Part 5
Der Bäcker Ehrensperger hatte nicht nur die schwarzen Hosen an, die dem Lude solchen Eindruck gemacht hatten, sondern auch die Weste und den Rock. Er sah unbehaglich und hilflos genug aus in diesem feierlichen Anzug, der ihm doch von Jungfer Liese als passend und erforderlich für die heutige Fahrt aufgenötigt war. An der Weste hatte sie findig das Rückenfutter auseinandergetrennt; das klaffte nun unter dem Rock; da schlossen vorn die Knöpfe über Brust und Bäuchlein. Aber der Rock. Der war nach allen Seiten hin zu eng. Vorne stand er weit offen. Aber am Rücken und an den Schultern verspürte der Mann ein beständiges Ziehen und Drücken. Ihm war, als knacke da und dort etwas. Das waren wohl die Nähte? Es war ihm unbehaglich zu Mute. Innerlich und äußerlich. Die Reise schuf ihm auch ein Mißbehagen. Er war nicht aufs Absonderliche, Tragische angelegt. Und dies hier war absonderlicher als alles, was er bisher erlebt hatte. Denn hin und her besehen, was sollte er dort? Er hatte immer unweigerlich bezahlt, was die Sache kostete. Aber, noch einmal, persönlich gefragt, was sollte er dort? Es war ihm unzweifelhaft unbehaglich zu Mut. Da war solch' eine fremde, andersartige Welt; so eine gewisse, geistige Macht, eine düstere, tragische. Es war ihm, als sollte er mit Geistern aus dem Jenseits in Verbindung treten. Wie sollte er sich da benehmen? Was sollte er sagen? Er hätte gern einen tüchtigen Kuchen eingepackt und sich mit dieser Gabe von der persönlichen Verpflichtung gelöst, der er sich unterworfen fühlte. Aber das war ja wohl nichts. Wie hatte es in dem Eilbrief geheißen, der vor einer Stunde in den Vormittagsnicker des Meisters hereingefallen war?
»Ihre Frau, von deren Krankheit Ihnen bereits Anzeige gemacht ist, hat, nicht ganz ungewöhnlicherweise, noch eine fast vollständige Klärung ihrer Sinne erlebt und verlangt in diesem wachen Zustand nach Mann und Kindern. Sollten Sie, wie anzunehmen ist, diesem Wunsch zu entsprechen gedenken, so wird es gut sein, dies unverzüglich zu tun, da die Kranke ihrer Auflösung in den nächsten vierundzwanzig Stunden entgegengeht.«
Diesem Ruf war nicht zu entgehen. Den letzten Wunsch eines Sterbenden muß man erfüllen. Das wurzelt tief im Volk, im Menschen überhaupt. Es ist wohl die unbewußte Hochachtung vor der Majestät des Todes. Der Mensch, der vor solch einem Gegner steht, ist ernst zu nehmen und nimmt sich selber ernst.
Ja, er mußte hin.
Da kamen die Buben an, und bekamen, mitten in der Woche, frische Hemden, und wurden mit den Sonntagsanzügen bekleidet. Und Jungfer Liese ging geschäftig hin und her und steckte ihnen noch ein Extrataschentuch ein. »Ihr werdet's brauchen,« sagte sie.
Dann gingen sie zur Bahn und wagten alle drei nicht umzusehen auf der Straße und gingen ungelenk dahin, wie Leute tun, die sich beobachtet fühlen. Denn unter den Türen der Werkstätten, und auf den Hausstaffeln, und unter den Fenstern erschienen die Nachbarn und stießen einander an und flüsterten vernehmlich: »Da gehen sie. Es ist eine Erlösung. Es ist eine Wohltat, daß die Frau stirbt. Aber hinreisen? Da können sie etwas Schönes erleben. Nicht für hundert Mark in so ein Haus.« Und die andern sagten: »Da können sie nicht anders. Es stirbt eins nur einmal.«
Durch das Getuschel hindurch gingen die drei, mit verlegenen Gesichtern, und waren froh, als sie in der Bahn saßen.
