Alle guten Geister...: Roman

Part 21

Chapter 214,081 wordsPublic domain

»Ich will hingehen und sie für mich gewinnen. Es ist ein Wunder, daß ich es kann. Sie ist für mich gewachsen, ich weiß es seit dieser Stunde. Und wenn ich sie habe, dann habe ich auch Melodien. Lauter Lieder von Freude, Jugend, Leben und Liebe habe ich dann. Lauter Lieder von der Schönheit. Wie ein quellender Brunnen wird sie für mich sein, aus dessen blinkender Flut ich unaufhörlich schöpfen kann. Und Gertrud. Gertrud geht mit uns beiden, wie bisher mit mir. Sie ist mein bester Kamerad. Das wird ein Leben.« So dachte er und das trat ihm in die Augen, das machte sein ganzes Gesicht warm und glücklich.

»Du Lieber,« dachte der Rektor, »du bist mir wie ein Sohn. Ich darf dich nicht halten. Ich muß dich dein Leben selbst erleben lassen. Schwer ist es. Ich möchte dir weite Umwege ersparen, denn das machst du. Aber ich darf nicht. Du möchtest dich sonst noch schlimmer losreißen. Ach, möchte ich noch für dich da sein, wenn die hohe Flut verlaufen ist. Siehst du, du willst alles mitnehmen. Satt trinken willst du dich an der Freude. Schaffen willst du und meinst es zu können, weil die Saiten deiner Seele zittern von Liebe und Leidenschaft und Begeisterung. Aber das Große, Echte, das wird nicht so leicht geboren. Und du bist nicht mit dem Geringeren zufrieden, du kannst es nicht sein, dazu ist dein Geist zu hungrig und zu tief.«

So waren der Beiden Gedanken, und daneben sprachen sie von dem neuen Haus und den Bundesbrüdern und kamen auch auf das Examen. Und auf einmal sah der Jüngere, wie warm und liebend die alten Augen auf ihm lagen, und er faßte die Freundeshand.

»Ach, ich möchte dir so viel sagen, alles.«

Da trat Gertrud zu ihnen.

»Wollen wir nun gehen? Es wird Zeit sein. Wir wollen doch dabei sein, wann der Schlüssel übergeben wird.«

* * * * *

Im Glanz der Septembersonne lag das neue Haus. Es war ein Stück weit den Österberg hinangestiegen, um besser auf die alte Stadt, auf den schimmernden Fluß und auf das sonnige Tal heruntersehen zu können. Die neue Fahne in den Verbindungsfarben wehte, von einem leichten Lüftchen bewegt, die hellen Fensterscheiben glänzten; Kränze und Girlanden hingen an allen Türen und Fenstern.

Der Baumeister übergab den Schlüssel. Die Rechnung übergab er ein anderesmal. Der Rektor Cabisius als der älteste der alten Herren steckte den Schlüssel ins Schloß und öffnete die Tür, und sagte, was ihm der Augenblick eingab, als er alle die jungen und die alten Männer sah, die bereit waren, über die neue Schwelle zu schreiten.

Davon redete er, daß das Haus ein gemeinsamer Hort für sie alle sein solle, in dem sie sich zusammenfinden könnten, um sich immer neue Lust und neuen Mut zu allem Großen und Guten beieinander zu holen. Gott und den Menschen wollten sie dienen, jeder mit seiner Gabe; keiner sei nur für sich selbst da; auf jeden warte die Menschheit irgendwie. Kein Pfund solle vergraben, keine Kraft vergeudet, keine Fähigkeit ungenützt gelassen werden. Dazu wollten sie sich in Freundschaft verbinden.

