Part 30
Ich darf ihr nicht zürnen, Gertrud. Sie konnte nicht anders. Franz, der ist ja mein Bruder, der hätte eigentlich --, nun, es hat wohl so sein müssen. Was ist eine Liebe, die keinen Boden hat, keinen rechten, natürlichen Nährboden? Er aber ist Bäcker, Weinwirt und Hausbesitzer und -- ich darf nicht bitter sein, ein heiterer, nüchterner Mensch, der keinen vergeblichen Träumen nachgeht. Nur, ich habe sie sehr geliebt, und eine Seite ihres Wesens, die ich kenne, die hätte doch wohl zu mir gepaßt.
Zu dir konnte ich damals nicht gehen, Gertrud, das verzeihst du mir. Es zog mich mit Gewalt zu dir, und du hättest mich aufgenommen. Aber ich konnte doch nicht.
Eins noch aus jenen Tagen: ich kann so gar nicht durchfahren. Ich hätte, wär' ich ein ganzer Mann gewesen, sogleich wieder gehen sollen, irgendwo hin. Ich gehörte ja doch nicht in dieses Haus. Aber sie kamen herauf und setzten mir auseinander, wie es gegangen sei, ganz verständlich, es war gar nichts dawider zu sagen, und Lore bat mich tausendmal, zu sagen, daß es so besser sei auch für mich. Ich glaube, ich habe sogar so etwas gesagt. Da blieb ich drei Tage. Ich war auch so stumpf und müde. In dieser Zeit schickten sie mir einen Brief von Fritz Hornstein nach, der fragte mich, ob ich »noch nicht genug von der Freiheit« hätte. »Denn du gehörst ja doch zu uns und in ein Amt gehörst du auch.« -- So? In ein Amt? In was für eins? Ich mochte nicht weiterlesen. Wie ein verlorenes Paradies stand das Ideal meiner Jugend -- du kennst es, -- vor mir. Sollte es jetzt gut genug sein für einen verlaufenen Musikanten?
Es schüttelte mich. Ich war ja ärmer als je. Was hatte so einer, wie ich, zu geben?
Aber schließlich las ich doch weiter. Falls es dir mit dem Neuschaffen nicht so klappt -- verzeih', daß ich das für möglich halte, aber es kommt ja vor und ich meine, in deinem letzten Brief so etwas gelesen zu haben --« (ach ja, ich meine es auch), »ich wüßte dir einen Posten, dem ich dich gönnen möchte, wenn er dir auch nicht lang genügen wird. Es wird von einer Blindenanstalt ein Musiklehrer, der auch sonst einige Stunden, am liebsten Religion und Weltgeschichte, und etwa Literatur zu geben hätte, gesucht.
Seit ich das weiß, muß ich immer an dich denken, wie ich dich unter dem Häuflein armer Leute antraf, damals in München. Du magst machen, was du willst, du gehörst dennoch zu uns. Im übrigen wirf mir getrost einige Grobheiten an den Kopf, falls es dir nicht paßt.«
Jetzt bin ich da, Gertrud, und merke erst, wie arg zerbrochen. Ich will aber versuchen, zu leben und nun dennoch --.«
Als Georg Ehrensperger, Musiklehrer und Vikar der Blindenanstalt, droben in seiner einsamen Stube im dritten Stock soweit geschrieben hatte, legte er die Feder weg und es flutete in heißen Wellen über ihn hin, daß er nicht wußte, #was# er #dennoch# wollte, und er ließ den Kopf tief auf die Brust herabsinken und saß mutlos da.
Da ging die Tür geräuschlos auf und ein Zögling des Hauses, ein blasser, feiner Jüngling mit lichtlosen Augen stand da und sagte: »Ich habe geklopft, aber Sie haben es nicht gehört. Es ist Besuch für Sie da.«
Besuch?
Feste, wohlbekannte Tritte auf dem Gang, eine liebe Stimme.
»Georg.« Da trat sie, der er soeben sein Herz ausgeschüttet hatte, herein zu ihm und nahm ihn bei der Hand. »Grüß Gott.«
Er konnte nicht gleich reden. »Gertrud.« Das war alles. Es war auch nicht nötig, mehr zu sagen, er schickte sie nicht fort, das merkte sie dennoch.