Sie sprachen unterwegs nicht viel miteinander. Hie und da fing einer der Buben etwas an. Aber der Vater gab nicht recht Antwort. Wie mochte sie aussehen, seine Frau? Was konnte sie mit ihm reden wollen? Er hatte sie einst gern gehabt; sie war ein feines, blühendes Mädchen und eine fleißige, rührige, mütterliche junge Frau gewesen. Aber als das Unglück geschah und dann die Krankheit kam, ja, er hatte ihr wohl so ein bißchen Vorwürfe gemacht damals; (»das hätte ein anderer auch getan,« dachte er), da hatte er nichts mehr mit ihr anzufangen gewußt. Seitdem war sie ihm wie gestorben. Und nun lebte sie noch einmal auf und wollte mit ihm reden.
Das ging rundum mit ihm. Da konnte er nicht auf die Fragen seiner Söhne hören.
Und als, kurz vor dem Eintritt durch das eiserne Tor, schon das Haus mit den Gitterfenstern vor Augen, Franz seinen Rockflügel ergriff und sagte: »Könnte ich nicht lieber draußen warten? Ich, ich möchte lieber nicht mit hinein,« da kam es ihm vor, als ob die Kinder doch wohl nicht recht auf den Besuch bei ihrer Mutter vorbereitet seien.
Und er wollte noch rasch seiner Pflicht Genüge tun, als Mann und Vater, und gab seinem Lieblingssohn, obgleich er ihm seinen Wunsch mehr als nur nachfühlen konnte, eine Ohrfeige, daß ihm der Hut aufs Pflaster fiel, und sagte: »Was? Draußen bleiben? Das könnte dir passen. Du gehst mit hinein, sag' ich und besuchst deine Mutter, wie sichs gehört. Bleib' ich vielleicht draußen?« Und er fühlte sich nach dieser Tat und Rede sicherer und erhobener als zuvor.
Da schritten sie miteinander durch das Tor und gingen über Treppen und lange Gänge, und hörten unterwegs allerlei Töne, die sie nicht verstanden und die ihnen Herzklopfen machten, weil sie nicht wußten, von welcherlei Wesen sie kamen. Und dann tat sich ihnen eine Tür auf; helles Licht kam durch das breite, geöffnete Fenster in den Raum, den sie betraten; und Georg Ehrensperger, der Jüngste, der von allen Dreien am meisten mit Herz und Sinnen dabei war, dachte mit Staunen, daß Meister Nössel, der Flickschneider auf dem Turm, nichts Rechtes gewußt habe.
Denn er hatte gesagt, daß die Mutter im Dunkeln sitze und warten müsse, bis ihr Gott das Licht wieder anzünde.
Und hier war helles Licht.
Oder? Oder war das bereits wieder angezündet?
Aber es war helles, gewöhnliches Tageslicht, solches, in dem alle Menschen wandeln. Es war gar nichts Absonderliches dabei.
Auch die Frau, die in den weißen Kissen ruhte und ihnen entgegensah, war weder so besonders schön noch so besonders schrecklich, wie das abendliche Phantasiegebild, das die Stelle einer Mutter bei ihm vertreten hatte, wechselsweise gewesen war.
Sie hatte ein weißes, sanftes Gesicht, und Augen, in denen das ganze Leben zusammengedrängt schien, suchende, bittende, hungrige Augen; man wußte nicht, ob sie lachen oder weinen, sich fürchten oder sich freuen wollten. Es war wohl das alles miteinander, und löste sich in raschem Wechsel in ihrer Seele ab. Sie hatte gescheiteltes Haar; links und rechts hing ihr eine Flechte davon über die Schulter und lag auf ihrer Brust, blond und silbern gemischt und verlor sich unter der Bettdecke.
Die Hände hatte sie schwer auf der Decke liegen; da hob sie mit Mühe eine davon zum Willkomm, und ließ sie wieder fallen. »Da seid ihr,« sagte sie. »Das seid ihr? ach!« Denn sie hatte kleine, zwei- und vierjährige Kinder verlassen. Die waren ihr wieder ans Herz getreten, als ihr Ich zu sich selber kam. Nun standen ein paar sonnverbrannte, halbwüchsige Buben an ihrem Bett, und traten näher, als ihnen ihr Vater einen kleinen Puff von hinten her gab, und machten verlegene Gesichter.
