Part 22
Und er erzählte ihr die Geschichte von dem Geiger, der das schönste Lied suchte, und einen Ton davon in allem Geschaffenen fand, da einen und dort einen, und der es nie zur vollen Harmonie bringen konnte und sie erst im Tode fand.
Er wurde warm dabei.
»Das möchte ich alles in Töne fassen, es ist mir, ich höre es schon. Das ganze Menschenleben liegt darin, Lieb' und Leid, und was dahinter steckt, alles Fromme und alles Arge, und die ganze Natur, bis hinauf zu den Sternen. Alles hat seinen eigenen Ton. Dann, wenn ich das habe --«
»Ach, nun komm'. Das ganze Fest geht vorüber. Ich möchte noch einmal mit Franz tanzen. Ich habe es ihm versprochen. Du, ich kann ihn gut leiden, er ist so lebensfroh und so breit und stattlich. Das gefällt mir. Du? Du bist ganz anders. Niemand ist, wie du. Darum will ich dich gerade. Ich muß etwas ganz besonderes haben.«
Immer noch sangen die Flöten und Geigen. Ganz nah klangen sie jetzt wieder, und zwischen den Büschen schimmerte es hell herein.
»Du, ich will sehen, was Gertrud für ein Gesicht macht, wenn sie es erfährt. Nein, heute sagst du es ihr nicht mehr. Ich möchte es einen Tag lang für uns behalten. Was ist mit der Falte auf deiner Stirn? Die will ich heute nicht mehr sehen.«
»Gertrud soll ichs nicht sagen? Sie ist meine Schwester. Mein ganz guter Kamerad ist sie. Ich habe immer alles mit ihr geteilt.«
»Das sollst du auch. Morgen oder übermorgen.« Sie sah ihn an, wie nur #sie# konnte. Es durchrieselte ihn ganz.
Dann traten sie aus dem Wald auf die Wiese. Dort war noch alles, wie zuvor.
* * * * *
»Ha, hollah, ihr Waldläufer,« rief der Müller Hensler und hob ihnen sein Glas entgegen, »hierher gesessen; was habt ihr für Geheimnisse miteinander auszubrüten? Ist das eine Art, wenn man Gäste hat?«
Georg staunte. Wie munter vermochte Lore jetzt zu sein. Als ob nichts geschehen wäre. Er konnte kaum ein Wort sagen. Still saß er da und sah in seinen Wein und schickte nur hie und da die Augen nach Lore hin. Am liebsten wäre er zu Gertrud gegangen und hätte ihr alles erzählt. Wie konnte er die Last seines Glückes und seines neuen Entschlusses tragen, ohne sie mit ihr zu teilen? Dort drüben war sie und er war hier.
Lore aber trieb tausend Possen mit den beiden Franzen, dem alten und dem jungen und tat sehr geheimnisvoll mit ihrem Waldgang: »Ja, das möchtet ihr wissen, das läßt sich denken,« und neckte Georg: »Seht ihr's, wie er sitzt und sein Geheimnis hütet? Ja, ihr wißt noch lange nicht, was hinter ihm steckt.«
War es möglich, konnte sie darüber scherzen?
Aber der Müller Hensler hielt nun den Augenblick gekommen, wo er seine Aufmunterungsgedanken anbringen konnte. (Er war auch selbst möglichst aufgemuntert.)
»Du, Georg,« sagte er behaglich und knöpfte sich die Weste auf, »mach nicht so ein Gesicht. Das kommt alles in Schick und Ordnung. Die -- die Herren brauchst du nicht zu fürchten, die wissen selber nicht alles. Was ein forscher Kerl ist« -- er blinzelte nach dem Bäcker Ehrensperger hinüber, »nicht, du?«
»Ach,« lachte Lore, »wenn ihr glaubt, er fürchte sich. Er weiß nur noch nicht, ob er nicht lieber Musikdirektor oder so etwas werden will. Wir haben es beredet. Sie sind alle hinter ihm her.«
Da sah Georg groß auf und wollte etwas berichtigen. Aber sie blinzelte ihm zu: »Nun, störe mich nicht.«
»Musikdirektor? Das wäre. Ja, kann man das nur so vom Fleck weg? Ist das auch ein richtiges Brot? Er hat doch auf den Pfarrer studiert?« Sie konnten der Sache nicht nachkommen. Nun fing die auch davon an.
