Part 16
»Die Schwägerin schläft bei der Frau,« sagte der Meister. »Ich bin ausquartiert. Da oben, in der Kammer nebenan ist mein Bett. Ich mag aber noch nicht hinein. Es ist doch etwas Besonderes. Wenn da auf einmal etwas lebendig wird. Das ist vorher nicht dagewesen. Und das gehört so zu einem. Es ist mir jedesmal so, wenn eins kommt, ein Kind. Es dreht einen um und um. Hören Sie's?«
Es drang ein dünner, heller Ton in die Stille herauf.
»Das ist er.« Sie horchten beide.
»Mir geht's auch so,« sagte Georg. »Daß ich nämlich noch nicht ins Bett mag. Bei mit geht auch etwas um, das lebendig werden will. Ich hab' etwas komponieren wollen, etwas Wunderschönes. Droben auf dem Spitzberg hab' ich's gefunden. Aber ich kann's nicht recht loskriegen. Stückweise, ja; einmal auf dem Klavier und einmal auf der Geige, aber es hat keine rechten Zusammenhänge. Hier, in mir drin, da hab' ich's.« Er schlug sich mit der Faust auf die Brust. »Da tönt alles miteinander. Nein, ich geh' noch nicht ins Bett. Ich spränge ja doch wieder heraus und finge von vornen an.«
»Wissen Sie was?« Meister Riedel machte ein vergnügtes Gesicht über einen guten Einfall, der ihm kam.
»Da oben ist's nichts mehr. Es geht stark auf ein Uhr. So späte Wiegenlieder sind nicht so passend. Wir geh'n in den Keller. In den kleinen, hinteren Weinkeller. Dort setz' ich mich auf ein Faßlager und höre zu und Sie spielen sich's vom Herzen herunter. Da wird's dann schon kommen. Vorsichtig, leise. Die Treppe knarrt bei jedem Tritt, sie ist alt, wie das ganze Haus. Morgen früh wird die Frau schelten; es kann nichts im Hause vor sich gehen, ohne daß sie es hört. Aber so sind die Frauen. Was sie nicht sehen, das hören sie; was sie nicht hören, das ahnen sie sonstwie.«
Da stiegen sie in Strümpfen die Treppe hinunter und bargen sich und ihre wachen Lebensgeister im Keller.
An einem Drahthaken von dem runden Deckengewölbe herunter hing schaukelnd und schwebend eine Ampel, die warf rötliche, flackernde Lichter durch den dunklen Raum. Zwischen zwei braven, bauchigen Fässern saß der Meister auf dem Faßlager, stützte beide Ellbogen auf die Knie und den Kopf in die Hände. Gluck, gluck, gluck fiel es in eintönigem, hellem Tropfenfall irgendwo in einer Ecke aus einem hochgestellten Gefäß in ein niedriges. Sie horchten beide eine Weile darnach hin. Immer der eine Tropfen; sonst tiefe Stille.