»Grüß Gott,« sagte der Kleinere und sah sie so von unten herauf an. Da fand er, daß hier nichts zu fürchten sei, und daß er schon lang mit dieser Frau zusammengelebt habe, irgendwie und wo. Und auch, daß sie sowohl mit Frau Judith, als mit der Rektorin Cabisius irgend eine Ähnlichkeit habe; er besann sich nicht, welche, er fühlte sie nur. Vor denen aber war er längst nicht mehr scheu. Da war er es auch vor ihr nicht mehr. »Ich glaube doch,« sagte er später, als er sich selbst besser verstand, »ich glaube doch, daß mir damals einen Tag lang meine Mutter gehört hat, wie eine Mutter ihrem Kind gehört, und ich auch ihr.«
Denn es währte an jenem Tag nicht lange, da saß Georg auf dem Bettrand und hatte seine rauhe Bubenhand in die feine, weiße, heiße Hand seiner Mutter geschoben. Und sie holte die eine und andere Frage aus sich heraus, Fragen, wie ein Kind sie tut, und sah ihn an, als trinke sie etwas Langentbehrtes, Frisches aus seinem Gesicht und aus seinen Reden.
Der Bäcker Ehrensperger war froh, daß er nicht viel zu sagen brauchte. Sie waren Beide etwas hilflos, als sie versuchen wollten, einander ein Wort zu sagen. Die Frau bekam einen Augenblick eine heiße Röte in die Wangen; er war ihr fremd geworden, er war wohl nie so recht ein Teil ihres Wesens gewesen. Da setzte er sich auf einen Stuhl, der am Fenster stand und sah mit Erleichterung, daß Georg die Sache in die Hand nahm. Er ertappte sich nach einer Weile darauf, daß er die Daumen umeinander drehte. Das war ihm so zur Gewohnheit geworden; so oft er in Ruhe dasaß, tat er so. Da hörte er erschreckt auf; es war wohl nicht passend heute. Aber nach ein paar Minuten fing er wieder an. Die Uhr auf dem Türmchen, das zwischen den Bäumen herausblickte, zeigte auf ein Uhr. Da stand er auf und sagte, er wolle mit den Kindern gehen, etwas zu essen. Franz griff nach seinem Hut, er war mehr als Georg Fleisch von seines Vaters Fleisch; er wußte hier auch nicht recht etwas anzufangen. Georg rührte sich nicht. »Laß mich da,« sagte er. Da leuchtete aus den Augen der blassen Frau ein Strahl, als ob ein helles Licht sich darin spiegele, und sie drückte in ihrer Schwachheit leise die Kinderhand, als ob sie sie festhalten wolle für immer. Ihre Gedanken gingen wohl nicht weit hinaus. Jetzt war immer.
Da ließen sie ihn sitzen und gingen.
Sie kamen lang nicht wieder.
Als sie wiederkamen, hatte Georg eine kleine Mundharmonika an den Lippen, die er meist in der Tasche bei sich trug. Er blies darauf, weich und sachte, als ob er fühle, daß hier herein keine lauten Töne paßten. Es war keine eigentliche Melodie, es war nur so ein Tonreigen, nicht tonreicher, als das Geplätscher eines Bächleins ist. Aber sie waren froh dabei, beide.
»Willst du wohl?« sagte der Vater, »das fehlte noch, Musik machen.«
Da lächelte die Kranke. »Nein, laß ihn,« sagte sie, freier als zuvor, »er hat mir gesagt, daß er etwas werden will, bei dem man Musik machen kann. Laß ihn.«
Dann sah sie aus, als ob sie einschlafen wollte.
Georg hielt ihre Hand und fühlte, wie die Pulse in den Fingerspitzen pochten, als ob das Leben überall da innen gegen die Wände stieße und heraus wolle. Und einmal klopfte es hart und stark unter der leichten Decke der Mutter, »klopf, klopf, klopf.«
»Mutter, was klopft so bei dir?« fragte er.