Er sagte noch mehreres, worauf die Alten den Jungen und die Jungen einander die Hände reichten. Es war viel froher und ernster Mut zu starkem und rechtem Tun beisammen zu dieser Stunde. Und darauf floß der Strom der Verbrüderten und ihrer Gäste über die Schwelle. Gesänge erschallten, Scherz und Lachen und fröhliches Staunen füllte die Räume, Freude blitzte aus den Augen, Freunde fanden sich zusammen, sowohl junge als alte. Gertrud Cabisius stand dicht neben ihrem Großvater. Leise schob sie ihre Hand in seinen Arm. Wie schön war das alles. Wie weitete es ihr das Herz. War nicht Freundschaft, die sich in allem Großen und Guten fand, das Schönste, was es geben konnte? Da kam er, der ihr Freund und Bruder gewesen war, seit sie denken konnte, auf sie zu: »Was sagst du dazu, Gertrud? Was sagst du zu dem allem?« Er hatte zwei oder drei Studenten bei sich und machte Gertrud mit ihnen bekannt. »Ihr wißt von ihr, ihr kennt sie; sie ist gescheiter, als wir alle. Sie ist meine ganz gute Freundin.«

Was sie dazu sagte? Es war, als ob das große Studentenbild in des Großvaters Stube lebendig geworden sei und sich hier herum bewege. Diese Menschen kannte sie alle. Sie hatte keinen von ihnen je gesehen, aber darum kannte sie sie doch. Sie, die nie dazu gekommen war, Mädchenfreundschaften zu pflegen (die lahme Kameradin aus der Volksschule ausgenommen), sie hatte das Gefühl, als ob sie diesen allen wesensverwandt sei. Hoch und stark klopfte ihr das Herz. »So gefällst du mir,« sagte Georg zufrieden. »Du warst vorhin so finster.« »Finster?« »Ach nein, nicht gerade, aber so ausgelöscht. Ich sehe es so gern, wenn du ein vergnügtes Gesicht machst.«

»So?« Sie lachte. Ja, das war vorhin auch nicht schön gewesen, was ihr geschwind übers Herz gekrochen war, als sie Georg und Lore miteinander beobachtet hatte. Eine ganz ungewohnte Empfindung. Eifersucht? Gertrud Cabisius und eifersüchtig? Ach, Unsinn. Sie brauchte es ihm zum Glück nicht zu sagen und wischte die noch einmal aufsteigende Erinnerung daran hinweg, wie einen Staubfleck vom Kleide. Das fehlte noch.

Einer der jungen Männer trat zu ihr hin und es stellte sich heraus, daß es ein alter Bekannter von der Wiblinger Lateinschule war und daß Gertrud mit ihm auf den Bänken gesessen hatte -- einst: Fritz Hornstein, den sie hinter seinem Bart nicht mehr erkannt hatte.

Natürlich sprachen sie von Georg, und natürlich sprachen sie von ihrer gemeinsamen Kindheit. Georg und immer Georg.

»Wie warm sie wird,« dachte Fritz Hornstein. »Wie natürlich und offen sie ist. Es ist kein Wunder, daß er stolz auf sie ist. Sie ist ein feines Mädchen.«

Als sie sich trennten, gab er ihr die Hand. Er hoffte, sie heute noch öfter zu sehen.

Ja, das hoffte sie auch. Es sollte sie freuen. Sie war nicht im mindesten befangen oder schüchtern, sie, die nie sonst in Gesellschaft kam.

»Ach, Großvater, ich wollte, ich wäre einer von diesen.« Sie hing sich an seinen Arm. »Sind sie nicht glücklich?«

»O, Kind.« Er strich ihr sachte über das Haar. Warum mußte ein Becher voll bittern Leides auf sie warten, da sich ihr Herz so willig jeglicher Freude erschloß? Er sah es kommen, daß sie von diesem Fest nicht so fröhlich heimging, wie sie gekommen war. Aber er hatte keine Macht, irgend etwas zu verhindern, was geschehen sollte. Er wußte, daß man das nicht konnte. Gott allein wußte, wie der Menschen Wege gehen sollten; er wußte, wo sie irren und sich täuschen und sich vergebliche Mühe machen mußten.

»Es muß ein Sinn in dem allem liegen, den wir nicht verstehen. Das Leben ist wie ein Gewebe, dessen Rückseite so verworren aussieht. Und alles, was wir tun können, ist: zu vertrauen, daß es von vorne klar und schön sei und daß der Weber keinen Webfehler machen werde.«

»Ja,« schloß er sein Selbstgespräch, »und vielleicht wird es uns eines Tags von vorne gezeigt.«

Das letzte hatte er halblaut gesagt.

»Großvater, was willst du von vorne sehen?«

Gertrud machte ein fragendes Gesicht.

