Part 18
In die Stille hinein sagte der Rektor: »Man muß auch nicht mit Gewalt verstanden sein wollen. Man muß zuweilen den Mut fassen, sich in sich selbst zu bergen, bis etwas Sicheres und Gewordenes von innen heraus kommt. Das wirft uns dann kein Kaltsinn und kein Mißverstehen um. Aber freilich,« -- er lächelte und sah die beiden jungen, horchenden Gesichter an, -- »das Wartenkönnen, auf sich selbst und auf andere, das will auch erst gelernt sein.
Siehst du, Georg, ich habe einst gemeint, ich sei ein Dichter, weil alles Geschaffene in einer eigenen Schönheit und stillen Sprache zu mir redete. Und manchmal fand ich auch das Wort, es wieder zu sagen. Da sammelte ich nach und nach einen kleinen, heimlichen Schatz von Gedichten, gereimten und ungereimten an. Sie waren zum Teil mangelhaft in der Form, ich weiß es. Es war oft ein Stammeln von einer innerlichen Welt, für die ich des klaren Ausdrucks nicht mächtig war. Aber sie waren ein Teil von mir und waren mir teuer.
Da ließ ich mich einmal in einer aufgeschlossenen, warmen Stunde hinreißen und zeigte sie meinem Bruder. Der war Arzt, ein frischer, heiterer, allgemein beliebter Mensch, und ich liebte ihn mehr, als er wußte. Zuweilen aber kam es mich an, daß ich in meiner heimlichen Gedankenwelt von ihm verstanden sein wollte. Dann ging es mir wie jenem, der alles wollte und nichts bekam.
Er sah hinein, las wohl auch in den Blättern. Am andern Tag gab er mir sie wieder: 'nett, zum Teil ganz nett. Ein bißchen versonnen.' Er lachte und gab mir einen Schlag auf die Achsel: »Du bist immer ein Sinnierer gewesen, Joachim.«
Siehst du nun, daß ich weiß, wie es ist, Georg?
Er konnte wohl nicht anders; er sagte, wie es ihm ums Herz war. Aber mir war das leichthin geredete Wort wie ein Schlag ins Gesicht. -- Das war alles? Da kam wieder so leer zurück, was ich aus mir heraus gegeben hatte und ich stand da und schämte mich, daß ich meine Seele so nackt hatte sehen lassen, und hätte sagen mögen: »gib's wieder zurück, mach's ungeschehen, daß du mich gesehen hast. Und dann zog ich mich in mich selbst zurück, so weit ich nur konnte.«
Der Rektor ließ ein paar große Rauchwolken steigen, die bildeten im Mondlicht einen schmalen hellen Streifen wie eine Brücke, darauf die Gedanken des alten Mannes in seine Jugend zurückgingen.
»Ja, heute versteh ich das alles; damals --, er sah es, daß er mich arm gelassen hatte. Und er meinte, ich habe mehr Lob erwartet und sei nun verschnupft, daß es mager ausgefallen sei, und erklärte mir, -- er klopfte mir nochmals dazu auf die Achsel, daß ja wirklich ganz nette Sachen darunter seien, aber daß es ja natürlich viel bedeutendere Leute gebe und daß ich nicht erwarten dürfe, mit ihnen zusammengestellt zu werden.
Da packte ich mein Büchlein wieder ein. Nein, das hatte ich nicht erwartet. Etwas anderes. Was denn?
Ach, einen aufblitzenden Funken, der von seiner Seele zu meiner spränge, es hätte kaum ein Wort gebraucht, es hätt's ein Blick getan, ein Händedruck, oder auch ein Schweigen.
Da hast du recht, Georg, es gibt ein beredtes Schweigen.« Georg saß und horchte. Den Kopf lehnte er an die Wand und die langen Beine streckte er weit in die Stube hinein. Die Uhr tickte friedlich und gelassen: still -- still -- still -- still. Bis die Stille redete. Ach wie friedlich war es hier.