Er sagte heute in jedem Satz »Mutter.«
»Das ist mein Herz,« sagte sie müde.
»Laß einmal hören.« Da legte er seinen runden Bubenkopf auf die Decke. Sie lächelte.
Sie lächelte auch noch, als die Wärterin wieder hereinkam und zu dem Mann sagte: »Sehen Sie doch,« und den Buben von ihrer Brust wegnahm und auf den Boden stellte.
»Bst,« sagte er, »es klopft nicht mehr. Ich habe den Kopf draufgelegt, jetzt hat es aufgehört.«
Aber er wußte nicht, was das war.
»Nein,« sagte die Wärterin, »es klopft nicht mehr.«
Da hatte nun der Mann mit der Axt, der Tod, den letzten Hieb getan. Da hatte der Bewohner nicht mehr seines Bleibens in dem Haus. Es tat ihm auch nicht mehr not.
Er hatte heute ein freundliches Licht und eine kleine, keimende Liebe gesehen, und die Augen waren ihm davon groß und froh geworden.
Nun waren sie ja wohl stark genug, in eine Flut von Licht und in eine große, überwallende Liebe zu schauen, die in dem neuen Haus auf ihn warten mochten.
Aber unsere Sprache hat kein Wort, #davon# zu reden.
* * * * *
Die Stadtzinkenisten hatten den Trauerchoral vom Wiblinger Kirchenturm geblasen und waren eben die Treppe hinuntergepoltert, um nun auch auf dem Weg zum Kirchhof zu blasen. Es war nächstens Zeit, ans Läuten zu gehen.
Die beiden Freunde, der Korbmacher Hollermann und der Turmwächter Nössel, hatten still zugehört und in wandernden Gedanken der Lebenden und der Toten gedacht und daß sie wohl alle in guten Händen seien und alle einmal mütterlich nach Hause geleitet werden.
Sie hatten es nicht beredet; sie wußten einer des andern Gedanken auch ohne das.
Da griff der Turmwächter auf den Sims über dem einen Fenster und holte da ein Buch herunter und las, da schon auf der Straße unten der schwarze Wagen über das Pflaster rasselte, eine Stelle, die angestrichen war und bei der ein getrocknetes Kräutlein lag:
»Denn die Welt ist vor dir wie ein Stäublein an der Wage und wie ein Tropfen des Morgentaus, der auf die Erde fällt.
Aber du erbarmst dich über alles; denn du hast Gewalt über alles.
Denn du liebest alles, was da ist, und hassest nichts, das du gemacht hast; denn du hast ja nichts bereitet, dazu du Haß hättest.
Wie könnte etwas bleiben, wenn du nicht wolltest? oder wie könnte erhalten werden, das du nicht gerufen hättest?
Du schonest aber aller; denn sie sind dein, Herr, du Liebhaber des Lebens, und dein unvergänglicher Geist ist in allen!«
Als er das gelesen hatte, nickte er zufrieden mit dem Kopf und legte das Buch wieder an seinen Ort.
»Da brauchen wir uns ja nicht weiter den Kopf zu zerbrechen,« sagte er. »Da versammeln sie sich nun allmählich, da unten um die weiße Kapelle her, und liegen ganz still, ein jedes an seinem Ort. Und haben viel Qual und Unruhe hinter sich, und Sorgen, und haben viel Umwege gemacht, da man nicht wissen könnte, ob sich auch nur eins von ihnen nach Hause findet, wenn das nicht wäre, davon hier geredet ist: »Denn sie sind dein, du Liebhaber des Lebens, und dein unvergänglicher Geist ist in allen.«
»Ja,« sagte Hollermann und setzte die Schildkappe auf, um zu gehen, »es wird uns ja wohl zu gut gehalten werden, daß wir davon reden als einfältige Leute, die wohl wissen, daß unser Herrgott ein ganzes Stück klüger ist als wir.