»Da, lies, das ist für dich,« sagte er.
Aber sie wußte ja alles. Ahnte er denn nicht, wie sie mit ihm fortgelebt hatte?
»Wie kommst du hierher, Gertrud? Wie hast du mich gefunden?«
Eine tiefe Röte überzog ihr ernstes Gesicht. Sie kämpfte einen Augenblick mit der Versuchung, ihm zu sagen, daß sie ein Kind im Hause besucht und nicht habe versäumen wollen, ihn auch --. Weg damit. »Ich bin nur zu dir gekommen.« Das Herz schlug ihr bis an den Hals, aber sie sagte es dennoch. »Ich mußte, ich habe immer zu dir gehört, Georg. Ich habe so lang gezögert, ich hatte -- ach, das ist ja gleich. Da bin ich.«
Da zum erstenmal seit -- ach seit langer Zeit, überkam ihn eine Bewegung, die warm und weich und schmerzvoll zugleich war und die heiße Tropfen in seine Augen trieb und auf seine Hände fallen ließ. Er dachte nicht daran, sie zu verbergen. »Du bist -- mein guter Kamerad,« wollte er sagen, aber es ging nicht, er schüttelte den Kopf. Da sagte sie es selbst. »Das will ich jetzt auch sein.«
Er mußte sie ansehen. Er hatte sie ja lang nicht gesehen.
Es war eine ernste, reife Schönheit in ihrem Gesicht und Wesen; sie sah älter aus, als ihre Jahre es wollten, aber so sicher und aufgerichtet und auf irgend eine Art froh, von innen heraus. Nun saß sie neben ihm.
Sie las seinen Brief, damit er nicht reden mußte. Dann legte sie ihn zurück auf den Tisch.
»Und nun dennoch?« fragte sie leise mit den letzten Worten des Briefs.
Da schüttelte er den Kopf. »Ich weiß nicht. Ich meinte, dennoch irgend einen Teil an den Menschen haben. Aber ich weiß nicht, welchen. Ich habe ihnen nichts zu geben. Ich habe nur einen starken Zug zu ihnen, das ist alles. Ach, Gertrud, es geht ein Riß durch mein Leben hindurch. Der läßt sich vielleicht notdürftig flicken, mehr nicht. So viel Mißratenes, so viel verlorene Zeit, vergebliches Streben, unklares Wollen, -- ach, es ist nicht aufzuzählen. Und dann auf einmal gar nichts mehr zu haben, nichts, Gertrud. Weg ist alles Schöne, auf das man hoffte, weg wie ein Traum.«
»Das verstehe ich besser, als du denkst,« sagte sie, und verbarg ihm ihre Augen nicht.
»Man glaubte ein Ziel zu haben, einen eigenen, bestimmten Inhalt für sein Leben, und auf einmal steht man da und hat ganz leere Hände.«
Das mußte sie erlebt haben, das spürte man, und Georg wußte nun, daß auch das wahr sei, was er sich hie und da auszureden versucht hatte, daß er ihr, an die er nicht in einer solchen Liebe gedacht hatte, das Leid des Lebens gebracht hatte. Das kam auch noch hinzu, er senkte den Kopf noch ein wenig tiefer.
»Aber das wird wohl so sein müssen. Die den Armen etwas bringen wollen, eine Liebe oder eine Botschaft, die müssen selber arm gewesen sein. Wie könnten sie sonst die andern verstehen? Warte du nur, es geht dir nichts Gutes ganz verloren, du mußt es nur zuerst wagen, ohne alles dazustehen, ganz allein und ohne Besitz.«
Sie zögerte, ob sie das auch noch sagen solle, was ihr von unten heraufstieg und auf den Lippen lag, dann fuhr sie leiser fort, wie man von einem schönen Geheimnis redet: »Es bekommt alles ein anderes Gesicht für einen von da an. Alles, auch Er, du weißt, wen ich meine. Von dem ihr so oft so zaghaft redet -- ich meine, ihr Theologen, weil ihr nicht recht wisset, wo ihr ihn unterbringen sollt. Von da an, wo man sich wundert, daß er die Armen selig preist. Gerade die, die es in sich selber -- im Geist, sagt er, -- sind. Er muß es auch gewesen sein, sonst könnte er es nicht tun. Dann wüßte er es nicht. Da tritt er einem ganz nah, ganz nah. Alles versteht man anders von da an. Da geht ein neuer Weg in die Welt hinaus, zu den andern. Man versteht sie, wenn sie schwer an sich tragen und hat sie lieb. Das spüren sie. Das schließt sie auf. Ach -- fang' nur an -- sagen ist nichts, erleben, das ist alles.«
Er sah sie immer an, solang sie sprach. Er trank das alles in sich hinein, wie man frisches Wasser trinkt.
