Alle guten Geister...: Roman

Part 4

Chapter 44,070 wordsPublic domain

Da, als er eines Tages lange ausgewesen war, fand er, als er heim kam, die Wände seines Hauses eingeschlagen. Das hatte sein Feind getan. Der hatte ihm einen rechten Schabernack antun wollen. Nun konnte das Licht herein. Es strömte durch das ganze Haus und drang in alle Ecken. Ganz voll von Licht war das Haus. Aber nun war es auch zerstört. »Das schadet nichts,« sagte der einfältige Mensch vergnügt, »wollen schon ein neues kriegen.« Von dem neuen Haus ist nichts gesagt. Da wird er ja wohl das Licht hereingelassen haben.

* * * * *

Es war ein großes, weißes Haus mit unzähligen Fenstern. Es stand abseits von dem Lärm der Gassen. Ein großer, schattiger Garten war rings darum her; die alten, hohen Bäume reichten mit ihren obersten Zweigen bis an das Dach. Aber es ging ein hoher, eiserner Zaun um den Garten; an der Eingangspforte war ein Wächter und er ließ nur hinein und heraus, wen er des Ein- und Ausgangs für berechtigt hielt. Die Fenster waren vergittert. Es waren Gefangene des Geistes, die in dem hohen Hause wohnten, Leute, die in irgend einer Art im Dunkel tappten. Sie konnten sich oder andere stoßen, wenn man sie draußen in der Weite gehen ließ. Darum hielt man sie hier verwahrt. Es war wohl der eine und der andere darunter, der nur für eine Zeitlang hier Zuflucht suchen mußte, der, so hoffte man, bald wieder hinaus konnte in das freie Licht. Aber es waren ihrer mehr, hinter denen sich das eiserne Gittertor für immer geschlossen hatte. Was man so menschlich »immer« heißt, die Spanne Zeit, von der ein alter Dichter sagte, daß sie »dahinfahre wie ein Rauch«. Es ist nicht so weit her mit dem »immer« eines Menschenlebens. Aber es kann doch lang währen, für den, der wartet, bis eine Zeit um die andere verstreicht, in Not der Gegenwart und Angst vor dem Künftigen.

Es war wohl viel Angst und Not in den Gemächern des Hauses. Wache, helle Pein, die sich ihrer bewußt war, und die zu Zeiten ihr Elend in lauten, starken Tönen hinausschrie, als ob es die Tür des Himmels aufstoßen müßte; dumpfe, unklare Angst, unter der sich der Geist wand, der aufwachen wollte und nicht konnte. Lächelndes, blödes Elend, das seiner selbst vergessen hatte und mit der Not spielte, wie das Kind, das in der Wolfsgrube saß unter jungen Wölfen und sie mit dem Löffel aufs Maul schlug im Spiel: »Geh weg, oder ich geb' dir eins.«

Man kann nicht sagen, daß eins oder das andere das größte Elend von allen sei. Man darf wohl die Augen aufheben und sagen: »Sondern erlöse uns von dem Übel.« Es ist gut, es ist wohl gewiß gut, daß das »für immer« eines Menschenlebens nicht gar so lang währt, wenn man das betrachtet.

Da war eine Frau, eine von denen, die keine Aussicht hatten, wieder mit hellen Augen durch die Welt zu gehen. Sie war noch jung; es sollte noch ein langes Leben vor ihr liegen, wer konnte das wissen? Als sie hereingebracht worden war, hatte sie immer in die dunkelsten Ecken gesehen, ratlose Angst im Gesicht, und hatte geweint und gewimmert. »Nein, es ist nicht tot. Laßt es mich noch einmal versuchen, nur noch einmal. Ich kann nichts dafür. Nein, ich kann nichts dafür. Kann auch ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?« Ihre Reden und ihre Gedanken gingen durcheinander. Die Krankheit hatte sich in das Gewand der Schuld verkleidet. Die saß nun neben ihr und sah sie starr an und sagte: »Das war wohl so: du warst in der Backstube, als das kleine Kind so allein in dem großen Bett lag. Das war dir wohl wichtiger, daß das Geschäft blühe? Du hattest es wohl so eilig mit dem Reichwerden? Da schrie das Kind, und kam ins Ausgleiten, das arme kleine Ding. Und kam unter das große Deckbett. Da erstickte es. Das war zu spät, daß du es aufhobst und all' die Mühe daran wandest, ob es nicht wieder erwache. Du hättest bei ihm bleiben sollen. Was? Das litt der Mann nicht? Das Gepimpel mit dem Kleinen, sagte er? Ist er die Mutter oder du?

