Part 20
Da knarrte es auf der Stiege und gleich nachher kam der, von dem sie sprachen, ebenfalls in die Kammer herein. Er war schon vor längerer Zeit einmal dagewesen. Nein, wie verändert sah er aus. Größer und stattlicher, und den Kopf trug er hoch und frei. Im Sammetrock, das Band über der Brust, die Mütze in der Hand.
»Lore, ich wollte dir nur sagen, daß ich jetzt an die Bahn gehe. Nachher komme ich mit Gertrud hier vorbei und hole dich ab. Dann gehen wir in meine Stube und ich spiele euch mein Lied vor, vielleicht auch sonst noch etwas. Ich wollte dir sagen, daß du dich bereit haltest. Aber du, du bist ja schon fix und fertig.«
Er sah sie lachend an und sie ihn.
Dann ging er wieder.
Und Lore stieg hinter ihm drein die Treppen hinunter. Sie dachte jetzt nicht an sich, sie dachte an ihn, der so treulich sein Erleben mit ihr teilte. Sie war so viel Schwankendes, Unechtes gewöhnt geworden, so viel leichtes Obenhinleben. Bei ihm aber stieg alles aus einem tiefen Grund heraus. Alles. Er war so ganz er selbst, ob er nun Freude empfand oder Druck und Sorgen. Er spielte nie etwas, er war immer so, wie er war. Ach, wie oft hatte sie ihn darum ausgelacht, daß er alles so ernsthaft nahm. Hatte ihn noch ausgelacht, schon als es ihr längst nicht mehr so war. Sie wollte das Neue, Ungewohnte, das Innige, das sich in ihr regen wollte, hinweglachen. Wie sie es als Kind in Frau Judiths Stube hatte weglachen wollen.
Aber nun konnte sie nicht mehr damit fortkommen.
Es saß etwas im Winkel ihrer Seele, das breitete die Arme aus nach -- ja, nach was denn? Vielleicht nach Liebe. Jedenfalls nach etwas ganz Echtem.
Sie stand am Fenster und sah ihm nach, wie er über die Neckarbrücke schritt. Wenn nun alles anders wurde mit Georg Ehrensperger? »Ich kann nie eine Pfarrfrau werden. Dazu passe ich nicht ein bißchen. Ganz anders muß mein Leben aussehen. Ach -- tralala, er wird ja gar kein Pfarrer.« Es hatten schon so viele Theologen umgesattelt, gerade noch vor Torschluß. Das wissen die Mädchen in den Universitätsstädten gut. Warum sollte er es nicht auch können? Er trug ja so schwer an der Theologie. Da reihte sich plötzlich in heiterem Farbenspiel Bild an Bild vor ihren Augen. Ein heiteres, behagliches Heim, nicht glänzend, wie sie vordem oft gedacht hatte, aber freundlich und ohne Sorgen und mit ihm, der dort so aufgerichtet hinging; in den Kreisen guter, angesehener Menschen, und sie selbst, Lore, dazwischen, fleißig und häuslich, gut und lieb. Sie dachte an das Rektorhaus in Wiblingen. -- Was? Ein Tropfen auf dem schönen Kleid? Wahrhaftig, noch einer. »Ich glaube gar, ich stehe hier und flenne. Das fehlte noch. Tralala. Ein bißchen eleganter muß es schon sein. Die Rektorin. Ich danke für solche Hauben und so weiter.«
Da steckte Frau Maute den Kopf zur Tür herein, fast schüchtern: »Lore, was soll ich nur tun? Ich habe gestern Abend das Paket für unsern Herrn vergessen. Es sollte auf die Post. Nun liegt es noch da. Der wird schön schelten. Könntest du nicht auf den Laden acht geben? Ich mache mich fertig und trage es hin.«
»Das tu' ich, Mutter.« Sie sagte es ganz freundlich. »Ich ziehe den Regenmantel über das Kleid. Nein, laß nur. Ich habe schon noch Zeit.«
Die Neckargasse ging sie hinauf, dann an der Stadtkirche vorbei. In der schmalen Gasse, die nach der Stadtpost hinunter führt, gingen zwei Studenten dicht hinter ihr. »Der Ehrensperger, der hat's in sich.« Sprachen sie von Georg? Ihr feines Ohr fing den Namen sogleich auf.