Nun war sie wahrhaftig wieder auf seinen Weg gekommen, wie damals auf der Landstraße, als er verstört und erschrocken bei dem invaliden Drehorgelmann stand, und wieder faßte sie seine Hand und sagte: »Komm, wir gehen nach Hause.«
Wie war sie ernst und stark, wie war sie gesund und frisch.
Unten läutete eine Glocke, das war für ihn das Zeichen zu einer Stunde.
»Geh' mit, ich will dir alles zeigen, die Menschen, die großen und die kleinen, und das ganze Haus. Es ist mir heimatlicher, wenn du alles gesehen hast.«
Und sie durchwanderte mit ihm das Haus, und hörte zu, wie er einen blinden Knaben im Orgelspiel unterwies, und saß mit gefalteten Händen dabei, als er nachher eine ernste, schöne Musik ertönen ließ, die ihr fremd war und sie doch vertraut anmutete. Die war aus seiner eigenen Seele geflossen, das wußte sie, und wußte auch, daß er neu aufstehen und das Leben angreifen werde, ja, daß er es im Grunde schon getan habe.
Da ging eine große Freude durch ihr ganzes Wesen hindurch, viel größer, als in jener Nacht, da sie zu erkennen glaubte, daß sie beide, Georg Ehrensperger und Gertrud Cabisius für einander geschaffen seien.
»B'hüet Gott.« Sie reichte ihm die Hand, da eben die Blinden in langen Reihen mit stillen Tritten in den Saal kamen, und die Abendandacht beginnen sollte. Er konnte sie nicht zur Bahn geleiten.
»Bleib nur. Du weißt, ich mußte kommen. Gelt, du verstehst es. Ich bin deine Schwester, das bleib' ich. Du hast es immer gewußt, ich nicht immer.«
Da ging sie hin. Er sah ihr nach, bis sie um die Ecke verschwand.
Dann atmete er hoch auf. Untergehen? Nein.
Siebentes Kapitel
Die Fenster standen weit offen, die laue Abendluft trug den Duft der Reseden und Levkojen vom Garten herauf ins Zimmer. Es war ein stilles Zimmer. In dem großen Lehnstuhl saß der Rektor Cabisius. Er hatte das weiße Haupt auf die Brust gesenkt und dämmerte so zwischen Schlaf und Wachen dahin. Die Zeit war gekommen, da er von dem allem, was ihn hier umgab, Abschied nehmen sollte. Es war kein Losreißen, er ging still und gern. Das große Studentenbild sah von der Wand herunter auf den Greis. Wo waren alle die jungen, kraftvollen Gestalten hingekommen? Sie hatten alle ihren Weg durch die Welt gemacht und waren wieder gegangen; neue Generationen waren nach ihnen gekommen. Er war wohl der Letzte von den Alten, damals Jungen.
Der Greis regte sich und hob den Kopf.
»Ja, Anne, so jung als möglich.«
»Hast du etwas gesagt, Großvater?«
Unter der offenen Tür des Nebenzimmers erschien Gertrud.
Sie trat zu ihm. Er lächelte und öffnete die Lider seiner blinden Augen. Das tat er wohl aus alter Gewohnheit, denn die Gestalt seines Kindes, das vor ihm stand und ihr Gesicht mußte er ja mit andern Augen wahrnehmen, als mit den erloschenen seines Leibes.