Es war auch noch nicht getauft, nicht wahr? Es war doch schon acht Wochen alt? Ihr hattet keine Zeit, weil Ostern so nahe war und Konfirmation und sonst noch allerlei Festliches; da blühte das Geschäft. Das ging ja vor, natürlich, man konnte es später taufen. Dazu ist es nun viel zu spät. Man kann nicht wissen, kein Mensch weiß, was aus dem kleinen Seelchen geworden ist. Und du bist schuldig. Doch, das bist du.«

So redete die Krankheit, die in dem Gewand der Schuld mit der jungen Frau hier hereingekommen war. Da schloß sie die Augen, um sie nicht zu sehen. Aber das nützte nichts. Sie drang auch durch die Lider. Sie war überall und immer wach. Es war ein dunkles, dunkles Haus, in dem die Frau saß. Da schickte sie ihre irren hilflosen Gedanken aus, um etwas Licht hereinzubringen. Aber sie verstanden es nicht. Einer kam und sagte: »Irgendwo ist Gott, du mußt beten.« Der wußte, daß ein Licht sei. Aber er konnte es nicht hereintragen. Da fing die Frau an: »Wenn wir in großer Angst und Pein, und wissen nicht wo aus und ein, und finden weder Hilf noch Rat«; da gingen alle ihre Gedanken rundum und wußten immer nur bis zu dieser Stelle zu sagen. Das währte eine lange Zeit. Da fand sie eines Morgens die Wärterin, wie sie ein kleines Bündel aus Tüchern sorgfältig zusammenwickelte und es an die Brust drückte. »Schlaf, Kindlein, schlaf,« sang sie leise. Das tat sie nun immer. Sie ließ das Bündel nicht mehr aus den Armen, niemand durfte es berühren. Seitdem weinte sie nicht mehr. Sie sang und lächelte, und trug das Bündel umher. Wenn sie nicht hie und da mit großen, suchenden Augen, wie in sich selbst hineinschauend gestanden wäre, so hätte man nun denken können, sie habe es aufgegeben, nach Licht auszugehen. Aber auch das kam nur noch selten vor.

Da, nach Jahren, kam einer mit einer blanken Axt, der hatte den Auftrag, ihr die Wände ihres dunklen Hauses einzuschlagen. Er zerstörte es nicht ganz und gar auf einen Hieb. Er stieß ein Loch hinein, da flog viel Staub und Lehm und Mörtel davon, und etwas Helle kam zu dem Bewohner herein. Dann wartete er ein paar Tage. Er war kein Feind, er handelte, wie schon gesagt, im Auftrag, und nun sollte er seinen letzten, stärksten Hieb noch sparen. Vielleicht wäre das Licht sonst gar zu blendend gewesen, wer kann das wissen? Also wartete der Tod noch. Es kam eine Krankheit an die junge Frau, eine von denen, die man eine Erlösung nennt, weil sie rasch und sicher die Körperkraft aufzehren, und ein sanftes Ende der Pein bringen. Sie hatte ein paar Tage im Fieber gelegen und fast nichts geredet. Nun schlug sie die Augen auf; es war mitten in der Nacht. Oder, es ging schon etwas gegen den Morgen hin. Das Fenster stand offen. Draußen in den Bäumen wehte ein sachter Wind, sie rauschten leise. Die Welt lag in tiefem Schlaf, es war ganz still ringsum. Die Kranke hob den Kopf ein wenig und wandte die Augen nach dem Fenster. Da stand der Morgenstern hoch am Himmel über den Baumkronen. Die waren in tiefem Schatten, oben aber leuchtete in der fast durchsichtigen Glocke des Sommernachthimmels der Stern in wunderbarem Glanz. Den hatte sie lang nicht gesehen. Sie hatte in den trüben Nächten ihrer Krankheitsjahre keine Augen für die Schönheiten der Welt gehabt; sie hatte immer ins Dunkel gesehen.

