Alle guten Geister...: Roman

Part 26

Chapter 264,037 wordsPublic domain

Frühling, kurz nach Ostern. Er war in einer Hauptprobe gewesen, Bach, ein Orgelstück, dann eine Kantate: »Liebster Gott, wann werd' ich sterben.« Er war voll davon. Den Klavierauszug trug er unter dem Arm. Als er an der Glastür war, zögerte er. Dann machte er die Tür zu der Schneiderswohnung auf. »Willst du etwas hören, Theodor?« Das wollte er immer, das war keine Frage. Aber da war auch der Vater und die drei andern Buben und da war Jungfer Roggenbart, die saß und flickte Strümpfe. -- Heut sei der Mutter Todestag, sie seien alle in der Kirche gewesen. »Ja, dann kommt nur alle mit herüber.«

Das paßte denn auch vorzüglich für heute. Nicht der Text allein -- er sang ihn -- die ganze Musik handelte von Sterben und Auferstehen. Aber doch mehr vom Auferstehen. Da lagen die Gräber um die Kirche her, Orgelton kam heraus, aber hier draußen war es auch lebendig. Vögel sangen in den knospenden Zweigen, ein Wind wehte hindurch, es war sicher ein Tag gemeint, wie heute, um Ostern herum. Das lag alles in der Musik, das spürten sie, sie hätten es nicht sagen können. Das lag darin, daß das Leben über den Tod siege. Es war etwas Festliches; es war wie in der Kirche und doch wieder nicht. Es gehörte ihnen so zu eigen, es schwebte nicht in Weihrauchwolken hoch oben, es war hier in der Stube. Es war ihr eigener Herr, der es spielte. Ja, so weit waren sie schon gediehen, daß sie Beschlag auf ihn legten in aller Bescheidenheit und Stille, ohne daß er es wußte.

Im Vertrauen und untereinander gesagt, es kam ihnen ein schönes, festliches Leben vor, das er führte. Wenn er nicht so gut und freundlich gewesen wäre, sie hätten es ihm kaum gegönnt. Sie mußten alle tüchtig arbeiten; er aber, wenn er morgens aus dem Haus ging, hatte er Notenhefte unter dem Arm und wenn er heimkam, machte er auch Musik. Saß er aber still über seinen Büchern, so wußten sie, daß sie ja auch davon handelten, und -- ja, manchmal las er in dicken Notenbüchern, wie andere Leute im Gebetbuch. Emerenz wußte es, die war ja am meisten um ihn. So eigentlich geschafft war das nicht. Aber wie gesagt, sie hielten doch viel auf ihn. Abends war er viel aus. Da hörte er wohl auch Musik? Dann, wenn er heimkam, ging er oft noch lang in seiner Stube hin und her, hin und her, das konstatierten sie von rechts und links. Aber warum er es tat, das wußten sie nicht.

Jungfer Roggenbart saß und hatte die Hände gefaltet, denn nun ging das ganze in einen Choral aus. Da ging draußen die Vortür. Emerenz drehte rasch den Kopf. War sie denn nicht geschlossen? Nein; da wurden Männertritte hörbar, jemand räusperte sich, putzte die Füße ab, dann klopfte es. Natürlich, der Herr hörte nichts, er sang und spielte aus Leibeskräften. Der Schneider übernahm es »Herein« zu rufen und alle hoben erwartungsvoll die Köpfe. Aber als die Tür aufging, da brach ihr Herr auch das Spiel ab, kurz und rasch. »Fritz Hornstein, du, -- Mensch, -- da steht er auf einmal.« Er hatte eine Reisetasche umhängen und hatte den großen Filzhut in der Hand. Er sah so kurzsichtig auf die Leute, die Brillengläser waren überlaufen, als er ins Zimmer trat; er nahm die Brille ab und putzte sie. Dann, als er wieder sehen konnte, lachte er mit Mund und Augen. »Du hältst also hier bereits Konzerte? Das geht schnell voran, muß ich sagen. Oder -- oder habe ich eine andere Versammlung gestört? Ja, jetzt seh' ich's: Du hast es nicht ertragen können, daß du der Theologie den Abschied gabst und fängst nun hier auf eigene Faust an -- --,« »ach laß doch, Fritz. Ich habe diesen Leuten etwas vorgespielt, das ist alles. Es sind gute Leute, feine, sie sind fast wie bei uns daheim.«

Das war ein hohes Lob, das sah Fritz Hornstein ein.