»Ich glaube, ich habe mit deiner Großmutter geredet. Sie ist jetzt immer neben mir. Sie sagte in ihrer raschen Art, wie sie früher oft sagte: »Wir müssen so jung als möglich sein, Alter. Für das Kind. Du bist aber kein Kind mehr, Gertrud.«
»Du bist aber so jung als möglich gewesen, Großvater, du bist es für mich gewesen. Ich danke dir so herzlich dafür.« Sie kniete neben ihm und legte ihren Kopf in seinen Schoß.
»Du Kind, du bist lebensreifer, als ich je gewesen bin. Das hat das Leid getan, das große Alleinsein. Ich habe es gewußt, wir haben nur nie darüber geredet. Aber jetzt, da ich gehe, sag, Gertrud, wie ist es? Ich muß es Anne sagen können. Wie ist es mit dir und Georg?«
Er mischte Traum und Wirklichkeit durcheinander.
»Ach, Großvater, da ist nichts zu sagen. Er ist wieder bei mir, wie einst. Er hat mich lieb und ich gehöre zu ihm, wie ich es von Kindheit an tat. Aber wenn du #das# meinst, das eine: ich bin ihm nicht das Weib, nicht sein anderes Ich. Ich weiß es. Das kann nie kommen, das ist nicht. Das ist ein Rätsel des Lebens, das Gott allein weiß. Ich weiß nicht, ob irgendwo jemand lebt, der zu ihm gehört; bis jetzt weiß er nichts davon. Manchmal denke ich, wir werden so leben und alt werden und davongehen, und irgendwo sei die Lösung des Rätsels, die andere Seite des Gewebes, die wir dann zu sehen bekommen. Aber ich weiß es nicht. Bis dahin, -- man muß sich stillen und nichts verlangen, und sein Leben füllen, so gut man kann. Sie sind ja alle irgendwie in Not, die Menschen. Man muß sie lieb haben und verstehen, nicht in ihrer Sünde, in ihrer #Not#. Das tat Er auch.«
Sie schwieg. Der Abend dunkelte durch das Zimmer. Der Greis schlief wieder. Er war so müde.
Draußen wurden Schritte hörbar, rasche, kräftige Tritte.
Das kleine Dienstmädchen verhandelte etwas mit jemand, dann klopfte es an die Tür des Nebenzimmers.
»Herein.«
»Grüß Gott, Gertrud.«
»Grüß Gott, Georg.« Sie war aufgestanden und ihm entgegengegangen.
»Lebt er noch?«
»Ja.«
»Ich habe nicht bälder kommen können. Es war so vieles in den letzten Wochen und Tagen, Prüfung und Jahresfest, und, Gertrud, ich habe es nicht lassen können, ich habe einiges von meinem Eigenen mit den Blinden eingeübt, einen Chor, und ein Orgelstück, und ein Andante für Klavier und zwei Violinen. Es ist aus dem Alten, das nicht schweigen will. Sie haben es mir so lebendig abgenommen, du glaubst nicht, wie froh es mich gemacht hat. Sie haben nicht so viele Tore ihrer Seele, durch die das Leben aus- und einströmt, darum sind sie gesammelter, einheitlicher. Wir hatten kein Publikum dazu, wir waren unter uns. Es war aber ein Fest.«
Sie sah auf ihn und freute sich, daß er so hell und frisch dreinsah und dachte, wie eine Mutter denkt: »Wie hat er sich herausgerissen und ist des Seins und Lebens mächtig geworden. Ach, das ist ja nicht so wichtig, was sein Amt und Titel ist, und ob seine Altersgenossen weiter sind, als er. Was er #ist#, das ist das Wahre, und er ist ein Mensch und Mann, an dem Gott selber seine Freude haben kann.«
Sie saßen aber still in der Stube neben des Rektors Studierstube. Von drinnen kam ein leichtes, kurzes Atmen und hie und da ein Wort, im Halbschlaf geredet.
Da, nach längerer Zeit, fingen sie an, sich flüsternd zu unterhalten.
»Wenn er aufwacht, dann will ich zu ihm hineingehen. Ich möchte ihm noch so vieles sagen, aber das werde ich ja nicht können. Weißt du, mit dem Danken, es ist so eine Sache. Wer sich selber von Herzen gab, der will keinen Dank dafür. Und #so# gab er sich, sein Leben lang, wenigstens seit #ich# denken kann.«
»Seit #wir# denken können. Das ist so ziemlich das gleiche.«
»Ja.« Er dachte zurück, so weit er konnte.
