Alle guten Geister...: Roman

Part 6

Chapter 64,019 wordsPublic domain

Darum habe ich beschlossen, nach Tübingen zu ziehen. Madam Cabisius müssen nicht denken, daß es um meinetwillen sei. O nein, mir ist alles recht, mir ist's auch in dieser kleinen Stadt recht, obgleich fast niemand Sinn für den höheren Geschmack hat, außer der Madam Cabisius, und -- noch ein paar wenigen.

Aber dort kann ich mich besser aufschwingen. Ich bin so sehr für den Aufschwung. Das sagte schon Maute immer, obgleich ich sonst nicht viel auf seine Meinung gebe: 'Henriette, du bist viel zu schwunghaft.'

Er verstand mich nicht. Das hat uns getrennt.

Dort kann ich einen Laden mieten und das bessere Publikum gewinnen. Und vielleicht nehme ich Studenten in möblierte Zimmer, später dann.« Frau Maute sah in diesem Augenblick außerordentlich schwunghaft aus. Man sah ordentlich ihr Mutterherz durch die Falten ihrer geblumten Bluse scheinen. Denn das mit dem Laden und den möblierten Zimmern geschah ja nur des Kindes wegen, dem ein besseres Los bereitet werden sollte, und dem zuliebe die Mutter sich in jede verlangte Höhe zu schwingen bereit war.

»Mutter, dein Haar,« sagte Lore leise.

Denn es hatte sich ein dünnes, rotblondes Zöpfchen unter den Spitzen des Morgenhäubchens vorgestohlen und wippte auf der geblumten Bluse auf und nieder, alle schwungvollen Bewegungen seiner Trägerin begleitend.

»O, es ist mir nicht bange,« sagte Frau Maute, und schob das Zöpfchen wieder an seinen Ort. »Ich kann mit allerlei Leuten verkehren. Wenn ich sonst nichts gelernt hätte, so hätte ich doch das gelernt. Und nun gar mit #jungen# Leuten. Wenn man selbst Mutter ist und das Leben kennt. Ich werde sie mütterlich beraten, meine Studenten, meine ich. Daran werden Madam Cabisius nicht zweifeln.« »Madam Cabisius« hatte wohl so ihre Zweifel, aber diese waren von einer Art, die hier nicht ausgesprochen werden konnte.

Darum schwieg sie darüber und dachte nur im Stillen: »Ich bin froh, daß Gertrud nicht zu studieren hat. Mütterliche Beratung. Ich danke.« Und dann bot sie ihren grauen Kopf her, um sich das werdende Kunstwerk ausprobieren zu lassen, und sah unter Samt und Spitzen hervor mitleidig auf das junge Kind, das zu seinem Besten an dem Aufschwung der Mutter teilnehmen sollte.

»Soll mich wundern, was sie aus dem Mädchen macht,« sagte sie zu sich selbst, als sie auf dem Nachhauseweg mit hochgehaltenen Röcken durch den Schmutz der Straßen stieg. »Einreden läßt sich da nichts. Nun ja. Mit ihren Hüten war ich immer zufrieden. Eine gelungene Person, das ist sie. Aber soll mich wundern, was sie aus dem Mädchen macht. Ein feines, kleines Ding ist das.«

Und dann kam ihr mütterliches Herz ins Wallen.

»Ich wollte doch,« sagte sie, aber sie sprach nicht aus, #was# sie wollte. Vermutlich war ihr der Wunsch aufgestiegen, das »kleine, feine Ding« zu behüten. Wovor? Da eilten ihre Gedanken weit voraus.

Aber das war eigentlich nicht ihre Art so. Sie trat fest auf und machte rüstige Schritte, als sie über den gepflasterten Marktplatz ging. »Das lerne ich allmählich von #ihm#,« sagte sie entrüstet zu sich selbst, »das Vorausdenken. Aber das ist nichts für mich. Braucht man mich etwa dazu? Ich meine, zur Weltregierung?« Und sie schüttelte sich wacker unter dem Regenschirm und rief ihre sorgenden Gedanken zur Ordnung. Da kam sie hellen und heiteren Angesichts nach Hause und fand Gertrud, das Mädchen, das ihr zu gelehrt werden wollte, auf dem Treppengeländer reitend, daß die Zöpfe flogen. Sie sagte nichts darüber, wie sie an andern Tagen wohl getan hätte, und wußte auch warum.