»Ja, dann laß dich nicht stören. Da ist noch ein Sitzplatz, ich höre zu.« Aber es war gerade aus. Der Schneider nahm sein Büblein auf den Arm, und Jungfer Roggenbart knixte und dann bekam Fritz Hornstein von allen einen Händedruck, eh' sie gingen. Zuletzt stand noch Emeritz da und machte fragende Augen. Sollte sie das Nachtessen nun dennoch bringen? Es stand schon in der Küche bereit, Tee pflegte Georg sich selbst zu machen.

»Komm her, Emeritz. Siehst du, Fritz, das ist ein verzauberter Vogel, den hab' ich mir eingefangen, er trägt mir alles, was ich brauche, im Schnabel herbei. Es ist ein Emeritz. Sieht man's nicht an den Augen?« Emeritz lachte. Der Gast auch. »Ja, und am Gezwitscher, da kann man's auch merken.« »Sie leiht mir ihre Ohren, so oft ich's brauche; sie kann kritisieren. Mit einem einzigen Seufzer kann sie alles sagen, was sie ausdrücken will, wenn sie mir zugehört hat, je nachdem es ein bedauerlicher, entzückter oder unzufriedener Seufzer ist. -- Bring Wein, Emeritz. Ich habe ein paar Flaschen Remstäler, sie haben ihn von daheim geschickt.« Dann waren die Freunde allein.

»Also so betreibst du deine Studien? Volkskonzerte?«

»Nein, jetzt sei ernsthaft, du. Ich freue mich, daß du da bist. Bist du für länger hier?«

»Für fünf Tage, dies ist der dritte. Ich habe, um es gleich zu sagen, eine kleine Erbschaft gemacht, siebenundvierzig Mark, nachdem die Sporteln abgezogen sind. Nun bin ich daran, sie sofort wieder hinauszubringen. Die Mühe ist nicht so groß, es ist bald geschehen.«

Ja, das wollte Georg Ehrensperger gern glauben. Siebenundvierzig Mark, -- er wußte, wie das Geld hier in München davonlief, obgleich er nicht großartig lebte.

»Nein, das ist so: Ich bin Vikar bei einem uralten Pfarrherrn mitten im Schwarzwald, drei Filialdörfer und jedes zwei Stunden vom andern entfernt. -- Nicht ganz zwei Stunden, -- aber doch, man sieht und hört da nichts von der Welt. Man gibt und gibt aus, den ganzen Winter lang -- Unterricht, Krankenbesuche -- schließlich war ich so ausgebeutelt wie ein leerer Mehlsack und ging ganz trübselig einher. Vorigen Herbst noch in Tübingen und nun so. Da regt und rührt sich nichts Geistiges. Von was kann man mit den Leuten reden? Und dann, mein alter Herr. Mensch, wie lang ist das her, seit er jung war. Da hatte der aber eine Idee.

'Sie sollten ein bißchen hinaus, Herr Vikar,' sagte er. 'Nur ein paar Tage. Etwas sehen und hören. Sie werden mir sonst mauderig.' Ich -- Käfig auf und hinaus. Der alte Herr war einst auch hier in München, als er noch jung war. Er taute plötzlich auf, als er darauf zu reden kam. Alles lag in wohlverschlossenen Schubladen in seinem Gedächtnis aufbewahrt. Nun zog er eine um die andere auf. Ich sage dir, er wurde ganz jung. Ich freue mich geradezu, bis ich es ihm wieder erzählen kann, was ich nun sehe. Ich glaube fast -- im Vertrauen gesagt -- man bildet sich das so ein bißchen ein, daß unsereiner mit den Alten nichts anzufangen wisse. Schließlich waren sie doch auch einmal jung, nicht?« Aber Georg Ehrensperger hatte noch nie gemeint, daß mit den Alten nichts anzufangen sei. Davor war der Rektor Cabisius gewesen, und -- und die andern alle. Er war eher ein solcher, der mit den Jungen nichts anzufangen wußte.

