Alle guten Geister...: Roman

Part 17

Chapter 174,038 wordsPublic domain

Er wußte wohl, wie es da unten zuging; er hatte fast allen Wiblingern im Lauf der Jahre die Hosen geflickt und die Hosen nicht allein. Frau Judith wußte es: er hatte manchen Brast, der auf irgend einem Herzen lag, mit sich heraufgetragen und da oben in der hellen Stube vor ihren Augen ausgebreitet. Und wie sie mitsammen ratschlagten, ob der und jener Kittel noch zu reparieren sei und seine Flecken zu tilgen, so bewegten sie auch miteinander in guten und einfältigen Gedanken die unruhigen Wege, auf denen die Leute zu ebener Erde sich die Herzen und den Mut und das Gewissen zerrissen, und fanden aus ihrer eigenen Herzensstille ein gutes Wort und gaben es umsonst darein. Sie konnten nichts dafür, wenn es nicht immer half. Vielleicht war es so, daß sie, die wie wir wissen, ein unsichtbares Königreich hatten, nur denen helfen konnten, die ihres Landes waren: einfachen, einfältigen, gläubigen Gemütern, die in und hinter allem Geschaffenen eines Gottes Herz und Hand fanden. Vielleicht wußten sie mit den andern nicht so zu reden. Tatsache war es, daß einige Leute, die sehr gescheit und von gutem Appetit und nüchternen Anschauungen waren, lachten, wenn sie das eisgraue Schneiderlein mit seinen kindlichen Augen sahen, und daß einige andere Leute ihm die Hand schüttelten und die Kappe vor ihm abnahmen.

Aber Meister Nössel machte sich nicht so viel aus beidem. Vielleicht merkte er's gar nicht, das kann wohl sein. Da, als er so stand und der Menschen da unten gedachte, fing drüben im Weiler Hinkelsbach ein spätes Glöcklein an zu rufen und vom Wald her, von Buchenbronn und von Ettersbühl kam Antwort; es waren fromme, sanfte Glockenstimmen, die miteinander redeten. Und der Alte, der noch von vorher sein tuchenes Hauskäppchen in der Hand hatte, tat die Hände darüber zusammen und sagte sein:

»Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ, Dieweil es Abend worden ist,«

und sagte es für sich und für die andern aus einem sehnlichen Herzen heraus. Darüber war er aus seinem Sinnen gekommen und nun stieg er das Treppchen hinauf in die Stube. »Schläfst du, Judith?« sagte er, als er seine Schwester in dem hellen Mondlicht sitzen sah, den Kopf auf der Brust und die Augen geschlossen. Er lächelte still, da sie keine Antwort gab. »Sie wird allmählich müd,« sagte er. »Sie hat's mit dem Schlafen und war sonst so ein munteres Frauenwesen. Was war das für ein Mädchen seinerzeit. 'Über sieben Buben,' sagte die Mutter. Na, sieben, das ist ein bißchen viel. Aber doch. Sie stieg über alle Zäune.«

So, nun war er im richtigen Fahrwasser. Wohin waren alle die Jahre gekommen, die zwischen heut und damals lagen? Wie weggewischt waren sie. Er setzte sich in die eine Ecke des Kanapees. In der andern war gestern abend Rektor Cabisius gesessen. Das war auch so einer. Dem war auch wie vorgestern geschehen, was sechzig und siebenzig Jahre her war. Aber mitten im Gespräch hatte die Judith gestern Zeiten und Personen verwechselt und dann hatten sie miteinander darüber gelacht. Sie, die immer alles so genau wußte.

Meister Nössel fuhr aus seiner Ecke empor. Es hatte elf Uhr geschlagen, noch verzitterte der Nachhall der dröhnenden Schläge in der Luft. Er war ja richtig auch eingeschlafen gewesen. Er hatte eben noch geträumt. Was war es nur gewesen? Er konnte sich nicht mehr recht besinnen und strich sich erwachend über die Stirn. »Judith, komm, wach auf. 's ist Zeit zum Bettgehen.« Sie rührte sich nicht. Das Mondlicht war weiter gegangen, sie saß im Schatten. Da trat er heran und legte ihr die Hand auf die Achsel. »Judith, wir wollen noch den Abendsegen lesen. Ich zünde die Lampe an, Judith.«

Aber als er mit der Lampe kam, da sah er, daß sie keines Abendsegens mehr bedurfte. Sie war schon zur Ruhe gegangen. Sie war so müde gewesen.