Aber nun bekam sie keine Antwort.

* * * * *

Sonne überall. Sonne über der ganzen alten Stadt, Sonne auf der Straße nach Niedernau, Sonne über dem Reitertrupp, der dahinsprengte, auf einigen braven, wackeren Gäulen und auf einigen alten, dürrbeinigen Kleppern, Sonne über den offenen Wagen, die nach einander hinausfuhren, alle voll fröhlicher, festlicher Menschen, Sonne über dem grünen Wiesenplan, Sonne auf den Angesichtern und in den Herzen.

Wer wird an einem solchen Tag an Schatten denken? Alles ist voll Licht und Farben, alles ist in Bewegung. Bunte Mützen und Bänder, helle Mädchenkleider, helles Mädchenlachen, Musik erklingt und fließt über die Wiese hin, auf der Wiese tanzen fünfzig Paare, nein, mehr. Wer hat sie gezählt?

Der Müller Hensler tanzt auf kurzen, flinken Beinen zwischen all' den jungen Leuten herum; er hält die Putzmacherin Maute umfaßt, die ein Stück größer ist als er und in einer grünseidenen Bluse steckt. Alle Wetter, sie tanzt wie ein junges Mädchen, er muß ihr einmal auf den Rücken klopfen, um ihr seine Bewunderung zu zeigen. »Ja, das hat schon Maute immer gesagt. Henriette, hat er gesagt, wenn du sonst nichts könntest, tanzen, das kannst du.«

Ja, das wollte der Müller Hensler meinen, das konnte sie. Und Franz ist dazwischen und tanzt mit Lore, das heißt, wenn er sie bekommen kann; denn sie geht aus einem Arm in den andern. Herrlich sieht sie aus, jede ihrer Bewegungen ist Leben und Lust und Grazie, und sie wird weder heiß noch rot vom Tanzen. Leicht und ruhig atmet sie, sicher und überlegen geht sie mit den jungen Leuten um; aber wenn sie zu Georg kommt, dann ist sie anders. Dann sagen ihre Augen: »Siehst du mich? siehst du, daß ich schöner bin als alle? Das bring ich alles dir; ja, ja, staune nur; wage nur, frage nur.«

Und andere junge Mädchen sind da und gleiten über den Rasen, einfache, warmherzige, frische Geschöpfe, Schwestern der jungen, oder Töchter der alten Bundesbrüder, Lust und Frohsinn in den Augen, Lachen auf den Lippen. Und es kommt auch die Alten an und siehe da, der Rektor Cabisius erinnert sich noch eines Maienfestes vor sechzig -- oder beinah sechzig Jahren, an dem er ein kleines Schulmädchen herumgeschwenkt hat, ein mageres, braunes Ding mit einem langen Zopf. »Wissen Sie noch, Frau Oberamtspfleger? Was meinen Sie, wir könnten's noch einmal probieren.«

Wie sie sich wehrt, die alte Frau mit dem runzeligen Gesicht, und wie ihr Gatte, der rund und klein ist und engatmig, lacht und sie antreibt, und wie schließlich -- »es ist ja nur zur Erinnerung,« und anders ist es auch nicht -- die beiden alten Leute ein Tänzchen machen. Wie sie junge, rührend junge Gesichter bekommen, alle beide. Wer hat zugesehen und hatte ein Mißfallen daran? Ach, niemand, niemand als der dürre, vertrocknete Professor Kauz, der die Lippen zusammenkniff und den Kopf schüttelte und sagte, daß das Alter zu ernst sei für solchen Tand. Er ist aber wohl niemals so recht jung gewesen, der Arme.