»Und du,« fuhr der Gast fort, »seit ich nun hier so herumstreife, geht mir's sonderbar. In all' dem Gewimmel und Getriebe seh' ich mein stilles Dörflein vor mir. Ganz anders als vorher. Als ob mir hier erst die Augen aufgingen, -- wie es so daliegt in seiner Wälderstille. Und alles ist so einfach und so lebendig. Wie aus dem Boden gewachsen. Und dann, meine Konfirmanden, es sind helle, aufgeweckte Kinder darunter. Heut, vor mehr als einem Bild, dachte ich, -- ich war in beiden Pinakotheken, -- da möchtest du deine jungen Leute hinführen. So gänzlich unverbildet wie sie sind. Da merkte ich an mir, daß doch etwas herüber und hinüber geht zwischen ihnen und mir. Ich habe nicht für mich allein genossen; immer fiel mir jemand ein, dem ich dies und jenes erzählen wolle, wann ich heimkomme.

Jetzt sag: Bin ich doch schon verbauert? Oder was ist es? Denn ich glaube, ich freue mich ja wahrhaftig wieder auf mein kleines Nest, so sehr ich alles genieße.«

»Verbauert? Du? Beneiden könnt' ich dich. Ich, wenn ich dabei geblieben wäre, -- eine kleine Landgemeinde, nichts anderes. Ich sage dir, das sogenannte geistige Leben in den Städten, na -- ich kann wohl nicht so mitreden; ich bin immer meine eigenen Wege gegangen.«

»Das bist du. Aber nun von dir, Joseph, Träumerseele. Erzähl' mir von dir, was du schaffst, lebst, liebst. Erzähl' mit von deinem Schatz, deiner Gertrud. Ich freue mich, daß sie zu dir gehört. Ich weiß nicht, ob ich sie einem andern gönnen möchte. Am Hausweihfest, da hatte ich meine Freude an ihr. Ich dachte: der Ehrensperger, der ist ein Glückskerl. Das geht so sicher neben ihm her, und wenn er hie und da -- du nimmst mir das nicht übel -- davonläuft und nach farbigen Schmetterlingen hascht -- dann ist es immer für ihn da, wenn er zurückkommt. So hat's nicht jeder.

Mensch, was machst du für ein Gesicht? Hast du eine Erscheinung? Was ist mit dir?«

Gradaus sah Georg Ehrensperger und seine Augen weiteten sich.

War ein Blitz vor ihm niedergefahren? War er bisher blind gewesen? Gertrud -- Gertrud? War sie nicht seine Schwester? Nicht sein bester Kamerad? War es möglich, daß sie --? Ach nein, das war es nicht. Oder? Sie war nicht mehr die Alte und er hatte sich viele Gedanken darüber gemacht. War es das? Um Gottes willen. Er atmete hastig auf. Nein -- doch? »Nein.«

Das sagte er laut. Er zwang sich zum Lachen. Er lachte hart und kurz auf.

»Diesmal hast du doch nicht recht gesehen, Alter. Gertrud und ich sind wie Geschwister. Sie ist -- wir sind nichts weniger als verliebt ineinander. Ha--ha. Und kurz -- ich bin -- ich dachte, du hättest das gemerkt, mit Lore Maute verlobt, so gut wie verlobt. Ja, eigentlich kann man wohl so sagen. Ich sage es dir, es ist ja natürlich noch in weitem Feld.«

»Was?« -- Der Gast war unsäglich verblüfft. Er konnte es nicht gleich verbergen. Lore? Er kannte sie, das heißt, so flüchtig. Er hatte schon mit ihr getanzt und gelegentlich ein wenig gescherzt. Lore? Ja, aber dann --. Er konnte es nicht lassen, er pfiff leise zwischen den Zähnen.

»Nun, dann verzeih',« sagte er trocken. »Das habe ich freilich nicht gewußt.« Und sonst sagte er nichts.

Da fing Georg Ehrensperger an, eifrig von seinem Leben und von seinen Studien zu erzählen. So still er vorher gewesen war, so lebhaft wurde er nun. Als sollte weder ein Wort noch ein Gedanke mehr dazwischen fallen.

