Part 24
Die gaben das Tagewerk des stillen, feinen Mädchens. Jetzt ruhten ihre Hände. Es war halb dunkel in der Stube, nur das weiße Gesicht mit den dunkeln Augen hob sich, da es dicht neben dem Fenster am Holzrahmen lehnte, lebendig heraus. Da kam Gertrud herein, nicht so rasch und lebhaft, wie sonst, schon ein Erlebnis, eine Mitteilung auf den Lippen, sondern ein wenig zögernd und still, und setzte sich auf einen Stuhl und fing nach einer Weile ein gleichgültiges Gespräch an. Aber sie verstummte wieder bald, und holte sich einen kleinen Holzschemel, und ließ sich darauf nieder, und barg ihr Gesicht in Veronikas Schoß.
Die legte ihre Hände still auf das volle, dunkle Haar und strich sachte darüber, und nach einer Weile hob Gertrud den Kopf ein wenig und sagte leise: »frag mich nicht. Ich sag dir's, wenn ich kann. Nicht jetzt.«
Nein, Veronika fragte nicht.
Aber sie wußte, daß nun die Stunde für sie gekommen sei, nach der ihr wacher Geist oft gefragt hatte, wann die Tage kamen und gingen, eine unabsehbare, stille Schaar, die sich an den Händen faßte und einander so gleichsah, so verzweifelt gleich: Wozu bin ich? Bin ich nur für mich? Ist niemand, der meiner bedarf? Sie wollte ihren Teil an den andern und nicht nur empfangend, nehmend #und# gebend begehrte ihr reiches Wesen in die Reihen der Lebendigen zu treten.
Ihrer Mutter, das wußte sie, war sie eine Last. Eine geduldig getragene, aber dennoch eine Last; sie konnte dem müdgeschafften Weib, wenn es spät abends heimkam, so wenig mehr sein. Es brauchte nur Ruhe und seinen kargen Schlaf, war es nicht ein rechtschaffenes Kreuz, nun auch noch die Tochter versorgen zu müssen? Was aber das Mädchen zu geben hatte in seiner stillen, feinen Art, dafür war sie wohl zu stumpf geworden in den harten Arbeitsjahren.
Einmal hatte Veronika Worte für das gefunden, was ihr Leid und ihre schwere Fülle war. Es hatte sich ihr zu einem Lied gestaltet und als sie es mit den ungefügen Fingern mühsam niederschrieb, fühlte sie sich einigermaßen erleichtert. Hier ist es:
»Quillt im Wald ein tiefverborgner Bronnen Rieselnd kommen seine klaren, hellen, Aus dem Felsgestein entsprungnen Wellen Zwischen Moos und Farren hingeronnen.
Keiner weiß es, und die Wasser quillen Immer fort aus nie erschöpften Gründen. Wüßt ein Durstiger den Quell zu finden, Ein unendlich Dürsten könnt er stillen.
Rauscht der Wind wohl in den hohen Buchen, Landwärts trägt er eine leise Klage: Und so rinn und rinn ich alle Tage; Will denn keiner meine Fluten suchen?
So ein Born aus ungeseh'nen Meeren Füllt mein Wesen, füllt es bis zum Rande, Und ich trag' sein Wallen durch die Lande. Leise fragt's: wem soll die Flut gehören?«
Das Lied hatte sie damals nach langem Zögern und Besinnen Gertrud gezeigt, aber die hatte keine rechte Antwort darauf gehabt. Sie wußte, wem ihre Flut gehöre. Nun war es anders. Bei beiden war es anders, als damals.
»Sag, Veronika, wie erträgst du dies Leben hier? Brennt es nicht in dir, daß du aufspringen möchtest, und irgendwo eintreten, in irgend eine Lücke, die sonst niemand -- ach, Veronika.«
Wie sie es ertrug? Fingen nicht die Wände an zu reden von der großen Sehnsucht, die sich in dem kleinen Raume barg, und von dem Leben, das ganz still und unaufhaltsam hier erwuchs, einer Kellerpflanze gleich, die sich nach dem Lichte streckt?