»Ja, der. Stille Wasser -- und so weiter. Ich hätt's nicht hinter ihm gesucht. Der Hornstein, der auch am liebsten irgendwo hinaus möchte, wo kein Loch ist, nur nicht ins Pfarramt, der sagte gestern Abend zu ihm, ich hab's mit angehört: »Mensch, wenn ich du wäre, ich hielte nie eine andere Predigt, als so eine. Was? Musik ist auch eine Predigt.«
»Jetzt geht,« sagte der erste Sprecher wieder, »der Mensch drei Jahre unter uns herum. Ein guter Kerl, aber ein bißchen, na -- soll ich sagen, langweilig? Und jetzt zum Schluß noch so ein Glanz. Der läßt noch von sich hören, denk' an mich.«
»Du, aber mit seiner Musik ist er immer wieder aufgetaucht. Man hat ihn nur nicht so ankommen lassen. Heut freilich« --, da bogen sie rechtsum und Lore mußte links gehen.
Das war aber noch der Mühe wert gewesen, auf die Straße zu gehen. Das wollte sie meinen. Nun, er sollte es zu spüren bekommen, daß sie in Zukunft mehr Respekt vor seiner Kunst haben wollte. Denn, sie mußte es gestehen, sie hatte ihn oft leer abziehen lassen, wenn er etwas von ihr begehrte, ein Zuhören, ein Mitschwingen. »Ach, schaff' etwas anderes, etwas rechtes,« hatte sie oft gesagt und manchmal nur, um ihn zu ärgern. Aber das kam nun anders, holla.
Konnten ihn seine Kameraden ehren, -- sie konnte es gleichfalls und noch ein bißchen besser.
Sie rief in Gedanken das ganze Ehrenspergerhaus, das sie so gut kannte, zum Zuhören auf. Lauter Wohlklang war es, was die beiden vorhin gesagt hatten.
Es schoß ihr eine Blutwelle bis unters Haar, als es ihr einfiel: im Frühling, als das letzte Semester anfing, da hatte er daheim in Wiblingen davon geredet, daß er am liebsten jetzt noch umsatteln und Musik studieren wolle.
Er hatte es ihr erzählt. Wie sie da gelacht hatten und gewettert und sich geschüttelt: »sonst weißt du nichts mehr? ein Musikant? aber das konnte man kommen sehen. Immer zuviel den Willen hat man dir gelassen; rein überspannt bist du geworden.«
Jungfer Liese lebte damals noch und schüttelte den Kopf: »all' das verstudierte Geld.« Und die Schwägerin: »du denkst wohl, das finde man hier auf der Gasse?« Und der Müller Hensler: »Kopf hoch, Bub, wenn man noch so sagen darf. Jetzt hast auf den Pfarrer studiert und jetzt wirst einer. Trink eins; das sind Grillen, die muß man fortschwemmen.«
Sie wußte es wohl noch, sie, Lore Maute, hatte mit eingestimmt, als er es sagte: »Ach, das wirst du doch nicht im Ernst wollen? Du sinnst dir auch Sachen aus. Aber so bist du immer gewesen. Ganz recht haben deine Leute.« Er aber hatte darauf, halb zaghaft und halb trotzig geschwiegen und war bisher im alten Gleise weitergegangen. Es war nur eine Scheu vor dem einen, eine Sehnsucht nach dem andern in ihm, keine stürmende Gewalt, ein Möchten, kein Müssen.
Aber nun war es auf einmal, als breche sich etwas mächtig Bahn.
