Alle guten Geister...: Roman

Part 19

Chapter 194,072 wordsPublic domain

Als er sich ein Weib genommen hatte, da hatte er geglaubt, nun mit ihr so recht ins helle, heitere, behagliche Leben zu treten. Er sah es gern, daß sie praktisch und sparsam und rührig sei, aber so überaus rührig hatte er sie sich doch nicht gedacht, als sie sich nun in der Folge zeigte. Er hatte große Lust, ein wenig gemütlich zu sein, und hie und da eine Weile vertraulich mit ihr zusammen zu sitzen und auch etwas Gutes mit ihr zu essen, das sie ihm etwa aus Liebe gekocht hätte, und hatte große Lust, öfter einmal den Arm um ihre stattliche, kräftige Gestalt zu legen: »Du, wir wollen wieder einmal über Land fahren. Was sagst du dazu? Wir sind jung; das ist man nur einmal. Wir wollen uns des Lebens freuen.«

Aber da kam er nicht so gut an.

»Was ich dazu sage? Wir sind jung und müssen schaffen. Laß mich los. Wenn man es zu etwas bringen will, muß man sich rühren.« Da sah er verdutzt drein.

Sie trieb Haus und Geschäft um, daß es eine Art hatte. Sie war nicht schuld, wenn die Habe nicht wuchs, so lange sie am Ruder war. Sie verschwendete nichts, weder Geld, noch Zeit, noch Zärtlichkeiten. Sie hatten richtig eine Weinwirtschaft eingerichtet und die junge Frau war eine umsichtige Wirtin und versorgte die Gäste, ohne viele Worte mit ihnen zu machen, und zog nur die Brauen zusammen, wenn der Schwiegervater gar zu seßhaft an einem der grünen Tische wurde, und mehr noch, wenn Franz ihm hie und da ein bißchen dauerhaft Gesellschaft leistete.

Dann rief sie ihren Mann wohl hinaus und hatte dies und das über das Geschäft mit ihm zu verhandeln, und trieb ihn durch ihre eigene Geschäftigkeit hin und her und er kam nicht recht zum Gemütlichsein.

Das war das erste, was ihn ein bißchen hungrig ließ und was er sich anders ausgedacht hatte.

Dann kam eine Zeit, bald, da wünschte er sich einen Sohn und dachte sich hie und da aus, wie das würde, wenn wieder ein kleiner Franz da sei, und wie dann die Frau wohl oder übel mehr ins Weiche, Mütterliche hineinkommen müsse, und wie sie miteinander vergnügt sein wollten.

Sie aber hatte in dieser Zeit nur noch mehr den Trieb, zu schaffen, zu treiben, zu sparen und auszunützen, also daß selbst Jungfer Liese in einer Mischung von Bewunderung und leisem Unbehagen den Kopf schüttelte. -- Das war eine Frau. Die brachte es zu etwas. Aber freilich, so überaus behaglich dabei zu sein war es nicht. -- Sie durfte aber nichts dazu sagen, denn die junge Frau hatte ihr einst kurz bedeutet, daß sie alles, was die unteren Regionen betreffe, vollständig übernommen habe und auch gut versehen könne. (Mit Ausnahme, fügte sie hinzu, der wenigen Tage, die sie dann im Bett zu liegen habe, wenn die Zeit herankomme, da solle Jungfer Liese dann für sie eintreten.)

Aber als die Nähterin in der Ladenstube saß und die letzten Stiche an den kleinen Sachen tat, die so einfach als möglich angeschafft worden waren, und die Wiege, die alte Wiege der Ehrenspergersöhne zum Reparieren beim Schreiner war, da stieg die junge Frau eines Tages in den Keller, weil sie neuerdings der Magd nicht recht trauen konnte, und hatte es gewaltig eilig und stolperte über eine Kartoffel, die auf einer Stufe lag. Da glitt sie aus und stürzte die ganze Stiege hinunter und stand wieder auf und kam mit schmerzhaft verzogenem Gesicht herauf. Am andern Tag wurde ein totes Mädchen geboren und die Mutter schwebte in Lebensgefahr. Da konnte nun Jungfer Liese noch einmal ihr altes Amt versehen und das neue einer Wirtin dazu.