»Das heißt geschafft,« sagte er, »kann ich dir sagen. Vom Morgen bis zum Abend. Üben, üben, üben. Dann Tonsatz, Kompositionslehre -- Selbststudium, so viel dazwischen Platz hat. Abends Konzerte, Opern. Aber es geht mir anders damit, als ich dachte. Mensch, es kann nichts Neues mehr geben. Es ist alles schon da. Größer, gewaltiger, als es noch einer sagen kann. Manchmal ist es mir, als ob das alles, was ich in mir selber hatte, in graue Fernen entschwände. Wo ist es? Was war es nur? Und was bin ich selbst? Ein Zwerg bin ich, der vor lauter Riesen steht.

Als ich noch ein halbwüchsiger Bub war, dann ein Student, da war es mir, als ob ich Erd' und Himmel in mir trüge und es alles klingen lassen könne. Dann fand ich Lore -- und sie mich. Da war alles Jubel und Reigen. Nun muß ich mich da hindurchbeißen, durch all' das Fremde, und dann versuchen, ob mir noch etwas Eigenes bleibt. Aber,« er straffte sich unwillkürlich, »das will ich auch.«

Er sah flüchtig nach dem Nebentisch hinüber. Dort lag eine dicke Mappe. Sprach sie nicht laut davon, daß er es tat?

Sein verschwiegenstes Schaffen war darin, aller Jubel und alle Angst und alle auffahrende Ungeduld, alle Hoffnung und alles Streben.

Dort lag die Mappe und rührte sich nicht. Nein, er wollte lieber nichts von ihr erzählen.

»Das will ich auch,« sagte er nochmals, wie um sich selber zu vergewissern.

»Sie sagen alle: ohne ernstes Studium geht es nicht, ohne Lehrer auch nicht. Also. Obgleich es mir oft ist, als ob es mich arm mache und leer. Denn das ist ja nicht meines, was ich treibe, das ist das der andern. Dann geh' ich einen Tag lang fort, hinaus, auf den Starnbergersee, nach Nymphenburg, in den Wald, irgendwo, wo ich mich auf mich selbst besinnen kann. Dann hör' ich es wieder von weitem.«

Er sprach unruhig, erregt, so, als ob unten in seiner Seele ein starker Wellenschlag wäre. Es wetterleuchtete in seinen Zügen von Glück und Not.

Und Fritz Hornstein sah ihn an und mußte ihn liebhaben trotz seiner Enttäuschung mit Gertrud Cabisius.

Einen Augenblick überlegte er auch, ob er nun nicht die Einladung des Rektors annehmen solle, ihn und die Enkelin einmal zu besuchen. Nun konnte er ja ruhig hingehen, er kam dort niemand ins Gehege. Aber dann schüttelte er den Kopf: »das ist keine von denen, die den Gegenstand vertauschen.«

* * * * *

Als die Freunde auseinandergingen, war es spät in der Nacht. Sie waren schließlich im Dunkeln gesessen.

Nun, als er allein war, zündete Georg die Lampe an und holte ein kleines Bündel Briefe hervor. Nur ein kleines. Sie waren von Gertrud und sie hatte nur selten geschrieben. Lorens Briefe lagen daneben; viele kleine, leichte Blätter, oft nur halb beschrieben, hellfarbiges Papier, ein schwacher Duft von Maiglöckchenessenz kam ihm entgegen. Zwischen den zierlichen und oft ein wenig hüpfenden Buchstaben sah ihm ihr helles, lachendes Gesicht heraus.

Gertruds Briefe, ihre festen, weißen Bogen mit den klaren, geraden Schriftzügen, lagen so schlicht dabei.

Warum konnten sie nur nicht mehr miteinander gehen wie in der Kinderzeit, alle drei? Da stieß er die Schublade zu, daß die Lampe klirrte und setzte sich an den Tisch, um zu lesen.

Und wie er las, ein Blatt ums andere, da war es ihm, als ob er Gertrud von weitem sähe, wie sie abschiednehmend grüßte und mit der Hand winkte: nun ist es alles aus und vorbei.

Er versuchte, es nicht zu glauben, was Fritz Hornstein gemeint hatte.