Es war vollends dunkel geworden. Aber draußen stapfte der Laternenanzünder über das holperige Pflaster. Sein Lichtlein glomm an den Fenstern vorbei, nun ein leises Klirren an der Laterne schräg gegenüber, dann fiel ein heller Lichtstreifen hier herein auf ein angstvoll fragendes Gesicht, das sich wartend emporhob, und auf ein anderes, das vom Widerschein einer inneren Freude erhellt war.
»Doch,« sagte Veronika, »es brennt manchmal. Aber nun nicht mehr so wie früher.«
Sie schwieg eine lange Weile. Dann sagte sie leise: »Ich möchte es dir recht sagen können, Gertrud. Es ist das erste Mal, daß ich davon rede. Ich sage es dir auch nur, weil -- weil« -- sie suchte nach einem Wort.
»Weil ich dich brauche,« sagte Gertrud.
Ein warmer Schein glitt über des lahmen Mädchens Gesicht.
Das war das Wort, das hatte sie so gern einmal aus eines Menschen Mund hören wollen. Nun kam es, und daher, von wo sie es nie erwartet hätte. Ging es so wunderbar zu im Leben? Sollte sie etwas für Gertrud haben? O wie gern wollte sie es ihr geben.
»Siehst du, du kamst seltener und seltener und nun so lang nicht mehr. Und ich saß hier und nähte und war so allein. So würde es wohl das ganze Leben hindurch fortgehen, dachte ich; es war mir kein Trost, daß der Doktor sagte, ich könne gut alt werden. Draußen gingen die Menschen vorbei, ich sah sie vom Fenster aus und dachte mich in ihre Schicksale hinein. Wie sie arbeiteten und sich regten und einander brauchten. Ja, da brannte es freilich. Wenn ich doch stürbe, dachte ich. Denn ich lebe ja doch nicht. Sie alle leben, nur ich nicht. Und ich flüchtete mich in die Bücher und suchte mich zu vergessen. Aber überall stand da vom Leben und von Taten und bewegten Schicksalen der Menschen. Und immer schwerer fiel es auf mich hinein, daß ich vergessen sei, nutzlos und allein. Wenn es doch nur ein Ende hätte.
Da trugen sie eines Tags den alten Höpfner hier vorbei, weißt du? Den Kleiderhändler in dem grünen Haus, hinten am Burgeck. Er hatte Kinder und Enkel, und war reich, man sagt, die halbe Stadt sei ihm Geld schuldig. Er war sein Leben lang gesund und frisch. Aber seit einiger Zeit war er schwermütig, kein Mensch wußte, warum. »Es lohnt sich wahrhaftig nicht der Mühe, alt zu werden,« soll er öfters gesagt haben. Ja, und da machte er ein Ende, du weißt es. Aber als sie ihn auf der Bahre vorbeitrugen, wassertriefend, schlaff und mit gebrochenen Augen, da fuhr es mir wie ein heißer Schreck ins Herz: das Leben ist an sich etwas Großes, Heiliges. Man darf es nicht gering achten und nicht wegwerfen wie etwas Wertloses. Man muß suchen, dahinter zu kommen. Es muß etwas daran sein. Den ganzen Tag ging es durch mich durch: lieber Gott, zeig mir das Leben, das ich leben soll. Laß mich nicht so am Rand des Todes hingehen, lebendig tot.
Ich konnte nichts arbeiten, ich war so schwach und so erregt. Da legte ich mich ins Bett und schloß die Augen und rings um mich war es dunkel, und als es Nacht wurde, da gingen die wachen Gedanken in einen Traum über.
Da stand ich auf einem hohen Berg und wußte, ohne zu sehen, daß rings um mich Menschen waren. Aber ich war dennoch so furchtbar allein unter ihnen, denn sie gehörten nicht zu mir, nicht einer. Und es war graue Dämmerung und ringsum eine weite, weite Öde und ich stand und sah da hinein.