Da, in dieser mitternächtigen Stunde und vor dem viel älteren Mann, zu dem ihn ein Gefühl von Freundschaft und Vertrauen hinzog, weil er gleich ihm sinnig und nachdenklich war und zu den Horchenden gehörte, da wuchs Georg Ehrensperger der Mut aufs neue. Und er stand unter der schwebenden Ampel und hielt die Geige im Arm und spielte. Meister Riedel sah mit warmen, freundlichen Blicken auf den jungen Mann, der während des Spielens glänzende Augen bekam, und nickte ihm zu und sagte in einer Pause still und bedächtig: »Das ist, als ob Sie mir das alles erzählen und als ob ich es ganz verstände.« Und fing an, langsam und die Worte zusammensuchend, zu reden: »Ich weiß nicht, wie es den andern geht damit. Sie sagen: Musik ist Musik. Tönen muß das und klingen. Ich meine: Reden muß es. Alles das, wofür es keine Worte gibt und will einen doch auseinanderdrücken, das kann man #so# sagen. Ganz von unten herauf. Mein Vater, der schwere Sorgen hatte, und nach und nach blind wurde und oft einherging, den Kopf und die Schultern gebückt wie unter einer Last, der setzte sich oft im Dämmer, wenn er sich allein glaubte, ans Klavier. Und was er sonst niemanden sagte, das tat er da von sich. Zuerst war es lauter Jammer, als ihm nach und nach das Licht seiner Augen erlosch, und dann fand er den Weg zu einem Choral: 'Wenn wir in höchsten Nöten sein,' oder 'Befiehl du deine Wege.' Und ich stand manchmal in einer Ecke und horchte und meinte, ich kenne ihn erst jetzt. Später, als er still und friedlich seine letzten Jahre hinlebte, da hat er auch noch heitere und freundliche Töne gefunden. Als unser erstes Kind zur Welt kam, die Lene, da hat er nichts gesagt, sondern hat nur so still für sich hingelächelt, und dann hat er ein Lied gespielt, das tat wie ein Schlaflied, ganz zart und fein. Aber auf einmal hat das aufgehört, da hat es aus dem Klavier herausgewettert, wie wenn einer einen Juchzer unterdrücken will und kann nicht mehr und #muß# hinaussingen; und nachher ist ihm der Schmerz dreingekommen: daß er es nicht sehen kann, das Kind nämlich.
Und sehen Sie, Herr Ehrensperger, alles das, was einer gern in seinem Leben drin hätte und hat's nicht und muß sich danach sehnen und kann's niemand sagen, das, mein' ich, das sollte man auf so einem Instrument sagen können. Ich kann's nicht; wenn's mich packt und ich will's probieren, dann bringen's meine schweren Hände nicht heraus. Oder fehlt es sonstwo. Aber wenn einer ein rechter Musiker wäre, und er wüßte von allem Schmerz und von aller Freude der Menschen, und hätte den Glauben, daß da etwas dahinter steckt, hinter dem Leben, etwas, das man nicht sehen kann, etwas Großes, Schönes, das zu uns gehört, dann -- dann müßte es sein, wie eine Predigt, was er spielt.
Ich kann's nicht so sagen, wie ich's meine.« Er lächelte ein wenig verlegen, daß er so viel gesagt hatte, da er am hellen Tageslicht eher ein schweigsamer Mann war.
»Ich red', wie ich's versteh. Ich hab' noch nicht viel ganz rechte Musik gehört. Ein paar mal in meinem Leben. Das vergeß ich nie. So alt ich werd', vergeß' ich's nicht. Aber ich mein', ich spür's, wie es sein müsse und wie nicht, und ob's von unten herauf kommt. Man spürt's ja den Leuten auch an, ob sie fromm sind und recht und ehrlich, oder ob sie nur so daherreden.«
Da stand er auf und holte ein Glas aus einer Mauernische und füllte es mit einem braven, roten Wein, der war bei Stetten im Remstal gewachsen, und bot es seinem jungen Genossen. Der tat einen tiefen Zug daraus, und sah den Meister an und mußte ihn liebhaben, und fand auch das Wort, ihm von seinem jungen Leben und von seinen Freuden und Unruhen und von seinen Wünschen und Träumen zu erzählen.
Darauf trank auch der Meister und füllte das Glas aufs neue. Da tranken sie umschichtig aufs Wohlsein aller, die zu ihnen gehörten und auf ihr eigenes, und auf das Gedeihen aller schönen Lebensplane und spürten mit der Zeit die freundlichen Geister des Remstälers, der ihnen mutmachend und siegverheißend durch die Adern strömte, besonders dem Jüngeren. Zuletzt nach allen tranken sie auch aufs Wohlsein der Lore, nachdem sie miteinander beredet hatten, daß so »die meisten jungen Mädchen« seien. Es tat nichts zur Sache, daß sie beide nicht viele junge Mädchen kannten, es war doch ein beruhigender Schluß.