Es war keine Unterbrechung dieser Stille, als der Rektor wieder anfing: »Das ist's, was wir suchen und begehren: Gemeinschaft, Verstehen, nicht Lob. Ein Wort, das unserem verborgenen Leben eine Erlösung gibt, eine Befreiung. Aber wir dürfen das Wort von keinem verlangen. Es muß über uns kommen, wie ein Wunder. Es muß von einer verstehenden, liebenden Seele kommen. Und wir dürfen zu niemand sagen: sei du mir das, ich bitte dich.
Aber wie wir still hingehen und es tragen, daß wir einsam sind unter denen, von denen wir geliebt sein möchten, wächst eine Macht in uns, selber zu lieben und zu verstehen. Die den Armen das Evangelium verkünden wollen in irgend einer Weise, die müssen selber arm gewesen sein, arm in sich selbst vor allem.
Ich weiß das auch, Georg.«
»Ja,« dachte Gertrud, und ihre Augen gingen zwischen dem alten und dem jungen Haupt hin und her, »aber manchmal begegnet uns doch auf diesem stillen Wege, von dem du sagst, ein Mensch, der die gleiche Sprache spricht oder doch die unsere in sich widerhallen läßt. Und dann geht ein Grüßen von Seele zu Seele: Du Bruder, o du Bruder.«
Aber sie sagte es nicht laut.
Es ging etwas Neues durch sie hindurch, etwas, das sie nicht benennen konnte. Das verschloß ihr den Mund.
»So, nun wollen wir zu Bett gehen.«
Der Rektor lehnte seine Pfeife an die Wand.
»So behüt dich Gott, Georg. Glück auf den Weg. Es gibt jetzt harte Bretter zu bohren, ich weiß es. Es ist ein enges Tor, das Examen. Aber dahinter ist das Leben. Du mußt dich nicht fürchten; es ist nirgends etwas zu fürchten. Die Sonne steht über allen Wolken, und Gott über allen Sonnen. Ich bin kein Dichter geworden, Georg. Du weißt es. Aber es ist dennoch eine Harmonie durch mein Leben hindurchgegangen; es hat sich dennoch gereimt. Ich habe nie aufgehört, die Rufe aus den Menschenherzen und aus den Kinderherzen vor allen, und aus dem Leben ringsumher zu vernehmen und zu verstehen. Das darf ich jetzt sagen. Es wird sich bei dir auch reimen, da habe ich keine Sorge.«
Ja, er hatte keine. So fest überzeugt war Georg nicht davon. Er hatte starke Zweifel in dieser Hinsicht. Er sah etwas unsicher nach der Ecke, in der sonst die Rektorin saß. Er vermißte noch ihre Ermahnung: »Du mußt dich zusammennehmen, mein Sohn. Und so weiter.«
Heute ermahnte ihn niemand. Er mußte es selbst tun, wenn es geschehen sollte.
Da zog er seine langen Beine an sich und stand auf.
Gertrud leuchtete ihm die Treppe hinunter und stellte, als sie unten waren, das Lämpchen in die steinerne Wandnische im Hausöhrn.
»Ich lasse dich zur hinteren Gartentür hinaus. So weit gehe ich noch mit dir.«
Das tat sie meistens. Es war nichts besonderes, daß sie es heute tat. Aber es war ihr anders zu Mut, als sonst. Sie hätte ihm so gern noch etwas gesagt. Er sah so zwiespältig aus, so unsicher.
»Ach, sag mir alles, was dich unruhig macht. So wie sonst. Laß mich an allem teilhaben.«
Aber sie dachte es nur, sie sagte es nicht.