Da setzte sich Meister Nössel still neben sie. Jetzt war er ganz allein. Aber er wußte schon, daß er das nicht lange bleibe. Er hatte auch nicht mehr weit bis zum letzten Abendsegen.

* * * * *

Und wieder ein Abend.

Da hatten sie in alter Weise auf den Turm steigen und zu Frau Judiths Füßen sitzen und Märchen hören wollen. Wie in Kindertagen hatten sie tun wollen. Aber sie waren keine Kinder mehr.

Es war aber doch etwas wie aus einem Märchen, was sie heute erlebten.

Frau Judith, die so wunderbare Dinge gesehen, gehört und erlebt hatte, die mußte ja freilich auch anders zu Grabe gehen, als andere Leute.

Hatte sie nicht prophezeit, daß sie einst in der vollen Flut des Mondlichts durch die Luft schwimmen werde, breit und sicher und ohne viel Geräusch? Es war eine weiche, schimmernde, warme Julinacht.

Unten, dem Turm gegenüber, an eine Mauer gelehnt, standen die beiden jungen Menschenkinder, Gertrud und Georg. Sie hielten sich an den Händen gefaßt und sahen stumm in die Höhe. Der Vollmond stand hoch am Himmel und leuchtete seiner alten Freundin, die er so oft da oben besucht hatte. Nun kam sie auf die ebene Erde herunter zu den andern. Sie wollten sie in die weiße Friedhofskapelle tragen und taten es bei Nacht, der Leute wegen. Frau Judith durfte nicht im Tod ein Schauspiel geben; das hatte sie im Leben nie getan.

Der riesige Turm ragte hoch auf; er schien bei Nacht noch massiger und schwerer zu sein als bei Tag. Das bläuliche, unsichere Licht hüllte ihn ein und schien durch die Luken, hinter denen die Glocken hingen, und glänzte in den Fensterscheiben des Kirchenschiffs.

Da kam es von oben her, schwarz und schwer, und senkte sich langsam nieder, langsam, langsam.

Die beiden hielten den Atem an und rückten näher an einander. Die Hände faßten sich fester. So waren sie nicht allein dem unbegreiflichen Etwas gegenüber, das da herniederkam.

Das stieß nun auf dem Pflaster auf. Es gab einen dumpfen Ton. Da stand es still, groß, schwer und unbeweglich. Wie ein dunkles Schicksal stand es da. Das war der Sarg. Ein stummes, stummes Ding. Ein schwarzes Tuch lag darauf, es warf einen langen, schrägen Schatten auf die mondbeglänzte Gasse. Die hellen, starken Seile, die darum geschlungen waren, zogen gerade, feste Striche durch die Luft, von der Höhe des Turmes bis hierher.

Ein paar Gestalten kamen aus dem Turmeingang hervor. Sie sprachen einiges mit gedämpfter Stimme, lösten die Seile ab und hoben den Sarg auf eine Bahre. Dann gingen sie mit der stummen Last davon, man hörte ihre Tritte hallen durch die Nacht.

Droben in der Turmstube flimmerte ein Lichtlein; irgend jemand beugte sich zum Fenster heraus; dann wurden die Seile hinaufgezogen und die Gasse lag still, wie zuvor. Sie atmeten tief auf. Ihre Hände lösten sich auseinander. Das war ein großes, helles Stück ihrer Jugend gewesen, was hier davongegangen war. Das war nun vorbei. Selige Kinder waren sie da droben gewesen. War nun niemand mehr, der ihnen das Paradies der Kindheit hütete, daß sie es finden konnten, so oft sie kamen? Morgen ging Georg wieder nach Tübingen, gleich nach Frau Judiths Begräbnis.