Da ließ sie alle Raketen steigen, die sie hatte, und tat groß mit Georgs verschwiegensten Träumen, als ob sie schon Wirklichkeit wären.
Vielleicht glaubte sie es selber, vielleicht dachte sie auch: Stark auftragen hilft mehr. Die Mutter Maute nickte eifrig und sah mütterlich nach Georg hin. Wenn es Lore sagte, die mußte es ja wissen.
»Was?« sagte Vater Ehrensperger und sah hilflos vom Müller Hensler zu Franz und von Franz zu seinem Jüngsten hin, »der Tausendskerl, nun will er noch #das# werden. Was? ich habe gemeint, die Musiker, die seien lauter arme Hungerschlucker. Wenn es auch wahr ist? Und was wird das noch kosten?«
Sein ohnehin schon roter Kopf war noch röter geworden.
»So sag doch auch etwas, Georg.« Lore stieß ihn ein wenig an, und alle sahen auf ihn, der dasaß und schwieg.
Ach, hatte er je an dergleichen gedacht? Hatte er je glänzende Pläne entworfen? Das hatte er nicht getan. Hatte ihn denn Lore #so# verstanden? Sie baute ja Häuser darauf. Er mußte es ihr sagen, daß sie es recht verstehe, er hatte sich die Zukunft noch nicht so praktisch ausgedacht. Die Kunst -- und Lore. Weiter war er noch nicht gekommen. Es würde schon einen Weg für beide zusammen geben. Da, als sie so glänzende Bilder malte, stieg etwas wie eine Traurigkeit in ihm auf: Wer den rechten Ton will finden, der muß in die Stille gehen und allein sein und horchen.
Aber das konnte er ja nicht sagen.
Sie schüttelten die Köpfe. Nun gab er wieder keine Antwort, so war er.
»Er ist zu bescheiden,« sagte die Putzmacherin Maute. »Er macht nichts aus sich. Wir haben es ihm oft gesagt. Zu bescheiden und zu ideal. Dies war auch mein Fehler in meiner Jugend.
Maute sagte es immer: 'Henriette du bist viel zu ideal.' Aber das macht sich später. Wenn man einmal Familie hat.«
Hi hi; sie lachte und sah sich im Kreise um.
»Das sag ich auch,« sagte der Müller Hensler. »Forsch muß einer sein und auftreten.«
Er war nicht mehr so ganz auf der Höhe des Denkens. Er kniff Lore ins Ohrläppchen. »Die da, das ist ein Tausendsasa. Familie? Wenn du die da kriegen kannst, dann nimm sie nur. Die wird dich schon -- ja so, du willst ja nun -- ach, man wird auch noch ein Wort sagen dürfen, das flammt gleich zum Dach hinaus.«
Denn Georg war heftig aufgestanden. Eine jähe Blutwelle war ihm bis unters Haar gestiegen. Nun redete der Müller auch noch #davon#. Wollten sie ihm alles zerpflücken? Sollte nichts Schönes, Heiliges mehr verschwiegen in ihm leben?
Ach, wäre er doch mit Lore allein im Walde und könnte ihr recht sagen, wie er es meinte. Aber als er ihr in Gedanken seine Sorgen ausbreitete: ob es gelingen werde? ob es nicht nur ein Schattenspiel sei? und daß er ja noch gar nicht wisse, ob ihm die Kunst ein Haus bauen werde, oder nur eine Hütte -- oder das auch nicht? -- und ob sie Schönes #und# Schweres mit ihm teilen wollte? -- da nahm sie plötzlich Gertruds Gestalt und Gesicht an.
Er strich sich übers Gesicht. Er atmete tief auf.