»Weißt du noch?« Da machten sie es wie die Alten, die ganz Alten und tauchten in den Jungbrunnen der Kindheitserinnerung ein. Tausend und eine Erinnerung. Hie und da wurden sie lebhaft und verfielen in lauteres Reden, dann erschraken sie vor dem eigenen Ton ihrer Stimmen und flüsterten wieder.
Frau Judith schritt am Stock durch das Gemach, und Jungfer Liese, und die Rektorin, und Hollermann. Und dann glitt ihr Schifflein unvermerkt in das breitere Flußbett des Lebens hinaus.
»Du, Gertrud, wo bist du mit deinen Gedanken?«
Sie schrak auf. Sie hatte soeben einen kleinen Privatausflug gemacht, davon sollte er nichts wissen.
»Ja?«
»Ich bin heute nachmittag drüben gewesen, bei Franz und Lore. Sie wissen gar nicht, was sie mir alles zuliebe tun sollen. Aber, du -- du hörst nicht recht zu.«
»Doch, ich höre alles.«
»Du, Lore geht ins Korpulente. Das ist sehr heilsam für mich. Diese Frau mit den dicken Backen und der breiten, gestreiften Schürze habe ich nicht gekannt. Heute, als ich kam, stand sie unter der Ladentür und sah hinaus. Ich hatte ein wenig Mitleid mit ihr; man sollte es nicht glauben, aber es ist doch so. So, als ob ihr Gesicht fragte: 'Ist das jetzt alles?' Und, Gertrud, es ist ja tatsächlich alles. Sie hat ihren Franz und ihren rundköpfigen Buben, und ein gutes Geschäft und viel Geld. Aber ich weiß, irgend etwas in ihr hungert nach mehr. Sie ist nicht zufrieden mit dem allem.«
»Und das ist ihr Bestes,« sagte Gertrud. »Das ist ein Faden, der sie ans Innerliche, Ewige knüpft. Wenn sie älter wird, wird das Heimweh steigen, und zuerst wird sie meinen, es sei nach dir, und dann wird sie erkennen, daß es nach deiner Welt ist. Und sie wird ihrem Sohn davon erzählen, und wird den Armen Brot und Liebe geben, und wird ihren Mann davor behüten, daß ihm gut Essen und Trinken alles wird. Und das hast du ihr gegeben.«
Da schwiegen sie wieder.
Die Hausglocke schellte.
»Das ist Meister Nössel. Er kommt jeden Abend um diese Zeit und sieht nach dem Großvater. Es ist ein Wunder, daß er es noch kann, er ist so eingetrocknet und zusammengerunzelt wie eine Hutzel. 'Wenn mich nur der liebe Gott nicht abzurufen vergißt,' sagte er gestern. Ich glaube, er ist in Sorge darum. Aber es ist nicht mehr viel Leibliches an ihm, man kann ruhig sein in dieser Hinsicht.«
Da kamen trippelnde Schrittlein und schwere Stockstöße näher.
»Guten Abend.«
»Guten Abend, Meister Nössel.«
»Ist er noch da? Ja? Ich dachte, er sei heut gegangen. Heut sind's elf Jahre, daß Judith starb. Ich hätte nicht gedacht, daß es noch so lang daure, bis ich nachkomme.«
»Still.«
Vom Turme hallten die feierlichen Schläge der Betglocke.
»Er hat's doch gelernt. Das Läuten, meine ich. Ich habe einst im Ärger gesagt: Das lernt er nie so recht, er läutet anders, weil er anders ist. Aber er hat's doch gelernt. Er hat inzwischen viel erlebt und auch erlitten, das macht's.«
Dann schwiegen sie wieder.
Der letzte Hall, noch einer.
»Und wenn das Leben neiget sich, laß uns einschlafen seliglich.«
Das hatte Meister Nössel gesagt. Sonst begehrte er ja auch nichts mehr. Das andere, das Unruhige, Müdmachende, Glück und Leid und Sorge und wie alle die Erdengeister heißen, das lag weit dahinten, nicht vergessen, nicht verachtet, aber ausgedient.