»Nur schnell, nur schnell nach Hause. Denn ich muß da sein, wann er kommt. Ich will mich weder vor Gertrud, noch vor sonst jemand scheuen. Ich habe viel hereinzuholen, und das will ich auch.«
Ging da der Mieter, der lange Sachse? Er sah über die Straße herüber und grüßte und sah sich noch ein paarmal nach ihr um. Das sah sie mit einer Viertelswendung des Kopfes. Ein kleiner Stich ins Herz -- ach, so lauf doch. Sie hatte ihn ja nie ganz ernst genommen. Sie hatte nie zuvor irgend jemand ganz ernst genommen, es war immer ein wenig Spiel dabei gewesen trotz manches Kummers und mancher Wünsche und Hoffnungen. Aber so blieb es nicht immer. Nein, so blieb es nicht immer.
Zehntes Kapitel
Die drei Wiblinger fuhren mit ihrem Wägelchen bei einem alten Bekannten vor, der einst mit dem Vater Ehrensperger auf der Wanderschaft gewesen und somit auch eine Art Studiengenosse von ihm war, sozusagen, da es heut schon so akademisch zuging. Jetzt hatte er einen Mehlhandel, den indessen seine Frau besorgte und der ihm Zeit genug ließ, sich einer kleinen Weinwirtschaft zu widmen, die er in einem niedrigen, halbdunklen Loch von Wirtsstube hielt. Es verkehrten da hauptsächlich Handwerksleute, die etwa einen Zwischentrunk unter die Arbeit hinein tun wollten und die ganz ohne Umstände in Schurz und Hemdsärmeln kamen, und solche, die sich zu einem stillen, dauerhaften Abendschoppen versammelten. Ihnen allen widmete sich der frühere Wandergenosse auf die Art, daß er sich sowohl zu den Morgen-, als zu den Mittags- und Abendgästen fest und beharrlich hinsetzte und ihnen bei der Trinkung seines Weines mit eigenem Beispiel voranging. Auch hielt er für den allgemeinen Nießbrauch eine birkene Schnupftabaksdose von riesigen Dimensionen im Umlauf, daraus konnte jeder Gast nach Belieben schnupfen und sich so das Hirn erleichtern, das ihm irgendwie schwer war. An diesem Tagewerk nun trafen die drei Wiblinger den Wirt und setzten sich sofort zu ihm nieder, um die alte Bekanntschaft aufzufrischen. Franz der Ältere und der Müller Hensler waren auch bald in einem Fahrwasser, das ihnen ganz vertraut war, indem sie mit aufgestützten Ellbogen an dem runden Tisch saßen und einmal übers andere mit dem früheren Wandergenossen anstießen, im Übrigen aber vorläufig die Mitwelt sich selbst überließen. Sie wurden noch um ein Weniges vergnügter und bekamen, -- denn der Wirt war gleichfalls ein kurzer, breiter, dicker Mann und von ähnlicher Beschaffenheit, wie die Wiblinger, -- alle drei rote Köpfe, und saßen so wie drei Leuchtkugeln in dem dunklen Loch von Wirtsstube.
Franz der Jüngere aber hatte sich ans Fenster gesetzt, um die Vorübergehenden zu betrachten, und war nicht gesonnen, den schönen Vormittag hier zu versitzen. Als er nun eine Weile so durch die Scheiben gesehen hatte und eben bei sich erwog, wie er den Alten, die ihm zu seßhaft wurden, für eine Weile davon und an den Schauplatz der heutigen Festlichkeiten kommen könne, da sah er unvermutet seinen Bruder Georg in der engen Gasse auftauchen. Er schritt einher, wie einer, der wohl weiß, daß die Welt ohne ihn nicht ganz das wäre, was sie nun ist, in festlicher Kleidung, mit Band und Mütze und mit einem hellen, heiteren Gesichtsausdruck. Er schien in diesem Augenblick der Aufmunterung nicht zu bedürfen, oder vielmehr schien er die Aufmunterung, die ihm taugte, selbst mit sich zu führen. Denn rechts und links von ihm gingen zwei Mädchengestalten, mit denen er in eifrigem Gespräch begriffen war und alle drei schienen sich schon in der erwünschtesten Feststimmung zu befinden, so verschieden sie auch sonst von einander sein mochten.