Neuntes Kapitel

Kennt ihr das Geschlecht der Sonntagskinder?

Es hat allerlei Namen. Man könnte es auch das Geschlecht der Schauenden nennen, oder der Horchenden.

Es hat eine Gabe mitbekommen, die nicht alle haben, von dem Strom heimlichen Lebens zu wissen, der unter der Oberfläche aller Dinge hingeht. Die dazu gehören, die ahnen die wundersame Schönheit, die in die Welt gelegt ist, und lieben sie und horchen nach ihr hin. Und weil sie sich nach ihr sehnen, die Leben ist und Liebe, Licht, Freude und Werdekraft, so suchen sie sie überall.

Im Grauen des Morgens, in der Glut des Mittags, im Wehen des Windes, im Zirpen der Grille im Grase.

Im Lachen eines Kindes, in einem Männerzorn, in einer jungen, starken Menschenkraft, im Ringen der Leidenschaften, in tausend und tausend Regungen des Lebens vernehmen sie etwas von dem tiefen Grund, aus dem das Leben quillt.

Und wenn ein Klang aus jener verborgenen Welt ihr Ohr streift, dann halten sie den Atem an und horchen still hinein.

Manchem von ihnen ist es gegeben, in Tönen davon zu reden, manchem in Bildern, in der Glut der Farben oder in beredten Linien, manchem in Worten.

Aber nicht allen. Es sind viele, die tragen den empfangenen Glanz still in sich herum und die Welt weiß nichts davon. Oft sind sie arm und unscheinbar, und oft macht sie die innere Fülle ungelenk, steif und wortarm nach außen. Aber was schadet das? Wer ihnen zu rechter Stunde in die Augen sähe, der sähe in einen tiefen See, in dem ein Schatz verborgen liegt.

* * * * *

Der alte Korbmacher Hollermann war keiner von denen, die die Welt mit Harmonien füllen. Aber seine Seele war voll von einer Musik, die niemand gehört hatte, obgleich an warmen Abenden, wann die Fenster seines Häuschens offen standen, die Töne seiner Flöte, der ererbten Großvatersflöte, über die Äcker hin und über die Landstraße und zu den wenigen Häusern, die hier draußen an der Landstraße standen, hinflogen. Das, was aus der Flöte strömte, das war das, was an die Oberfläche drang. Aber wie wenig war das im Vergleich zum Ganzen. Wenn er so dasaß, mitten zwischen seinen Weidenkörben und Hühnerkäfigen, auf dem niedrigen Drehstuhl und in der grünen Schürze, mit hängenden Schultern und braunen, rissigen Händen, die die Flöte hielten, da sah ihm niemand an, daß er innerlich wunderbare Chöre hörte. Vielleicht waren sie wirklich, vielleicht tönten sie aus irgend einer Welt zu ihm herüber, wer vermag das zu sagen?

Was er hervorbrachte, waren selten so eigentliche Melodien. Es war ein Reden in Tönen, vielleicht auch nur ein Stammeln. Es fragte ihn niemand danach und er sagte es zu niemand. Das heißt, das war seitdem so gewesen. Aber das sollte nun nicht länger so fortgehen. Die Jugend kam zu ihm herein unter das tief herabhängende Dach.

