Alle guten Geister...: Roman

Part 25

Chapter 253,960 wordsPublic domain

»Und mit dem hellen Licht, das er in die Nacht hineinwirft mit seiner Hand, -- es fährt durch die ganze Welt, schneller als Wind und Wolken, viel schneller, -- da, habt ihr's gesehen? -- damit leuchtet er in alles Dunkle hinein und grüßt uns: Nun seid still. Das bin ich. Ich kenne euch alle, ich weiß von euch allen. -- Seht ihr? So ist das. Da ist nichts zu fürchten.«

Da waren sie zufrieden. Das durfte der liebe Gott wohl. Er leuchtete stark in die Kammer herein; eigentlich tat man am besten, die Augen zuzumachen. Dote Gertrud war ja da, die konnte über alles Auskunft geben, was die drei Entenmänner betraf. Ernst, Leonhard und Gotthilf hießen sie, und drunten war noch ein kleiner Bruder namens Johann, den die Mutter immer Hanselmann nannte. Der liebe Gott würde aber wohl den rechten Namen wissen wollen. Auch redete er nun schon ein wenig leiser. Es war aber dennoch gut, den Kopf noch eine Weile unter der Decke zu lassen. Was mochte es sein, daß er so laut in die Welt hinein rief? »Dote Gertrud!« Aber sie gab keine Antwort mehr. Sie hatte selber zu horchen. Sie strich leise mit der Hand über das blonde Haar, das an ihrer Brust lag, aber ihre Augen sahen in die Weite. Wer will die Gedanken anhalten, die mit den Wolken fliegen, über die Berge hin, ins weite Land hinaus? Suchten sie einen, der dort war, etwa in der Richtung der Tannengruppe auf dem Bühel, die jetzt eben in hellem Lichte stand, nur weit, weit dahinter? Was mochte er jetzt tun? Wie mochte es ihm ergehen? Es trieb ihr etwas unruhig das Herz um. Er hatte dieser Tage geschrieben, an den Großvater und sie miteinander; er vermißte sie, bat um Briefe, es ging kein froher Ton durch sein Schreiben hindurch.

Gertrud konnte den Brief fast auswendig. Es stand auch von Lore darin. »Habt sie lieb um meinetwillen. Gertrud, du, besonders du. Du bist immer meine Schwester gewesen, mein ganz guter Kamerad. Bleib es uns beiden. Du bleibst es doch? Ich -- ach es ist von weitem schwer zu sagen, ich wollte, ich könnte einen Abend bei euch sitzen. Auf der Truhe, auf meinem alten Platz.«

Ach, wie sollte sie das machen? Wie konnte sie ihm eine Schwester sein? Das war sie nicht. Nein, sie hatte Lore nicht lieb, sie konnte sich nicht helfen. Kam es nun wieder? Hob der Schmerz aufs neue sein Haupt?

Hilflos sahen ihre Augen in das Blitzen und Wettern und Toben hinein.

»Ich will ja. Ich will wollen. Es ist, als ob ich in Nesseln griffe, so weh tut das. Aber worum er mich bittet, das muß ich tun. Ich -- ich will es versuchen. -- -- --«

»Du Starker, Gewaltiger, Großer, nein, ich will mich nicht vor dir fürchten, so hart du hereingreifst in mein Leben. Was willst du aus mir machen? Du mußt es wissen.«

Wie die Wolken flogen vor seiner Hand, wie er allem auf den Grund leuchtete mit seinem Blitz, wie sein Sturmwind alles Schwüle, Schlaffe, Weichliche hinausfegte!

»Und hältst doch die Welt an deinem Herzen. Das mußt du, aus dir selbst heraus mußt du das. Du hast sie gemacht. Auch mich. Ein Recht haben wir an dich. Du mußt uns Leben schaffen, denn du riefst uns.«

Schwächer rollte der Donner, fernehin zog er und verhallte, leise fing es an zu regnen und hörte bald wieder auf und es wurde stiller. Es war, als ob jemand dem geschlagenen Kind, der Erde, die Tränen abtrocknete, und zu dem Donner und dem Wind sagte: Nun ist es genug, nun laß sie schlafen. Fernehin zogen die Blitze, ein paarmal noch zuckte es auf, drüben am Horizont; es war, als würde das Licht weiter getragen, um nun in eine andere Kammer zu leuchten. Zwischen den Wolken hervor drängten sich ein paar Sterne, stille, friedlich brennende Lichter der Nacht: Nun schließt getrost die Augen, ihr Menschen, nun sind wir da und wachen.