Nämlich, daß wir das nicht in unser Herz hineinbringen, das mit dem großen Unterschied drüben, der nicht auszusagen sei und nicht aufhöre; und das mit dem Gedanken, daß Gott es mit etlichen seiner Kinder in alle Ewigkeit nicht mehr zurecht bringe und ohne sie leben müsse in seiner himmlischen Herrlichkeit und Pracht. Da man ihm doch zutrauen möchte, daß er sie alle herausholen möchte aus Sumpf und Feuer und dem Tod und sie endlich einmal bei sich zu Haus sein lasse, wenn's genug ist mit der Plage.«
Der Flickschneider hatte die Brille eingeschoben und ging mit seinem alten Kameraden das Treppchen hinab zum Läuten. »Wir haben wohl nicht so den Verstand,« sagte er. »Das liegt uns nur so im Gemüt. Etliche sagen, die Bosheit sei allzugroß, und etliche wieder anders; es sei, als ob drüben die Geister ineinander flössen, wie die Bäche in die Flüsse, und die Flüsse ins Meer, da man die Wasser nicht mehr unterscheidet und alles ein großes Wallen ist. Aber das ist uns nicht bekannt und das wird auch so recht sein, damit wir unseres Weges gehen wie die Kinder, und nicht gar so klug sein wollen.«
Da ließen sie die große Frage, die sie nicht um der Frau willen allein aufgeworfen hatten, der das Läuten galt, sondern die je und je ihre Herzen bewegte in Hoffnung und demütigem Vertrauen.
Unten bliesen die Stadtmusikanten einen Trauermarsch aus aller Kraft ihrer Lungen, und gingen die Ehrenspergersbuben hinter dem Sarg her mit neuen Kleidern und Blumensträußen, und schritt der Bäckermeister zwischen zwei Anverwandten einher, ernsthaften Gesichtes und in einem Rock, der breit und weit genug war, als ein stattlicher Witwer, und ging Jungfer Liese in der Zahl der Frauen als leidtragende Verwandte des Hauses, das Taschentuch zwischen den Händen. Es war alles, wie es sein mußte, denn das Besondere, das um die Frau her war, das hatte der Tod ausgelöscht.
Gertrud stand in der Reihe mit den singenden Schulkindern; und als sie ihren Kameraden sah, der mit einem merkwürdig erloschenen Gesicht nach dem sinkenden Sarg blickte, da war es ihr doch, als müsse sie neben ihm stehen, als gehe das gar nicht anders an. Und sie verstieß gegen alles Herkommen, wie das rasch und lebhaft empfindende Menschen zuweilen tun, und schob sich leise, einen Schritt um den andern, zwischen den Männern des Gefolges und etlichen Cypressen und Grabkreuzen durch, bis sie dicht hinter Georg stand und ihn sachte am Ärmel zupfte. Jungfer Liese warf einen vernichtenden Blick nach ihr und vergaß einen Augenblick, zu schluchzen.
Aber das schadete nichts. Darum hatten die zwei Kinder doch zu dieser Stunde einen Teil aneinander, und konnten das dunkle Kapitel des Lebens, das sie nicht recht verstanden und das hier seinen Schlußpunkt erhielt, schließen lassen, um sich nach Kinderart ihrem eigenen Weg zuzuwenden. Sie nahmen etwas von dem Vergangenen mit da hinein und holten es hie und da gesprächsweise heraus, wenn sie im Dämmer beisammen waren. Aber das Düstere daran, das ging nicht mit. Das zerfloß im Nebel, nur das Lichte, Freundliche blieb. Es war den Kindern doch später, als hätten sie einmal Mütter besessen. Das machte, daß sie das Wenige, das sie von diesem Schatz besaßen, miteinander zu teilen wußten, da wuchs es daran.