»Ich muß es ihr sagen. Gleich muß ich zu ihr hin. Sie muß dabei bleiben, wie bisher.«
Aber Lore sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Nicht jetzt,« sagte sie halblaut. Hatte sie seine Gedanken gelesen? Da setzte er sich wieder.
* * * * *
Und es wurde Abend und die drei Wiblinger fuhren heimzu und waren weder über sich selbst noch über ihren Studenten so ganz im Klaren. Festlich umnebelt waren ihre Köpfe und ihre Gemüter, aber dunkel war ihr Wissen von der Zukunft. Eins stand fest: es mußte noch einmal Geld herausgerückt werden; aber dafür schien denn auch etwas ganz besonderes aus dem Jüngsten zu werden. Sie wollten es sich am Tag noch einmal überlegen. Sie hatten doch wohl noch nichts Sicheres versprochen? -- Doch, das hatten sie, Lore, das Hexenmädchen, hatte mit ihnen darauf angestoßen, Franz der Jüngere wußte es noch genau. »Wir wollen der Frau noch nichts davon sagen, heute noch nicht, sie -- sie ärgert sich sonst,« sagte er, als das Wägelchen über das Wiblinger Pflaster rasselte. Er hatte den Tag über die häusliche Unlust ein wenig vergessen, nun kam das Gewicht wieder. Was half ihn die goldene Bretzel? Was half ihn die wachsende Habe, wenn nirgends eine Ruhe und ein Behagen war? So hatte er es nicht gemeint, als er sich ein Weib nahm.
»Was? Ich soll wohl die Junge fragen? Bin ich nicht mehr mein eigener Herr?« Der Vater Ehrensperger wollte aufbegehren. Er konnte seinen Jüngsten werden lassen, was er wollte, er war noch eben so forsch, als er in seiner Jugend gewesen war.
Er konnte es sich leisten, wollte er meinen. Aber als er das sagte, sah er die junge Frau mit einem Licht unter der Ladentür stehen, und er machte sich etwas verlegen am Spritzleder des Wägelchens zu schaffen und schwieg und suchte sein Lager auf, so bald er konnte.
* * * * *
»Wir wollen es ihr heute noch nicht sagen,« sagte auch Lore und meinte Gertrud damit.
»Was sollen wir ihr sagen? Etwa, daß wir uns --,« sie lachte leise -- »es ist alles noch so unfertig. Sie ist so gescheit, sie würde uns für törichte Kinder halten. Du, das #sind# wir auch, nicht? Später, da soll sie alles erfahren, sie zuerst, meinetwegen. Nun sei nicht brummig.«
Ja, wie sollte er #das# erzählen? Aber es drückte ihn, daß er es nicht konnte. Er hatte ihr noch nie etwas verhehlt. Er wollte Gertrud nicht verlieren, das konnte er nicht, niemals.
Ach, wußten sie denn beide nicht, daß sie schon so vieles gesagt hatten? Sie waren Hand in Hand gegangen, als sie in den Wald gingen, und als sie wieder aus dem grünen Tor traten, da wetterleuchtete es auf ihren Gesichtern, wie von einer heißen und großen Freude und wie von einem neuen Erleben. Sie konnten es nicht verbergen und dachten auch nicht daran, es zu tun. Die Wiblinger merkten es nicht, und die Putzmacherin Maute -- tat, als ob sie es nicht merke.
Aber wußten sie denn nicht, daß Gertrud in ihren Gesichtern zu lesen verstand? Dachten sie nicht daran, daß das Feuer ihrer Augen und die Unruhe in Georgs Wesen und das übermütige Lachen in Lorens Gesicht eine Sprache redete, die #sie# nicht mißverstehen konnte?
Sie dachten nicht daran. Aber darum war es doch so. Sie waren im festlich erleuchteten Saale. In hohen Wellen ging die Festesfreude, -- Gesänge erschallten, Trinksprüche wurden ausgebracht, Freund- und Bruderschaften wurden geschlossen, es schäumte das Bier in den Krügen, es funkelte alter Wein in den grünen Römern, es leuchtete die Lebensfreude in jungen Angesichtern und in alten, jung gebliebenen Augen.