»Gute Nacht.« Er gab seinem alten Freund die Hand, der war in Träumen und kannte ihn nicht.
»Das tut nichts. Wir -- wir kennen uns doch wieder, wenn es Tag wird, Joachim Cabisius. Schlaf wohl, schlafet alle wohl.«
Sie hörten die Stöße seines Stockes auf der nächtlichen Gasse. »Bleibst du da, Georg? Ich bleibe die Nacht auf; wenn du willst, bleib bei mir. Der Doktor war da, kurz, eh' du kamst, er sagt, es könne ganz leise ausgehen, wenn das Herz versage. Aber ich glaube es noch nicht. Er erwacht hie und da und spricht dann ganz klar und wie sonst, wenn auch fast ganz ohne Stimme. Hörst du?«
Sie traten leise zu ihm, da redete er undeutliche Worte, und, da er müde an die Seitenlehne gesunken war, wie ein schlaftrunkenes Kind, brachten sie ihn miteinander zu Bett.
Der Mond war heraufgestiegen und leuchtete wie vor Zeiten in die altbekannte Stube und wunderte sich, daß die lange Pfeife unbenützt am Haken neben dem Stehpult hing und daß alle die Geister und Geistchen, die sonst auf weißen Rauchwölkchen da herumspukten, schwiegen und den Atem anhielten. Als er aber bis an das weiße Bett hinleuchtete, das sonst nicht in diesem Raum gestanden war, da hörte auch der Mond auf, zu flimmern und herumzuspielen. Ganz still lag sein Licht auf dem Boden und an den Wänden und blieb auf dem Bett und der ruhigen Gestalt darin liegen.
»Es tut ihm nicht weh, du brauchst den Vorhang nicht zuzumachen, Georg.«
Da setzte der sich auf die Truhe, wie einst und sah sich um, wie die Stube in dem weichen, ruhigen Licht dalag und dachte, daß es jetzt auch anders werde, da ihr alter Bewohner davonging.
»Was willst du nun anfangen, Gertrud? Hast du dir etwas ausgedacht?«
Sie zuckte nun doch ein wenig zusammen. Was hilft das Ausdenken? »Ich bleibe vorläufig da. Ich habe es alles mit dem Großvater besprochen. Ich will Veronika zu mir nehmen, meine lahme Freundin, der die Mutter gestorben ist, und will mich um meine Patenkinder annehmen, so gut ich kann. Eines von ihnen, (du kennst ihn ja, es ist Leonhard, der mittlere Bub von den Türmersleuten, -- der ist so zart und kann nicht gut so oft die vielen Stufen steigen), bekomme ich vielleicht ganz ins Haus. Dann will ich sehen, ob ich ihm etwas von allem dem geben kann, was er --« sie zeigte nach dem Bett hin -- »was er mir gab. So ist noch manches.
Ich habe früher an einen bestimmten Beruf gedacht, Krankenpflege, oder Lehrerin, oder sonst etwas. Aber daraus ist jetzt nichts geworden, und ich glaube, es ist auch besser so.«
Sie saß da so hell im Licht und Georg sah, wie es in ihren Zügen arbeitete und wie dann ein Lächeln darüber ging.
»Das ist jetzt so. Ich passe wohl nicht recht in irgend einen Model, ich bin so ein wenig anders geraten als andere Mädchen. Ich stieße wohl da und dort an, wenn ich nicht sein dürfte, wie ich gewachsen bin. Da muß ich sehen, daß ich mir selber ein Leben zimmere. Es wird auch schon gehen.«
Im Stillen dachte sie: Und dann will ich für dich da sein, so oft du eines treuen und ehrlichen Menschen bedarfst, der zu dir gehört.
Sie sagte es nicht; sie war doch wohl noch nicht heil genug, um ganz rückhaltslos von ihm und sich zu reden.
Aber er sagte es selber.