»Wenn ich wiederkomme, erzählt mir kein Mensch mehr Märchen.« Er sagte es mit unsicherer Stimme; es war ihm nicht um die Märchen zuerst und allein. Er war ja nun Kandidat, er wollte im nächsten Jahr das Examen machen, er war wohl zu alt für solche Kindereien. Er hatte andere Dinge zu bedenken. Nur, er war ein Träumer. Er vergaß manchmal all das andere und war wieder der kleine Bub, dem der liebe Gott hoch oben über der Turmspitze saß und das Ganze überschaute und in dessen Welt es wunderbar genug zuging.

Gertrud schien das in der Ordnung zu finden. Sie wandte sich zu ihm hin. Er sah, daß sie Tränen in den Augen hatte, sie flimmerten im Mondlicht. »Doch,« sagte sie und zwang sich zum Lächeln und sah ihn mütterlich an, so jung sie war. »Doch, das tu' ich. Ich habe sie alle in mir drin.«

* * * * *

Marie, die junge Magd aus dem Weiler Hinkelsbach, die sich so gut aufs Brotbacken verstand und so mißtrauisch gegen das Bücherwesen war, die erlebte zu dieser Stunde, in dieser warmen, düftereichen Sommernacht, ganz hinten im Rektorgarten, da, wo er an den Stadtgraben anstößt, auch etwas Märchenhaftes. Es ist bis jetzt nicht aufgeklärt, was der Seiler Andres Hagenbach, der auf der andern Seite des Stadtgrabens seine Seilerbahn hatte, zu so später Stunde noch dort nachzusehen hatte; und Marie, die noch von der Rektorin Cabisius zu einer regsamen, umsichtigen Magd erzogen war, hätte gleichfalls nicht nötig gehabt, noch bei Mondschein im allerletzten Beet Salat zu schneiden. Der Rektor sagte später in der Hochzeitstischrede, die er den Zweien hielt, die beiden Herzen seien wohl damals schon unsichtbar an einander angeseilt gewesen und solche Seile hätten, das wisse er noch von seiner eigenen Jugend her, eine merkwürdige Zugkraft.

Tatsache war, daß Marie von dem Salatbeet weg, anstatt den langen, geraden Hauptweg nach dem Haus einzuschlagen, nach dem Baumgarten zu ging, sie, die sonst weder für Mondschein noch für einsame Gänge etwas übrig hatte. Und Tatsache war, daß, als Georg und Gertrud nach Hause kamen -- sie hatten den Schlüssel zum hinteren Gartenpförtchen bei sich und schritten still und wie im Traum durch den Garten, -- daß sich dort unter den Bäumen eine dunkle Gruppe bewegte, flüsternd und, ja nun kam ein zarter Laut, wie ein Kuß, dann noch einer, dann ging jemand fort. Es raschelte und knackte in dem trockenen Stadtgraben, und dann kam Marie unter den Bäumen hervor und sagte, als sie der beiden ansichtig wurde, halb trotzig und halb übermütig: »Er ist mein Schatz. Er will mich. Vorhin hat er's gesagt. Ich hab's aber schon lang gewußt. So was merkt man doch.« Sie war so erregt, daß ihre Augen, sowohl das gerade, als das, mit welchem sie ein wenig schielte, Blitze schossen, Jubelblitze, wenn man so sagen will. »Morgen kommt er,« sagte sie. »Vornen zur Haustür herein bei Tag. So will ich's. Er soll's zum Herrn sagen, die Frau ist meine Patin gewesen.« Dann ging sie vor den Beiden her mit flinken Schritten ins Haus. Auf ihrer vollen, runden, beweglichen Gestalt und auf ihrem krausen Haar lag das Mondlicht. »Er will mich,« sagte jede Bewegung, »er hat gesagt, ich sei ihm grad recht, er möchte kein Härchen anders haben an dem ganzen Mädchen.«

Am andern Morgen sah der Rektor, als er seinen Frühspaziergang unter den Bäumen machte, sowohl die abgeschnittenen Salatköpfe als auch das Messer und das kupferne Salatbecken unter dem Süßapfelbaum liegen, der seine äußersten Äste noch über den Stadtgraben hin streckte. Da blieb er stehen und lächelte. Er hatte sich vorhin in der Küche seine Pfeife angezündet, und er besaß Mariens Vertrauen.