Und nach einiger Zeit nahm auch der Meister die Geige und spielte ein paar schöne, alte Volkslieder: »Es war ein Markgraf überm Rhein,« und »Es waren einmal drei Reiter gefangen, gefangen waren sie«.
Sie sangen auch dazu, daß das Gewölbe widerhallte, der Meister mit einer schönen, tiefen Baßstimme. Droben schlief die Welt; hier unten war waches Leben.
Als es auf der Stadtkirche vier Uhr schlug, spuckte und knisterte die Ampel und wollte erlöschen. Da hoben sie das Gelage auf und suchten beim letzten Flackerschein den Ausgang und erstiegen die Treppen. Und es war nun eher als beim Abstieg zu fürchten, daß die hellhörige Frau ihr Teil zu denken bekomme. Denn allzu leicht waren ihre Tritte nun nicht mehr.
Es bleibt über das Schicksal der beiden Neugeborenen dieses Abends noch zu sagen, daß Meister Riedels Sohn nach drei Wochen richtig Friedrich getauft wurde und daß er jetzt in einer Präparandenanstalt für künftige Schullehrer ist und ihm also die Welt offen steht, wenn auch nicht ganz so unumschränkt, wie sein Vater damals andeutete. Und daß Georg Ehrensperger in einer mutlosen und zornigen Stunde einige Wochen später die Niederschrift seines Musikstücks, das er »Frühlingsnacht« hatte taufen wollen und das nie fertig geworden war, in tausend kleine Fetzen zerriß und hernach ganz gebrochen in der Küferwerkstätte auf einer Schnitzbank saß, den Kopf in die Hände gestützt.
Der Meister stand vor ihm, den Helmle auf dem Arm, und machte ein bedenkliches Gesicht.
»Das geht nur so,« sagte er. »Gleich zerreißen, gleich ganz wegwerfen. Wir hätten es doch noch zusammen gespielt. Es ist viel Schönes drin gewesen. Es wird einer nicht gleich Meister. Aber so ist solch ein junger Feuerkopf, gleich, entweder ganz oder gar nicht.« Denn Georg hatte versichert, er lasse in Zukunft die Hände davon, es sei sicher, er bringe nie etwas zustande. »Ja,« sagte er und hob den Kopf: »Entweder ganz oder gar nicht. Das Stümpern, das hat ja keinen Wert. Ich will es lassen; ich habe ja anderes zu tun. Ich muß mich ans Studium machen, es wird Zeit. Die Semester gehen so schnell herum.«
Der Meister lächelte; aber das konnte auch dem Helmle gelten, der seinen Lockenkopf ganz in den väterlichen Bart hineinwühlte. Er stellte den Buben auf den Boden und nahm das Schnitzmesser. »Ja, dann wollen wir uns halt ernstlich an die Arbeit machen und sehen, wie weit wir's bringen. Es war aber doch schön an dem Abend, nicht? Ja, dann müssen wir das halt lassen in Zukunft.« Da ging Georg Ehrensperger aus dem Hause, wie einer, der ein schweres Gelübde getan hat und den es bereits anfängt zu drücken.
* * * * *
Sie hatten im Keller Lorens Gesundheit getrunken und das war für Georg so eine Art von Versöhnungsakt gewesen. Wenn er sich recht besann: er hatte wohl ebensoviel Schuld an dem unerquicklichen Abend, als sie. Am nächsten Tag ging er nicht hin. Am übernächsten kam er zufällig über die Neckarbrücke, da sah er sie von Weitem in dem schmalen Mauergärtchen, das sich längs des Hauses am Neckarufer hinzog. Sie saß auf der sonnigen Mauer und hatte ein paar Nachbarskinder um sich her. Die strebten an ihr in die Höhe und sie schien irgend einen vergnüglichen Unsinn mit ihnen zu treiben, soviel von weitem zu sehen war.