Der Rektor Cabisius saß mitten im Saal und war der Jüngsten einer und trug das Band über der Brust und sein weißes Haar glänzte wie Silber.
Das Festlied war durch den Saal geflutet; der junge Komponist fühlte sein Herz schwellen vom Glück der Gegenwart und vom verheißenden Leuchten der Zukunft. Was war schön, wenn es nicht diese Stunde war? Sie stießen mit ihm an, sie tranken ihm zu. Und Lore trat zu ihm, rasch und leicht kam sie durch den Saal auf ihn zu. Sie war stolz und froh. Fing sein Stern schon an, zu glänzen? Sie wollte ihren Teil daran. »Du,« sagte sie, »Du bist der König.« Er ließ seine Augen auf ihr liegen. »Deiner?« fragte er, und sie nickte lachend: »auch, aber nicht nur meiner.« Da zuckte er zusammen und hob die Hände und ließ sie wieder sinken. Zu Fäusten ballte er die niederhängenden Hände, damit er sie ihr nicht vor aller Welt um den Hals lege. »Und du, du bist die Königin,« sagte er. »Deine?« sie fragte es mit einem trunkenen Leuchten ihrer Augen. »Ja, meine ganz allein. Morgen gehn wir noch einmal in den Wald, da setze ich dir ein Krönelein auf.«
Ach, wußten sie nicht, daß hinter ihnen Gertrud an einer Säule stand? Sie war von der andern Seite her durch den Saal gekommen. Sie war immer zu Georg gestanden, wenn er Wichtiges erlebt hatte. Und sie wußte, daß ihm sein Lied wichtig sei.
Ja, da kam sie gerade bis an die Säule, und sie hörte und sah, und konnte keinen Schritt mehr vorwärts tun und konnte kein Wort sagen, und wußte nicht, wo sie hinsehen sollte, um ihre Not zu verbergen.
Und als die beiden weitergingen, da wandte sie sich leise um und ging mit schweren Tritten zu ihrem Platz zurück. Nun war das alles, was ringsum flutete, farb- und tonlos geworden. Nun waren es fremde, lauter fremde Menschen, die sich da herumbewegten. Was sollte sie unter ihnen? Sie war allein mit sich, und etwas in ihr schrie auf.
Still, daß es niemand hört.
»Großvater, bleibst du noch lang da? Ich -- ich bin müde.« Sie zwang sich, zu lächeln: »Ich bin das alles nicht gewöhnt. Feste feiern, das muß man auch üben.«
Er sah auf, er sang eben aus Herzensgrund mit. »O alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du verschwunden?« Die alten Herren, das heißt, die Alten unter ihnen, hatten sich zusammengesetzt und die Geister ihrer Jugend waren bei ihnen.
»Ist es schon so spät? Du siehst blaß aus, Kind. Ja, ich wollte, -- das heißt, natürlich begleite ich dich nach Hause, wenn du willst. Oder, ja so,« er sah sich suchend um, »das darf ich ja nicht, das will ja wohl der Georg, das ist sein altes Recht. Der ist ja wohl heut Hans in allen Hecken, nicht?«
Sie nickte, schwer und freudlos. Er hätte es sonst zu allen Zeiten gesehen, aber er war jetzt gerade ein wenig geblendet. Es ging so ein Klang aus alten, schönen Zeiten durch den Saal rund durch den Rektor Cabisius hindurch.
»Nun, da kann ich ja wohl noch ein bißchen bleiben? Soll ich dir den Georg holen? Nicht? Siehst du, da kommt er schon. So ein langer Mensch, er ragt über alle andern hinaus.«
Er nickte ihr zu. »Gute Nacht, Kind. Schlaf gut, morgen ist auch noch ein Tag.«
Da floh sie aus dem Saal. Was sollte sie noch hier?
Sie fand ihren Weg allein. Es war nicht so weit nach dem Gasthof zum Lamm. Und wenn es weit gewesen wäre, sie hätte sich nicht gefürchtet. Was gab es, das nun noch zu fürchten war? Ein schweres, schweres Steingewicht trug sie in sich, das wollte sie langsam und stumm zu Boden drücken.