* * * * *

In des Rektors Studierstube brannte heut weder Feuer noch Lampe. Die guten Geister und Geisterchen dieses Raumes mußten im Mondschein spucken, und das war ihnen ganz gelegen. Aus allen Ecken kamen sie hervor, tanzten auf dem silbernen Teppich, den das Mondlicht auf den Stubenboden wob, ritten auf den Wölkchen, die der Rektor seiner allerlängsten Pfeife entsteigen ließ, trieben allerlei Allfanzereien mit den Büchern in den großen Ständern und den Bildern an der Wand und unterhielten sich mit dem alten Mann, der da saß und auf die Jugend wartete.

»So, da kommt ihr?«, sagte der Rektor. »Nun laßt euch nieder, wir wollen noch eine Weile beisammen sein. Ach, du Kind.«

Denn Gertrud hatte sich einen Schemel geholt und nun saß sie neben ihm und legte die Hände um die Kniee und den braunen Kopf gegen des Großvaters Arm.

Georg saß auf der Truhe.

»Hier bin ich daheim,« sagte er. Er streckte die langen Beine weit von sich und lehnte sich an die Wand.

»Bei uns drüben bin ich's nicht, je länger, je weniger.

Franz ist mein Bruder und nur zwei Jahre älter als ich. Aber wir wissen nur wenig miteinander anzufangen. Es gibt nichts Verschiedeneres, als uns beide. Jetzt hat er noch seine Frau dazu; es ist, als ob er nun vier Augen habe, um alles zu sehen, was ich -- nicht sehe, und vier Füße, um breit und kecklich und sicher mitten im hellen Tag zu stehen. Es gibt nichts Verschiedeneres als uns beide, und gibt nichts Verschiedeneres, als das ganze Haus Ehrensperger und mich. Sie sind praktisch, ich bin unpraktisch, sie sind für das Nahrhafte und Gedeihliche, immer nüchtern, klar und fertig: so ist's -- und so wird's -- und damit gut. »Du bist ein Sinnierer,« sagen sie, »und Sinnieren trägt nichts ein.«

Er war ein bißchen kleinlaut.

»Sie haben gewiß ein Recht, so zu sein, wie sie sind. Aber kann ich aus meiner Haut heraus? Ich kann nicht mit ihnen laut und lebhaft sein; wenn sie lachen, finde ich nichts daran, und wenn ich versuche, mitzutun, so gelingt es eine kurze Weile, mehr nicht. Es ist, als ob wir in zwei Welten lebten.

Sie verstehen die meinige nicht und ich die ihrige nicht.«

Ja, jetzt durften sie ihn nicht stören. Sie wußten es, daß er jetzt den Sack, von dem er gesagt hatte, ausleere bis auf den Grund. Sie nickten ihm nur zu, ermutigend: sprich nur, du kannst alles sagen.

'Du, Pfarrer,' sagte Franz heut zu mir, (er sagt immer schon 'Pfarrer', obgleich kein Mensch weiß, ob es jemals so weit kommt), »du, Pfarrer, du trägst so ein zugeschlossenes Gesicht herum. Ich kann dir aber sagen, so duckmäusig sind nicht alle Studenten. Fritz Hornstein, der studiert doch auch auf den Geistlichen, der kam an Ostern heim und besuchte alle Bekannten. Und wohin er kam, da gab es lustigen Lärm und Lachen. Er kam auch zu uns und drang bis in die Backstube vor. Da machte er einen Gaul aus Milchbrotteig, mit vier bocksteifen Füßen. Den mußten wir ihm backen und dann nahm er ihn mit sich nach Tübingen. Er wolle ihn jemand verehren, sagte er. Ist der lustig, warum bist du es nicht? Du mußt doch nicht Hunger leiden.