Und da waren außer den Tanzenden noch viele, viele Menschen, die zusahen. Sie saßen an Tischen und aßen und tranken, und gingen umher und unterhielten sich und taten, wie ihnen gefiel. Unter ihnen war Gertrud Cabisius. Wie ihr die Jugendlust durch die Adern strömte. Wie sie alle diese hellen Bilder in sich hinein gehen ließ. Ach, war sie denn seither nicht jung gewesen? Hatte man vergessen, ihr zu zeigen, wie junge Mädchen leben? Hatte sie selber nicht gewußt, daß sie ein junges Mädchen sei? Schlicht und glatt zurückgekämmt trug sie ihr Haar, einfach, fast schmucklos war ihr graues Kleid, ernsthaft, schwer und verständig ihr Denken, pflichtbewußt ihr Sinn. Hohe Ideale trug sie in sich, groß und weit war ihr Anschauen von Welt und Menschen, in wenige, starke und tiefe Züge faßte sich ihr Gemüts- und Herzensleben zusammen. Wo aber war das Weiche, Lachende, Harmlose der Jugend, das Zierliche, Leichte, Beschwingte, das diese Mädchen alle dahintrug, wie es ihr schien?

Gertrud konnte nicht tanzen und sie wagte auch nicht es zu versuchen, so oft auch einer der jungen Männer kam und sie bat. Nein, das konnte sie ja doch nicht. Sie war keins dieser leichten, heiteren Wesen, sie war anders als sie alle. Georg hatte es oft genug gesagt, aber nun sah sie es auch.

Doch, was schadete das? Noch war es Zeit, sich zu freuen, noch war sie ja jung, noch war nichts versäumt. Es brannte etwas in ihr. Heran mit der Freude und herein. Gertrud Cabisius tut ihr die Tore ihres Herzens auf. Es wartet etwas in ihr auf ein großes Werde, wie die Erde am Morgen auf den Sonnenaufgang wartet. Aber schickt die Sonne nicht das Morgenrot voraus? Färbt sie nicht die tausend kleinen mutwilligen Lämmerwölkchen rosig und golden? Es ist ein großer Augenblick, wann die Sonne kommt. Aber es geht nicht in der ganzen Natur so überaus feierlich und ernsthaft zu dabei. Es ist Raum für alles Frohe, Leuchtende, Lachende.

»Ja, das ist ja wahr,« sagte der Großvater, »das Tanzen, das hast du ja nie gelernt. Rein vergessen hat man das.« Er sah ein wenig hilflos aus. Zu Hause hatten sie nie an dergleichen gedacht.

»Vielleicht könntest du es doch, wenn du es nur versuchen wolltest. Meine Schwestern, als sie jung waren, pflegten miteinander auf dem Speicher zu tanzen, nur nach einer Mundharmonika, die mein Bruder zu blasen verstand. Sie hatten es in sich. Das liegt ja im jungen Blut.«

Ja, aber nicht in dem ihrigen. Das war doch wohl zu schwer dazu. Die Jugendlust hatte sie mit ihren Schwingen gestreift, und etwas in Gertruds Wesen antwortete ihr. Aber darum konnte sie nun doch nicht sogleich auffliegen. Das muß auch geübt sein.

Doch, zu dem allem war ja noch Zeit.

Fritz Hornstein kam und brachte noch einen Freund mit, Ernst Daxer, und da sie beide keine Lust hatten, »noch länger herumzuspringen«, wie sie sagten, so richteten sie sich gemütlich zum Zusehen ein und kamen auch bald in ein lebhaftes Gespräch, da konnte Gertrud denn von Herzen mittun. Und der Rektor Cabisius kam dazu und brachte seine alte Jugendbekannte mit und der Gatte der Jugendbekannten kam und wollte sich seine Frau nicht entführen lassen, und hatte in jeder Rocktasche eine Flasche Wein. Da lagerten sie sich an einem grünen Rain, fast am Waldrand und wurden so angeregt, daß Georg Ehrensperger, als er nach einiger Zeit auf der Suche nach Gertrud hierherkam, fast eifersüchtig sagte: »Hier geht's ja herrlich ohne mich. Hier werde ich ja wohl gar nicht vermißt?«

Doch, das wurde er. Und Gertrud war zu einfach, um es nicht zu sagen. Sie hatte ihm immer nachgesehen, so lange er sich mit Lore im Reigen gedreht hatte, und so lange er an dem Tisch der Wiblinger gesessen war.

»Du bist nur so in Anspruch genommen,« sagte sie.

Da war er froh, daß sie ihn vermißt hatte. »Das bin ich,« sagte er. »Ich weiß nicht, wo anfangen. Ich bin froh, daß ihr über Nacht bleibet. Denn ich muß noch mit dir reden. Jetzt? Ja, jetzt kann ich nicht. Ich bin jetzt nicht ruhig genug dazu. Ich bliebe ja gern hier.«

Da stand schon Lore neben ihnen.