Es waren ja so herzlich einfache Briefe. Sie fragten nach seinem Leben und Schaffen, zart und ohne zu drängen. Dann erzählten sie vom Rektor Cabisius, daß er nun fast blind geworden sei, aber aus seiner reichen, inneren Welt heraus so viel sonniges, liebreiches Leben spende, und dann einiges von Gertrud selbst. Das heißt von dem, was sie arbeitete und las und ein weniges von dem, was sie drüber dachte und von dem sie meinte, daß es ihn beschäftigen könne. Und immer etwas, das ihm Mut machen sollte.

Aber wenn er die Briefe zum zweitenmal las, dann war es ihm, als ob jeder Satz etwas verhalte, etwas Unausgesprochenes. Als ob die rechte Hand geschrieben und die linke vorsichtig eine wunde Stelle beschützt hätte, die keine Berührung vertrage. Da senkte sich eine schwere, bittere Traurigkeit auf ihn. Er hörte die Betglocke auf dem Wiblinger Kirchenturm und sah die Lichter hinter den Scheiben brennen und wußte, daß er nach Hause mußte und konnte doch nicht.

Bitterlich kam da das Heimweh über ihn.

Viertes Kapitel

Als das zweite Jahr in München um war, bekam Georg die Nachricht, daß seine Schwägerin gestorben sei.

Da kaufte er sich einen schwarzen Filzhut, ein Florband um den Ärmel und eine Fahrkarte nach Hause.

Er war ihm um Franz. Der hatte ja doch niemand als ihn. Er empfand auf einmal mit Macht den starken natürlichen Zusammenhang mit ihm.

Aber als er ins Haus trat und in die Ladenstube, fand er da schon einige Leidtragende: den Müller Hensler und zwei schwarzgekleidete Frauen -- Lore und ihre Mutter. »Lore, du?« Sie ließ das Kuchenmesser, mit dem sie eben hantiert hatte, fallen und drehte sich rasch um. »Du -- o -- Georg -- wir hatten dich erst heut abend erwartet -- o --« Da umschlossen sie schon seine Arme. »Still.« War sie noch schöner geworden? In dem schwarzen Kleid sah sie so groß und schlank und vornehm aus. Da kam Frau Maute heran. Sie hatte eine breite Schürze aus Trauerkattun an und etwas aus schwarzem Krepp gemachtes auf dem Kopf und ihr Gesicht drückte eine Mischung von feierlichen, traurigen und angenehmen Gefühlen aus.

Sie war mit einem Plan hierhergekommen, den sie gleich nach der Beerdigung dem jungen Witwer zu offenbaren gedachte. Vorderhand zeigte sie durch die Tat ihre verwandtschaftliche Gesinnung für Franz, indem sie geschäftig hin und her ging, dem Müller Hensler einschenkte, die Blumenspenden der Wiblinger in Empfang nahm, hie und da eine Nachbarin in die Totenkammer führte, in der die junge Frau lag, die einst so rührig hier herumgewirtschaftet hatte, und indem sie hie und da ein Federchen oder Härchen sorgfältig von Franzens schwarzem Rock entfernte, das etwa daran hängen geblieben war.

Alle diese Taten vollbrachte sie unter vielen und mütterlichen Reden, die sie in etwas kläglichem Ton hervorbrachte, denn sie hielt denselben für am Platz und passend bei dieser Gelegenheit. Auch hatte sie für Zwei gerührt und bewegt zu sein, da Lore sich ganz natürlich und anmutig betrug als ein Wesen, das durch sein bloßes schönes und erfreuliches Dasein genug zum Trost der betrübten Menschheit beiträgt.

»Gelt, du wunderst dich, daß wir da sind?«

Sie lehnte sich an Georg und sah ihm in die Augen.

»Sag etwas; du bist ganz verstummt.«

Ja, er hatte sich im ersten Augenblick gewundert, wie man sich im Traum wundert, daß etwas plötzlich da sei, das man fern glaubte. Aber er war froh genug, daß sie da war.

Alles zweifelhafte, unruhige Denken, das ihn in letzter Zeit oft gequält hatte, wenn er an sie dachte, verstummte vor ihrer leiblichen Gegenwart.