* * * * *
Es war eine wundersame Nacht. Eine rechte, echte Sommernacht, voll von schwerem Duft der Rosen und des Jasmin. Es war, als ob das Leben nur leise schliefe und sich hie und da im Schlafe bewegte. Ein Rotschwänzchen stieß einen leisen, zirpenden Laut aus, als Gertruds Kleid an der Hecke streifte, in der sein Nest war. Von dem sogenannten Feuersee, einem grün überwachsenen Wasserbecken, das draußen zwischen den Krautgärten lag, scholl das überlaute Quaken der Frösche, im Grase zirpten die Grillen, die Bäume rührten sich im leichten Nachtwind wie im Traum. Am Himmel hielt der liebe Gott das silberne Licht der Nacht in seiner ausgestreckten Hand und leuchtete damit über seine Welt hin. Er hatte gesehen, wie Marie vor einer Stunde ihr glückliches Herz ins Haus getragen hatte, und nun sah er, wie Gertrud schweigend dahinging, sah, wie sie sich im Heben und Dehnen der Brust erst Raum schaffen mußte zu gelassenem Leben und Atmen.
Sie streifte ihren jungen Genossen mit einem erwachenden Blick, so, als sei sie seither in Träumen gegangen und es fiele ihr nun auf einmal ein, was Wirklichkeit sei und was Traum. Und als sie ihn so ansah, wie er groß und schlank neben ihr ging und ein feines Gesicht hatte, in dem alle guten Geister wohnten, da kam es wie etwas Neues über sie, wie etwas Schönes, Großes, das sie seither unbewußt mit sich herumgetragen hatte und das nun die Augen aufschlug: Daß sie beide in ihrer frischen Jugend miteinander durch den Garten gingen, und daß ihr Sein und Werden so miteinander fortgehen müsse, durch Nacht und Tag hindurch und durch die ganze Welt. Wie eine helle, weiße Straße lag das Leben vor ihr, und auf der Straße gingen Gertrud Cabisius und Georg Ehrensperger, in gleichem Schritt und Tritt und hielten sich an den Händen gefaßt und sahen eins nach dem andern. Da strömte etwas Starkes durch ihre Adern, und drang ihr bis ans Herz. Sie schauerte leise in sich zusammen. Sie verstand sich nicht recht. Sie hätte es ihm sagen mögen, der da neben ihr ging, aber statt dessen löste sie ihren Arm, der bisher in großer Selbstverständlichkeit auf dem des Jugendfreundes gelegen war, und wandte sich ab und beugte den braunen Kopf über einen Rosenstrauch, der in voller Blüte stand. Eine volle, duftende, rote Rose drückte sie an den Mund. Da drang ihr die Kühle der Blumenblätter sänftigend in das wallende Blut.
»Was tust du, Gertrud?« fragte Georg. »Willst du die Welt umarmen?«
Aber sie gab keine Antwort. Sie bot ihm nur abschiednehmend die Hand. »Gute Nacht, Georg.«
»Gute Nacht, Gertrud.« Er zögerte noch einen Augenblick. Wollte er auch noch etwas sagen? Dann ging er in die Nacht hinaus. Das Pförtchen fiel hinter ihm zu. Gertrud hörte seine Schritte verhallen.
Dann, im Hineingehen horchte sie auf Mariens Singen, das aus der Küche kam. Dort saß sie nun an dem weißgefegten Tisch und nähte und sang dazu.
»Noch so fleißig, Marie?«
»Ja,« sie lachte. »Ich muß mich dran halten. Wenn man heiraten will.« Die Unruhe des Glücks war ihr in die fleißigen Finger gefahren. Da wurden sie noch fleißiger.
Gertrud erschrak.
»Jaso. Dann willst du uns verlassen?«
An diese Seite der Sache hatte sie noch nicht gedacht.
»Natürlich.« Was hatte das Mädchen für übermütige braune Augen. Sie hatte bloße Arme bis über die Ellbogen. Die reckte sie und machte eine zugreifende Bewegung mit beiden Händen, als ob sie sogleich ans Einrichten zu gehen gedenke. »Natürlich. Es ist mir --« ach nein, sie konnte nicht sagen, daß es ihr leid sei, hier wegzugehen. Es kam nichts dagegen in Betracht, nichts.
»Im Spätherbst wollen wir heiraten.«
»Schon?«
»Ja, das ist alles ausgemacht.«
»Alles heut Abend da hinten unter dem Baum?«
»Ja. Nun müssen Sie auch bald --.« Marie lachte.
Sie durfte sich schon etwas erlauben.