Elftes Kapitel
Morgennebel wogten durch das Tal, von ferne rauschte der Neckar, still lag die Stadt, es war noch früh. Still lag das Gasthaus zum Lamm, nur der Hausknecht ging und öffnete die Haustür, und ein halbwüchsiger Bube saß in einem blauen Schurz auf der Steinbank und hatte eine Stiefelversammlung um sich und wichste darauf los. Es war eine erfreuliche Beschäftigung; man hatte sein redliches Teil an der Weltverbesserung, wenn man Stiefelputzer im Lamm in Tübingen war. Der Bub pfiff denn auch drauf los, was er konnte, ihn freute sein Morgen, das konnte man deutlich sehen. Aber nun unterbrach er sich, mitten im Liede von der Leineweberzunft, und riß seine hellblauen Augen weit auf. Es war aber auch kein Wunder. Wenn man vor Tau und Tag aufsteht, damit an allen Türen zu rechter Zeit die glänzenden Stiefel stehen, und da geht Nummer siebenundzwanzig in aller Gottesfrühe zum Haus hinaus, und hat natürlich ungeputzte Schuhe an, und macht ein Gesicht, -- ein Gesicht, so geisterhaft ernst, daß man gleich --, der Schuhputzer wußte nicht, #was# man gleich konnte, etwas Erfreuliches sicherlich nicht. »Nummer siebenundzwanzig hat die Schuhe nicht herausgestellt,« sagte der Hausknecht; »und da hat man's nicht putzen können,« sagte der Bub, und so fühlten sie sich beide unschuldig an dem Kummer von Nummer siebenundzwanzig, und der Bub fuhr fort, das Leineweberlied zu pfeifen. Es konnte ja einer nicht mehr tun, als seine Schuldigkeit.
Zum Haus hinaus und durch die morgenstillen Gassen schritt sie, die im Lamm Nummer siebenundzwanzig war. Sie wollte gern irgendwo hinkommen, wo keine Menschen und keine Häuser waren; es konnte jemand erwachen und zu ihr kommen und sie fragen: »was ist dir?« -- und konnte sie zu trösten versuchen. Sie hatte die Nacht hindurch auf den Morgen gewartet, bald schmerzhaft wach, bald, was schlimmer war, in einem dämmernden Halbschlaf. Nun war sie auf den Füßen und trug sich selbst hinaus aus dem Menschenbereich. Sie wußte nicht so recht, wo es hinging; ihre ernsten Augen suchten einen Ausweg aus dem Gäßchengewirre; sie machte wohl Umwege, aber endlich fand sie doch eine schmale Steige, die aufwärts führte. So mag einst Noahs Taube unsichere, suchende Flügelschläge getan haben, ob sie irgendwo in der Wasserwüste einen Ort finde, da sie ruhe, und endlich die Bergspitze gefunden habe, die über die unendlichen Wogen hinausragte.
Zwischen hohen Häusern, die eng aneinander standen, ging der Weg aufwärts; dann traten die Häuser zurück, ein weiter und freier Blick tat sich auf. Eine Linde hob ihre hohe und volle Krone in den Morgenhimmel hinein, ein Steintor stand weit offen, fast mechanisch ging Gertrud Cabisius hindurch. Dann stand sie im Schloßhof. Ein zuckender Schmerz: den wollte Georg mir heute zeigen. Still. Nichts denken jetzt. Sie ging durch den Hof und fand den Weg ins Freie, und ging weiter, ohne viel nach dem Weg zu sehen, dann kam der Wald.
Frisch und still war es hier oben, weiße Morgenwolken hingen in dem reinen Blau des Himmels, Tau lag auf allen Gräsern, leise rief der Wald, vom leichten Morgenwind bewegt: komm. Aus leichten Nebelschleiern traten die Berge der schwäbischen Alb und traten still in den Reihen und schlossen den weiten Raum, in dem sich ein Menschenkind des Alleinseins, der großen, großen Einsamkeit bewußt war. Rauschte der Neckar aus dem Tale herauf oder fing die Stille an zu tönen?