Tiefe, lange Atemzüge. Gertrud kam mit ihren Sinnen in die Kammer zurück und wurde gewahr, daß Leonhard schwer in ihrem Arm lag und die Augen geschlossen hatte und schlief, und daß die beiden Brüder, drüben in dem großen Bett, auch schliefen. O, ihr Kinder. Sie mochte sich nicht rühren. Wie warm und traut war es, die Ärmchen um den Hals zu fühlen, wie tief und friedlich kam der Atem aus der kleinen Brust herauf. Aber nun machte sie sich doch leise los. »Bleib bei mir,« das kam aus tiefem Schlaf heraus, dann ein Seufzer, nun lag der Blondkopf auf dem Kissen und schlief weiter.

»Es ist doch schön, wenn jemand 'bleib bei mir' sagt, und wenn es auch nur ein Kind ist. Und wenn es auch nicht meines ist. Ich will gehen und Frau Lieselotte gute Nacht sagen, und will ihr sagen, daß ich mich um die Kinder, -- ach nein, ich will ihr nichts sagen, sie soll gesund werden und ihren Reichtum behalten; heimgehen will ich und den Großvater pflegen. Wer ist so gut und liebreich, wie er? Und will für ihn -- für Georg will ich --«

Da dröhnte das Treppchen von Vater Entenmanns schweren Tritten. »Still, sie schlafen alle. Ich komme. Das war ein Wetter. Aber nun ist es vorüber.«

»Ich wollte längst nach euch sehen, aber ich konnte nicht abkommen. Das Kleine schrie, und die Frau brauchte mich. Es ist ein Leid, Gertrud; sie trug uns alle, so lang sie gesund war, es gibt keine so frische, heitere Frau mehr wie sie. Nun liegt sie so da.«

»Sie trägt euch noch immer; sie hat Mut und Vertrauen, das ist es; das hat sie auch jetzt noch. Sie weiß, daß es uns nicht ziemt, Ihm Vorschriften zu machen, wenn wir's uns auch freilich manchmal anders wünschen, als es kommt. Ich wußte nicht, was an ihr ist, ich weiß es erst, seit sie krank ist.«

Er ließ den Kopf sinken. »Es ist nicht leicht. Und dann das Wetter heut abend. Das ist so ungewöhnlich um diese Zeit. Er bedeutet sicher etwas Schlimmes. Es ist nicht genug an dem, was schon ist, es muß noch mehr kommen. Die Wolken hingen so tief herunter, fast zum Fenster herein. Um den zweiten Advent, Gertrud. Was sagst du dazu?«

»Was ich sage? Wir sollten es machen wie die Kinder. Du solltest sie schlafen sehen. Unter Blitz und Donner sind sie eingeschlafen, weil ich sagte, es sei nichts zu fürchten. Was wissen wir von Zeit und Unzeit? Ich glaube nicht, daß etwas zur Unzeit über uns kommen kann. Wenn wir das sicher wüßten, dann bedeutete alles etwas Gutes.« Er mußte sie ansehen. Als er ihr die Treppen hinableuchtete und der Strahl seines Lämpchens ein paarmal ihr Gesicht traf, staunte er, wie es ernst und doch froh war, und wie sie den Kopf und die ganze Gestalt aufrecht trug, hoch und sicher, und doch so warme, kindliche Augen hatte.