»Ach, es ist jammerschade, Gertrud, daß du nicht tanzen kannst. Wärest du nur früher gekommen, ich hätte es dich gelehrt.«

Sie schlug Georg leicht auf den Arm.

»Dich hab' ich's auch gelehrt, nicht? Es ist schade, Gertrud.«

Das war es, das dachte sie auch. Aber als sie sich besann, da war es doch nur darum, weil sie nicht mit Georg tanzen konnte. Nun hatte sie immer alles mit ihm geteilt, alles Ernsthafte, Pflichtgemäße, alles Große, Starke, alles Schwere, Drängende, Hungrige. Mußte sie nun auf der Seite stehen, wenn er leicht und froh und heiter war? Mußte sie andern überlassen, mit ihm fröhlich zu sein? Das war einen Augenblick ein bitteres Gefühl. Aber hinweg damit.

»Ich bin das alles nicht gewöhnt. Ich komme völlig aus dem Gleichgewicht. Ich will froh sein, wenn Georg nach dem Examen zu uns kommt. Das soll schön werden. Dann wollen wir auf unsere Art vergnügt sein.«

Sie nickte beiden freundlich zu, als sie nach einiger Zeit wieder abzogen. »Er gehört dennoch zu mir, sein Lebenlang tat er das schon. Es ist keine Frage.«

* * * * *

»Du, höre, was ist diese Gertrud für ein Mädchen geworden? Unaussprechlich brav und gescheit und ein bißchen langweilig.«

Lore schüttelte den schönen Kopf. Sie ging neben Georg her nach dem Tisch der Wiblinger.

»Sag nichts über Gertrud. Sie ist -- ach, du kennst sie nicht. Sag kein Wort über sie.« Er sagte es fast rauh.

Da sah sie ihn an mit diesem Blick, dem er nie zu widerstehen vermochte, aus Schelmerei und Zärtlichkeit gemischt: »Ach, ich tu ihr nichts. Gewiß nicht. Ich bin nur so ein törichtes, nichtsnutziges Ding neben ihr. Ich bin nur neidisch auf sie.« Da hatte sie ihn wieder gewonnen. Wie hatte er sonst oft nach einem solchen Blick verlangt; früher, da pflegte sie ihn andern zu schenken. Und nun flog einer um den andern zu ihm.

»Du, du wirst ausreißen, ich sehe es. Du wirst es durchsetzen, das, was du jetzt anfängst. Heute hast du mich vollends aufgeweckt, heute morgen in deiner Stube, als es dich so fortriß. Du sollst mir berühmt werden, du.«

»Mir?« Er sah rasch nach ihr hin. »Mir, sagst du?«

»Ja.« Sie lachte. »Ich habe es alles nie so verstanden, das mit deiner Musik, und daß dich das Studieren nicht so anzog. Aber das ist nun anders. Ich habe heute früh ein Gespräch mitangehört. Zwei sagten zueinander: 'Du, der Ehrensperger, der hat's in sich.' Siehst du, das denke ich auch. Pfarrer? ach, das kann jeder werden. Du sollst mir -- au, du drückst mich. Du tust mir weh.«

Sie entzog ihm lachend ihre Hand, die er gepreßt hatte, daß es knackte.

»Komm in den Wald. Wir gehen nachher zu den andern. Hier sind wir schon dran. Ich -- ich muß dir etwas sagen.« Er atmete schwer.

»Was du wohl sagen willst? Muß das heute sein?«

Sie lachte, aber unsicher. Sie wußte wohl, worauf es hinauslaufen werde. Das Herz klopfte ihr. Wurde es nun Ernst?

»Ja, ich muß mit dir über das alles reden, heute noch. Und überhaupt. Komm.«

Da traten sie in die grünen Hallen ein. Still ging sie neben ihm, fern von den andern, und ihre herabhängende Hand lag leicht in der seinigen.

Die grünen Büsche schlugen hinter ihnen zusammen.

Die Buchen wölbten sich über ihren Häuptern.

Von draußen herein sangen die Geigen und Flöten.