Gertrud trat in den Wald und ging noch eine kleine Strecke weiter hinein und wußte nicht, was sie hier drinnen wollte. Die Menschen waren ihr fremd geworden, mit einem Male alle. Sie hatte ihr Wesen von jeher so einig und ungeteilt auf ihn zu entwickelt, den sie seit gestern abend nicht mehr verstand. Wo war er hingekommen? Was war er ihr noch? War das das Werde, auf das ihr lebensreifes Ich gewartet hatte?
Weit offen war es gewesen für die hohe, große Gemeinschaft, nun standen die Hallen leer und öde, und ihre Seele fragte in die große Stille hinein: Ist niemand, der zu mir gehört, niemand? Und sie ging noch weiter hinein in die grüne Dämmerung, und schlang die Arme um einen Baumstamm und legte den Kopf an das rissige Holz. Sie war kein so starker Geist, daß sie allein stehen konnte, sie mußte etwas zu umfassen haben. Aber der Stamm schlug ihrem klopfenden Herzen keine Antwort. Da glitt sie an ihm nieder und sank in sich zusammen im Moos und schloß die Augen vor der Außenwelt. Und ihre Seele machte sich zitternd auf und rief mit ängstlicher Stimme in die Einsamkeit hinein, ob nicht einer drinnen sei, mit dem sie reden könne.
* * * * *
Es war einmal ein kleines Kindlein gewesen, das war ganz allein auf der Welt und wußte noch nichts von sich und nichts von der großen Weite, die rings umher war. Das spielte mit Blütenblättchen und wollte sie alle haschen und als sich einige zu weit von ihm entfernten, da -- wir wissen es, machte sich das Kindlein auf den Weg, sie zu holen. Und da, wer kann sagen, was ihm so die Augen auftat? -- erschauerte es zum erstenmal vor dem Alleinsein. Es war aber Liebe um den Weg, die trat in die Kluft, und des Kindleins Augen spiegelten sich in anderen Augen und sein junges, erschrockenes Seelchen barg sich darinnen.
Und das Kindlein wuchs heran und lernte erfahren, daß die Welt viel und reiches Leben berge, und gewann eine Liebe zu allem Lebendigen und sah mit hellen und klugen Augen in die Runde und in die Tiefe und in die Höhe, und lernte auf die Pulsschläge des Lebens horchen und hatte Teil an dem allem, was da war, an der Oberfläche und unter der Oberfläche. Auch war ihm gesagt, daß alles Leben aus einer starken, lichthellen, unversieglichen Quelle fließe, die lernte das Kind staunend verehren, und das je mehr, je größer es wurde.
Treue und liebreiche Hände hatten es so nah an diese Quelle geführt, als das ehrfürchtige Menschen nur können, und es war schön, zu wissen, daß wie die Sonne über der Erde eine reine, große Liebe, die aller Weisheit und Kraft voll wäre, über allem Geschaffenen sei. Es war auch schön, selber jung und stark und voll frischer, treibender Kräfte zu sein und in ausbrechender Werdelust die Arme nach der ganzen Welt und nach dem Gott, der sie geschaffen hatte, zu breiten. Und es war schön, zu wissen, daß aus der Flut von gleichgeschaffenen Wesen eins ganz nah und mit Willen zu einem gehörte. Wo blieb da jegliche Furcht? Wo jedes Alleinsein?
Und nun war wieder ein Tag, da gingen dem Kind die Augen auf und es sah, daß es in Wahrheit allein sei, und -- wir wissen nicht, ob es ein größerer Schauer war, als das erste Mal, denn wir wissen nicht, was eine kleine Kinderseele überflutet -- da streckte es wieder die Hände aus. Bist du? wo bist du? halte mich. Es ist alles so leer, sie haben mich allein gelassen. #Laß dich# finden.