Und alle stimmten bei: Du mußt doch nicht Hunger leiden. Sie meinen es gut auf ihre Art. Sie sind nur anders als ich, das ist alles.

Die Schwägerin -- Jungfer Liese ist begeistert von ihr, aber sie fürchtet sie, glaub ich, in aller Stille ein wenig, -- sagt, daß Franz noch eine Weinwirtschaft einrichten solle. In unsern Stuben, Gertrud. Weißt du, wo die Gitterbettchen standen und das Himmelbett mit den roten Vorhängen. Franz ist nicht übel einig damit. Der Vater auch.«

Er machte einen Versuch, zu scherzen, aber es gelang ihm nicht recht. »Ich glaube, ich bin eifersüchtig. Franz und der Vater sind die besten Freunde. Der Vater liest täglich drei Zeitungen. Aber ich verstehe nicht viel von Politik, und das wenige sieht bei mir anders aus als bei ihm. Da beredet er alles mit Franz, und sie streiten sich wacker herum, haben große Mostgläser auf dem Tisch und schlagen mit der Faust dazwischen. Die besten Freunde sind sie.

Ich aber sitze stumm daneben.

Und dann gehe ich in der Verzweiflung ans Klavier. Das ist immer noch meine Zuflucht.

'Das ist recht, Pfarrer,' sagte Franz, als ich es heut öffnete. Und Jungfer Liese ging gleich ans Fenster und machte einen Flügel auf, damit die Nachbarschaft auch ihren Teil bekäme.

'Spiel' etwas Eigenes,' sagte Franz, 'spiel' etwas, das du selbst gemacht hast.'

Da ließ ich mich verleiten. Ihr wißt, es ist mir hie und da etwas eingefallen im letzten Jahr. Ich hätte es ihnen nicht vorspielen sollen. Ich hätte wissen können, daß es nicht zu ihnen redet. Aber es war ein starker Wunsch in mir, etwas mit ihnen zu teilen, das mich angeht. Ja, vielleicht war auch ein wenig Großtuerei dabei, das kann ich nicht sicher sagen.«

Denn Gertrud hatte ihm so einen Blick zugeworfen, der etwas ähnliches andeuten mochte.

Er tat einen langen Atemzug. »Es ist mir nicht gut gegangen damit.

Ihr wißt, als Fritz Bauer beim Baden ertrank, -- ihr kennt ihn, er war so ein lebensvoller, frischer Mensch, Neuphilolog, mein Bundesbruder, da habe ich etwas komponiert, eine Totenklage, wenn ihr wollt. Ich habe die Musik in mir gehört, eine ganze Nacht lang; ich stand um vier Uhr auf und saß den ganzen Vormittag daran und es gelang mir, sie festzuhalten. Ich habe sie in der Verbindung vorgespielt, als wir die Trauerfeier hielten. Ich habe den Eindruck, als ob einige gefunden hätten, daß etwas daran sei.

Also, das spielte ich heute vor und vertiefte mich ganz darein und meinte, sie alle mit mir zu führen in die Stimmung: daß solch ein junges Leben so jäh endigen müsse. Jetzt noch heiter und kräftig und voll Frohmut, und junge Genossen dabei, und sonnige Ufer und plätschernde Flußwellen, -- und dann der starre Tod, der ihn in die Tiefe zog. Das hätt' ich alles mit Worten nicht so sagen können, aber ich meinte, sie sollten es mit mir hören in den Tönen, die ich anschlug. Aber als ich fertig war und mich nach ihnen umwandte, da blieben sie alle still und sahen einander verdutzt an. Es war nicht das beredte Schweigen, das einem so viel sagt, es war das lähmende, tote Schweigen, bei dem nichts herüber und hinüber geht.

Und nach einer Weile fing Franz an zu gähnen und sagte: 'Also das wär's, so, so. Du, jetzt, jetzt spielst du noch etwas anderes. Jetzt spielst du noch den Radetzkymarsch. Was, den kannst du nicht? Na, mach' kein Gesicht. Ich glaube, ich kann ihn, wenn auch nur mit drei Fingern. Laß mich einmal heran.'