»Lore, ach Lore. Daß du so sagst. Was ist das für ein Tag heute. Es wendet sich alles um und um. Ich muß das nicht tun, wovor mir so angst war. Es ist mir, als sei ich frömmer seit dem Augenblick. Es war so eine Quälerei, immer ein Wollen und Nichtkönnen. Das ist auf einmal von mir abgefallen. Jetzt sollst du sehen, daß ich dennoch ein Ziel erreiche. Ich will Schönes schaffen, Wahrhaftiges, etwas, das mein eigen ist. Alle sollen sich mit mir freuen. Du besonders. Das ist das Schönste, daß du daran glaubst.« Er sah ihr in die Augen. Tat sie es wirklich? Ja, da stand es groß geschrieben.

»Lore, du warst noch nie so, wie heut. Es ist, als ob ich dich zum erstenmal sähe. Komm, laß dich ansehen. Du, was habe ich mich gequält, ja, auch um dich. -- Nein, laß es mich sagen. Es ist ja wie ein Märchen. Das hat immer alles so hoch gehangen, was ich wollte. Wenn ich darnach griff, schnellte der Zweig zurück, an dem es hing. Wenn es in mir brannte, daß ich dem nachgehen müsse, was in mir tönen wollte, und ich versuchte es, dann kam wieder die Mutlosigkeit: du kannst es doch nicht. Und du darfst auch nicht. Du mußt am Wege bleiben. Du darfst nicht darnach greifen. Alles Schöne, nach dem mein Wesen verlangte, war wie Sünde. Heut nicht. Ist heut ein Wunschtag? Du kommst -- ach, Lore, sieh mich nicht so an -- und beugst mir den vollen Zweig herunter und sagst: du kannst. Und mir ist, ich könne. Ich will -- -- du, -- du mußt dabei bleiben, -- du mußt mit mir gehen, -- ach, komm.«

Da schlug es über ihnen zusammen wie weiche, warme Wellen. Da vergaßen sie Reden und Denken über dem, was eins in des andern Augen geschrieben fand.

»Du, du.« Sagten sie das Wort heut zum erstenmal?

»Du.« Da schloß Lore die Augen, wie geblendet von einem großen Glanz und lehnte den Kopf an seine Brust, und sein Arm umfaßte sie. Sie aber rührte sich nicht darin.

* * * * *

Ein Rotkehlchen hüpfte von Ast zu Ast und sah aus hellen Augen zu, wie den beiden jungen Menschen die Hände von den Schultern und ineinander glitten und wie sie darauf nebeneinander her gingen, schweigend. Auf einmal erschrak es und flatterte hinauf in den Wipfel einer jungen Buche. Denn das Mädchen hatte gelacht, ein so zwitscherndes, helles Lachen, daß das Vöglein aus einiger Entfernung sehen mußte, was darauf erfolge. Das Mädchen hatte ja doch seinen Genossen bei sich und brauchte ihn nicht zu rufen und ein solches Gezwitscher bedeutete in der Vogelsprache einen Lockruf. Da fiel dem Rotkehlchen sein eigenes Liebchen ein, das ein bißchen weiter drin im Wald wohnte und es breitete seine Flügelein aus und rief: ich komme.

Der junge Mann aber sah fragend aus. »Jetzt kannst du lachen?«

Da lachte sie noch einmal und noch viel heller. »Ja, du, so bin ich. Ich muß einmal lachen, wenn mir das Herz ganz voll ist. Das ist nicht so leichtsinnig, wie du meinst. Ich kann's nur nicht sagen, wie es ist. Du mußt mich eben nehmen, wie ich bin, ich kann nicht anders sein. Du bist viel zu gut für mich, daß du's nur weißt.«

»Ach du, du bist lieber und schöner als du weißt. Komm, wir wollen noch ein bißchen tiefer in den Wald gehen. Horch, wie es in den Bäumen weht. Wir wollen ganz still sein und auf die Stille ringsum hören. Du und ich miteinander. Kann denn so etwas wahr sein? Das ist über uns hereingefallen, eh' wir uns versahen. Du, ist es denn wahr?«