»Ein wenig besonders war sie immer, aber nicht so wie jetzt. Schön kann man sie nicht heißen,« -- Konrad Entenmann, Flickschuster und Nachtwächer, hatte so gut wie andere Leute seine besondere Anschauung über die menschliche Schönheit, -- »das nicht, aber es ist etwas an ihr. Ich weiß aber nicht, was es ist.«

Er wußte nicht, daß die Freude an ihr Herz getreten war und es leise angerührt hatte. Die rechte, echte Freude, die nichts bringt, als sich selbst, die an das Leben glaubt und in sich selber Teil daran hat, obgleich sie nichts zu besitzen scheint, die aus ewigen, unversieglichen Quellorten kommt. Noch war sie zaghaft und still, noch stritt das Heer der dunklen Geister um den Vorrang. Aber zuweilen stieg sie aus dem Grund der Seele empor und trat bis in die Augen, da kam ein warmes Leuchten hinein. Da freute sich, wer hineinsah; wie sich einer freut, der im Tal wohnt, wo noch die Schatten liegen und der hoch am Berg ein Fenster aufblitzen sieht wie von Feuer, weil die ersten Sonnenstrahlen darein geflogen sind.

Drittes Kapitel

»Streck dich nach vorn aus allen Kräften -- im Zeitstrom, der vorüberrauscht -- vorüberrauscht, vorüberrauscht -- klapper, klapper -- nun standen die Räder. Eine hohe Halle, ein Menschengetriebe, ein Sausen und Brausen von der großen Stadt her, ein einsamer Mann, der aus dem Wagen stieg und sich hineinwagte in den »Zeitstrom, der vorüberrauscht.« Fest und still sah sein Gesicht aus. Nun galt es; es galt, Ernst dahinter zu setzen. Das wollte er auch und nichts anderes. Aber da fiel es ihm ein, daß ja doch sehr viel schöne Dinge, helle, lichte Wellen in diesem Zeitstrom seien. Darüber mußte er sich ja doch wohl freuen dürfen. Also Kopf hoch und die Arme gereckt: komm her, du reiches Leben.

Nun mußte zuerst eine Wohnung gesucht werden. Er hatte bisher immer in engen Gassen gewohnt; man denke an Frau Mollenkopfs Stube, und dann in Tübingen. Diesmal nun sollte es aber etwas anderes sein. Da geriet er in ein Prachtsgebäude, er mußte allen Mut zusammennehmen, um den Hausmeister zu fragen: Hier sei ein Zimmer mit gutem -- vorzüglichem stand auf der Wohnungsliste -- Klavier zu vermieten? und wohin er sich da begeben müsse? Der Hausmeister führte ihn in den dritten Stock. Frau Amtsgerichtssekretärswitwe Habermaas. Glänzende, polierte Treppen, dicke Läufer darauf, farbige Scheiben in den Treppenfenstern. Das Zimmer oben, das zu vermieten war -- rote Plüschmöbel, große Öldrucke in breiten Goldrahmen, hohe Alabastervasen mit künstlichen Sträußen links und rechts von dem geschliffenen Spiegel, der diese Pracht widerstrahlte. Die Dame sehr majestätisch, dick, so um die vierzig herum, hatte lockig frisiertes Haar, eine Schmelzgarnitur auf der Brust, eine goldene Brille auf. »Ah, Musiker, angehender Künstler? Das trifft sich« --. »Bitte, nein, so dürfen Sie nicht sagen.« Aber es war nicht aufzuhalten, Georg mußte erfahren, daß die Dame »nahe daran« gewesen sei, sich gleichfalls »dieser Laufbahn« zu widmen. »Welcher Laufbahn?« fragte Georg, aber sie sprach schon weiter. Ebensogut hätte er den Uracher Wasserfall aufhalten können. Das sei ausgezeichnet; der Herr könne versichert sein, daß sie -- Verständnis und so weiter. Er wagte nicht, das Zimmer nicht zu nehmen, er nahm es. Aber es war ihm wind und weh darin. Als sie ging, wurde es besser. Er sah aus dem Fenster. Da unten wogte der Menschenstrom vorbei; es klingelte, tutete, schwirrte, es fuhr mit Wagen, Straßenbahnen, Rädern; eine Abteilung Militär ging vorbei, da, schräg hinüber über den Platz, da war ein Schilderhaus, ein Posten wurde abgelöst, weiter. Ein großer Brunnen ließ vielstrahlig seine Wasser springen, schön abgezirkelte Blumenbeete rings herum, Sonne lag darauf. Irgend etwas rauschte wie von ferne; das war aber wohl in seinem Kopf, -- »im Zeitstrom, der vorüberrauscht.«