»Sie ist selber noch ein Kind,« dachte Georg, er konnte die Augen nicht von dem fröhlichen Bild da unten losbringen. Ach ja, nun wollte er hingehen und nicht so empfindlich sein. Da sah sich Lore um und winkte ihm zu. Und nach zwei Minuten saß er neben ihr auf der Mauer und die Nachbarskinder steckten ihm alle Knopflöcher des Rocks und der Weste voll mit roten und weißen Blümchen, und Lore sah ihn an, so sonnig wie der Apriltag. Hatte es vor zwei Stunden noch geregnet und geschneit untereinander? Wer wußte das noch? Es dachte kein Mensch mehr daran.
Siebentes Kapitel
War hier der Weltlauf stehen geblieben? War es noch alles ganz wie einst? Ein Drehorgelmann zog durch Wiblingen und blieb vor all den alten Häusern stehen, und als er seine Lieder herausorgelte, da taten sich die Fenster auf und die Haustüren, und Köpfe bogen sich heraus, junge und alte, und Leute traten unter die Türen und suchten eine kleine Münze heraus. Handwerker hielten einen Augenblick mit irgend einer lärmenden Hantierung inne, und Lehrjungen suchten durch eine Hintertür zu entwischen, um ein Stückchen hintendrein zu traben; Großmütter und Mütter hüteten ihren Nachwuchs unter den Akazien des Marktplatzes, aus allen Höfen, Häusern, Gassen und Gäßchen quoll es von Kindern, -- es war alles ganz wie einst. Nur daß jetzt Sommer war und die Akazien dichte, grüne und etwas staubige Kronen hatten; und daß es nicht mehr jener grimmig-lustige Spielmann war, dessen einer Arm in Frankreich begraben lag, sondern ein alter, mühseliger Blinder, der die lichtlosen Augen, während er die Orgel drehte, sehnlich nach der Sonne hob, weil ihm von ihr etwas wie ein ferner Lichtschein in seine Nacht hineindrang. Ein großes, starkknochiges Weib zog ihn mit festem Griff hinter sich drein, und ließ ihn hie und da los, um die Münzen, die aus den Fenstern fielen, in der Schürze aufzusammeln.
Es war alles, wie einst, nur daß die Kinder von damals nun erwachsene Leute waren, und die jungen Leute von damals ältere, gesetzte, biedere Bürger, und die Alten, -- ja, von den Alten müssen wir hier ein wenig reden. Wir wollen uns im Leben und im Buch nicht allzuweit von den Alten entfernen. Denn sind sie nicht vor uns dagewesen, und haben einen Zaun um uns geschlossen, daß wir aufwachsen konnten, ehe die Unbilden des Lebens uns hart anließen? Haben sie uns nicht gegeben, was sie zu geben hatten, und ist nicht jetzt noch manches von ihnen zu holen, das wir zu unserer jungen, eigenen Weisheit hin gut und nötig brauchen können? Sie könnten eines Tages nicht mehr da sein, wenn wir nach Hause kommen. Sie könnten leise fortgegangen sein, wenn wir's uns nicht versehen haben; ja, wenn wir uns in der weiten Welt umhertreiben und aus allen Bechern trinken, und nach aller Weisheit suchen und aller Kunst, -- es wäre doch möglich, daß wir darüber etwas versäumten, das wir später nicht mehr wiederfinden.
Ja, so ist es uns mit Frau Anne gegangen, mit der Rektorin Cabisius. Als wir fortgingen, saß sie noch in dem großen Lehnstuhl, den wir so wohl kennen, und hatte noch ihre Freude am Leben und Dasein, und hatte auch einiges daran auszusetzen, und einiges zu sorgen. Aber sie war ganz unzweifelhaft da. Und nun --
Der blinde Orgelmann zog durch das Städtchen, und auch an des Rektors Haus gingen die Fenster auf, und im Oberstock neigte sich horchend ein weißer Kopf heraus und nickte lächelnd, als das »Ännchen von Tharau ist's, die mir gefällt« von der zitternd-warmen Sommerluft hier herauf getragen wurde. Ein paar kräftige Züge aus seiner Pfeife tat der Rektor, dann wandte er sich der Stube zu: »Hörst du's?« Aber sein Gesicht verschattete sich, und er strich sich mit der Hand über die Stirn. Es geschah ihm hie und da, daß er sich einen Augenblick vergaß. Wenn man ein ganzes, langes Leben miteinander geteilt hat, dann gewöhnt man sich nicht mehr leicht um. Sie war noch immer um ihn, trotzdem, daß ihr Stuhl leer stand, trotzdem, daß auf ihrem Grab schon die weißen Sommerlevkoyen blühten. Er meinte zu fühlen, daß sie ihm nahe sei. Sie hatte sich ja, ehe der Vorhang zwischen ihm und ihr herabgelassen wurde, noch einmal umgewandt: »So, Alter, also du kommst ja auch bald;« als ob sie, wie in den ersten Jahren ihrer jungen Ehe, auf ein paar Tage ins Elternhaus reise, und er nachkomme, sie abzuholen.