Eins der Mädchen kannte Franz; das war Gertrud Cabisius. Sie trug ein einfaches, hellgraues Kleid und schritt in ihrer bekannten, aufrechten Haltung und mit festen Tritten, denen man übrigens die Elastizität, die die Freude gibt, wohl anmerkte, neben Georg her. Franz sah aber flüchtig über sie weg. Da war die andere, die er nicht kannte. Oder doch? Oder sollte das die Lore sein? War so etwas möglich? Die war in ein lichtes Festgewand gekleidet und schien die düstere Gasse ganz zu erhellen, so leicht und hell und überaus anmutsvoll schwebte sie dahin.
Alle Wetter! sagte Franz und nahm seinen Hut vom Nagel. Es galt, er mußte sich sputen, die drei gingen rasch die Straße hinab, er konnte sie aus den Augen verlieren, wenn er säumte.
Die Alten sahen erstaunt hinter ihm drein. »Bleibt hier sitzen, bis ich komme,« rief er noch unter der Tür. »Es ist der Georg, ich bringe ihn dann mit.«
Da blieben sie denn sitzen. Es war geschickt so, sie hatten ohnehin schon ihre Zweifel gehabt, wie der Student heut werde aufzufinden sein. Denn sie mußten es sich ja gestehen, sie hatten es ihm nicht mitgeteilt, daß sie kommen wollten.
»Glück muß der Mensch haben,« sagte der Müller Hensler, und darauf stießen sie alle drei an. Nun konnten sie das Übrige vollends erwarten.
* * * * *
Georg Ehrensperger, der konnte heut einmal aus dem Vollen leben. Es war kein Wunder, daß er aufgehellt aussah.
Rechts hatte er Gertrud Cabisius, und links Lore, und sie gingen wie ein schönes Doppelwesen, das zu ihm gehörte, mit ihm. Er führte sie in seine Stube und als er sie da hatte, da sah er von einer zur andern mit stolzer Freude und hätte am liebsten aus drängendem innerem Vergnügen heraus einen Purzelbaum geschlagen; aber das erlaubte dann wieder die sieghafte Männlichkeit nicht, in der er sich neuerdings befand.
So hatte er sich das hundertmal ausgedacht: Da saßen sie beide nebeneinander, Lore in ihrer funkelnden Schönheit und in guter, freundlicher Stimmung, lieb und lachend, wie sie oft, aber nicht immer war, und Gertrud in ihrer festen, geraden, klugen Art, die so sicher und selbstverständlich zu ihm gehörte, und die heute noch von einer festlichen Freude überglänzt war, so daß er sie nur ansehen mußte.
Es schien ihm, da er sie so beisammen hatte, alle Fülle unter sein Dach eingekehrt zu sein; denn was er an der einen manchmal vermißte, das hatte die andere an sich, und so bildeten sie ihm miteinander einen reichen Hort von Holdseligkeit, Liebe, Freundschaft und ernster stiller Klugheit, den er hätte am liebsten immer in erreichbarer Nähe behalten, um bald das eine, bald das andere nach Bedürfen daraus zu entnehmen.
Das war nun zwar nicht wohl möglich. Da er die beiden aber wenigstens zu dieser Stunde so erfreulich beisammen hatte, so konnte er sich für den Augenblick aller weiteren Gedanken entschlagen und die schöne Gegenwart genießen.
Er tat sein Möglichstes dazu. Er wollte so gern für heute, nur einen Tag lang, alle ernsten Pflichtgedanken in den hintersten Winkel seines Bewußtseins verschließen. Morgen, da mußte er sie ja wieder hervorholen. Er warf einen scheuen Blick nach den Büchern, die auf einem Tisch in der Ecke aufgestapelt lagen.
Dort drinnen lag ein ganzes Heer von Geistern und Geistchen verschlossen, und sie waren ihm nicht alle freundlich gesinnt. Lange nicht alle. Er hatte sie zum Teil etwas vernachlässigt, das ließen sie ihn empfindlich fühlen. Manche schienen ihm so trocken, wie der Wiblinger Feuersee an heißen Sommertagen, und manche so eigensinnig und widerspruchsvoll wie ein alter Schafbock. Manche aber, das war das Schlimmere, standen vor seinen Augen auf und wurden groß, immer größer und sahen ihn streng und ernst an.