Achtes Kapitel
»Mutter,« sagte Lore, das Kind der Putzmacherin Maute, »du mußt schnell was anziehen. Da kommt die Frau Rektor Cabisius aufs Haus zu. Sie macht so kurze, rasche Schritte, wie ein Mädchen geht sie und ist doch schon eine alte Frau. Das heißt, wenigstens hat sie ganz graues Haar. Und überall hält sie den Rocksaum hoch; sieh' mal, Mutter, da ist doch tiefer Schmutz auf der Gasse, und sie hat nie ein Tüpfelchen Schmutz an sich.« Lore saß am Fenster und sah in den kleinen Straßenspiegel, der da angebracht war und durch den man alles beobachten konnte, was draußen vorging, ohne selbst gesehen zu werden.
Ihre Mutter saß ihr gegenüber. Sie hatte die Haare auf Papilloten gewickelt und war mit einer Nachtjacke bekleidet, die, der fehlenden Knöpfe wegen, am Hals mit einer blitzenden Hutagraffe zugesteckt war. Sie hatte eben noch an einem bestellten Samthut gestichelt; nun stand sie auf und ging ins Nebenzimmer. »Sag', wenn sie kommt, ich käme sogleich,« sagte sie im Hineingehen. »Und, Lore, räum' noch rasch ein bißchen auf.« Denn es fiel ihr nun plötzlich auf, daß das Waschgeschirr noch auf dem Tisch stand und Kämme und gebrauchte Kaffeetassen sich mit Seidenbändern und Hutformen auf der Kommode breit machten. Da nahm das Mädchen einen Anlauf und trug einiges ins Nebenzimmer. Dort stellte sie es auf den Boden. Und anderes streifte sie mit rascher Hand in eine geöffnete Schublade; und fuhr mit einem Pfauenwedel über die Kommodenplatte und legte rasch eine Decke auf den Tisch. Es sah nicht mehr so übel aus im Zimmer, wenn man nicht gerade kritisch hinsah.
Da klopfte es, und als die Frau Rektorin eintrat, kam ihr Lore entgegen, frisch und zierlich, wie ein Bachstelzchen und bat, Platz zu nehmen, nur einen Augenblick zu warten, da die Mutter sogleich kommen werde. Sie habe nur etwas Notwendiges zu schaffen, das gleich erledigt sei. Darauf setzte sie sich wieder an ihren Fensterplatz und hob sittig an, zu häkeln. Irgend etwas Zartes, Zierliches, es gab einen Halskragen, das konnte man schon erkennen.
Die Uhr tickte, es war still im Zimmer. Draußen rieselte der Regen herunter und klopfte hie und da ein wenig an die Fensterscheiben. Von der nahen Kirche her hörte man vereinzelte Orgeltöne; irgend ein musikbeflissener Unterlehrer übte sich da.
Die Frau Rektorin saß und sah nachdenklich aus.
Sie sah dem Spiel der feinen Hände des Kindes da auf dem Fenstertritt zu. Es war eine wahre Freude, zuzusehen.
Warum machte sich nur Gertrud nichts aus selbstgehäkelten Halskragen? Warum war sie so ganz anders als alle Mädchen, die die Frau Rektorin kannte?
Sie saß in ihres Großvaters Studierstube und lernte Latein von ihm. Ja, Latein. Und ihre Großmutter richtete jetzt und immer die Frage an das Weltall, was ein Mädchen mit Latein zu tun habe? Aber hier war niemand, der ihr Antwort gab.
Sie, nämlich Gertrud, war groß und stark für ihr Alter und hatte ein kluges, etwas breites, offenes Gesicht, und ihre Bewegungen erinnerten etwas an die einer jungen Dogge.
Sie war die Freude der beiden Alten. Ja, unstreitig auch die ganze Freude ihrer Großmutter. Aber das verhinderte nicht, daß die Frau Rektorin in einer eifersüchtigen Regung »ihres Nächsten Schönheit« begehrte; nicht für sich, für das Kind, und daß sie innerlich bereit war, etwas von »der unnötigen Gelehrsamkeit, mit der sie mein Mann füttert«, dafür dranzugeben.
Sie hatte jetzt nicht lang Zeit, sich den Tausch auszudenken, denn nun kam die Putzmacherin herein und fing sogleich eine wortreiche Entschuldigung an, daß sie habe warten lassen. »Es ist immer so vieles im Haushalt, wenn man alles ordentlich haben will,« sagte sie, und vielleicht glaubte sie es in diesem Augenblick selbst, daß sie alles ordentlich haben wolle, obgleich sie soeben aus ihrer Schlafstube kam, in der das Chaos herrschte.