Gertrud kam. Sie war einmal auf einem Spaziergang mit dem Großvater einen Augenblick eingetreten, hatte dem alten Hollermann bei der Arbeit zugesehen, hatte das Wetterhäuschen, aus dem der Kapuziner trat, wenn es schön Wetter wurde, bewundert, und die rankenden Kürbisse an der Hinterwand. Und da es ihr schien, als ob hier noch viel zu bewundern sei, so versprach sie das Wiederkommen. Das hielt sie auch. Als sie hier einigermaßen zu Hause war, brachte sie Georg mit. Der wurde es noch mehr als sie, und noch schneller. Das machte, daß er Meister Hollermanns Flötenspiel gehört hatte. Es war an einem Samstagabend gewesen. Die Kinder hatten über ihren Aufgaben gesessen, bis es dunkeln wollte. Dann hatte sie die Großmutter ins Freie gejagt: »jetzt geht! wollt ihr mir hier versitzen und mit sechzehn Jahren Brillen tragen?«

Nein, das wollten sie nicht. Da gingen sie los. Die beiden Alten wandelten zwischen den Rabatten des Gartens hin und her, und die Kinder machten einen Streifzug. Durch den Baumgarten, da hingen kleine grasgrüne Äpfel in den Zweigen, es gab noch nichts Reifes; über den Lattenzaun, durch den trockenen Burggraben, da kamen sie auf freies Feld.

»Jetzt besuchen wir den alten Hollermann,« sagte Gertrud. Da liefen sie in langen Sätzen den schmalen Feldweg entlang. Das Korn war noch grün und wogte leise hin und her, eine Blindschleiche glitt über den Weg. In der zitternd warmen Sommerluft summten die Schnaken. Hinter dem Wald ging die Sonne hinunter.

Dann blieben sie stehen. »Horch,« sagten sie beide. Da schwebte es in der Luft, wie ein süßer Gesang. Und doch wieder anders als ein Gesang. »Jetzt flötet er,« sagte Gertrud. »Das tut er alles auswendig, so aus sich selber heraus.« Und dann liefen sie wieder. Es war bezeichnend für Georg, daß er es hübscher fand, außen auf dem Bänkchen neben der Tür zuzuhören, weil er den Flötenbläser nicht kannte, und für Gertrud, daß sie ihn an der Hand hineinzog ohne viel Federlesens. »Da sind wir,« sagte sie. »Wir wollen zuhören.«

Aber er war es nicht gewöhnt, Zuhörer zu haben. Er setzte die Flöte ab und sah vor Verlegenheit grimmig aus. So lang, bis er in das enttäuschte Gesicht des Buben sah. Es konnte niemand sonst so enttäuscht aussehen. Nun war er hier hereingekommen und gleich hörte das auf, was ihn so herangezogen hatte.

Der alte Hollermann war in Not. Das, was er soeben geblasen hatte, das konnte er jetzt nicht fortsetzen. Davon war ihm der Faden abgeschnitten, und das war auch etwas wie ein Selbstgespräch gewesen. Da besann er sich auf alte, längst gehörte Klänge. Denn er konnte es den Kindern nicht antun, daß er so verstummte, so gern er das getan hätte.

»So, nun merkt auf,« sagte er. Und spielte ein klingendes, singendes Lied, und dann noch etwas, das tat, wie zwitschernde Vogelstimmen. »Das ist von Mozart,« sagte er und nickte mit dem Kopf. »Kennt ihr den nicht? Das ist aus der Zauberflöte. Vor zwanzig Jahren hab ich das gehört. Als Mina noch lebte. Ja so, ihr kennt Mina nicht. Sie war in München und dort hörten wir das miteinander. Sie wollte meine Frau werden, aber dann starb sie.«

So, nun war es wohl aus?

Nein, sie kannten Mina nicht. Sie waren nun zwölf und dreizehn Jahre alt, hatten schon vieles gelernt und hatten den starken Trieb, noch viel mehr zu lernen, und hätten am liebsten eines immer dasselbe gelernt, was das andere lernte, obgleich das ja nicht so durchzuführen war.

Sie hatten auch schon von Mozart gehört, wenn auch nicht allzuviel. Aber noch fragten sie nicht viel danach, wer die und jene Musik geschaffen habe. Es mußte nur klingen und singen, das war die Hauptsache.

Es wurde auch rasch vollends dunkel, darum gingen sie nun wieder, hielten einander an der Hand und gingen auf der breiten Landstraße ins Städtchen hinein.