Sie strich sich über die Stirn. Da war so etwas Freies. War da nicht ein Band gewesen? Wo mochte das hingekommen sein? Wer war sie, und wo?

Da sah sie das Gitter am Fenster; hinten in der Stube brannte ein kleines Nachtlicht, nur eines Funkens groß. Aus dem anstoßenden Gemach, dessen Tür offen stand, verkündeten kräftige Atemzüge, daß dort jemand schlief, das war die Wärterin. Auf dem Stuhl am Bett lag ein Paket, aus Tüchern zusammengebunden, mit einem Band umwickelt. Da kamen ihr die Gedanken wieder, schreckhaft und schwer. Aber doch anders, als seit langem. Sie griff nicht nach dem Bündel. Die Furcht, die ihr ans Herz kroch, war die Furcht vor etwas Gewesenem. Ob es vorbei war? Ob das abziehende Schatten waren, die wie wogende Nebel durch ihren Kopf zogen? Abziehende und nicht kreisende, die nur einen Augenblick frei ließen, um dann wieder desto fester einzuziehen? Wie war das nur? Sie war so müde, sie konnte kaum eine Hand rühren. Aber als sie so hinaussah in die stille Sommernacht, und das milde Licht des Sterns auf ihr Lager fiel, da versuchte ihr Geist, sich zu regen. Man weiß nicht, was sie erlebte, bis der Morgen kam. Der Arzt sagte, als er die Veränderung sah, das sei von dem Fieber. Aber, sagte er draußen, das helfe nun nichts, denn die Lebenskraft sei am Erlöschen. Das sei hie und da, daß solch ein heller Schein komme vor dem Ende. Denn sie lag mit einem stillen, sanften Gesicht da, und in den Augen war geistiges Leben, kein irres Flackerlicht mehr. Und sie hatte vorhin gefragt, wie das denn sei, sie habe doch zwei kleine Buben, und, nach einigem Zögern, und einen Mann? Die lebten ja doch noch? Und klagte, mit einem Lächeln, das wie um Entschuldigung bittend war, daß sie sich auf nichts recht besinnen könne, ihr Kopf sei so müde. Da ging der Tag so hin, und gegen den Abend sagte sie, schüchtern wie ein Kind, das zaghaft eine Bitte tut, von der es denkt, daß sie ungeheuer sei, -- ob das denn möglich wäre, daß die Ihrigen herkämen? Oder ob das gar zu weit sei? Denn sie wußte nicht recht, ob sie in der gleichen Welt lebe mit denen, nach denen ihr aufwachendes Ich mit seinen ersten Regungen verlangte.

Ja, sagte man ihr, das könne freilich wohl sein. Gut könne das sein, sie solle ruhig einschlafen und morgen werden sie wohl da sein, denn es gehe heut in der Nacht noch ein Brief ab.