Ja, er konnte sie freilich nicht verlieren. Aber es war doch anders, als vordem. Ach ja, es war doch anders. Die Welt wurde doch allmählich ein wenig fremd und leer. Er hatte sein Stück Arbeit darin getan und sein Stück Menschenleben, ja ein volles und großes Stück Menschenleben darin gelebt, und seit ihm Frau Anne keine Antwort mehr gab, wenn er mit ihr redete, seither kam es hie und da über ihn, wie es über die Schwalben kommt, wenn es Herbst wird.
Aber als er nun wieder ans Fenster trat, nicht, um dem Orgelmann zu lauschen, sondern um den weißen, schwimmenden Wölkchen in der fernen Himmelsbläue nachzusehen: wohin sie schifften, und ob sie wohl eine Botschaft mitnehmen könnten in ein fremdes, unbekanntes Land, da vernahm er spielende Kinderstimmen auf der Straße, und das hohe, klägliche Weinen eines Kleinen in seinem Wägelchen, und sah eine Mutter aus dem Nachbarhaus treten und sich tröstend über das Kind beugen. Und er sah Gertrud, seine Enkelin, wie sie mit einer Gießkanne und einem großen Blumenstrauß aus dem Garten kam, und sein Herz kehrte zu ihr zurück, wie sie so ernst und gelassen daherkam in ihrem schwarzen Kleid, mit dem stillen, klugen Gesicht. Da freute er sich, daß die Kinder auf sie zusprangen und um Blumen bettelten, und daß sie sich auf die Staffel setzte und den kleinen Bettlern die Hände mit Balsaminen und Reseden und Rittersporn füllte. Er war sein Leben lang so ehrlich und ganz und mit liebendem Herzen in der Gegenwart gestanden, er hatte auch jetzt noch Teil an Gottes Menschenkindern. Er hatte Teil an ihnen, so lange er lebte. Nein, es gab keine Trennung zwischen der Welt, die man sieht, und der, die man nicht sieht. »Ach, Anne,« sagte er, und sagte es laut, und es war ihm, als nicke sie ihm zu, rasch und lebhaft, wie in ihren besten Tagen: »Wir müssen so jung sein, als wir können, Alter, für das Kind.«
Da klopfte er die Pfeife aus und stieg hinunter und wollte Gertrud rufen: »Komm, wir tun noch einen Gang durch den Garten.« Die Drehorgelmusik tönte fern verhallend vom Stadtgraben herüber. Dort führte der Weg ins Nachbarort, Wiblingen hatte nun sein Gutes empfangen.
Als der Rektor hinunterkam, war Gertrud nicht mehr allein bei den Nachbarskindern.
»Ja so,« sagte er, »ja so, der Herr Kandidat ist da. Grüß' dich Gott, Georg. Steht Tübingen noch? Alles am alten Fleck, wie einst? Ja? Dann wollen wir's uns überlegen, ob wir uns da hinwagen, Gertrud. Nächsten Herbst, falls wir den erleben, zum Hausweihfest der Verbindung. Ich bin der älteste von den alten Herren, Georg. Ich möchte mich wohl noch einmal unter euch junges Volk hineinsetzen, so recht ins Volle.«
Georg stimmte eifrig bei. Er war zur Hochzeit seines Bruders Franz hierhergekommen. Die sollte morgen sein. Vor zwei Stunden war er angekommen.