Meister Hollermann saß wieder am Fenster und flötete. Es war jetzt ein leises, weiches Getön. Vielleicht dachte er dabei an Mina und wie sie mit glänzenden Augen neben ihm gesessen hatte jenes einzige Mal, da sie miteinander so im Reich der Töne waren.

Oder vielleicht sah er in die ziehenden Abendwolken und fragte, wohin ihr Geist gegangen sei, damals, als sie an einem schönen Juniabend, einem Abend wie heut, für immer ihre Bügelstähle und ihre Kundenwäsche, ihre kleine trauliche Stube und ihn selbst, der sie so liebte, verlassen hatte.

Die Kinder wußten das nicht. Aber Georg stand plötzlich still und sagte: »ich will noch ein wenig horchen« und es half nichts, daß Gertrud vor Ungeduld trippelte. Er hatte die Hände in den Taschen und horchte.

* * * * *

Das war das erste Mal gewesen.

Von da an war der alte Hollermann hie und da genötigt, etwas von dem herauszugeben, was ihn innerlich bewegte.

Er war viel gewandert in seinem Leben, weit umher. Viel erworben hatte er sich nicht. Gerade genug, um das kleine, windschiefe Häuschen kaufen zu können und darin die Korbmacherei zu betreiben. Er flickte die Waschkörbe der Bürgersfrauen und die Marktkörbe der Bauernweiber, und flocht aus Weiden Tragkörbe für die Weingärtner und was so mehr des ländlichen Bedarfs war.

Dabei konnte er die Bilder der weiten Welt an sich vorbeiziehen lassen. Einmal, zu Minas Zeiten, war Aussicht gewesen, daß er sich, wie die Putzmacherin Maute, des Aufschwungs befleißigen werde. Damals lag ihm an einem freundlichen Nest und an Brot für sie beide. Nachher, als sie gestorben war, hatte er keinen solchen Antrieb mehr. Da wurde er mehr und mehr einer der Horchenden. Er ging so still für sich hin. Und als er's einzurichten wußte, kehrte er in die Heimat zurück und spann sich da in eine eigene, stille und doch belebte Welt ein. Wer konnte wissen, was alles seine schweigsame Seele füllte?

Es war eine kleine Gemeinde von Pietisten im Städtchen. Und weil dabei fromme, eingezogene Leute waren, die sich versammelten, um miteinander übers Evangelium zu reden, so ging er auch hin, denn ihn verlangte nach Gemeinschaft. Aber er sprach nicht ihre Sprache. Sie hatten alle Worte der Bibel so schön genau zurechtgelegt und nun redeten sie über die tiefen Geheimnisse, die in der Offenbarung des Johannes stehen und es war ihnen alles so klar, daß kaum noch etwas zu fragen blieb. Da wurde er noch einsamer; und als sie sagten, nun solle er auch reden, da schüttelte er leise den Kopf.

Der junge Zimmermann Dieterle, der dabei war, der sagte, wenn er darauf zu sprechen kam, daß seine Augen wie in eine unergründliche Tiefe gesehen hätten, »und,« sagte er, »ich hätte wissen mögen, was er sah, aber er fand das Wort nicht.«

Von da an ging er allein dahin, wenn er nicht hie und da auf den Turm stieg zu seinen alten Freunden, dem Turmwächter und der Frau Judith. Er war aber freundlich gegen alle, die ihm nahe kamen, und nächtigte einmal zwei Handwerksburschen in seinem Bett. Da brachte er die eine Hälfte der Nacht am Tisch sitzend über einem alten Buch zu, und sah die andere Hälfte lang zum Fenster hinaus nach den Sternen und nach dem Kommen des Morgens. Nun kam, wenige Tage nach jenem Samstagabend, an dem er den beiden Kindern die Flöte geblasen hatte, der lang aufschießende Knabe mit dem schmalen Gesicht und den hungrigen Augen vor seine Tür, diesmal ohne Gertrud. Die saß daheim und hatte Handarbeitsstunde bei ihrer Großmutter. Hollermann hörte ein kleines Geräusch am Fenster, dann an der Stubentür. Und als er, in Strümpfen, denn so saß er an der Arbeit, hinging und öffnete, da prallte der Kopf mit dem dunklen Haarbusch vom Schlüsselloch zurück, an das er sich horchend gelegt hatte. Dunkelrot wurde der Knabe und sagte verwirrt und stotternd: »ich, ich wollte -- ich habe hier eine Flöte.« Da zog ihn Meister Hollermann mit sich hinein.