Da wurde ich gewahr, daß dicht vor mir ein Abgrund aufgähnte, tief und schrecklich. Von drüben aber, über dem Abgrund, rief es mich, laut und lauter: komm. Und ich wußte, hier waren die Menschen, drüben aber die große Einsamkeit, und in die Einsamkeit hinein rief mich einer, der mit mir reden wollte. Es war grausig. Es trennte mich von allen Menschen, nach denen ich mich doch sehnte. Und der Spalt klaffte, und es wehte kühl da herüber, und ich war so klein, aber das unbekannte Etwas, das mich rief, das wurde immer riesiger, immer mächtiger und zog mich, und es war Sehnsucht und Furcht zugleich in mir. Da schloß ich die Augen und wagte den Sprung.«
Sie schwieg. »Und dann?« fragte Gertrud.
»Und dann? -- es ist so schwer zu sagen. Ich weiß nicht, was zu mir geredet wurde, vielleicht nichts. Vielleicht empfing ich es ohne Worte, das, was mich erfüllte, als ich wach wurde, mitten in der Nacht, das starke, hohe Gefühl davon, daß ich mit Gott allein gewesen sei, und daß das so bleiben müsse, innen, ganz innen in mir. Daß das Leben an sich ein hohes, frohes Gut sei, ein unantastbares. Es hängt von nichts Äußerem ab, es ist ganz für sich. Es ist das Allergrößte. Aber es ist schwer zu sagen.«
Sie sah ein wenig verlegen aus, weil sie das nun erzählt hatte, aber Gertrud hob den Kopf: »Weiter.«
»Ja, weiter? Siehst du, seither hat Manches angefangen, anders zu werden. Es verlangt mich immer noch nach den Menschen, ich möchte zu ihnen gehören. Das liegt wohl so in uns, das müssen wir verlangen. Als du vorhin sagtest: »Ich brauche dich,« da war ich froh; es war mir, als habe ich seit Jahren darauf gewartet, daß das ein Mensch sage. Wir dürfen die Kammern unseres Herzens nicht leer stehen lassen, es ist nicht gut für uns. Auch hängen wir mit den andern zusammen und sie mit uns. Aber weißt du, ganz innen, da -- ach, du weißt es selbst, da muß man etwas allereigenstes haben, das von nichts anderem abhängt. Es ist wie im Märchen vom Marienkind. Weißt du noch? Du hast es mir erzählt. Es durfte alle Himmelstüren aufmachen, nur die zwölfte nicht, dort saß die heilige Dreifaltigkeit in goldenem Glanz. -- Die zwölfte Kammer, die müssen wir für uns behalten, da darf kein Mensch hinein, nicht in Lieb und nicht in Leid. Sie mögen sich in die elf andern teilen. Du, Gertrud, ich glaube, man muß allein gewesen sein, eh' man recht mit den andern gehen kann.«
* * * * *
Durch die nächtlichen Gassen ging Gertrud Cabisius.
Aus allen Fenstern blinkten Lichter. Dort drinnen saßen die Menschen nun beisammen. Mütter besorgten ihre Kleinen und brachten sie zur Ruhe, Väter verließen das Tagewerk ihrer Hände und traten in den Kreis der ihrigen. Waren keine Einsamen unter ihnen? Hingen sie alle mit einander zusammen? Am Himmel hing zerrissenes Gewölk; da und dort leuchtete ein Stern auf, ja, wenn man näher hinsah, waren ihrer viele, mehr, als man anfangs dachte. Gertrud ging langsam. Aber es war nicht das mutlose Schlendern, das sagte: es hat ja doch alles keinen Zweck. Es war, als ob die Gedanken leise bäten: verscheuch' uns nicht, geh sachte, wir müssen uns erst besinnen.
So war das? »In die zwölfte Kammer darf kein Mensch eingehen, sei es in Liebe oder Leid. Sie müssen sich mit den elf anderen begnügen.«
Ach, still, ihr Gedanken. Hatte sie Georg Ehrensperger denn das ganze Haus übergeben gehabt? Hatte sie ihn auch in die zwölfte Kammer geführt und gar kein eigenes, ganz eigenes Leben mehr für sich behalten?
Da lag ihre Not. Sie konnte ihm nun nicht weniger geben, als vordem, und nichts anderes, als ihr Ich. Sie besaß sich selbst nicht mehr. Er beklagte sich darüber, daß sie anders geworden sei; er verstand sie nicht. Gott Lob daß er sie nicht verstand. Aber wie waren sie nun einander fern und fremd. Gott wußte es.