»Sie können mich drüben nicht brauchen,« sagte er. »Jungfer Liese hantiert mit der Schwägerin im Haus herum. Ich weiß mich nirgends hin zu retten. Auch habe ich einen Sack voll zu erzählen. Ich weiß nicht, wo anfangen.«
»An irgend einem Zipfel,« sagte Gertrud und lachte. Wenn sie lachte, hatte sie gleich ein anderes Gesicht, ein junges, warmes. Sonst -- Georg hatte, als er kam, gedacht: »sonderbar ist es; sie ist so alt wie Lore, aber sie ist so ernst und ruhig und klug. Sie ist etwas anderes, etwas Gutes, Prächtiges; aber ein junges Mädchen ist sie nicht.«
Jetzt atmete er befreit auf, als sie lachte.
»Geht ihr beiden nur in den Garten,« sagte der Rektor. »Später komme ich auch zu euch. Ich muß meine alte Freundin besuchen, Frau Judith. Leicht geht es nicht mehr: Hundert und fünfzig Treppenstufen. Ich bin nah an achtzig, Kinder. Aber es ist so eine Sache, sie ist mit mir jung gewesen. Meister Nössel? ja, der auch. Aber Judith weiß noch mehr von damals. Er sitzt dabei und horcht, wenn sie erzählt. Ja, das werdet ihr auch noch erleben, wenn ihr alt seid, wie das tut, wenn noch irgendwo ein Mensch aus der jungen Zeit da ist.«
Da lachten sie beide. Sollten sie jemals so alt werden? Breit und weit lag das Leben vor ihnen.
»Wir kommen auch auf den Turm, übermorgen.« Das riefen sie dem Rektor nach. »Frau Judith muß uns Märchen erzählen, bis ihr der Atem ausgeht. Vom Rotkelchen Liebseelchen, und von Jorinde und Joringel.«
Er winkte, er wollte es ausrichten.
Ja, übermorgen! Wer hat übermorgen in der Hand?
* * * * *
Am andern Tag war die Hochzeit.
Die goldene Bretzel über der Ladentür des Ehrenspergerhauses prangte in neuem Glanz. Festlich prangten schlanke Birken links und rechts von der steinernen Staffel, festlich duftete das ganze Haus nach Gebackenem und Gebratenem, festlich knirschte der Sand auf Treppe und Hausgang unter den Tritten der Hausbewohner.
Die beiden Edelleute in der Ladenstube waren unvertrieben und sahen nur von einer neuen blauen Tapete herab auf Franz den Jüngeren und seine Braut. Sie mochten sich noch des Tages entsinnen, da vordem eine junge Frau hier eingetreten war, ein liebes, feines Ding, ein wenig schüchtern und ein wenig weich von Gemüt, mit hoffenden, hingebenden Augen.
Die heutige Braut war anders. Sie war ebenso groß und breit und blond als Franz, und hatte rasche, kräftige Bewegungen und von Unsicherheit war nichts in ihrem Wesen. Sie war gleichfalls einem Bäckerhause entwachsen und Jungfer Liese staunte, wie rasch sie sich in all' das Neue fand.