»Gute Nacht, Marie.«
Gertrud stieg die Treppe hinauf. Aber in halber Höhe blieb sie stehen und hörte ihr Herz schlagen. Was war dies für eine Nacht. Es wendete sich alles um und um. Es sah alles anders aus als vordem.
Achtes Kapitel
Die Wiblinger Stadtgemeinde war nicht mehr so ganz überzeugt von ihrer Sicherheit, seit Meister Nössel allein auf dem Turm wohnte. Er war doch allmählich ein hinfälliger, alter Mann geworden. Man konnte nicht wissen, was nächtlicherweile unten in der Stadt geschah, wann der Schlaf zu ihm kam, oder wann sein sehnliches Gemüt hinter den Gedanken drein ging, die in ferne Zeiten wanderten, in vergangene und künftige. So wurde die Turmwächterstelle mit ihren dreihundertundfünfundsiebenzig Mark Einkünften nebst freier Wohnung und Öl für die Laterne neu ausgeschrieben und dem Flickschuster und seitherigen Fabriknachtwächter Konrad Entenmann übertragen, dem Mann der heiteren, raschen, lebendigen Frau Lieselotte, von der wir wissen, daß sie einst von der Rektorin Cabisius geschult und herangezogen worden war. Also blieb der Turm sozusagen »in der Freundschaft«, wenigstens für Gertrud, die nun schon drei kleine Entenmänner über den Taufstein gehalten hatte. Sie zog denn auch hier oben mit ein; wenigstens brachte sie am Abend des Einzugstags die drei Buben auf den Turm, die sie heut gehütet hatte und besah sich das Wunder: wie in der einzigen Stube für zwei große und drei kleine Menschen Platz geschaffen war. An Frau Judiths Fenster stand der Schustertisch samt dem Schemel davor. Ob wohl in Zukunft auch so wunderbare Dinge von hier aus zu erschauen sein würden? Einmal, Frau Lieselotte neigte nicht zum Geheimnisvollen, und -- nein, und ihr Mann auch nicht. Nun zeigte sie ihr neues Reich, und sah es mit #ihren# Augen: »Die Kleiderkästen habe ich auf den Glockenboden gestellt; und draußen vor der Tür, siehst du, Gertrud, da habe ich so etwas wie eine Küche eingerichtet, zwei Schritte lang und drei breit, neben der Treppe. Ein Petroleumherdchen und ein Küchenkasten. Und oben, es geht eine Hühnerleiter hinauf, hast du je den Verschlag gesehen? Das gibt eine Schlafkammer für die beiden größeren Buben, wann sie zu lang werden für das Gitterbettchen.« Sie drehte sich um und um. »Ich muß mich erst daran gewöhnen, so hoch oben zu sein. Mann, du mußt morgen früh eine Gattertür an die Stiege machen. Handumkehr fällt einer von den Buben hinunter. Buben, das sag' ich euch, wenn einer da ausrutscht und fällt,« sie schauderte und nahm den Jüngsten auf den Arm und drückte den zweiten an sich, »dann, dann hau' ich euch, bis es genug ist. Jawohl, ihr dummen Kinder, das geht hinunter, hinunter, kein Mensch kann sagen, wie weit.«
Sie hatten es nicht im Sinn; sie drängten sich um die Mutter und guckten mit großen Augen das dunkle Treppchen hinunter. Eben war der Vater gegangen, sechs Uhr zu läuten. »Bscht, seid still.« Frau Liselotte kam sich nun doch auch ein bißchen wie etwas Regierendes vor. Das war ihr Mann, der die Glocke über die Stadt und das ganze Tal hinrufen ließ, und alle andern Menschen waren da unten und horchten.