Wußte er es?
Sie tat einen tiefen, tiefen Atemzug. Die zwölfte Kammer. Sie mußte sie wieder für sich bekommen, sie mußte ja leben, sie wollte es auch. Noch war es ja Zeit. Noch lag das Leben vor ihr, das durfte sie nicht versäumen; auch nicht vertrauern.
Sie richtete sich hoch auf. Hatte nicht auch sie jene Stimme vernommen, die in der großen Einsamkeit redet? Hatte sie bisher gezögert, den großen Sprung zu wagen, über den klaffenden Riß hinüber? Ja, aber nun wollte sie nicht länger zögern. Sie wollte versuchen, ernst und ehrlich, ob es weh tat oder nicht, das Leben zu leben, das vor ihr lag. Sie wollte in sich hineinhorchen, und tun, was ihr da gesagt wurde.
O Georg. Sie mußte ihn ja dennoch lieb haben. Ja, das durfte sie auch. Das konnte sie ja nicht anders.
Gott wußte es.
»Großvater, ich habe dich lange allein gelassen. Sei nur nicht böse. Ach, du und böse! Viel zu gut bist du für mich. Ganz im Dunkeln sitzest du? Hat dir Marie kein Licht gebracht? Nun bleib' ich den Abend vollends bei dir.«
Er hörte wohl den frischeren Ton in ihrer Stimme.
»Es ist gut, daß du da bist. Ich brauchte kein Licht, du weißt, ich kann doch nicht lesen. Auch bin ich nicht allein, wenn ich so im Dunkeln sitze. Da kommen sie alle zu mir und reden von alten Tagen; Anne, -- ich meine deine Großmutter, und die andern alle. Aber nun freue ich mich, daß du da bist, Kind. Komm da her, so -- es ist ein Trost, dich da zu haben.«
#War# es das? Es tat wohl, so etwas zu hören.
Zweites Kapitel
»Horch, -- still, Nössel, ich glaube, -- ja, wahrhaftig, es ist so. Hast du's auch gehört?«
Meister Nössel hatte es auch gehört. Er nickte eifrig mit dem grauen Kopf und hielt ihn dann horchend vor.
»Da, noch einmal.«
Dann ging ein zufriedenes Leuchten über seine Runzeln. Er stand vor dem Rektor Cabisius. Der hatte einen grünen Schild über den Augen; man konnte nicht sehen, welchen Ausdruck sie hatten; aber der Mund lächelte, weich und froh. »Daß ich das jetzt grad so mitangehört habe,« sagte Meister Nössel. »Das freut mich. Das hätte die Judith auch gefreut, wenn sie noch da wär. Ja, die Judith.
Ich hab' so gedacht: trägst den Schlafrock noch herauf vor Dunkelwerden. Er hat ein ganz neues Ärmelfutter, Rektor, und da, das Loch von der Pfeife, das hineingebrannte, das hab' ich unterlegt und gestopft. Und da hab' ich gedacht: redst ein Stückchen mit dem Rektor, er sitzt da so allein. Da macht mir die Gertrud das Haus auf, mit ihrem ernsthaften Gesicht. Nein, sag nichts, Rektor, ich weiß schon, es ist ihr ein Hagelwetter über ihr Feld gegangen. So etwas merkt man. Was hat unsereiner denn noch für eine Freude, als das bißchen Jugend, das um einen herum ist? -- Ja, und sie guckt jetzt immer an einem vorbei, die Straße herunter, als ob etwas kommen müßte und käm doch nicht. So auch heut. Aber dann hat sie sich gleich einen Ruck gegeben und mich freundlich angesehen. -- Daß du wieder froh wärest, hab' ich gesagt. Aber gesagt hab' ich nichts.
Und jetzt das.«
»Setz dich doch, Nössel. Was stehst du da vor mir? Das hab' ich immer gewußt, daß sie sich wieder herausreißt. Sie ist ein gesegnetes Kind. Aber wenn man's dann zum erstenmal wieder merkt, daß es aufwärts geht. Es ist so still gewesen im Haus, die Zeit daher.«
Und dann schwiegen sie beide.