»Lehre,« sagten sie, »predige. Du weißt doch alles, was zu glauben ist? Du glaubst es doch? Nicht? Du sollst aber. Eidlich sollst du es versprechen. Vom Höchsten und Tiefsten sollst du reden, was es gibt: von dem Gott, der in und hinter allen Dingen ist. Aber nicht so geheimnisvoll. Klar und deutlich sollst du es sagen: Was? Das kann man nicht? Das kann man wohl. Du tust, als ob es keine Offenbarung gäbe, du. Du hast dich nicht mit uns auseinandergesetzt, wie du solltest.«
Ach nein, das hatte er nicht. Er hatte mit diesen Riesen nie recht gerungen. Er war ihnen öfters davongelaufen, denn er fürchtete sie. Es ging ihm, wie Mose, als er zum Ägypterkönig sollte: »Sende, welchen du willst.«
Nur, Mose war dann schließlich doch gegangen. Er aber? Was wollte aus ihm werden? --
»So, jetzt will ich mein Lied spielen. Hört zu.«
Als er mitten drin war, klopfte es und dann trat sein Bruder Franz herein.
»Nein, aber ihr seid gelaufen. Ich verlor euch auf einmal aus den Augen. Ein paar kleine Buben haben mir den Weg gezeigt. Grüß Gott übrigens.«
Er lachte, vergnügt und halb verlegen, daß er so plötzlich da sei. Denn hier fühlte er sich nicht so sicher, wie zu Hause. Er mußte hier den Jüngeren gelten lassen, dessen Geist sozusagen um die Wände webte. Es war doch ein anderes Verhältnis als in Wiblingen. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Er hatte immer noch einen steil aufstrebenden Schopf.
»Der Vater ist auch hier und der Müller Hensler,« sagte er. »Wir haben die Einladungskarte erhalten, da gedachten wir mitzufeiern.«
Bei diesen Worten sah Lore prüfend zu Georg hinüber. Ja, das hatte sie wohl gedacht, er hatte richtig die kurze, gerade Falte zwischen den Brauen. Die hatte er, wann er sich ärgerte.
Er dachte wohl, er hätte die Seinigen lieber an einem andern Tag empfangen? Er sah so aus. Die Bemerkungen des Müllers Hensler entbehrten oft eines gewissen Taktes, und die beiden Franze, Vater und Sohn, -- nun ja, er hätte sie lieber ein andermal in dem neuen Haus umhergeführt.
Aber dann warf er plötzlich den Kopf zurück und sein Blick begegnete dem Lorens. Sein Lied, ja, das durften sie wohl hören; das war ja gerade geschickt. Sie sollten nur staunen, wie er in Ehren stand unter seinen Genossen. Und überhaupt, hinweg mit allem Ärger, heute sollte alles hell und freudig sein und war es auch.
Lore nickte ihm zu; so warm und so ermutigend.
»Ach, sei nur zufrieden, das machen wir alles. Laß mich nur sorgen. Du weißt, wenn ich will, -- und ich will, -- niemand und nichts soll dir heut die Festfreude stören.«
Das sagte sie alles mit einem raschen Blick und dann wandte sie sich triumphierend an Franz. Wie ehrlich entzückt der sie ansah. Er dachte gar nicht daran, seinen Augen irgend einen Zwang anzutun.
»Ja, ja,« sagte sie und lachte. »Da ist nichts zu fragen und nichts vorzustellen. Das sind wir, beide. Müssen wir »Sie« zueinander sagen? Ich meine nicht. Wir sind doch Nachbarskinder gewesen, und dann sind Georg und ich auch so gute Freunde.«
Ja, dagegen hatte Franz natürlich nichts einzuwenden. Es konnte ihm nichts lieber sein. Mächtig gemütlich war das. Das war ein Mädchen. Sie fing sofort an mit ihm zu plaudern. Und dann unterbrach sie sich plötzlich: »Wir müssen still sein, denn nun spielt uns Georg sein Lied vor. Fang noch einmal vorne an, Georg. Ja, du, Franz, heut müssen wir stolz auf ihn sein. Das wißt ihr in Wiblingen wohl noch gar nicht?«
Nein, davon wußten sie in Wiblingen nichts. Sie waren hergefahren, um ihn aufzumuntern. Er hatte doch sein Examen noch nicht gemacht? Worauf denn stolz?
