welt ist Gottes Haus. Du kommst ihm nicht aus den Händen.« Da richtete er sich stramm auf und holte neue, frohe und starke Bilder aus seinem Bilderbuch, und wie er erzählte, dehnte sich ihnen, ihm selbst und den Kindern, die Welt, und wurde vorwärts und rückwärts und zu beiden Seiten groß und weit und war voll lebendigen Lebens.

* * * * *

So war es, wann die Kinder zur Dämmerstunde dort waren.

Das ging mit ihnen, das haben sie sich später hervorgeholt, wenn sie es je eine Zeitlang vergaßen.

Sie wußten nicht, daß sie in jenen Stunden zu einem guten Teil fürs Leben erzogen worden seien.

Erzogen? Es war die gemütlichste Stunde des Tages gewesen. So schön konnte es sonst nirgends sein.

Manchmal lustig, und manchmal still -- froh, und manchmal ernsthaft, sehr ernsthaft, und manchmal ein bißchen schaurig.

Aber immer schön.

Aber nun war die Frau Rektorin allein bei ihrem Mann.

Sie hatte Gertrud zur Nähterin ins Eßzimmer gesetzt.

»Da, nun säumst du das Taschentuch. Immer zwei Fäden auf die Nadel, und zwei liegen lassen. Nein, kein Buch daneben legen. Du siehst sonst doch hinein. Was soll aus dir werden, wenn du nicht einmal ordentlich nähen kannst?«

Georg war zu Hause, er hatte Aufgaben zu machen. Er mußte sich rühren, er mußte gleichfalls allmählich »Ernst dahintersetzen«.

»Mann,« sagte die Frau Rektorin, »lieber Mann, nun muß ich mit dir über Gertrud reden.«

»Das tun wir hie und da,« sagte der liebe Mann und lächelte. Er wußte wohl, was nun käme? Er sah so aus.

Er öffnete die untere Ofentür. Es war erst allmählich dunkel geworden und es gehörte nun zu seinem Behagen, daß der Feuerschein in die Stube fiel.

Da sah sie sein lächelndes Gesicht.

»Mann,« sagte sie, »es ist mir nicht zum Lachen.

Das wird nun allmählich Ernst.

Du läßt sie bei dir sitzen und Latein lernen, und lehrst sie alles Mögliche mit dem Jungen, dem Georg, zusammen. Du hast dein Vergnügen dran, ich weiß es.«

Das hatte er, das mußte er zugeben, es war nicht zu leugnen.

Er nahm die Pfeife aus dem Mund und sah nicht besonders schuldbewußt aus.

»Sie nimmt einem das Wort vom Munde weg,« sagte er.

»Wenn sie eine Weile nachdenklich und ernsthaft ausgesehen hat, dann blitzt es in ihren Augen. Dann hat sie mich verstanden. Es ist eine Freude, das zu sehen, und eine Freude, sie zu lehren.«

Aber dahin wollte die Frau Rektorin den Wagen nicht lenken.

»Was?« sagte sie. »Erzählst den beiden von den alten Griechen und Römern und von den Sagengeschichten. Ja, ich hab' neulich zugehört; das von den Argonauten und vom goldenen Vließ. Und von Odysseus, dem ganz und gar durchtriebenen Lügner. Als ob du selber dabei gewesen wärst. Ist's nicht genug, was sie in der Schule haben? Du gibst es ihnen wie ein Stück Leben.«

»Das hat dir auch gefallen, Anne.«

»Davon red' ich nicht. Aber was soll das für ein Mädchen werden?

Frägt sie etwas nach hübschen Handarbeiten? Ist es ihr nicht einerlei, was für ein Kleid sie anhat? Ist das weiblich?«

Nun mußte er sie ausreden lassen, das wußte er.