Aber das dauerte nicht allzulange. Denn die junge Frau war überzeugt, daß alles den Krebsgang gehe, so lange sie hier liege und sich pflege, und wollte es erzwingen, wieder selbst auf den Füßen zu sein, und ließ sich weder durch des Doktors noch ihres Mannes Gebot länger halten, als sie es selbst für unumgänglich nötig hielt. Da verdarb sie sich und schleppte sich so hin, und lag bald auf dem Sofa, bleich und mager und fast verblüht, und war bald hinter dem Gesinde her mit scharfer Stimme und scheuchenden Worten.

Sie wollte aber nicht nachgeben und zwang es auch wirklich, das Hauswesen wieder in die Hand zu bekommen, obgleich sie erschöpfter war, als sie zeigen wollte und obgleich niemand bei diesem Regiment recht aufatmen konnte; denn sie suchte mit Drängen und Treiben einzubringen, was sie mit eigener Hand nicht mehr vollbrachte.

So kam es, daß eh' ein Jahr vorbei war, seitdem die Flöten und Geigen der Hochzeit verstummt waren, aus der jungen, blonden Braut ein reizbares, kränkelndes Weib mit scharfen Zügen und scharfem Wesen geworden war, hinter dem die einen die Köpfe zusammenstreckten: »Der Ehrensperger, der hat auch sein Hauskreuz,« und die andern: »gar zu lang wird er's nicht haben, denk' ich.«

Und so kam es, daß, wie oben gesagt, Franz Ehrensperger noch einiges ausstehen hatte, das ihm zum Sattsein gehörte, und daß er sich hie und da des Gedankens nicht erwehren konnte, er habe sich das Ganze anders vorgestellt. Er ging in jener Zeit ein wenig gedrückt umher und saß zuweilen in der Backstube auf einem Mehlsack und nickte da ein, anstatt sich oben einen behaglichen Ruhesitz zu suchen. Jungfer Liese, die hatte wohl auch an das Teil der Güter gedacht, das ihr gehöre. Sie war nicht unbescheiden, wir wissen es. Sie hatte nur davon geträumt, nun mit dem Herrn Vetter in Ruhe und Frieden im Oberstock zu wohnen, für ihn und sich gut zu kochen und mit einem Strickzeug am Fenster zu sitzen und zu sehen, wie die Kunden im Laden aus- und eingingen. Das war ja schon mehr, als sie in ihrer Jugend hatte hoffen dürfen. Dann wollte sie ein Auge auf das Glück und Gedeihen der jüngeren Generation haben und sich in dem Gedanken sonnen, daß sie dieses Gedeihen durch eine Reihe von Jahren gefördert hatte.

Aber ehe sie das genannte Auge so recht hatte darauf werfen können, schloß ihr der Tod beide Augen, nachdem sie nur wenige Tage krank gewesen war, und so ging sie aus der Zeitlichkeit, ohne nur auch an ihrem bescheidenen Gericht von der Lebensmahlzeit sich recht sattgegessen zu haben. Den Herrn Vetter aber ließ sie so hilflos und unbehaglich zurück, wie er sich in vielen Jahren nicht gefühlt hatte, und das hatte Jungfer Liese auch in aller Bescheidenheit vorausgesehen, und es hatte ihr die letzten Lebenstage bitter und süß zugleich gemacht. Denn wer ist, der nicht gerne vermißt werden und der nicht irgendwo nur auch ein schmales, kleines Lücklein hinterlassen möchte, wenn er von dannen geht?

Das ist das Zeugnis über ein Leben, ob es wirklich gelebt worden sei, ob irgend ein Werk oder ein Mensch hinter ihm drein sagt: nun muß ich ohne dich sein.

Das wurde Jungfer Liese zuteil.

Denn der Herr Vetter fühlte sich weder in seinem Hause noch in seiner Haut, die beide unter ihrer Obhut gestanden waren, mehr recht wohl.