Und dann saß Georg wieder am Klavier und spielte. Wenn er aufsah, dann fiel sein Blick auf Gertrud. Die hatte den Kopf vorgeneigt und horchte. Den Arm hatte sie leicht auf das Klavier gestützt. Er sah, daß sie sich mitfreute, als ob das Lied ihr eigenes wäre und daß sie alles verstand, was er darin zum Ausdruck bringen wollte. Das belebte ihn so, daß er sogleich fortfuhr und, wie er am liebsten tat, ein wenig phantasierte.
Hinter ihm saßen auf dem Sofa Bruder Franz und Lore. Zweimal ging die Tür. Einmal kam Meister Riedel herein. Den hatte er im Heraufgehen gebeten, zu kommen, denn er wollte ihn gern mit Gertrud bekannt machen. Er hatte ein sauberes Wams angezogen und sein blauer Schurz war neu. Er ließ sich dicht neben der Tür auf einen Stuhl nieder. Das zweite Mal kam der Rektor Cabisius. Er winkte mit der Hand, Georg solle fortfahren: »Wir sprechen uns dann nachher.« Ja, das dachte Georg auch; aber unwillkürlich ging das auch in sein Spiel über, was er nachher bereden wollte.
Gertrud verstand ihn auch jetzt. Sie hatte einen besonderen Sinn des Verstehens für ihn.
Wie reich bin ich heut, -- sagte ihr sein Spiel. -- Alles ist um mich, was in Wahrheit zu mir gehört, alles ist freudig und freundlich. Ach, wie schön ist das Leben, eine Fülle hat es, auch für mich. Wo ist das Öde geblieben, das Leere, Hungrige? Wo ist das machtlose Nichtkönnen? Hohe, starke Wellen schlägt das Leben, und ich -- ich werfe mich in die Fluten. Es trägt mich, -- ja, es trägt mich.
Dann schlug er weiche, leise Töne an.
Hilf mir, guter Geist, sagten sie. Was soll ich tun? Es ruft mich nach zwei Seiten. O Gott, du frommer Gott, du Brunnquell aller Gaben. -- Ja, da war wirklich die Choralmelodie dazwischen und rief nach einem Rat, nach einer Klarheit.
Ich, -- ich sehe dich nicht, wie du bist. Aber ich will dir dennoch dienen.
»Du Lieber,« dachte Gertrud, »versuch' es nur, fang nur an. Es wird dir schon gelingen.« Sie dachte wohl an das Examen und das Pfarramt. Georg sah plötzlich in ihr Gesicht, und irgend etwas drin reizte ihn. Sie sah so mütterlich-verständig aus.
Und auf einmal brach die zarte Melodie ab, die wie das Rufen einer Kinderstimme geklungen hatte: hilf mir, guter Geist, -- und es tat ein paar rasche Schläge, hinunter -- hinauf, dann brach ein Wetter aus dem Klavier.
»Ich will nicht immer sollen und müssen. Still. Laßt mich. Laßt mich meiner Wege gehen. Ich will es ergreifen, das, was mein ganzes Wesen will. Ich will es erreichen.«
Es war, als ob einer alles Schöne an sich risse mit einer drängenden Leidenschaft des Lebens.
»Jetzt geht es mit ihm durch,« dachte Gertrud.
Sie war warm verständnisvoll mitgegangen bisher. Sie versuchte, auch das zu verstehen. Denn er brach immer von Zeit zu Zeit einmal über die Ufer, wie ein Bach im Frühling. Das war ihr so bekannt, daß sie lächeln mußte, wie jemand, der plötzlich an einem bärtigen Mann das Kindergesicht von ehemals wieder in irgend einem Zug entdeckt. Nur, es war diesmal ein verzweifelter Ernst darin, vor dem sie dennoch erschrak.