»Setz' dich, Anne,« sagte er. »Komm, hier in deinen alten Freund, den Sorgenstuhl.«

»So, nun leer dein Herz aus.«

Es brachte sie aus dem Konzept, wenn er solchergestalt Edelmut übte. Sie mußte ihn dann immer ansehen. Ob er sich nun lustig macht? Die kleinen Fältchen um Mund und Augen zuckten wie von einer inneren Erheiterung. Und die Frau Rektorin wollte ernst genommen sein.

»Weißt du was?« sagte sie.

»Gestern, als der starke Wind ging, der die Läden herumwarf und die Straßenlaternen fast auslöschte, da steht sie in der Küche bei Marie, die ohnehin ein Hasenfuß ist.

'Hörst du?' sagte sie, 'nun ist das Wuotesheer in der Luft. Hörst du, wie sie johlen und in die Hörner stoßen, und wie die Hunde bellen?'

Da fängt die Marie an zu stöhnen: Uh, ich fürcht' mich. Uh, ich geh' nicht mehr an den Brunnen um Wasser. Meinetwegen hol' Wasser, wer will, ich nicht. Dazu hab' ich mich nicht verdingt, daß ich dem wilden Jäger in die Hände laufe. Und Gertrud nimmt den Eimer und geht selbst und kommt wieder mit einem Gesicht, als ob ein Fest sei: 'prachtvoll ist das. Ich geh' nochmals.'

Jetzt frag' ich dich: ist das ein Bub' oder ein Mädchen? Gehört so ein Kind in die Lateinschule unter lauter Buben hinein?«

Der Herr Rektor ließ die Frage vorläufig offen.

Vielleicht dachte er, es komme noch mehr dazu.

Da hatte er nicht so unrecht.

»Ja, Mann, das Latein. Du lachst, ich weiß es. Aber es drückt mir das Herz ab. Ich muß es nun einmal sagen.

Da war bei uns zu Haus, in meiner Heimat, eine Frau. Sie hatte ja wohl früher einen Mann gehabt, aber der war nun lange tot. Die konnte auch Latein, jedermann wußte das. Sie kannte alle die heidnischen, alten Schriftsteller, wie unsereins sein Kochbuch. Kurzes, schwarzes Haar hatte sie, und so etwas wie einen Schnurrbartanflug. Und sie war der Schrecken aller guten Leute, aller netten, geordneten.

Einmal, da ging ich mit meiner Freundin, (du hast sie nicht mehr gekannt, sie hat vor mir geheiratet, nach Österreich hinein --) ja, also da ging ich mit ihr vor Tau und Tag hinaus. Wir wollten uns im Maientau waschen. Das taten wir alle Jahr einmal. Da steigt das lateinische Frauenzimmer in hohen Männerstiefeln und kurzen Röcken einher und watet durch Sümpfe und Gräben, und hat eine Blechkanne mit einem Henkel am Arm, darin sie das scheußlichste Gewürm sammelt.

Und grüßt uns noch freundlich, und hält mit der Hand, ja, mit der bloßen Hand, Mann, eine gelb und braun gestreifte Kröte empor, die glotzt uns dumm und breit an.«

»Das ist eine besondere Art, die ist hier herum selten,« sagte sie.

»Und,« schloß die Frau Rektorin ihre Geschichte, »jetzt frag' ich dich, was hat das Kind, die Gertrud, das unser letztes ist« -- hier brach ihr die Stimme, -- »was hat das mit Reiterstiefeln und Krötenfang zu tun?«

Denn sie wußte nun seit jenem Maimorgen eine Frau, die Latein konnte, nicht von diesem ihrem Schreckbild zu trennen.

»So lache doch nicht, Mann. Wirst du aufhören?«

Aber das war leicht zu sagen.

Sie lachte schließlich wider Willen mit, nur weil diesem Lachen niemand widerstehen konnte.

Aber dann trocknete sie sich ihr gutes, rundes Gesicht und sagte, daß ihr die Sache bitterlich ernst sei.

Da unterbrach er seine Wanderung und setzte sich zu ihr auf die Seitenlehne des Stuhls und war sehr ernsthaft und sagte:

»Nun fährst du wieder vierspännig, Anne. Auf und davon.