Da kam es noch einmal. Aus dem Nebenzimmer kam es, und tönte unter schwatzende Kinderstimmen hinein. Ein kurzes, helles Mädchenlachen.
Das mochte andern Leuten nichts so besonderes sein; aber die beiden Greise horchten andächtig darnach hin.
Es war ja Gertrud, die gelacht hatte.
Wie auf den ersten Frühlingsgesang der ersten Lerche, so horchten sie darauf.
»Sie hat die Kinder von den Turmwartsleuten bei sich,« sagte der Rektor.
»Die Frau ist krank, seit der Geburt des Jüngsten, da holt sie sich die größeren Kinder, so oft sie kann. Und sie lernt und spielt mit ihnen, und flickt ihnen die Strümpfe und die Kittel.
Aber das alles hat sie seither so ernsthaft getan, sogar das Spielen; es kam alles wie aus einem tiefen Brunnen heraus. Es war nur, um etwas zu tun, nur um sich den Tag zu füllen.
Und jetzt hat sie gelacht. Es ist ein Gottessegen.«
Draußen ging der kurze Tag in die Dämmerung über. Es war ein absonderliches Wetter für den Anfang Dezember. Grauweiße, schwere Wolken hingen am Himmel, es konnten Schneewolken sein. Aber dabei strich ein lauer Wind durch die Gassen, und wenn er stillstand, dann war die Luft schwül, wie vor einem Gewitter.
Nun kam Gertrud herein. Ein pfeifender Windstoß fuhr mit ihr in die Stube und draußen schlug das Gangfenster klirrend zu. »Ich will die Kinder fortbringen,« sagte sie.
»Es zieht ein Wetter herauf. Merkwürdig ist das: Morgen ist der zweite Advent, und heute streiten sich Sommer und Winter in der Luft.«
»Geh' nur.« Meister Nössel saß neben dem Rektor und beide hatten sich eine Pfeife angezündet. »Wir sind hier gut versorgt, bis du wieder kommst. Was können wir Alten anders tun, als uns bescheiden? Geh' nur.«
Da zog sie mit den drei Buben ab. Die hatten gestrickte Sturmhauben über die kurzgeschorenen Köpfe gezogen und trabten, die Hände in den Hosentaschen, lustig durch das Wetter. Heißt das, der Älteste und der Jüngste taten so. Der Älteste war ein kräftiger, untersetzter Bub, der schon den Bücherranzen auf dem Rücken trug und seine Stumpfnase keck in die Welt streckte. Er machte gescheite Bemerkungen über alles und jedes und der Jüngste, der sein verkleinertes Abbild war bis zu den etwas krummen Füßen herunter, sah stolz zu ihm auf und mühte sich, mit ihm Schritt zu halten. Der mittlere von den Brüdern ging dicht neben der Patin, und nach einiger Zeit zog er eine Hand aus der Tasche und hielt sich damit an Gertruds Rockfalten. Er war ein feines, blasses Bübchen mit versonnenen Augen und etwas zaghaftem Wesen. »Ich weiß nicht, wie ich zu dem komme, ich weiß gar nicht, wie ich ihn unterbringen soll,« pflegte Frau Lieselotte zu sagen, wenn sie von ihren Buben sprach. »Er gleicht weder meinem Mann noch mir im Geringsten, er hätte müssen ein Mädchen werden, als Bub ist er völlig aus der Art geschlagen.«
Aber gerade diesen Zweiten hatte Gertrud besonders ins Herz geschlossen. Die Freundschaft war gegenseitig und sie war in letzter Zeit besonders gewachsen.