»Gute Nacht, Gertrud. Ich dank' dir schön. Gelt, du steigst auch wieder da herauf, du weißt ja den Weg.«
Ja, den wußte sie. Aber es war ihr, als ob sie nicht allzu oft käme. Es war, als ob man aus einem schattigen Hain mit lockenden Pfaden und rieselnden Quellen einen Küchengarten gemacht hätte. Es war ein braver, wackerer Küchengarten, es war gar nichts an ihm auszusetzen, als daß es eben der alte Hain nicht mehr war. Sie mußte sich erst umgewöhnen. Der Mann läutete auch anders, als Meister Nössel, so schien es ihr. Zu schnell und ein wenig unruhig. Als Gertrud an ihm vorbeiging, um hinabzusteigen, sagte er, mitten unters Läuten hinein: »Jetzt heult der Fabrikhund, mein alter Hilfsnachtwächter, zum Erbarmen. Immer beim Läuten heult er. Das kann er nicht ertragen.« Bam, bam, fielen die Töne dazwischen. »Es ist sonst ein braves Tier, es tut ihm ahnd nach mir, ich weiß es.« Bam, bam, bam.
Wenn das Georg gehört hätte! Gertrud stieg die Treppen hinunter. Meister Nössel, der vollbrachte das Läuten wie eine heilige Handlung. Wie ein Priester oder ein Künstler. Ernst und still war er dabei und niemand durfte ihn anreden und ein Ton glich dem andern und jeder war ein Rufen nach den Menschenseelen.
Das wußte Gertrud nicht, als sie rasch und unmutig zu sich selber sagte: »So lernts der Entenmann nie, er kann nicht so läuten, weil er nicht so #ist#,« daß Meister Nössel draußen in Hollermanns Hütte, die er gestern bezogen hatte, auch auf das Läuten horchte. Und daß er leise sagte: »Du wirst ihn lehren, wie du mich gelehrt hast. In Lieb' und Leid, in Gemeinschaft und im Einsamsein, in Sehnsucht und Befriedigung, in eigener Not und über fremde Schmerzen hin habe ich die Glocken geläutet. Da haben sie die Welt und mich gesegnet.«
Er lächelte verstehend, als die hastigen, ungleichen Töne niederfielen. Sie taten ihm nicht weh. Er wußte wohl, daß #sein# Werk getan sei, und das der Glocken an ihm, und daß das beides bei diesem Mann erst anfange.
Stapfte da Frau Judiths Krücke?
Nein, es klopfte jemand mit dem Stock ans Fenster, und als er öffnete, stand sein alter Freund, der Rektor draußen und streckte seinen weißen Kopf herein:
»Komm Leonhard, es ist ein schöner Abend und wir haben alle Freiheit, zu feiern. Wir setzen uns aufs Bänkchen, hinten am Haus, gegen die Felder hin. Hörst du die Amsel? Hörst du, wie sie flötet? Als ob Hollermann in der Nähe wäre. Aber ich glaube, das ist er auch. Nein, wir wollen es nicht bereden. Wir setzen uns hin und horchen. Nachher kommt das Kind, die Gertrud, und holt mich ab.«
Da saßen sie beisammen, bis die Abendschatten niedersanken. Der Rektor hatte es wohl gewußt, daß ihn sein alter Schulkamerad heute brauche. Aber sie sprachen nicht viel. Sie kannten einander allmählich so gut, daß sie miteinander schweigen konnten. Es war ein warmer, schöner Abend im Juli. Es war gerade ein Jahr seit Frau Judiths Tod. Die weiße Kapelle schimmerte im letzten Abendstrahl. Hinten am Horizont erglänzten weiße Wolken mit purpurnen Säumen wie Gefilde der Seligen.