Aber als er nicht gleich etwas sagte, hielt es Frau Maute für angezeigt, eine Erklärung zu geben.

Sie klopfte Franz, der im Großvaterstuhl saß, auf die Achsel.

»Wenn man so nah verwandt ist. Wir konnten ihn doch nicht im Stich lassen, -- jetzt. Hi hi.« -- Sie vergaß sich und lachte geschwind ein bißchen. Dann suchte sie schnell wieder den leidtragenden Ton hervor, nahm die Schürze vor die Augen und sagte hinter derselben hervor:

»Es ist vollends so schnell gegangen, man hätt's nicht gedacht. Vor ein paar Wochen, als Franz bei uns war« --

»Franz war bei euch?«

»Ja, hab' ich dir das nicht geschrieben?« Lore streichelte Georgs Hand. »Er war beim Doktor für seine Frau, da besuchte er uns natürlich.«

»Ja, wir haben die Verwandtschaft ein bißchen gepflegt,« sagte Müller Hensler behaglich, »nicht, Franz?«

Franz nickte. Er sah stark mitgenommen aus, trug sich etwas schlaff und machte einen älteren Eindruck, als es seine achtundzwanzig Jahre wollten.

»Müller Hensler war auch mit in Tübingen? Das habt ihr mir alles nicht mitgeteilt.«

»Ja du, du stecktest ja bis über die Ohren in deinen Arbeiten. Was hast du für Briefe geschrieben -- hu. Ich traute mich nicht mehr mit so kleinen Ereignissen an dich heran.« Lore machte ein trotziges Mäulchen. »Es ist nur gut, daß du endlich wieder einmal da bist.«

Da mischte sich Frau Maute wieder ein.

»Er hatte es schwer, der arme Franz. Es tat ihm gut, ein bißchen bei uns zu sein. Ich -- wenn man selbst Mutter ist -- aber nun wollen wir ihn wieder herauskriegen.«

»Mutter,« sagte Lore, »da kommt jemand mit einem Kranz.« Da enteilte sie und man hörte von draußen herein ihre klägliche Stimme, mit der sie irgend eine Teilnahmsbezeugung quittierte.

* * * * *

Wenn jetzt Jungfer Liese dagewesen wäre. Wenn sie jetzt wieder Schlüsselbund und Geldtasche an sich genommen hätte, sie, die Getreue, die so ungern ihre beiden Franze, den alten und den jungen, aus ihrer Obhut entlassen hatte.

Aber sie war nicht mehr da, um die alten Pflicht- und Würdezeichen an sich zu nehmen. Da mußten sich andere Leute dazu bequemen, und das taten sie auch. Man muß es ihnen lassen, daß sie es äußerst bereitwillig taten.

Es war je länger je mehr mit Hängen und Würgen gegangen, sowohl was die Putzmacherei als die möblierten Zimmer betraf. Sie waren zu nichts gekommen und es hatte nirgends recht hinreichen wollen. Dazu kam, daß Lore nicht mehr recht Lust hatte, in Tübingen zu sein.

»Ach, es wächst immer wieder so junges Gemüse daher, was will ich davon? Ich wollte, Georg machte voran.«

Ja, das hätte Frau Maute auch gewollt.

Als Georg, etwas später als die andern, denn er hatte die bekannten Gräber besucht und an Frau Judiths Grab Meister Nössel getroffen, -- als er vom Kirchhof zurück kam und in die Ladenstube trat, wo alle um den Kaffeetisch saßen, verstummte ein lebhaftes Gespräch, das sie soeben geführt hatten.

»Sag's ihm, Franz.« »Nein, du.« »Nein, ich,« sagte Lore und machte ihm an ihrer Seite Platz.

»Was würdest du dazu sagen, wenn wir hier blieben, die Mutter und ich?«

»Man kann doch Franz nicht im Stich lassen. Er muß doch jemand haben.« Das sagte Frau Maute. »Und da du wohl doch noch nicht so schnell Hochzeit machen kannst, so dachten wir,« sie brach ab und sah ihn erwartungsvoll an.