»Komm, Leonhard,« sagte Gertrud und nahm die kleine, warme Kinderhand in die ihrige. »Guck, wie die Wolken fliegen; ganz tief hängen sie herunter, schier um den Turm herum.«
»Wohin fliegen sie?«, wollte der Bub wissen. Aber das konnte die Patin auch nicht sagen. »Wir steigen schnell hinauf, von droben aus sieht man's besser, weit fliegen sie jedenfalls, über die Berge hin, vielleicht bis ans Meer. Dort kommen sie her; sie werden wieder heim wollen zu ihrer Mutter.«
»Komm.« Nun strebte Leonhard selber vorwärts, den Brüdern nach, die schon im Turmeingang verschwunden waren. Man hörte ihre Stiefel dröhnend poltern, die vielen Stufen der Schneckentreppe hinauf. Er wollte auch heim zu seiner Mutter. Er hing an der heiteren, raschen, lebhaften Frau, er konnte es nur nicht so zeigen, er war ein wenig scheu. Seit sie aber krank war und im Bett lag, stahl er sich hie und da zu ihr hin und strich über ihre Decke. Da nickte sie ihm dann ein paar mal zu: »Du bist mein gutes Büble.« Dann war sein Herzlein voller Glück. Das war früher nicht vorgekommen.
Jetzt waren sie oben. Vater Entenmann stand oben an dem hölzernen Treppchen. »Leise,« sagte er, »es ist am besten, ihr geht gleich oben hinauf in eure Kammer. Die Mutter hat's heute schwer gehabt und will jetzt schlafen. Das Kleine schläft auch.« Da erblickte er Gertrud, die hinter den Kindern drein kam. Sie sah, daß er Kopf und Schultern ein wenig schlaff und müde trug und daß sein Gesicht sorgenvoll aussah.
Er nickte ihr zu, ernst und trübe. »Es ist ein Kreuz, es will gar nicht besser kommen. Wo will das noch hinaus? Ich muß jetzt zum Läuten gehen; ich wecke sie wieder auf damit; sie hat sich eben zum Schlafen hingelegt.«
Da kam Frau Lieselottes Stimme aus der Stube; die Tür war nur angelehnt: »Jammere doch nicht so, Mann. Die Kinder sollen mir gute Nacht sagen. Herein, ihr Buben.«
Sie traten ans Bett und waren überfroh, daß sie noch hinein durften, und daß die Mutter aussah, wie sonst, ja, noch ein wenig lachen konnte. Sie wußten nicht, daß dieses kleine Lachen und jedes arme Wort, das sie zu ihnen sagte, ein Stück Arbeit sei. Sie sollten es auch nicht wissen. Sie sollten ihre heitere Mutter sehen, so lang es sein konnte.
»Sie haben schon gegessen,« sagte Gertrud. »Reisbrei mit Zucker und Zimt,« sagte Ernst, der Älteste und verzog das Gesicht in der Erinnerung zu einem Lachen, das ihn seiner Mutter ähnlich sehen ließ. »So? Dann geht zu Bett. Dann wollen wir alle schlafen. Seht ihr's? Das Kleine schläft schon.«
Sie legte sich müde hin. Da gingen sie auf den Zehen hinaus, aber das konnten sie nicht verhindern, daß es dennoch polterte, besonders, als sie die leiterartige Stiege zu dem Verschlag erklommen, in dem sie schliefen, alle drei.
Droben wehte der Wind durch den engen Raum, rüttelte an den zwei kleinen, vergitterten Fenstern, die gleich über dem Boden angebracht waren, suchte sich seinen Weg zwischen den Dachziegeln und Sparren durch, nahm so recht die Backen voll, huh --, als Gertrud die Tür öffnete und die Kinder hineinschob. Sie sah etwas bedenklich drein: hier sollten sie schlafen? Im Sommer hatte sie nie etwas daran gefunden; es war ein prächtiges Schwalbennest, so hoch oben, weit über den Glocken. Aber nun; würde es die Schwälbchen nicht fortwehen heut Nacht bei dem Unwetter? Den Buben kam es lustig vor, auf drei steckten sie schon unter der Decke, nur die Stumpfnasen und die hellen Augen guckten heraus. Der Große und der Kleine lagen beieinander in einem großen Bett, Leonhard allein in einem Gitterbettchen. »Still, der Vater läutet.« Da rührte sich nichts mehr. Alle vier horchten sie still.