Es war eine alte, verstaubte Flöte mit grünspanigen Klappen, die Georg in Papier gewickelt unter dem Arm trug. Er hatte sie in einer Bodenkammer gefunden und sie tönte ihm in Gedanken nun fort und fort so lieblich, tönte ihm in der Schule in die Geschichte des Hannibal hinein, tönte beim Vesper zu den Lauten der Jungfer Liese, die an sich gar keine Ähnlichkeit mit Musik hatten, tönte, tönte, bis er nun hier stand und sagte, als ob er vor dem König stände und um die Hälfte seines Landes bäte: »wenn Sie mir zeigen täten, wie man's macht.« Das Übrige sagte sein flehendes Bubengesicht.

Nun studierten sie miteinander, daß es eine Art hatte. Das machten sie so: Georg hatte die Melodien im Kopf, die er von der Schule und Kirche her kannte und die er etwa auf der Straße hörte. Die pfiff er seinem Lehrer vor, worauf dieser sie auf die Flöte übertrug, was dann hinwiederum Georg so lange nachprobierte, bis er die Melodie richtig heraus hatte.

Das trieben sie eine ganze Weile und vergnügten sich sehr damit. »Bub,« sagte der alte Hollermann, »du lernst das besser als ich. Daran ist nicht zu drehen. Ich hab's in mir drin, das hab' ich. Aber ich kann's nicht so von mir geben. Ich hab' schon gedacht, nachher einmal, in einer andern Welt, da könn' ich das vielleicht.

Was mein Großvater war, der Schäfer Hollermann, der wußte eine Geschichte von einem Geiger. Der zog herum und wollte das schönste Lied spielen lernen, das es gibt.

Da ging er zu den Vögeln in den Wald und horchte und horchte. Das konnte er bald. Er konnte geigen, daß man die Amseln und die Finken und Drosseln heraushörte.

Aber das war ihm noch nicht schön genug. Da horchte er auf den Wind. Was konnte der für Lieder singen. Ganz leise, feine, daß man die Blätter an den Bäumen rascheln hörte und die Ähren hin und her schwanken. Und dann starke und frohe, weißt du? so, wie es tönt, wenn der Frühling kommt. Und die ganz wilden, wo sich die Eichen biegen, wenn der Sturm durch sie hinfährt.

Das lernte er auch nachspielen. Da zog er weiter, denn er wußte, daß ihm noch viel fehle. »Und,« sagte er, »eher will ich nicht aufhören, bis ich das schönste Lied von allen habe.«

Das Wasserrauschen konnte er nachbilden, man glaubte die Wellen blinken zu sehen und die Bächlein rieseln zu hören.

Und er spielte Hochzeitsreigen und Tanzlieder, und was die jungen Mädchen und Burschen singen, und Kirchenlieder. Und manchmal spielte er etwas, das kein Mensch verstand. Da mußte weinen, wer es hörte. Es war, als ob er etwas suche und das tat er auch. Er suchte das schönste Lied von allen; da hörte er hie und da einen Ton, aber er fand nie das Ganze.

Darüber wurde er alt und grau und kam zu sterben. Er war aber ganz allein, denn, Georg, wer das will -- aber das verstehst du noch nicht.