Also weil die Gertrud ein Mädchen ist, soll sie nicht lernen, was ihr Freude macht? Und weil du einmal eine sonderbare Frau gekannt hast, die gleichfalls lernbegierig war, darum gerätst du nun in Angst, daß unser Kind ebenso sonderbar werde?

Ich will dir sagen, Anne: Die Welt ist so groß und mannigfaltig.

Es wachsen allerlei Bäume darin. Laß wachsen, was wachsen will.

Wir können nicht sagen: es muß so sein und nicht anders.

Wir können nur helfen, daß da keine Unnatur mit unterläuft; nichts Unwahres und nichts Geziertes. Nicht, Anne?

Alle guten Geister, Anne.«

Wenn er das sagte, war sie stets besiegt. Sie war eine von denen, bei denen man die guten Geister nur anzurufen braucht, wenn sie einmal nicht von selber am Platz sind.

So leise und leicht schlafen sie.

Nun saßen sie beisammen und beredeten sich wie ein paar gute Kameraden, die sie ja auch waren, und die guten Geister der Stube spitzten die Ohren und horchten, und das Feuer knisterte leise vor sich hin und ließ seinen friedlichen Schein an der Decke und an den Wänden und auf dem Teppich spielen.

»Siehst du,« sagte der Mann, »ich weiß wohl, das gerät so ein bißchen ungewöhnlich, wenn ein paar ganz alte Leute so ein junges Kindlein ins Haus bekommen. Da fehlt ein Mittelglied. Wir wissen nicht mehr so genau, wie das ist mit der sogenannten Erziehung.

Wir leben so mit dem Kind und geben ihm, was wir haben.

Du das deine und ich das meine. Ich meine, wir sind alle zusammen Kinder, und der liebe Gott hat aufzupassen, daß etwas Rechtes daraus wird und daß wir so gerad als möglich heimzu gehen.

Nicht, Anne? Das andere, das ist nicht so wichtig.

Ist das Kind nicht warmherzig und liebreich und offen?

Ein bißchen derb? Und nicht so recht aufs Zierliche, Ordentliche, Mädchenhafte aus?

Ist das schlimm? Du bringst das nicht an sie hin?

Nun, dann wollen wir dem Leben auch noch etwas zu tun lassen, nicht?«

Da nickte sie getröstet.

Es war eine wunderbare Stube, es glättete sich alles darin, was hohe Wellen der Unruhe schlagen wollte, und kam in ein friedliches Gleiten.

Zwölftes Kapitel

So dämmerhaft traulich ging es im Ehrenspergerhaus nicht zu, wenn es etwas zu verhandeln oder zu entscheiden galt. Aber das begehrten die Bewohner auch nicht. Sie hätten sich auch nicht so besonders dafür geeignet. Ein jeder nach seiner Art.

Bei Franzens Berufswahl bedurfte es überhaupt keiner Beratung. So wenig als sich, mit allem schuldigen Respekt zu sagen, ein Kronprinz besinnt, ob er einmal König werden will, so wenig besann sich Franz, ob er der Erbe der goldenen Bretzel werden wolle. Das war ganz natürlich und selbstverständlich. Bei Georg ging es nicht so fraglos zu, das wissen wir von Anfang an. Und also kam der Tag heran, von dem wir jetzt erzählen.

Es ging gegen den Frühling zu und war so ungefähr sechs Wochen vor Ostern, sieben Wochen vor der Konfirmation, Georgs Konfirmation nämlich.

Ja, und zur Nachmittagsvesperstunde war es, so zwischen vier und fünf Uhr.

Vater Ehrensperger saß an dem einen Ende des Vespertischs und der Sohn Franz am andern. Und sie aßen und tranken als gute, friedliche Bürger, die das ihre tun und sich nicht gern unnötige Gedanken machen. Das letztere taten sie denn auch nicht. Über dem Älteren hingen immer noch die beiden Edelleute und machten dieselben Gesichter wie von jeher; über dem Jungen prangte in goldenem Rahmen der Meisterbrief des letztverflossenen Ehrensperger, der, wie bereits gesagt ist, ebenfalls ein Franz gewesen war. Anmutig kreuzten sich zwei schneeweiße Gänseflügel über dem goldenen Rahmen, es sah friedlich aus, wie Franz der Jüngere unter ihnen sein Brot aß.