Und die Schwägerin sagte: 'Ach ja, Franz, den Radetzkymarsch.' Den hatte sie mit ihm gehört, als sie miteinander in Stuttgart bei der Wachtparade waren.

Und er spielte ihn, und der Vater taktierte mit dem Kopf und versuchte, mitzupfeifen. Jungfer Liese sah mich vorwurfsvoll an: »Siehst du? Der Franz. Er hat nicht studiert und kann es doch. Das ist einer, der Franz.«

Da kam es über mich, daß ich aufsprang und den Deckel zuschlug und noch die Tür zuwarf, daß es knallte und in den Garten ging.

Nachher schämte ich mich und ging noch einmal hinein. Da waren sie ganz harmlos und freundlich und Jungfer Liese sagte, ich müsse neue Hemden haben und wir sprachen eingehend über die Hemden.

Aber davon wurde es nicht anders. Sie sind fremd in meiner Welt, und ich bin fremd in der ihrigen. Und es führt kein Weg herüber und hinüber. Ich hänge an ihnen; ihr wißt es. Und das ist mein Kummer, daß ich anders sein muß meinem Wesen nach. Es ist nicht nur mein Studium, es ist mein Wesen.«

»Das kenn' ich besser, als du denkst,« sagte der Rektor in seiner verstehenden, linden Art.

»Das kenn' ich aus der Zeit, als ich, selber noch jung und meines Wesens ungewiß, mit Schmerzen sehen mußte, daß ich anders sei als die, zu denen mich Geburt und Kindheitsgenossenschaft gestellt hatte und zu denen auch mein wachsendes Ich noch drängte. Ich weiß, wie das ist, was du heut erlebtest. Ich habe es auch erlebt.«

Georg sah auf. Die alten Augen lagen liebend auf ihm und es wallte warm in ihm empor.

Er war also auch nicht immer ein so harmonischer, klarer Mensch gewesen? Er hatte auch seine Art durch Schmerzen und Zweifel hindurch tragen müssen? Und war doch solch ein Mann geworden. Dann -- dann verlohnte es sich also, daß man es versuchte, mit sich selber zu hausen, wie man nun einmal war? Daß man versuchte, auch aus seiner Art etwas Rechtes zu machen?

Gertrud nickte ihm zu. Hatte sie seine Gedanken verstanden? »Franz ist Franz und du bist du. Laß dich's nicht so sehr anfechten. Das kommt vielleicht noch, später. Siehst du, bei dir ist noch nicht alles so klar und fertig. Sie sind schon, was sie werden müssen, du nicht. Es geht noch so vielerlei hin und her in dir, nicht, du?«

Ach ja, das tat es freilich. Bis zum Überlaufen voll war er davon. Er hatte ja heute mit ihnen davon reden wollen. Je näher das Examen kam, je mehr fürchtete er sich davor. Nicht nur vor dem Examen selbst, obgleich er auch dazu einige Ursache hatte; viel mehr vor dem Leben, das darnach kam. Vor dem Amt. Wo war das knabenhaft ausgesponnene Pfarrersideal hingekommen, das er eine Zeitlang gehabt hatte? Haus und Garten auf dem Land, eine kleine, nette Dorfkirche, einfache, schlichte Menschen, denen er alles Schöne, Fromme, Ewige vermitteln durfte. Er selbst -- ach, wir kennen ja Georg Ehrensperger, -- er hatte sich bereits gesehen, wie er durch die Gassen schritt und alle kannte und grüßte, und alle ihn. Und wie er an stillen Sommernachmittagen die Kirche aufschloß und -- dann brauste die Orgel durch den Raum. Ganz deutlich hatte er das gewußt. Ach, wo war es hin? Je mehr er sich mit den Wissenschaften auseinandersetzte, desto mehr zerfloß ihm alles, was er unter Christentum verstanden hatte. Was blieb ihm noch? Was war das Ewige, das Frohe, Heilige, das er den Menschen bringen wollte? Er hatte ihnen nichts zu geben. Er hatte selber keinen festen Besitz. Was er hatte, das lag zu tiefst innen und sah kaum aus wie Religion. Man konnte es nicht in Worte kleiden und nicht lehren. Es war ein Verlangen, sich hinzugeben, sich brauchen zu lassen, etwas zu sein für die Menschen, und ein Verlangen darnach, an den Quell des Lebens hinzudringen, der unter allem Sichtbaren seine Fluten hinschickt. Und er wußte es noch nicht, damals noch nicht, daß er hundert Jahre lang zu leben und zu predigen gehabt hätte aus dem einen Verlangen seiner Seele heraus: »Gebt euch hin an Gott, gebt euch hin an die Menschen.« Allen Glauben und alle Liebe konnte man da hineinfassen. Aber er verstand sich selbst noch nicht.