* * * * *
Er nannte sie immer noch das Kind. Aber sie war kein Kind mehr. Sie war schon lange wachen und regen Geistes gewesen und nun war das noch hinzu gekommen, daß sie sich selbst entdeckt hatte, wie sie jung und kräftig war und aufsteigenden Saft in sich hatte, wie ein starker, gesunder Baum. Es hob ein Fragen in ihr an: wozu, für wen? Und sie reckte die Arme aus gegen das weite Leben und begehrte sich zu füllen mit großen, schönen, reichen Gütern, und sah die Menschen, die rings um sie her waren, und verlangte, warm und nah zu ihnen zu gehören. Auf dem Grunde ihrer Seele aber war das andere: Das Du, das zu ihrem Ich gehörte. Aber das mußte noch schweigen. Das war immer da und sah sie mit großen Augen an: »Du, wenn wir einmal ganz beisammen sind, -- immer. -- Du, ach, alles, was ich habe, das gebe ich dir. Du, du.« Da füllte sie ein großer, mächtiger Lebensdrang. »Georg,« sagte sie. Und dann schloß sie die Augen und deckte noch die Hand darüber. »Still.«
In dieser Zeit bat sie oft den Großvater, wenn sie mit ihm durch den Garten ging oder bei der Lampe saß: »Erzähl mir aus der Zeit, als du jung warest. Als du die Großmutter kennen lerntest. Erzähl mir von meiner Mutter, als sie zum erstenmal zu euch ins Haus kam.«
Da lächelte er und ließ dichte Rauchwolken steigen: »Von deiner Mutter? Ja, ich weiß nichts neues mehr. Es ist mir, als wäre es erst kürzlich gewesen. Sie war gleich zu Hause bei uns, sie hatte eine so warme, sonnige Art. Sie konnte lachen, daß die alten Stuben und Gänge widerhallten, man mußte mitlachen. Hier, in den Augenwinkeln, da saß ihr der Schelm.«
Er sah nachdenklich vor sich hin. Er sah wohl die längst vergangenen Gestalten vor sich aufsteigen?
»Sie war das, was man anmutig nennt,« sagte er. Dann sah er seine Enkelin prüfend an. »Du gleichst ihr nicht; du gleichst deinem Vater. Der war groß und breit wie du, und hatte so ernste, feste Züge und eine hohe, breite Stirn wie du, -- ja und die Nase, die hast du auch von ihm. Sie aber war klein und zierlich und hatte Grübchen im Gesicht, eins in der linken Wange und eins im Kinn. Nein, du gleichst ihr nicht.«
Er wußte wohl nicht, daß er zu einem jungen Mädchen sprach? Sie war ihm im Lauf der Jahre so etwas wie ein Kamerad geworden. Er beredete alles mit ihr, so, wie es Georg Ehrensperger auch tat. Und daneben war sie ihm das Kind, das letzte, das ihm geblieben war.
Sie aber besah ihr Gesicht nachher in ihrer Stube im Spiegel und wurde vor sich selber rot, daß sie es tat.
»Ach, das ist ja einerlei. Ich bin jung und gesund. Still. Ja, ich bin ein wenig braun und eckig und ein wenig ernsthaft bin ich auch. Es liegt nicht viel zu lachen vor. Aber das schadet nichts. Darum bin ich doch -- ach, still.« Und sie zwang ihre Gedanken zu ernsthafter Arbeit, und senkte den braunen Kopf über dicke, schwere Bücher, die redeten von längst vergangenen Zeiten und Völkern und von vieler Weisheit alter Tage, und manche von ihnen in lang verklungenen Sprachen.
Stieg zwischen den Blättern jener Wintertag auf, an dem sie ihre Fußtapfen neben die ihres Kameraden gesetzt hatte: Ich werde ebenso groß und stark und gescheit, wie du? Begehrte sie in gleichem Schritt mit ihm zu gehen auch von Weitem? Oder hungerte sie nach dem Wissen selbst? Es war wohl beides.