Der Morgen war in den Vormittag übergegangen, als Gertrud Cabisius wieder in die Stadt herunterkam. »Der alte Herr hat gesagt, Sie möchten sich nur um elf Uhr an der Bahn einfinden,« sagte das Stubenmädchen. »Er ist ausgegangen, er kommt auch dorthin.«
Sie hatte dem Großvater einen Zettel hinterlassen, daß er sich nicht um sie sorge. Sie wußte, sie durfte seinetwegen ruhig tun, wie sie mußte, er würde sie nicht zuviel fragen.
Da, als sie eben in ihrem Zimmer einiges zusammenpackte und vor dem Augenblick bangte, da Georg zu ihr käme, um ihr alles zu erzählen (denn sie wußte, daß er das tue), da hörte sie seinen Schritt auf dem Gang und dann sein Klopfen. Da war er schon.
»Hast du nicht Herein gerufen? Wo steckst du? Überall habe ich dich gesucht. Gestern abend und heute früh. Ach, Gertrud.« Er war blaß und erregt. Er trug ein Blatt Papier in der Hand. »Ich habe ein Telegramm von Wiblingen. Mein Vater hat einen Schlaganfall bekommen. Ich muß nach Hause. Ich will mit euch fahren. Ihr fahret doch nachher? Und ich, ich war böse, daß er gestern kam. Wenn ich ihn nun nicht mehr sähe?« Er hatte ein hilfloses und verstörtes Knabengesicht, und er hatte große Lust, seinen Kopf in Gertruds Schoß zu legen. War das der Georg von gestern Abend? Das war der, den sie kannte. Ach, hatte er sich nur ein bißchen verlaufen und kam nun wieder?
Da aber hob der Schmerz wieder sein Haupt:
»Nein, nein, das ist Ernst. Sein Herz gehört nicht dir, das gehört ihr -- Lore gehört es. Weißt du nicht mehr: »Du bist meine Königin, meine ganz allein.«
»Gertrud, so weine doch nicht so. Du, warum weinst du? Wegen meines Vaters? Aber er lebt ja noch.«
Ganz erstaunt sah er sie an. Sie hatte ja nie irgend eine Gemeinschaft mit seinem Vater gehabt. Weinte sie aus Mitleid mit ihm? Er zog ihr die Hände vom Gesicht: »Bleib bei mir; du bist mein Kamerad. Was auch komme, Gertrud. Ich müßte dir so vieles sagen, aber ich bin jetzt so verwirrt.«
Da trocknete sie ihre Tränen und sah ihn mit ihren guten Augen an und zwang ein blasses Lächeln auf ihre Lippen.
»Sei still, red jetzt nichts. Ich bin -- ach, du kennst mich ja. Hole dir, was du brauchst.« Da zitterte ihre Stimme wieder. Und sie wandte sich ab und packte ihr Köfferchen fertig.
* * * * *
Er hatte nie viel nahen Zusammenhang mit seinem Vater gehabt. Sie waren sich beide so unähnlich als möglich. Georg war mehr seiner Mutter Sohn als seines Vaters.
Seine Mutter war einst als ein Sonntagskind, -- obgleich sie das nicht von sich wußte -- ins Leben getreten, weich, lieblich und voll wunderbarer Hoffnungen, und hatte ihre hellen Augen unter die Tür ihres Hauses geschickt, um nach allen lichten und frohen und guten Geistern auszuspähen. Die wollte sie zu sich einladen und sie gut bewirten.
Wie sie zu ihrem Mann gekommen war, das war ihr später selbst unfaßlich. Sie war wohl noch nicht ganz wach und reif gewesen, als ihr verständige Leute zugeredet hatten, daß er ganz vorzüglich zu ihr passe; und sie hatte seine stattliche Gestalt und sein lachendes Gesicht für Zeugen von Kraft und Lebensfreude gehalten. Da erfuhr sie bald etwas, das war ihre erste Enttäuschung: sie konnten beide lachen, aber sie lachten nicht über dasselbe und nicht auf die gleiche Weise.
Nachher, als das Unglück kam, da konnten sie auch nicht miteinander weinen.
Sie gingen einander innerlich nichts an.