Und dann fing sie an, mit Hutformen, Samt und Spitzen zu hantieren und Lore verließ ihren Fensterplatz und ihre Handarbeit, um bald die Stecknadeln, bald eine Schere, bald das Metermaß zu suchen. Denn die Frau Rektorin sollte mit einer neuen Winterkopfbedeckung versehen werden. Das war aber so, daß die neue der alten immer noch ein wenig ähnlich sein mußte, und es gehörte eine gewisse Kunst dazu, einen neuen, haubenähnlichen Hut, (oder eine hutähnliche Haube, was in der Wirkung auf eins herauskommt,) zu schaffen, der weder modern noch altmodisch, weder ärmlich, noch großartig war. »Sondern der,« sagte die Frau Rektorin, »auf meinen eigenen Kopf paßt und nicht auf den von hundert anderen Menschen.«
Ja, das war immer eine Art von Kunstwerk, so einfach es aussah und Frau Maute war die Erste und Einzige, die die schwierige Frage mit einer Art von Genialität zu lösen wußte. Es gibt allerlei Bande, die sich um die Menschen schlingen, und das Geschick der Frau Maute, einen ästhetisch befriedigenden Hut für die Frau Rektorin herzustellen, war so eine Art von Band, das die beiden Frauen nach einer gewissen Richtung hin umschloß.
Aber es war ein Band, das im Begriff war, sich zu lösen.
»Das wird nun der letzte Hut sein, den ich der Madam Cabisius mache,« begann die Putzmacherin das Gespräch. (Sie war nicht davon abzubringen, ihre honorigeren Kundenfrauen mit Madam' zu titulieren und die Rektorin Cabisius ließ sich das nun allmählich gefallen, weil Widerspruch nichts nützte und der Klügste nachgibt.)
»Was, den letzten?« fragte sie. »Das muß merkwürdig zugehen. Entweder sterb' #ich# bald, oder sterben #Sie# bald, oder, was ists? am Ende ist Maute wieder aufgetaucht und Sie gehen mit ihm und dem Kind nach Amerika, wohin er damals verschwunden sein soll?«
»Ach, Madam Cabisius scherzen. Madam Cabisius wissen wohl, daß Maute für mich abgetan ist. Und wenn er auch mit Gold überzogen käme, und kniete hier vor mir nieder, da, wo Madam Cabisius sitzen, ich ließ' ihn knieen. Ich nähme das Kind an der Hand und sagte: »Maute, du weißt, daß du mich verlassen hast. Keine Widerrede, das hast du. Ich habe das Kind und mich ernährt und werde es ferner ernähren und brauche dein Gold nicht.« Und dann würde ich ihm die Tür aufmachen. 'Bitte, hier ist die Tür,' würde ich sagen.«
Und damit machte sie ein paar Schritte nach der Tür hin, um sie für den Abzug des imaginären Maute zu öffnen, besann sich aber und kehrte wieder um. Lore stand mit aufgestützten Armen am Tisch und sah und hörte dem Schauspiel zu, das sie offenbar nicht zum ersten mal genoß.
Die Rektorin zupfte Frau Maute am Ärmel. »Das Kind,« sagte sie mahnend.
»Ja, das Kind, das ist noch mein Trost. Ich sag's alle Tage: Lore, du bist mein Trost, denn ich bin eine verlassene, unglückliche Frau.
Ich bin viel zu ideal, das ist mein Hauptfehler.«
»Ja, aber warum wollen Sie mir keinen Hut mehr machen? Das möcht' ich wissen.«
Denn die Rektorin war über diesen Punkt noch ebensowenig aufgeklärt, als wir es sind.
»Alles wegen des Kindes, Madam Cabisius. Denn das Kind ist alles, was ich habe, und es soll glücklicher werden, als seine Mutter. Das sag' ich immer: Lore, du sollst glücklicher werden als ich.