Ja, Jungfer Liese. Sie hatte es ja wahrhaftig in ihren alten Tagen noch zu einem Schwarzseidenen gebracht und ihr rotes, runzeliges Gesicht sah aus einer hutähnlichen Haube mit lila Astern heraus. »Wie ein bekränzter Truthahn,« sagte Müller Hensler. Aber Müller Hensler war nicht der Allerfeinste, und Jungfer Liesens Würde konnte heute durch nichts zerstört werden. War sie nicht so eine Art von Bräutigamsmutter? War nicht sie es eigentlich, die Franz den Jüngeren an seine junge Frau abgab, und die zugleich mit ihm den Laden und die Ladenstube, den unteren Stock und die lederne Geldtasche an das neue Regiment abtrat? Denn Franz der Ältere nahm sich der Sache nicht so recht an, und Jungfer Liese war die letzte, die es ihm zumuten wollte. Friedlich saß er, das behaglich gediehene Bäuchlein von einer gestickten Sammetweste übersponnen, einen Strauß im Knopfloch, im Großvaterstuhl unter den beiden Edelleuten. Friedlich drehte er und ohne Hast die Daumen umeinander und wartete, wie sich die Dinge entwickeln würden, und als sich der Müller Hensler zu ihm gesellte, da saßen sie, wie ein paar brave Knaben, die warten können, beisammen, und saßen auch nach dem Kirchgang an ihren Plätzen an der Festtafel im Hirschen beisammen, fest und sicher, wie angewachsen. Und als der Abend kam, da konnte jedermann es hören, was für flotte Kerle sie in ihrer Jugend gewesen seien, und daß der Nachwuchs im Ganzen nicht viel tauge.
Es war eine stattliche Hochzeit, und Georg Ehrensperger war ein stattlicher Brautführer und fühlte sich als den Glanzpunkt der Gesellschaft und es war ihm kein unangenehmes Gefühl. Er führte eine Wiblinger Bürgerstochter am Arm, ein großes, bräunliches Mädchen mit einem vollen Rosenkranz in dem krausen Haar und mit weißen Handschuhen an den breiten, schaffigen Händen. Und er tat sein Möglichstes, »Leben in die Sache zu bringen.« Aber als er gegen Abend am Klavier saß und den Hochzeitsmarsch aus Mendelssohns Sommernachtstraum spielte, kam von einer Seite her Müller Hensler und schlug ihm kräftig auf die Achsel und fragte: »Eigenes Mehl?« und versicherte den Umstehenden: »Das ist ein Tausendkerl, das macht er alles selber, der Heimtücker, der Pfarrer;« und von der anderen Seite her kam sein Bruder Franz und sagte: »Da kann man nicht drauf tanzen, du. Spiel etwas lustiges, spiel: Als wir jüngst in Regensburg waren, oder einen Walzer.«
Da ließ Georg für heute das Musikmachen sein und nach einiger Zeit kam es über ihn: Er mußte eine kleine Weile in den Garten hinaus. Er mußte eine Weile allein sein. Der Mond stand am Himmel, die Bäume rauschten leise im Abendwind. Aus dem Saal klangen die Geigen und Flötentöne; da ging er noch ein Stück weiter vom Hause weg.
Er war doch wohl anders, als die da drinnen. Wer aber gehörte zu ihm und seiner Art? Er war doch auch ihres Blutes. Wie hatten Franz und sein junges Weib einander vorhin angesehen, als sie, vom Tanz veratmend neben einander standen. Lachend, frohlockend, verheißend, eines aus des andern Augen trinkend. Und sie waren nicht die tiefsten Menschen. Das war nur, weil sie gleicher Art waren und sich zusammengeschlossen hatten. Und es kam etwas Drängendes über ihn, daß er, während er von den Menschen wegging, sich nach ihnen sehnen mußte.
* * * * *
Zur selben Stunde schien der Mond in die Turmstube und füllte sie bis in den hintersten Winkel mit seinem silbernen Licht. Die beiden alten Menschen, Frau Judith und ihr Bruder, saßen feiernd an ihren Fensterplätzen und schwiegen einträchtig miteinander und nach einiger Zeit stand Meister Nössel auf und ging, Betzeit zu läuten. Er kam lang nicht mehr. Er hatte es seit einiger Zeit stark mit den Gedanken, oder vielmehr sie mit ihm: sie kamen über ihn, wo er gerade saß oder stand; dann war er ihnen verfallen.
Er stand auf dem dunklen Glockenboden und lehnte an dem Balken eines Glockengerüstes; sein altes Herz aber ging den Tönen nach, die er über die stille Welt hingeschickt hatte.