Er ging in dieser Zeit fleißig mit dem Müller Hensler, der immer noch der feurige Knabe von ehedem war, mit kurzen, eilfertigen Schritten über den Markt und zum Städtlein hinaus, -- (Franz der Jüngere stand dann wohl einen Augenblick unter der Ladentür und sah ihnen nach und wäre gern mitgegangen) -- und sie kehrten miteinander in irgend einem Wirtshaus ein.

Da saßen sie und tranken einen oder etliche Schoppen Roten, und wenn sie ganz unter sich waren, so vertrauten sie einander an, wie vielfach die vergangene Zeit der jetzigen vorzuziehen sei, hielten eine kleine, einträchtige Klatscherei über »Die Junge«, und lobten Jungfer Liese über den Schellenkönig, so sehr sie vordem auch ihre Mängel gehabt hatte. So sehr lobten sie sie, daß ihr das linke Ohr, das man das Klingohr nennt, hätte läuten müssen, wenn einem im Grabe überhaupt die Ohren läuten könnten.

Das taten sie einige Wochen, vier oder sechs. Dann zogen sie eines Tages auch zu dreien aus: Die beiden alten Schulkameraden und Franz der Jüngere, alle drei in stattlichen Sonntagsgewändern, jeder eine Nelke von Jungfer Liesens Lieblingsstock im Knopfloch, in dem sauberen, neulackierten Wägelchen des Kronenwirts. Es war an einem strahlend schönen Septembermorgen. Die Fahrt ging nach Tübingen. Sie wollten miteinander ihren Studenten besuchen, so lang er noch einer war. Das zählte nur noch nach Wochen. Das Examen war vor der Tür. Er mochte so verschieden von ihnen sein, als er wollte, darum war er doch ihr Student und sie waren stolz auf ihn.

»Man muß ihn nur aufmuntern,« sagte der Müller Hensler. »Er kann sicherlich den ganzen Krempel, der verlangt wird, aber er ist schüchtern, das ist es. Bei den Professoren da ist es wie bei meinem Tyras, dem Kukukskerl. Wenn er sieht, daß einer Angst vor ihm hat, so fährt er ihm an die Waden. Wer kecklich auftritt, dem tut er nichts. Was? Die Herren sind auch keine Herrgötter, sag' ich. Man muß ihn nur aufmuntern, den Georg.«

Also fuhren die drei nach Tübingen, um den jüngsten Ehrensperger aufzumuntern.

Sie hatten einen Gugelhopf unter dem Spritzleder des Wägelchens und ein paar Flaschen Uhlbacher in den Rocktaschen.

Den Gugelhopf lieferten sie unverkürzt ab, den Uhlbacher aber tranken sie selbst. Das war nicht programmgemäß, indessen wurden sie sehr vergnügt davon. So eigneten sie sich um so besser zur Aufmunterung.

Sie hatten den heutigen Tag mit Bedacht gewählt. Die Verbindung, zu der Georg gehörte, hatte sich ein Haus gebaut, das wurde heute eingeweiht. Zu dem Hausbau aber hatte der Vater Ehrensperger beigesteuert, ein Heidengeld, wie er selber sagte. Und darum hatte er beschlossen, der Einweihung beizuwohnen. Er kam sich so ein bißchen wie ein Gönner vor. Wie einer, der ein Recht auf jegliche Ehrung hat.

Als die Stadt in Sicht kam, tranken die drei den letzten Schluck. Sie tranken ihn mit Hochgefühl. Die leere Flasche warfen sie in die Weiden am Neckarufer. Sie selbst setzten sich in Positur. Sollte ihnen einer kommen. Sie waren von Wiblingen. Dort durfte man nach ihnen fragen.

Neuntes Kapitel

Lore. Es wäre vielleicht mehr unsere als Georg Ehrenspergers Sache gewesen, uns um ihr Werden und Wachsen, und um ihre Erziehung, zu kümmern. Wir ließen sie alle ruhig nach Tübingen ziehen, wo ihre Mutter dem Aufschwung huldigen wollte, wir, das heißt die Rektorin Cabisius und Frau Judith, sandten einige sorgliche Gedanken hinter dem Kinde drein: Was mag nun aus ihm werden? Dann aber hatten wir mit andern Dingen zu tun.