Der Sturm brauste durch die Lüfte, er sang und pfiff und orgelte und riß die Wollen herum, daß sie angstvoll flogen, flogen wie scheue, gejagte Vögel. Und dazwischen fand die Glocke ihren Weg. Sie hatte ihren ganz eigenen, starken Ton in dem großen Konzert, das über das Städtlein hin hallte. Wie eine einzige Singstimme, die über einem ganzen Orchester liegt. Gertrud neigte den Kopf horchend vor. Wie anders läutete der Mann, als vor zwei Jahren noch. Oder lag das an ihrem Zuhören? »Aus tiefer Not laßt uns zu Gott von ganzem Herzen schreien.« Hieß so der Choral, den die Glocke in den Sturm hinein sang? Oder war auch etwas Freudiges dabei? Etwas Starkes, Ausweitendes einmal sicherlich. Gertrud fühlte es, o das war gut, das war besser als alles Weiche, Laue. Da fuhr eine Helle durch die Kammer. Unter die Decke mit den Bubenköpfen, alle drei in einer Sekunde. Aber sie streckten sie sofort wieder hervor. »Es hat geblitzt.« Ja, das hatte es. Nun kam auch schon der Donner. Von fern, fernher kam er auf schwerem Wagen gefahren. Nun war er über ihren Häuptern, da schien er zu bleiben. Wollte er denn nicht mehr aufhören? War das eine Stimme. Riesenhaft überschrie sie den Sturm: horchet alle, ihr da unten. Still, wenn ich zu reden habe. In der Kammer war es dunkel geworden, schon während des Läutens. Aber nun kam ein Meer von Helle herein, ganze Lichtfluten, die warfen sich gegen die Wände, und zogen sich wieder zurück, und kamen wieder, hell -- dunkel -- hell -- dunkel. Und darüber die machtvolle Stimme, vor der der Sturm zu schweigen schien.
»Dote, komm zu mir.« Leonhard saß mit großen, angstvollen Augen in seinem Bett. Als sie sich zu ihm herunterbeugte, schlang er beide Arme um ihren Hals: »Bleib da, bleib bei mir.«
Er barg sein Gesicht an ihrem Hals. Da durfte es auch bleiben. Sie kniete an dem Bettchen nieder: »So, du kleiner Kerl, komm.« Da sahen sie miteinander in das Wetter hinein und war keines von ihnen allein und der blonde Kopf wühlte sich nur fester in die beschützenden Arme hinein, wenn der Donner stark und neu seine Stimme erhob.
Das war ein Blitzen, grell und hell. Die ganze Stadt und die Berge ringsum und der Wald, alles lag sekundenlang taghell da. Es wollte nicht regnen, so tief die Wolken hingen, nur hie und da fielen einzelne Tropfen, wie schwere, zornige Tränen. Als ob die ganze Natur, wie ein gescholtenes, trotziges Kind, mit dem Fuß aufstampfe und das Weinen verbisse.
»Dote, du, hör, ist es wahr, daß der liebe Gott zornig ist und zankt, wenn es donnert? Ich -- ich fürchte mich ein bißchen.« »Ich auch,« das kam aus dem großen Bett, in dem die beiden andern Brüder einander fest umschlungen hielten, aus Not, nicht aus Zärtlichkeit. Unter der Decke hervor kam es, kläglich und halb erstickt von dem Federgebirge, das sie sich über den Kopf gezogen hatten.
Dann noch einmal: »Fürchtest du dich auch, Dote? Du?«
Es blieb eine Weile still. Die Buben horchten begierig hin. Aber beim nächsten Blitzen sahen sie in ein helles, warmes Gesicht.
»Nein, ich fürchte mich nicht. Es ist nirgends etwas zu fürchten. Zornig? ach nein, das ist er nicht. Er muß nur so laut reden, daß die Leute auf ihn horchen sollen; sie vergessen ihn sonst und sind selber so laut. Er ist stärker als alles und größer als alles. Aber man vergißt es so oft.«
Vergaß sie, daß sie zu den Kindern redete? Sie dachte an ihre eigene Furcht und Not. Aber sie war ja auch ein Kind, nur daß ihr die Furcht, die atemraubende, große, ein wenig vergangen war.