»Das ist gut für mich,« sagte er. »Ich muß dich immer finden können. Ich weiß ja nicht, was noch aus mir wird, obgleich ich vorläufig bei meinen Blinden bleibe und noch nicht ans Fortgehen denken mag. Wie lang das noch dauert, weiß ich nicht. Was sagst du Gertrud?«
»Was ich sage? Du sollst einmal einen Schritt um den andern tun und einen Tag um den andern nehmen, wie du das bereits angefangen hast. Es wird eines aus dem andern herauswachsen, eine Aufgabe aus der andern und ein Können aus dem andern. Das sage ich und sonst nichts.«
»Doch noch eins, Gertrud.
Ich weiß nicht, was meine Altersgenossen von mir denken. Hie und da kommt einer -- sie sind aber nicht alle so, lange nicht, -- so ein bißchen mitleidig, ein bißchen vorsichtig zurückhaltend zu mir, neulich beim Jahresfest, oder wenn einer das Haus betrachten will, und glaubt dann, nachsichtig mit mir reden zu müssen, wie mit einem, der eigentlich etwas wie eine 'verfehlte Existenz' ist. Und das, Gertrud, das will ich nicht sein. So sehe ich mein Leben nicht an, es komme, wie es wolle.«
»Das bist du auch nicht. Durch das alles hindurch geht ein gerader Weg zum rechten Leben, weißt du, dazu, 'das Leben zu haben in sich selbst'. Das kann man freilich den andern nicht sagen. Sie sehen nur das Äußere. Aber das wird gerade gut sein. -- Gut sein müssen,« setzte sie doch mit einem leichten Seufzer hinzu. Denn leicht war es nicht immer, das wußte sie wohl.
»Ja, und das sollst du mir hie und da sagen. Dazu will ich dich finden können -- und zu manchem anderen. Du weißt es. Wenn ich es nicht mehr weiß, will ich dich fragen können.«
Sie nickte ernst und einverstanden.
»Das will ich. Das sollst du können, mein Bruder.«
Und so sah Gertrud Cabisius' Glück aus?
So sah es aus.
Sie hatte sich einst weit aufgetan, um ein ganz großes, ganz volles Menschenlos in sich zu empfangen. Und nun war sie zufrieden, -- nun fand sie eine tiefe Freude darin, dem, den sie liebte, ein ruhender Punkt, hie und da eine Zuflucht, eine Weggenossenschaft zu sein?
»Es wird nicht allen so gut,« dachte sie dankbar. »Es ist mehr, als ich an bösen Tagen hoffen konnte.«
-- Wer will sagen, was ein ganzes Menschenlos sei? Vielleicht wird im Entbehren, im tiefen Leid des Einsamseins stärker als im warmen, sonnigen Glück die Ahnung davon wach, daß das hier »nicht alles« sei.
Daß die kurze Spanne Zeit, die wir unser Leben heißen, nur ein Teil jenes großzügig angelegten Planes sei, in den sich der Schöpfer der Menschengeschlechter nicht hineinsehen läßt. Wie der Geiger, der das schönste Lied suchte, so sucht die Menschenseele einen Ort, da es »bessere Geigen« gibt, damit einmal, endlich einmal das ganze Konzert von großen, schrecklichen und herrlichen Dingen, die die Menschenbrust zu Zeiten fast zersprengen wollten in Liebe und Sehnsucht, zur Aufführung kommen könne, oder da in dem ungeahnt Allergrößten das jetzt Große untersinke und verstumme.
Mitternacht war vorüber. Sie saßen noch da, manchmal still für sich und in Gedanken jedes, manchmal flüsternd, Gegenwärtiges und Zukünftiges beredend. Daß Georg einen Brief von Emeritz, seiner Münchener Freundin, habe, und daß es ihm gelungen sei, den blinden Theodor in der Anstalt unterzubringen. Gertrud wollte ihn einmal über eine Vakanz zu sich holen und freute sich darauf.
»Er soll es gut haben,« sagte sie lebhaft und dämpfte sogleich wieder ihre Stimme; die leisen, schwachen Atemzüge, die nur in der tiefen Stille der Nacht hörbar sein konnten, gaben hier drinnen den Ton an. Es ist nichts Geringes, dabeizusein, wenn ein ernster, Gottes und des Lebens bewußter Mensch sich anschickt, in die dunkle Flut unterzutauchen, deren Grund und anderes Ufer wir nicht kennen.
Ein Uhr.
»Horch, er redet.«
Sie traten ans Bett.