Ja, und da klang es auf einmal irgendwo, und nun wußte er, daß dies das Lied sei, das einzige, das es gebe. Und er griff nach seiner Geige, und, so stark seine Hand zitterte, er konnte es doch spielen. Aber die Saiten zersprangen davon, eine nach der andern. Da starb er und das war auch ganz gut, denn sonst hatte er ja nichts gewollt. Und siehst du, darum denke ich, daß es einen Ort gibt, wo man das alles kann, was man in sich hat, weil es dem Geiger irgendwo her tönte, als er schon im Sterben lag. Und weil ihm die Seiten sprangen, als er es zu spielen versuchte, darum denke ich, es muß irgendwo bessere Geigen geben. Aber ich bin ein alter Mann, Bub. Ich bin begierig, wie alles wird, und ich denke, es wird irgendwie gut. Das ist alles, was ich so sagen kann.«

»Das will ich alles auch lernen,« sagte Georg und machte ein sehr entschlossenes Gesicht dazu. »Ja, das tu' du.« Der Alte war sehr einverstanden damit.

»Ich kann dich das nicht lehren. Aber mein Großvater sagte, wenn er die Geschichte erzählte: 'Das kann man einen überhaupt nicht lehren, wenn's einer nicht in sich hat.' In großen Städten da haben sie Schulen dazu, dahin gehen die Leute, um das alles zu lernen. Ich meine, das Musikmachen und so was. Dahin gehen sie noch, wenn sie Männer sind. Ich hab' schon solche gesehen mit Bärten, die gingen da hinein und lernten Musik machen. Den ganzen Tag Musik und nichts weiter. Das muß ein Leben sein, Bub. Wie im Himmel. Aber ich weiß nicht, ob's die alle in sich haben.« Da schlug sich der Bub aufs Knie, daß es schallte.

»Dahin möcht ich auch,« sagte er. »Was sagst du? Ganze Säle voll mit Orgeln und Klavieren und Geigen und Flöten? Dahin möcht ich auch.«

* * * * *

Nun hatte er wieder ein Bild, das er sich abends beim Einschlafen vormalen konnte. Er steckte sich unter die Decke und hielt die Ohren zu, daß kein Laut von außen herein dringe. Und dann ließ er den Saal vor sich aufsteigen. Der war riesig groß, er wurde immer noch ein wenig größer. Und an den Wänden standen Orgeln, immer eine größer als die andere, mit blanken Pfeifen, und oben schwebte an jeder ein nackter Posaunenengel, denn solch einer war auch an der Wiblinger Kirchenorgel und Georg konnte sich keine Orgel denken ohne diesen Zierrat. In der Mitte des Saals aber standen Klaviere, die waren so schön wie das des Rektors Cabisius und waren alle aufgeschlagen. Da standen sie mit ihren schwarzen und weißen Tasten und vor jedem stand ein Stuhl. Menschen waren da nicht, und das war gut. Denn sonst hätte Georg sich nicht getraut, zu spielen. Aber das tat er nun. Heidi, wie seine Finger auf und nieder fuhren. Es war gut, daß er unter der Decke steckte, so konnte ihm niemand den kühnen Gedanken ansehen, der sich nun entspann: Er konnte es wahrhaftig noch besser als der Rektor.

So, nun hatte er genug am Klavier. Da griff er nach einer der Geigen, die an den Wänden hingen, oder nach einer Flöte. Jagdhörner waren auch da. Trari, trara.

Einmal, als er soweit war, vergaß er sich und tutete das Geheimnis über die Grenzen seines Bettes hinaus.

Da brachen merkwürdige Töne unter der schweren Federdecke hervor wie ein unterirdisches Donnerrollen.

Jungfer Liese, die in der anstoßenden Stube saß und Strümpfe stopfte, kam herein und zog ihm das Deckbett ein Stück weit hinunter. Es sei kein Wunder, wenn einer schwer träume, sagte sie. Wenn man sich dermaßen begrabe.

Und Franz, der am Einschlafen war, warf sich herum und beklagte sich. »Da soll einer schlafen können,« sagte er. Franzens Schlaf aber war heilig.