Nun ist inzwischen aus dem schönen Kind ein schönes Mädchen geworden, das, soviel haben wir schon gemerkt, auch noch andere Leute als uns nötigt, die Augen aufzumachen in Staunen und Verwunderung, und das, soviel haben wir gleichfalls gemerkt, gar nicht gleichgiltig dagegen ist, ob die Leute auch wirklich die Augen aufmachen und was in ihnen zu lesen ist.

Wir haben auch sonst noch einiges gesehen, was wir lieber vermißt hätten, da es für Georg Ehrenspergers Seelenruhe und für sein Studium zuträglicher gewesen wäre, wenn Lore -- kurz, wenn ihre Erziehung in manchen Dingen anders ausgefallen wäre.

Aber eigentlich wissen wir doch nicht so viel von ihr, als wir billig sollten.

Fragt ihre Mutter. Die reibt die Hände ineinander vor Vergnügen und blinzelt mit den Augen: »Ja, ja, das ist ein Mädchen. Ich, als ich jung war, sah ganz ähnlich aus. Geschickt ist sie auch, und flink, und so ideal. Wenn Maute sie so sähe. Er sagte immer --,« ja, nun bekommen wir den entwichenen Maute auf den Hals. Den schenken wir ihr. Sie hat aber nebenbei ein klein wenig Furcht vor ihrer Tochter, und so wenig uns ein solches Verhältnis gefallen könnte, so muß doch zu Lorens Ehre gesagt werden, daß sie meistens #dann# mit dem Fuß aufstampft, wann wir auch aufstampfen möchten. Vielleicht hat sie von jeher mehr damit abgeschnitten, als wir ahnen.

Ja, und fragt die Nachbarn. Die Alten sehen einander zögernd an und rücken nicht recht mit der Sprache heraus, denn sie sehen, daß wir ein Interesse an ihr haben.

»Hm,« sagen sie, »das Mädchen wär ganz recht. Man muß ja eine Freud' an ihr haben, wenn sie nur aus dem Haus kommt. Freundlich -- und immer mit den Kindern voller Vergnügen, und dann, -- eine Augenweide. Aber so« -- »ach, da ist die Mutter schuld, die putzt sie und streicht sie heraus, und dann mit den Studenten. Man kann nichts Böses sagen. Nur ein bißchen viel Getue und Eingeladenwerden und Mitmachen. Du lieber Gott, das paßt doch nicht zu den Verhältnissen. Eigentlich ist es ein Wunder, bei der Maute, ich meine, bei der Mutter, -- es hätt' eins übler geraten können.«

Und fragt die Nachbarskinder. Nein, fragt sie nicht. Seht einmal zu. Es fällt euch doch ein Stein vom Herzen, wenn ihr seht, wie sie einander anstrahlen, die Kleinen und das große, schöne Mädchen. Sie macht ihnen auch Puppenkleider und tanzt und spielt mit ihnen; sie muß doch noch ein Kinderherz haben, wenn sie auch gern, sehr gern hört: Lore, du, bleib einmal ganz ruhig. Jetzt scheint die Sonne auf dein Haar und dann sieht es aus wie Gold. Ja, das hört sie freilich gern.

Die Studenten müßt ihr nicht gerade fragen. Die sind oft nicht so zuverlässig in ihren Berichten. Manche sind zu enthusiastisch, manche zu spöttisch, manche wissen auch, was sie wissen, nur vom Hörensagen. Sie tanzen gern mit ihr und bewundern ihre Schönheit, und es ist auch nicht nur einer, der sich in sie verliebt hat. Aber man weiß nichts davon, daß auch nur einer, überhaupt ein Mensch, sie so recht lieb gehabt hätte. Denn lieb haben, das ist immerhin etwas anderes, als verliebt sein und hält auch länger.