Siebentes Kapitel

Den folgenden Tag haben die Ehrenspergerskinder mit allen Einzelheiten im Gedächtnis behalten. Es war der Feiertag Petri und Pauli, und sie zogen so recht in der Morgenfrische aus, um den Kirschbäumen in der Wingerthalde einen Besuch zu machen. Jungfer Liese sah ihnen mit Behagen nach. Sie hatte beiden Brüdern tags zuvor das Haar glatt abgeschoren und sie heute, den Kirschbäumen zulieb, in verwaschene Drilchkleider, mit neueingesetzten Ellbogen und Hosenböden gesteckt. Es rührte sie in ihrem eigenen Busen, daß sie dem Herrn Vetter, der ja ihr Nächster unzweifelhaft war, so getreulich »sein Gut und Nahrung helfe fordern und behüten«. »Denn,« sprach sie zu sich selbst, »wo viel ist, will mehr hinkommen,« und meinte damit die Ehrenspergershabe, deren Vermehrung sie mit erbautem Gemüt zusah. Sie glaubte nicht befürchten zu müssen, daß ihr dieser erfreuliche Lebenszweck abhanden komme, auch nicht im Fall, daß, wie sie sagte, »unser Herrgott nun richtig ein Einsehen habe, wie das ja an der Zeit sei mit der Frau.« Denn der Herr Vetter war allmählich ein bißchen bequem, und ein bißchen sehr korpulent geworden, und er ließ sich die brave Fürsorge der Jungfer Liese sowohl für sich selbst als für sein Haus immer behaglicher gefallen. Es muß bezeugt werden, daß sie nicht daran dachte, die Nachfolgerin der ersten Frau zu werden. So hoch verstiegen sich ihre Gedanken nicht. Das wäre ja außer aller Standesordnung gewesen und solche Durchbrechung der bürgerlichen Schranken begehrte sie nicht für sich. Auch war ihr jüngst der letzte breite Schaufelzahn, der noch ihren Oberkiefer geschmückt hatte, entfallen. Das gemahnte ans Altwerden, wie das fallende Laub an den Winterschlaf der Natur. Es sollte ihr lieb sein, wenn alles seinen Gang weiterging, und daß das geschehe, hoffte sie mit Zuversicht.

So waren die Gedanken, die sie den Söhnen des Hauses nachsandte, freundlicher und gedeihlicher Art und kamen auch nicht ans Stocken, als an der Ecke noch Gertrud und Lore sich zu den Beiden gesellten. Warum sollten sie sich nicht Gesellschaft mitnehmen? Die Kirschbäume standen zum Brechen voll, es kam auf ein paar Spatzen mehr oder weniger nicht an. Als die leuchtenden blaugrauen Flicken, das Werk ihrer Hände, verschwunden waren, kehrte sie ins Haus zurück.

Es führte ein steiler Weg zwischen Weinbergen zu der sonnigen Höhe empor, auf der das Baumgut lag. Georg wußte später noch genau, als ob ihm das lebendige Bild vor der Seele stünde, wie ihnen beim Aufsteigen die hellroten Herzkirschen aus dem grünen Laub entgegenleuchteten, gleich einem freudigen, ersprießlichen Lebenszweck, der dem Wanderer zuruft: »Hoch, immer höher, Mühe ist nichts, Schweiß ist nichts, denn hier bin ich, hier oben. Nun komm.«

Das und anderes gehörte für ihn zu dem Inhalt des Tages, der ihm in seinem Verlauf noch einmal und dann nicht wieder seine Mutter zeigte und der ihm darum kostbar vor andern Tagen war. Er konnte es die wenigen Male, die er in seinem Leben davon redete, nur schwer unterdrücken, alle Einzelheiten dazu zu erzählen.

Er mußte von diesem Tag zehren, so oft sein Herz zu seiner Mutter wollte. Da konnte er nichts entbehren, was damit zusammenhing.