Denn er war nun Bäckerlehrling seit Ostern, das war drei Monate her. Und er mußte aus den Federn, eh' der Tag graute. Er wollte das auch. Er wollte später die Bretzel, die über der Ladenstaffel schwebte, neu vergolden, und wollte alles tun, was sich für den Hauptsprossen der Ehrenspergersfamilie gehörte.

Da beugte sich Jungfer Liese über das Bett des jüngeren Sohnes, und wisperte ihm mit gedämpfter Entrüstung mahnende Worte zu. Der aber hielt die Augen geschlossen und atmete tief und lang und tat, als ob er schliefe, bis der wache Traum in einen wirklichen überging.

Darin ging er mit dem alten Hollermann über ein flaches Feld, das sich weit und breit dehnte. Es wehte leise in der Luft, rings, so weit das Auge ging, wogte ein Meer von braunem, goldig glänzendem Heidegras, das rauschte so sachte, als ob es am Einschlafen sei. Fern am Horizont, wo die Sonne versunken war, standen die Höhen in rotem und violettem Glanz, und leuchtende Wolken mit Gold- und Purpursäumen zogen darüber hin und entschwanden, eine nach der andern.

Da fing der alte Hollermann an zu singen, und hatte ein so glänzendes Gesicht dabei, als ob auch er in das Licht der Sonne getaucht sei.

Georg verwunderte sich weder über das eine, noch über das andere, obgleich er ihn noch nie so gesehen oder gehört hatte. Das mußte nun gerade so sein.

Es war aus einem alten Kreuzfahrerlied, was Meister Hollermann sang. Georg hatte es einmal irgendwo gehört, er wußte nachher nicht mehr wo.

»Alle die Schönheit Himmels und der Erden Ist verfaßt in dir allein.«

»Ist das nun das rechte Lied?« fragte der Georg. »Ja,« sagte der Alte und bog den Kopf vor, um zu lauschen, »hörst du, wie alles mitsingt, ringsumher?«

»Wer?« aber er erhielt keine Antwort mehr.

Das Feld dehnte sich weit und weiter und wurde grau und still. Und der Traum versank; und Georg versank in die Tiefen eines jungen, festen Schlafes.

Zehntes Kapitel

Es war ein Spätnachmittag im Frühherbst.

Die Sperlinge schwirrten mit viel Geschrei um das Weinspalier her. Das war an der Südwand des Rektorhauses, die nach dem Garten geht. Es war nicht viel für sie zu holen, es war ein feines, dichtes Netz über die Trauben gezogen. Da hatte es eine Lücke und dort eine. Aber was waren die paar Beeren für solch eine Schar? Das war gerade genug, um den Appetit zu reizen. Aber darum konnten sie es doch nicht lassen, schimpfend hin und her zu schwirren. Sie hielten lange Reden darüber, daß es nicht recht zugehe auf der Welt? Was? Nun waren die Trauben unbedeckt geblieben, so lang sie hart und grün waren, und wurden nun unter das Netz gesteckt, da sie täglich weicher, süßer und reifer wurden?

Drüben im Obstgarten standen die Bäume voll reifender Äpfel. Schwer hingen die Äste herunter, sie vermochten kaum ihre Last zu tragen. Warum wurden nun #diese# nicht mit einem Schleier überzogen? Danach hätten die Sperlinge nicht gefragt; die Äpfel mochten ruhig reifen und zur Erde fallen, sie rührten keinen an. »Aber gerade das bißchen, was wir gern hätten, das mißgönnen sie uns,« sagte ein alter, dicker Spatz und hüpfte schwerfällig und ärgerlich auf den Syringenbusch, von dem man die beste Aussicht auf das Weinspalier hatte, und die andern schrieen ihm Beifall.

Da ging die Gartentür und drei Kinder kamen herein. Die Sperlinge kannten sie wohl, sie waren hier täglich zu sehen. Der lange, magere Bub, der so oft stand und die Hände in den Taschen hatte und in die Luft sah; das starke, bräunliche Mädchen mit den langen Zöpfen, und das kleine, feine rothaarige, dem die jungen Spatzen gern die Augen ausgepickt hätten, weil sie aussahen, wie reife Kirschen.