Er wandte sich nach innen. Das Klavier war gut, das war die Hauptsache. Die Öldrucke hätte er gern von der Wand genommen, aber das wagte er doch nicht. Die Dame war so überaus imposant, so liebenswürdig sie auch war. Sie kam wieder und fragte nach seinen Wünschen. Dann: »werden Sie wohl Stunden geben? Singstunden? Nein? Ah, Sie studieren noch. Wäre es unbescheiden, zu fragen, was Sie --«, mit sechs Fragen hatte sie alles aus ihm heraus. Er war machtlos, er mußte es sagen, wonach sie fragte. Theologie studiert? und umgesattelt? was, um zu komponieren? -- eine ehrfurchtsvolle Neigung des Kopfs und der Schultern, dann ein neckisches Lächeln: »Der Herr ist noch nicht verlobt, da kann man schon« --. Er hätte sie hinauswerfen mögen, aber er sagte mit innerem Zähneknirschen: »Doch, ich bin, das heißt, beinah,« er stotterte. Wieder das Lächeln; als verstehe sie alles von ferne. »Aha, und das hängt dann wohl mit dem Wechsel zusammen?« Da stieg ihm der Grimm doch bis in den Hals. »Ich bin evangelisch,« sagte er grob. »Bei uns können die Pfarrer heiraten. Sie sind wohl katholisch?«

Sie sah ihn wieder lächelnd an. »Der Herr hat eine Künstlernatur, das flammt leicht auf. O, ich verstehe.«

Wenn sie doch nur irgend etwas nicht verstanden hätte. Aber sie verstand alles. Es war zum davonlaufen. Und das tat er auch. Das war das erste, was sie nicht verstand, als er nach einem Monat umzog. Aber sie faßte sich. »So sind die Künstler. Immer Veränderung. Der Herr will in eine einfachere Gegend ziehen? Ah, ich verstehe, es ist wegen der Stille. Ja, still ist es hier, in der Mitte der Stadt, nicht. Das versteh' ich so gut.«

Da konnte er ja ruhig gehen. Er hatte bereits eine neue Stube gefunden. Draußen lag sie, am Rand der Theresienwiese, vier Stock hoch, frei, still und mit einem weiten Blick über das Isartal hin, bis ans Gebirge. Einfache Möbel, aber sauber, einfache Leute.

Die Hausfrau fand er, als er kam, in dem Gemüsekeller, von dessen Ertrag sie lebte, umgeben und umhangen von Rot- und Weißkraut, Zwiebel- und Knoblauchkränzen, Rettichen, Tomaten und allerhand Rüben. Da saß sie, rund, rot und frisch glänzend, wie eine Schnecke in einem Salatboschen und strickte an einem Strumpf. Viele Worte verlor sie nicht. »Emerenz,« sagte sie und drehte den Kopf ein wenig, »Emerenz, zeig dem Herrn den Weg. Er hat das Zimmer gemietet.« Da fand es sich, daß noch ein lebendes Wesen in dem Raum war, sozusagen ein junges Schnecklein, das in einer andern Falte des Salatboschens gesessen war.

Es war ein schmales, schlankes, bräunliches Ding von vielleicht elf Jahren, hatte das Ende eines schwarzen Zopfs im Munde und ergriff einen Schlüsselbund. Mit diesem rasselte sie einladend.

Dann stiegen sie mitsammen hinauf.