Zwei Handwerksburschen ließen sich aus dem Geäst des Schwarzkirschenbaumes fallen, der weiter hinten, dem Waldrand zu, stand, als sie die Kinder kommen sahen. Vielleicht vermuteten sie ein Gefolge von Erwachsenen hinter ihnen. Da verlor einer von ihnen beim Herabgleiten seinen einen durchlöcherten Stiefel, der ihm schlapp genug um den Fuß gehangen haben mochte. Den warfen sie ihm in hellem Mutwillen nach. Dann ging es über die Kirschbäume her. Lore blieb unten stehen und zog, auf den Zehenspitzen stehend, einen niedrig hängenden Zweig um den andern zu sich heran, um ihn abzuernten. Dann setzte sie sich in den Schatten und wartete, bis ihr die andern hie und da eine Handvoll Kirschen ins Gras warfen. Es lag von Anfang an nicht in ihrer Art, auf Bäume zu steigen. Gertrud saß oben in dem großen Herzkirschenbaum, Georg gegenüber. Hoch über ihnen beiden kletterte Franz in den äußersten Zweigen, wo die süßen Früchte in der Sonne kochten. »Du,« sagte Georg unter's Essen hinein, »muß dir was sagen. Meine Mutter ist krank, anders, weißt du, als vorher. Sie liegt im Bett und hat immer die Augen zu. Jungfer Liese hat's zur Frau Metzger Konz gesagt. Vielleicht stirbt sie; wahrscheinlich stirbt sie, hat sie gesagt.« »Wie die meinige.« Gertrud nickte sachverständig. »Guck' einmal, da sind lauter Zwillingskirschen, die kann man sich an die Ohren hängen. Streck' mir deinen Kopf herüber, so, noch ein bißchen näher, jetzt hast du Ohrringe. Wart' einmal, ich hänge mir auch an.« Da fing sie an zu lachen. »Weißt du, wer wir jetzt sind? Der Kaufmann Henne und seine Frau. Guten Morgen, Mann. Du, weißt du, warum die immer so große goldene Ohrringe tragen, er und seine Frau und seine Söhne, und glaub' ich noch die Magd? Soll ich dir's sagen? Ich weiß es von Frau Judith; aber man weiß nicht, ob es auch so ist. Also: da war einmal einer von ihnen, glaub' ich, sein Großvater, der war so krank, daß ihm kein Doktor mehr helfen konnte; er mußte bald sterben und das wollte er noch nicht. Da ging er in den Wald und setzte sich unter einen Baum und seufzte ganz laut und sagte so vor sich hin: »Wenn es doch nur etwas gäbe, das mir die Krankheit aus dem Leibe zieht. Da stehen die Kräuter um mich herum und sind stark und frisch. Wer weiß, was sie für Kräfte haben? Warum muß ein Mensch krank sein? Das ist etwas Fremdes, Böses. Das ist wider die Natur.«

Da regte sich etwas neben ihm, und was er für eine große Baumwurzel gehalten hatte, war ein altes Männchen. Das stand auf und stellte sich vor ihn hin und sagte: »Da hast du recht. Krank sein muß einer nicht. Aber die Kräuter tun's nicht. Da hilft nur das lautere Gold, das ganz tief aus der Erde kommt.« Da griff es in seine Kitteltasche und holte ein paar große, goldene Ohrringe heraus. »Die mußt' du in den Ohrläppchen tragen,« sagte er. »Die ziehen dir die Krankheit aus dem Leibe. Das reine Gold verzehrt alle bösen Säfte.«

Der alte Kaufmann Henne besah sich die Ohrringe. Sie waren groß und schwer, kein Mensch trug solche. Was würden die Leute sagen zu dem sonderbaren Schmuck? Aber das war ja doch einerlei. Wenn man darum gesund wurde. Da stach er sich Löcher in die Ohren und hängte die Ringe hinein. Und, sagte Frau Judith, dann sei er ganz stramm und aufrecht nach der Stadt zurückgekehrt und habe noch lang gelebt.

Seither müssen alle Hennes solche Ringe tragen. Zuerst, wenn sie geboren werden, kleine, und dann immer größere. Wenn einer stirbt, begräbt man seine Ohrringe besonders in der Erde. Ein Jahr lang, dann sind sie wieder zu gebrauchen, dann hat die Erde alles angezogen. Da war eine Tochter von dem vorigen Henne, die wollte nicht anders sein als andere Leute und hängte sich die Ohrringe aus, wenn sie aus dem Haus ging. Die wurde krank und starb.«

»O du,« sagte Georg, »die wäre wohl ohnehin gestorben.« Er nahm sich den hängenden Schmuck von den Ohren und aß ihn auf. Er war ihm nicht mehr recht geheuer. »Das ist wohl nur so eine Geschichte.«

»Was für ein Unsinn,« sagte Franz, der auch zugehört hatte, »damit ist gar nichts anzufangen. So ist's: Als der alte Henne, der vorige, das Haus baute, da drang das Grundwasser vom Stadtbach her in den Keller. Da war alles feucht im Haus und sie kriegten alle miteinander entzündete Augen, nur der Knecht nicht, der hatte kleine, goldene Knöpfchen in den Ohren von seinem Taufpaten her.