»Natürlich ist es wahr. Wir dürfen aber nicht so lang da bleiben. Wir müssen wieder zu den andern gehen. Ich will mich zwischen deinen Vater und Franz setzen und mich mit ihnen anfreunden. Das ist jetzt nötig, nicht? Wir sagen ihnen heut noch nichts, gelt? Ich meine von uns zweien. Du mußt sie zuerst dafür gewinnen, daß du die Musik erwählt hast. Ach, du mußt es mir zuerst selber erzählen, nur rasch, so in der Kürze, wie du es angreifst. Also jetzt geht die Studiererei noch einmal an; das ist nun plötzlich sicher. Auf einmal hast du es gewußt; das mußt du mir noch sagen, wie das kam. Du gefällst mir so gut, wenn du entschlossen bist. -- Nein, sei jetzt vernünftig. -- Wenn du so bist, können sie dir nichts versagen. Du sagtest einmal, du habest mütterliches Vermögen, das kannst du doch dazu --«

»Lore, liebe Lore, red' jetzt nicht davon. Wie kann man jetzt reden? Das kommt ja alles in Ordnung. Ich muß es ja selbst überlegen.«

»So komm hinaus auf den Festplatz.«

»Nur ein Weilchen, ein kleines. Ich kann jetzt nicht gleich unter Menschen sein. Wir sind wie das erste Menschenpaar hier, ganz allein. Wir sind für einander geschaffen. Still -- -- --. Siehst du das Stückchen blauen Himmel? Du, Lore« -- er sagte es leiser, »sieh, da, zwischen den grünen Baumkronen, -- es ist wie im Garten Eden, am Anfang der Bibel, da ging Gott im Garten spazieren. Es ist wie ein blaues Auge, das da heruntersieht.«

»Ach, du Träumer. Das bist du immer gewesen.« Sie betrachtete ihn wie etwas Neues, das man zum erstenmal sieht. »Du, du bist eigentlich doch ein geborener Pfarrer. Er guckt überall heraus bei dir. Wem fiele sonst so etwas ein?«

Da zuckte etwas wie ein scharfer Schmerz durch ihn durch. Verlor er das Köstliche mit dem Schweren, das er abwarf? »Nein.« Das sagte er laut, daß sie ihn verwundert ansah. Und dann nahm er die Mütze ab und richtete sich hoch auf.

»Auch die Kunst hat ein Priestertum, Lore. Auch sie vermittelt das Göttliche an die Menschen. Ich will, wahrhaftig ich will ihrer wert sein.«

Es klang wie ein Gelöbnis. Sie sah ihn an und staunte über ihn. Und nach einer Weile sagte sie, fast beklommen: »Ich glaube, wir kennen einander noch nicht recht. Wenn du bei mir bliebest und ich sähe dich jeden Tag, dann könnte ich mich in das alles hineinfinden. Dann könntest du etwas aus mir machen. Glaub' mir's nur, ich spür's selber, daß mir's an vielem fehlt. Ach, Georg, ich bin ein armes Kind gewesen. Du weißt nicht, wie meine Mutter zuweilen war. Meine liebe Mutter. Nein, nein, du darfst nichts über sie sagen. Sie hat mich über alles lieb.«

Sie kehrte sich zu ihm und hatte die leuchtenden Augen voll Tränen. Aber als er nach einem Wort suchte, um sie zu trösten, schüttelte sie sich, daß die Tropfen sprangen und lachte mit nassen Augen.

»Kehr' dich nicht dran, was ich sage. Sag' lieber noch so etwas Schönes wie vorhin, daß ich einen rechten Stolz auf dich haben kann. Wenn ich stolz auf dich bin, dann habe ich dich am allerliebsten.«

»Ach du, ich bin auch stolz auf dich. Es ist, als ob du eine Quelle in mir aufgeschlossen hättest und ich könnte gleich morgen, gleich heut anfangen, zu komponieren. Wenn ich dich ansehe, dann tönt es gleich.«

»Weiter, das gefällt mir.«

»Siehst du, es ist etwas aus meiner Kindheit mit mir herübergegangen, das muß mein schönstes und bestes Lebenswerk werden. Das läßt mich nie mehr los. Es ist mir, als ob alles, was ich zu erleben habe, nur dazu sei, daß es immer besser töne.«