Arm und unklar kam er sich vor. Was sollte ein solcher wie er ins Amt treten? Er konnte über diese Dinge nicht mit den Genossen reden, er war zu scheu, sie in sich hineinsehen zu lassen. Und er konnte sich auch nicht bei den Professoren Rats erholen, wie manche taten.

Und immer öfter kam die Angst über ihn: »Wo hinaus mit mir? wenn nun die Zeit da ist, was dann?«

Zweierlei war, an dem er sie hie und da vergaß.

Lore. Wenn er bei ihr war und sie sah, so blühenden Lebens voll, dann kam es über ihn, wie von frischer Märzluft angeblasen, daß das Leben denn doch nicht nur eine Sache des Nachdenkens sei, und daß Jugend und Schönheit auch gute Gaben seien. Wenn er sie gut antraf, so scherzte sie ihm die schweren Gedanken hinweg: »Ach du, du nimmst alles so schrecklich ernst. Weißt du, was gut ist gegen das Traurigsein? Frohsein, du.« Dergestalt rief sie ihm nach außen.

Nach innen rief ihn die Musik. Ans Klavier trug er die Unruhe, die ihm die Wissenschaft machte. Die Musiker, das schienen ihm die wahren Propheten und Lehrer zu sein von dem allerinnerlichsten, das es gab. Sie konnten trösten, froh machen, die Herzen erheben. Sie konnten der Seele auf den Grund leuchten und alles Gute mit Namen rufen, daß es lebte, und alles Niedrige erschüttern.

Aber das konnte ihn nichts helfen, daß er das wußte. Er mußte selber etwas zu geben haben, etwas Eigenes. Es wollte etwas in ihm leben, und suchte eine Sprache; da horchte er und suchte sie zu finden.

Die Bücher und Kollegien kamen nicht gut weg dabei.

Denn je länger er Musik machte, desto kälter wehte es ihn aus den Büchern an. Ja, freilich -- er durfte es sich nicht verhehlen, es waren nicht immer gerade die reinsten Triebe, die ihn ans Klavier zogen. Er mußte es sich gestehen, zuweilen floh er nur dahin vor den langweiligen Pflichten, zuweilen war es reine Zerstreutheit, daß er da saß und spielte. Gertrud kannte ihn wohl, als sie sagte: »Es geht noch so vielerlei hin und her in dir.«

Von dem allem hatte er heut reden wollen. Er hatte es sich fest vorgenommen. Aber die friedlichen Geister dieser Stube lösten so manche Unruhe, noch ehe sie in Worten an die Oberfläche kam. Mußte denn alles gesagt sein? Es war so wohltuend, eine Weile still dazusitzen. Die beiden verstanden ihn auch so, das wußte er. »Hier bin ich daheim, das macht es.« Und als er sich dessen aufs neue versichert hatte, da wuchs ein neuer Mut in Georg. »Warum sollte ich's im Ehrenspergerhaus nicht auch sein können? Es ist nicht so leicht, aber es muß doch zu machen sein. Ich will mich morgen mit Franz und dem Vater an den Vespertisch setzen und -- ja, und will ihnen von mir erzählen. Ich will es so einfach tun, als ich kann. Ich will nicht fremd werden in meinem Vaterhause.«

Als er das beschlossen hatte, sah er froher aus, als zuvor.