Jungfer Liese ging ab und zu nach dem Laden, und wieder herein, und hatte gleichfalls eine Seite des Tisches inne, und setzte sich respektvoll immer nur halben Leibes auf den Stuhl. Und so oft sie die Tür nach dem Laden auf und zu machte, drang ein nahrhafter Duft von Brot und Wecken herein, und also war die Luft, wenn man so sagen soll, ganz in der richtigen Mischung für Haus und Leute.

Es war alles gut, herkömmlich und behaglich.

Aber das blieb nicht so.

Denn der lange, magere Bub, der jetzt mit seinem Bücherpack unter dem Arm, mit langen Schritten und hungrigem Gesicht durch die Ladentür herein kam, der dieselbe offen ließ, daß die Schelle bimmelte, bimmelte in einem hohen, dünnen, schrillen Ton, bis Jungfer Liese ging und sie schloß und dazu einiges vor sich hinsagte, was kein Mensch verstand, -- und der »heut wieder so ungemein der verstorbenen Frau gleichsah,« wie Jungfer Liese vorwurfsvoll bei sich selbst dachte, der war so gar nicht herkömmlich, daß er geradezu die Luft verdarb, die behagliche, nahrhafte Luft dieser Vesperstunde.

Es ist damit nicht gesagt, daß dieser, der jüngste Sohn des Hauses Ehrensperger, kein volles Heimatrecht in der Stube seiner Väter genossen hätte. Es war kein einziges streitsüchtiges oder mißgünstiges oder sonst ungerechtes Element in dieser Stube. Er war nur niemand da, der mit den Augen des Rektors Cabisius, oder mit den Augen einer Mutter zugesehen hätte, was da werden wolle.

Und es war jetzt gerade ein unbehaglicher Zeitpunkt. Es mußte ein Entschluß gefaßt werden, und, ohne dem Meister Ehrensperger irgendwie zu nahe zu treten, muß doch von ihm bekannt werden, daß es nicht zu seinen Liebhabereien gehörte, Entschlüsse zu fassen.

Er hielt es für einen Vorzug, wenn die Dinge von selber ihres Weges gingen. Jetzt dies, jetzt das, immer eins aus dem andern.

Es war ihm etwas unbehaglich zu Mute. Er kaute stumm und schwer, und auch Georg fing an, desgleichen zu tun. Aber er sah seinem Vater dabei fragend in die Augen. Das pflegte er seit einiger Zeit öfters zu tun, nicht ohne Grund. Denn der Vater sollte einmal zu dem Rektor gehen und mit ihm besprechen, »wie die Geschichte nun weiter laufe.«

»Gehst du heut?« sagte der fragende Blick.

Nun wird vielleicht mancher verstehen, daß es störend ist, während des Essens mit fragenden Augen angesehen zu werden.

Das ging dem Vater Ehrensperger nicht anders.

Er wurde nicht leicht hitzig. Es lag nicht in seiner Natur, hitzig zu werden. Aber dies ging ihm gegen den Strich.

»Bub,« sagte er, und stellte das leere Mostglas auf den Tisch, daß es dröhnte, »Bub, guck nicht so.«

Aber damit war nichts erreicht, das fühlte der Vater selbst.

Und es wuchs ihm der Mut, den sauren Apfel, den er nun schon lang in den Händen hin und her drehte, -- nicht anzubeißen.

»Du,« sagte er, als der Junge vor sich hinsah wie einer, mit dem das Schicksal hart verfährt, der aber gesonnen ist, sich nicht allzuviel draus zu machen, »du, ich hab' mir das überlegt. Ich brauch' da nicht hinzugehen, ich versteh' #so# nichts vom Studieren.