Als sie oben waren, steckte der Schneider, der auf dem gleichen Boden wohnte, den Kopf heraus. »Na, Emeritz, vermietet?« Sie lachte vergnügt. Sie war nicht im mindesten scheu. Das Zimmer war zwei Monate leer gestanden und daran hatten ihre Freunde, die Schneidersleute, teilgenommen. Das war eine Sache von Wichtigkeit. Der neue Herr war hier nicht so beklommen, wie bei Frau Habermaas. »Emeritz, sagen Sie?« »Ja.« Der Schneider lachte. »Ist sie nicht grad so 'n Vögelchen? Ich streu' den Emeritzen den ganzen Winter Futter hinaus, da kommen sie immer an mein Fenster. Aber ich sag' sie ist auch so. Sie ist so leicht und flink und hüpft so und hat so schwarze Augen, alles wie ein Emeritz. Ha ha.« Dann schlug er die Tür zu, machte sie aber gleich nochmals auf: »Wünsch' gute Angewöhnung.« Ja, das kam dem neuen Herrn selbst so vor, als ob er sich gut angewöhnen würde. Emerenz war schon drin. Sie ging auf knarrenden Stiefelsohlen, deren Musik ihr offenbar Vergnügen zu machen schien, hin und her, tat rasch und leicht die kleinen Dienste, die der Einzug verlangte. Dann nahm sie den gläsernen Wasserkrug und ging, ihn zu füllen. Krach, flog die Stubentür und dann die Glastür zu. »Das,« dachte der neue Herr, »muß ich ihr abgewöhnen.« So, schon wieder erzieherisch? Er mußte lachen, als es ihm einfiel. »Ich hätte Schulmeister werden sollen.« »Ja, das kannst du ja noch. Du kannst ja nun Musiklehrer werden,« sagte sein Inneres. Aber da schüttelte er sich. Sein eigener Musiklehrer fiel ihm ein, ein ganz feiner, vornehmer Musiker; der war zerschunden und verbraucht vom Stundengeben. Immer wieder von vorne an, Tonleitern und Fingerübungen. »Nein, das könnte ich nicht.« Das sagte er laut. Er wußte ja, was er wollte, zuerst und vor allem komponieren. Damit hatte er ja schon begonnen. Aber ob es damit allein ging? -- »Ach, zum Donnerwetter, muß denn immer irgend ein Zweifel sein?« Da ging er ans Klavier und öffnete es. Noten hatte er noch nicht da, aber das tat nichts. Er mußte sich nur ein wenig Luft machen und mitten in den breiten Akkorden, die er versuchsweise anschlug, kam ihm eine kleine, hüpfende Melodie zwischen die Finger. Er mußte lachen. Das war Emeritz. Er beschloß, sie auch so zu nennen, der Name gefiel ihm. War sie nicht mehr da? Doch, da stand sie, mitten in der Stube, und horchte. »Hör einmal. Weißt du, wer das ist? Das bist du.« Da riß sie die Augen mächtig auf. »Ich? bin ich denn im Klavier drin?« »Ja, du, da ist die ganze Welt drin, die will ich nach und nach herausholen.« Ha ha. Der neue Herr, das war ein »gspassiger«. »Ist denn die Mutter auch drin? und der Schneider? holen S' den auch einmal heraus.«

Da holte er den auch. Er war ein großer, starker Mann, mit einem Körper wie ein Schmied, aber mit einer weichen, hohen Stimme und einem Schelmengesicht, grauem Haar und Stoppelbart. -- Sieh, da schritt er über die Tasten, schweren Schrittes und stolperte ein wenig, -- »ist sie nicht wie ein Vögelchen?« sagte er. Emeritz war außer sich vor Vergnügen. Das konnte lustig werden. Wupp, war sie draußen, knallte die Tür zu, dann hörte Georg sie drüben. Der Schneider wohnte Wand an Wand mit ihm. Sie redete eifrig. Dann kamen verschiedene Schritte, schwere und leichte. Und als es klopfte -- herein -- da stand Emeritz und lud mit einer Handbewegung ein. »Das gibt ein Gaudi,« sagte ihr Gesicht. Da stand der Schneider und zwei Buben drängten sich neben ihm in der Türöffnung, und hinter ihnen sah ein dünnes, spitzes Gesicht hervor. Was? Die Spitalbäbel von Wiblingen? Nein, doch nicht. Aber so ähnlich. Jungfer Roggenbart, die Patin der Buben; sie hielt ein zerrissenes Hemd in der Hand und hatte den Fingerhut auf. Sie war am Flicken.