Das Lernen füllte sie ein wenig. Aber es war nicht genug. Und sie ging in den Garten und schaffte sich müde und konnte doch nicht alle ihre Kraft verbrauchen. Und holte sich Nachbarskinder und spielte mit ihnen, aber sie konnte es nicht so recht; etwas Weiches, Lachendes fehlte ihr, so stark und mütterlich ihr Herz empfand. Einmal brachte ihr der Großvater einen Schüler, den sollte sie auf das Gymnasium vorbereiten. Das tat sie während dreier Frühlingsmonate und brannte vor Eifer und riß den Buben mit sich und brachte ihn richtig dazu, daß er in der Stadt mit seinen Altersgenossen fortkam. Vorher war er ein träger, unlebendiger Schlingel gewesen. Das Interesse, das hatte sie ihm eingeflößt. Aber nun war er fort. Und sie besuchte ihre Freundin, das lahme Mädchen, das seine ganze Jugend auf einem Fleck versitzen mußte. Dort wurde sie mit leuchtenden Augen empfangen. Sie hatte zuweilen Lust, ihren Kopf in dem Schoß des stillen, feinen Mädchens zu verstecken und zu klagen, daß sie eine Unruhe in sich habe, ein Drängen nach etwas Großem, das doch nirgends sei. Aber sie konnte es nicht. Die Freundin empfing ja ihren Anteil vom Außenleben durch sie; ihr war Gertrud Cabisius das Beste, Reichste, Klügste, das es gab. Sollte sie etwas zu klagen haben?
Nein, Gertrud fuhr fort, ihr Bücher zu bringen und ihr zu erzählen, was der Tag so mit sich brachte und was sie nun wieder gelernt hatte und sah die geduldigen, hingebenden Augen und die blassen, feinen Züge auf sich gerichtet, und hörte, wie aus der Tiefe dieses leidenden Lebens die Sehnsucht sprach, die auch für sich ein Genügen begehrte. Und es war ihr, als müsse sie für sich und für die Freundin noch etwas finden, etwas Großes, Neues, Füllendes.
»Aber,« dachte sie mitleidig, »für sie wird es doch nicht kommen. Sie kann kein volles Menschenleben leben. Warum muß es Kranke geben und Schwache?«
Da fühlte sie, wie ihr das Blut frisch und warm durch die Adern rann. Ach, es würde schon alles kommen. Es war auch jetzt schön. Die Hoffnung, die liebliche Märchenerzählerin, die winkte mit der weißen Hand: Du aber, du wirst das alles erleben, du bist lebenswillig und lebenskräftig.
Ja, das war sie.
* * * * *
»Großvater, bist du noch da? Wir haben uns ganz verschwatzt. Du glaubst nicht, was Veronika sich zusammendenkt, wenn sie so sitzt und näht. Ich glaube, sie stattet sich Himmel und Erde auf ihre Weise aus. Du solltest wieder einmal zu ihr gehen. Ich glaube, du bist ihr das Höchste, was ein Mensch sein kann.«
Gertrud lachte leise.
»Ich streite es ihr nicht ab. Jetzt komm, jetzt müssen wir heim. Völlig dunkel ist es geworden.«
Da hatte er seine Freude an ihr, Freude und keine Sorge.
Sie aber ging neben ihm her und faßte ihn nach Kinderweise an der Hand und war doch längst kein Kind mehr.
* * * * *
Es gibt eine Geschichte von einem, der im Wachen viel Hunger zu leiden hatte. Er hatte aber die Gabe, daß er vom Essen träumen konnte, so oft er wollte, und wenn ihm der Magen gar zu arg knurrte, so suchte er wohl auch mitten im Tag irgend ein verschwiegenes Eckchen auf, um dort in der Schnelligkeit ein kleines, bescheidenes Träumlein zu träumen, nur so gegen den gröbsten Hunger. Er konnte es freilich nie so weit bringen, daß er sich wirklich satt vorkam, das stand ihm noch aus; indessen konnte er sich doch einbilden, nahe daran zu sein, und das war immerhin etwas.
Er war aber ein besinnlicher Mensch und dachte sowohl über sich selbst als auch über den Lauf der Welt fleißig nach, und als er seine Augen bei den andern Menschen herum gehen ließ, da fand er, daß sie alle irgend ein Eckchen hatten, in dem sie vom Essen und vom Sattsein träumten, die einen so, die andern anders, und daß der Hunger so vielgestaltig auf Erden sei, als das Menschenschicksal selbst, und das Sattwerden etwas Seltenes.
Franz Ehrensperger der Jüngere, der schien nicht zu den Hungrigen zu gehören und auch kein Träumer zu sein.
Aber darum hatte er doch auch einiges ausstehen, was ihm zum Sattsein erforderlich war.