Da sagte der alte Henne: »Ist wenig Gold gut, so ist mehr besser,« und ließ gleich für die ganze Familie Ringe machen, wie ein guter Schlüsselring in der Größe. Da wurden sie gesund, und jetzt ist das Haus lange trocken, aber jetzt sind sie's gewöhnt.« »Ja, und wenn sie einer ablegt, dann zieht ihm irgend was aufs Herz. Die Entzündung,« sagt Jungfer Liese, »und dann stirbt er.«

»Ach, das ist ja einerlei,« sagte Gertrud. »Das sind alles so Geschichten. Willst du gleich die Steine heraustun, Franz! Wenn man einen Kirschenstein schluckt, wächst einem ein Baum im Magen. Der zersprengt einen, dann muß man sterben. Das sagt Frau Judith.«

»Ach, immer mit eurer Frau Judith. Immer mit eurem Sterben.« Franz war ein bißchen erschrocken. Da tat er ärgerlich: »Wenn ihr sonst nichts wißt.«

»Die Mutter muß auch,« sagte Georg. Das ging ihm heute so neben allem her. Nicht als Schmerz gerade. Er war jetzt zehn Jahre alt und als sie von ihren Kindern ging, in das dunkle Haus ihrer Seele, da war er erst zweijährig gewesen. Die paar schattenhaften Züge, die noch von ihr in seinem Herzen lebten, waren immer blässer geworden. Da hatte er angefangen, sich ein neues Bild von ihr zu schaffen; abends, wenn er im Bett lag. Das bekam von ihm alle schönen freundlichen, starken und liebenswerten Züge zugeteilt, die er irgend an andern Menschen sah. Aber auch die Menschen seiner Umgebung arbeiteten an dem Bild, und fügten traurige, mitleidenswerte, grausige und sogar schuldige Züge hinzu. Da mit einem Wort und dort mit einem. Das gab eine Mischung von Wonne und Grausen in die Gedankenwelt des kleinen Buben hinein. Es war nur ein Traumbild, das ihm sterben wollte. Aber es war ihm nun doch, als ob er nie mehr abends unter der Decke seine stillen Fäden in Furcht und Liebe zu diesem Bild hin spinnen könne. Es gab doch auch eine Leere. Er wußte nichts, das an dessen Stelle treten könne. Er konnte mit niemand davon reden; am Tag dachte er auch nur selten daran; nur heute ging der Gedanke so mit ihm. Darum fing er immer wieder davon an.

»Das kann man noch nicht wissen,« sagte sein Bruder Franz. »Wir müssen noch Kirschen brechen zum Heimbringen. Gib einmal den Korb herauf, Lore.«

»Lore! Die schläft ja wohl?« Nein, das tat sie nicht. Sie hatte sich aus den trockenen, harten Kirschen eine breite, prächtige Halskette gemacht, immer einen Stiel neben den andern mit rotem Garn gebunden. Die hatte sie nun umgehängt, gerade als sie gerufen wurde. Das mußte zuerst in Ordnung sein.

»Da,« sagte sie dann. »Nein, ich schlafe gar nicht. Guckt einmal. Bin ich nicht schön?« Sie stellte sich auf die Fußspitzen und drehte sich einmal im Kreise.

Doch, das war sie. Das sahen auch die anderen. Wie die roten, schimmernden Früchte um den weißen Hals lagen, der, gleich den Armen, entblößt war; wie die losen, rotblonden Haare auf das hellblaue Kleidchen fielen. Nein, sie wußten nicht so recht, warum Lore schön sei; sie fühlten es mehr. Sie war solch ein kleines, feines, leichtes Ding. Es tat nichts, daß sie in der Schule selten etwas recht konnte, und auch nicht, daß sie bei den Spielen immer zimpferlich tat. Sie mochten sie doch gern dabei haben. »Wißt ihr was?« sagte Franz einmal, »zum Wegblasen ist sie. Wie Mehlstaub ist sie,« sagte er und wählte den Vergleich aus seinem künftigen Handwerk, »man muß nur blasen, dann fliegt sie.« »Nein,« sagte Georg, »wie ein Löwenzahnstengel; wenn man bläst, fliegen die Samen hinaus, und so fliegt ihr Haar, aber Lore selber? Die steht doch fest auf den Füßen.« Er war gründlicher, er konnte nicht recht solch ungenaue Vergleiche leiden.