Wie merkwürdig das alles war. Eben noch dort draußen der eisgraue Mann, Meister Nössel, der ein ganzes Stück seiner Kindheit und Jugend in ihm wachgerufen hatte, dann im Heimgehen die alten Gassen und Häuser, unter den Akazien Mütter mit Kindern -- mit den Müttern hatte er selber als Kind gespielt -- nun hier in seinem Vaterhaus, in der alten Ladenstube, wo noch die beiden Edelleute an der Wand hingen, wie vor Zeiten, dieser Kreis von Menschen, niemand neues dabei, nur so neuartig zusammengeschlossen.

Franz, der nur zwei Jahre älter war als er, saß da als Witwer, hatte schon alles erlebt, was in ein Menschenleben herein gehört, was wollte er nun noch?

Und Lore, seine Lore, die sollte hier daheim sein, indes er draußen war? Und ihre Mutter sollte hier schalten?

Frau Maute im Ehrenspergerhaus? Wie merkwürdig.

Er fand nicht gleich eine Antwort, er sah fragend von einem zum andern.

Der Müller Hensler saß neben Frau Maute und sah sehr einverstanden aus.

»Jetzt wird's wieder gemütlich hier,« sagte er. »Jetzt werden wir wieder jung miteinander. Mach voran, Musikante, dann kommst du auch dazu.«

»Ja, mach voran.« Das sagte auch Franz. Er hatte den schwarzen Rock ausgezogen und saß in Hemdärmeln da. Es war mühselig und traurig zugegangen in seinem Leben die letzten Jahre her. Er hatte seiner Frau alle Erleichterung und alle Pflege angedeihen lassen, die sie sich nicht selber als zu teuer verbat. Er glaubte sich nichts vorwerfen zu müssen. Jetzt, glaubte er, dürfe er ein wenig aufatmen.

»Platz hat's genug,« sagte er. »Ihr könnet im Oberstock wohnen, heißt das, den Tag über gibt's genug zu tun so unten herum. Da ist die Wirtschaft und der Laden und die Küche, und --«

»Und der Krautgarten und das Baumgut,« sagte Lore und lachte. »Heidi, das gibt ein Leben. Dauert mich nur mein alter Riedesel in Tübingen, sonst kein Mensch. Und derweil macht mein Herr Musikdirektor seine wunderbaren Sachen fertig, von denen kein Mensch etwas rechtes erfährt, und dann -- -- jetzt mach #du# weiter, Georg.«

Da sahen sie alle auf ihn.

Und dann? Er saß da und sah vor sich hin.

Es war ihm auf einmal, als ob er nicht daher gehöre. Gar nicht in diese Stube und in diesen Kreis. Er hätte allein mit Franz auf das Baumgut gehen mögen, wie in Kindertagen und eine Weile mit ihm von ganz harmlosen Dingen reden, oder allein mit Lore in den Wald gehen. Er hatte ihr so viel zu sagen, so viel. Er konnte es nicht hier tun, vor allen, er konnte es nicht.

Er sah sie bittend an: »Kommst du ein wenig mit mir?«

Aber sie merkte es nicht. Oder wollte sie nicht?

»Du, Georg,« sagte sie, »die Mutter hat erfahren, daß man fürs Komponieren fast gar nichts bekomme. Man möge noch so schöne Sachen hinbringen. Sag, ist das wahr? Du kannst dir denken, daß ich keinen schlechten Schreck gekriegt habe. Aber du verstehst es wohl besser, gelt? Du mußt ja wissen, worauf es hinausläuft. Sag.«

Und alle sahen ihn an und wollten wissen, »worauf es hinauslaufe«. Das war so natürlich -- so natürlich. Aber es wandelte ihn dennoch die Lust an, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen aus innerem Grimm heraus. Er mußte sie im Sack ballen, daß er es nicht tat. Sie hatten ja doch ein Recht, zu fragen. Aber wie tausendmal er sich selber schon gefragt hatte, das wußten sie ja nicht.

Er atmete schwer. »Ich habe mit dir davon reden wollen, Lore,« sagte er endlich, da sie ihn alle ansahen.

»Du kannst nicht sagen, du wissest nichts von dem, was ich schaffe, ich habe es dir immer geschrieben.