Doch ja, da ist jemand. Der wohnt im Dachstock neben den Magdkammern, ebenfalls in einer Kammer. Der liebt sie und sie weiß es, obgleich er es noch nie gesagt hat. Das ist der alte Kopist Riedesel, der den Studenten Manuskripte abschreibt und kümmerlich davon lebt. Er hat trübe, rotumränderte Augen und trägt eine große Stahlbrille; aber hinter derselben hervor leuchtet es auf, und aus den Manuskripten hebt sich der struppige Kopf, wenn ein rascher, leichter Tritt auf der ausgetretenen Treppe hörbar wird. Nun noch ein paar Schritte, dann knarrt nebenan die Tür; dort ist Mautes Kammer, eine Art von Magazin. Da kramt Lore in den Schachteln. Sie singt dazu, eigentlich trällert sie nur, leichte, kleine Liedchen. Dann steckt sie den Kopf zur Tür herein. »Wie geht's?« Ach, es geht ihm gut, wenn Lore kommt. Und sie kommt oft. Sie bringt Blumen mit und stellt sie auf das Fensterbrett. Auf den Bettrand setzt sie sich selbst und spricht mit dem Alten. So lieb ist sie da, so offen und so unschuldig. Sie erzählt ihm alles, er weiß alles, versteht alles. Denn er liebt sie. Er sah sie heranwachsen, groß und schön werden, er sah, wie sich die Leute nach ihr drehten, er sah, wie die Mutter war. Gott behüte dich, Kind! Es geschah zum Glück bald, daß sie anfing, ihm alles zu erzählen. Sie zeigte sich ihm, als sie zum erstenmal ausging, um zu tanzen, sie war so fröhlich über ihre junge Schönheit; er war es auch. Aber immer: Gott behüte dich. Sie lachte über ihn, wenn er das so ernsthaft sagte. Aber sie kam immer wieder. Sie kam nicht immer fröhlich. Manchmal hatte sie große, ernsthafte Augen und sah still vor sich hin. Dann fragte er es aus ihr heraus: Manche Leute hätten so eine schöne, friedliche Heimat, da wären sie beisammen und hätten einander lieb. -- Oder anderes. Von der Mutter, und daß sie, Lore, oft so unfreundlich gegen sie sei. Aber es sei auch kein Wunder.

Es kamen auch Zeiten, da weinte sie hier oben. Da war einer abgereist, von dem sie vorher so viel Schönes erzählt hatte. Der alte Kopist kannte sie alle gut, die kamen und die gingen. Er neigte teilnehmend den Kopf. Innerlich war er grimmig. Was machten sie aus dem Kind? Sie war ihnen eine Weile gut zum Bewundern, aber sie wollten nicht das Beste in ihr aufwecken. Ja, sie verderbten es geradezu. Die Mutter half mit. O, die. Dumm war sie und eitel.

Er, wenn er jünger gewesen wäre! Aber sie hätte dann nichts von ihm gewollt. Sie war zutraulich gegen ihn, sie mußte einen Ort haben, wo sie alles hintragen konnte. Aber im übrigen. Da schickte sie ihre schönen Augen aus nach einem glänzenden Glück. Die Mutter hatte es ihr zu oft vorgesagt, es schien ihr allmählich so natürlich, daß es käme. Und immer wieder klopfte es an, aber immer wieder war es ein neckisches Spiel, wie der Wind mit einem Baumzweig an das Fenster klopft und gleich ist es wieder still.

Da gewöhnte sich Lore an die Bewunderung, an das Staunen in den Gesichtern der Menschen. Als sie nichts Besseres bekam, trank sie begierig den leichten, perlenden Schaumwein der Tändeleien, der Vergnügungen. Aber immer wieder gingen ihre Augen auf die Suche: wann kommt das Schöne? kommt es bald?

Der Alte wußte es gut. Er hoffte mit ihr. Aber er fürchtete sich auch davor. Denn wenn Lore ging, was hatte er dann noch in seinem Leben? Sie war es, die seiner armen Kammer Glanz und Farbe gab.

Da fing sie auch an, ihm von Georg Ehrensperger zu erzählen. Das klang anders, als bei den andern. Es kam unbewußt ein Stück ganz schuld- und harmlose Kinderzeit mit zum Vorschein, als sie von ihm erzählte. Er sah ihn auch selbst, den schmalen, feinen Menschen mit dem sonderbar verträumten Gesicht.