Ich, ich hab' seither gezahlt, was es kostet, und, ja, und ich zahl's auch nachher noch. Das ist die Hauptsach'. Gar so viel wird's nicht mehr kosten, was meinst?«

Das wußte Georg nicht so genau und sagte das auch, obgleich Jungfer Liese lebhaft mit dem Kopf nickte in der Hoffnung, daß »es« nicht mehr allzuviel koste.

»Ja, also, und jetzt sag's, es kommt auf dich an. Was willst jetzt werden? Lateinisch kannst und also studiert muß sein, aber ich sag' da nichts drüber. Denn warum? Einen Lernkopf hast du, und was es kostet, zahl' ich. Wiewohl, es ist eine Hungerleiderei nachher. Das sieht man am Vetter Häberle.«

Der Vetter Häberle war Präzeptor in einer größeren Stadt, und hatte sechs Kinder und eine leidende Frau, und die ganze Familie sah etwas blutarm aus und war dem Meister Ehrensperger eine Warnungstafel vor »der hungerleidigen Schulmeisterei«.

»Ich werd' kein Hungerleider, ich werd' Pfarrer,« sagte Georg etwas patzig. Es ward ihm doch ein bißchen unsicher, daß er das so für sich entscheiden sollte.

»Was?« sagte der Vater, »Pfarrer? Jetzt wird's Tag. Wie kommst du denn grad auf einen Pfarrer?«

Und alle drei hörten zu essen auf und legten die Arme auf den Tisch, um recht fest zusehen und zuhören zu können, was nun käme. Nicht, daß sie etwas dagegen gehabt hätten, gegen das Pfarrerwerden nämlich. Aber es war ihnen so ein erstaunlicher Gedanke, daß dieser hier, der jüngste, an dem Jungfer Liese mehr als genug zu meistern hatte, daß der einst in einem langen, schwarzen Rock hier herumgehen und ihnen allen gelegentlich den Leviten lesen würde. Und daß er dereinst das schöne, vornehme Stadtpfarrhaus mit den Rolläden bewohnen und da heraustreten und von jedermann gegrüßt werden würde. An die Kanzel, da durften sie schon gar nicht denken. Da stand er und hatte einen Kirchenrock an und Bäffchen und sagte: in dem Herrn Geliebte!

Das alles schoß den dreien so geschwind durch die Gedanken, da konnten sie schon auf ihn hin staunen.

Georg hatte schon eine Vorgeschichte für seinen Ausspruch; aber als er das Wort gesprochen hatte, staunte er selber mit den andern. Jetzt hatte er es gesagt, jetzt mußte er das auch werden. Da klopfte ihm doch sein Bubenherz.

So war es zugegangen:

Er hatte durch einige Jahre hindurch nicht viel Kameradschaft mit seinen Altersgenossen gehabt. Denn er war ein Einspänner von Natur und schloß sich nicht leicht auf. Auch hatte er, trotz seiner mutterlosen Kindheit, reichlich gehabt, was er fürs Gemüt brauchte; wir wissen es.

Aber nun hatte es ihm einen starken Ruck gegeben. Denn nun fingen sie alle an, sich zu zerstreuen und ein jeder in eine gewiesene Bahn einzutreten. Alle wußten sie irgendwie, wo hinaus. Es schwirrte in jeder Freistunde von Zukunftsplänen. Und das war für Georg Ehrensperger, der ein Träumer war, ein kräftiger Anstoß dazu, daß er sich fest auf die Füße stellte und die Augen rieb, und, da er all das junge Blut um sich her als etwas nah Verwandtes erkannte, es ihnen gleich tun wollte. Und da er erschrocken war, wie einer, der zu lang geschlafen hat und es nicht Wort haben will und rasch nach einer Arbeit greift, um es zu verbergen, so griff er schnell ins Leben hinein: her mit einer Aufgabe! ich will hier auch mittun. Ganz ernsthaft will ich hier mittun.