»Was hat er im Sinn?« Mit einem jähen Aufschrei brach das Spiel ab. Da sprang Georg auf. Meister Riedel bewahrte den Stuhl vor dem Umfallen und dabei trafen seine Augen Gertruds Gesicht. Und er trat zu ihr und bot ihr die Hand und sie hatten von diesem ersten Augenblick an ein Wohlgefallen aneinander.
Lore war zu gleicher Zeit aufgesprungen. Wie Feuer brach es aus ihren Augen, sie atmete rasch und erregt. »Du,« sagte sie, und achtete nicht auf die andern und streckte Georg beide Hände hin, »du bist anders als ich meinte. Du bist auf einmal aufgewacht. Du führst das alles aus, was du dir vornimmst. Das Letzte, das war schön. Das hab' ich ganz verstanden.«
Jetzt war nichts Vorsätzliches, Bedachtes in ihr. Das Leidenschaftliche, das hatte sie aus allen Gedanken gerissen.
Ach, wie schön erschien sie ihm so. Und sie hatte ihn verstanden. Georg hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Es sprangen Funken herüber und hinüber, aus ihren Augen in die seinigen, aus einer Seele in die andere.
Und in diesem Augenblick geschah es, daß Georg Ehrensperger mit Wissen und Willen eine neue Richtung in seinem Leben einschlug. Er ist sich sein Lebenlang der merkwürdigen Vorgänge dieses Augenblicks bewußt geblieben, da es ihm vor den Augen flimmerte und in Hirn und Herzen brauste vor dem Wogen und Wallen seines aufgestörten Blutes, und da doch unten in seiner Seele ein klarer, kühler Entschluß aufstieg: ich tue es.
Wie in einem Spiegel sah er sich: es ist nicht nur die Scheu, von inneren Dingen zu reden und nicht nur der Mangel an rechtmäßigem, erforderlichem Glauben, der dich abhält, in das Pfarramt zu treten, sondern noch viel mehr ein starker Zug in das weite und breite Leben hinaus, dessen Beschaffenheit du noch gar nicht kennst, und ein Wille, die reiche Welt ans Herz zu nehmen und ihren Pulsschlag zu erlauschen, auch da, wo sie nicht von geistlichen Dingen redet.
Zugleich aber fühlte er den starken Trieb, männlich in die Reihen zu treten und doch auch etwas zu leisten, das die Welt ohne ihn nicht hätte, etwas, das ganz und wahrhaftig seinem eigenen Wesen entspräche und also auf Wahrheit beruhe von innen heraus.
Es schien ihm, als ob aller Zweifel und alle Unklarheit seines Wesens von diesem Augenblick an abgetan sei, da er sich entschlossen hatte, die Gabe, die ihm als seine eigenste vorkam, zur Aufgabe und Führerin zu machen, koste es, was es wolle. Freilich sah er das alles zusammengefaßt als in einem Brennpunkt in den leuchtenden Augen des schönen Mädchens, das ihm darum von der Minute an so sicher und fest zu seinem neuen Weg gehörte, wie ein glänzender Stern, nach dem ein Wanderer die Richtung einhält.
Er bedurfte aber nicht so lang, um dies alles von sich zu wissen, als es Zeit braucht, es zu erzählen. Sondern in wenige Sekunden drängte sich die neue Erkenntnis zusammen, die ja freilich vorbereitet in ihm gelegen war. Es war, als ob jemand ein brennendes Streichholz an ein sorgfältig aufgeschichtetes Feuerholz gehalten hätte. Es flammte auf und brannte sogleich, hell und ohne Einhalt und gab nur wenig Rauch. Er hörte zu, was der Rektor Cabisius sagte, gab über dies und das Bescheid, und wußte nicht, daß sein junges, offenes, erregtes Gesicht so gar nichts verbergen konnte.