Na? Georg war doch etwas überrascht. Fing das so an? Das war doch ein wenig --. Aber da sah er, wen der Schneider in den Armen hielt. Ein Bübchen, so um sechs oder acht Jahre herum, blaß und elend, der Kopf lag an des Vaters Brust und die Augen, -- weitoffen und glanzlos -- er war blind.

»Ach, verzeihens, aber die Emeritz, ha ha, sie hat gesagt, -- es ist aber doch gar zu keck, -- der Herr, der hole uns alle aus dem Klavier heraus. Ha ha. Da hab' ich gedacht -- der Bub, der Theodor, das ist sein Leben, wenn er Musik hört. Er ist mein Jüngster und das Weib ist gestorben.«

Ja, natürlich durften sie hereinkommen. Sie sollten nur alle Platz nehmen, das sei dann die Einweihungsfeier. Da kamen sie, Jungfer Roggenbart machte tausend Komplimente, schließlich aber saß sie auf einem Stuhl und versuchte sich noch dünner zu machen, so, dachte sie, nehme sie wenig Platz weg.

Aber dem Herrn war es nun plötzlich nicht mehr um eine Spielerei zu tun. Das blinde Kind, und dann die kleine Gemeinde, die da so selbstverständlich saß, war das ein Zeichen, daß er nun dennoch den Geringen, Armen dienen solle, er mochte tun, was er wollte? Es schien ihm plötzlich so. Den Kindern an Jahren und den Kindern am Gemüt. Wie hatte er, damals im Wald, zu Lore gesagt? »Auch die Kunst hat ein Priestertum. Auch sie vermittelt das Göttliche an die Menschen.« -- O du Pfarrer, hatte Lore gesagt.

Da nickte er ihnen rasch zu, warm und freundlich, und spielte ihnen vor, was ihm einfiel, eine Haydnsonate, und dachte nicht, daß sie das am Ende nicht verstehen könnten. Als er sich einmal flüchtig umsah, sah er in andächtige Gesichter und spürte einen guten Geist des Aufhorchens, der belebte ihn sehr und er nahm mit ihnen die kinderreinen Töne in sich hinein.

Sie sagten nichts, als er geendet hatte, aber er sah, daß ein feiertägiges Gefühl in ihnen war und daß das blinde Kind ein feines Rot auf dem Gesicht hatte, das ging spielend auf und ab und bis unter das blonde Haar. War es etwa nichts, ein solches Rot der Freude in ein solches Gesicht zu bringen? Ja, das konnte er fühlen: dies war ein guter Anfang. Möchte er nur immer so offene Zuhörerschaft haben, auch wenn er etwas Eigenes zu geben hatte.

* * * * *

Sie gaben ihm viel damit, daß sie von ihm nahmen.

Wenn ein schwerer, reicher Mensch seine Fülle mit sich herumträgt: Gedanken und einen Widerhall von der großen Weltharmonie, dann kann ihm nichts Besseres widerfahren, als daß eine hungrige Menschenseele -- oder ihrer etliche -- sich, bereit und herzlich willig zum Empfangen, vor ihn hinstellt: Nun tu dich auf und laß regnen, denn ich bin ein dürres Land, das des Segens bedarf.

O, wer von uns fordert, der gibt uns überschwenglich viel. Gemeinschaft gibt er uns, und Teil an der Menschheit, deren Glied wir sind, und Teil am Leben, dessen Kind wir sind. Das alles geben sie ihm, der vergeblich versuchte, mit Seinesgleichen Verkehr, verstehenden Umgang zu pflegen.

Nach den Besten unter denen, die mit ihm desselben Weges gingen, verlangte es ihn je und je. Aber es war wohl seine Art so, sein Schicksal oder wie man das nennt: er konnte sich gerade ihnen nicht aufschließen.

Er hatte gedacht in das gelobte Land der Gleichstehenden, Gleichempfindenden zu kommen, als er nach München ging. Da spukte noch das Bild herum, das ihm Hollermann einst gezeichnet hatte: ein aufgetanes Tor, durch das sie alle schritten, bärtige Männer und Jünglinge. Und alle, alle machten Musik. Den ganzen Tag nichts anderes.