»Den nimmt sie nicht,« dachte er bekümmert. Sonderbar, er zweifelte nicht, daß das von Lorens Belieben abhänge. Sie war ihm ja weit überlegen, was Lebensklugheit, was »Helligkeit« betraf. Und doch war es dem Alten: »Das ist ein Guter.«

Ach nein, es schien nicht, daß der Jugendgespiele etwas ändern sollte an Lorens Lebensführung. Allzusehr war sie überzeugt, daß er noch ein Knabe sei, allzuviel wußte sie zu spotten: »Er sieht nicht, was um ihn her vorgeht. Mit der Nase muß man ihn auf die Dinge stoßen. Mich? ja, mich sieht er wohl.« Aber das war selbstverständlich. Dann klagte sie sich zuweilen an: »Abscheulich bin ich gegen ihn. Es reizt mich so sehr, ihn ein bißchen zu necken. Dann sieht er so erschrocken aus und wird rot. Ach, er ist ein lieber, guter Mensch. Ich will das nächste Mal recht nett mit ihm sein.« So war sie dann das nächste Mal, daß Georg verzückt nach Hause ging und dachte: »Das war heut ihr eigentliches Ich, so ist sie. Das andere, das hängt noch so an ihr, außen herum. Das muß noch abfallen.«

Aber es wurde mit der Zeit ein wenig anders. Immer öfter nahm der alte Riedesel die Brille ab, wenn sie hereinkam, und ließ die angestrengten Augen auf seinem Augentrost ausruhen. Denn sie war jetzt oft so fraulich lieb, sanft und demütig.

Immer öfter wußte sie etwas von Georg Ehrensperger zu sagen.

»Er ist so gut mit mir. Viel zu gut und viel zu fein. Ich passe gar nicht zu ihm. Ich nähme ihn nie. Ach, Unsinn, er nähme mich nie. Ich und eine Pfarrfrau. Ich verstehe ihn auch gar nicht. Er sagt so sonderbare Sachen. Er glaubt manches nicht, was man glauben muß, um ein Pfarrer zu sein und das drückt ihn. Warum er es nicht glaubt, versteh' ich nicht. Er wollte es mir erklären. Die Bibel sei etwas ganz anderes, als man gewöhnlich meine. Er ist so klug und gibt sich so viel Mühe mit mir, und gestern sagte er, ich solle ums Himmels Willen nicht denken, er sei nicht fromm. Gerade weil er fromm sein wolle, könne er nicht alles annehmen. Ganz bedrückt sah er aus. Ich habe ihn aber auf andere Gedanken gebracht. Schließlich lachte er wieder und sah mich so an, so -- ich glaube, er kann mich furchtbar gut leiden.«

Der alte Riedesel saß schon lang mit der Brille auf der Stirn. »Ja, Kind, das glaube ich auch. Und wenn auch die andern flotter sind und lebiger, so ist er um so getreuer. Ich meine« --

Aber da stand sie schon an der Tür: »Himmel, ich verschwatze mich ganz. Ich muß mit dem Karton hinunter. Die Mutter wartet auf den Samt. Heut abend bin ich zum Nachenfahren eingeladen. Ich ziehe mein blaues Satinkleid an. Nein, nicht mit ihm.« Sie lachte. »Er ist viel zu ernsthaft und zu schwerlebig für mich, und viel zu gut. Er will mich auch gar nicht. Denke nicht daran.« Fort war sie.

Und es kam der Tag, an dem die drei Wiblinger gen Tübingen fuhren. Jener Septembertag. Blau und golden stieg er herauf. Der alte Copist saß früh an seiner Arbeit. Er hatte es eilig. Schon zweimal war der Mediziner aus dem ersten Stock dagewesen: »Noch nicht fertig?« Er wollte abreisen. Er war ein Sachse und er ging im Wintersemester an eine andere Universität, wohl nach Leipzig. Und Riedesel saß, schrieb und schrieb. Er hätte gern einiges da hineingeschrieben, das der Empfänger nicht an den Spiegel stecken sollte. Der hatte sich gewaltig mausig gemacht. »Fräulein Lore hier, Fräulein Lore da,« und sich selbst eingeladen in die Ladenstube und so heimelich getan. Und nun ging er weg und tat, als ob nichts gewesen sei. »Glaubt ihr denn, das Kind habe kein Herz?« Er knurrte vor sich hin, wie ein guter, alter Kettenhund.