Franz sah von seinem hohen Sitz aus wohlgefällig auf Lore herunter. »Du Krott,« sagte er. Das sollte eine Schmeichelei sein; so faßte sie es auch auf. Sie lachte vergnügt und hüpfte ein paar Schritte gegen den Abhang zu. Da sah man den steilen Weg hinunter und weit über das Tal hin. »O,« rief sie und drehte den Kopf zurück, »da kommt Lude. Der rennt, was er kann. Jetzt ist er an den Staffeln. So rennt kein Mensch sonst den Berg herauf. O, jetzt verliert er seinen Schlappschuh. Schon wieder! Jetzt nimmt er beide in die Hand und läuft in den Strümpfen.«

Lude war der Bäckerlehrling. Es war schon bemerkenswert, daß er es so eilig hatte, er gehörte im gewöhnlichen Leben nicht gerade zu den Hastenden. Er war klein und rund und sah meistens schläfrig aus. Er wollte sicher etwas anderes, als etwa Kirschen brechen.

Ein paar mal stand er still und schnappte nach Luft, dann trabte er vollends weiter den steilen letzten Stich herauf. Nun kam er heran. »Was ist, Lude?« Sie fragten alle miteinander. Da stieß er unter Pusten und Schnauben heraus: »Heimkommen sollet ihr. Aber schnell; was ihr laufen könnt. Ihr müsset verreisen. Es ist, es ist, da hin, wo, wo die Frau ist. Euer Vater hat schon seine schwarzen Hosen an; er geht auch mit.«

Da waren sie schon vom Baum herunter und rannten davon. Keines von ihnen sagte ein Wort. Was war da zu sagen? Da war etwas zu erleben. Der Vater hatte die schwarzen Hosen an. Und sie sollten dorthin reisen; das war etwas Wirkliches, das war nicht mehr nur Gerede und ausgemaltes Phantasiewerk. »So wart doch, Georg,« rief Gertrud, als sie den langen Sprüngen ihres Kameraden nicht mehr nachkam; »du rennst auch gar zu arg.« Da blieb er stehen und sah sich um, aber nur einen Augenblick. »Du gehst ja doch nicht mit,« sagte er, und dann rannte er weiter, bis ins Tal und bis nach Hause.

Da hatte auch Gertrud ihr Erlebnis des Tages, das sie nicht vergaß. Da war eine Sache, das nur ihn anging, sie nicht, und die sie nicht mit ihm teilen konnte.

Da hatte sie einen schweren Satz aus dem Katechismus des wirklichen Lebens zu lernen. Er handelte davon, daß kein Mensch dem andern überall hin folgen kann und daß man sich darin ergeben muß, zu Zeiten draußen zu stehen, während der andere, mit dem man gleichen Schritt halten möchte, drinnen im Haus ganz allein ein Stück weiter lebt, in Lust oder Leid, oder in Mühe, die beides in sich schließt.

Sie lernte heute nur die äußeren Umrisse davon. Es war schon dafür gesorgt, daß sie später wieder und wieder daran zu lernen hatte. Es war auch für heute ganz genug. Das geht nicht nur so wie eine Kopfarbeit. Sie stampfte mit dem Fuß auf aus einem machtlosen inneren Grimm heraus. Und dann fing sie an zu laufen, daß die Röcke flogen. Nach Haus, nach Haus. Sie wollte nicht so allein zurückbleiben. Lore? ja, die stieg behutsam hintendrein; und oben im Kirschbaum saß Lude, der sich für die vorige Eile durch einen behaglichen Schlendrian und einen Schmaus bezahlt machen wollte. Aber sie war dennoch allein.

Darum lief sie, was sie konnte, daß sie nach Hause kam.