Ja, Musik. Aber er war in seinem Leben noch nicht so allein gewesen, als gerade unter ihnen. Das lag wohl an ihm selbst. Aber darum war es doch so.

Er nahm ein paarmal einen Anlauf.

Einmal, im Winter, fing er an, sich, schüchtern zuerst, dann nach und nach mutiger, an einen Lehrer anzuschließen. Der war ein feiner Musiker und ein feiner, verstehender Mensch, der ermutigte ihn und lockte allerlei Zutrauliches und allerlei von dem, was ihn schaffend bewegte, aus ihm heraus. Zweimal besuchte ihn Georg; das dritte Mal wurde er abgewiesen. Der Professor lag krank: überreizte Nerven. Dann reiste er ab, irgendwo nach dem Süden für längere Zeit. Da war Georg wieder allein.

Einmal faßte er sich ein Herz und lud drei Mitstudierende in sein Zimmer ein. Emeritz machte die Hausfrau und trug das kalte Nachtessen auf. Nachher saß sie auf einem Schemel und hörte zu. Ihr Herr spielte wunderschön, sie wußte, daß er das selber gemacht habe, was er spielte. Es wäre vielleicht besser gewesen, er hätte nur einen eingeladen, oder wenigstens nicht den großen, rotbärtigen Schweizer dazu, der mit gekreuzten Armen am Fenster stand und so merkwürdig lächelte. Aber gerade zu dem hatte er so einen besonderen Zug. Er fühlte aber wohl seinen Blick auf sich ruhen, so überlegen oder wie es war. Denn er verwirrte sich, fing an, zu hasten, um fertig zu werden, spielte schließlich so seelenlos, sprang dann auf: Ich bin nicht in der Stimmung, es geht nicht. Dann, unter dem Zwang der ruhig-verwunderten Blicke des Schweizers nahm er sich zusammen und spielte zu Ende.

Nachher, als sie fort waren, -- sie hatten noch heftig gestritten -- saß Georg am Tisch und sah stumm vor sich hin. Emeritz ging hin und her, räumte ab, blieb wieder wartend stehen. Dann sagte sie: »Heut hab' ich was gesehen, was Feines.«

»So? Was denn?« Er sagte es gleichgültig.

»Halt eine Prinzessin in einem rotseidenen Kleid, wissens, drüben in dem Wachsfigurenkabinet. Sie kniet am Boden und ein Räuber steht vor ihr und will sie totschlagen. Sie sieht dem Fräulein Lore gleich, bloß daß das Fräulein Lore lacht und die Prinzessin lacht nicht.«

Das hätte ein andermal gezogen. Sie führten hie und da Gespräche über Lore, deren Bild auf einer braunen Holzkonsole stand, Freude und Lebenslust in den Augen, Sonne in dem ganzen Gesicht.

Heut sah er nur flüchtig auf. Wie konnte man so strahlend aussehen?

Also das war nichts gewesen.

»Der Theodor hat eine Mundharfen 'kriegt,« setzte Emeritz wieder an. »Er hat gern blasen wollen, so arg gern. Er kann sie aber nicht halten, seine Händ zittern so. Jetzt weint er und hat doch keine Augen. Armer Tropf du, hat der Schneider zu ihm gesagt.«

Da stand er auf und holte das Büblein herüber. So tat er hie und da. Er gab ihm ein Lied und lehrte es zuhören und freute sich, wenn er das lichte Rot der Freude entstehen sah und es störte ihn nicht, wenn ein paarmal die Tür knarrte und noch eins hereinkam. Er, der die reiche Welt hatte ans Herz nehmen wollen, war froh, wenn er ein paar Menschen fand, die er an der Hand nehmen und sie an den »Zeitstrom, der vorüberrauscht« führen konnte: »Da, hört ihrs? nun horchet mit mir hinein.« Und obgleich sie nichts von der Kunst wußten oder verstanden, empfingen sie doch eine Ahnung von dem großen Rauschen, das unter der Oberfläche hingeht. Das war ja auch etwas.

* * * * *