Da -- husch, das flog nur so, kaum hatten die alten Bretter auf dem Vorplatz Zeit zu knarren, so flüchtig gingen die Tritte darüber hin. »Herein.« Er hob den Kopf. Kam sie so früh? »Holla, da ist sie. Und schon geschmückt, wie der junge Tag. Blau und golden.«

Ja, so war es. Die Morgensonne schien ihr gerade ins Gesicht und übers Haar. Und das Festkleid, das sie anhatte, war lichtblau.

Er blinzelte nach ihr hin. Die Augen taten ihm weh. Aber hier war etwas, an dem sie ausruhen konnten. Keine Spur irgend eines Kummers im Gesicht. Nun, ihm konnte es recht sein. Gestern abend war es anders gewesen. Er hatte nur zu trösten gehabt. »Ich gehe fort, sich will nicht mehr hier bleiben. Ich geh' in eine Stelle; zu mindestens sieben Kindern.« Alles wegen dieses langen und breiten Sachsen, der so viel -- na ja, Lore hatte sich seine Huldigungen ja gern gefallen lassen. Aber wer hatte sie daran gewöhnt, wer?

Und nun heute früh das taghelle Gesicht. »So ist's recht.« Er legte die Feder hin. »Geht die Sache so bald los? Alle Achtung.« Das war so eine Art von Besitzerstolz, was ihm aus den Runzeln seines alten Gesichts lachte. Die würden heut wieder die Augen aufmachen.

Da saß sie schon auf dem Bettrand. Vorsichtig hatte sie das Kleid glatt gezogen. Sie war zum Hausweihfest geladen. Darum war sie so geschmückt.

»Ich -- ich fürchte mich halb und halb,« sagte sie. Fürchten? Seit wann fürchtete sich Lore Maute vor einer Festlichkeit?

»Ja, vor dieser Gertrud Cabisius. Die kommt gleichfalls dazu und ihr Großvater, der Rektor Cabisius, auch. Der muß nun steinalt sein. Er war schon schneeweiß, als ich ihn das letzte Mal sah. Das ist nun dreizehn Jahre her. Was der noch bei dem Fest will? Und dann -- Gertrud. Sie muß so überaus gescheit geworden sein. Sie kann alle alten Sprachen und hat alle Bücher gelesen, die es gibt, und daneben scheint es, daß sie ein Ausbund ist von allen Tugenden. Hu. Und dann ich daneben.« Sie sah vor sich hin. Aber dann meisterte sie mühsam ein Lächeln, das ihr von innen heraus übers ganze Gesicht ging. Es half nichts, es wurde doch ein Lachen daraus. Riedesel verstand das Lachen.

»Ach, was habe ich zu fürchten?« sagte es. »Gescheit mag sie sein, obgleich ich auch nicht dumm bin, und meinetwegen alles andere dazu. Ich aber, seht mich nur an. Ich brauche es ja gar nicht zu sagen, was ich voraus habe. Das wiegt einiges andere auf, mein' ich.«

Aber dann wurde sie wieder nachdenklich. »Ich will nur sehen, was es heut' alles gibt. Als die Mutter aufstand, mußte sie dreimal niesen. Nun sagt sie, es sei etwas Besonderes in der Luft. Was das wohl ist? Ich -- es ist mir auch so sonderbar. Nämlich, Georg Ehrensperger -- mit dem geht etwas vor. Er läuft herum, als ob er jetzt erst jung geworden sei. Das macht, er hat ein Lied komponiert, ein Festlied, das soll heut abend beim Kommers gesungen werden. Vorgestern abend war Probe. Da sind sie nachher alle auf ihn zugekommen und haben ihm zugetrunken und sind ganz stolz auf ihn. Das ist so neu. Bisher ging er immer zwischen den andern herum, so -- fast schüchtern, daß er überhaupt da sei. Und jetzt ist das so.«

Sie wurde ganz warm. Ihr alter Freund und Liebhaber mußte sie nur ansehen. Unten rief die Mutter: »Lore, wo bleibst du? Komm herunter, der Herr Georg ist da.« »Ja, gleich.«